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Full text of "Jahrbuch der Königlich Preussischen Geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin für das Jahr .."

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7T.J. 


Jahrbuch 

der 

Königlich  Preussischen  geologischen 
Landesanstalt  und  Bergakademie 

zu 

Berlin 

für  das  Jahr 

1893. 

Band  XIV. 


Berlin. 

Im  Vertrieb  bei  der  Simon  ScHROPP’schen  Hof- Landkartenhandlang 
(J.  H.  Neumann). 


Inhalt. 


Mittheilungen  aus  der  Anstalt. 

Seite 

1.  Bericht  über  die  Thätigkeit  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 

im  Jahre  1893  vii 

2.  Arbeitsplan  für  die  geologische  Landesaufnahme  im  Jahre  1894  . . xix 

3.  Mittheilungen  der  Mitarbeiter  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 

über  die  Ergebnisse  der  Aufnahmen  im  Jahre  1893  xxv 

K.  v.  Fritsch:  Ueber  seine  Aufnahmen  im  Thüringer  Wald  . . xxv 

W.  Frantzen:  Ueber  die  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Treffurt 

und  Langula xxx 

H.  Proescholdt  : Ueber  Revisionen  und  Aufnahmen  im  Bereich 
der  Blätter  Sondheim , Dingelstedt , Heiligenstadt  und 

Schleusingen xxxiv 

H.  Loretz:  Ueber  Aufnahmen  im  Coburgischen  . . . . . . xxxvii 

E.  Kayser  : Ueber  Aufnahmen  im  Dillenburgischen XL 

H.  Grebe:  Ueber  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  der  Aufnahmen 

in  der  Eifel xli 

H.  Potonie:  Ueber  seine  im  August  1893  ausgeführte  Reise  nach 
den  Steinkohlen  - Revieren  an  der  Ruhr,  bei  Aachen  und 

des  Saar- Rhein- Gebietes xlvi 

K.  Keilhack:  Ueber  seine  Aufnahmen  in  Hinterpommern  ...  l 

A.  Jentzsch:  Ueber  die  Aufnahmen  im  Jahre  1893  L 

H.  Grüner:  Ueber  die  chemische  Zusammensetzung  des  Gumtower 

oberoligocänen  Mergels  auf  Blatt  Demertin lvii 

4.  Nekrolog  auf  E.  Läufer Lix 

5.  Nekrolog  auf  K.  A.  Lossen lxvii 

6.  Nekrolog  auf  A.  Halfar lxxxi 

7.  Personal -Verhältnisse  lxxxvi 

II. 

Abhandlungen  von  Mitarbeitern  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt. 

Ueber  den  geologischen  Bau  des  Centralstocks  der  Rhön.  Von  Herrn 

H.  Proescholdt  in  Meiningen.  (Tafel  II.) 1 

Briefliche  Mittheilung  von  Herrn  G.  Berendt  an  Herrn  W.  Hauchecorne  22 

Die  Wechselzonen- Bildung  der  Sigillariaceen.  Von  Herrn  H.  Potonie  in 

Berlin.  (Tafel  III  — V.) 24 

a* 


Seite 


lieber  Dislocationen  vom  Harz.  Von  Herrn  A.  v.  Koenen  in  Göttingen  68 
Ueber  Alter  und  Gliederung  des  sogenannten  Kramenzelkalkes  im  Ober- 

barze.  Von  Herrn  L.  Beushausen  in  Berlin  83 

Die  Lagerungsverhältnisse  des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von 

Buckow.  Von  Herrn  F.  'Wahnschaffe  in  Berlin.  (Tafel  VI  — IX)  93 
Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias  von  Remplin  in  Mecklenburg. 

Von  Herrn  A.  Jentzsch  in  Königsberg  i/Pr . 125 

Die  oberpermiscben  eruptiven  Ergussgesteine  im  SO. -Flügel  des  pfälzischen 

Sattels.  Von  Herrn  A.  Leppla  in  Berlin 134 

Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden  in  der  Gegend  von  Borgloh- Oesede, 
sowie  zur  Frage  des  Alters  der  Norddeutschen  Wealden bil düngen. 

Von  Herrn  C.  Gagel  in  Berlin.  (Tafel  XII  u.  XIII) 158 

Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark  und  im  südlichen  Hinter- 
pommern. Von  Herrn  K.  Keilhack  in  Berlin.  (Tafel  XIV)  ...  180 

Notiz  über  ein  Vorkommen  von  Mitteloligocän  bei  Soldiu  in  der  Neumark. 

Von  Demselben  187 

Das  Profil  der  Eisenbahnen  Arnswalde-Callies  und  Callies-Stargard.  Von 

Demselben.  (Tafel  XIV) 190 

Die  Braunkohlenablagerungen  in  der  Gegend  von  Senftenberg.  I.  (geo- 
logischer) Theil.  Von  Herrn  0.  Eberdt  in  Berlin.  (Tafel  XV)  . . 212 

Ueber  die  stratigraphischen  Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H 
Barrande’s  zum  rheinischen  Devon.  Von  den  Herren  E.  Kayser  in 
Marburg  und  E.  Holzapfel  in  Aachen 236 


Abhandlungen  von  ausserhalb  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt  stehenden  Personen. 

Die  Braunkohlen -Hölzer  in  der  Mark  Brandenburg.  Von  Herrn  0.  von 

Gellhorn  in  Berlin.  (Tafel  I) 3 

Ueber  Pflanzen  aus  dem  norddeutschen  Diluvium.  Von  Herrn  F.  Kurtz 

in  Cordoba 13 

Eine  neue  Nymphaeacee  aus  dem  unteren  Miocän  von  Sieblos  in  der  Rhön. 

Von  Demselben  17 

Der  Gebirgsbau  des  Einbeck-Markoldendorfer  Beckens.  Von  Herrn  Martin 

Schmidt  in  Oldenburg.  ( Tafel  X) 19 

Insektenfrass  in  der  Braunkohle  der  Mark  Brandenburg.  Von  Herrn 

0.  von  Gellhorn  in  Berlin.  ( Tafel  XI)  49 

Gletscherschrammen  am  Rummelsberg , Kreis  Strehlen.  Von  Herrn 

E.  Althans  in  Breslau 54 


I. 

Mittheilungen  aus  der  Anstalt. 


1. 

Bericht  über  die  Thätigkeit 
der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt 
im  Jahre  1893. 


I.  Die  Aufnahmen  im  Gebirgslande. 

Im  südlichen  Oberharze  beendete  Bezirksgeologe  Dr.  1.  Der  Harz. 
Koch  im  Gebiete  des  Blattes  Osterode  (G.  A.  55;  is)  die  Auf- 
nahmen der  Culm-Ablagerungcn  zwischen  dem  Oberharzer  Grün- 
steinzuge und  dem  Bruchberg- Acker. 

Nach  Abschluss  dieser  Arbeit  führte  derselbe  Revisionsbe- 
gehungen im  Bereiche  der  Elbingeröder  Mulde  auf  Blatt  Blanken- 
burg (G.  A.  56;  16)  aus. 

Im  Gebiete  des  Blattes  Zellerfeld  (G.  A.  56 ; 7)  wurde  von  dem 
Bezirksgeologen  Halfar  eine  Gliederung  der  Schichtengruppe 
des  Kramenzelkalksteins  begonnen. 

Professor  Dr.  Klockmann  begann  die  Revision  der  von 
GRODDECK’schen  Aufnahmen  innerhalb  der  Blätter  Seesen  und 
Osterode  (G.  A.  55;  12,  18). 

Am  Westrande  des  Harzes  führte  Landesgeologe  Dr.  2.  Am  west- 
Ebert  nach  einer  letzten  Revision  im  nördlichen  Theile  des  Blattes 
Lindau  (G.  A.  55 ; 23)  Aufnahmen  im  südöstlichen  Theile  des 
Blattes  Westerhof  (Gr.  A.  55;  17)  und  in  dem  angrenzenden  Ge- 
biete des  Blattes  Osterode  (G.  A.  55;  18)  aus. 

Dr.  Müller  endete  auf  Blatt  Moringen  (G.  A.  55 ; 16)  die 
Abgrenzung  der  Diluvialschichten  und  begann  dieselben  auf  Blatt 
Einbeck  (G.  A.  55;  10). 


VIII 


3.  Provinz 
Sachsen  und 
Thüringen. 


Professor  Dr.  von  Koenen  unterwarf  Blatt  Gandersheim 
(G.  A.  55;  11)  einer  Schlussrevision,  beendete  die  Aufnahme  der 
Blätter  Moringen  und  Westerhof  (G.  A.  55;  16,  n),  sowie  des  ihm 
überwiesenen  westlichen  Theils  des  Blattes  Osterode  (G.  A.  55;  is), 
brachte  den  ihm  überwiesenen  Theil  des  Blattes  Seesen  (G.  A. 
55;  12)  dem  Abschluss  nahe  und  setzte  die  Aufnahme  der  Blätter 
Alfeld,  Gr.-Freden,  Einbeck  und  Jühnde  (G.  A.  55 ; 3,  4,  10,  33)  fort. 

In  der  Gegend  von  Halle  ergänzte  Professor  Dr.  von  Fritsch 
seine  Aufnahmen  der  Blätter  Landsberg,  Halle , Gröbers,  Kölsa, 
Merseburg,  Kötzschau,  Schkeuditz,  Weissenfels,  Lützen,  Meuchen 
und  Mölsen  (G.  A.  57 ; 29,  34,  35,  36,  40,  41,  42,  46,  47,  48,  53)  durch  Ein- 
tragung zahlreicher  neuer  Aufschlüsse. 

Im  Eichsfelde  begann  Professor  Dr.  Proescholdt  die  Auf- 
nahme der  Blätter  Heiligenstadt  und  Dingelstädt  (G.  A.  55;  41,  42). 

Bergingenieur  Frantzen  setzte  die  Revision  des  südöstlichen 
Theiles  des  Blattes  Treffurt  (G.  A.  55;  54)  fort  und  untersuchte 
den  anstossenden  Theil  des  Blattes  Langula  (G.  A.  56;  49). 

Bezirksgeologe  Dr.  Zimmermann  bearbeitete  innerhalb  des 
Blattes  Fröttstedt  (G.  A.  70;  2)  die  Gliederung  des  unteren 
Muschelkalks  und  des  Diluviums. 

Bezirksgeologe  Dr.  Scheibe  führte  im  Gebiete  des  von  den 
Professoren  Dr.  Weiss  und  von  Seebach  aufgenommenen  Blattes 
Friedrichsroda  (G.  A.  70;  8)  Begehungen  behufs  der  Erläute- 
rungen aus. 

Landesgeologe  Dr.  Beyschlag  brachte  die  Revision  des 
paläozoischen  Theiles  des  Blattes  Schwarza  (G.  A.  70;  20)  zum 
Abschluss  und  bewirkte  eine  Anzahl  von  Revisionen  für  die  geo- 
logische Uebersichtskarte  des  Thüringer  Waldes. 

Bezirksgeologe  Dr.  Zimmebmann  führte  die  Schlussrevision 
des  Blattes  Crawinkel  (G.  A.  70;  15)  zu  Ende. 

Professor  Dr.  von  Fritsch  unterzog  seine  Aufnahmen  in 
den  Blättern  Tambach,  Schwarza,  Suhl  und  Schleusingen  (G.  A. 
70;  14,  20,  21,  27)  einer  letzten  Revision.  Professor  Dr.  Proescholdt 
revidirte  in  einzelnen  Theilen  seine  Aufnahmen  in  den  Blättern 
Schwarza  und  Schleusingen  (G.  A.  70;  20,  27). 


rx 


Zur  Herbeiführung  einer  vollständigen  Uebereinstimmung  der 
Darstellung  in  den  Blättern  des  mittleren  Thüringer  Waldes  wur- 
den von  den  dabei  betheiligten  Herren  Professor  Dr.  von  Pritsch, 
Landesgeologen  Dr.  Loretz,  Dr.  Beyschlag  und  Bezirksgeo- 
logen Dr.  Scheibe  gemeinschaftliche  Begehungen  dieses  Gebietes 
ausgeführt. 

In  Südthüringen  beendete  Professor  Dr.  Proescholdt 
die  Aufnahme  des  Blattes  Sondheim  (G.  A.  69;  35)  bis  auf  eine 
noch  vorzunehmende  Schlussrevision  einzelner  besonders  schwie- 
riger Gebiete. 

In  der  Gegend  von  Coburg  stellte  Landesgeologe  Dr.  Loretz 
die  Aufnahme  des  Blattes  Oeslau  (G.  A.  70;  47)  fertig  und  brachte 
die  Revision  der  Blätter  Coburg,  Rossaeh  und  Steinach  zum  Ab- 
schluss (G.  A.  70;  46,  48,  52). 

In  Ostthüringen  vollendete  Hofrath  Professor  Dr.  Liebe 
unter  Beihülfe  des  Bezirksgeologen  Dr.  Zimmermann  die  Auf- 
nahme des  Blattes  Sclileiz  (G.  A.  71 ; 27),  führte  diejenige  des 
Blattes  Hirschberg  (G.  A.  7 1 ; 33)  dem  Abschlüsse  nahe  und  be- 
gann die  Untersuchung  in  den  Blättern  Mielesdorf  und  Gefell 
(G.  A.  70;  28,  34). 

Im  Regierungsbezirk  Cassel  führte  Dr.  Denckmann  die  4.  Die  Provinz 
Aufnahme  der  Blätter  Frankenberg,  Frankenau  und  Kellerwald  Hessen~Nassau- 
(G.  A.  54;  57,  58,  59)  weiter  und  begann  diejenige  des  Blattes 
Gölserberg  (G.  A.  68;  5). 

Professor  Dr.  Bücking  brachte  in  der  Rhön  die  Aufnahme 
des  Blattes  Gersfeld  (G.  A.  69;  34)  zum  Abschluss  und  setzte  die 
Bearbeitung  der  Blätter  Neuswarts,  Kleinsassen  und  Hilders  fort 
(G.  A.  69;  22,  28,  29). 

Im  Regierungsbezirk  Wiesbaden  bearbeitete  Professor 
Dr.  Kayser  die  südöstliche  Ecke  des  Blattes  Herborn  und  einen 
angrenzenden  Theil  des  Nachbarblattes  Ballersbach  (G.  A.  67 ; 24. 

68;  19). 

Professor  Dr.  Holzapfel  setzte  die  Aufnahmearbeiten  inner- 
halb des  Blattes  Braunfels  (G.  A.  68;  25)  fort  und  führte  sie  dem 
Abschluss  nahe. 


X 


Zum  Vergleich  der  Schichten  der  Lahnmulde  mit  denjenigen 
des  Kellerwaldes  wurde  von  demselben  eine  Begehung  des  letzteren 
Gebietes  mit  Dr.  Denckmann  ausgeführt. 

5.  Die  Rhein-  In  der  Rheinprovinz  wurde  von  dem  Landesgeologen 
provjnz.  Grebe  die  Bearbeitung  der  Blätter  Renland,  Leidenborn,  Dax- 
burg (G.  A.  65;  53,  54,  59),  Schönecken,  Mürlenbach,  Dann  und 
Manderscheid  (G.  A.  66;  49,  50,  51,  57)  fortgesetzt  und  theilweise 
zum  Abschluss  gebracht. 

Ferner  wurden  Begehungen  zur  Orientirung  im  nördlichen 
Theile  der  Kreise  Prüm  und  Daun,  sowie  in  dem  südlichen  Theile 
der  Kreise  Malmedy  und  Schleiden  von  demselben  unternommen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Leppla  führte  Revisionen  im  Gebiete  der 
Blätter  Oberstem,  Morscheid  und  Hottenbach  (G.  A.  80;  18,  17, 
12)  aus. 

6.  Provinz  Nachdem  von  der  Königlichen  Landesaufnahme  die  Kartirung 
westphaien.  (jeg  gr5SS^en  Theils  der  Provinz  Westphalen  im  Maassstabe 
1 : 25000  fertig  gestellt  ist,  wurde  die  geologische  Specialunter- 
suchung in  dieser  Provinz  in  den  Blättern  Schwerte,  Menden, 
Hohenlimburg  und  Iserlohn  durch  den  Landesgeologen  Dr.  Loretz 
in  Angriff  genommen  (G.  A.  53;  32,  33,  38,  39). 


II.  Die  Aufnahmen  im  Flachlande 

unter  besonderer  Berücksichtigung  der  agronomischen 
Verhältnisse. 

7.  Mitteimark.  Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  setzte  die  Aufnahme 
der  Blätter  Oderberg,  Zehden  und  Freienwalde  (G.  A.  45;  n,  12, 17) 
in  den  der  Oderniederung  angehörenden  Theilen  fort  und  führte, 
ebenso  wie  auf  den  Blättern  Oderberg  und  Zehden,  mit  Hülfe  des 
Landmessers  Reemann  die  Aufnahme  des  ganz  der  Niederung  an- 
gehörenden Blattes  Neu-Trebbin  (G.  A.  45;  24)  aus. 

Bezirksgeologe  Dr.  Schröder  setzte  gleichfalls  unter  ver- 
nehmlicher Berücksichtigung  der  in  der  Niederung  gelegenen 
Theile,  welche  auch  zum  Abschluss  gebracht  wurden,  die  Auf- 


XI 


8.  Uckermark 
und 

Vorpommern. 


nähme  der  Blätter  Schwedt,  Stolpe,  Zachow,  Oderberg  und  Zehden 
(G.  A.  28;  60.  45  ; 5,  6,  n,  12)  fort. 

Dr.  Gagel  begann  und  vollendete  die  Aufnahme  des  ganz 
in  der  Oder-Niederung  gelegenen  Blattes  Neu-Lewin  (G.  A.  45 ; is) 
und  kleiner  anstossender  Niederungstheile  der  Blätter  Freienwalde 
und  Bärwalde  (G.  A.  45 ; 17  und  46 ; 13). 

Dr.  Wölfer  begann  und  vollendete  die  Aufnahme  des  Nie- 
derungsblattes Letschin  und  der  zur  Niederung  gehörigen  süd- 
westlicheu  Hälfte  des  Blattes  Quartschen  (G.  A.  46;  19  u.  20). 

Dr.  Beushausen  setzte  die  Arbeiten  auf  den  Blättern  Polssen 
und  Cunow  (G.  A.  28;  52  u.  54)  fort,  deren  letzteres  nahezu  und 
deren  ersteres  ganz  zum  Abschlüsse  gebracht  wurde. 

Dr.  Müller  beendete  zunächst  die  Aufnahme  des  Blattes 
Fiddichow  (G.  A.  29;  49)  und  begann  diejenige  des  Blattes  Bahn 
(G.  A.  29;  50),  welches  bis  auf  die  äusserste  Südost-Ecke  fertig 
gestellt  wurde. 

Dr.  Gagel  begann  nach  Beendigung  seiner  Aufnahmen  in 
der  Oderniederung  die  Aufnahme  des  Blattes  Wildenbruch  (G.  A. 

29;  56). 

Dr.  Zeise  setzte  die  Aufnahme  des  Blattes  Gandenitz  fort, 
dessen  Grenze  zu  Thomsdorf  gleichzeitig  festgestellt  wurde  (G.  A. 

28;  49,  43). 

Landesgeologe  Dr.  Keilhack  bearbeitete  die  Blätter  Vitte, 

Lanzig,  Saleske,  Rügenwalde,  Peest,  Altenhagen  und  Damerow 
(G.  A.  14;  25-27,  31,  33,  37,  4s),  von  denen  die  ersten  vier  Küsten- 
blätter fertig  gestellt  wurden.  10.  Priegnitz. 

Professor  Dr.  Grüner  beendete  die  Aufnahme  des  Blattes 
Lohme  (G.  A.  43;  12). 

Professor  Dr.  Jentzsch  brachte  die  Aufnahme  des  Blattes  11.  Provinz 
Lessen  zum  Abschluss  und  begann  diejenige  des  Blattes  Schwenten  WestPreussen- 
(G.  A.  33;  29,  30). 

Dr.  Klebs  begann  die  Aufnahme  des  Blattes  Orteisburg  und  12.  Provinz 
führte  dieselbe  ihrem  Abschluss  entgegen  (G.  A.  35;  28).  ostpreussen. 


9.  Hinter- 
pommern. 


XII 


III.  Sonstige  Arbeiten. 

Im  Interesse  der  Arbeiten  des  »Ausschusses  zur  Untersuchung 
der  Wasserverhältnisse  in  den  der  Ueberschwemmungsgefahr  be- 
sonders ausgesetzten  Flussgebieten«  wurde  von  dem  Landesgeo- 
logen Professor  Dr.  Wahnschaffe  der  dem  Flachlande  und  von 
dem  Landesgeologen  Dr.  Dathe  der  dem  schlesischen  Gebirgs- 
lande  mit  Ausschluss  der  Grafschaft  Glatz  angehörende  Theil  des 
Oderstromgebietes  einer  übersichtlichen  hydrographisch-geologischen 
Untersuchung  unterzogen.  Bezirksgeologe  Dr.  Leppla  begann 
im  Gebiete  der  Grafschaft  Glatz  eine  gleichartige  Untersuchung 
unter  Benutzung  der  25  000  theiligen  topographischen  Specialkarte 
und  führte  dieselbe  ihrem  Abschlüsse  nahe. 


Stand  der 
Publicationen. 


Im  Laufe  des  Jahres  sind  zur  Publication  gelangt: 

A.  Karten. 

1 . Lief.  XL VI,  enthaltend  die  Blätter  Birkenfeld, 

Nohfelden,  Freisen,  Ottweiler,  St.  Wendel  . 5 Blätter. 

2.  Lief.  LIII,  enthaltend  die  Blätter  Zehdenick, 
Gr.-Schönebeck,  Joachimsthal,  Liebenwalde, 

Ruhlsdorf,  Eberswalde  (Mit  Bohrkarten  und 

Bohrregister) 6 » 

Lief.  LVIII,  enthaltend  die  Blätter  Fürsten- 
werder, Dedelow,  Boitzenburg,  Hindenburg, 

Templin,  Gerswalde,  Gollin,  Ringenwalde 
(Mit  Bohrkarten  und  Bohrregister)  ...  8 » 

Lief.  LXII,  enthaltend  die  Blätter  Göttingen, 

Waake,  Reinhausen,  Gelliehausen  ....  4 » 


3. 


4. 


zusammen 

Es  waren  früher  publicirt 

Mithin  sind  im  Ganzen  publicirt  . . . 


23  Blätter. 
302  » 

325  Blätter. 


xm 


Was  den  Stand  der  noch  nicht  publicirten  Kartenarbeiten 
betrifft,  so  ist  derselbe  gegenwärtig  folgender: 

1.  In  der  lithographischen  Ausführung  sind  noch  beendet: 

Lief.  LIX,  Gegend  von  Bublitz  ....  9 Blätter. 

Lief.  LX,  Gegend  von  Heldburg  ...  4 » 

zusammen  1 3 Blätter. 
Die  Veröffentlichung  dieser  bereits  im  Auf- 
lagedruck befindlichen  beiden  Lieferungen 
wird  binnen  Kurzem  erfolgen. 

2.  In  der  lithographischen  Ausführung  begriffen 
sind: 


Lief.  LII,  Gegend  von  Halle  a/S.  ...  7 Blätter. 

Lief.  LXI,  Gegend  von  Bartenstein  . . 5 » 

Lief.  LXIII,  Gegend  von  Bernkastel  . . 10  » 

Lief.  LXIV,  Gegend  von  Ilmenau  ...  6 » 

Lief.  LXV,  Gegend  von  Riesenburg  . . 4 » 

Lief.  LXVI,  Gegend  von  Prenzlau  . . 6 » 

Lief.  LXVII,  Gegend  von  Stettin  ...  6 » 

Lief.  LXVIII,  Gegend  von  Wilsnack  . 6 » 

Lief.  LXXI,  Gegend  von  Gandersheim  . 5 » 

Lief.  LXXII,  Gegend  von  Coburg  . . 4 » 

zusammen  1.  und  2.  72  Blätter. 

3.  In  der  geologischen  Aufnahme  fertig,  jedoch 

noch  nicht  zur  Publication  in  Lieferungen 
abgeschlossen 97  » 

4.  In  der  geologischen  Bearbeitung  begriffen  .172  » 

Einschliesslich  der  publicirten  Blätter  in  der 

Anzahl  von  325  » 

sind  demnach  im  Ganzen  zur  Untersuchung 

gelangt 666  Blätter. 

Ausserdem  befindet  sich  noch  eine  geologische  Uebersichts- 


karte  vom  Thüringer  Wald  im  Maassstabe  1 : 100000  in  der 
lithographischen  Ausführung.  Eine  Höhenschichtenkarte  vom  mitt- 
leren Deutschland,  zunächst  für  die  Gegenden  des  Oder-  und 
des  Elbe-Gebietes  ist  in  der  Vorbereitung  begriffen. 


XIV 


1. 


2. 


3. 

4. 


5. 


6. 


7. 


B.  Abhandlungen  und  Jahrbuch. 


Band  X,  Heft  5.  A.  von  Koenen,  Das  norddeutsche  Unter- 
Oligocän  und  seine  Mollusken  - Fauna. 
Lief.  V : Pelecypoda.  — I.  Asiphonida.  — 
A.  Monomyaria.  B.  Heteromyaria.  C.  Ho- 
momyaria.  - — II.  Siphonida.  — A.  Integro- 
palliata.  Nebst  24  Tafeln. 

Neue  Folge.  Heft  2.  Weiss,  Die  Sigillarien  der  preussi- 
schen  Steinkohlen-  und  Rothliegenden- 
Gebiete.  Beiträge  zur  fossilen  Flora, 
V.  II.  Die  Gruppe  der  Subsigillarien, 
von  Dr.  E.  Weiss.  Nach  dem  hand- 
schriftlichen Nachlasse  des  Verfassers 
vollendet  von  Prof.  Dr.  J.  T.  Sterzel. 
Hierzu  ein  Atlas  mit  28  Tafeln  und 
14  Textfiguren. 

Neue  Folge.  Heft  9.  Theil  II.  Potonie  , Die  Flora  des 
Rothliegenden  von  Thüringen.  Mit 
35.  Tafeln. 

Neue  Folge.  Heft  14.  Keilhack,  Zusammenstellung  der  geo- 
logischen Schriften  und  Karten  über 


den  ost- elbischen  Theil  des  König- 
reiches Preussen  mit  Ausschluss  der 
Provinzen  Schlesien  und  Schleswig- 
Holstein. 

Neue  Folge.  Heft  15.  Holzapfel,  Das  Rheinthal  von  Binger- 
brück bis  Lahnstein.  Mit  einer  geo- 
logischen Uebersichtskarte  , 16  An- 

sichten aus  dem  Rheinthale  und  5 Ab- 
bildungen im  Text. 

Jahrbuch  der  Königlich  Preussischen  geologischen  Landes- 
Anstalt  und  Bergakademie  pro  1891  LXXXIV  und 
627  Seiten  Text  und  28  Tafeln. 

Dasselbe  pro  1892  LXXIV  und  311  Seiten  Text  und 
17  Tafeln. 


XV 


Nach  dem  Berichte  für  das  Jahr  1892  betrug  die  Gesammt-  Debit  der 
zahl  der  im  Handel  debitirten  Kartenblätter  . . 27  661  Blätter.  Pubhcatl0nen- 


Im  Jahre  1893  wurden  verkauft: 


von 

Lief.  I,  Gegend 

von 

Nordhausen 

16  Bl. 

» 

» 

H, 

» 

Jena  .... 

20 

» 

» 

» 

III,  » 

» 

Bleicherode  . . 

24 

» 

» 

» 

IV,  » 

» 

Erfurt  .... 

3 

» 

» 

» 

Y,  » 

» 

Zörbig  .... 

2 

» 

» 

» 

VH,  •» 

» 

Saarbrücken 

II.  Theil  . . 

7 

» 

» 

» 

YIII,  » 

» 

Riechelsdorf  . . 

18 

» 

» 

» 

IX,  » 

des  Kyffhäusers  . . 

59 

» 

» 

» 

X,  » 

von 

Saarburg  . 

4 

» 

» 

» 

XI,  » 

» 

Nauen  .... 

9 

» 

» 

» 

XII,  » 

» 

Naumburg  a.  S.  . 

22 

» 

» 

»- 

XIII,  » 

» 

Gera 

24 

» 

» 

» 

XIY,  ,» 

» 

Berlin  Nordwesten 

8 

» 

» 

» 

XY,  » 

» 

Wiesbaden 

34 

» 

» 

» 

XYI,  » 

» 

Mansfeld  . 

27 

» 

» 

» 

XYII,  » 

» 

Triptis  .... 

23 

» 

» 

» 

XVIII,  » 

» 

Eisleben  . . . 

8 

» 

». 

» 

XIX,  » 

» 

Querfurt 

12 

» 

» 

» 

XX,  » 

» 

Berlin  Süden  . 

24 

» 

» 

» 

XXI,  » 

» 

Frankfurt  a.  M.  . 

10 

» 

» 

» 

XXII,  » 

• » 

Berlin  Südwesten 

8 

» 

» 

XXIII,  » 

» 

Ermschwerd  . . 

14 

» 

» 

» 

XXIV,  » 

» 

Tennstedt  . 

5 

» 

» 

• » 

XXV,  » 

» 

Mühlhausen 

18 

» 

» 

» 

XXVI,  » 

» 

Berlin  Südosten  . 

9 

» 

» 

» 

XXVII,  » 

» 

Lauterberg  a.  H. 

19 

» 

» 

» 

XXVIII,  » 

» 

Rudolstadt  . . . 

19 

» 

» 

» 

XXIX,  » 

.» 

Berlin  Nordosten 

35 

» 

» 

.» 

XXX,  » 

» 

Eisfeld  in  Thür.  . 

43 

» 

524  Blätter. 


Latus  28  185  Blätter. 


XVI 


Transport  28185  Blätter. 


von 

Lief.  XXXI,  Gegend 

von 

Limburg  . . 

27  Bl, 

» 

» 

XXXIII,  » 

» 

Schillingen  . . 

4 

» 

» 

» 

XXXIV,  » 

» 

Lindow  . . . 

7 

» 

» 

» 

XXXV,  » 

» 

Rathenow  . 

22 

» 

» 

» 

XXXVI,  » 

» 

Hersfeld  . . . 

31 

•»' 

» 

» 

XXXVII,  » 

» 

Meiningen  . 

47 

» 

» 

» 

XXXVIII,  » 

» 

Stendal  . . 

1 

» 

» 

» 

XXXIX,  » 

» 

Gotha 

2 

» 

» 

» 

XL, 

». 

Saalfeld  i.  Thür. 

27 

» 

» 

» 

XLI,  » 

’ » 

Selters  . . . 

36 

» 

» 

' ». 

XLII,  » 

» 

Tangermünde  . 

19 

» 

» 

» 

XLIII,  » 

» 

Marienwerder  . 

9 

» 

» 

» 

XLIV,  » 

» 

Coblenz  . 

55 

» 

» 

» 

XLV,  » 

» 

Melsungen  . . 

5 

» 

» 

» 

XL  VIII,  » 

» 

Burg  .... 

7 

» 

» 

» 

XLIX,  » 

» 

Bieber  . . . 

14 

» 

» 

» 

L, 

» 

Trier  .... 

15 

» 

» 

» 

LI, 

» 

Oberweiss  . . 

2 

» 

» 

» 

LIV, 

» 

Brandenburg 

a.  H.  . . . 

37 

» 

» 

» 

LV, 

» 

Schwarzburg 

47 

» 

» 

» 

LVI, 

» 

Hildburghausen 

48 

» 

» 

» 

LVII, 

» 

Greiz  .... 

219 

» 

671  » 

so  dass  im  Ganzen  durch  den  Verkauf  debitirt  sind:  28856  Blätter. 

Von  den  sonstigen  Publicationen  sind  verkauft  worden: 
Abhandlungen. 

Band  I,  Heft  2.  ( Schmidt  , Keuper  des  östlichen 


Thüringens) 2 Exempl. 

» » » 3.  (Laspeyres,  Rothliegendes)  ...  2 » 

» » » 4.  (Meyn,  Insel  Sylt) 6 » 

» II,  » 1.  (Weiss,  Steinkohlen-Calamarien)  . 1 » 

» » » 2.  (Orth,  Rüdersdorf  und  Umgegend)  3 » 


XVII 


Band  II,  Heft  3.  (Berendt,  der  Nordwesteu  v.  Berlin)  4 Exem 
» » » 4.  (Kayser,  Devon- Ablagerungen)  . 1 » 

» III,  » 2.  (Läufer  u.  Wahnschaffe,  Boden- 
untersuchungen)   2 » 

» 111,  » 3.  (Meyn,  Schleswig -Holstein)  ...  6 » 

» » » 4.  (Schütze,  Niederschles. -Böhmisches 

Steinkohlenbecken)  .....  6 » 

» IV,  » 2.  (Koch,  Homalonotus- Arten)  ...  2 » 

» V,  »1.  (Roemer,  Die  geologischen  Verhält- 
nisse von  Hildesheim)  ....  3 » 

» » » 2.  (Weiss,  Steinkohlen-Calamarien)  . 2 » 

. » » » 3.  (Läufer,  Die  Werder’schen  Wein- 
berge)   . 2 » 

» » »4.  (Liebe,  Ostthüringen) 3 » 

» VI,  » 1.  (Beushausen,  Spiriferensandstein)  . 2 » 

» » » 2.  (Blanckenhorn,  Trias  der  Eifel)  . 3 » 

» » » 3.  (Noetling,  Die  Fauna  des  sam- 

ländischen  Tertiärs) 1 » 

» VII,  » 2.  (berendt,  Märkisch -Pommersches 

Tertiär) 5 » 

» » »3.  (Felix,  Weiss,  Potonie,  Carbon- 
pflanzen)   1 » 

» » » 4.  (Branco,  Lepidotüs) 1 » 

» VIII,  » 1.  (Berendt,  Geologische  Karte  von 

Berlin  und  Umgegend)  ...  8 » 

» » »2.  (Denckmann,  Geologische  Verhält- 

von  Dörnten) 5 » 

» » » 4.  (Schlüter,  Anthozoen)  ....  2 » 

» IX,  » 2.  (Caspary,  Fossile  Hölzer)  ...  1 » 

» » » 3.  (Frech,  Devonische  Aviculiden)  . 6 » 

» » » 4.  (Kinkelin,  Das  Untermainthal  etc.  20  » 

» X,  » 1 — 5.  (von  Koenen,  Unter -Oligocän 

und  seine  Mollusken-Fauna)  . . 88  » 

b 


Jahrbuch  1893. 


XVIlI 


Neue  Folge.  Heft  1. 


(Kayser,  Fauna  des  Haupt- 
quarzits)   2 Exempl. 

(Sterzel,  Sigillarien)  ...  39  » 

( Beissel,  Foraminiferen) . . 1 » 

( S chlüter  , Die  reguläre n 

Echiniden) 5 » 

(Eck,  Gegend  von  Baden)  . 8 » 

(Uthemann  , Braunkohlen- 
Lagerstätten  am  Meissner)  4 » 

(von  Reinach,  Das  Roth- 
liegende  in  der  Wetterau)  10  » 

(Potonie,  Flora  des  Roth- 
liegenden  von  Thüringen)  35  » 

(Wölfer,  Geolog.  Special- 
karte u.  Bodeneinschätzung)  5 » 

(Bücking,  Der  Spessart) . . 18  » 

(Dathe,  Umgegend  von  Salz- 
brunn)   17  » 

(Keilhack  , Schriften  und 
Karten  etc.)  ....  r 46  » 

(Holzapfel,  Das  Rheinthal)  48  » 

Vom  Jahrbuch  1880— 1892  104  » 


11. 


12. 

13. 


14. 


15. 


Von  den  sonsti 


en  Karten  und 


S 


chriften. 


Höhenschichtenkarte  des  Harzgebirges 7 Exempl. 

Geologische  Karte  des  Harzgebirges 30  » 

Weiss,  Flora  der  Steinkohlenformation 20  » 

Geologische  Karte  der  Umgegend  von  Thale  ...  6 » 

Geologische  Karte  der  Stadt  Berlin 11  » 

Uebersichtskarte  der  Gegend  von  Halle  .....  16  » 

Höhenschichtenkarte  des  Thüringer  Waldes  ...  50  » 


krx 


2. 

Arbeitsplan 

der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt 
für  das  Jahr  1894. 


I.  Die  Aufnahmen  im  Gebirgslande. 

I.  Der  Harz  und  seine  Umgebung. 

Bezirksgeologe  Dr.  Koch  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
Blankenburg  (G.  A.  56;  16)1)  fortsetzen  und  im  Gebiete  der  Blätter 
Osterode  und  Riefensbeek  (G.  A.  55;  18.  G.  A.  56;  13)  die  Unter- 
suchung der  Schichten  zwischen  dem  Bruchberg- Acker  und  dem 
Grünsteinzuge  weiterführen. 

Im  Oberharz  wird  Professor  Dr.  Klockmann  die  Revision 
der  Blätter  Seesen  und  Osterode  (G.  A.  55;  12,  is)  in  ihrem  aus 
altem  Gebirge  zusammengesetzten  Theile  fortsetzen. 

Nördlich  des  Harzes  wird  Landesgeologe  Dr.  Ebert  die 
Aufnahme  des  Blattes  Osterwieck  (G.  A.  56;  3)  beginnen. 

Westlich  des  Harzes  wird  Professor  Dr.  von  Koenen 
die  Untersuchung  des  Gebietes  der  Blätter  Alfeld,  Gr. -Freden, 
Einbeck,  Seesen  und  Jühnde  fortsetzen  (G.  A.  55;  3,  4,  10,  12,  33). 


*)  G.  A.  56;  16  = Grad  - Abteilung  56,  Blatt  No.  16. 

b* 


XX 


2.  Provinz  Sachsen  und  Thüringen. 

Professor  Dr.  Proeschoedt  wird  die  Arbeiten  zur  Revision  und 
Fertigstellung  der  Blätter  Berlingerode,  Heiligenstadt,  Dingelstedt, 
Kella  und  Lengenfeld  (G.  A.  55;  36,  41,  42,  47,  48)  fortsetzen. 

Bergingenieur  Frantzen  wird  die  Revision  der  Blätter 
Treffurt,  Kreuzburg  und  Langula  weiterführen  (G.  A.  55;  54,  go. 
G.  A.  56;  49). 

Professor  Dr.  von  Fritsch  wird  die  von  ihm  bearbeiteten 
Blätter  der  Gegend  von  Halle  zum  definitiven  Abschluss  bringen. 

Im  Thüringer  Walde  wird  Landesgeologe  Dr.  Beyschlag 
die  Kartirung  der  Blätter  Eisenach  und  Salzungen  (G.  A.  69;  6, 12) 
fertigstellen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Scheibe  wird  die  Revision  des  Blattes 
Brotterode  (G.  A.  70;  7)  zu  beenden  suchen  und  eine  Begehung 
des  Gebietes  des  Blattes  Friedrichsroda  (G.  A.  70;  8)  behufs  der 
Bearbeitung  der  Erläuterung  vornehmen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Zimmermann  wird  eine  Begehung  inner- 
halb des  Blattes  Wutha  (G.  A.  70;  1)  behufs  der  Gliederung  der 
Trias  ausführen. 

In  Ostthüringen  wird  Hofrath  Professor  Dr.  Liebe  in  Ge- 
meinschaft mit  dem  Bezirksgeologen  Dr.  Zimmermann  die  Aufnahme 
der  Blätter  Lehesten,  Lobenstein,  Hirschberg  und  Gefell  weiter- 
führen (G.  A.  71‘;  31,  32,  33,  84).' 

3.  Provinz  Hessen -Nassau  und  Rhöngebiet. 

Im  Regierungsbezirk  Cassel  wird  Dr.  Denckmann  die 
Untersuchung  und  Kartirung  des  Kellerwaldgebietes  in  den  Blättern 
Frankenau,  Kellerwald  (G.  A.  54;  58,  59),  Rosenthal  und  Gilser- 
berg (G.  A.  68;  4,  5)  weiterführen. 

Professor  Dr.  Bücking  wird  in  der  Rhön  die  Untersuchung 
innerhalb  der  Blätter  Neuswarts,  Kleinsassen  und  Wilders  (G.  A.  69; 
22,  28,  29)  fortsetzen. 

Professor  Dr.  Kayser  wird  die  Blätter  der  Umgebung  von 
Marburg  weiter  bearbeiten. 


XXI 


Im  Regierungsbezirk  Wiesbaden  wird  Professor  Dr. 
Kayser  die  Aufnahme  der  Blätter  Dillenburg  und  Herborn  weiter- 
führen (Gr.  A.  67 ; 18,  24). 

Professor  Dr.  Holzapfel  wird  die  Bearbeitung  der  Blätter 
Braunfels,  Wetzlar,  Weilmünster  und  Kleeberg  (Gr.  A.  68;  25,  26, 
81,  32)  fortsetzen. 

4.  Rheinprovinz. 

Professor  Dr.  Holzapfel  wird  den  linksrheinischen  Theil  der 
Blätter  St.  Goarshausen  und  Caub-Bacharach  untersuchen  (G.  A.  67 ; 
51,  57). 

Derselbe  wird  unter  Zugrundelegung  der  neu  hergestellten 
Messtischblätter  linksrheinischer  Landestheile  die  Aufnahme  der 
Gegend  von  Aachen  beginnen. 

In  der  Eifel  wird  Landesgeologe  Grebe  die  Bearbeitung  der 
Blätter  Reuland,  Habscheid,  Dasburg  (G.  A.  65;  53,  54,  59),  Schön- 
ecken, Mürlenbach,  Daun  und  Manderscheid  (G.  A.  66;  49,  50, 
51,  57)  weiterführen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Leppla  wird  im  Nahegebiet  und  auf 
dem  Hunsrück  das  Blatt  Ruhlenberg  abschliessen  (G.  A.  80;  23) 
und  Revisionen  innerhalb  der  Blätter  Neumagen,  Morbach,  Hotten- 
bach, Schönberg  und  Morscheid  vornehmen  (G.  A.  80;  10,11,12,16,17). 

Derselbe  wird  eine  Orientirungs-  und  Studienreise  in  den 
vulkanischen  Gebieten  der  Eifel  und  des  Siebengebirges  zur  Vor- 
bereitung von  Aufnahme- Arbeiten  au'sführen. 

5.  Provinz  Westfalen. 

Landesgeologe  Dr.  Loretz  wird  die  Aufnahme- Arbeiten  in 
dem  Gebiete  der  Messtischblätter  Schwerte,  Menden,  Hohenlim- 
burg und  Iserlohn  (G.  A;  53;  32,  33,  38,  39)  in  Angriff  nehmen. 

6.  Provinz  Schlesien. 

In  Niederschlesien  wird  Landesgeologe  Dr.  Dathe  die 
Aufnahme  des  Blattes  Wünscheiburg  (G.  A.  76;  25)  beginnen  und 
diejenige  der  Blätter  Waldenburg  und  Neurode  zum  Abschluss 
zu  bringen  suchen  (G.  A.  75;  18.  G.  A.  76;  26). 


XXII 


II.  Die  Aufnahmen  im  Flachlande  unter  besonderer  Berück- 
sichtigung der  agronomischen  Verhältnisse. 

7.  Mittelmark. 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  wird  seine  Arbeiten  auf 
den  Blättern  Hohenfmow  und  Freienwalde  zum  Abschluss  bringen 
(G.  A.  45;  io,  17). 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Wahnschaffe  wird  die  Auf- 
nahme des  Blattes  Trebnitz  ausführen  und  sodann  ein  neues 
Arbeitsgebiet  in  der  Provinz  Posen  in  Angriff  nehmen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Schröder  wird  die  Blätter  Gr.  Ziethen, 
Stolpe  und  Oderberg  zum  Abschluss  bringen  und  sodann  die  Ar- 
beiten auf  Blatt  Schwedt  fortsetzen  (G.  A.  45 ; 4,  5,  li  und  28,  60). 

Dr.  Wölfer  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  Quartschen 
beenden  und  demnächst  auf  Fürstenfelde  und  Bärwalde  übergehen 
(G.  A.  46;  20,  i4,  13)  und  bei  dieser  Gelegenheit  den  Anschluss 
der  Blätter  Neu- Trebbin  und  Neu - Lewin  (G.  A.  45;  24,  18)  mit 
Letschin  und  Bärwalde  (G.  A.  46;  19,  13)  durch  eine  Schluss- 
begehung bewirken. 

8.  Uckermark  und  Vorpommern. 

Dr.  Beushausen  wird  die  Blätter  Passow  und  Cunow  zum 
Abschluss  bringen  (G.  A.  28;  53,  54)  und  demnächst  in  ein  neues 
Arbeitsgebiet  in  der  Provinz  Posen  übergehen. 

Dr.  Müller  wird  nach  Fertigstellung  des  Blattes  Bahn  die 
Blätter  Schwochow  und  Neumark  bearbeiten  (G.  A.  29;  50,  51,  45). 

Dr.  Gagel  wird,  wenn  möglich,  nach  Beendigung  seiner  Auf- 
gabe in  Ostpreussen  eine  Revision  des  Blattes  Uchtdorf  ausführen 
und  dasselbe  druckfertig  stellen  (G.  A.  29;  55). 

Dr.  Zeise  wird  die  Blätter  Thomsdorf  und  Gandenitz,  ersteres 
bis  zur  mecklenburgischen  Grenze,  vollenden  und  demnächst  auf 
Blatt  Hammelspring  übergehen  (G.  A.  28;  43,  49,  55). 

In  Gemeinschaft  mit  Professor  Dr.  Berendt  werden  Dr. 
Schröder,  Dr.  Beushausen  und  Dr.  Müller  eine  Schlussbe- 


XXIII 


gehung  ihrer  zwischen  Uecker  und  Oder  gelegenen  Blätter  aus- 
führen, welche  Begehung  behufs  Feststellung  der  unterschiedenen 
Thalterrassen  nöthigenfalls  bis  zum  Haff  hinunter  auszudehnen  ist. 

9.  Hinterpommern. 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  wird  in  der  durch 
Revisionsreisen  nicht  in  Anspruch  genommenen  Zeit  mit  Hülfe 
des  Landmessers  Reimann  die  Blätter  Kolberg  und  Gr.  Jestin 
bearbeiten  (G.  A.  13;  50,  56). 

Landesgeologe  Dr.  Keilhack  wird  die  Blätter  Altenhagen, 
Damerow,  Zirchow  und  Wussow  betreffenden  Falles  auch  Blatt 
Peest  zum  Abschluss  bringen  (G.  A.  14;  37,  43 — 45  und  53). 

10.  Priegnitz. 

Professor  Dr.  Grüner  wird  die  Blätter  Wuticke  und  Witt- 
stock bearbeiten  (G.  A.  27;  55  und  49). 

Professor  Dr.  Klockmann  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
Kyritz  zu  Ende  führen  (G.  A.  44;  1). 

II.  Posen. 

Professor  Dr.  Wahnschaffe  wird  nach  Beendigung  seiner 
Aufnahmen  in  der  Mittelmark  die  Bearbeitung  der  Blätter  Obor- 
nick,  Zukowo,  Wargowo  und  Owinsk  bei  Posen  beginnen  (G.  A.  48; 

21,  22,  27,  28). 

Dr.  Beushausen  wird  nach  Beendigung  seiner  Aufnahmen 
in  der  Uckermark  die  Aufnahme  der  Blätter  Sady,  Posen,  Dom- 
browka  und  Gurtschin  (G.  A.  48;  33,  34,  39,  40)  in  Angriff  nehmen. 

12.  Westpreussen. 

Professor  Dr.  Jentzsch  wird  Blatt  Schwendten  fertigstellen 
und  demnächst  die  Aufnahme  von  Gr.  Plowenz  ausführen  (G.  A.  33; 

30,  36). 

Landesgeologe  Dr.  Ebert  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
Neuenburg  vollenden  und  dasselbe  ebenso  wie  Blatt  Garnsee 
druckfertig  stellen  (G.  A.  33;  21,  22). 


XXIV 


13.  Ostpreussen. 

Dr.  Klebs  wird  nach  Vollendung  des  Blattes  Orteisburg  die 
Aufnahme  der  Blätter  Gr. -Schöndamerau  und  Passenheim  (G.  A. 
35;  28,  22,  21)  ausführen  und  hierbei  die  neu  eintretenden  Hülfs- 
geologen  Dr.  Kaunhoven  und  Dr.  Schulte  in  die  Aufnahme- 
arbeit einführen  bezw.  demnächst  von  denselben  unterstützt  werden. 

Ausserdem  wird  derselbe  in  Gemeinschaft  mit  Professor  Dr. 
Berendt  die  im  Vorjahre  nicht  zur  Ausführung  gekommene 
Schlussbegehung  der  Blätter  Dönhofstedt,  Langheim  und  Lam- 
garben  (G.  A.  18;  48,  53,  54)  bewerkstelligen  und  gleichzeitig  in 
Gemeinschaft  mit  Dr.  Schröder  die  Grenzanschlüsse  letzterer 
beiden  Blätter  zu  den  Blättern  Rössel  und  Heiligelinde  (G.  A.  18; 
59, 60),  sowie  den  Gesammtanschluss  an  das  neue  Arbeitsgebiet 
feststellen. 

Dr.  Gagel  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  Theerwisch  aus- 
führen (G.  A.  35,  23). 

14.  Arbeiten  für  die  geologisch -hydrographische  Untersuchung 
des  Oderstromgebietes. 

Landesgeologe  Dr.  Dathe  wird  im  Interesse  der  Arbeiten 
für  den  Wasser- Ausschuss  die  im  Vorjahre  ausgeführten  Unter- 
suchungen im  Schlesischen  Gebirgslande  durch  die  Untersuchung 
des  Flussgebietes  der  Steine  abschliessen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Leppla  wird  in  gleicher  Weise  die  Unter- 
suchungen in  der  Grafschaft  Glatz  zu  Ende  führen. 


XXV 


a. 

Mitteilungen 

der  Mitarbeiter  der  Königlichen  geologischen 
Landesanstalt  über  Ergebnisse  der  Aufnahmen  im 
Jahre  1893. 


Mittheilung  des  Herrn  K.  v.  Fritsch  über  seine  Auf- 
nahmen im  Thüringer  Wald. 

Das  Grundgebirge  des  mittleren  Thüringer  Waldes  besteht 
bekanntlich  aus  Granit  (Granitit)  und  aus  mehr  oder  minder 
schieferigen  Gesteinen  vorsilurischen  Alters. 

In  seinem  trefflichen  Werke:  »Thüringen«1)  redet  Fr.  Regel 
mit  sehr  grosser  Sicherheit  auf  S.  99  und  183  von  den  Contact- 
wirkungen  des  mittelthüringischen  Granites  und  rechnet  unter 
anderen  Gesteinen  das  Eisensteinvorkommniss  vom  Crux  bei 
Schmiedefeld  theilweise  zu  den  umgewandelten  Gebilden. 

Von  den  vorhandenen  Granitaufschlüssen  selbst  geben  manche 
keinerlei  Aufschluss  über  ihre  Zugehörigkeit  zum  Urgebirge  oder 
zu  jüngeren  Graniten.  Besonders  gilt  das  von  den  räumlich  sehr 
beschränkten  Vorkommnissen  bei  Bischofsrod  unweit  Schleusingen 
und  bei  Steinbach -Hallenberg2),  am  Dachskopf  und  im  oberen 
Langebachthal  bei  Ilmenau  u.  s.  w. ; aber  auch  von  dem  ausgedehn- 


9 Jena  1892. 

2)  Zeitschrift  für  Naturwissenschaften  (Halle)  1881,  S.  646.  — Bücking, 
Dieses  Jahrbuch  1884,  S.  551,  552.  — Regel,  a.  a.  0.,  S.  182, 


XXVI 


terea  Granitgebiete  des  oberen  Ilmthales  und  seiner  Umgebungen 
(Freibach,  Meyersgrund  u.  s.  w.). 

Das  grösste  mittelthüringische  Granitvorkommen,  das  von 
Suhl,  Zella,  Mehlis,  Goldlauter  und  anderen  Orten,  glaube  ich 
auch  nach  den  neuesten  Begehungen  nicht  von  den  mit  den 
Gneissen  der  Gegend  von  Brotterode,  Liebenstein  u.  s.  w.  ver- 
knüpften Graniten  trennen  zu  dürfen.  Es  treten  hier  — , wenn 
auch  nur  sehr  untergeordnet,  — gneissartig  gebänderte  Gesteins- 
abänderungen auf,  z.  B.  zwischen  dem  »Fröhlichen  Manne«  und 
dem  Doi'fe  Heidersbach.  Die  Gesteinsabänderungen  mit  grösseren, 
reineren  Orthoklaskörpern  — : die  sogenannten  porphyrischen  Gra- 
nite von  Zella  u.  s.  w.  — bilden  Streifen,  die  in  der  Streichungs- 
richtung der  Gneisse  und  anderer  Gesteine  von  Kleinschmalkalden, 
Brotterode,  Liebenstein  u.  s.  w.  von  SW.  nach  NO.  verlaufen,  sich 
zwar  wegen  der,  vielfach  genaueste  Umgrenzung  verbietenden, 
Bodenbedeckung  mit  Wiese,  Wald  und  Feld  nicht  scharf  genug 
verfolgen  lassen,  um  auf  der  Specialkarte  erschöpfend  genau  dar- 
gestellt zu  werden,  aber  doch  das  Gesetz  ihrer  Vertheilung  dem 
aufmerksamen  Beobachter  in  unzweideutigster  Weise  zeigen. 

Wenig  zahlreich  sind  die  dioritartigen  Plagioklas-Hornblende- 
gemenge, die  als  Einlagerungen  in  diesem  Granit  (Granitit)  auf- 
treten,  dasselbe  Streichen  von  SW.  nach  NO.  zeigen  und  die  auf 
der  Karte  aufgetragen  werden  konnten,  soweit  sich  das  nicht  durch 
allzu  geringe  Flächenverbreitung  verbot. 

Mit  den  Graniten  vom  Ehrenberg  bei  Ilmenau  und  von 
Sehmiedefeld-Vesser  sind  andere  Gesteine  des  Grundgebirges  ver- 
knüpft. An  beiden  Stellen  sieht  man  zunächst  am  Granit  Fels- 
arten von  eigenthümlicher  Beschaffenheit,  denen  weiterhin  erst 
schimmernde  bis  glänzende,  graue  Schiefer  sich  anschliessen.  Diese 
sind  petrographisch  als  Phyllite  zu  bestimmen,  deren  Schieferungs- 
ebenen den  Schichtflächen  folgen;  sie  dürften  aber,  den  Aus- 
führungen von  Loretz1)  . gemäss,  keineswegs  zu  den  ältesten 
cambrischen  Gebilden  Thüringens  zu  rechnen  sein. 


-1)  Beitrag  zur  ICenntniss  der  cambriscii  - phyllitischen  Schieferreihc  in  Thü- 
ringen. Dieses  Jahrbuch  1881,  S.  175  ff.  u.  Tab.  VI. 


XXVII 


Beim  Mangel  an  weithin  verfolgbaren  Aufschlüssen  unzwei- 
deutiger Art  sind  verschiedene  Auffassungen  über  den  Lagerungs- 
verband und  über  die  Bedeutung  der  einzelnen  Gesteine  zulässig. 
Nur  leuchtet  ein,  dass  die  Verhältnisse  am  Ehrenberg  nicht  ohne 
Rücksicht  auf  die  bei  Schmiedefeld  und  Vesser  beurtheilt  werden 
dürfen,  denn  es  sind  manche  Handstücke  jedes  der  beiden  Land- 
striche nicht  von  solchen  des  anderen  unterscheidbar,  mag  man  mit 
unbewaffnetem  Auge,  mit  der  Lupe  oder  mit  dem  Mikroskop  arbeiten. 
— Die  Schmiedefelder  Landschaft  bietet  nur  eine  viel  grössere 
Mannichfaltigkeit  von  Gesteinen  dar,  die  zwischen  dem  Granit 
und  den  gewöhnlichen,  weit  verbreiteten,  grauen  Schiefern  lagern, 
als  der  Ehrenberg.  Unter  den  vom  Ehrenberg  bisher  nicht  be- 
sonders erwähnten,  wohl  dort  ganz  fehlenden  Felsarten  forderte 
besonders  ein  bei  Schmiedefeld  und  Vesser  nicht  ganz  seltenes 
Vorkommen  wegen  der  Aehnlichkeit  mit  skandinavischen^Hälle- 
flinta  - Handstücken  zur  Untersuchung  auf.  Das  als  dicht  bis 
äusserst  feinkörnig  zu  bezeichnende  Gestein  besitzt  viel  lichtere 
Färbung  als  die  grobschieferigen,  grauem  bis  grünlichem  Horn- 
fels ähnlichen  »Hornschiefer«,  denen  es  eingelagert  ist  und  zwischen 
denen  es  Bänke  von  geringer,  bis  zu  mehreren  Metern  ansteigender 
Mächtigkeit  bildet.  Ein  Auskeilen  solcher  Bänke  wird  zuweilen 
wahrgenommen,  so  spärlich  auch  wirkliche  Aufschlüsse  sind.  Ge- 
wöhnlich sind  die  Lagen  nur  durch  Reihen  von  Bruchstücken  oder 
Blöcken,  die  im  Walde  umherliegen,  erkennbar.  Die  Färbung  ist 
meist  weisslich  grau  bis  gelblich  oder  röthlich;  der  Bruch  muschelig 
bis  splitterig.  Selbst  grössere  Blöcke  sind  in  merklicher  Weise 
kantendurchscheinend. 

Um  über  die  Bezeichnung,  die  diesen  Gebilden  auf  den  Karten 
zu  geben  ist,  endgiltig  zu  entscheiden  und  um  dadurch  zugleich 
für  die  Auffassung  des  Gesteinszuges  neben  dem  Granit  weiteren 
Anhalt  zu  gewinnen,  habe  ich  ausser  mikroskopisch-petrographischen 
Untersuchungen  auch  die  chemische  Analyse  einer  besonders  reinen, 
weisslichgrauen  Abänderung  für  nöthig  befunden,  die  unter  der 
Gersheid  im  Schwarzwasserthal  oberhalb  des  Neuwerkes  bei 
Schmiedefeld  auftritt.  Vereinzelte,  meist  sehr  kleine  Schwefelkies- 
körperchen sind  in  dem  Gestein  sichtbar. 


XXVIII 


Herr  Dr.  Teuchert,  der  die  Grate  hatte,  die  Analyse  auszu- 


führen, fand  folgende  Zusa 


nmensetzung: 


Si02 

85,10 

ai2o3  ..... 

9,78 

Fe203  

1,12 

MgO 

0,19 

CaO 

0,30 

Na20 

0,54 

k2o 

0,61 

h2o 

2,49 

Fe  S2 

0,11 

100,24. 


Der  Vergleich  mit  den  Analysen  von  skandinavischen  Hälle- 
flinta- Abänderungen  zeigt,  dass  wir  von  dem  Gebrauche  einer 
solchen  Bezeichnung  Abstand  nehmen  müssen.  Dasselbe  ergab 
sich  aus  der  mikroskopischen  Untersuchung.  Bei  dem  sehr  grossen 
Ueberwiegen  von  Quarz  in  diesem  und  in  ähnlichen  Gesteinen 
der  Schmiedefelder  Gegend  muss  man  sie  wohl  den  Quarziten  an- 
reihen, zumal  da  in  ihnen  Feldspath  selten  ist.  Das  gepflasterte  bis 
bienenwabenartige  Aussehen1)  des  Mineralgemenges  vieler  Theile 
des  Gesteines  ist  bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  sehr  auf- 
fällig. — Ohne  Abbildungen  lässt  sich  das  Aussehen  und  der 
Mineralbefund  dieser  Felsarten  nicht  wohl  bezeichnen. 

Diese  vorläufige  Mittheilung  bezweckt  nur  darzuthun,  dass 
die  genauere  Untersuchung  solcher  Vorkommnisse  der  Anschauung 
günstiger  ist,  wonach  bei  Schmiedefeld  und  Vesser  Theile  eines 
Granitcontacthofes  anstehen,  als  der  mir  — und  wohl  auch  An- 
deren — bisher  besser  begründet  erschienenen  Meinung,  dort  seien 
zwischen  dem  Granit  und  den  weithin  verbreiteten,  grauen  Schiefern 
Gesteine  entblösst,  die,  gleich  den  skandinavischen  Hälleflinta- 
Massen,  anderwärts  dem  Urgebirge  eigen  sind.  — 

In  der  Gegend  bei  Halle  haben  grosse  technische  Anlagen 
neue  Aufschlüsse  dargeboten,  wonach  frühere  Vorstellungen  wesent- 


*)  Zirkel,  Lehrbuch  der  Petrographie,  2.  Aull  1 Bd,  1893,  S,  591  (Contact- 
Bietamorphismus). 


XXIX 


lieh  berichtigt  werden.  Für  die  Erkenntniss  der  Lagerungsver- 
hältnisse  sind  namentlich  die  neueren  Erfahrungen  zwischen  Halle, 
Nietleben  und  Passendorf  bedeutsam.  Bekanntlich  geht  eine  grosse 
Verwerfung  durch  die  Stadt  Halle  hindurch  nach  WNW.  Nörd- 
lich davon  herrschen  die  Porphyre  und  die  damit  verknüpften 
Conglomerate  u.  s.  w. ; südwärts  der  Buntsandstein,  der  Muschel- 
kalk von  Nietleben,  Zscherben  u.  s.  w.  und  die  Kalke  und  Dolo- 
mite der  Stadt  Halle  selbst. 

Noch  1888  ^ durfte  nach  den  damaligen  Aufschlüssen  ange- 
nommen werden,  dass  die  Triasschichten  neben  der  Verwerfungs- 
spalte eine  einfache  schiefe  Mulde  bilden.  Denn  so  lange  die 
ERLECKE’schen  Thongruben  beim  »Feldschlösschen«,  nahe  südlich 
der  Irrenanstalt,  kleiner  waren  als  jetzt,  lag  es  am  Nächsten,  zu 
glauben,  dass  dort  weisslichgraue  Letten  zwischenlagen  des  Mitt- 
leren Buntsandsteines  abgebaut  würden. 

Jetzt  sind  dort  in  grosser  Ausdehnung  Gesteinswände  quer 
gegen  die  Schichtung  (meist  Str.  110  — 112°,  seltener  Str.  138°, 
Einfallen  42  — 49°  nach  S.)  entblösst  worden,  wodurch  bei  der 
Abwesenheit  mächtigerer  Lagen  von  Sandstein  u.  s.  w.  und  bei 
allgemein  verbreiteter,  dünnblätteriger  Schichtung  unverkennbar 
ist,  dass  man  es  mit  ausgebleichten  und  ganz  zerweichten  Schiefer- 
letten  des  Unteren  Buntsandsteins  zu  thun  hat.  Zuweilen  finden 
sich  darin  Brauneisenstein  und,  — oft  in  dessen  Nähe  — | Gyps- 
krystalle,  die  wohl  in  Folge  der  Zersetzung  von  Schwefelkies 
entstanden  sind. 

Noch  wichtiger  sind  die  ausgedehnten  Aufschlüsse  in  der 
HENSEL’schen  Thongrube ; die  rund  1250  Meter  weiter  westlich 
als  der  westlichste  Stoss  der  ERLECKE’schen  gelegen  ist.  Hier 
sind  in  über  100  Meter  Mächtigkeit  anstehende,  saigere,  in  115° 
bis  118°  streichende,  aufgeweichte  Schieferletten  des  Unteren  Bunt- 
saudsteins  Gegenstand  der  Gewinnung.  Auf  einigen  der  Schicht- 
flächen werden  Estherien  bemerkt;  es  kommen  auch  hier  Schwefel- 
kiesknollen, die  mehr  oder  minder  in  Brauneisenerz  umgewandelt 
sind,  und  Gypskrystalle  vor.  Durch  den  südlichsten  Theil  der 


')  K.  v.  Fritsch,  Allgemeine  Geologie  Fig.  38,  S.  81). 


XXX 


Grube  zieht  eiue  mehrere  Meter  starke,  weissliche  Lage  voller 
Quarzkörner,  offenbar  eine  verthonte,  mächtige  Sandsteinbank,  die 
unverkennbar  die  untere  Grenze  des  Mittleren  Buntsandsteins  be- 
zeichnet, obwohl  ihr  nach  S.  noch  rothe  Letten  folgen,  die  einzigen 
von  dieser  sonst  in  hiesiger  Gegend  vornehmlich  dem  Unteren 
Buntsandstein  angehörigen  Färbung.  Ungefähr  500  Meter  weiter 
südlich  befinden  sich  Aufschlüsse  im  unteren  Wellenkalk. 

Dieser  und  seine  Unterlage : die  »Trigonienbänke«  werden  in 
grossen  Steinbrüchen  hier  für  die  Halle’sche  Cementfabrik  aus- 
gebeutet. Die  Lagerung  des  Muschelkalkes  entspricht  aber  nicht 
der  des  steil  aufgerichteten  Buntsandsteins.  In  einem  Aufschluss 
sind  kleine  Verwerfungen  sichtbar,  und  es  ist  mit  Sicherheit  darauf 
zu  schliessen,  dass  auch  eine  stärkere  Verwerfung,  die  wohl  der 
an  den  Porphyren  entlang  gehenden  parallel  ist,  die  Nordgrenze 
des  Muschelkalkvorkommens  bildet,  von  dem  weitaus  der  grössere 
Theil  bei  einem  mittleren  Streichen  von  30°  mit  10 — 12°  nach 
NW.  einfällt.  Bei  den  Einzelbeobachtungen  wird  das  Streichen 
in  stärkerem  Grade  als  der  Fallwinkel  wechselnd  gefunden. 

Etwa  400  Meter  im  Osten  des  Muschelkalkbruches  steht  in 
der  Thongrube  von  Lilicke  und  Ströfer  der  Mittlere  Buntsand- 
stein mit  fast  saigerer  Schichtung  an. 

Ein  im  Frühjahr  1894  zwischen  Granau  und  der  pfänner- 
schaftlichen  Braunkohlengrube  bei  Zscherben  abgeteufter  Versuchs- 
schacht hat  den  Nachweis  erbracht,  dass  die  hornsteinführenden 
Bänke  am  Grunde  des  Oberen  Muschelkalkes  (des  Unteren 
Trochitenkalkes  moi)  dort  im  Sreichen  von  70  — 80°  bei  6 — 8° 
Neigung  nach  Norden  anstehen.  Sie  waren  in  diesem  Gebiete 
noch  unbekannt  und  ihr  Auftreten  an  dieser  Stelle  verdient  her- 
vorgehoben zu  werden. 

Mittheilung  des  Herrn  W.  Frantzen  über  die  Aufnahmen 
auf  den  Blättern  Treffurt  und  Langula. 

In  dem  bisher  untersuchten  Theile  des  Blattes  Treffurt 
und  des  Blattes  Langula  wird  die  Erdoberfläche  hauptsächlich 
von  Schichten  des  Muschelkalkes  und  des  Unteren  und  Mittleren 
Keupers  zusammengesetzt. 


xxXl 


Diese  Ablagerungen  zeigen  hier  eine  ganz  ähnliche  Zusam- 
mensetzung, wie  in  dem  südlich  angrenzenden  Gebiete  der  Blätter 
Creuzburg  und  Eisenach  und  geben  daher  nur  zu  wenigen  Be- 
merkungen Veranlassung. 

Im  Wellenkalk  sind  die  Schaumkalkbänke  a und  ß hier 
ebenfalls  vorhanden,  aber  nur  wenig  mächtig,  sodass  sie  zur  Ge- 
winnung von  Bausteinen  unbrauchbar  sind.  Im  Terrain  wenig 
hervortretend,  würden  sie  sich  kaum  verfolgen  lassen,  wenn  nicht 
das  zwischen  beiden  Bänken  zwischen  den  Wellenkalkschichten 
auch  hier  vorkommende  Lager  von  gelbem  Kalk  einen  ausge- 
zeichneten Leitfaden  abgäbe. 

Auch  die  beiden  Schaumkalkbänke  der  Zone  y zeigen  hier 
die  gleiche  Beschaffenheit,  wie  in  dem  südlich  anschliessenden 
Gebiete.  Der  Schaumkalk  wird  in  diesen  Bänken  von  blauem 
Kalk  mit  zackig  in  einander  greifenden  Schichtflächen  begleitet. 
Solches  Gestein  erreicht  besonders  im  Liegenden  der  beiden 
Bänke  eine  grössere  Dicke  und  ist  mit  dem  Schaumkalk  so  innig 
verwachsen,  dass  man  diesen  blauen  Kalk  als  zu  den  Bänken  ge- 
hörig betrachten  darf.  Bei  der  unteren  Bank  lagert  solcher  Kalk 
in  grösserer  Mächtigkeit  auch  im  Hangenden  des  Schaumkalkes, 
ein  Umstand,  welcher  zuweilen  zur  Unterscheidung  der  beiden 
Bänke  benutzt  werden  kann.  Beachtenswerth  ist  die  grosse  Ar- 
muth  der  beiden  Terebratelbänke  in  dieser  Gegend  an  Terebrateln. 

Diese  Versteinerung  ist  hier  so  selten,  dass  man  in  den 
meisten  Fällen  vergebens  darnach  sucht.  Da  der  Schaumkalk  in 
der  oberen  Terebratelbank  auch  oft  sehr  licht  gefärbt  ist,  sodass 
er  in  dieser  Hinsicht  die  grösste  Aehnlichkeit  mit  dem  lichten 
Schaumkalk  der  unteren  Schaumkalkbank  der  Zone  8 hat,  und 
die  letztere  Bank  in  dieser  Gegend  auch  insofern  den  Terebratel- 
bänken ähnlich  wird,  als  in  ihr  ebenfalls  Einlagerungen  von 
blauem  Kalk  mit  zackigen  Schichtflächen  sehr  gewöhnlich  sind, 
so  bedarf  es  zuweilen  grösserer  Aufmerksamkeit,  um  eine  Ver- 
wechselung dieser  Bänke  mit  einander  zu  vermeiden. 

Die  oberste  Schaum kalkzone  6 stimmt  in  ihrer  Zusammen- 
setzung an  manchen  Orten  noch  ziemlich  genau  mit  derjenigen 
am  Thüringer  Walde  überein,  insbesondere  darin,  dass  auch  hier 


XXXII 


alle  drei  Schaumkalkbänke  in  dieser  Zone  vorhanden  sind.  Je- 
doch zeigt  sich  insofern  ein  Unterschied,  als  sich  neben  den  ge- 
wöhnlichen, dünngeschichteten,  blauen,  wenig  welligen  Kalklagen 
westlich  vom  Hainich  auch  gelber  Kalk  und  an  manchen  Orten 
auch  Mergel  in  dieser  Zone  einstellen,  und  die  oberste  Schaum- 
kalkbank häufig  mehr  oder  weniger  ihre  Festigkeit  verliert,  indem 
sie  gleichzeitig  eine  feinkrystallinische,  zuckerige  Beschaffenheit 
und  statt  der  gewöhnlichen  grauen  eine  graugelbliche,  oder  grün- 
lieh -gelbgraue  Farbe  annimmt.  Zuweilen  wird  das  Gestein  der 
obersten  Schaumkalkbank  so  weich,  dass  es  zu  Grus  zerfällt,  wie 
in  einem  kleinen,  bei  dem  Kilometersteine  12,5  an  der  Strasse 
von  Nazza  nach  Mühlhausen  gelegenen  Steinbruche,  und  in  dem 
kleinen  Steinbruche  an  der  Strasse  von  Hallungen  nach  Heyrode 
am  Westabhange  des  Mühlberges.  An  der  letzteren  Stelle  ist  der 
oolithische  Kalk  der  obersten  Schaumkalkbank  in  eine  gelbe, 
mergelige  Masse  verwandelt.  Man  muss  sich  sehr  hüten,  dass 
man  in  solchen  Fällen  diese  Bank  nicht  mit  dem  gelben  Kalk  an 
der  Basis  des  Mittleren  Muschelkalks  verwechselt. 

Es  ist  wohl  als  sicher  anzunehmen,  dass  dieser  Farbenwechsel 
und  besonders  die  krystallinische  Structur  des  Schaumkalks  zum 
grossen  Theil  auf  einer  Einwirkung  des  Wassers  beruht,  welches 
früher  in  den  durch  die  Auslaugung  von  Gyps  entstandenen 
Schlotten  des  Deckgebirges  circulirt  hat. 

Die  unterste  Schaumkalkbank  ist,  wie  gewöhnlich,  auch  hier 
durch  weisse  Farbe  ausgezeichnet.  Auch  ist  sie,  wie  an  der 
Westseite  des  Thüringer  Waldes  bei  Meiningen,  reich  an  Encri- 
nitenstielen,  die  dagegen  in  der  obersten  Bank  auch  hier  fehlen. 
Die  Auffindung  eines  zum  Encrinus  Carnalli  gehörenden  Kronen- 
restes und  der  Habitus  der  Stielglieder  beweisen,  dass  diese  Tro- 
chiten  auch  in  dieser  Gegend,  wenigstens  zum  grossen  Theile, 
diesem  Encriniten  angehören. 

Die  OrfocwZaräschichten  sind  in  dem  untersuchten  Gebiete 
nur  selten  in  einiger  Mächtigkeit  entwickelt,  so  z.  B.  am  Engsten- 
berge,  wo  in  ihnen  auch  noch  ein  handhoher  oolithischer  Streifen 
beobachtet  wurde.  Gewöhnlich  schrumpfen  sie  auf  einen  äusserst 
geringen  Rest  zusammen,  oder  es  folgen  unmittelbar  auf  die 


XXXIII 


oberste'  Schaumkalkbank  lichte,  dicker  geschichtete,  ebenflächige 
Mergel,  die  sich  von  den  Schichten  des  Mittleren  Muschelkalks 
nicht  unterscheiden  lassen. 

Unter  diesen  Umständen  ist  eine  besondere  Auszeichnung  der 
öräAW&n'sschichten  nicht  mehr  zu  rechtfertigen.  Es  sind  daher 
diese  Schichten,  wo  sie  Vorkommen,  zum  Schaumkalk  gezogen 
worden. 

Der  Mittlere  Muschelkalk  ist,,  wie  gewöhnlich,  nur  wenig 
aufgeschlossen.  Der  gelbe  Kalk  an  der  Basis  dieser  Abtheilung 
fehlt  häufig,  oder  er  ist  nur  durch  eine  schwache  Färbung  ange- 
deutet. Gyps  kommt  auch  in  dieser  Gegend  in  diesen  Schichten 
vor,  aber  offenbar  in  nicht  sehr  erheblicher  Mächtigkeit,  da  Ein- 
stürze des  Deckgebirges  in  dem  bisher  aufgenommenen  Gebiete 
nur  selten  beobachtet  wurden. 

Der  Obere  Muschelkalk  zeigt  hier  keine  andere  Zu- 
sammensetzung, als  wie  am  Thüringer  Walde.  An  der  Basis  des 
Trochitenkalks  finden  sich  auch  am  Hainich  die  Hornsteinschichten 
und  zwischen  den  Mergeln  dieser  Zone  Einlagerungen  von  ooli- 
thischen  Bänkchen,  welche  jedoch  in  diesem  Horizonte  noch  keine 
Encriniten  enthalten. 

Bemerkenswerth  sind  die  grossen  Wellenfurchen,  welche  man 
in  der  Umgegend  von  Nazza  ebenso,  wie  in  dem  Blatte  Creuzburg 
im  Steingraben  bei  Mihla  auf  der  Oberfläche  des  Trochitenkalks 
beobachtet.  In  einem  Graben,  welcher  von  der  Strasse  von  Nazza 
nach  Falken  nördlich  gegen  den  Hänigen-Berg  hin  läuft,  zeigen 
sie  eine  Wellenlänge  von  38  und  eine  Wellenhöhe  von  7 Centinaeter. 

Von  den  Keuperschichten  ist  der  Untere  Keuper  voll- 
ständig erhalten,  während  der  Mittlere  bis  auf  die  untersten 
Schichten  und  einige  in  Verwerfungsspalten  abgesunkene  Fetzen 
erhalten  geblieben  ist.  Alle  diese  Ablagerungen  sind  gewöhnlich 
schlecht  aufgeschlossen,  sodass  sie  sich  an  den  meisten  Orten 
nicht  näher  untersuchen  lassen.  Nur  in  den  Gräben  bei  Hallungen 
und  östlich  vom  Heerrain  wird  ein  ansehnlicher  Theil  des  Unteren 
Keupers  entblösst  angetroffen. 

Es  sind  auch  hier  im  oberen  Theile  dieser  Gruppe,  ähnlich 
wie  bei  Eisenach  und  Mihla,  zwischen  den  dunklen,  grauen  und 


Jahrbuch  1893 


XXXIV 


gelben  Lagen  auch  zahlreiche  rothe,  ähnlich  denen  des  Mittleren 
Keupers,  enthalten,  welche,  nahe  bis  zur  Mitte  der  Abtheilung 
abwärts  reichen.  Da  diese  Region  zugleich  sandige  Schichten 
und  besonders  im  obersten  Theile  mehrere  gelbe  Dolomitlagen 
enthält,  so  ist  die  Unterscheidung  dieser  Schichten  vom  Mittleren 
Keuper  bei  guten  Aufschlüssen  nicht  schwierig;  wohl  aber  wird 
sie  zuweilen  misslich,  wenn  das  Gebirge  stärker  von  Gehänge- 
schutt oder  Lehm  bedeckt  ist. 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Proescholdt  über  Revisionen 
und  Aufnahmen  im  Bereich  der  Blätter  Sondheim, 
Dingelstedt,  Heiligenstadt  und  Schleusingen. 

Bei  der  Fortsetzung  der  Aufnahme  des  Blattes  Sondheim, 
dessen  Fläche  zum  grösseren  Theil  der  Hohen  oder  Langen  Rhön 
angehört,  trat  die  Noth Wendigkeit  einer  durchgreifenden  Revision 
der  topographischen  Unterlage  unabweisbar  hervor.  Die  ausser- 
ordentlich grosse  Eintönigkeit  der  Oberfläche  in  diesem  Theil  der 
Rhön,  der  grosse  Mangel  an  Wegen,  die  noch  dazu  oft  kaum 
sichtbar  sind,  die  sehr  beträchtlichen  Höhenunterschiede,  erschweren 
nicht  allein  dem  Touristen  die  topographische  Orientirung,  sondern 
auch  dem  aufnehmenden  Geologen  das  Verständniss  des  geo- 
logischen Baues  im  hohen  Grade.  Trotz  der  umfassenden  topo- 
graphischen Correcturen,  die  theilweise  eine  vollständige  Neuauf- 
nahme des  Terrains  darstellen,  wurde  die  geologische  Kartirung 
fast  vollständig  abgeschlossen. 

I)ie  Hauptresultate  über  die  Verbreitung  der  verschiedenen 
Eruptivgesteine  sind  in  einer  allgemeinen  Uebersicht  in  dem 
Jahrbuch  für  1893  niedergelegt  worden;  an  dieser  Stelle  mögen 
nur  einige  besonders  erwähnenswerthe  Beobachtungen  noch  mit- 
getheilt  werden. 

Bei  der  Aufnahme  des  südöstlichen  Viertels  des  Blattes 
zeigte  sich  das  Terrain,  das  sonst  bei  oberflächlicher  Begehung 
sehr  einfach  aus  Buntsandstein  aufgebaut  erscheint,  von  einer  sehr 
grossen  Anzahl  Verwerfungen  durchsetzt,  und  zwar  von  südöst- 
lichen, südwestlichen  und  nordsüdlichen.  Der  Nachweis  der 
Verwerfungen  ist  gewöhnlich  sehr  mühsam  und  zeitraubend,  da 


XXXV 


sie  gewöhnlich  in  dem  Buntsandstein  nur  daran  zu  erkennen  sind, 
dass  von  Zeit  zu  Zeit  in  die  Spalten  ein  paar  Meter  lange 
Muschelkalkschichten  eingesunken  sind,  die  grösseren  Umfang 
höchstens  an  den  Kreuzungsstellen  annehmen.  Auf  längere  Er- 
streckung behalten  überdies  die  Störungen  fast  nie  dieselbe  Flucht 
bei,  vielmehr  verschieben  sie  sich  häutig  seitlich  um  100 — 200  De- 
cimalfuss,  sodass  eine  Art  Blätterstructur  des  Terrains  zum  Vor- 
schein kommt.  In  die  Hohe  Rhön  hinein  konnten  diese  Disloca- 
tionen  bis  jetzt  nicht  verfolgt  werden,  mit  Ausnahme  der  Umgebung 
des  Gangolfsberges , an  dem  neuerdings  Lettenkohlenkeuper  und 
wohl  auch  etwas  Gypslteuper  durch  neue  Wegeanschürfungen 
aufgefunden  und  auf  ziemliche  Erstreckung  hin  verfolgt  werden 
konnten. 

Im  Eichsfeld  wurde  nach  einer  allgemeinen  Orientirungstour 
im  Aufnahmegebiet  mit  der  Specialaufnahme  des  Blattes  Dingel- 
stedt, das  zum  grösseren  Theil  fertiggestellt  wurde,  und  Heiligen- 
stadt begonnen.  An  der  geologischen  Zusammensetzung  nehmen 
ausser  Diluvium  und  Alluvium  Zechstein  und  Trias  Theil.  Die 
Gliederung  der  letzteren  schliesst  sich  im  Allgemeinen  eng  an  die 
Thüringens  und  Frankens  an.  So  konnte  der  von  VON  Seebach, 
Moesta  und  Speyer  nicht  ausgeschiedene  Chirotheriumsandstein 
ohne  grosse  Schwierigkeiten  von  dem  grobkörnigen  Sandstein  ab- 
getrennt und  kartographisch  dargestellt  werden.  Wie  in  Nord- 
franken tritt  er  auch  hier  als  meist  feinkörniger,  gesprenkelter 
oder  getupfter  Sandstein  mit  Carneolknollen  in  10  — 20  Fuss 
Mächtigkeit  auf.  Ueber  ihm  beginnt  der  Röth,  wie  sehr  deutlich 
an  dem  schönen  Aufschluss  an  der  Strasse  von  Heiligenstadt 
nach  Kalteneber  zu  sehen  ist,  grade  wie  im  Werrathal  mit  gelben 
Dolomiten,  dann  folgen  graue  Letten,  die  vielfach  Gypsstöcke 
einschliessen,  und  darüber  unmittelbar  graue  und  rothe  Sandsteine 
von  sehr  feinem  Korn.  Im  obern  Drittel  des  Röths  wiederholen 
sich  Einlagerungen  von  Gyps,  der  in  dem  erwähnten  Aufschluss 
alabasterartig  auftritt,  und  Lagen  von  feinkörnigem  Kalksandstein, 
wie  bei  Meiningen. 

Ueber  die  von  der  fränkischen  etwas  abweichende  Gliederung 
des  Wellenkalks  kann  ich  hier  hinweggehen. 


XXXVI 


Eine  sehr  grosse  Bedeutung  uud  Ausbreitung  gewinnen  bei 
Heiligenstadt  Kalktuffablagerungen , die  sowohl  diluvialen  als 
alluvialen  Alters  sind. 

Die  Lagerungsverhältnisse  des  aufgenommenen  Theils  sind 
im  grossen  Ganzen  einfach.  Quer  durch  das  Blatt  Dingelstedt 
zieht  mit  westnordwestlichem  Streichen  der  Höhenzug  des  Dün, 
der  durch  die  in  demselben  Sinn  verlaufenden  Muschelkalk- 
schichten zusammengesetzt  wird.  Sie  fallen  flach  nach  SSW.  und 
bilden  auf  der  Nordseite  einen  jähen,  landschaftlich  scharf  hervor- 
tretenden Steilrand.  Auf  Blatt  Heiligenstadt  lagern  die  Schichten 
flacher  uud  lösen  sich  durch  sehr  tief  eingeschnittene  Erosions- 
thäler  in  einzeln  stehende  Berge  von  bedeutender  relativer  Höhe 
auf.  Fast  senkrecht  auf  den  Dün,  also  in  nordnordöstlicher 
Richtung,  stossen  auf  denselben  einzelne,  sehr  markirte  Höhenzüge, 
von  denen  der  durch  Leinefelde  ziehende  der  längste  und  oro- 
graphisch  wichtigste  ist,  weil  über  ihn  die  Wasserscheide  zwischen 
Weser  und  Saale  hinläuft.  Seinem  geologischen  Bau  nach  stellt 
er  einen  von  Parallelspalten  umfassten  Graben  von  Muschelkalk 
zwischen  grobkörnigem  Buntsandstein  dar,  der  in  der  nordöstlichen 
Fortsetzung  bei  Worbis  das  bekannte  Kreidevorkommen  im  Ohm- 
gebirge einschliesst.  Den  Höhenzug  des  Dün  durchsetzt  der 
Graben  nicht  mehr;  vielmehr  hebt  sich  in  der  Nähe  desselben 
die  eine  Spalte,  und  zwar  die  nach  W.  liegende,  aus,  während 
die  östliche  NS. -Richtung  annimmt  und  als  einfacher  Bruch 
durch  den  Dün  hindurchsetzt,  aber  von  heftigen  Schichtenbiegungen 
und  Seitensprüngen  begleitet  wird.  Ganz  ähnliche  Verhältnisse 
wiederholen  sich  auf  Blatt  Heiligenstadt  bei  Uder. 

Auf  Blatt  Schleusingen  wurde  der  südwestliche  Theil  des 
Blattes  wegen  der  neuerdings  vorgenommenen  zahlreichen  topo- 
graphischen Nachträge  revidirt  und  besonders  der  durch  Ver- 
werfungen stark  zerstückelte  Theil  südlich  des  Kleinen  Thüringer- 
waldes aufgenommen,  um  den  Anschluss  an  die  Blätter  Hildburg- 
hausen und  Themar  herzustellen. 


XXXVII 


Mittheilung  des  Herrn  H.  Loretz  über  Aufnahmen  im 
Cob  urgischen. 

Im  Sommer  1893  habe  ich  die  geologische  Aufnahme  des 
Coburger  Landes,  bezw.  die  vier  an  Bayern  grenzenden  Sectionen 
Coburg,  Oeslau,  Steinach  und  Rossach,  abgeschlossen. 
Bezüglich  der  Schichtenfolge  und  Lagerung  verweise  ich  auf  die 
an  gleicher  Stelle  abgedruckte  Mittheilung  im  vorjährigen  Jahr- 
buch und  beschränke  mich  darauf,  einige  Punkte  hervorzuheben, 
die  bei  den  Schlussrevisionen  besonders  in  Frage  kamen. 

Es  ist  dies  zunächst  die  richtige  Fassung  und  Kartendarstel- 
lung des  wichtigen  Horizontes  des  Semionotus  - Sandsteins 
oder  Coburger  Bausandsteins  im  mittleren  Keuper  (Stufe 
km  5 der  Karte).  Hält  man  sich  an  die  typische  petrographische 
Beschaffenheit  dieses  Gesteins,  wie  sie  an  zahlreichen  Stellen, 
namentlich  in  den  Steinbrüchen  auf  beiden  Seiten  des  Itzthals 
abwärts  von  Coburg,  in  durchaus  gleichbleibendem  Charakter 
wahrgenommen  werden  kann,  so  zeigt  sich,  dass  dieses  Sandstein- 
lager streckenweise  bis  zum  Verschwinden  abnimmt,  ja  ganz  fehlt, 
während  immerhin  in  demselben  oder  annähernd  gleichen  Horizonte 
Sandsteinbänke  von  etwas  abweichender  Beschaffenheit  liegen 
können;  dieselben  gleichen  mehr  den  etwas  tiefer  in  der  Stufe 
km 4 eingelagerten  Bänken,  ihr  Korn  ist  etwas  weniger  fein  und 
gleich,  ihr  Bindemittel  zum  Theil  etwas  mehr  quarzitisch.  Für 
die  Kartirung  fragt  es  sich,  ob  man  auch  solche  Bänke,  mit 
Rücksicht  auf  ihre  stratigraphische  Lage , in  die  Stufe  k m 5 ein- 
beziehen, sozusagen  als  Stellvertreter  des  eigentlichen  Coburger 
Bausandsteins,  in  welchem-  allein,  meines  Wissens,  bis  jetzt  die 
Semionotus- Reste  gefunden  worden  sind,  auffassen  soll,  oder  ob 
diese  Stufe  nur  da  anzugeben  sein  wird,  wo  typischer  Bausand- 
stein vorliegt.  Beide!  Auffassungen  dürften  sich  rechtfertigen 
lassen,  beide  sind  durchführbar.  Ich  habe  bei  einer  Revision  des 
Blattes  Coburg  die  letztere  durchzuführen  gesucht.  Man  hat  in 
diesem  Falle,  bei  fehlendem  km  5,  die  Stufen  km  6 und  km  4 un- 
mittelbar gegen  einander  abzugrenzen,  was  stellenweise  nicht  ohne 
eine  gewisse  Willkür  geht.  Die  Grenzlinie  wird  allerdings  an 


xxx  vm 


Sicherheit  wenig  einbüssen,  wenn  die  leicht  kenntlichen  Gyps- 
mergel  an  der  Basis  der  Stufe  km  6 auch  bei  schwach  entwickeltem 
oder  fehlendem  km  5 vorhanden  sind,  ein  Fall,  der  im  nordwest- 
lichen Theile  des  Blattes  Coburg  vorkommt.  Fehlen  aber  auch 
diese,  so  hat  man  eine  Grenzlinie  in  der  Art  zu  ziehen,  dass  die 
Schieferletten  und  Sandsteinbänke  oberhalb  derselben  der  Stufe 
km  6,  unterhalb  derselben  der  Stufe  km  4 zufallen.  Dafür  hat  man 
hauptsächlich  nur  das  Anhalten , dass  die  Sandsteinbänke  der 
Stufe  k m 6 mehr  oder  weniger  schon  die  Beschaffenheit  des 
weissen,  lockeren  »Stubensandsteins«  annehmen,  wie  er  in  den 
höher  folgenden  Stufen  so  verbreitet  ist,  diejenigen  der  Stufe 
km 4 dagegen  in  dünneren  Lagen  öfter  eine  quarzitische  Be- 
schaffenheit zeigen,  in  dicken  Bänken  dagegen  dem  Coburger 
Bausandstein  einigermaassen  ähnlich  werden  können  (ohne  jedoch 
das  gleichmässig  feine  Korn  desselben  zu  erreichen).  — Auch  die 
andere  Auffassung,  dahingehend,  dass  man  die  im  Fortstreichen 
des  Coburger  Bausandsteins  gelagerten,  petrographisch  jedoch  ab- 
weichenden Sandsteinbänke  der  Stufe  km5  zutheilt,  und  diese  letztere 
somit  als  überall  durchgehend  betrachtet,  kann  bei  der  Kartirung 
nicht  frei  von  Wil  Heimlichkeit  und  constructivem  Verfahren  bleiben. 

Die  petrographische  Beschaffenheit  des  Semionotus- Sandsteins 
wiederholt  sich  noch  einmal  in  höherem  Horizonte  an  einer  Bank, 
oder  gewöhnlicher  wohl  ein  paar  nahe  übereinander  folgenden 
Bänkchen,  deren  Lage  in  der  Stufe  km  6,  dicht  oder  wenig  ober- 
halb der  auf  unserer  Karte  mit  yvm  bezeichneten  Gypsmergel  ist. 
Zum  Unterschied  vom  Semionotus  - Sandstein  (Coburger  Bausand- 
stein) erlangen  diese  Bänkchen  aber  nirgends  in  der  Coburger  Gegend 
grössere  Stärke  oder  irgend  welche  praktische  Bedeutung,  treten 
auch  nicht  allenthalben  deutlich  hervor1). 

Thürach’s  Bezeichnung  »Oberer  Semionotus  - Sandstein«  würde  auf  diesen 
Horizont  der  Coburger  Gegend  passen,  wenn  Semionoten  darin  nachgewiesen 
werden  sollten,  was  meines  Wissens  noch  nicht  der  Fall  ist.  — Den  Sandstein 
der  Steinbrüche  bei  Schlechtsart  im  Meiningischen , welcher  Semionoten  ein- 
schliesst,  und  welchen  der  Genannte  für  »Oberen  Semionotus  - Sandstein«  hält, 
halte  ich  auf  Grund  eigener  Anschauung  mit  Beyschlag  und  Proescholdt  nach 
Gestein  und  stratigraphischem  Niveau  für  gleichstehend  mit  dem  Coburger  Bau- 
sandstein (km  5), 


XXXIX 


In  den  höheren  Schichten  des  Mittleren  Keupers,  im  Arkose- 
und  Sand -Keuper,  wurde  ein  besonderes  Augenmerk  auf  eine 
möglichst  naturgetreue  und  gleichmässig  durchgeführte  Abgren- 
zung der  Stufen  km  7 und  km  8 gerichtet.  Nach  beiden  Hin- 
sichten ist  diese  Trennung  recht  schwierig.  Die  genannten  Stufen 
haben  so  viel  gemeinsame  Merkmale  und  sind  so  wenig  durch 
eine  überall  durchgehende,  leicht  kenntliche  Schicht  geschieden, 
dass  die  Frage  entsteht,  ob  man  sie  nicht  lieber  als  eine  einzige 
Stufe  betrachten  und  darstellen  solle.  Nur  der  Umstand,  dass 
die  Entwicklung  der  Schichten  aufwärts  vorherrschend  (doch  nur 
vorherrschend)  eine  grobsandige  ist,  während  etwas  tiefer  Arkose- 
dolomit  und  rothe  Keuperletten  in  stärkerem  Maasse  zur  Geltung 
kommen,  kann  als  bestimmendes  Moment  dafür  angeführt  werden, 
dass  wir  die  Trennung  in  zwei  Stufen,  km  7 und  km  8,  in  der 
bisherigen  Weise,  wie  sie  bereits  auf  der  geognostischen  Karte 
des  Königreichs  Bayern  (Abtheilung  III,  Blatt  Kronach)  sich 
findet,  beibehalten  haben.  Streckenweise  ergiebt  sich  die  Tren- 
nung ziemlich  leicht,  anderswo  bleibt  sie  desto  unsicherer.  Eine 
besondere  Ausscheidung  der  einzelnen  Bänke  von  Arkosedolomit 
in  der  Stufe  k m 7 ist  bei  dem  wechselnden  Charakter  des  Gesteins 
und  der  wechselnden  Anzahl  solcher  Bänke  auf  der  Karte  kaum 
durchführbar,  überdies  von  keiner  grossen  praktischen  Bedeutung. 

Im  Oberen  Keuper  (Rhät)  hat  die  genaue  Untersuchung 
der  Thongruben  und  Sandsteinbrüche,  besonders  im  Einberger 
Wald  und  bei  Kipfendorf,  gezeigt,  dass  nur  im  Allgemeinen  der 
Thon  oben,  der  Sandstein  unten  liegt,  dass  aber  im  Einzelnen 
ein  mehrfacher  Wechsel  zwischen  beiden  stattfinden  kann,  und 
dass  beiderlei  Gesteine  linsenförmige  Lager  bilden,  die  sich  seit- 
wärts auskeilen.  Thierische  Reste  sind  bei  der  Kartenaufnahme 
nicht  gefunden  worden,  vegetabilische  dagegen  kommen  in  grösserer 
Menge  in  den  Thonlagern  von  Kipfendorf  vor. 

Zu  den  in  der  vorjährigen  Mittheilung  enthaltenen  Angaben 
über  die  Lagerung,  insbesondere  über  die  durch  Section  Oeslau 
ziehende  Hauptstörung,  bemerken  wir  noch,  dass  dieselbe  nicht 
nur  von  Verwerfungen  und  Sprüngen,  sondern  auch  von  scharfen 
Einfaltungen  und  schmalen,  wellenförmigen  Auf-  und  Abbiegungen 


XL 


der  Schichten  in  der  Thüringer  Wald-Richtung  SO. — NW.  begleitet 
wird  (z.  B.  am  Kemmater  Berg).  Ueberdies  muss  erwähnt  werden, 
dass  neben  dieser  Gruppe  von  Störungen  auch  in  der  kreuzenden 
Richtung  SW. — NO.  schwache  Mulden-  und  Sattelbiegungen  er- 
kennbar sind.  Letztere  Art  von  Faltung  ist  offenbar  die  ältere. 
Sie  war  bereits  vorhanden,  als  die  Einfaltungen  und  Verwerfungen 
in  der  Thüringer  Wald- Richtung  eintraten.  Es  erinnert  dieses 
Lagerungsverhältniss , welches  bereits  von  Proescholdt  aus  dem 
weiter  nordwestlich  gelegenen  Vorlande  des  Thüringer  Waldes 
nachgewiesen  worden  ist,  durchaus  an  ähnliche  Erscheinungen, 
die  sich  innerhalb  des  genannten  Gebirges  abspielen , und  von 
mir  früher  aus  der  Gegend  von  Gräfenthal  beschrieben  worden 
sind. 


Mittheilung  des  Herrn  E.  Kayser  über  Aufnahmen  im 
D illenburgischen. 

Die  Aufnahmen  beschränkten  sich  auf  die  SO. -Ecke  des 
Blattes  Herborn  und  den  westlichen  Theil  des  Blattes  Ballersbach 
und  waren  besonders  der  Verfolgung  des  im  Vorjahre  nachge- 
wiesenen, die  Scheide  zwischen  der  Dill-  und  Lahnmulde  bilden- 
den, grossen  Unterdevonsattels  gewidmet.  Derselbe  wurde  vom 
Dillthale  zwischen  Edingen  und  Katzenfurt  bis  in  die  Gegend 
von  Dreisbach  und  Bellersdorf  (Bl.  Ballersbach)  kartirt  und  erwies 
sich  als  ein  nach  0.  zu  immer  breiter  werdender  Gesteinszug. 
Während  seine  Hauptmasse  aus  hellen  plattigen  Grauwackensand- 
steinen besteht,  in  denen  nur  ganz  vereinzelte  Crinoidenstiel- 
glieder  angetroffen  wurden,  so  ist  seine  hängendste  Zone  aus 
mürben,  dunklen,  Kieselgallen  führenden  Schiefern  zusammen- 
gesetzt, in  denen  an  mehreren  Punkten  eine  kleine  Fauna  auf- 
gefunden wurde.  Sie  und  die  Kieselgallen  weisen  auf  die  Zu- 
gehörigkeit dieser  hangenden  Schiefer  zur  Obercoblenzstufe, 
während  die  darunter  liegenden  Grauwacken  wahrscheinlich  einem 
tieferen  Niveau  des  Unterdevon  entsprechen.  Die  Thatsache,  dass 
die  fraglichen  Obercoblfenzschichten  nur  am  S. -Rande  des  Sattels 
entwickelt  sind,  beweist,  dass  sein  Bau  ein  einseitiger  ist.  Während 
im  S.  desselben  auf  das  Obercoblenz  ganz  normal  zuerst  Mittel- 


XLI 


und  dann  Oberdevon  folgt,  so  ist  dies  im  N.  nicht  der  Fall; 
vielmehr  grenzen  hier  südlich  Ballersbach  die  unterdevonischen 
Grauwacken  fast  unmittelbar  an  oberdevonische  Knollenkalke. 
Es  muss  hier  also  eine  grosse  Ueberschiebung  vorliegen. 

Das  Mitteldevon  besteht,  wie  auf  den  angrenzenden  Theilen 
des  Blattes  Herborn,  aus  Styliolinen-Schiefern  mit  zahlreichen 
Einlagerungen  von  Platten-  und  Nierenkalken,  Kieselschiefern 
und  gelblichen  Feldspathgrau wacken. 

Von  sonstigen  Auffindungen  dürfte  noch  erwähnenswerth 
sein  ein  ungewöhnlich  ausgedehntes  Vorkommen  von  Bimsteinsand 
auf  der  Höhe  westlich  Greifenthal  (Bl.  Herborn). 

Mittheilung  von  Herrn  H.  Grebe  über  die  wissenschaft- 
lichen Ergebnisse  der  Aufnahmen  in  der  Eifel. 

Die  Aufnahme-Arbeiten  wurden  im  letzten  Jahre  in  den  nörd- 
lichen Theilen  der  Kreise  Wittlich,  Bitburg,  im  Kreise  Daun, 
Prüm  und  im  südlichen  Kreis  Malmedy  fortgesetzt  und  die  Blätter 
Hasborn  nebst  Manderscheid  fertiggestellt,  dann  sind  die  nörd- 
lichen Anschlussblätter  Gillenfeld  und  Daun  zum  grösseren  Theil, 
die  westlich  folgenden  theilweise  bearbeitet,  und  viele  geologische 
Einzeichnungen  auf,  an  diese  nördlich  anschliessenden  Blättern  ge- 
macht worden.  Dabei  wurden  die  Stufen  des  Unter-  und  Mittel- 
Devons  weiter  unterschieden  und  festgestellt  und  zur  besseren 
Uebersicht  auf  die  Generalstabskarte  1 : 80000  übertragen,  gleich- 
zeitig auch  die  vielen  Verwerfungen,  welche  in  diesem  Gebiete 
Vorkommen.  In  demselben  sind  auch  manche  weitere  neue  vulka- 
nische Erscheinungen  beobachtet  worden.  Was  zunächst  die 
unterste  Stufe  des  Unter-Devons,  die  Siegener  Grauwacke,  Aequi- 
valent  des  Taunusquarzits,  anlangt,  so  wurde  gefunden,  dass  die- 
selbe, schon  früher  durch  das  Vorkommen  von  Versteinerungen 
dieser  Stufe,  namentlich  Spirifer  primaevus , in  der  Bettenfelder 
Gegend  nachgewiesen,  4 Kilometer  südöstlich  von  Bettenfeld  (Bl. 
Manderscheid)  durch  eine  Verwerfung  von  den  unteren  Coblenz- 
Schichten  getrennt  ist.  Diese  grosse  streichende  Verwerfung  hat 
eine  Verschiebung  der  Schichten  von  etwa  50  Meter  Höhe  be- 
wirkt, was  sich  aus  der  Niveaudifferenz  ergiebt,  in  der  der  auf  den 


XLII 


unterdevonischen  Schichten  lagernde  Buntsandstein  zu  beiden  Seiten 
derselben  liegt;  sie  setzt  in  südwestlicher  Richtung  durch  die 
Trias  und  wurde  auf  eine  Länge  von  27  Kilometer  bis  an  die 
Nims  verfolgt.  Die  Siegener  Grauwacke  scheint  sich,  nördlich 
von  Bettenfeld,  nicht  weit  auszudehuen,  denn  zwischen  Meerfeld 
und  Schutz  finden  sieh  Versteinerungen  der  unteren  Coblenz- 
Stufe.  Die  südlich  der  Verwerfung  vorkommenden  unteren  Cob- 
lenz  - Schichten  dehnen  sich  auf  beiden  Seiten  der  Lieser  bis 
unterhalb  der  Pleiner  Mühle,  zu  dem  Coblenz-Quarzit  des  Grüne- 
walds, aus,  der  die  südwestliche  Fortsetzung  des  Kondelwald- 
Quarzits  bildet.  In  den  Rücken  des  Grünewalds  und  Kondelwalds 
zeigen  sich  mehrere  Querverwerfungen,  die  von  SO.  nach  NW. 
streichen.  Die  unteren  Coblenz-Schichten  erstrecken  sich  an  der 
Kill  aufwärts  von  Zenscheid  bis  in  die  Nähe  von  Densborn, 
an  der  kleinen  Kill  bis  oberhalb  Oberstadtfeld,  an  der  oberen 
Lieser  bis  in  die  Gegend  von  Rengen,  oberhalb  Daun.  Zwischen 
Densborn  und  Usch  a/Kill  treten  Quarzite  auf,  die  bald  unter 
dem  Buntsandstein  des  Salmwaldes  verschwinden,  aber  im  Prüm- 
scheid-Rücken  (nördlich  von  Salm)  wieder  erscheinen  und  nach  der 
kleinen  Kill  hin  fortsetzen.  Auf  der  linken  Seite  derselben 
kommen  weit  verbreitete  vulkanische  Gesteine  vor,  und  erst  bei 
Waldkönigen  und  westlich  von  Rengen  tritt  wieder  Coblenz-Quarzit 
auf.  Zwischen  Rengen  und  der  Kill  scheinen  Querverwerfungen 
durchzusetzen,  die  den  Coblenz-Quarzit  bald  nach  N.,  bald  nach 
S.  verschieben.  Bei  und  oberhalb  Densborn  treten  bunte,  grau- 
lich-rothe  und  grünliche  Schiefer  im  Wechsel  mit  Grauwacken- 
bänken auf,  die  der  oberen  Coblenz- Stufe  angehören,  ebenso  an 
der  kleinen  Kill,  namentlich  nördlich  von  Neroth.  Die  schon 
früher  erwähnte,  von  Mürlenbach  nach  Neroth  hin  sich  ausdeh- 
neude  schmale  Kalkmulde  enthält  nur  die  unteren  Glieder  des 
Eifelkalks.  Die  Quarzite,  welche  sich  auf  der  Nordwestseite  im 
Liegenden  dieser  Kalkmulde  von  der  Rödelkaul  nach  Mürlenbach 
hinziehen,  gehören,  ebenso  wie  die  bei  Lichtenborn,  Reif  und  Das- 
burg, die  früher  als  Coblenz-Quarzit  angesehen  wurden,  der  oberen 
Coblenz-Stufe  an.  Oberhalb  Mürlenbach,  bis  Lissingen  hin,  sind 
zu  beiden  Seiten  der  Kill  die  oberer;  Coblenz-Schichten  vielfach 


xLin 


aufgeschlossen;  dicht  bei  Lissingen  beginnt  die  Gerolsteiner  Kalk- 
mulde. 

Ueber  das  Auftreten  der  unteren  und  oberen  Coblenz-Schichten 
an  der  Nims,  Prüm  und  Our  wurde  im  letzten  Bericht  bereits 
Mittheilung  gemacht,  auch  darüber,  dass  von  Reuland  nach  der 
oberen  Our  hin  Hunsrück-Schiefer  sich  durchziehen.  Nordwestlich 
derselben  reichen  sie  bis  einige  Kilometer  über  St.  Vith  hinaus, 
wo  dann  Quarzite  auftreten,  die  dem  Taunusquarzit  angehören 
dürften.  Zwischen  Schönberg  a/Our  und  dem  Coblenz- Quarzit 
der  Schneifel  erscheint  ein  breites  Band  unterer  Coblenz-Schichten. 
Im  Hangenden  der  oberen  Coblenz-Schichten  zwischen  der  Schneifel 
und  Prümer  Kalkmulde,  besonders  aber  südwestlich  derselben  nach 
Daleiden  hin,  kommen  muldenförmige  Einlagerungen  dünngeschich- 
teter, dunkelgefärbter,  versteinerungsreicher  Schiefer  — die  Da- 
leider Schichten  — vor,  ein  Aequivalent  der  Orthoceras- Schiefer, 
und  daher  schon  zum  Mitteldevon  gehörig. 

Die  tiefsten  kalkig -mergeligen  Schichten  der  Prümer  Kalk- 
mulde beginnen  über  den  Daleider  Schichten  auf  der  Ostseite  der 
Prüm  bei  Matzerath  und  zeigen  an  ihrer  Basis  an  mehreren  Stellen 
körnige  Rotheisensteine  mit  Spirifer  cultrijugatus.  Erst  bei  Schö- 
necken treten  mittlere  und  obere  Abtheilungen  des  Eifelkalks  auf. 
Die  Kalkmulde  nimmt  bei  Schönecken  und  östlich  von  da  eine 
Breite  von  7 Kilometer  ein,  bei  Büdesheim,  wo  sie  auf  der  Südost- 
Seite  durch  eine  Verwerfung  begrenzt  wird,  kaum  4 Kilometer.  Ein 
schmaler  Streifen  von  Eifelkalk  setzt  von  Oos  über  Kalenborn,  Nieder- 
bettingen a/Kill  nach  Hillesheim  fort,  durch  zwei,  fast  parallel  strei- 
chende Verwerfungen  zwischen  Buntsandstein  eingekeilt,  wovon  be- 
reits früher  Erwähnung  geschah.  Die  Oberdevon -Schichten  von 
Büdesheim  und  Oos  sind  ebenfalls  durch  zwei  Verwerfungen  einge- 
keilt. Die  Gerolsteiner  Kalke  und  Dolomite  sind  von  der  Prümer 
Kalkmulde  durch  eine  grosse  streichende  Verwerfung,  die  2 Kilo- 
meter nordwestlich  von  Gerolstein  durchsetzt,  getrennt.  Hier  stösst 
Buntsandstein  an  dieselbe.  Ob  dieselbe  Verwerfung  oder  eine 
parallel  mit  ihr  verlaufende  es  ist,  die  sich  bei  Rockeskill  so  auf- 
fällig bemerklich  macht,  bleibt  noch  zu  ermitteln.  Gleich  unter- 
halb Rockeskill  lagern  in  Folge  dieser  Verwerfung  mächtige 


XLIV 


Schichten  vulkanischen  Tuffes  neben  Kalk,  der  sich  in  einem 
hohen  Rücken  darstellt;  an  dessen  südöstlichem  Abhang  ruhen 
wieder  Tuffschichten,  ebenfalls  bedeutend  eingesunken.  Etwa 
2 Kilometer  weiter  in  NO.,  bei  Essingen,  gewahrt  man  eine  Ein- 
senkung der  Kalkschichten  am  Fusse  des  Höhenzuges  nordwest- 
lich von  Essingen,  der  meist  aus  oberen  Coblenz-Schichten  besteht. 

Die  Hillesheimer  Kalkmulde  liegt  in  der  nordöstlichen  Fort- 
setzung der  Prümer,  beide  sind  nur  durch  den  zwischen  Bunt- 
sandstein eingekeilten  Eifelkalk -Streifen  Oos- Kalenborn -Nieder- 
bettingen-Bolsdorf  verbunden;  nordöstlich  von  Hillesheim  liegt  sie 
in  der  Breite  von  etwa  4 Kilometer  zwischen  zwei  streichenden 
Parallelverwerfungen.  Zwischen  Gönnersdorf  und  Birgel  a/Kill 
kommt  eine  Kalkmulde  vor,  die  in  nordöstlicher  Richtung  nach 
dem  Ahrbach  sicK  ausdehnt,  und  deren  unterste  Schichten  mit 
körnigem  Rotheisenstein  des  nordwestlichen  Muldenflügels  zwischen 
Gönnersdorf  und  Lehnerath  vielfach  ausgeschlossen  sind.  Sie  ist 
auf  der  südöstlichen  Seite  durch  eine  grosse  streichende  Ver- 
werfung begrenzt.  Nur  eine  kleine  Kalkpartie  liegt  noch  südöst- 
lich derselben  an  der  Kirche  von  Birgel.  Hier  sind  die  Gebirgs- 
störungen  besonders  interessant.  Mit  der  eben  bezeichneten  Ver- 
werfung parallel  verläuft  durch  Birgel  eine  zweite,  zwischen  denen 
diese  kleine  Kalkpartie  erscheint.  Nahe  östlich  von  Birgel  finden 
sich  wieder  zwei  Verwerfungen,  durch  welche  obere  Coblenz- 
Schichten  in  der  Breite  von  200  Meter  wie  in  Buntsandstein  einge- 
keilt erscheinen,  der  sich  dann  Kill-abwärts  bis  zu  den  Eifelkalk 
einschliessenden  Parallelklüften  von  Niederbettingen  und  weiter  bis 
Dom  ausdehnt.  — Ganz  eigentümlich  sind  die  Gebirgsstörungen, 
nördlich  und  nordwestlich  von  Birgel.  1 Kilometer  westlich  von 
da,  auf  der  östlichen  Seite  des  Möscheibergs,  ist  eine  20  — 30  Meter 
breite  Partie  von  Buntsandstein  auf  eine  Länge  von  400  Meter 
zwischen  Kalkstein  durch  zwei  parallele  Klüfte  eingekeilt,  die  von 
SO.  nach  NW.  verlaufen.  Aehnliche,  aber  nicht  so  gut  aufge- 
schlossene Vorkommen  von  Buntsandstein  beobachtet  man  auch 
nördlich  von  Birgel,  am  Hirschberg,  und  am  Wege  nach  Feus- 
dorf. Am  Kummenberg,  800  Meter  östlich  von  Feusdorf  tritt  in 
einem  Steinbruch  eine  1 — 2 Meter  breite  Partie  von  Kalkstein 


XLV 


zwischen  Buntsandstein  hervor.  In  einem  Kalksteinbruch  zwischen 
Birgel  und  Jünkerath  erscheinen  einige  Parallelklüfte,  zwischen 
denen  bis  zu  6 Meter  Tiefe  geschichtetes  Diluvium  (grobe  Quarz- 
conglomerate  in  Wechsellagerung  mit  gelbem  Sand)  liegt.  Noch 
sei  des  schönen  Aufschlusses  500  Meter  südöstlich  von  Lehnerath 
gedacht,  woselbst  in  einem  Steinbruch,  auf  4 Meter  Tiefe,  Schichten 
von  oberem  Buntsandstein  entblösst  sind:  auf  der  nördlichen  Seite 
ist  eine  Kluft  und  liegen  an  derselben  und  neben  dem  Buntsand- 
stein stark  geneigte  Schichten  von  Schlacken  und  vulkanischem 
Tuff.  Das  Vorkommen  dieser  vulkanischen  Schichten,  sowie  der 
Schlackenkuppe  daneben  mit  einer  kraterförmigen  Einsenkung, 
waren  bisher  nicht  bekannt.  Das  Dorf  Schüller,  nordwestlich  von 
Birgel,  liegt  auf  oberen  Coblenz-Schichten;  in  der  tiefen  Thal- 
schlucht, südlich  davon,  treten  untere  Schichten  von  Eifelkalk  mit 
körnigem  Iiotheisenstein  an  der  Basis  auf,  welche  zwischen  Klüften 
eingesunken  sind.  An  der  Strasse  von  Niederkill  nach  Dahlem 
erscheint  in  der  Nähe  der  Kreisgrenze  an  einer  kleinen  Felspartie 
ein  eigentümliches  Conglomerat,  dass  die  v,  DECHEN’sche  Section 
Malmedy  als  Buntsandstein  angiebt.  Es  besteht  dasselbe  vorherr- 
schend aus  kleinen  Kalkbrocken  mit  einzelnen  Quarzgeröllen  und 
sandigem  Bindemittel.  Dasselbe  erinnert  an  gewisse  Schichten 
des  Conglomerates  von  Malmedy  und  sieht  der  Waderner  Stufe 
des  Ober-Rothliegenden  an  manchen  Punkten  der  Nahe- Gegend 
recht  ähnlich.  Schliesslich  sei  noch  kurz  und  vorläufig  erwähnt, 
dass  bei  den  geologischen  Aufnahmen  im  Jahre  1893  im  vulka- 
nischen Gebiete  der  Eifel  wiederum  manches  Neue  gefunden  wurde. 
Vortreffliche  Aufschlüsse  lieferten  die  Bahneinschnitte  bei  Rockes- 
kill.  Hier  wurden  mächtige,  vielfach  in  der  Lagerung  gestörte, 
Schichten  von  Tuff  entblösst,  der  sich  theils  conglomeratisch  dar- 
stellt, viele  Stücke  von  Eifelkalk  und  auch  Grauwacke  einschliesst, 
theils  ganz  feinkörnig,  dicht  und  fest  ist.  Darin  wurden  neben 
anderen  Pflanzenresten  3 Meter  lange  und  25  Centimeter  weite 
Röhren  mit  Holzstructur  an  den  inneren  Wandungen  gefunden, 
ähnlich  denen  in  den  grossen  Tuff- (Backofenstein -)brüchen  von 
Steinborn.  Ausserdem  fanden  sich,  wenn  auch  seltener,  Conchylien 
und  Knochenreste.  Die  Pflanzenreste  scheinen  im  vulkanischen  Tuff 


XLVI 


der  Eifel  gar  nicht  so  selten  zu  sein;  bei  sorgfältigem  Suchen 
findet  man  sie  an  vielen  Stellen,  wenn  auch  nur  in  Spureu. 

Ausser  den  im  letzten  Bericht  angeführten  bisher  nicht  be- 
kannt gewesenen  Kratern  sind  solche  liocli  in  grösserer  Anzahl 
aufgefunden  worden:  an  der  Alf  unterhalb  und  oberhalb  Gillen- 
feld, an  der  kleinen  Kill  in  der  Nähe  von  Oberstadtfeld,  westlich 
von  Daun  bei  Neunkirchen  und  Steinborn  nordwestlich  von  Waid- 
königen, bei  Kirchweiler  zwischen  Betteldorf  und  Rockeskill,  dann 
weiter  westlich  bei  Duppach.  Hier  ist  es  besonders  auffallend, 
wie  die  vulkanischen  Erscheinungen,  nahe  am  Dorfe,  bisher-  über- 
sehen worden  sind.  Nur  D/2  Kilometer  von  Duppach  kommt  ein 
grosser  Krater  mit  Schlackenfelsen  im  Lay-Busch  auf  der  südöst- 
lichen Seite  des  Kraters,  gleichzeitig  mit  Ablagerungen  von  Ra- 
pilli  und  Schlacken  vor,  die  zu  technischen  Zwecken  verwandt 
werden.  6 Kilometer  weiter  gegen  NW.  gewahrt  man  östlich 
von  Reuth  einen  grösseren  Krater  und  mehrere  kleine  westlich  von 
Schönfeld;  dieser  Ort  selbst  liegt  in  einer  kraterförmigen  Ver- 
tiefung, die  fast  ganz  von  vulkanischen  Ablagerungen  umgeben  ist. 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Potonie  über  seine  im  August 
1893  ausgeführte  Reise  nach  den  Steinkohlen-Revie ren 
an  der  Ruhr,  bei  Aachen  und  des  Saar-Rhein-Gebietes. 

Im  Ruhrgebiet  habe  ich  festzustellen  gesucht,  ob  die  magere 
Kohlenpartie  mit  den  Waldenburger  (Ostrauer)  Schichten  pa- 
rallelisirt  werden  könne.  In  der  Dissertation  des  Herrn  Dr. 
L.  Cremer  von  1892  (Fossile  Farne  des  Westf.  Carbons) 
nämlich  giebt  dieser  aus  der  genannten  liegenden  Zone  des 
Ruhrgebietes  ein  Leitfossil  der  Waldenburger  Schichten,  die 
Sphenopteris  elegans , an.  Die  Exemplare,  welche  diese  Bestimmung 
veranlasst  haben,  befinden  sich  in  der  von  mir  besuchten  Berg- 
schulsammlung zu  Bochum  und  gehören  nicht  zu  der  genannten 
Art,  sondern  stimmen  am  ehesten  mit  der  Sphenopteris  (Diploth- 
mema)  elegantiforme  (Stur  sp.)  aus  den  Saarbrücker  (Schatz- 
larer)  Schichten  überein.  Bei  der  Sphenopteris  elegans  sind  die 
Spindeln  quergerieft,  was  an  Cremer’s  Exemplaren  nicht  zu  beob- 
achten ist,  bei  denen  die  Spindeln  glatt  sind  und  ein  der  Länge 


XLVII 


nacli  central  verlaufendes  Leitbündel  erkennen  lassen;  ferner  sind 
die  Fiedern  letzter  Ordnung  an  den  Westfälischen  Exemplaren 
sparriger  als  bei  der  Sphenopteris  elegans , bei  der  die  Fiederchen 
in  spitzeren  Winkeln  abgehen.  Auch  die  übrigen  Pflanzen- Reste 
aus  der  mageren  Kohlenpartie,  die  ich  auf  den  Halden,  in  der 
Bergmännischen  Ausstellung  zu  Gelsenkirchen  und  in  der  Berg- 
schulsammlung zu  Bochum  gesehen  habe , sprechen  keineswegs 
für  typische  Waldenburger  Schichten,  sondern  für  Saarbrücker 
Schichten.  Es  sind  demnach  die  sämmtlichen  zur  Zeit  gebauten 
Flötze  des  Ruhrgebietes  bis  auf  Weiteres  zu  den  Saarbrücker 
Schichten  zu  stellen,  die  sich,  wie  Herr  Dr.  Cremer  trefflich 
gezeigt  hat,  dort  auf  Grund  des  Pflanzen -Inhaltes  in  mehrere 
Horizonte  gliedern  lassen.  So  sind  Anklänge  an  die  Flora  der 
Waldenburger  Schichten  in  der  mageren  Kohlenpartie  auffällig; 
ich  erwähne  nur  das  reichliche  Auftreten  von  Neuropteris  Schlehanii 
und  das  vollständige  Zurücktreten  von  Pecopteris. 

In  allen  B oben  genannten  Carbon -Revieren  habe  ich  im 
Thonschiefer  Stigmarien  mit  radial  ausstrahlenden  Appendices, 
also  in  derselben  Erhaltungsweise  constatirt,  wie  ich  diese  in  der 
Zeitschrift  der  Deutsch,  geol.  Ges.  1893,  Bd.  45,  S.  97  ff.  beschrieben 
und  abgebildet  habe.  Für  mich  liegt  hierin  ein  Beweis  für  die 
Autochthonie  der  Stigmarien  in  dem  umgebenden  Thonschiefer 
(vergl.  1.  c.).  Die  Stigmaria- Appendices  gleichen  den  Wurzeln 
an  den  Rhizomen  unserer  heimischen  Nymphaeaceen  ungemein,  ja 
diese  Wurzeln  hinterlassen  Narben  von  derselben  Form  und 
Grösse  wie  die  Appendices  der  Stigmarien.  Es  wäre  bei  der 
geringen  mechanischen  Widerstandsfähigkeit  der  Nymphaeaceen- 
Wurzeln  undenkbar,  dass  bei  einem  Transport  der  Rhizome  die 
Wurzeln  noch  nach  allen  Seiten  hin  senkrecht  zu  den  Rhizom- 
Körpern  gefunden  werden  können;  von  den  Appendices  der  Stig- 
marien müssen  wir  bei  ihrer  hohen  Aehnlichkeit  im  anatomischen 
Bau  durchaus  dasselbe  annehmen : der  die  noch  Appendices- 
behafteten  Stigmarien  umgebende  Thonschiefer  ist  daher  der 
Boden,  in  welchem  diese  Stigmarien  auch  gewachsen  sind.  Herr 
Dr.  Cremer  machte  mich  auf  eine  von  mir  übersehene  Stelle 
von  H.  R.  Göppert  aufmerksam,  die  im  Vergleich  mit  dem  von 


XLVIII 


mir  1.  c.  Gesagten  ein  besonderes  Interesse  beansprucht.  Göppert 
sagt  nämlich  in  seinem  »Bericht  über  eine  im  Aufträge  .... 
in  dem  Westf.  Hauptbergdistrict  unternommene  Reise  zum 
Zwecke  der  Untersuchung  der  in  der  dortigen  Steinkohlenfauna 
vorhandenen  fossilen  Flora«  (Verb.  d.  naturh.  Ver.  d.  preuss. 
Rheinl.  u.  Westf.,  11.  Jahrg.,  Bonn  1854,  S.  236  u.  237):  »Ueberall 
gelang  es  mir,  an  den  bei  den  Zechen  etwa  vorhandenen  Schiefer- 
thonen  diejenigen  zu  unterscheiden,  welche  von  dem  Liegenden 
eines  Flötzes  stammten,  nämlich:  an  dem  Vorherrschen  der  Stig- 
maria  ficoides , deren  zahllose  Verästelungen  mit  den  Blättern  oder 
Wurzelfasern  nicht  in  der  Richtung  der  Schichten  wie  dies 
eigentlich  bei  der  Mehrzahl  der  im  Schieferthon  vorhandenen 
Pflanzen  der  Fall  ist,  gelagert  erscheinen,  sondern  ihn  nach  allen 
Richtungen  hin  durchsetzen , dass  jede  Spur  von  Schichtung 
völlig  aufgehoben  ist.  Es  fehlen  gewöhnlich  auch  alle  anderen 
Pflanzen«. 

Mein  Augenmerk  im  Saar -Gebiet  war  besonders  darauf  ge- 
richtet, die  Ottweiler  Schichten  zu  studiren,  die  von  dem  ver- 
storbenen Oberbergamtsmarkscheider  Bergrath  Moritz  Kliver 
zum  Unter- Rothliegenden  gerechnet  werden,  wie  das  in  den 
Karten  und  Profilen  der  Bergwerks- Direction  Saarbrücken  zum 
Ausdruck  kommt.  Nach  dem  Eindruck,  den  ich  an  Ort  und 
Stelle  gewonnen  habe  durch  den  Vergleich  des  Pflanzen -Inhaltes 
der  Ottweiler  Schichten  mit  demjenigen  der  Saarbrücker  Schichten 
und  des  Unter -Rothliegenden  (Cuseler  und  Lebacher  Schichten 
des  Prof.  Weiss),  muss  ich  durchaus  die  Ottweiler  Schichten 
nach  dem  Vorgänge  des  Herrn  Prof.  Weiss  als  oberstes  Carbon 
ansehen.  Es  gelang  mir,  ausser  den  schon  bekannten  Aehnlich- 
keiten,  in  den  Floren  der  Saarbrücker  und  Ottweiler  Schichten 
noch  eine  weitere  nachzuweisen,  insofern  als  die  bisher  aus  den 
Ottweiler  Schichten  unbekannte  Aloiopteris  (=  Heteropteris  Pot.  non 
Zeiller)  Sternbergii  (Ettingsh.)  Pot.  (=  Sphenopteris  Sternbergii ), 
die  sogar  nach  Weiss  einen  tieferen  Horizont  der  Saarbrücker- 
Schichten  einhalten  soll  als  die  Aloiopteris  ( Sphenopteris ) Essinghii 
(Andrä)  Pot.,  von  mir  in  den  Ottweiler  Schichten  und  zwar  auf 
der  Halde  bei  Dilsburg  der  Grube  Götelborn  gefunden  wurde. 


XLIX 


In  den  Cuseler  Schichten  hei  Otzenhausen  habe  ich  das 
interessante  S chizodendron-  = Tylodendron- Petrefact  in  mehreren 
Exemplaren  gefunden,  in  einer  Erhaltungsweise,  welche  die  von 
mir  in  diesem  Jahrb.  für  1887  und  in  der  Naturw.  Wochenschr. 
Bd.  III,  S.  163  ff.  gegebene  Darstellung  durchaus  rechtfertigt; 
ferner  habe  ich  zusammen  mit  Tylodendron  Walchia-rLwc\ge  gefun- 
den, sodass  meine  Vermuthung,  dass  die  genannten  Reste  zu- 
sammengehören, dass  die  Tylodendron- Petrefacten  als  Mark-Stein- 
kerne  der  Stämme  von  Walchia  zu  betrachten  sind,  eine  wesent- 
liche Stütze  gewinnt.  Es  war  diese  Vermuthung  von  Herrn 
Prof.  WEISS  wegen  des  vermeintlichen  Nichtzusammenvorkominens 
beider  Fossilreste  mündlich  bestritten  worden.  Die  in  Rede 
stehende  Erhaltungsweise  der  Tylodendren  besteht  darin,  dass 
sich  dieselben  in  dem  Gestein  stets  von  einer  dünnen,  sehr  leicht 
ab  bröckelnden,  kohligen  Hülle  umgeben  zeigen  (vergl.  meinen 
Aufsatz  ȟber  die  Volumen- Reduction  bei  Umwandlung  von 
Pflanzen -Material  in  Steinkohle«  in  der  Zeitschrift  »Glück  auf«, 
Essen  1893,  No.  80  oder  »Naturwiss.  Wochenschrift«  VIII,  S.  485), 
ein  weiterer  Beweis,  dass  die  ursprünglich  von  Weiss  als  Polster 
beschriebenen  Sculpturen  in  der  That  nicht  einer  Stammaussen- 
fläche  entsprechen. 

Ich  benutze  die  Gelegenheit,  roitzutheilen,  dass  sich  in  der 
Sammlung  der  geolog.  Landesanstalt  auch  Tylodendron  aus  dem 
Voltzien-Sandstein  Saarbrückens  und  aus  dem  oberen  Muschelkalk 
bei  Pickliessern  (Blatt  Bitburg)  'befinden,  bei  denen  die  Blattspur 
genau  wie  bei  den  Tylodendren  des  Rothliegenden  scharf  bis  in 
den  unteren  spitzen  Winkel  der  langgezogenen,  von  Leitbündel- 
Furchen  umgebenen  Rhomben  verlaufen,  also  die  Tylodendron- 
Natur  besser  erweisen  als  das  von  A.  C.  Seward  (Geolog.  Magazine, 
London  1890,  S.  218)  abgebildete  Exemplar  eines  Markkörpers 
von  Voltzia  heterophylla. 

Ein  aus  Westfalen  mitgebrachtes  interessantes  Stück  einer 
rhytidolepen  Sigillarie  mit  Wechselzonen  hat  in  diesem  Bande 
des  Jahrbuchs  S.  26  ff,  Taf.  III,  Fig.  1,  und  eine  andere  Sigillarie 
mit  Transpirations -Oeffnungen  (?),  S.  27ff,  Taf.  III,  Fig.  2 Be- 
schreibung erfahren. 


Jahrbuch  1893. 


d 


L 


Mittheilung  des  Herrn  Dr.  Keilhack  über  seine  Auf- 
nahmen in  Hinterpommern. 

Die  Aufnahme  des  Küstengebietes  zwischen  Rügenwalde  und 
Stolpmiinde  hatte  die  folgenden  wissenschaftlichen  Ergebnisse: 

Ein  nehrungsartiger  Streifen  Landes,  meist  aus  Flugsand 
bestehend,  trennt  die  Küste  von  grossen  flachen  Binnenseen  oder 
von  Mooren,  die  aus  ihnen  entstanden  sind.  Diese  Wasserbecken 
sind  als  Haffe  aufzufassen,  die  ursprünglich  Buchten  der  Ostsee 
darstellten,  aber  wohl  schon  in  sehr  früher  Zeit  durch  die  auf 
Küstenströmungen  beruhende  Bildung  der  Nehrungen  von  ihr  ab- 
geschnürt wurden.  Sich  mehrende  Funde  mariner  Conchylien 
unter  dem  Moore  hinter  den  Dünen  sprechen  für  den  ursprüng- 
lich marinen  Charakter  der  Haffseen. 

Die  Nehrungen  tragen  eine  Reihe  grossartiger  Wanderdünen ; 
es  wurden  Maassnahmen  getroffen,  die  Vorwärtsbewegung  der- 
selben durch  genaue  Messungen  festzustellen. 

Parallel  der  Küste  zieht  von  Rügenwalde  nach  NO.  ein  etwa 
2 Kilometer  breiter  Rücken,  der  sich  um  etwa  50  Meter  über  das 
nördlich  und  südlich  vorlagernde  flache  Land  erhebt;  ihm  parallel 
verlaufen  noch  einige  kleinere  Rücken  weiter  nach  dem  Strande 
zu.  Diese  Rücken  enthalten  alle  einen  an  zahlreichen  Stellen  zu 
Tage  tretenden  Kern  von  Tertiär  und  zwar  von  glaukonitreichem 
Unteroligocän  und  von  quärzreichem  Miocän. 

Der  heutige  Unterlauf  der  Wipper  von  der  südlichsten 
Rügenwalder  Schneidemühle  an  ist  künstlich  zur  Ausnutzung  des 
Gefälles  in  unbekannter  Zeit  angelegt.  Die  alte  Mündung  liegt 
eine  Meile  westlicher  bei  dem  Böbbeliner  Tief  und  war  für 
Grabow  und  Wipper  gemeinsam. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  Jentzsch  über  die  Aufnahmen 
des  Jahres  1893. 

Das  fertig  aufgenommene  Blatt  Lessen  (G.  A.  33,  29)  gehört 
der  westpreussischen  Seenplatte  an  und  lässt  weder  Tertiär  noch 
ältere  Bildungen  zu  Tage  treten.  Den  allergrössten  Theil  der 
Fläche  bedeckt  der  obere  Diluvialmergel  (Geschiebemergel),  unter 


Li 


9—25 


25  — 33 
33  — 34 

34-38 


welchem  andere  Schichten  des  Jungglacial  (Grand,  Sand,  Mergel- 
sand, Thonmergel  und  unterer  Geschiebemergel)  nur  in  kleinen 
Flächen  hervorragen.  Das  tiefste  Profil  wurde  auf  dem  Gute 
Körberrode  durch  eine  von  der  Firma  Blasendorff  in  Berlin  und 
Osterode  1891  ausgeführte  Brunnenbohrung  erschlossen,  welche 
folgende  Schichten  ergab: 

0 — 9 Meter  ohne  Proben  (nach  der  Kartirung  liegt  ober- 
flächlich oberer  Geschiebemergel  von  min- 
destens 3 Meter  Mächtigkeit); 
grauen  Geschiebemergel,  bei  11 — 12  Meter 
Tiefe  mit  einem  unbestimmbaren  Muschel- 
bruchstückchen ; 
geschiebefreien  Sand; 

sandigen  Grand,  vorwiegend  aus  nordischen 
Geschieben  bestehend; 
geschiebefreien  Sand,  im  Aussehen  und  an 
Kalkgehalt  gewöhnlichen  Diluvialsanden 
gleichend. 

Der  Bohrpunkt  liegt  etwa  109  Meter  über  dem  Meere. 

Sehr  viel  wichtiger  sind  die  Interglacialschichten,  welche  an 
einzelnen  Punkten  durchragen.  Es  sind  einerseits  mit  z.  Th. 
zweiklappigen  Schalen  von  Pisidium  und  anderen  Süsswasser- 
Schalresten  erfüllte  Sande  zu  Gr.-Schönwalde,  Blatt  Lessen,  sowie 
zu  Gr. -Tromnau  und  Germen,  Blatt  Niederzehren  (G.  A.  33;  23), 
andererseits  kalkfreie  Sande  und  Thone  mit  Pflanzenspuren  zu  Gr.- 
Schönwalde  und  Sawdin,  Blatt  Lessen.  Letztere  liegen  zwischen 
Diluvialschichten  von  normalem  Kalkgehalt,  und  werden  bei  Sawdin 
durch  unterdiluviale,  mit  Osteocollen  durchzogene  Sande  und  Grande 
bedeckt,  in  welchen  ich  vorläufig  4 Schalenstücke  (nämlich  2 Car- 
dium  edule , 1 Nassa  reticulata  und  1 glattes  Stückchen)  fand. 
Zwar  sind  diese  Meeresreste  bis  jetzt  nur  in  so  geringer  Zahl 
gesammelt,  dass  sie  nach  dem  von  mir  früher  *)  angegebenen 
Merkmale  noch  nicht  völlig  darüber  entscheiden,  ob  der  Grand 
dem  Jungglacial  oder  dem  Interglacial  zuzurechnen  sei.  Doch 


9 Zeitschr.  d.  geol.  Ges.  XLII,  1890,  S.  599. 


d 


tu 

spricht  der  bisher  völlige  Mangel  an  Yoldia  und  D reissensia 
immerhin  vorläufig  für  die  Reinheit  dieser  Meeresfaunula,  also 
für  marines  Interglacial.  Rann  würde  hier  das  Interglacial  aus  einer 
oberen  marinen  und  einer  unteren  Süsswasser-Stufe  bestehen, 
genau  so,  wie  ich  dies  früher  für  die  Elbinger  Gegend1)  nachge- 
wiesen habe.  Hervorzuheben  ist,  dass  die  interglacialen  Süss- 
wasserscliichten  von  Sawdin  nur  1 1 V2  Kilometer  von  der  inter- 
glacialen Meeresschicht  zu  Neudeck  bei  Freistadt  entfernt  sind, 
welche  ich  früher  beschrieben  habe. 

ln  Bezug  auf  Diluvialgeschiebe  wäre  zu  erwähnen,  dass 
der  bekannte  versteineruugsreiche  Cenomansandstein,  den  ich  an 
den  Gehängen  des  Weichsel-  und  Liebethaies  bei  Marienwerder 
mehrmals,  auf  den  in  den  letzten  Jahren  bearbeiteten  Blättern 
der  Seenplatte  aber  nirgends  getroffen  hatte,  in  dem  südlich  von 
Lessen  verlaufenden  Thale  der  Ossa  wieder  in  einigen  abgerun- 
deten Stücken  gefunden  wurde.  Die  Verbreitung  dieser  wich- 
tigen Geschiebe  von  zweifellos  preussischer  Herkunft  ist  hiernach 
hauptsächlich  in  den  Flusstliälern  zu  suchen,  wo  tiefere  Diluvial- 
schichten hervortreten.  Die  für  diese  Geschiebe  bezeichnende 
Serpula  Damesi  Nötl.  wurde  indess  auch  im  Grande  der  Seen- 
platte hin  und  wieder  gefunden. 

Das  Alluvium  des  Blattes  Lessen  besteht  hauptsächlich  aus 
Torf,  Wiesenkalk  und  Abschlemmmassen.  Letztere  sind  für 
das  ungemein  eng  gefältelte  Gelände  der  preussischen  Seenplatte 
besonders  bezeichnend ; auch  bringt  ihre  kartographische  Dar- 
stellung im  Verein  mit  Seen  und  Torfmooren  den  Verlauf  der 
Wellen  und  Mulden  besonders  deutlich  zur  Anschauung.  Ueber- 
dies  erreichen  sie  oft  Mächtigkeiten,  welche  ihrer  Abtrennung 
von  den  umgebenden  mergelgründigen  Diluvialschichten  auch 
praktische  Bedeutung  verleihen.  Um  dies  ziffermässig  darzustellen, 
wurde  links  des  Weges  von  Szczepanken  nach  Lenzwalde  ein 
Profil  aufgenommen,  welches  die  dem  oberen  Geschiebemergel 
entstammenden  Abschlemmmassen  (HLS  bis  HSL)  mit  2,5  Meter 
Tiefe  nicht  durchsank,  und  nach  der  durch  Herrn  R.  Gans  im 


*)  Zeitschr.  d.  geol.  Ges.  XXXIX,  1887,  S.  492—495. 


LIII 


Laboratorium  der  Königl.  Geologischen  Landesanstalt  ausgeführten 
Analyse  von  Oben  nach  Unten  folgende  Vertheilung  ergab  (in 
Procenten  des  Gesammtbodens): 


Tiefe 

Decimeter 

bei  mechanischer  Analyse 

Feinstes  1 Staub 

unter  0,01mm  0,05-0,01ram 

bei  Aufschliessung  mit  SO3 
Thonerde  1 Eisenoxyd 

Humus 

0—  2 

6,1 

7,2 

1,06 

0,72 

0,55 

2—12 

7,7 

12,5 

1,36 

0,90 

0,61 

12—18 

14,3 

20,7 

2,29 

1,35 

0,80 

18—20 

10,4 

13,0 

1,79 

1,05 

0,41 

20—25 

14,9 

19,8 

2,72 

1,53 

0,38 

Die  Nährstoffanalyse  der  Ackerkrume  hält  sich  für  die  meisten 
Stoffe  durchaus  in  den  für  Geschiebemergel  - Böden  geltenden 
Grenzen,  zeichnet  sich  aber  durch  einen  vergleichsweise  hohen 
Phosphorsäure-Gehalt  von  0,106  pCt.  aus,  der  indess  noch  immer 
sowohl  hinter  der  durchschnittlichen  Phosphorsäuremenge  unver- 
änderter Geschiebemergel,  als  auch  hinter  den  Nährstoff  bestim- 
mungen  der  alluvialen  Schlick-  und  diluvialen  Thon- Ackerkrumen 
zurückbleibt. 

Auf  dem  östlich  angrenzenden  Messtischblatte  Schwenten 
(G.  A.  33,  so),  dessen  südlichster  Theil  kartirt  wurde,  fanden  sich 
gleichfalls  bisher  nur  alluviale  und  diluviale  Bildungen.  Unter 
letzteren  nimmt  auch  dort  Oberer  Geschiebemergel  (Diluvialmergel) 
die  grössere  Fläche  ein , lässt  indess  doch  auf  recht  erhebliche 
Strecken  Unteres  Diluvium  hervortreten.  Neben  Grand  und  Sand 
ist  namentlich  Mergelsand  in  dünngeschichteten  ( Bänderthon-ähn- 
lichen)  Massen  reichlich  entwickelt,  welche  am  Abbau  Peterwitz 
(unweit  Bischofswerder)  durch  zahlreiche  kleine  Verwerfungen 
von  0,2  Meter  Sprunghöhe  zerklüftet  sind. 

Die  im  Juli  ausgeführte  Begehung  der  Eisenbahnbau- 
strecke Elbing-Osterode-Hohenstein  ergab  mehrere  inter- 
essante Aufschlüsse.  Zunächst  ragt  bei  Lichteinen,  südöstlich  von 
Osterode  (Station  72  — 27  bis  72  — f-  55)  unter  Geschiebemergel 
eine  ans  Grünsand  und  Grünerde  bestehende  Tertiär-Sc holl§ 


LIY 


auf  28  Meter  Länge  über  das  Planum.  Dieselbe  entspricht  petro- 
graphisch  dem  Unteroligocän  des  Samlandes  — mit  welchem  sie 
auch  die  groben  Quarzkörner  gemein  hat  — und  verbindet  somit 
(im  Verein  mit  Aufschlüssen  bei  Heilsberg  und  Pr.  Holland)  das 
samländische  Tertiär  mit  jenen  ihrer  Stellung  nach  bis  heute  nicht 
endgiltig  aufgeklärten  Grünerdefunden  von  Hermannshöbe  bei 
Bischofswerder,  Blatt  Gr.-Plowenz  (G.  A.  33;  36),  welche  dort  1871 
Veranlassung  zu  der  bekannten,  Diluvium,  Braunkohlenbildung 
und  obere  Kreide  erschliessenden  fiscalischen  Tiefbohrung  gaben. 

Die  Schollennatur  der  glaukonitischen  Schichten  von  Lich- 
teinen wurde  durch  eine  2 Meter  tiefe  Handbohrung  festgestellt, 
welche  unter  der  Grünerde  eine  gelbbraune  kalkhaltige  Masse  von 
lehmartigem  Ansehen  ergab,  deren  Schlemmrückstand  bei  näherer 
Untersuchung  rothe  Orthoklaskörnchen  mit  deutlichen  und  frisch- 
glänzenden Spaltungsflächen  erkennen  liess,  und  die  somit  dem 
Diluvium,  speciell  dem  Diluvialmergel  (Geschiebemergel)  zuzu- 
rechnen ist.  In  dem  den  Grünsand  unmittelbar  bedeckenden 
Geschiebemergel  ist  eine  Anzahl  kleiner  verwitterter  Bernstein- 
stücke gefunden,  während  sonst  auf  mehrere  Kilometer  der  Bau- 
strecke angeblich  kein  Bernsteinstück  gefunden  wurde.  Dies 
deutet  darauf  hin,  dass  hier  eine  Schicht  bernsteinführender  Grün- 
erde zerstört  wurde,  welche  in  geringer  Entfernung  angestanden 
hat.  Diese  Grünerde  lag  über  Kreidebildungen  und  unter  Braun- 
kohlenbildung, mithin  ganz  gleich  der  samländischen,  wie  die  von 
mir  früher *)  kurz  beschriebene , eine  Million  Kubikmeter  ent- 
haltende, durch  4 Bohrungen  in  Osterode  inmitten  des  Diluviums 
nachgewiesene  Tertiär-  und  Kreidescholle  beweist. 

In  den  Grandgruben  von  Waplitz  bei  Christburg,  welche  zur 
Beschüttung  der  Eisenbahn  in  grossem  Umfange  ausgebeutet  wer- 
den, hat  sich  eine  Anzahl  Säugethier  - Knochen  gefunden,  unter 
denen  ich  Bos  priscus , Equus  caballus  foss. , Elephas  primigenius , 
Genus  sp.  und  Ursus  sp.  feststellen  konnte.  Dieselben  sind  in- 
dess  vorläufig  nicht  als  auf  ursprünglicher  Lagerstätte  befindlich, 

*)  Jentzsch,  Bericht  über  die  Verwaltung  des  geologischen  Provinzial- 
Museums  im  Jahre  1891.  Sitzungsberichte  d.  Physikal.  - Oekonom.  Gesellsch, 
zu  Königsberg  XXXII,  1891,  S.  74. 


LY 


also  nicht  als  interglacial,  sondern  als  Geschiebe  auf  secundärer 
(jungglacialer)  Lagerstätte  anzusehen,  weil  die  Fauna  des  Grandes 
keine  einheitliche,  sondern  eine  gemischte  ist.  Ausser  genannten 
Resten  von  Laudthieren  enthält  sie  nämlich  zahlreiche  Schalreste, 
und  zwar  am  häufigsten  solche  der  frühglacialen  Eismeer muschel 
Yoldia  arctica , ausserdem  solche  der  interglacialen  Nordseearten 
Cardium  edule , Cardium  echinatum  und  der  frühglacialen  Süss- 
wasserart Dreissensia  polymorpha  und  der  in  allen  Stufen  des 
Diluviums  vorkommenden  Cyprina  Islandica.  Alle  diese  Muscheln 
sind  als  Diluvialgeschiebe  aufzufassen,  genau  so  wie  die  durch 
Kunth  aufgezählten  Jura-  und  Tertiär- Schalreste  vom  Kreuzberge 
bei  Berlin. 

Aehnliche  Mischfauna  wurde  noch  an  mehreren  anderen 
Punkten  der  Eisenbahn  beobachtet,  bietet  indess  kein  allgemeines 
Interesse.  Um  so  wichtiger  ist  die  Auffindung  einer  einheitlichen, 
aus  zumeist  kleinen,  zarten  Schalen  bestehenden  Nordseefauna  auf 
primärer,  interglacialer  Lagerstätte  bei  der  Stadt  Salfeld.  Die- 
selbe wurde  von  der  Gabelung  der  von  Salfeld  nach  Kunzendorf 
und  Goyden  führendem  Wege  mehr  als  1 Kilometer  nordwärts  bis 
Station  465  der  Baustrecke  verfolgt  und  gehört  nachstehendem 
Gesammtprofil  an: 

Jungglacial  1,0  Meter  Oberer  Diluvialsand  (Geschiebesand). 

1 Mindestens  4,0  Meter  Unterer  Diluvialsand  mit 
Mactra  subtruncata,  Cardium  edule , Tellina  soli- 
dula , Nassa  reticulata , Ccrithium  lima , Cardium 
echinatum , Corbula  .gibba  und  ? Venus , sowie 
? Ostrea  edulis. 

!1,0  Meter  Unterer  Geschiebemergel, 

1,0  Meter  mittelkörniger  Spathsand  (unterer  Dilu- 
vialsand), 

0,5  Meter  Geschiebemergel. 

Während  hier  die  Diluvialschichten  scheinbar  ungestört  lagern, 
wurden  anderwärts  erhebliche  Störungen  beobachtet.  So  insbe- 
sondere auf  Bahnhof  Alt  - Döllstädt  (Kreis  Pr.  Holland),  wo  bei 
St.  200  -b  50  mitten  in  sehr  mächtigem  geschiebefreiem  Diluvial- 
sand eine  2 Meter  mächtige  Bank  Blöcke -führenden  Geschiebe- 


LVI 


mergels  in  fast  senkrechter  Stellung  quer  durch  die  ganze  Breite 
des  Bahnhofs  von  WNW.  nach  OSO.  streicht.  Sie  wurde  von 
der  Oberfläche  bis  1,5  Meter  Tiefe  unter  Planum,  mithin  auf 
mindestens  6 Meter  Gesammttiefe  verfolgt.  Dieser  Punkt  liegt 
nur  12  Kilometer  östlich  der  von  mir  früher  2)  abgebildeten 
Schichtenstörung  von  Posilge  (Kreis  Stuhm). 

Die  im  September  ausgeführte  Begehung  der  Eisenbahn- 
Baustrecke  Nakel-Konitz  lieferte  für  jene  bisher  geologisch 
fast  völlig  unbekannte  Gegend  ein  ziemlich  zusammenhängendes 
geologisches  Profil  von  70  Kilometer  Länge.  Die  bei  Beginn  der 
Arbeit  gehegte  Hoffnung,  diluviale  Schalreste  aufzufinden,  erfüllte 
sich  nicht.  Interglaciale  Schichten  wurden  nicht  gefunden,  und 
selbst  die  jungglaciale  Mischfauna  fehlte  den  Granden  bis  auf 
zwei  völlig  unbestimmbare  Schalenbrocken  unbekannten  Alters. 
Deutliche  Durchragungen  älterer  Diluvialschichten  durch  jüngere 
wurden  mehrfach  beobachtet,  z.  Th.  mit  recht  steilem  Einfallen, 
während  anderwärts  wieder  auf  erhebliche  Strecken  ungestörte 
Lagerung  der  Diluvialschichten  aufgeschlossen  war.  Vordiluviale 
Schichten  wurden  nicht  entdeckt. 

Betreffs  der  regionalen  Vertheilung  der  verschiedenen  Diluvial- 
böden sei  vorläufig  nur  bemerkt,  dass  das  ausgedehnte  Geschiebe- 
mergel-Gebiet, welches  sich  von  Könitz  südöstlich  bis  Tuchei2) 
erstreckt,  auch  von  Könitz  18  Kilometer  südlich  bis  Gamin  mit 
geringen  Unterbrechungen  (insbesondere  von  Sand  zwischen  Hen- 
nigsdorf und  Soldau)  anhält.  Weiter  südlich  folgen  vorwiegend 
untere  Diluvialschichten  von  Camin  bis  Bahnhof  Waldungen; 
von  dort  an  besteht  die  Diluvialdecke  wieder  zumeist  aus  Ge- 
schiebemergel bis  kurz  vor  Nakel,  wo  die  Bahn  sich  zum  diluvialen 
Thorn  - Eberswalder  Hauptthal  herabsenkt.  Hier  treten  unter- 
diluviale Sande  und  Mergelsande  mit  1 — 2 Geschiebemergelbänken 

’)  Jentzsch,  Beiträge  zum  Ausbau  der  Glacialhypothese.  Dieses  Jahrbuch 
für  1884,  S.  444-445.  — Führer  durch  die  geologischen  Sammlungen  des  Pro- 
vinzialmuseums. Königsberg  1892,  S.  31,  Abb.  14  u.  15. 

2)  Jentzsch,  das  Profil  der  Eisenbahn  Könitz- Tuchei -Laskowitz,  Dieses 
Jahrbuch  für  1883,  S.  551 — 556.  • 


LVII 


hervor,  und  es  ist  bemerkenswert!),  dass  hier,  also  am  nördlichen 
Gehänge  des  Thorn-Eberswalder  Hauptthaies,  nur  horizontale 
Schichtung  beobachtet  wurde,  natürlich  abgesehen  von  der  Dia- 
gonalschichtung, welche  auch  hier  in  Sanden  auftritt. 

Im  Anschluss  an  diese  Bereisung  wurde  noch  das  neuange- 
legte Braunkohlenbergwerk  Buko  zu  Gostoczyn  bei  Tuchei  be- 
sucht, dessen  Lagerungsverhältnisse  in  einer  besonderen  Mittheilung 
beschrieben  werden  sollen. 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Grüner  über  die  chemische 
Zusammensetzung  des  Gumtower  oberoligocän en  Mer- 
gels auf  Blatt  Demertin. 

Bereits  im  Jahrbuche  1891  und  1892,  S.  lxxiii  und  lxvii 
sind  die  glaukonitischen  Mergel  in  der  sogenannten  wüsten  Feld- 
mark Gumtow  an  der  Zarenthin-Gumtower  Grenze  (Blatt  Demertin) 
besprochen  worden.  Es  erschien  von  Interesse  chemische  Ana- 
lysen auch  von  dem  gleichalterigen  glaukonitischen  Mergel  von 
Wiepke  i./Altm.,  welcher  am  zuletzt  genannten  Orte  in  2 Gruben 
nordwestlich  Ebstedt  an  der  Chaussee  von  Gardelegen  nach  Salz- 
wedel aufgeschlossen  ist,  sowie  von  denjenigen  bei  Kl. -Freden 
unweit.  Göttingen  — welche  beide  in  ausgedehntem  Umfange  als 
Meliorationsmaterial  Verwendung  finden  — zu  bieten. 

Die  Aufschliessung  der  bei  100°  C.  getrockneten,  feingepul- 
verten Mergel  mittelst  Flusssäure  ergab  umstehende  Tabelle. 

Diese  Zahlen  sprechen  deutlich  für  die  grosse  Verschieden- 
heit in  der  Zusammensetzung  dreier  geologisch  gleichalteriger 
Mergel  und  wäre  vor  allem  bei  dem  Wiepker  Mergel  der  unver- 
hältnissmässig  hohe  Eisenoxydul-  und  Oxyd-Gehalt  (22,92  pCt.), 
der  geringe  Kalk-  (2,41  pCt.  CaC08),  der  hohe  Magnesia- 
(4,04  pCt.  MgC08)  und  der  beträchtliche  Kaligehalt  (6,19  pCt.) 
hervorzuheben.  Jedenfalls  besitzt  der  glaukonitische  Mergel  von 
Gumtow  als  Melioi  ationsmaterial  höheren  W erth , da  er  bei 
29,83  pCt.  CaC03,  3,04  pCt.  K2  O und  1,06  pCt.  P2  O5  ent- 
hält, 


LVIII 


Fundort 

Gumtow, 
a.  d.  Zarenthiner 
Grenze 
(Waldecke) 

Wiepke  i./Altm. 

Kl. -Freden 
bei  Göttingen 

1 

in  Procenter 

L 

Thonerde 

3,76  | 

4,54  !) 

4,42  0 

Eisenoxyd  ...... 

2,43 

22,92 

13,37 

Kalkerde 

16,65  2) 

1,35  3) 

8,39  4) 

Magnesia , 

0,38  5) 

1,92  6) 

0,76  7) 

Kali 

3,04) 

6,19  ) 

2,78 

Natron 

’ 3,04 

Spur  ) 

[ 7,26 
1,07  ) 

1,36 

Kieselsäure 

59,15 

58,02 

60,51 

Phosphorsäure 

1,06 

0,17 

0,27 

citratlösliche  Phosphorsäure 

— 

(0,029) 

(0,026) 

Kohlensäure 

13,53 

3,18 

7,43 

Eygroscopisches  Wasser 

(1,05) 

(3,66) 

(2,11) 

Nichtbestimmtes  .... 

- 

0,64 

0,62 

Summa 

100,00 

100,00 

100,00 

0 entspr.  wasserhaltigem 
Thon 

9,51 

11,48 

11,18 

3)  entspr.  29,83  CaC03.  3)  entspr.  2,41  CaC03.  4)  entspr.  14,98  CaC03. 

5)  entspr.  0,76  MgCC>3.  6)  entspr.  4,04  MgCÜ3.  7)  entspr.  1,60  MgC03. 


LIX 


JL 

T 

Ernst  Läufer. 


Ernst  Läufer  wurde  am  31.  Juli  1850  in  Eisenach  ge- 
boren, woselbst  sein  Vater  Hoftünchermeister  war.  Den  ersten 
Unterricht  genoss  der  Knabe  in  der  dortigen  ersten  Bürgerschule, 
die  er  von  1856 — 1861  besuchte.  Im  letztgenannten  Jahre  fand 
er  Aufnahme  in  dem  Grossherzoglichen  Realgymnasium  seiner 
Vaterstadt,  welchem  er  bis  zum  Jahre  1869  angehörte,  um  dann 
nach  bestandenem  Maturitätsexamen  die  Universität  Jena  zu 
beziehen. 

Die  schöne  Umgehung  Eisenachs  wirkte  mächtig  auf  das 
Gemüth  des  Knaben  ein.  Unablässig  durchstreifte  er  die  lieb- 
lichen Thäler  und  die  mit  herrlichem  Wald  geschmückten  Berge 
seiner  Heimath,  und  durch  diese  Wanderungen  wurde  in  ihm 
schon  frühzeitig  eine  innige  Liebe  zur  Natur  und  zur  Beobachtung 
in  der  Natur  erweckt.  Eine  grosse  Anregung  hierzu  erhielt  er 
durch  seinen  Lehrer  und  späteren  Freund,  den  am  29.  März  1 > 93 
gestorbenen  Geheimen  Hofrath  Professor  Dr.  Ferdinand  Senft, 
welcher  am  Grossherzoglichen  Realgymnasium  und  an  der  Forst- 
lehranstalt in  Eisenach  den  naturwissenschaftlichen  Unterricht  er- 
theilte  und  mit  seinen  Schülern  grosse  Excursionen  unternahm, 
auf  denen  er  sie  namentlich  auch  über  den  geologischen  Bau  der 
Gegend  und  über  die  Beziehungen  der  verschiedenen  Gesteine  zur 
Bodenbildung  und  zur  wildwachsenden  Flora  belehrte.  Dieser 


LX 


persönliche  Einfluss  Senft’s,  sowie  später  das  eifrige  Studium 
seiner  Werke  ist  für  die  ganze  wissenschaftliche  Thätigkeit  Läufer’ s 
von  der  grössten  Bedeutung  gewesen,  wie  man  dies  überall  in 
seinen  Schriften  deutlich  hervortreten  sieht.  Mit  besonderer  Liebe 
und  Verehrung  gedachte  er  stets  aus  seinen  Schuljahren  seines 
Zeichenlehrers  Dr.  Gallet,  der  ihn  zugleich  in  der  Technik 
der  Oelmalerei  unterwies.  In  seinen  Mussestunden  pflegte  sich 
Läufer  auch  noch  später  viel  mit  dieser  Liebhaberei  zu  beschäf- 
tigen; namentlich  kam  ihm  seine  Befähigung  zum  Zeichnen  bei 
der  Anfertigilfag  geologischer  Landschaftsbilder  und  Profile  zu 
Statten. 

In  Jena  widmete  er  sich  dem  Studium  der  Naturwissen- 
schaften und  hörte  unteren  anderem  die  Vorträge  von  Abbe, 
Fischer,  Geuther,  Haeckel,  Reichardt,  Schaffer,  Schmid 
und  Strassburger.  Vor  allem  zog  ihn  die  Beschäftigung  mit 
der  Chemie,  sowie  mit  der  Geologie  und  Mineralogie  an.  Am 
Schluss  seiner  Studienzeit  war  er  anderthalb  Jahre  lang  Assistent 
in  dem  auch  zuvor  schon  fleissig  von  ihm  besuchten  chemischen 
Laboratorium  des  am  24.  August  1889  verstorbenen  Geheimen 
Hofraths  Professor  Dr.  A.  Geuther.  Ebenso  trat  er  in  ein 
näheres  Verhältniss  zu  dem  am  15.  Februar  1885  verstorbenen 
Geheimen  Hofrath  Professor  Dr.  E.  E.  Schmid,  dem  er  als  Assistent 
bei  den  praktischen  Hebungen  in  der  Mineralogie  und  Geologie 
zur  Hand  ging  und  in  dessen  gastlichem  Hause  er  die  freund- 
lichste Aufnahme  fand.  Auf  den  geologischen  Ausflügen,  welche 
sein  Lehrer  in  der  von  ihm  geologisch  kartirten  Umgegend  von 
Jena  unternahm,  lernte  er  das  dortige  Triasgebiet,  sowie  die  Me- 
thode der  geologischen  Kartirung  kennen,  auch  begleitete  er  den- 
selben mehrmals  während  der  Ferien  nach  Ilmenau,  von  wo  aus 
weite  Wanderungen  durch  den  Thüringer  Wald  unternommen 
wurden. 

Auf  Grand  einer  eingereichten  Dissertation  ȟber  die  Ein- 
wirkung von  alkoholfreiem  Natriumäthylat  und  essigsauren  Salzen 
auf  Epichlorhydrin«,  sowie  einer  bestandenen  Prüfung  in  der 
Chemie,  Mineralogie  und  Botanik  erlangte  Läufer  am  26.  August 
1873  die  Würde  eines  Doctors  der  Philosophie  an  der  Universität 


LXt 


Jena.  Zu  gleicher  Zeit  machte  er  sich  an  die  Bearbeitung  einer 
Preisaufgabe  über  »die  Quarzporphyre  der  Umgegend  von  Ilme- 
nau«, welche  im  Sommer  1873  von  Herrn  Geh.  Commerzienrath 
Dr.  Ferber  in  Gera  mit  Zustimmung  der  philosophischen  Facultät 
zu  Jena  gestellt  worden  war.  Die  von  Läufer  mit  dem  Motto: 
»Arbeit  ist  Leben«  eingelieferte  Arbeit,  bei  welcher  ihn  Herr 
Ilofrath  Professor  Dr.  E.  E Schmid  in  freundlichster  Weise 
unterstützte,  erhielt  bei  der  am  20.  Juni  1874  erfolgten  Preisver- 
theilung  den  ausgeschriebenen  Preis  von  Einhundert  Thalern.  Sie 
ist  im  Jahre  1876  in  der  Zeitschrift  der  deutschen  geologischen 
Gesellschaft  veröffentlicht  worden.  Ihr  Werth  besteht  in  der  petro- 
graphischen  Charakterisirung  der  in  der  Umgebung  von  Ilmenau 
auftretenden  Quarz-  und  Felsitporphyre,  sowie  namentlich  in  der 
chemischen  Untersuchung  einer  grösseren  Anzahl  hierher  gehöriger 
Gesteine. 

Durch  die  Empfehlung  des  als  Mitarbeiter  an  der  geologischen 
Specialkarte  von  Preussen  und  den  Thüringischen  Staaten  thätigen 
Geheimen  Hofraths  Schmid  trat  Läufer  am  1.  December  1873 
in  den  Dienst  der  geologischen  Landesanstalt  zu  Berlin,  wo  er 
zunächst  unter  der  Leitung  des  Herrn  Professor  Dr.  Orth  mit 
der  Ausführung  von  Bodenuntersuchungeu  im  Interesse  der  geo- 
logischen Untersuchung  des  norddeutschen  Flachlandes  beauftragt 
wurde.  Im  Frühjahr  des  folgenden  Jahres  wurde  er  im  Verein 
mit  Dr.  Dulk  unter  der  Leitung  des  Landesgeologen  Professors 
Dr.  G.  Berendt  zu  den  Aufnahmearbeiten  für  die  geologische 
Specialkarte  im  norddeutschen  Flachlande  mit  herangezogen. 
Läufer  zeigte  eine  grosse  Befähigung  für  die  Kartirungsarbeiten 
im  Felde  und  nach  mehrjähriger  Uebung  vermochte  er  oft  schon 
aus  den  Oberflächenformen  den  geologischen  Bau  einer  Gegend 
in  ihren  allgemeinen  Zügen  richtig  zu  erkennen.  Als  er  in  den 
Verband  der  geologischen  Landesanstalt  zunächst  als  Hülfsgeologe 
eintrat,  war  die  geognostisch- agronomische  Kartirung  des  Flach- 
landes soeben  erst  in  Angriff  genommen.  Durch  seine  Mitwirkung 
ist  damals  sowohl  die  Methode  der  kartographischen  Darstellung 
der  Quartärbildungen  als  auch  die  Fertigstellung  der  ersten  Karten- 
lieferungen wesentlich  gefördert  worden. 


LXII 


Am  7.  April  1879  wurde  er  zugleich  mit  deu  Hülfsgeologen 
Dr.  Dulk,  Dr.  Bücking  und  Dr.  Wahnschaffe  zum  etatsmässigen 
Assistenten  bei  der  geologischen  Landesaufnahme  ernannt,  worauf 
am  1.  April  1886  zusammen  mit  Dr.  Wahnschaffe  seine  Be- 
förderung zum  Königlichen  Landesgeologen  erfolgte.  Er  war 
Mitglied  der  deutschen  geologischen  Gesellschaft  in  Berlin,  deren 
Sitzungen  er  fleissig  besuchte  und  wurde'  im  Jahre  1877  zum 
correspondirenden  Mitgliede  der  Grossherzoglichen  Sächsischen 
Gesellschaft  für  Mineralogie,  Geologie  und  Petrefactologie  in  Jena 
ernannt. 

Mitten  in  voller  Thätigkeit  wurde  er  im  August  1 884  in 
Gransee  ganz  plötzlich  von  einem  schweren  Gehirnleiden  befallen, 
von  dem  er  nach  längerem  Kranksein  anscheinend  wieder  genas, 
bis  dann  im  Sommer  1887  ein  neuer  heftiger  Anfall  auftrat,  der, 
als  keine  Besserung  mehr  zu  erwarten  war,  am  1.  März  1890 
seine  Pensionirung  nothwendig  machte.  Erst  am  18.  Februar 
1893  wurde  er  von  seinen  langen,  schweren  Leiden  iu  Jena  durch 
einen  sanften  Tod  erlöst  und  fand  am  21.  Februar  seine  letzte 
Ruhestätte  in  seiuer  geliebten  Heimathstadt  Eisenach,  tief  be- 
trauert von  seiner  Frau  und  seinen  beiden  Söhnen,  welche,  als 
die  Unterbringung  des  schwer  Erkrankten  in  einem  Krankenhause 
iu  Jena  erforderlich  wurde,  nach  Eisenach  übergesiedelt  waren. 

Die  geologische  Landesanstalt  hat  an  Dr.  Läufer  einen  treff- 
lichen Mitarbeiter  für  die  Aufnahmen  im  norddeutschen  Flach- 
lande verloren.  Mit  rastlosem  Eifer  war  er  unablässig  bemüht, 
sowohl  durch  die  Arbeiten  im  Felde  als  auch  durch  seine  sorg- 
fältigen Bodenuntersuchungen  im  Laboratorium  dieses  neue  Unter- 
nehmen zu  fördern.  Obwohl  seine  wissenschaftliche  Thätigkeit 
nach  Abzug  der  durch  Krankheit  in  Anspruch  genommenen  Jahre 
nur  ein  Decennium  umfasst,  so  hat  er  doch  in  diesem  kurzen 
Zeiträume  recht  Tüchtiges  geleistet. 

Wenn  wir  das  im  Anhänge  mitgetheilte  Verzeichniss  seiner 
Schriften  überblicken,  so  behandeln,  mit  Ausnahme  des  schon  er- 
wähnten Aufsatzes  über  »die  Quarzporphyre  der  Umgegend 
von  Ilmenau«,  und  der  »Beiträge  zur  Basalt-Verwitte- 
rung« alle  seine  übrigen  Arbeiten  die  Bildungen  der  Quartär- 


LXIli 


formation.  Besonders  interessirten  ihn,  wie  dies  auch  schon  in 
der  letztgenannten  Arbeit  hervortritt,  die  Beziehungen  des  festen 
und  losen  Gesteins  zur  Bodenbildung  und  zur  Bodencu-ltur.  Seine 
beiden  wichtigsten  Arbeiten,  »d er  Babelsberg«  und  »die  Wer- 
d er’ sehen  Weinberge«,  welche  mit  sehr  guten  Bodenkarten 
ausgestattet  sind,  beschäftigen  sich  ausschliesslich  mit  diesen  Fragen. 
In  ihnen  hat  er  durch  genaue  Beobachtungen  über  die  geognostischen 
Lagerungsverhältnisse  und  durch  sorgfältige  physikalische  und  che- 
mische Analysen  einen  trefflichen  Beitrag  zur  Kenntniss  des  mär- 
kischen Sandbodens  gegeben.  Durch  diese  Untersuchungen  er- 
hält man  ein  klares  Bild  über  die  Leistungsfähigkeit  des  dilu- 
vialen Sandbodens,  wenn  derselbe  einer  rationellen  Cultur  unter- 
worfen wird. 

Die  in  Gemeinschaft  mif  dem  Verfasser  herausgegebene  Ab- 
handlung: »Untersuchungen  des  Bodens  der  Umgegend 
von  Berlin«  enthält  eine  Erklärung  und  Begründung  der  Me- 
thoden, welche  zur  Zeit  Fei  den  Bodenuntersuchungen  in  dem 
Laboratorium  für  Bodenkunde  zur  Anwendung  gelangt  waren,  zu- 
gleich aber  auch  sind  alle  bis  zum  Erscheinen  des  Buches  ausge- 
führten Analysen  und  die  daraus  abzuleitenden  pedologischen  Re- 
sultate darin  in  übersichtlicher  Zusammenstellung  mitgetheilt  worden. 
Die  den  Erläuterungen  der  geognostisch- agronomischen  Special- 
karte beigefügten  Bodenuntersuchungen  sollen  die  geologischen 
Bildungen  des  Flachlandes  hinsichtlich  ihrer  Zusammensetzung 
charakterisiren  und  vom  land-  und  forstwirthschaftlichen  Stand- 
punkte aus  ihre  Bedeutung  als  Culturboden  feststellen.  Um 
diesen  Zweck  zu  erreichen,  war  Läufer  unablässig  bemüht,  die 
angewandten  Methoden  zu  prüfen  und  zu  vervollkommnen,  wie 
dies  aus  den  in  diesem  Buche  mitgetheilten  Untersuchungen,  sowie 
aus  den  kleineren,  in  dem  Schriftenverzeichniss  angegebenen  Mit- 
theilungen deutlich  hervorgeht. 

Unter  den  Schriften  rein  geologischen  Inhalts  verdient  be- 
sonders der  Aufsatz  über  »die  Lagerungsverhältnisse  des 
Diluvialthonmergels  von  Werder  und  Lehnin«  hervor- 
gehoben zu  werden.  Läufer  beobachtete  in  den  tiefen  Thon- 
gruben von  Petzow  und  Glindow  bei  völlig  horizontaler  Lagerung 


txiv 

der  liegenden  Schichten  eigentümliche  sattelförmige  Aufpressungen 
des  Thones,  deren  Sattelaxen  parallel  zu  den  Thalrändern  ver- 
liefen. Er  erklärt  diese  Erscheinungen  durch  den  einseitigen  Druck 
der  Thalränder  nach  Aufhebung  des  Zusammenhanges  der  Schichten 
durch  die  Erosion  des  Thaies.  Ausserdem  stellt  er  dabei  Druck- 
wirkungen des  Inlandeises  nicht  völlig  in  Abrede. 

Von  Wichtigkeit  war  die  Auffindung  von  sehr  schön 
geschliffenen  und  geschram  raten  Septarien,  die  er  in  der 
Septarienthongrube  von  Hermsdorf  bei  Berlin  unmittelbar  unter 
der  Bedeckung  von  Geschiebemergel  beobachtet  hatte  und  welche 
zusammen  mit  den  bereits  in  Rüdersdorf  nachgewiesenen  Glaeial- 
schrammen  einen  neuen  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  ToRELL’schen 
Inlandeistheorie  bildeten. 

Den  praktischen  Interessen  der  Landwirtschaft  diente  er 
durch  die  Aufsuchung  von  nutzbaren  Mergellagen  in  der 
Provinz  Hannover.  Die  dort  ausgeführten  Reisen  gaben  ihm 
Gelegenheit  zu  mehreren  Mittheilungen  über  die  Diluvialbildungen 
dieser  Provinz. 

Diejenigen,  welche  mit  Läufer  zusammen  gearbeitet  haben, 
werden  ihm  ein  ehrendes  Andenken  bewahren.  Er  wird  ihnen 
stets  als  ein  Vorbild  eifrigen  wissenschaftlichen  Strebens,  sowie 
strengster  und  gewissenhaftester  Pflichterfüllung  gelten. 

Dem  für  seine  erste  wissenschaftliche  Arbeit  gewählten  Motto : 
»Arbeit  ist  Leben«  ist  er  treu  geblieben,  so  lange  es  ihm  ver- 
gönnt war,  zu  arbeiten. 


LXV 


Verzeichniss 

der 

Schriften  von  Ernst  Läufer. 


1875.  Die  Klärung  der  Schlämmwässer  bei  Bodenanalysen.  (Land- 
wirthschaftl.  Versuchsstationen  ed.  Prof.  Dr.  E.  Nobbe.  Bd.  XVIII, 
1875.) 

1876.  Die  Quarz-Porphyre  der  Umgegend  von  Ilmenau.  (Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  XXVIII,  1876,  S.  22-48.) 

1878.  Beiträge  zur  Basalt-Verwitterung.  (Ibid.  XXX,  1878,  S.  67 — 96.) 

— Methode  zur  Trennung  der  krystallinischen  Kieselsäure,  besonders 
des  Quarzes,  im  Gemenge  mit  Silicaten.  (Berichte  d.  deutsch, 
chem.  Ges.  XI,  1878,  S.  60  u.  61.) 

— Ueber  das  Verhalten  von  Quarz  und  der  Kieselsäure  überhaupt 
zu  Phosphorsalz.  (Berichte  d.  deutsch,  chem.  Ges.  XI,  1878, 
S.  985  u.  936.) 

1881.  Ueber  »Wallsteine«  und  ein  Puddingsteingeschiebe  aus  der  Um- 
gegend von  Berlin.  (Jahrb.  d.  königl.  preuss.  geol.  Landesanst. 
f.  1880  Berlin  1881,  S.  335—337.) 

— Ueber  geschliffene  und  geschrammte  Septarien  aus  dem  Herms- 
dorfer  Septarienthon.  (Ibid.  S.  338  u.  339.) 

— Ueber  das  Auftreten  von  Gletscherschliffen  und  Schrammen  an 
den  oligocänen  Septarien  von  Hermsdorf  bei  Berlin.  (Neues 
Jahrb.  für  Mineralogie  etc.  1881,  1.  Bd.  S.  1 u.  2.) 

— Der  Babelsberg.  (Jahrb.  d.  königl.  preuss.  geol.  Landesanst. 
f.  1880,  Berlin  1881,  S.  294—334.) 

— mit  F.  Wahnschafee,  Untersuchungen  des  Bodens  der  Umgegend 
von  Berlin.  Mittheilungen  aus  dem  Laboratorium  für  Bodenkunde 
der  königl.  Preuss.  geologischen  Landesanstalt.  (Abhandl.  z.  geol. 
Specialkarte  von  Preussen  u.  s.  w.  Bd.  III,  H.  2.) 

1 882.  Ein  Süsswasserbecken  der  Diluvialzeit  bei  Korbiskrug  nahe  Königs- 
Wusterhausen.  . ( Jahrb.  d.  königl.  preuss.  geol.  Landesanst.  f. 
1881,  Berlin  1882,  S.  496—500.) 

— Die  Lagerungsverhältnisse  des  Diluvialthonmergels  von  Werder 
und  Lehnin.  (Ibid.  S.  501 — 522.) 

— Aufschlüsse  in  den  Einschnitten  der  Stargard-Cüstriner  Eisenbahn 
.(Ibid.  S.  523—534.) 

— Aufschlüsse  im  Diluvium  der  Provinz  Brandenburg.  (Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXXIV,  1882,  S.  202—204.) 

— Orthoklasfreier  Melaphyr  von  Winterstein  (Thüringen).  (Ibid. 
S.  204—205.) 

Jahrbuch  1893.  q 


LXVI 


1883.  Der  rothe  schwedische  Sandstein  (Dalasandstein)  als  Färbungs- 
mittel einiger  Diluvialmergel  bei  Berlin.  (Jahrb.  d.  königl.  preuss. 
geol.  Landesanst.  f.  1882,  Berlin  1883,  S.  115 — 119.) 

— Auffindung,  Untersuchung  und  Verwendung  des  Mergels  in  der 
Provinz  Hannover.  (Protokoll  der  Winter-Versammlung  des 
Central- Ausschusses  der  Königl.  Landwirthschafts-Ges.  für  die 
Provinz  Hannover,  am  20. — 23.  November  1883.) 

Ueber  Aufschlüsse  im  Diluvium  von  Schonen  und  der  Insel  Hven. 
(Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXXV,  1883,  S.  619—622.) 
Ueber  die  weitere  Verbreitung  von  Riesenkesseln  in  der  Lüne 
burger  Haide.  (Ibid.  S.  623  u.  624.) 

1884.  Verlauf  und  Ergebnisse  der  diesjährigen  Untersuchungen  seitens 
der  geologischen  Landesanstalt  zur  Auffindung  von  Mergellagern 
in  der  Provinz  Hannover.  (Hannov.  Land-  und  Forstwirthschaftl. 
Zeitung  No.  41,  Jahrg.  37,  vom  17.  Sept.  1884,  S.  1 — 8.) 

— Das  Diluvium  im  noi’döstlichen  Theile  der  Provinz  Hannover. 
(Jahrb.  d.  preuss.  geol.  Landesanst.  f.  1883,  Berlin  1884,  S.  310 
bis  328.) 

— Ueber  die  Lagerung,  petrographische  Beschaffenheit  und  Gewinnung 
des  Unteren  Diluvialmergels  in  Hannover.  (Ibid.  S.  594—597.) 

— Die  Werder’schen  Weinberge.  Eine  Studie  zur  Kenntniss  des 
märkischen  Bodens.  (Abh.  zur  geol.  Specialkarte  von  Preussen 
u.  s.  w.  Bd.  V,  H.  3,  110  Seiten.) 

1887.  Bemerkungen,  über  die  Fortsetzung  des  alten  Havellaufes  vom 
Schwielow-See  und  Caniner  Luch  nach  Brandenburg.  (Jahrb.  d. 
königl.  preuss.  geol.  Landesanst.  f.  1886,  Berlin  1887,  S.  19  bis  21.) 

Von  der  geologischen  Specialkarte  von  Preussen  und  den  Thürin- 
gischen Staaten  im  Maassstab  1 : 25000  hat  E.  Läufer  folgende  Blätter 
bearbeitet  oder  ist  an  deren  Aufnahme  betheiligt  gewesen: 

Läufer:  Königs-Wusterhausen,  Friedersdorf,  Bernau,  Grünthal. 
Berendt  und  Läufer:  Oranienburg,  Hennigsdorf,  Fahrland,  Potsdam, 
Gross-Beeren. 

Berendt,  Läufer  und  Scholz:  Zehdenick,  Lieben walde. 

Berendt,  Läufer  und  Dulk:  Werder. 

Berendt,  Läufer  und  Grüner:  Trebbin. 

Keilhack  und  Läufer:  Wandlitz,  Schönerlinde,  Klein-Mutz,  Nassen- 
heide, Lehnin. 

Beushausen  und  Läufer:  Gross-Kreutz,  Gross -Wusterwitz. 

Berlin  im  November  1893. 


F.  Wahnsehaffe. 


LXVIl 


t 

Karl  August  Lossen. 


Karl  August  Lossen  , Sohn  des  in  Hohenschwand  im 
Schwarzwald  ihm  vor  wenigen  Jahren  im  Tode  vorausgegangenen 
Geheimen  Sanitäts-Raths  Valentin  Lossen  und  dessen  in  Kreuz- 
nach verstorbener  Gattin  Charlotte  geb.  Mayer  war  am  5.  Januar 
1841  an  letztgenanntem  Orte  geboren,  wo  sein  Vater  damals  als 
Badearzt  wirkte.  Ueber  seine  Jugendentwickelung  wäre  es  wohl 
den  Eltern  und  diesem  oder  jenem  seiner  nahestehenden  Ver- 
wandten möglich  gewesen,  manches  Nähere  mitzutheilen,  dem 
Freunde  und  Amtsgenossen  trat  er,  ausser  in  flüchtiger  Begegnung 
während  der  theilweise  zusammenfallenden  Studienzeit  in  Berlin 
anfangs  der  sechziger  Jahre,  erst  als  der  fertige  Mann  in  geistiger 
und  körperlicher  Vollkraft  entgegen.  Als  solchen  ihn  zu  schildern 
und  in  unser  Gedächtniss  zurückzurufen,  sollen  daher  diese  Zeilen 
auch  allein  versuchen.  Zuvor  nur  noch  einige  Zahlenangaben, 
wie  sie  den  Lebensweg  eines  jeden  umgrenzen.  Vom  Herbst  1850 
bis  dahin  1859  besuchte  der  Knabe  Lossen  das  Gymnasium  seiner 
Vaterstadt  und  verliess  dasselbe  mit  dem  Zeugniss  der  Reife,  um 
sich,  getreu  den  Familienüberlieferungen,  denen  zu  Folge  seine 
Grosseltern  väterlicher  wie  mütterlicher  Seits  aus  Hüttenmanns- 
familien stammten,  dem  Studium  des  Berg-,  Hütten-  und  Salinen- 
faches zu  widmen. 


LXVIII 


Die  damals  geltenden  Vorschriften  zur  Ausbildung  für  die 
Laufbahn  der  Staatsbeamten  in  diesen  Fächern  verlangten  zu- 
nächst eine  zweijährige  practische  Thätigkeit.  Lossen  trat  die- 
selbe als  Bergbaubeflissener  in  den  Erzgruben  des  Müsen’schen 
und  des  Siegener  Landes  an  und  ging  nach  dem  zum  Abschluss 
des  ersten  Jahres  in  der  Grube  vor  Ort  bestandenen  prac- 
tischen  Examen,  dem  sogenannten  Tentamen,  als  Bergexspec- 
tant  in’s  Saarbrücker  Revier  zur  Befahrung  der  dortigen  grossen 
Steinkohlengruben  des  Staates.  Sicher  nicht  mit  Unrecht  theilte 
Lossen  mit  seinen  späteren  Amtsgenossen,  die  einen  gleichen 
Ausbildungsgang  durchgemacht  hatten,  das  Bewusstsein,  dass  ge- 
rade die  in  diesen  zwei  Jahren  gepflegte  tägliche  Uebung, 
Schichten  und  Gänge  unter  Tage  zu  verfolgen,  sich  in  dem 
scheinbaren  Gewirre  der  Strecken,  der  Ab-  und  Ueberhauen, 
Querschläge  und  Schächte  jederzeit  und  mit  immer  wachsender 
Leichtigkeit  zurechtzufinden,  ja  endlich  verworfene  Lagerstätten 
wieder  auszurichten,  also  hinter  der  Verwerfung  aufzusuchen  oder 
doch  an  Ort  und  Stelle  zu  erkennen,  wie  man  früher  durch 
Krummort  oder  Absinken  den  verworfenen  Flötztheil  ausgerichtet 
hatte,  eine  unschätzbare,  ja  nicht  zu  ersetzende  Vorbildung  für 
den  Geognosten  und  gerade  für  den  kartirenden  Geognosten  ge- 
wesen ist. 

Im  Herbst  1861  bezog  der  junge  Lossen  die  Universität 
Berlin,  der  er  4 Semester  1861/63  angehörte,  daneben  während 
der  zwei  letzten  Semester  1862/63  zugleich  als  Schüler  der  kurz 
zuvor  entstandenen,  ja  damals  eigentlich  noch  immer  im  Entstehen 
begriffenen  Bergakademie.  Gustav  und  Heinrich  Rose,  Beyrich 
und  Roth,  Rammelsberg,  Mitscherlich  u.  A.  waren  an  der 
Universität,  Lottner,  Achenbach,  Bertram  u.  A.  an  der  Berg- 
akademie seine  Lehrer.  Das  dritte  Studienjahr,  1863/64,  sah  ihn 
an  der  Saale  hellem  Strande,  wo  er  in  Halle  der  Schüler  Girard’s 
wurde  und  gleichzeitig  im  Laboratorium  von  Heinz,  wo  sein 
älterer  Bruder  (der  jetzige  Professor  der  Chemie  in  Königsberg) 
Assistent  war,  sich  mit  den  für  das  heranrückende  Bergreferendar- 
Examen  nöthigen  practisch  - chemischen  Arbeiten  beschäftigte. 
Allein  schon  war  die  Liebe  zur  reinen  Wissenschaft  zu  mächtig 


LXIX 


in  unserm  Lossen  geworden  und  statt  das  letzte  der  sieben  Lehr- 
jahre für  die  bergmännische  Staatslaufbahn,  das  damals  sogenannte 
Büreaujahr  anzutreten,  begab  er  sich  auf  Girard’s  Rath  auf  die 
Wanderschaft,  Material  und  lebendige  Anschauungen  zu  einer  Pro- 
motioDsarbeit  zu  sammeln,  die  ihn  den  Doctorgrad  erwerben  und 
damit  die  erste  Stufe  rein  wissenschaftlicher  Lehrthätigkeit  er- 
steigen lassen  sollte. 

In  diese  Zeit  fällt  auch  die  erste  Bekanntschaft  Lossen’s 
mit  seinem  nachmaligen  Amtsgenossen  und  nächsten  Mitarbeiter 
im  Harz,  mit  Kayser,  jetzt  Professor  der  Geologie  in  Marburg. 
Gern  folgte  dieser,  wie  er  in  einem,  Lossen  gewidmeten  Nach- 
rufe im  Jahrbuch  für  Mineralogie  etc.  (Bd.  II,  1893)  selbst  be- 
schreibt, der  Aufforderung  desselben,  ihn  auf  seinen  Kreuz-  und 
Querzügen  durch  das  schöne  Gebiet  am  Südabfall  des  Hunsrück, 
im  Winkel  zwischen  Nahe  und  Rhein  zu  begleiten  und  frühzeitig 
lernten  hier  beide,  nicht  ahnend  wie  nöthig  sip  es  für  ein  späteres 
segensreiches  Zusammenarbeiten  im  Harz  haben  würden,  sich  mit 
ihren,  bei  wissenschaftlichen  Fragen  nicht  ausbleibenden  Meinungs- 
verschiedenheiten in  einander  zu  finden.  Leicht  aber  war  es  nicht, 
so  später  wie  damals,  Lossen  von  einer  einmal  gefassten  Meinung 
abzubringen.  Das  beweist  so  recht  ein  Vorfall  aus  jener  Zeit, 
den  Lossen  in  späteren  Jahren  mit  Vorliebe  zu  erzählen  pflegte 
und  den  auch  Kayser  dementsprechend  berichtet.  Es  war  kein 
Geringerer,  als  der  schon  damals  von  allen  Geologen  besonders 
hochverehrte  H.  von  Dechen,  dem  gegenüber,  auf  einem  jener, 
auch  im  Sommer  1864  fortgesetzten  wissenschaftlichen  Streifzüge 
durch  die  genannte  Gegend,  Lossen  mit  Feuereifer  seine  ab- 
weichende Meinung  vertrat,  der  aber,  als  Lossen  am  folgenden 
Tage  seine  Verzeihung  wegen  des  so  hartnäckigen  Widerspruches 
gegenüber  einer  solchen  Autorität  erbat,  ihm  nicht  nur  seine 
Freude  über  den  Zwischenfall  aussprach,  sondern  ihm  auch  den 
guten  Rath  mitgab,  sich  auf  seinem  wissenschaftlichen  Lebens- 
wege nie  von  Autoritäten  bestimmen  zu  lassen. 

Im  Frühjahre  1866  (28.  Mai)  errang  Lossen  in  Halle. auf 
Grund  seiner  Dissertation  über  die  Geologie  des  Taunus,  welche 
ausführlicher  im  folgenden  Jahre  unter  dem  Titel  »Geognostische 


LXX 


Beschreibung  der  linksrheinischen  Fortsetzung  des  Taunus«  in 
der  Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  erschien, 
den  Doctorgrad.  Mit  seines  Gönners  v.  Dechen’s  Empfehlung 
hatte  er  sich  schon  einige  Zeit  vorher  der  im  Schoosse  der  ersten 
Abtheilung  des  Ministeriums  für  Handel,  Gewerbe  und  öffentliche 
Arbeiten,  unter  der  hohen  Gunst  wie  selbsteigensten  Pflege  Krug 
von  Nidda’s  und  unter  Beyrich’s  wissenschaftlicher  Leitung  er- 
blühenden geologischen  Landesuntersuchung  zur  Verfügung  ge- 
stellt. Weitschauenden  Blickes  hatte  Krug  von  Nidda,  dieser 
grösste  Bergmann  seines  Jahrhunderts,  in  Hauchecorne,  dem 
neuernannten  Direktor  der  Bergakademie,  soeben  den  Mann  ge- 
funden, der  in  engem  Vereine  und  tief  innerstem  Einverständnisse 
mit  Beyrich  aus  den  bescheidenen  Anfängen  heraus  seitdem  die 
preussische  geologische  Landesanstalt  ins  Leben  rief  und  zu  dem 
gestalten  half,  was  sie  gegenwärtig  ist. 

Unter  dieser  Leitung  begann  unser  Lossen,  nach  seiner  im 
Juni  1866  erfolgten  Anstellung  als  Hülfsgeologe,  seine  wissen- 
schaftliche Laufbahn.  Zunächst  ausschliesslich  als  kartirender 
Geologe  thätig,  fand  er  für  seine  Vorliebe  zu  petrographischen 
Studien  in  seinem  ersten  Arbeitsgebiete,  dem  Harzgebirge,  dem 
er  in  unermüdlicher  Thätigkeit  bis  zu  seinem  Ende  treu  geblieben 
ist,  ganz  besondere  Nahrung,  so  dass  ihm,  ohne  Aenderung  seiner 
Stellung  bei  der  geologischen  Landesuntersuchung,  mit  dem  1.  März 
1870  der  durch  Laspeyres  Berufung  nach  Kiel  erledigte  Lehr- 
stuhl für  Petrographie  an  der  Königlichen  Bergakademie  über- 
tragen werden  konnte,  wobei  er  im  Sommersemester  seiner  Auf- 
nahmethätigkeit  im  Harz,  im  Winter  seiner  Lehrthätigkeit  an  der 
Bergakademie  oblag.  Dass  und  wie  er  letzterer  zur  besonderen 
Zierde  geworden,  das  bezeugen  hunderte  von  Schülern,  die  ihm 
Dank  wissen. 

Im  selben  Monat,  30.  März  1870,  habilitirte  er  sich  zu 
gleicher  Lehrthätigkeit  an  der  Königlichen  Universität.  Nachdem 
er  aber  durch  Diplom  vom  9.  April  1873  bei  Gründung  der  geo- 
logischen Landesanstalt  zum  Königlichen  Landesgeologen  ernannt 
worden,  blieb  seine  Kraft  dieser  Anstalt  dauernd  erhalten. 

Wieviel  er  zu  ihrem  Erblühen  und  zu  ihrem  Ansehen  beige- 


LXXI 


trageu,  das  beweisen  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten, 
deren  er  uns  einen  reichen  Schatz  hinterlassen  hat;  Arbeiten,  die  er 
selbst  aus-  und  zu  Ende  geführt  hat;  Arbeiten,  die  er  begonnen; 
Arbeiten,  die  er  angedeutet  und  nachfolgenden  Kräften  gewisser- 
maassen  als  Aufgabe  gestellt  hat.  Denn,  so  schreibt  ein  Schüler 
von  Rosenbusch,  durch  diesen  »zur  Verehrung  für  Lossen  er- 
zogen«, sehr  richtig:  »Wie  er  durch  seine  Werke  auf  seine  Zeit- 
genossen auch  in  der  Ferne  gewirkt  hat,  so  werden  noch  Gene- 
rationen auf  der  Arbeit  seines  Geistes  fussen,.  aus  ihr  Lehre  und 
Anregung  schöpfen«. 

An  diesen  wissenschaftlichen  Arbeiten,  die  sein  Andenken 
für  alle  Zeiten  xmd  nachfolgenden  Geschlechter  gewährleisten,  uns 
zu  erfreuen,  möge  einem  besonderen  Ueberblicke  derselben  Vorbe- 
halten bleiben.  Um  sie  voll  zu  würdigen  und  in  das  entsprechende 
Licht  zu  stellen,  scheint  es  mir  so  natürlich,  einem  ganz  in  diesen 
Arbeiten  Lebenden  und  dadurch  Berufeneren  hierzu  das  Wort  zu 
überlassen *).  Die  folgenden  Zeilen  aber  sollen  es  versuchen, 
Lossen  in  seiner  ganzen  eigenartigen  Persönlichkeit 
uns  noch  einmal  zu  vergegenwärtigen  und  kommenden  Ge- 
schlechtern zu  schildern. 

In  seiner  ganzen  Vollkraft  trat  er  im  Jahre  1874  dem  Freunde 
und  Amtsgenossen  entgegen.  In  dieser  seiner  Vollkraft  wirkte 
er  mit  ihm  und  anderen  Mitarbeitern  bis  zum  letzten  Jahre  seines 
Lebens.  In  dieser  seiner  Vollkraft  mag  er,  nachdem  ihm  am 
31.  Dezember  1881  noch  der  Titel  eines  Professors  an  der  Berg- 
akademie verliehen  worden  und  ihn  am  20.  Dezember  1886  die 
philosophische  Fakultät  der  Universität  Berlin  zu  ihrem  ausser- 
ordentlichen Professor  ernannt  hatte,  auch  heute  noch  einmal  uns 
entgegentreten  mit  dem  sinnigen  »Glückauf«  für  den  Fachge- 
nossen, mit  dem  warmen  »Grüss  Gott«  für  jeden,  der  einst  seinen 
Lebensweg  kreuzte. 

Wer  fühlt,  seiner  gedenkend,  nicht  von  neuem  seinen  biederen 
Handschlag,  so  einzig  in  seiner  Art,  so  urkräftig  und  doch  so  an- 
heimelnd. Vom  grossen  grauen  Schlapphut  die  breite,  trutzige  Stirn 


0 Anmerkung  der  Redaction : Der  nächste  Band  des  Jahrbuches  wird  eine 
Würdigung  von  Losskn’s  wissenschaftlichen  Arbeiten  enthalten. 


LXXII 


beschattet,  steht  seine  kräftige,  gedrungene  Gestalt  wie  einst  in  ge- 
sunden Tagen  vor  uns.  Sonnig  und  lebensfrisch  trifft  uns  trotz 
der  buschigen  dunklen  Augenbrauen  und  der  Falten  auf  der  Stirn 
der  Blick  aus  dem  vom  grossen  schwarzen  Barte  voll  umrahmten 
Gesicht,  und  fast  will  es  uns  unglaublich  erscheinen,  dass  die 
Krankheit  sich  an  dieses  prächtige  Bild  gesunder  rüstiger  Schaffens- 
kraft heraugewagt,  dass  der  Tod  ihn  so  rasch  im  blühenden 
Mannesalter  von  52  Jahren  herausgerissen  aus  reichem,  tief  ge- 
gründetem Familienglück  und  einem  Kreise  von  Freunden  und 
Collegen,  die  in  seltener  Einmüthigkeit  ihm  unverhohlen  ihre  auf- 
richtige Verehrung  zollten. 

Ja,  wer  hätte  sich  nicht  sofort  zu  ihm  hingezogen  gefühlt, 
wenn  ihn  der  warme,  freundliche  Strahl  dieses  nicht  grossen,  aber 
klaren  und  treuherzig,  ja  selbst  schelmisch  frohen  Auges  traf, 
wenn  ihm  Lossen  in  seiner  herzgewinnenden,  feinsinnigen  Art 
zum  ersten  Male  entgegen  trat.  Dass  uns  hier  ein  Mann  von 
seltener  Geistes-,  Herzens-  und  Wissensbildung  und  geradem, 
man  möchte  sagen,  idealem  Charakter  gegenüber  stand,  das  fühlte 
wohl  ein  jeder  als  ersten  Eindruck  dieses  Trefflichen  auf  sich 
wirken,  und  wenn  er  selbst  auch  mit  einer  wahrhaft  rührenden 
Bescheidenheit  seine  edlen  Eigenschaften,  sein  Wissen  und  Können, 
wie  etwas  Selbstverständliches,  dem  Lobe  und  der  Anerkennung 
zu  entziehen  wusste,  so  »erkannte  man,  ohne  bei  dieser  Herzens- 
güte und  Bescheidenheit  gedemüthigt  zu  sein,  doch  mit  Freude« 
— wie  einer  seiner  Freunde  so  wahr  zugiebt  — in  ihm  nur  zu 
oft  den  besseren  Menschen. 

Ohne  dabei,  wie  so  häufig,  wenn  ein  Stern  am  Erdenhori- 
zonte verschwunden  ist,  ihm  eine  leere  Phrase  nachzurufen,  kann 
man  von  Lossen  mit  Ueberzeugung  sagen,  er  bleibt  in  vielem 
ein  unerreichtes,  ja  leuchtendes  Vorbild.  Im  Besonderen  »das 
Vorbild  eines  echten  deutschen  Bergmannes  nennt  ihn  unter  den 
zahlreichen  Schreiben,  die  sein  Hinscheiden  betrauern,  das  eines 
bedeutenden  Mannes  der  Praxis,  pflichttreu,  fleissig,  gottesfürchtig, 
einfach,  voller  Liebe  und  Hingebung  für  alles  Schöne  und  Gute  — «. 

In  Gedanken  treten  wir  mit  ihm  in  seinen  Familienkreis. 
Wohlig  und  wohnlich  umweht  uns  die  Luft  eines  echten  deutschen 


LXXIII 


Heims,  der  Stätte,  die  der  Deutsche  nun  einmal  vergeblich  zum 
zweiten  Mal  auf  dem  Erdenrunde  sucht.  Seit  er  am  29.  December 
1870,  während  jenseits  des  Rheines  unter  den  Anfängen  des  Bom- 
bardements von  Paris  das  deutsche  Reich  deutscher  Nation  sich 
zu  einigen  begann,  in  Wiesbaden  von  einem  Verwandten,  Pfarrer 
Lossen  von  Sinz,  mit  Marie  Therese,  der  am  4.  Februar  1839 
geborenen  Tochter  des  Hiittenhorrn  der  Emmershäuser  Hütte 
Joseph  Lossen,  ehelich  verbunden  sich  einen  neuen  eigenen  Heerd 
gegründet  hatte,  besass  er  an  ihr  die  echte  deutsche  Gattin,  die 
in  Wort  und  That  es  verstand,  ihm  sein  Haus  zu  einer  Stätte  der 
Erholung  nach  geistiger  und  körperlicher  Anstrengung  zu  ge- 
stalten, ihm  die  unausbleiblichen  Sorgen  in  Leben  und  Amt  zu 
verscheuchen  und  die  in  treuer  inniger  Liebe  an  ihm  hing. 

Mit  ihr  sich  eines  Sinnes  fühlend  in  dem  gleichen  streng 
religiösen  Gefühl,  sah  er  sich  durch  ihr  warmes  Interesse  an  seiner 
Wissenschaft  stets  neu  angeregt  und  in  seinem  lebhaften  Sinn  und 
Verständniss  für  Kunst  und  Natur  freudig  bestärkt.  So  war  er 
nicht  nur  ein  edler  Lebensgefährte  und  eine  unersetzlich  treue 
Stütze  für  seine  Gattin,  sondern  genoss  auch  mit  ihr  in  wirklich 
häuslichem  Glücke  den  vollen  Segen  einer  zufriedenen  Ehe. 

Ein  Blick  in  dieses  reiche  schöne  Familienglück  in  den  Weih- 
nachtstagen zeigt  ihn  uns  so  recht  als  den  Familienvater  des 
deutschen  Hauses. 

Auf  einem  niedrigen,  weiss  umhüllten  Kindertischchen  die 
schlanke  deutsche  Weihnachtstanne  und  vor  ihr,  von  den  schmuck- 
bedeckten Zweigen  umschwankt  und  dem  hellen  Lichterkranz  um- 
strahlt, eine  schlichte  kleine  Holzkrippe  mit  dem  regelrecht  auf 
Stroh  gebetteten  Jesusknäblein  aus  Wachs;  rings  an  den  Wänden 
die  schmalen,  weiss  umhangenen  Tafeln,  reich  mit  Geschenken 
für  Alt  und  Jung  . bedeckt.  Hier  war  ihm  wohl,  von  dem  Fest- 
jubel seiner  drei  Kinder  umringt,  an  seiner  Seite  die  treue  Gefährtin 
froher  wie  sorgenvoller  Tage.  Wie  sang  er  da  mit  dem  frommen 
reinen  Gemüth  eines  warmherzigen  Kindes  die  alten  deutschen 
Weihnachtsweisen  mit,  wenn  zur  Baumplünderung  die  Spielkame- 
raden seiner  Kinder  mit  diesen  und  dem  Elternpaar  den  uralten 
Weihnachtsreigen  um  den  im  letzten  Glanz  prangenden  Baum 


LXXIV 


zogen;  wie  treuherzig  und  tiefempfunden  klang  dann  seine  Frage 
an  den  Knaben,  mit  dem  er,  die  markige  Hand  auf  seinen  Kraus- 
kopf gelegt,  vor  der  Krippe  stand:  »Gelt  Bub,  du  versprichst  doch 
dem  Christkindl  im  nächsten  Jahr  auch  ein  recht  braver  Bub 
zu  sein?« 

Lossen  war  eben  das  Gegentheil  eines  in  sich  abgeschlossenen 
Gelehrten,  er  fühlte  sich  im  Hause  als  den  Mittelpunkt  seiner 
Familie,  als  den  Vater,  der  sich  voll  bewusst  war,  welch’  reicher 
Schatz  ihm  in  seinen  Kindern  an  vertraut,  aber  auch  welche  Ver- 
antwortung er  geistig  und  leiblich  für  sie  übernommen.  Reiche 
Liebe  bot  er  ihnen  neben  der  ernsten  Erziehung  zu  allem  Edlen 
und  Hohen  und  so  erntete  er  auch  von  ihnen  treue  Anhänglich- 
keit und  wird  ihnen  noch  manchmal  in  seiner  Treue  bis  in’s 
Kleinste  fehlen,  aber  sie  darin  auch  als  nacheiferungswürdiges 
Vorbild  umschweben. 

Mit  dem  echt  rheinischen  Frohsinn  war  es  dann  aber  auch 
Lossen  so  recht  gegeben,  dem  Kreise  von  Freunden  und  Be- 
kannten die  Stunden  geselligen  Beisammenseins  lieb  und  gemüth- 
lich  zu  machen. 

Es  grüne  die  Tanne, 

Es  wachse  das  Erz, 

Gott  schenke  uns  allen, 

Ein  fröhliches  Herz! 

Diesen  Harzer  Bergmannsspruch  hatte  er  sich  ganz  besonders 
zu  seinem  Lieblingsspruch  erkoren  und  mit  ganz  besonderer  Freude 
hatte  er  ihn,  von  seinem  ältesten  Töchterchen  in  Holz  gebrannt, 
noch  am  vorletzten  Weihnachtstage  über  der  Thür  seines  Arbeits- 
zimmers befestigt. 

Kein  Freund  lärmender,  prunkender  Festlichkeit,  liebte  er  doch 
frische  deutsche  Geselligkeit,  und  herzliche  Gastfreundschaft  empfing 
jeden,  der  seine  Schwelle  überschritt.  Seine  ungemein  frische 
Heiterkeit  riss  unwillkürlich  die  Gesellschaft  mit  und  er  verstand 
es  geradezu  meisterhaft,  trotz  launiger  Worte  sein  tief  innerliches 
Gemüth  zur  Geltung  zu  bringen.  Was  sein  offenes  Auge  in 
frischem,  ja  poetischen  Empfinden  in  sich  aufnahm,  das  wusste 
sein  Toast  auch  frisch  und  fesselnd  in  warmer  Sprache,  nicht 
selten  gebundener  Rede  wiederzugeben. 


LXXV 


Jeder  hörte  ihn  gern  an  sein  Glas  schlagen ; jeder  folgte  gern, 
wenn  er  einer  Sache  wieder  eine  neue,  hier  und  da  frisch  humo- 
ristische Seite  abzugewinnen  wusste,  wobei  sich  dann  sein  sonst 
tiefes  Organ  dem  Bilderreichthum  harmonisch  anschmiegte,  der 
sonst  im  Grunde  ernste  Ausdruck  seiner  ehrlichen  Augen  einer 
begeisterten  Wärme  Platz  machte.  Lossen  verstand  es  eben  sich 
im  Wort  wie  in  der  That  alle  Herzen  zu  gewinnen,  nicht  nur 
jedes  Ding  im  lichten  Sonnenschein  zu  sehen,  sondern  auch  diese 
warmen  Strahlen  auf  die  Hörer  ausgehen  zu  lassen. 

Wem  es  nun  vergönnt  gewesen,  Lossen  seinen  Freund,  seinen 
Amts-  oder  Berufsgenossen  zu  nennen,  der  fühlt  es  mit  Recht, 
wie  sein  Verlust  stellenweise  eine  unausfüllbare  Lücke  bleiben  wird. 

Was  Lossen  bot,  war  aufrichtige  selbstlose  Freundschaft,  die 
in  ein  um  so  helleres  Licht  trat,  je  geringer  heutzutage  die  Schaar 
derer,  deren  wirklich  uneigennützige  Freundschaft  die  Feuerprobe 
zu  bestehen  vermag.  Welche  herzliche  Theilnahme  brachte  er 
stets  dem  Wohl  und  Weh  befreundeter,  oft  selbst  fremder  Familien 
entgegen,  wie  innig  wusste  er  andrer  Leid  mitzufühlen,  wie  einzig 
sein  edles  Mitempfinden  auszusprechen. 

Seine  treue  lautere  Gesinnung  und  wohlmeinende  Offenherzig- 
keit sicherten  ihm  unbeschränktes  Vertrauen  und  allgemein  grosse 
Verehrung  bei  Freunden  wie  Collegen,  so  leicht  auch  sonst  oft 
deutsche  Geradheit,  besonders  im  wissenschaftlichen  Verkehr,  bei 
den  kleinsten  Meinungsverschiedenheiten  missverstanden  wird. 
Diese  Collegialität  Lossen’s  zeichnet  Lepsius  recht  treffend  in 
einem  Briefe  an  die  Wittwe,  wenn  er  sagt:  »sein  stets  zuver- 
lässiger und  offener  Charakter  machte  ihn  bei  jedem  Collegen  be- 
liebt; es  war  selbst  bei  verschiedenen  Ansichten  ein  wahres  Ver- 
gnügen mit  ihm  zu  disputiren.« 

Wie  leicht  hätte  Missgunst  die  Bewunderung  seiner  Tüchtig- 
keit und  Fähigkeit,  Thatsachen  wissenschaftlich  zu  verwerthen, 
verdunkeln  können,  wenn  nicht  seine  edle  Liebenswürdigkeit  und 
sein  warmes  Interesse  für  andrer  Arbeiten  jeden  neidlos  hätte  zu 
ihm  aufblicken  lassen,  der  einer  der  ersten  in  den  Reihen  geistiger 
Arbeit  war  und  auch  bleiben  wird. 

Diese  seltenen  Eigenschaften  machten  Lossen  denn  auch  be- 
sonders geeignet  für  wissenschaftliches  Vereinsleben,  an  dem  er 


LXXVI 


regen  Antheil  zu  nehmen  pflegte.  Nicht  nur,  dass  er  bei  den 
Sitzungen  wie  Nachsitzungen  der  Deutschen  geologischen  Gesell- 
schaft zu  Berlin,  der  er  schon  im  December  1866  als  Mitglied 
beigetreten  war,  die  Sommerzeit  natürlich  ausgenommen,  selten 
fehlte,  er  war  auch  seit  derselben  Zeit  (30.  December  1866)  Mit- 
glied des  naturhistorischen  Vereins  der  preussischen  Rheinlande 
und  Westphalens;  seit  dem  8.  Februar  1868  correspondirendes 
Mitglied  der  kais.  königl.  geologischen  Reichsanstalt  in  Wien  ; seit 
dem  20.  November  1877  Ehrenmitglied  der  Gesellschaft  natur- 
forschender Freunde  zu  Berlin  und  ebenso  seit  dem  20.  Januar 
1887  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  des  Harzes  in  Wernige- 
rode. Am  2.  Mai  desselben  Jahres,  1887,  ernannte  ihn  die  So- 
ciete  Beige  de  Geologie,  de  Paleontologie  et  d’Hydrologie  zu 
ihrem  Membre  honoraire;  am  5.  Juni  1890  die  ostpreussische  phy- 
sikalisch-ökonomische Gesellschaft  zu  Königsberg  i/Pr.  zu  ihrem 
auswärtigen  Mitgliede;  am  25.  März  1891  die  Geological  Society 
of  London  zu  ihrem  foreign  Correspondent  und  endlich  der  Harz- 
verein für  Geschichte  und  Alterthumskunde  zu  seinem  ordent- 
lichen Mitgliede. 

Viele  Jüngere  haben  in  Lossen  einen  ihnen  stets  mit  herz- 
licher Freundlichkeit  entgegen  kommenden  Amts-  oder  Berufs- 
genossen, einen  aufrichtig  geliebten  Lehrer  oder  gar  einen  treuen 
väterlichen  Freund  und  Berather  verloren,  von  dem  sie  so  oftmals 
diese  oder  jene  mündliche  wie  schriftliche  Belehrung  und  manche 
geistvolle  Anregung  genossen. 

Ja,  ein  getreuer  Berather  war  Lossen,  dessen  offenes,  rück- 
haltloses Aussprechen  im  Verein  mit  der  freundlichen  Gefälligkeit 
und  Opferwilligkeit  in  reichem  Maasse  in  Anspruch  genommen 
wurde  und  es  ist  tief  schmerzlich,  dass  es  seinen  reichen  Anlagen 
nur  so  verhältnissmässig  kurz  gestattet  war  ihre  edlen  Güter  zum 
Wohle  der  Menschheit  zu  verwerthen.  Wo  er  zu  rathen,  zu 
helfen  vermochte,  da  konnte  man  sicher  sein,  unser  Lossen  war 
bereit  und  was  er  that,  was  er  thun  konnte,  das  geschah  gern 
und  bald. 

Auch  über  die  Lehrtätigkeit  dieses  seltenen  Mannes  herrscht 
ein  einstimmig  zu  nennendes  Urtheil  hoher  Verehrung  unter  seinen 


LXXVII 


zahlreichen  Schülern,  das  sich  etwa  dahin  znsammenfassen  lässt: 
Das,  was  er  in  der  Vorlesung  und  in  den  damit  verbundenen 
[Jebungen  bot,  lässt  sich  von  seiner  gewinnenden,  so  »überaus 
gemüthvollen  Persönlichkeit«  nicht  trennen.  Sein  Vortrag 
war  »ungemein  anziehend,  ja  begeisternd«;  nicht  das,  was 
man  glänzend  nennt,  aber  weit  nachhaltiger  infolge  des  sich  jedem 
Hörer  aufdrängenden  Gefühls,  dass  der  Lehrer  in  seinen  form- 
vollendeten, aber  unvermittelt  aus  dem  Borne  seines  reichen 
Wissens  geschöpften  Vorträgen  seine  nach  angestrengter  Arbeit 
errungene  und  erworbene  Ueberzeuguug  und  damit  einen  Theil 
seiner  Persönlichkeit  selbst  gab. 

»In  den  Hebungen  liess  er  das  Gefühl  der  Beschämung  über 
eigene  Unwissenheit  oder  Versehen  nicht  aufkommen.  Hatte  man 
ein  falsches  Ergebniss  erzielt,  so  wurde  man  durch  seine  humor- 
vollen, jeder  Schärfe  entbehrenden  Bemerkungen  in  angenehmster 
Weise  auf  den  richtigen  Weg  geführt.« 

Seinem  gerechten  und  milden  Urtheil,  obgleich  er  nicht  ge- 
ringe Anforderungen  stellte,  beugte  sich  jeder  gleichsam  leicht. 
Er  war,  wie  Herrmann  Cr.edner  so  wahr  sagt,  »ein  gegen  sich 
strenger,  gegen  andere  nachsichtiger  Forscher  und  getreuer  Be- 
rather«. 

Ueber  Lossen’s  Stellung  zu  seiner  Zeit,  zu  den  grossen  Er- 
eignissen der  60er  und  70er  Jahre,  als  Staatsbürger  und  zu 
unserm  Kaiserhause,  das  seine  Verdienste  um  die  Wissenschaft 
auch  am  20.  November  1889  mit  dem  Rothen  Adlerorden  aus- 
zeichnete, wüsste  ich  den  »diesen  treuen  und  starken  Menschen« 
als  sein  Ideal  schildernden  Worten  eines  seiner  Vettern  kaum 
noch  etwas  hinzuzufügen,  wenn  dieser  schreibt:  »Lossen  war  ein 
»rocher  de  bronze«  von  guter  alter  Sitte,  echt  deutschem  Wesen, 
umspült,  aber  nicht  erschüttert  von  der  in  vielen  widerstrebenden 
Richtungen  fluthenden  Brandung  modernen  Wesens;  conservativ 
im  besten  Sinne  des  Wortes,  mit  Treue  behauptend  den  Stand- 
punkt, auf  den  ihn  Mutter  Natur  gesetzt,  voll  rührender  Pietät 
gegen  die,  denen  er  Liebe  schuldig  war,  und  trotz  alledem,  oder 
vielleicht  gerade  desslialb , einer  der  ersten  in  den  Reihen  der 
geistigen  Arbeit,  die  unsrer  Zeit  auferlegt  ist.« 


LXXVIII 


(konservativ  in  jeder  Hinsicht  und  nicht  zum  wenigstens  als 
treuer  Sohn  seiner  katholischen  Kirche,  der  er  in  kindlicher 
Frömmigkeit  wie  fester  Ueberzeugungstreue  bis  zum  letzten  innigen 
Blick  auf  das  seinem  Sterbelager  gegenüberhängende  Cruzifix  an- 
gehörte. 

Ctjrtius  nennt  diesen  Zug  an  Lossen,  den  mancher,  ohne 
ihn  mit  Händen  begriffen  zu  haben,  wohl  gern  in’s  Bereich  frommer 
Märchen  verwiesen  hätte,  »die  schöne  Zuversicht  eines  durch  keine 
Wissenschaft  erschütterten  Glaubens«.  — Nein,  nicht  bloss  un- 
erschüttert, sondern  auch  zu  einer  Durchleuchtung  seines  ganzen 
Lebens  geworden  und  in  einer  Weise  mit  seiner  Wissenschaft  zu 
einem  edlen  harmonischem  Klange  verschmolzen,  dass  man  nur  mit 
sittlicher  Bewunderung  zu  ihm  aufschauen  kann,  und  sein  auch 
in  diesem  Punkte  von  keinem  Flecken  getrübtes  reines  Bild  uns 
zugleich  ein  Vorbild  wahrer,  tiefer  Frömmigkeit,  sonder  Falsch 
und  sonder  Aufdrängens  bleiben  wird. 

Besass  Lossen  nun  einerseits  eine  geradezu  aussergewöhnlich 
robuste  Natur,  so  war  ihm  dafür  ein  Genuss  ■ — der  volle  Gebrauch 
seines  Gehörs  — leider  nur  zu  früh  entzogen.  Schon  bald  nach 
seiner  Verheirathung  war  es  ihm  nicht  mehr  vergönnt,  das  Rollen 
des  Donners,  selbst  bei  starken  Schlägen  gewahr  zu  werden,  ob- 
gleich er  noch  während  seiner  practischen  Thätigkeit  in  den 
Königl.  Preuss.  Bergämtern  Siegen  und  Saarbrücken  in  den 
Jahren  60  und  61,  vor  Ort  schon  fern  Häuer  und  Hund  mit 
völlig  gesundem  Gehör  erspäht,  und  dann,  nach  der  Schicht  zu 
Tage  fahrend,  mit  frohem  Genuss  dem  Triller  der  Lerche  gelauscht 
hatte. 

Wie  schwer  musste  dann  der  allmähliche  Verlust  schmerzen; 
und  doch,  wie  wenig  liess  es  sich  Lossen  anmerken;  wie  wusste 
er  mit  frohem  Scherz  sich  und  andere  über  die  erklärlichen  Miss- 
verständnisse fortzuhelfen.  Nie , auch  das  herzhafteste  Lachen 
seiner  Umgebung,  sobald  Verwechselungen,  oft  der  humoristisch- 
sten Art  durch  seine  Schwerhörigkeit  hervorgerufen  wurden,  konnte 
ihn  verstimmen,  sondern,  sich  der  allgemeinen  Heiterkeit  an- 
schliessend, wusste  er  alles  in  der  launigsten  Weise  zu  verwenden. 
Wie  leicht  war  es  ihm  sogar  beim  Gebrauch  des  Hörrohres  durch 


LXXIX 


die  leiseste  Bewegung  in  schwierigen  Fällen  sein  Gegenüber  kalt 
zu  stellen,  sich  kurz  und  bündig  selbst  zum  Wort  zu  verhelfen, 
da  er  in  seinen  letzten  Jahren  nur  noch  ganz  klare,  gut  accentuirte 
Stimmen  mit  dem  blossen  Ohre  zu  verstehen  vermochte. 

Um  so  schneller  und  schwerer  sollten  aber,  trotz  seiner  guten 
Jahre,  gesunder  und  regelmässiger  Lebensweise  und  der  aus- 
gezeichneten Pflege  in  seiner  behaglichen  Häuslichkeit,  die  ernsten 
Prüfungen  der  sogenannten  Brightschen  Krankheit  über  ihn  herein- 
brechen. Schon  im  Sommer  1 892  machten  sich  die  ersten  Spuren 
des  ernsten  Uebels  bemerkbar,  sodass  er,  obgleich  der  Reisekoffer 
schon  gepackt  und  alles  zum  Aufbruch  gerüstet  war,  das  Feld 
seiner  grössten  Thätigkeit,  den  ihm  so  lieb  gewordenen  Harz, 
nicht  mehr  Wiedersehen  sollte  und  statt  dessen  im  Flinsberger 
Bade  in  Schlesiens  Bergen,  das  ja  leider  dem  unaufhaltsamen 
Lauf  dieses  Uebels  keinen  Einhalt  mehr  zu  thun  vermochte, 
Heilung  suchte. 

Noch  in  den  letzten  Tagen  des  scheidenden  Jahres  1892, 
kurz  vor  seinem  Geburtstag  am  5.  Januar,  sah  er  einen  frohen 
Kreis  ihm  nah  befreundeter  Familien  um  sich,  und  wohl  keiner 
liess  es  sich  träumen,  dass  der  so  schwer  in  ihm  zu  brechende 
Frohsinn  heut  zum  letzten  Mal  aus  ihm  sprach,  eine  letzte  fröhliche 
Stunde  des  Beisammenseins  heraufzauberte,  wenn  auch  schon  die 
dauernden  Leiden  düstre  Schatten  auf  unsres  Lossen  braves  Ge- 
sicht gebreitet  hatten,  und  es  gar  bald  mit  seinen  Kräften  in  rasendem 
Schritt  bergab  ging,  bis  am  24.  Februar  der  Tod  dem  harten 
Kampfe  seiner  letzten  Tage,  für  viele  ganz  unerwartet,  ein  ernstes 
Halt  gebot,  und  unsres  Lossen  treue  ehrliche  Augen  auf  immer 
zudrückte. 

Es  war  keine  lange,  aber  eine  reichgesegnete  Erdenlaufbahn 
einer  in  sich  harmonischen,  wirklich  edlen  Menschenseele,  von  der 
wiederum  auch  reicher  Segen  ausströmte. 

Alles  in  allem  war  Lossen  ein  Mann,  ein  ganzer  Mann.  Mit 
Recht  sagt  einer  seiner  geistlichen  Freunde:  »Devant  cette  grande 
douleur  le  savant  s’eflace  et  c’est  a peine  si  je  pense  aux  merites 
scientifiques  de  notre  eher  defunt,  rnalgre  la  haute  position  que 
son  talent  et  sa  science  lui  avaient  conquises,  je  ne  pense  qu’aux 


LXXX 


admirables  qualites  de  son  coeur,  a ses  vertus  chretiennes  et  a sa 
foi  profonde.«  Und  dasselbe  sagt  in  merkwürdigster  Ueberein- 
stimmung  — fast  möchte  man  sagen  in  freier  Uebersetzung,  wenn 
es  eben  nicht  der  Ausdruck  einer  sich  allgemein  aufdrängenden 
gleichen  Empfindung  wäre  — einer  seiner  gelehrten  Freunde  vom 
Fach,  der  gerade  seine  wissenschaftlichen  Leistungen  voll  zu  wür- 
digen versteht:  »Seine  wissenschaftliche  Bedeutung  tritt  fast  zu- 
rück vor  der  seltenen  Grösse  des  Menschen,  dem  Adel  seiner  Ge- 
sinnung und  der  Reinheit  seines  Herzens.  — 

Er  hatte  nur  Freunde!« 


Berendt. 


GxAy. 


LXXXI 


+ 

Anton  Halfar. 


Anton  Halfar  wurde  am  21:  October  1836  auf  Ratscher 
Mühle  im  Kreise  Ratibor  geboren.  Nach  Absolvirüng  des  Gym- 
nasiums trat  er  am  19*  Mai  1856  als  Bergwerksbeflissener  in  den 
Vorbereitungsdienst  für  die  höhere  Bergcarriere  im  Staatsdienst 
ein  und  wurde  im  März  1864  zum  Königl.  Bergeleven  ernannt. 
In  den  Jahren  1864  bis  1869  sehen  wir  ihn  unter  der  Leitung 
von  Ferdinand  Roemer  bei  der  Herstellung  der  geologischen 
Karte  von  Oberschlesien  beschäftigt.  Nach  deren  Vollendung 
trat  er  wieder  zum  practischen  Bergfach  zürück  und  wurde  zu- 
nächst auf  ein  halbes  Jahr  als  Bergrevierdiätar  zu  Neurode  in 
Schlesien,  vom  1.  Mai  1870  bis  zum  1.  Juli  1871  sodann  als 
technischer  Hülfsarbeiter  bei  der  Königl.  Berginspection  Clausthal 
verwandt.  Während  dieses  in  Clausthal  verlebten  Jahres  be- 
theiligte er  sich  auch  bereits  an  den  geologischen  Aufnahmen  im 
Oberharze,  ohne  jedoch  zu  der  geologischen  Landesanstalt  in  ein 
bestimmtes  Verhältniss  zu  treten.  Vom  1.  Juli  1871  bis  zum 
15.  Mai  1873  wirkte  er  als  technischer  Lehrer  an  der  Königl. 
Bergschule  zu  Saarbrücken.  Zum  letzteren  Termin  wurde  er 
an  die  geologische  Landesanstalt  nach  Berlin  berufen,  welcher  er 

f 


J ahrbuch  1893. 


LXXXII 


von  da  ab,  mit  Ausnahme  eines  halbjährigen  Commissoriums  zur 
Vertretung  des  erkrankten  Directors,  sowie  des  ersten  Lehrers 
an  der  Bergschule  zu  Bochum  im  Jahre  1876,  seine  Thätigkeit 
bis  an  sein  Lebensende  gewidmet  hat,  zunächst  diätarisch,  dann 
(seit  dem  22.  August  1874)  als  technisch- wissenschaftlicher  Secretär, 
zuletzt  (seit  dem  1.  April  1889)  als  Königl.  Bezirksgeolog.  — 

In  wissenschaftlicher  Hinsicht  ist  A.  Halfar’s  Name  mit 
zwei  räumlich  zwar  weit  getrennten,  aber  in  mancher  Hinsicht 
doch  ähnlichen  Gebieten  eng  verknüpft:  mit  dem  Altvatergebirge 
und  dem  Oberharze.  Bei  der  Vertheilung  des  Gebietes  der  geo- 
logischen Karte  von  Oberschlesien , welches  über  die  preussische 
Landesgrenze  hinausgreift,  unter  die  einzelnen  Mitarbeiter  wurde 
ihm  der  westlich  der  Oder  belegene  Theil  übertragen,  welcher, 
abgesehen  von  dem  flachen  Gebirgsvorlande , besonders  das  Alt- 
vatergebirge umfasst.  Bei  der  Kartirung  dieses  zum  Theil  aus 
paläozoischen  Schichten  bestehenden  Gebietes  hatte  A.  Halfar 
jene  Erfolge,  welche  seinen  Namen  in  der  wissenschaftlichen  Welt 
zuerst  bekannt  machten.  Abgesehen  von  dem  Nachweis  devo- 
nischer Schichten  in  der  Gegend  von  Bennisch  ist  es  besonders 
die  wichtige  Entdeckung  von  Versteinerungen  des  Unterdevon  in 
den  Quarziten  des  Dürrberges  bei  Würbenthal  in  Oesterr.-Schlesien, 
welche  einzig  und  allein  sein  Verdienst  ist.  Diese  mächtigen,, 
hellfarbigen  Quarzite  waren  vorher,  u.  A.  von  den  österreichischen 
Geologen,  zum  krystallinischen  Urgebirge  gerechnet  worden.  Um 
so  grösser  war  die  Ueberraschung,  als  es  Halfar’s  unermüdlichem 
Eifer  nach  langem  Suchen  gelang,  eine  ganze  Reihe  von  Ver- 
steinerungen in  ihnen  zu  entdecken,  welche  das  unterdevonische 
Alter  ausser  Zweifel  stellten.  Die  Versteinerungen  wurden  von 
Ferdinand  Roemer  zuerst  in  Band  17  der  Zeitschrift  der  Deut- 
schen geologischen  Gesellschaft  und  später  in  der  »Geologie  von 
Oberschlesien«  beschrieben.  — Was  ausserdem  noch  durch  Halfar 
für  die  geologische  Erkenntniss  in  jenem  Gebiete  geleistet  worden, 
ist  im  Einzelnen  nicht  mehr  nachzuweisen,  da  in  der  »Geo- 
logie von  Oberschlesien«  der  geistige  Antheil  der  einzelnen  Mit- 
arbeiter an  dem  grossen  Werke  meist  nicht  besonders  gekenn- 
zeichnet wird. 


LXXXIII 


Im  Oberharze  war  A.  Halfar  ursprünglich  das  Gebiet  zwi- 
schen Innerste  und  Oker  übertragen ; später  wurde  sein  Revier 
auf  den  nördlich  des  Bockswiese-Festenburg-Schulenberger  Gang- 
zuges belegenen  Theil  des  Messtischblattes  Zellerfeld  und  den 
hercynischen  Antheil  des  Blattes  Goslar  beschränkt.  Von  diesem 
vorwiegend  aus  devonischen  Schichten  bestehenden  Gebiete  hat 
Halfar  dann  im  Laufe  der  Jahre  eine  geologische  Karte  herge- 
stellt, welche  an  minutiöser  Genauigkeit  nirgends  ihres  Gleichen 
haben  dürfte.  Tektonisch  ist  das  Gebiet  ausserordentlich  schwierig 
durch  die  ungemein  grosse  Zahl  von  Längs-  und  Querzerreissungen, 
welche  dasselbe  durchsetzen.  Der  Ermittelung  dieser,  oft  nur  ge- 
ringfügigen Verwerfungen  war  die  meiste  Arbeit  des  Verstorbenen 
gewidmet.  Ein  ausserordentlich  genauer  Beobachter,  ruhte  er 
nicht  eher,  als  bis  er  jede  Frage  bis  in  das  kleinste  Detail  auf- 
geklärt hatte.  Dabei  stellte  es  sich  ihm  dann  allerdings  bald 
heraus,  dass  eine  genaue  Eintragung  seiner  Beobachtungen  un- 
mittelbar in  den  Rahmen  des  Messtischblattes  im  Maassstabe 
1 : 25  000  nicht  möglich  sei.  Er  gründete  deshalb  seine  Auf- 
nahmen auf  eine  überaus  grosse  Zahl  von  einzelnen  Croquis, 
welche  von  ihm  mühsam  zunächst  zu  einem  Ganzen  im  Maassstabe 
1 : 5000  verbunden  und  sodann  unter  Benutzung  mechanischer 
Hülfsmittel  auf  den  Maassstab  des  Messtischblattes  reducirt  wurden. 

Hand  in  Hand  mit  der  kartographischen  Darstellung  der 
tektonischen  Verhältnisse  gingen  die  Untersuchungen  über  die 
Verbreitung  und  Gliederung  der  innerhalb  des  Gebietes  auftreten- 
den Schichten.  Auch  in  dieser  Beziehung  verdanken  wir  A.  Halfar 
viele  werthvolle  Resultate,  von  denen  u.  A.  nur  an  den  Nachweis 
eines  ganz  allmählichen  Ueberganges  vom  Unterdevon  zum  Mittel- 
devon, sodass  eine  scharfe  Grenze  nicht  zu  ziehen  ist,  ferner  an 
den  Nachweis  des  unteren  Oberdevon  innerhalb  der  sogenannten 
Kramenzelkalke  erinnert  sein  möge.  Auch  der  Name  »Goslarer 
Schiefer«,  mit  welchem  jene  besonders  in  der  Gegend  von  Goslar 
sehr  verbreiteten  mitteldevonischen  Schiefer  bezeichnet  wurden,  in 
denen  das  Rammeisberger  Erzlager  auftritt,  rührt  von  A.  Halfar 
her.  Auch  paläontologisch  war  der  Verstorbene  vielfach  thätig; 
nicht  nur  füllte  die  sorgfältige  Bestimmung  der  zahlreichen  von 


LXXXIV 


ihm  im  Felde  gesammelten  Versteinerungen  einen  grossen  Theil 
seiner  Zeit  aus,  — besonders  wichtig  erscheinende  Funde  hat  er 
auch  in  besonderen  Aufsätzen  eingehender  beschrieben,  so  den 
Pentamerus  hercynicus , das  Conocardium  Bocksbergense  und  noch 
in  letzter  Zeit  die  erste  Asteride  aus  dem  Unterdevon  des  Ober- 
harzes. Die  wissenschaftlichen  Arbeiten  A.  Halfar’s  finden  sich 
zerstreut  in  den  Jahrgängen  der  Zeitschrift  der  Deutschen  geo- 
logischen Gesellschaft  seit  1875  und  in  den  Bänden  des  Jahr- 
buches der  Königl.  geologischen  Landesanstalt. 

In  Fragen,  welche  Gebiete  betrafen,  die  ihm  durch  eigene 
Erfahrung  bekannt  und  vertrant  waren,  hatte  der  Verstorbene  ein 
sehr  selbstständiges  Urtheil ; vor  wissenschaftlicher  Autorität, 
welche  auf  gediegene  Arbeiten  gegründet  war,  hegte  er  jedoch 
stets  eine  hohe  Achtung.  Ein  besonders  hervorstechender  Zug 
war  seine  neidlose  Anerkennung  der  Verdienste  Anderer,  selbst 
wenn  sie  geeignet  waren,  seine  auf  langjährige  Beobachtungen 
gestützte  Anschauung  zu  modificiren  oder  zu  widerlegen.  Die- 
jenigen Fachgenossen,  welche  im  Jahre  1893  an  der  Excursion 
durch  das  Okerthal  gelegentlich  der  allgemeinen  Versammlung 
der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  zu  Goslar  theilnahmen, 
werden  sich  dieser  sympathischen  Eigenschaft  des  Verblichenen 
gern  erinnern. 

A.  Half  AR  war  unverheirathet  und  suchte  und  fand  daher 
seinen  Verkehr,  soweit  ihm  seine  rastlose  Thätigkeit  dazu  Zeit 
liess,  ausserhalb  des  Hauses,  sei  es  im  Kreise  seiner  Collegen,  sei 
es  in  der  Gesellschaft  sonstiger  Freunde.  Er  war  ein  durchaus 
offener,  ehrlicher  Charakter,  in  dem  kein  Falsch  war;  er  gab  sich 
so  wie  er  war  und  setzte  dasselbe  von  Anderen  voraus.  Eine 
mittheilsame  Natur,  machte  es  ihm  besondere  Freude,  Collegen 
einen  Einblick  in  seine  Arbeiten  zu  verstatten  und  ihnen  die  unter 
mannigfachen  Mühen  gewonnenen  Resultate  derselben  ausein- 
anderzusetzen. In  anregender  Gesellschaft  erzählte  er  besonders 
gerne  von  seinen  oben  erwähnten  Entdeckungen  im  Altvater- 
gebirge. Lebendig  wusste  er  zu  schildern,  wie  er,  um  durch  das 
vielleicht  fruchtlose  Beginnen  die  Kartenaufnahmen  nicht  zu  beein- 
trächtigen, Sonntag  für  Sonntag  auf  den  Dürrberg  gewandert  sei 


LXXXV 

und  dort  mit  grossen  Hämmern  Platte  auf  Platte  zerklopft  habe, 
bis  endlich  die  ersten  Versteinerungen  die  aufgewandte  Mühe  und 
Anstrengung  gelohnt  hätten. 

Unter  seinen  Collegen  war  der  Verstorbene  wegen  seines 
offenen,  stets  freundlich  entgegenkommenden  Wesens,  seiner  frohen 
Laune,  die  auch  durch  seine  Neigung,  die  kleinen  Sorgen  des 
täglichen  Lebens  zu  ernst  zu  nehmen,  nicht  auf  lange  verscheucht 
werden  konnte,  allgemein  beliebt,  und  als  am  21.  November  1893 
die  Kunde  uns  ereilte,  dass  A.  Half  AR  nach  nur  kurzer  Krank- 
heit von  uns  geschieden  sei,  da  war  die  Trauer  aufrichtig  und 
allgemein.  — In  späten  Jahren  erst  war  es  ihm  vergönnt  gewesen, 
eine  Stellung  sich  zu  ei*ringen,  wie  sie  ihm  von  Jugend  auf  als 
Ideal  vorgeschwebt  hatte,  und  nur  kurze  Zeit  hat  er  sich  ihrer 
erfreuen  dürfen.  Möge  ihm  die  Erde  leicht  sein! 

L.  Beushausen. 


LXXXYI 


7. 

Personal  -V  erhältnisse 

bei  der  Königl.  Preuss.  geologischen  Landesanstalt 
und  Bergakademie  am  1.  Januar  1894. 


Kuratorium. 

1.  Oberberghauptmann  Freund,  Director  der  Abtheilung  für  das 

Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen  im  Ministerium  für 
Handel  und  Gewerbe. 

2.  Geheimer  Regierungsrath  Professor  Dr.  Rammelsberg. 

3.  Geheimer  Bergrath  Leuschner. 

4.  Geheimer  Oberbergrath  Dr.  Hauchecorne. 

5.  Geheimer  Bergrath  Professor  Dr.  Beyrich. 

Vorstand. 

1.  W.  Hauchecorne,  Dr.  phil.,  Geheimer  Oberbergrath,  erster 

Director  der  Gesammtanstalt. 

2.  E.  Beyrich,  Dr.  phil.,  Geheimer  Bergrath,  ordentl.  Professor 

an  der  Universität,  Director  für  die  wissenschaftliche  Lei- 
tung der  geologischen  Landesaufnahme,  zugleich  Lehrer 
der  Geognosie  bei  der  Bergakademie. 

Bei  der  geologischen  Landesaufnahme. 

A.  Landesgeologen. 

1.  G.  Berendt,  Dr.  phil.,  ausserordentl.  Professor  an  der  Uni- 

versität , mit  der  speciellen  Leitung  der  Flachlandsauf- 
nahmen beauftragt. 

2.  H.  Grebe  in  Trier. 


LXXXVII 


3.  H.  Loretz,  Dr.  phil. 

4.  F.  Wahn  schaffe,  Dr.  phil.,  Professor,  Privatdocent  an  der 

Universität,  zugleich  Lehrer  der  Geologie  bei  der  Berg- 
akademie. 

5.  E.  Dathe,  Dr.  phil. 

6.  F.  Beyschlag,  Dr.  phil.,  zugleich  beauftragt  mit  Vorträgen 

über  Lagerstättenlehre  bei  der  Bergakademie. 

7.  K.  Keilhack,  Dr.  phil. 

8.  Th.  Ebert,  Dr.  phil.,  zugleich  beauftragt  mit  Abhaltung 

palaeontologischer  Repetitorien  und  Uebungen  bei  der 
Bergakademie. 


B.  Bezirksgeologen. 

1.  M.  Koch,  Dr.  phil.,  zugleich  beauftragt  mit  Vorträgen  über 

Petrographie  und  mikroskopische  Physiographie  der  Mine- 
ralien bei  der  Bergakademie. 

2.  H.  Schröder,  Dr.  phil. 

3.  R.  Scheibe,  Dr.  phil.,  zugleich  Lehrer  der  Mineralogie  bei 

der  Bergakademie. 

4.  E.  Zimmermann,  Dr.  phil. 

5.  A.  Leppla,  Dr.  phil. 


C.  Hülfsgeologen. 

].  A.  Jentzscpi,  Dr.  phil.,  Professor,  Privatdocent  an  der  Uni- 
versität in  Königsberg  i.  Pr. 

2.  R.  Klebs,  Dr.  phil.,  in  Königsberg  i.  Pr. 

3.  H.  Potonie,  Dr.  phil.,  zugleich  beauftragt  mit  Vorträgen 

über  Pflanzenversteinerungskunde  bei  der  Bergakademie. 

4.  L.  Beushausen,  Dr.  phil. 

5.  G.  Müller,  Dr.  phil. 

6.  A.  Denckmann,  Dr.  phil. 

7.  C.  Gagel,  Dr.  phil. 

8.  O.  Zeise,  Dr.  phil. 

9.  B.  Kühn,  Dr.  phil. 


LXXXYin 


D.  Nicht  angestellte  Mitarbeiter. 

1.  Th.  Liebe,  Dr.  phil.,  Professor,  Hofrath,  in  Gera. 

2.  K.  von  Fritsch,  Dr.  phil.,  ordentl.  Professor  an  der  Uni- 

versität in  Halle  a.  S. 

3.  A.  von  Koenen,  Dr.  phil.,  ordentl.  Professor  an  der  Uni- 

versität in  Göttingen. 

4.  E.  Kayser,  Dr.  phil.,  ordentl.  Professor  an  der  Universität 

in  Marburg. 

5.  H.  Bücking,  Dr.  phil.,  ordentl.  Professor  an  der  Universität 

in  Strassburg  i.  E. 

6.  H.  Grüner,  Dr.  phil.,  Professor  an  der  landwirthschaftlichen 

Hochschule  in  Berlin. 

7.  E.  Holzapfel,  Dr.  phil.,  Professor  an  der  technischen  Hoch- 

schule in  Aachen. 

8.  H.  Proescholdt,  Dr.  phil.,  Oberlehrer  in  Meiningen. 

9.  W.  Frantzen,  Bergingenieur  in  Meiningen. 

E.  Als  Hülfsarbeiter  bei  den  Flachlandaufnahmen 
beschäftigte  Kulturtechniker  und  Landmesser. 

1.  Th.  Wölfer,  Dr.  phil.,  Kulturtechniker. 

2.  Fr.  Reimann,  Landmesser. 


Bei  der  Bergakademie. 

A.  Lehrer. 

1.  R.  Finkener,  Dr.  phil.,  Professor,  Lehrer  der  Chemie,  Vor- 

steher des  Laboratoriums  für  Mineralanalyse. 

2.  B.  Kerl,  Professor,  Geheimer  Bergx-ath,  Lehrer  der  allge- 

meinen Hüttenkunde,  der  chemischen  Technologie  und  der 
Löthrohrprobirkunst. 

3.  H.  Wedding,  Dr.  phil.,  Professor,  Geheimer  Bergrath,  Lehrer 

der  Eisenhüttenkunde  und  Eisenprobirkunst. 

4.  A.  Hörmann,  Professor,  Lehrer  der  Mechanik,  der  Maschinen- 

lehre und  der  metallurgischen  Technologie. 


LXXXIX 


5. 

6. 

7. 

8. 

9. 

10. 


1. 


2. 

3. 

4. 

5. 


6. 


A.  Schneider,  Professor,  Lehrer  der  Markscheide-  und  Mess- 
kunst und  der  Aufbereitungskunde. 

Gr.  Franke,  Professor,  Lehrer  der  Bergbau-  und  Salinenkunde. 

(1  — 6 etatsmässig  angestellt.) 

A.  Eskens,  Geheimer  Oberbergrath,  Lehrer  des  Bergrechts. 

J.  Gebauer,  Geheimer  Bergrath,  Lehrer  der  Bauconstructions- 
lehre. 

G.  Brelow,  Ingenieur,  Lehrer  der  darstellenden  Geometrie, 
des  Zeichnens  und  Construirens. 

F.  Kötter,  Dr.  phil.,  Lehrer  der  höheren  Mathematik. 

(7  — 10  nicht  etatsmässig  angestellt.) 


B.  Chemiker. 

O.  Püeahl,  Dr.  phil.,  Assistent  im  Probirlaboratorium , zu- 
gleich beauftragt  mit  Vorträgen  über  Gasanalyse  und 
Elektrometallurgie. 

Th.  Fischer,  erster  Assistent  in  dem  Laboratorium  für 
Mineralanalyse. 

R.  Holverscheit,  Dr.  phil.,  zweiter  Assistent  daselbst. 

A.  Lindner,  Dr.  phil.,  ] 


Untersuchung. 


Bei  der  Chemisch -technischen  Versuchsanstalt. 

Vorsteher:  Finkener,  Professor  Dr.,  s.  o. 

Chemiker: 

1.  J.  Rothe  (Erster  Chemiker  und  Stellvertreter  des  Vorstehers). 

2.  C.  Radau,  Dr.  phil.,  4.  C.  Virchow,  Dr.  phil., 

4.  K.  Haack,  Dr.  phil.,  5.  R.  Wache,  Dr.  phil. 

6.  M.  Hohensee. 


Bibliothek. 

Vorstand:  Hauchecorne,  s.  o. 
Bibliothekar:  O.  Eberdt,  Dr.  phil. 

•f  ** 


xc 


Verwaltung. 

1.  R.  Wernicke,  Secretär  und  Rendant. 

2.  E.  Ohmann,  Zeichner. 

3.  H.  Bruchmüller,  Secretär  und  Kalkulator. 

4.  W.  Pütz,  Zeichner. 

5.  K.  Boenecke,  Secretär. 

6.  W.  Bottmer,  Secretär  und  Registrator. 


II. 

Abhandlungen 


Mitarbeitern 

der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt. 


Ueber  den  geologischen  Bau  des  Centralstocks 
der  Rhön. 

Von  Herrn  H.  Proescholdt  in  Meiningen. 

(Hierzu  Tafel  II.) 


Die  beigegebene  Uebersichtskarte  stellt  ein  Gebiet  dar,  das 
zwar  nicht  die  höchste  Erhebung  der  Hohen  oder  Langen  Rhön 
oder  Plattenrhön  einschliesst,  trotzdem  aber  als  der  höchste  Theil 
des  Rhöngebirges  anzusehen  ist.  Die  höchsten  Punkte  des  letzteren 
sind:  Wasserkuppe  952,7  Meter,  Kreuzberg  930,3  Meter,  Dammers- 
feld 930  Meter,  Vorderer  Heideistein  926,6  Meter.  Dann  folgt 
erst  der  höchste  Gipfel  des  Kartengebietes,  der  Hintere  Heideistein 
mit  915  Meter,  und  weiter  der  Stirnberg  mit  902,9  Meter.  Ein 
Blick  auf  die  Höhenschichtenkarte  der  Rhön  und  des  nordwest- 
lichen Thüringer  Waldes  in.  Vnoooo  von  H.  Ravenstein  oder  auf 
die  nicht  immer  zuverlässige  Höhenschichtenkarte  der  Rhön 
in  Viooooo  von  Dr.  Hosfeld  zeigt  aber,  dass  nirgends  im  Rhön- 
gebirge die  Fläche  über  800  Meter  Meereshöhe  eine  so  grosse 
Ausbreitung  gewinnt  als  in  der  Umgegend  der  zwei  zuletzt  ge- 
nannten Berge.  Topographisch  erscheint  das  Massiv  des  Heidei- 
steins als  der  Centralstock  des  Gebirges,  da  von  ihm  die  Platten- 
rhön sich  in  Hufeisenform  in  nordwestlicher  Richtung  nach  der 
Wasserkuppe  hinüberzieht,  während  nach  SW.  hin  der  scharf 
hervortretende  Kuppenzug  ausläuft,  der  über  den  Himmeldank- 
berg, Eierhauck  und  andere  Spitzen  nach  dem  Dammersfeld  führt. 


Jahrbuch  1893. 


1 


2 


H.  Proescholdt  , Ueber  den  geologischen  Bau 


Von  den  verschiedenen  Theilen  der  Rhön  ist  das  Kartengebiet 
wohl  der  einsamste  und  am  wenigsten  begangene.  Im  Allgemeinen 
bildet  es  eine  ziemlich  ebene,  baumlose,  öde  Hochfläche,  die  bei 
den  ausgedehnten  Wiesenflächen  und  äusserst  sparsamen  Ent- 
blössungen  des  Bodens  für  den  Geologen  wenig  Verlockendes 
bietet. 

Dem  sehr  einförmigen  orographischen  Bau  der  Hohen  Rhön 
scheinen  bei  flüchtigen  Begehungen  zunächst  auch  sehr  einfache 
geologische  Verhältnisse  zu  entsprechen.  Die  kartographischen 
Specialaufnahmen  haben  indess  diese  Vermuthung,  die  von  den 
älteren  Rhöngeologen  vertreten  worden  ist,  nicht  bestätigt.  Viel- 
mehr hat  es  sich  herausgestellt,  dass  die  Triasunterlage  der  Rhön 
von  zahlreichen  und  bedeutenden  Verwerfungen  durchsetzt  ist. 
Auf  der  Uebersichtskarte  kommen  allerdings  solche  nicht  deutlich 
zum  Vorschein,  da  sie  zumeist  erst  am  Steilrand  des  Gebirges 
hervortreten,  ausserdem  aber  von  den  Eruptivmassen  verdeckt  sind. 
Aber  dicht  am  westlichen  Kartenrand  wurde  von  Professor  Bücking 
und  mir  am  Ostabhange  des  Ottiliensteines  im  obersten  Theil  des 
Ulsterthaies  eine  nordnordwestlich  verlaufende  Störung  zwischen 
Röth-  und  Nodosenschichten  beobachtet,  die  offenbar  in  südsüd- 
östlicher Richtung  die  Triasunterlage  des  Heideisteins  durchzieht. 

Daher  treten  auf  der  Hohen  Rhön  sehr  verschiedenalterige 
Triasschichten:  Mittlerer  und  Oberer  Buntsandstein,  Wellenkalk, 
Mittlerer  und  Oberer  Muschelkalk  und  Kohlenkeuper  zu  Tage 
und  zwar  in  annähernd  gleicher  Meereshöhe.  So  liegt  der  Mittlere 
Buntsandstein  an  der  Strasse  von  Bischofsheim  nach  Wüstensachsen 
nahezu  750  Meter  hoch,  der  Anhydrit  am  Südfusse  des  Heidei- 
steins zwischen  800  und  850  Meter  Höhe. 

Die  Dislocationen  in  den  Triasschichten  sind,  soweit  meine 
Beobachtungen  reichen,  grösstentheils  vor  Ausbruch  der  Eruptiv- 
gesteine erfolgt;  die  zahlreichen  Basaltdurchbrüche  scheinen  nur 
locale  und  meist  recht  unbedeutende  Schichtenstörungen  hervor- 
gerufen zu  haben. 

Ueber  der  Trias  lagern  die  Tertiärbildungen  in  ganz  ver- 
schiedener Höhe,  die  Berührungsfläche  der  beiden  Formationen  ist 
ausserordentlich  uneben  gestaltet  und  lässt  deutlich  erkennen,  dass 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


3 


das  Gebiet  vor  Ablagerung  des  Tertiärs  ein  sehr  zerrissenes,  von 
tiefen  Thälern  durchfurchtes  Terrain  war,  das  im  Allgemeinen  aber 
von  W.  nach  O.  sich  abdachte.  Denn  am  Ostrand  der  Hohen 
Rhön  liegen  die  Tertiärschichten  insgesammt  tiefer  als  am  West- 
rand. Dieser  vortertiäre  Zustand  des  Rhöngebietes  ist  besonders 
bemerkenswerth,  weil  er  die  Orientirung  in  den  Tertiärsedimenten 
weit  schwieriger  macht  als  beispielsweise  im  Vogelsberg  in  der 
Gegend  von  Gelnhausen  *),  wo  das  Tertiärmeer  aus  der  Trias- 
unterlage eine  mehr  oder  weniger  ebene  Oberfläche  herstellte, 
auf  der  sich  dann  erst  die  tertiären  Schichten  absetzten. 

Im  Folgenden  soll  der  Versuch  unternommen  werden,  die 
gegenseitigen  Lagerungs-  und  Altersverhältnisse  der  verschiedenen 
Eruptivgesteine,  die  am  Aufbau  der  Hohen  Rhön  theilnehmen, 
darzustellen.  Die  Untersuchungen  darüber  sind  noch  nicht  ab- 
geschlossen, aber  eine  sehr  grosse  Anzahl  mikroskopischer  Analysen 
von  über  100  Punkten  des  Kartengebietes  verbunden  mit  einer 
mehrjährigen  Begehung  hat  eine  mehr  oder  minder  genaue  Ueber- 
sicht  über  die  Verhältnisse  geschaffen.  Ein  wirklich  richtiges 
Bild  von  denselben  zu  geben,  ist  zur  Zeit  nicht  möglich  und  wird 
auch  späterhin  nicht  leicht  möglich  sein,  dazu  reichen  die  seltenen 
Aufschlüsse  nicht  aus. 

Es  möge  an  dieser  Stelle  erwähnt  sein,  dass  Lepsius *  2)  nicht 
Recht  hat,  wenn  er  meint,  dass  die  vielfach  entblössten  Bergge- 
hänge und  die  tiefen  Thaleinschnitte  der  Rhön  die  Zeichnung  von 
Profilen  wie  in  keinem  anderen  vulkanischen  Gebiete  Deutschlands 
erleichtern.  Wohl  ziehen  eine  ganze  Anzahl  Gräben  von  der 
Höhe  des  Gebirges  in  das  Vorland  herunter;  dieselben  sind  aber 
entweder  überwachsen  oder  mit  Basaltblöcken  so  überrollt  und 
vollgestopft,  dass  nur  stellenweise  die  wirkliche  Unterlage  sicht- 
bar wird;  ausserdem  liefern  die  verschiedenen  Gräben  ganz  ver- 
schiedene Profile,  so  dass  jeder  einzelne  derselben  für  sich  zu 
irrigen  Vorstellungen  über  den  Aufbau  der  Hohen  Rhön  führt, 
wie  dies  z.  B.  der  schöne  Aufschluss  im  Eisgraben  gethan  hat. 


’)  Bücking,  Text  zu  Blatt  Gelnhausen  d.  geol.  Specialkarte  v.  Preussen  S.  4. 

2)  Geologie  von  Deutschland,  Bd.  I,  Lief.  3,  S.  747. 


1 


4 


H.  PitoEscuoiiDT,  Ueber  den  geologischen  Bau 


Die  Steilgehänge  der  Rhön  sind  grossentheils  überrast  oder  dicht 
bewaldet  und  meist  von  Basalt  so  überrollt,  dass  auch  sie  nur 
sehr  selten  Gelegenheit  zur  Aufnahme  von  Profilen  über  grössere 
oder  kleinere  Strecken  der  Tertiärgesteine  geben. 

Die  Abgrenzung  der  verschiedenen  Basalte  von  einander  kann 
daher  mehrfach  nur  approximativ  sein  und  dies  um  so  mehr,  weil 
Blöcke  und  Schotter  von  den  obersten  Basaltmassen  zerstreut  über 
das  ganze  Terrain  liegen  und  dadurch  sehr  leicht  zu  falschen 
Annahmen  verleiten.  Makroskopisch  lassen  sich  einzelne  Basalte 
von  einander  mit  einiger  Sicherheit  unterscheiden,  andere  trotz 
verschiedener  mineralogischer  Zusammensetzung  indessen  durchaus 
nicht.  Auch  die  Abgrenzung  der  Basalte  gegen  die  Tuffe  und 
Tertiärsedimente  ist  mit  grossen  Schwierigkeiten  verbunden.  An 
vielen  Orten  wird  die  Grenzlinie  durch  das  Hervorbrechen  von 
zahlreichen,  in  demselben  Niveau  liegenden  Quellen  annähernd 
genau  gegeben,  in  manchen  Gegenden  aber  ist  es  sehr  zweifelhaft, 
ob  unter  der  alles  einhüllenden  Grasdecke  Tuffe  oder  Basalte 
liegen.  Daher  weichen  die  vorhandenen  geologischen  Karten  von 
der  Hohen  Rhön  sehr  wesentlich  von  einander  ab.  Auf  der  1853 
erschienenen  geologischen  Karte  von  Kurhessen  von  Schwarzen- 
berg und  Reuss  erscheint  das  Kartengebiet  als  eine  zusammen- 
hängende Basaltmasse,  während  von  Gümbel  auf  der  von  ihm 
1892  herausgegebenen  geologischen  Uebersichtskarte  der  Rhön 
den  Tuffbildungen  den  vorherrschenden  Antheil  an  der  Oberfläche 
der  Hohen  Rhön  zuschreibt. 

Die  Eruptivgesteine  der  Karte  treten  in  Gängen  und  Kuppen, 
hauptsächlich  aber  in  Decken  auf.  Nach  der  Art  und  Weise 
ihres  Vorkommens  und  nach  ihrer  mineralogischen  Zusammen- 
setzung können  sie  nach  den  bisherigen  Untersuchungen  in  6 ver- 
schiedene Gesteinsarten  unterschieden  werden : Phonolith,  Dolerit, 
ältere  und  jüngere  Plagioklasbasalte,  Limburgit,  Nephelinbasalt. 

Da  im  Bereich  des  Blattes  Sondheim  noch  andere  Gesteins- 
varietäten auftreten,  so  soll  eine  zusammenhängende  und  eingehende 
Darstellung  der  Eruptivgesteine  erst  im  Text  des  Blattes  gegeben 
werden,  das  Folgende  aber  eine  kürze  Charakteristik  der  für  die 
Uebersichtskarte  wichtigen  Gesteinsarten  enthalten. 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


5 


I.  Phonolith. 

Der  Phonolith  tritt  nur  an  einer  Stelle  zwischen  Stellberg 
und  Stürnberg,  hier  aber  in  ziemlich  beträchtlicher  Ausdehnung 
zu  Tage. 

Das  plattige  Gestein  ist  im  frischen  Zustande  grau  bis  grau- 
grün, fettglänzend,  dicht,  im  verwitterten  schmutzig -weiss;  aus 
der  Masse  treten  nur  sehr  vereinzelt  grössere  Sanidintäfelchen 
hervor.  Unter  dem  Mikroskop  erscheint  der  Phonolith  zusammen- 
gesetzt aus  Sanidin,  der  durchaus  vorw^ltet,  Plagioklasen  in  sehr 
ungleicher  Verbreitung,  deren  Anordnung  stellenweise  eine  deut- 
liche Stromstructur  zeigt,  sparsam  vorhandenem  Nephelin  und 
grünem  Augit , Magneteisen , Titaneisenblättchen  und  grauem 
Apatit.  Hauyn  wurde  nicht  beobachtet. 

Das  Gestein  ist  dem  von  Lenk1)  untersuchten  Phonolith 
vom  Kreuzberg  und  Käuling  sehr  ähnlich  und  würde  wie  dieser 
zu  den  Plagioklas -Phonolithen  zu  rechnen  sein,  wenn  diese  Be- 
zeichnung beibehalten  werden  soll. 

Der  Phonolith  vom  Stellberg  ist  älter  als  die  meisten  Basalte 
der  Rhön.  Im  obersten  Theil  des  Heuwiesenwassergrabens  zwi- 
schen Stürnberg  und  Stellberg  wird  er  von  mächtigen  Agglo- 
meratmassen  bedeckt,  die  sich  hauptsächlich  aus  Phonolith  und 
Buntsandstein  zusammensetzen  und  von  Feldspath-  und  Nephelin- 
basaltdecken überlagert  werden. 

II.  Die  Dolerite. 

In  unerwartet  grosser  Verbreitung  treten  die  Dolerite  am 
Ostrande  der  Hohen  Rhön  zu  Tage  und  zwar  nach  den  bis- 
herigen Beobachtungen  nur  deckenförmig,  wie  das  besonders  am 
Strutberg  deutlich  und  klar  zu  beobachten  ist.  Es  möge  hier  so- 
gleich betont  werden,  dass  diese  Gesteine  nicht  wohl  als  eine  be- 
sonders grobkörnige  Erstarrungsmodification  von  Plagioklasbasalten 
aufzufassen  sind,  sie  zeigen  überall  denselben  Charakter,  Ueber- 
gangsformen  fehlen. 


l)  Zur  geologischen  Kenntniss  der  südlichen  Rhön,  S.  35. 


6 


H.  Proescholdt  , Ueber  den  geologischen  Bau 


Untersucht  wurden  Gesteine  von  der  Kalten  Buche,  Strut- 
berg,  östlich  vom  Steinernen  Haus,  Gangolfsberg,  westlich  der 
Rother  Kuppe,  Erdfall  und  Reipertsgraben.  Sie  zeigen  sowohl  in 
der  Structur  als  auch  in  der  mineralischen  Zusammensetzung  eine 
grosse  Uebereinstimmung.  Den  Dolerit  vom  Strutberg  hat  be- 
reits Lenk  eingehend  beschrieben ; seiner  Beschreibung  vermag 
ich  hier  wenig  hinzuzusetzen. 

Das  ausgezeichnet  körnige  Gestein  wird  zusammengesetzt  aus 
Plagioklas,  Augit,  Titaneisen,  Magneteisen,  Olivin  und  einer 
schmutzig-braunen,  körnig  und  trichitisch  entglasten  Grundmasse. 
Der  Plagioklas  ist  der  bei  weitem  vorherrschende  Bestandteil, 
er  ist  sehr  frisch,  frei  von  Einschlüssen,  sinkt  nie  unter  eine  ge- 
wisse Grösse  herunter  und  wird  bis  2 Millimeter  lang.  Dem  ver- 
witterten Gestein  verleiht  er  ein  ganz  eigentümliches  Aussehen 
(Trachydolerit  Ludwig’s).  Ausser  ihm  findet  sich,  allerdings  selten, 
ein  Feldspat,  der  sich  wie  Sanidin  verhält  und  meist  Zonar- 
structur  aufweist.  Sehr  bemerkenswert  ist  das  Verhalten  des 
Augits.  In  manchen  Schliffen  ist  seine  Menge  ausserordentlich 
gering,  in  anderen  wird  sie  dagegen  der  des  Feldspates  annähernd 
gleich.  Dabei  ist  das  Mineral,  das  im  gewöhnlichen  Licht  meist 
farblos  erscheint,  selten  individualisirt,  sondern  tritt  gewöhnlich 
in  körnigen  Aggregaten  auf,  wie  schon  Lenk  angiebt. 

Titaneisen  und  Olivin  kommen  in  jedem  Schliff  vor,  die 
Menge  des  letzteren  ist  jedoch  eine  sehr  veränderliche. 

Magneteisen  tritt  neben  dem  Titaneisen  sehr  zurück,  es  ist 
sehr  wahrscheinlich,  dass  es,  wie  Lenk  meint,  secundärer  Ent- 
stehung ist  und  von  der  Zersetzung  der  Olivine  herstammt. 

III.  Die  älteren  Plagioklasbasalte. 

Zu  ihnen  gehört  ein  Basalt,  der  älter  ist  als  der  Dolerit  und 
in  nur  unbedeutender  Verbreitung  bekannt  geworden  ist,  und 
eine  Anzahl  jüngerer  Gesteine,  die  in  ausserordentlich  grosser 
Verbreitung  den  Dolerit  mit  den  zugehörigen  Tuffen,  aber  auch 
stellenweise  die  Trias  unmittelbar  deckenförmig  überlagern. 

Das  erstere  Gestein  ist  am  besten  im  oberen  Elzbachgrund 
zu  beobachten.  Es  ist  ein  dichter,  splitteriger,  auf  frischer  Bruch- 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


7 


fläche  blauschwarz  aussehender  Basalt,  der  stellenweise  blasig 
ausgebildet  erscheint  und  mit  blossem  Auge  sichtbare  braune 
Glimmerblättchen  führt.  Unter  dem  Mikroskop  ist  er  dem  Dolerit 
sehr  ähnlich.  Der  durchaus  vorwiegende  Bestandteil  ist  Plagio- 
klas, dessen  Leisten  bis  0,2  Millimeter  gross  werden.  Augit, 
Titaneisen,  Olivin  treten  an  Menge  sehr  zurück,  noch  mehr 
Glimmer  und  Magneteisen.  Gröberes  Korn  wurde  bei  diesem 
Gestein  bisher  nirgends  beobachtet. 

Auf  der  Karte  ist  es  mit  dem  Dolerit  vereinigt  dargestellt 
worden. 

Die  übrigen  älteren  Plagioklasbasalte  zeigen  in  ihrem  Aussehen 
erhebliche  Verschiedenheiten  und  sind  vielfach  von  den  Nephelin- 
basalten makroskopisch  nicht  zu  unterscheiden. 

Das  mikroskopische  Bild,  das  sie  bieten,  ist  ebenfalls  in 
mancher  Hinsicht  verschieden.  Ein  Theil  der  Basalte  ist  zu- 
sammengesetzt aus  einer  meist  spärlich  vorhandenen,  schmutzig- 
weissen,  isotropen  Grundmasse  und  einem  sehr  gleichkörnigen 
Gemenge  von  Plagioklas,  Augit,  Olivin  und  Magnetitkörnern, 
das  zuweilen  durch  grosse  Einsprenglinge  von  Olivin  Porphyr- 
structur  annimmt.  Die  Plagioklasleisten  sind  durchschnittlich 
0,1  Millimeter  lang,  etwas  kleiner  die  Augite.  Basalte  von  der 
erwähnten  Structur  und  Zusammensetzung  wurden  beobachtet  im 
Reipertsgraben , an  der  Sumpfkuppe , nördlich  vom  Gangolfs- 
berg,  unterhalb  der  kalten  Buche,  am  Bauersberg,  südlich  vom 
Rhönhaus  u.  s.  w. 

Von  recht  gleichmässigem,  aber  gröberem  Korn  als  die  vor- 
hergehenden erscheint  eine  gewisse  Gruppe  Feldspathbasalte,  die 
sich  in  grosser  Verbreitung  finden.  Zu  ihnen  gehört  u.  a.  der 
Basalt  vom  Stirnberg,  nördlich  der  Sumpf  kuppe,  von  der  Teufels- 
mühle, am  Bauersberg  unmittelbar  über  der  Zeche,  an  der  kalten 
Buche,  am  Strutberg  dicht  am  Steinernen  Haus,  am  Ilmenberg. 
Die  Gesteine  der  5 zuletzt  genannten  Localitäten  sind  sehr  arm 
an  Plagioklas  und  führen  auffällig  eisenreiche  Olivine  ; die  Grund- 
masse tritt  in  ihnen  wie  auch  bei  den  übrigen  sehr  zurück,  da- 
gegen erscheint  Nephelin. 


8 


H.  Proescholdt,  Ueber  den  geologischen  Bau 


IV.  Die  jüngeren  Plagioklasbasalte. 

Unter  dieser  Bezeichnung  ist  eine  Anzahl  Basalte  zusammen- 
gefasst worden,  die  auf  einem  verhältnissmässig  beschränkten  Ge- 
biet namentlich  in  der  Umgebung  des  Gangolfsberges  zu  Tage 
treten  und  in  ihrer  Structur  wie  auch  in  ihren  Lagerungsverhält- 
nissen eine  solche  Gleichartigkeit  zeigen,  dass  man  sie  zu  einer, 
wohl  auch  bezüglich  der  Eruptionszeit  einheitlichen  Gruppe  ver- 
einigen kann. 

Sie  treten  in  Gängen,  Kuppen  und  Decken  auf  und  sind 
meist  in  sehr  regelmässigen  Säulen  abgesondert,  wie  am  Steinernen 
Haus,  am  Gangolf,  in  der  Sondheimer  Waldung  etc.  Das  Ge- 
stein ist  schwarz,  an  und  für  sich  sehr  dicht,  erhält  aber  durch 
das  Hervortreten  grösserer  Olivine  und  Augite  ein  porphyrartiges 
Aussehen. 

Das  mikroskopische  Bild  zeigt  eine  schmutzig-weisse,  trichi- 
tisch  entglaste  Grundmasse,  die  sich  auch  bei  Anwendung  des 
Gypsblättchens  oder  der  Quarzplatte  optisch  inactiv  verhält  und 
in  ungleicher  Vertheilung  auftritt,  dann  ein  für  diese  Basalte  be- 
sonders charakteristisches  Gemenge  von  winzigen  Plagioklasleisten 
und  Magneteisenkörnern,  hinter  denen  Augitprismen  und  noch 
mehr  Olivine  an  Menge  gewöhnlich  sehr  zurücktreten.  Die  Plagio- 
klase erreichen  eine  Durchschnittslänge  von  0,03 — 0,08  Millimeter, 
die  Magnetitkörner  sinken  bis  unter  0,002  Millimeter  herab  und 
erreichen  nur  selten  bis  0,4  Millimeter  Durchmesser.  Die  sehr 
grosse  Zahl  der  letzteren  verleihen  den  Schliffen,  namentlich  bei 
schwächeren  Vergrösserungen  ein  im  gewöhnlichen  Licht  unge- 
wöhnlich dunkles  und  eigenartiges  Aussehen.  Die  anderen  Ge- 
mengtheile der  Basalte  sind  Olivine  und  Augite,  die  durch  ihre 
Grösse  sich  von  den  anderen  recht  auffällig  abheben.  Sie  stellen 
eine  ältere  Generation  der  beiden  Mineralien  dar  und  weisen  die 
gewöhnlichen  Merkmale  des  höheren  Alters,  gänzliche  oder  theil- 
weise  Corrosion  der  ursprünglichen  Krystallkanten  durch  Ab- 
schmelzung, Zonarstructur  der  Augite  etc.  recht  vollkommen  auf. 
Der  Nephelin  findet  sich  in  sehr  ungleicher  Vertheilung.  Manch- 
mal scheint  er  ganz  zu  fehlen,  zuweilen  kommt  er  aber  so  reich- 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


9 


lieh  vor,  dass  das  Gestein  als  Basanit  bezeichnet  werden  könnte. 
Eine  scharfe  Trennung  zwischen  Plagioklasbasalt  und  Basanit  ist 
jedoch  hier  nicht  durchführbar. 


V.  Die  Limburgite. 

Limburgite  wurden  zuerst  im  Kartengebiet  von  Lenk  an  der 
Kalten  Buche  und  dem  Zickzackkiippel  aufgefunden,  in  diesem 
Sommer  aber  von  mir  auch  an  zahlreichen  anderen  Stellen  der 
Hohen  Rhön  beobachtet,  so  im  oberen  Elzbachgrund,  über  dem 
Mailoch,  am  Ilmenberg,  in  der  Nähe  des  oberen  Reipertsgrabens 
u.  s.  w.  Höchst  wahrscheinlich  bilden  sie  zwischen  den  genannten 
Orten  eine  zusammenhängende  Decke.  Auf  der  Karte  sind  sie 
noch  mit  Nephelin-  und  Plagioklasbasalten  vereinigt  dargestellt. 
Unter  dem  Mikroskop  zeigen  die  meist  schwarzen  Gesteine  eine 
schmutzig  - braune  Glassubstanz,  ferner  ein  inniges  Gemenge  von 
winzigen  Augiten  und  Magneteisenkörnern  und  porphyrartig  ein- 
gesprengte grosse  Augit-  und  Chrysolithkrystalle.  Dazu  treten  an 
einzelnen  Stellen  vereinzelte  Plagioklasleisten  und  zuweilen  Ne- 
pheline. In  ihrer  Structur  erinnern  die  Limburgite  sehr  an  die 
jüngsten  Plagioklasbasalte,  wenn  man  von  dem  grossen  Plagioklas- 
gehalt der  letzteren  absieht,  andererseits  aber  auch  an  gewisse 
N ephelinbasalte . 


VI.  Die  Nephelinbasalte. 

Die  Nephelinbasalte  besitzen  in  der  Hohen  Rhön  eine  ausser- 
ordentlich grosse  und  eigentümliche  Verbreitung.  Sie  setzen  den 
grössten  Theil  der  Oberfläche  des  Plateaus  zusammen,  so  den 
Stürnberg,  das  Hohe  Polster,  den  Ilmenberg,  den  Heideistein,  den 
Münzkopf,  die  Kalte  Buche  u.  s.  w.,  ziehen  sich  aber  auch  tief  in 
die  Thäler  hinunter.  Sie  treten,  soweit  bis  jetzt  die  Beobachtungen 
reichen,  zumeist  in  Decken  auf,  deren  Ausbreitung  in  den  tieferen 
Theilen  des  Gebirges  nicht  nur  durch  Triassedimente,  sondern 
auch  durch  ältere  Eruptivgesteine  bestimmt  worden  ist.  An  gün- 
stigen Stellen  beobachtet  man  mehrfache  Decken  über  einander, 
die  gewöhnlich,  wohl  aber  nicht  immer  durch  Tuffmassen  getrennt 


10 


H.  Proescholdt,  lieber  den  geologischen  Bau 


sind.  Verhältnissmässig  deutlich  bei  der  Oberflächenbeschaffenheit 
der  Rhön  sind  die  Lagerungs  Verhältnisse  im  oberen  Theile  des 
Dürren  Grabens  und  in  der  Nachbarschaft  zu  erkennen.  Hier 
lassen  sich  4,  jedenfalls  durch  Tuffe  geschiedene  Decken  beob- 
achten, die  sich  im  Terrain  durch  einen  mehr  oder  minder  deut- 
lichen Terrassenbau  hervorheben.  Ueber  die  unterste  stürzt  das 
Wasser  in  der  Nähe  der  sogenannten  Schlaghäuser,  da  wo  die 
weimarische  Grenze  den  höchsten  Punkt  erreicht,  in  einem  Wasser- 
fall. Die  Decke  senkt  sich  thalabwärts  und  wird  auf  dem  linken 
Ufer  des  Grabens  durch  Nodosenschichten  begrenzt. 

Unter  dem  Mikroskop  zeigt  sich  das  Gestein  zusammengesetzt 
aus  reichlich  Nephelin,  Augitprismen  von  durchschnittlich  0,02  bis 
0,03  Millimeter  Länge,  Olivin  in  grossen  und  kleinen  Körnern, 
Magnetit,  Titaneisen,  etwas  Glimmer,  Apatit  und  einer  amorphen 
Grundmasse.  Das  Gestein  der  zweiten  Decke,  die  am  Reupers- 
weg  gut  aufgeschlossen  ist,  zeigt  dieselbe  Zusammensetzung,  eine 
ähnliche  auch  das  der  dritten,  doch  ist  das  letztere  arm  an  Ne- 
phelin und  gleicht  daher  mehr  dem  Limburgit;  ausserdem  zeigt 
es  durch  das  Auftreten  von  grossen  Olivinen  und  Augiten  eine 
deutliche  Porphyrstructur , die  sich  dem  blossen  Auge  durch  das 
grobkörnige  Aussehen  bemerkbar  macht.  Gesteine  von  gleicher 
mikroskopischer  Beschaffenheit  wurden  auch  an  anderen  Orten 
beobachtet,  so  am  Ausgang  des  Sonderbachgrundes,  im  oberen 
Reipertsgraben,  am  hinteren  Heideistein,  unterhalb  des  Münzkopfes 
u.  s.  w.  Der  Basalt  der  vierten  Decke  ist  besonders  charakterisirt 
durch  seinen  grossen  Reichthum  an  Nephelin;  die  Augitprismen 
sind  meist  sehr  wohl  ausgebildet,  häufig  verzwillingt  und  mehr- 
fach grösser  als  in  den  unteren  Decken.  Magneteisen  und  Titan- 
eisen treten  etwas  zurück.  Der  Olivin  kommt  in  sehr  ungleicher 
Vertheilung  vor  und  ist  gewöhnlich  sehr  eisenreich.  Der  Apatit 
tritt  sehr  constant  auf,  während  eine  Glasmasse  nicht  überall  zu 
beobachten  war. 

Dieser  typische  Nephelinbasalt,  der  wohl  der  jüngste  Basalt 
ist,  besitzt  von  allen  Eruptivgesteinen  die  weitaus  grösste  Ober- 
flächenverbreitung in  der  Hohen  Rhön,  tritt  aber  auch  ausserhalb 
derselben  am  Ostrand  in  einzelnen  Kuppen,  wie  an  der  schönen 
Rother  Kuppe,  auf,  die  theilweise  wohl  nur  Erosionskuppeu  sind. 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


11 


Die  chemische  Zusammensetzung  der  Basalte. 

Nachdem  im  Allgemeinen  die  Verbreitung  der  verschiedenen 
Basalte  im  südlichen  Theil  der  Hohen  Rhön  festgestellt  war,  er- 
schien es  von  grossem  Interesse,  die  chemische  Zusammensetzung 
der  Haupttypen  derselben  kennen  zu  leroen.  Die  Direction  der 
geologischen  Landesanstalt  hatte  die  Güte,  einige  Analysen  im 
Laboratorium  von  Professor  Finkener  vornehmen  zu  lassen,  wofür 
ich  auch  an  dieser  Stelle  meinen  verbindlichsten  Dank  ausspreche. 

Analysirt  wurden  der  Dolerit  vom  Gangolfsberg,  älterer 
Plagioklasbasalt  vom  Ilmenberg  und  der  typische  Nephelinbasalt 
von  der  Schafruhe  östlich  vom  Hohen  Polster.  Die  erste  und 
dritte  Analyse  wurde  von  Dr.  Haefcke,  die  zweite  von  Dr.  Klüss 
ausgeführt.  Ausserdem  liegen  aus  dem  Gebiet  noch  Analysen  vor 
vom  jüngeren  Plagioklasbasalt  des  Steinernen  Hauses  durch  E.  E. 
Schmid1)  und  vom  Nephelinbasalt  vom  Bauersberg  durch  Singer2). 

Die  gefundenen  Resultate  sind  in  umstehender  Tabelle  be- 
rechnet. 

Die  Analyse  des  Dolerits  vom  Gangolfsberg  ergiebt  einen 
etwas  geringeren  Kieselsäuregehalt  als  in  den  sonst  durchaus 
gleichen  Doleriten  von  der  Breitfirst  und  dem  Meissner  (50  bis 
54  pCt.).  Die  dichten  Plagioklasbasalte  erscheinen  auch  in  der 
Hohen  Rhön  im  Verhältniss  zu  dem  Dolerit  als  basischere  Ge- 
steine, noch  mehr  die  Nephelinbasalte.  Leider  war  es  zu  spät, 
von  allen  im  Gebirge  auftretenden  Gesteinsvarietäten  Analysen 
vornehmen  zu  lassen;  doch  sollen  dieselben  im  Text  zu  dem  Blatt 
Sondheim  veröffentlicht  werden. 

Die  Altersfolge  der  Eruptivgesteine  in  der 
Hohen  Rhön. 

Die  Feststellung  der  Altersfolge  der  verschiedenen  Basalte  in 
der  Hohen  Rhön  ist  bei  dem  grossen  Mangel  an  Aufschlüssen 
eine  sehr  schwierige  Untersuchung.  Das  vielfach  beobachtete 
Nebeneinandervorkommen  von  verschiedenen  Basalten  an  ein  und 

’)  Yergl.  v.  Gümbel:  Geologie  von  Bayern,  Bd.  II,  S.  663. 

2)  Beiträge  zur  Kenntniss  d.  am  Bauersberg  vorkommenden  Sulfate.  Wiirz- 
burg  1879,  S.  23. 


12  H.  Proeschoedt,  Ueber  den  geologischen  Bau 


Dolerit  vom 
Gangolfs- 
berg 

Haefcke 

Aelterer 
Plagioklas- 
basalt vom 
Ilmenberg 

Klüss 

Jüngerer 
Plagioklas- 
basalt vom 
Steinernen 
Haus 

E.  E.  Schmid 

Nephelin- 
basalt vom 
Bauersberg 

Singer 

Nephelin- 
basalt von 
der  Schaf- 
ruhe 

Haefcke 

Kieselsäure  . . . 

48,89 

43,10 

47,06 

42,18 

38,08 

Titansäure  . . . 

1,76 

1,88 

nicht 

bestimmt 

1,18 

3,15 

Thonerde  .... 

13,66 

11,71 

13,87 

14,66 

11,44 

Eisenoxyd  .... 

3,64 

4,43 

16,25 

4,49 

7,18 

Eisenoxydul . . . 

7,44 

8,28 

- 

5,67 

6,55 

Manganoxydul  . 

- 

— 

- 

Spur 

- 

Kobaltoxyd  ... 

- 

- 

- 

1,09 

- 

Nickeloxyd  . . . 

- 

- 

- 

1,58 

- 

Kalkerde  .... 

8,68 

10,84 

10,49 

10,96 

13,08 

Magnesia  .... 

8,83 

13,20 

7,33 

5,53 

12,11 

Kali . 

1,20 

1,27 

1,38 

3,53 

1,24 

Natron 

3,14 

2,78 

3,02 

9,46 

2,28 

Pb,  Bi,  Cu,  As, 

Sb,  CI 

— 

— 

— 

Spur 

— 

Schwefelsäure  . . 

0,07 

0,09 

— 

— 

0,10 

Phosphorsäure  . 

0,39 

0,49 

— . 

Spur 

0,54 

Wasser 

■ ,,2,59 

1,7.1 

0,84 

- 

3,98 

Summe 
Spec.  Gewicht 

100,29 

2,876 

99,78 

3,088 

100,24 

3,042 

100,33 

2,886 

99,73 

3,071 

derselben  Localität,  z.  B.  an  der  Kalten  Buche,  kann  auf  sehr 
verschiedene  Weise  erklärt  werden.  Es  kann  eine  Differenzirung 
des  zur  Eruption  gekommenen  Magmas  vorliegen,  es  können  ebenso 
Durchbrüche  verschiedener  Gesteine  an  derselben  Stelle  erfolgt 
sein,  es  können  aber  auch,  wie  ich  hier  sogleich  erwähnen  will, 
Erosionswirkungen  mitsprechen.  Lenk  *)  führt  das  Auftreten  ver- 
schiedenartiger Gesteine  an  ein  und  derselben  Kuppe  auf  Diffe- 
renzirung zurück  und  beruft  sich  auf  die  Ansicht  Lüdecke’s2), 


1)  a.  a.  0.,  S.  106. 

2)  Zeitschrift  für  Naturwissenschaften,  Halle  1883,  S.  661. 


des  Centralstoöks  der  Rhön. 


13 


dass  der  Basalt  des  Kleinen  Gleichberges  bei  Römhild  tbeils  als 
Basanit,  theils  als  Limburgit  ausgebildet  sei.  An  diesem  Berge 
lässt  sich  aber  jetzt  deutlich  beobachten,  dass  der  Limburgit  nicht 
nur  den  Basanit,  sondern  auch  die  denselben  unterlagernden  Tuffe 
gangförmig  durchsetzt.  Die  beiden  Gesteine  lassen  sich  an  dieser 
Stelle  schon  makroskopisch  erkennen  und  unterscheiden.  Ueber- 
gangsformen  fehlen. 

Aufschlüsse , die  das  Durchsetzen  verschiedenalteriger  Ge- 
steine klar  und  deutlich  zeigen,  sind  in  der  Hohen  Rhön  sehr 
selten.  Den  besten  giebt  meines  Wissens  der  Eisgraben.  Von 
demselben  habe  ich  bereits  früher1)  ein  Profil  gegeben,  muss  je- 
doch bemerken,  dass  ich  von  den  Lagerungsverhältnissen  daselbst 
eine  andere  Anschauung  gewonnen  habe.  Da  die  geologische  Auf- 
nahme des  Grabens  von  anderer  Seite  ausgeführt  wird,  will  ich 
mich  hier  nur  auf  die  Bemerkung  beschränken,  dass  die  beiden 
obersten  und  der  unterste  Basaltgang  des  Profils  sich  als  Decken 
herausgestellt  haben  und  die  anderen  Gänge  Stiele  der  in  der 
Höhe  lagernden  Basaltströme  sind. 

Nachdem  durch  lange  Beobachtung  im  Terrain  und  mikro- 
skopische Untersuchungen  erkannt  war,  dass  die  verschiedenen 
Basalte  meist  deckenförmige  Verbreitung  zeigen  und  im  grossen 
Ganzen  eine  parallel  verlaufende  Anreihung  aufweisen,  gelang  es 
in  dem  Frühjahr,  im  Elzbachgrabeu  ein  sehr  klares  Profil  aufzu- 
finden, das  möglicherweise  im  nächsten  Jahre  wieder  überrollt  ist. 
Der  Aufschluss  ergab  Folgendes: 

Liegendes:  Schaumkalk  und  Anhydrit,  darüber,  die  recht  un- 
ebene Grenzfläche  ausfüllend: 

10  Meter  Basalt,  ein  blaues,  schwarzes,  dichtes,  split- 
teriges  Gestein  mit  Glimmer,  zuoberst  blasig. 
Unter  dem  Mikroskop  ein  typischer  Plagioklas- 
basalt. 

8 — 10  » Tuff,  zuunterst  mit  Bomben. 

30  — 35  » Dolerit. 


*)  Geolog,  u.  petrograph.  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Langen  Rliön.  Dieses 
Jabrb.  für  1884,  S.  243  — 247. 


14 


H.  Proescholdt , lieber  den  geologischen  Bau 


1 1 Meter  braune  Tuffe  aus  doleritischem  Material,  z.  Th. 


10  » 

Kugeltuffe,  mit  Lagen  von  Mandelsteindoleriten. 
Basalt,  unter  dem  Mikroskop  Plagioklasbasalt 
mit  reichlich  vorhandener  isotroper  Grundmasse 
und  eisenreichen  Olivinen. 

2,5  » 

2,5  » 

Rothe  Tuffe,  Bol  führend. 

Basalt,  z.  Th.  blasig,  unter  dem  Mikroskop 
Plagioklasbasalt  und  dem  vorigen  gleich. 

8 » 

5 — 6 >: 

Rothe  und  weisse  Tuffe  mit  Bol. 

Basalt,  stark  verwittert  unter  Bildung  von 
Bauxit.  Unter  dem  Mikroskop  Plagioklasbasalt 
wie  die  vorigen,  aber  mit  zurücktretender  Grund- 

3-4 >: 

masse. 

> Tuff,  undeutlich  aufgeschlossen. 

Basalt,  dessen  Mächtigkeit  schwer  bestimm- 
bar ist,  stark  verwittert.  Unter  dem  Mikro- 
skop Plagioklasbasalt,  den  vorigen  ähnlich. 
Darüber  lagert  unmittelbar  auf  der  rechten 
Thalseite  der  Elz  nach  dem  Steinernen  Haus 
zu  eine  wenig  ausgedehnte  Decke  des  früher 
beschriebenen  »Jüngeren  Plagioklasbasaltes«. 
Im  Graben  selbst  und  links  desselben  folgt 
gegen  8 Meter  gelbliche,  z.  Th.  geschichtete 
Tuffe,  an  einer  Stelle  gut  aufgeschlossen,  dann 
eine  wenig  mächtige  Decke  von  Limburgit, 

abermals  Tuffe  und  weiterhin  Nephelinbasalte. 

Zu  dem  Profil  *)  ist  zu  bemerken,  dass  ein  Theil  der  Zahlen 
nur  Schätzungswerthe  sind,  weil  die  Begehung  des  Grabens  stellen- 
weise sehr  schwierig  ist,  und  dass  die  hier  gefundene  Abwechs- 
lung von  Tuff-  und  Basaltdecken  auf  grössere  Strecken  hin,  dem 
Terrain  folgend,  beobachtet  und  kartographisch  dargestellt  wurde. 
Es  dürfte  dadurch  der  Beweis  gegeben  sein,  dass  an  dieser  Stelle 
Durchbrüche  nicht  vorliegen. 

b Es  möge  hier  darauf  aufmerksam  gemacht  sein,  dass  die  hier  mitgetheilten 
Zahlenwerthe  nicht  im  Einklang  stehen  mit  den  Höhenlinien  der  Karte,  deren 
Topographie  sehr  viel  zu  wünschen  lässt. 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


15 


Aehnliche  Profile  wurden  mehrfach  beobachtet,  so  z.  B.  am 
Bauersberg.  Am  Weg,  der  von  dem  oberen  Braunkohlen  werk  der 
Zeche  Einigkeit  auf  die  Strasse  von  Bischofsheim  nach  Weissbach 
herunterführt,  beobachtet  man  über  Nodosenschichten  Dolerit,  der 
nach  W.  hin  die  auch  von  Gümbel1)  erwähnte  ausgezeichnete 
Decke  am  Steinschlag  bildet  und  sich  östlich  durch  die  Weiss- 
bacher Wiesen  hindurch  bis  in  die  Nähe  der  Kalten  Buche  hin- 
zieht. Ueber  demselben  lagern  im  Wechsel  mit  Strömen  von 
Plagioklasbasalt  die  Weissbacher  und  die  jüngeren  Kohlenablage- 
rungen der  Zeche  Einigkeit,  die  von  einer  Plagioklasbasaltdecke 
bedeckt  werden,  während  der  von  Singer  beschriebene  Nephelin- 
basalt als  Stiel  das  Tertiär  und  die  Plagioklasbasaltdecken  durch- 
setzt. 

Eine  gegen  30  Meter  mächtige  Doleritdecke  bedeckt  die  han- 
genden Tuffe  der  in  der  geologischen  Rhönlitteratur  vielgenannten 
Tertiärablagerungen  im  Reipertsgraben  bei  Roth  und  an  dem  be- 
nachbarten Erdfall  (auch  Erdpfahl).  Darüber  folgen  im  Graben 
Tuffe  und  Agglomerate  mit  Decken  von  Plagioklasbasalt  und 
schliesslich  am  Ende  des  Waldes  eine  mächtige  Basaltdecke,  deren 
tiefstes  Gestein  limburgitartig  erscheint,  aber  einzelne  Feldspath- 
leisten  führt  und  stellenweise  reichlich  Nephelin  einschliesst.  Höher 
kommen  dann  echte  Nephelinbasalte. 

Hassenkamp2)  und  Heer3)  waren  durch  ihre  palaeontologi- 
schen  Untersuchungen  über  die  Tertiärablagerungen  der  Rhön  ver- 
anlasst worden,  den  Braunkohlen  vom  Reipertsgraben  und  Ei’dfall 
ein  höheres  Alter  zuzuschreiben  als  denjenigen  von  Weissbach  und 
Bischofsheim.  Die  ersteren  Fundorte  rechnete  Heer  zur  unteren 
Süsswassermolasse  der  Schweiz  (oberoligocän),  die  W eissbacher  und 
Bischofsheimer  Braunkohlen,  ebenso  wie  die  vom  Eisgraben  wurden 
dem  Mittel-  und  Obermiocän  zugeschrieben.  Sandberger4)  hat 


b Geologie  von  Bayern,  Bd.  II,  S.  682. 

2)  Geognost.  Bes  ehr.  der  Braunkohlenformation  in  der  Rhön  1860  u.  Geo- 
gnostisch-palaeontolog.  Untersuchungen  über  4.  Tertiärb.  des  Rhöngeb.  1864. 

3)  Die  tertiäre  Flora  der  Schweiz,  III.  Bd.  1859,  S.  299.  Vergl.  Zinken, 
Ergänzungen  zur  Physiographie  der  Braunkohle,  1871,  S.  33  — 45. 

4)  Die  Braunkohlenformation  der  Rhön,  1879. 


16 


H.  Proescholdt,  TJeber  den  geologischen  Bau 


dann  später  die  Schichten  von  Bischofsheim,  Tann,  Roth  wie  über- 
haupt die  sämmtlichen  jüngeren  Braunkohlen  der  Rhön  für  gleich- 
alterig  erklärt  und  ihre  Entstehung  in  die  untermiocäne  Zeit  ge- 
stellt. Indessen  ergiebt  sich  doch  eine  gewisse  Altersverschieden- 
heit der  betreffenden  Ablagerungen,  die  Schichten  vom  Reiperts- 
graben  und  Erdfall  bei  Roth  sind  älter  als  der  Dolerit,  die  Braun- 
kohlen von  Weissbach  und  Bischofsheim,  ebenso  vom  Lettengraben, 
Hillenberg,  Grangolf,  Eisgraben  und  andere  jünger  als  derselbe. 
Bemerkenswerth  ist  es,  dass  die  Bildung  der  Braunkohlenablage- 
rungen auf  dem  Kartengebiet  vor  der  Eruption  der  Nephelin- 
basalte beendigt  war,  denn  nach  den  bisherigen  Beobachtungen 
ist  nirgends  eine  Nephelinbasaltdecke  zwischen  oder  unter  den 
betreffenden  Schichten  aufgefunden  worden,  vielmehr  werden  die- 
selben häufig,  wie  im  Eisgraben  schön  aufgeschlossen  ist,  von  den 
jüngsten  Basalten  gangförmig  durchsetzt. 

Die  früher  mitgetheilten  chemischen  Analysen  der  Haupttypen 
der  Rhönbasalte  lassen  erkennen,  dass  vom  Dolerit  bis  zu  den 
Nephelinbasalten  der  Kieselsäuregehalt  mehr  und  mehr  abnimmt. 
Dieselbe  Reihenfolge  ist  bereits  früher  an  der  Geba  in  der  Vorder- 
rhön beobachtet  worden.  Dort  müssen  nach  Bücking1)  wenigstens 
zwei,  ein  jüngerer  und  ein  älterer  Basalt,  unterschieden  werden. 
Der  jüngere,  der  die  Hauptmasse  der  Basaltdecke  des  Berges 
bildet,  gehört  zur  Gruppe  der  Nephelinbasalte,  der  ältere,  der 
theilweise  doleritisch  ist,  zur  Gruppe  der  Feldspathbasalte.  Wie 
anderwärts,  ist  auch  hier  einer  Eruption  von  kieselsäurereicheren 
Gesteinen  eine  solche  von  kieselsäureärmeren  gefolgt. 

Es  mag  hier  noch  erwähnt  werden,  dass  am  Meissner  die 
Basalte  unter  Lagerungsverhältnissen  auftreten,  welche  grosse  Aehn- 
lichkeit  mit  denen  des  Dolerits  im  Elzbachgrund  zeigen.  Wie  an 
letzterer  Stelle  bedeckt  dort  der  Dolerit,  der  mit  jenem  der  Rhön 
nach  mikroskopischer  und  chemischer  Zusammensetzung  identisch 
ist,  einen  dichten  Feldspathbasalt.  In  der  Rhön  sind  die  beiden 
Gesteine  durch  eine  Tuffzwischenlage  getrennt,  gehören  daher  wohl 


')  Text  zu  Blatt  Helmershausen,  S.  27. 


des  Centralstoeks  der  Rhön. 


17 


zeitlich  getrennten  Eruptionen  an.  Am  Meissner  sind  die  Ver- 
hältnisse nicht  so  klar  gestellt,  obwohl  auf  dem  Blatt  Allendorf 
auf  der  Westseite  des  Berges  die  Braunkohlenformation  zwischen 
beiden  Basalten  auftritt,  denn  Beyschlag1)  hält  dichten  Feldspath- 
basalt  und  Dolerit  für  ein  und  denselben  Erguss  und  die  petro- 
graphische  Differenzirung  des  Magmas  für  eine  Folge  ungleich 
rascher  Abkühlung,  die  am  schnellsten  in  Berührung  mit  den  ab- 
kühlenden Flächen  anderer  Gesteine,  also  an  der  Auflagerungs- 
fläche, eintreten  musste.  An  den  Gleichbergen,  besonders  am 
Grossen  Gleichberg  bei  Römhild,  lässt  sich  aber  das  umgekehrte 
Verhalten  constatiren.  Hier  zeigt  das  Gestein  der  Basaltdecke  an 
und  nahe  der  Auflagerungsfläche  der  Trias  eine  auffällig  grob- 
körnige Structur  und  wird  nach  oben  immer  feinkörniger.  Ver- 
schiedenes Wärmeleitungsvermögen  der  verschiedenen  Gesteine 
und  grössere  Wärmeausstrahlung  an  der  Oberfläche  der  erstarren- 
den Ergussgesteine  können  an  verschiedenen  Orten  wohl  ver- 
schieden auf  einander  folgende  Structuren  der  erstarrten  Massen 
erzeugen.  Ich  kann  daher  die  Ansicht  meines  Freundes  Beyschlag 
doch  nicht  unbedingt  theilen.  Leider  sind  die  Aufschlüsse  am 
Meissner  nicht  derart,  dass  eine  vollständig  klare  Einsicht  in  die 
Altersbeziehungen  der  dortigen  Basalte  zu  gewinnen  ist. 

Die  im  Vorhergehenden  mitgetheilten  Profile,  insbesondere 
das  vom  Elzbachgrund,  führen  leicht  zu  der  Vermuthung,  dass 
der  Aufbau  der  Hohen  Rhön  durchweg  ein  verhältnissmässig  ein- 
facher sei.  Das  würde  ein  Irrthum  sein.  Wo  die  Decken  noch 
in  ungestörter  Lagerung  mit  Tufflagen  wechseln,  zeigt  sich  im 
Terrain  ein  meist  deutlicher  Terrassenbau , wie  auf  der  östseite 
des  Hohen  Polsters;  in  sehr  trockenen  Sommern,  wie  es  der  dies- 
jährige war,  tritt  der  Wechsel  der  Gesteine  auffällig  durch  den 
Wechsel  der  Färbung  der  Grasdecke  hervor,  die  über  den  aus- 
gehenden Tuffen  frisch  und  grün,  über  den  Basalten  braun  er- 
schien. Der  grössere  Theil  der  Hohen  Rhön  im  Kartengebiet 
zeigt  aber  solche  Einfachheit  im  Aufbau  nicht,  vielmehr  stehen 


0 Text  zu  Blatt  Allendorf,  S.  40 — 44. 


Jahrbuch 


2 


18 


H.  Proescholrt,  lieber  den  geologischen  Bau 


an  vielen  Orten  das  Auftreten  und  die  Verbreitung  der  einzelnen 
Basalte  unter  einander  im  Widerspruch  mit  der  im  Elzbachgrund 
constatirten  Altersfolge  oder  scheinen  wenigstens  zu  stehen. 

Die  eingehende  Untersuchung  der  Gesteine  des  Stellberges 
nördlich  vom  Heideistein  in  diesem  Spätsommer  (daher  auf  der 
Karte  nicht  mehr  eingetragen)  ergab  das  interessante  Resultat, 
dass  an  der  scharf  hervortretenden  Kuppe  desselben  Nephelin- 
basalt dem  Anscheine  nach  als  Rest  einer  ehemals  weiter  ausge- 
dehnten Decke  lagert.  Was  man  hier  beobachten  kann,  lässt  ver- 
muthen,  dass  der  Berg  wahrscheinlich  den  im  nachstehenden  Profil 
dargestellten  Aufbau  besitzt. 

Profil  (schematisch)  des  Stellberges  von  S.  nach  N. 

r 


Phonolith  Feldspathbasalt  Nephelinbasalt  Tuff 


Der  Feldspathbasalt  der  Karte  zieht,  wie  die  Karte  zeigt, 
nach  dem  Elzbachgrund  und  steht  vermuthlich  mit  den  Plagioklas- 
basalten am  Ostrand  der  Rhön  im  Zusammenhang,  entsprechend 
der  schon  früher  erwähnten  Regel,  dass  die  Ströme  von  W.  nach 
O.  sich  neigen.  Nach  der  gegenwärtigen  Anschauung  ist  hier 
der  Feldspathbasalt  der  Kuppe  jünger  als  der  Nephelinbasalt 1). 
In  gleicher  Weise  wurde  neuerdings  von  mir  am  Ilmenberg  das 
Hervortauchen  von  Plagioklasbasalt  aus  dem  Nephelinbasalt  beob- 
achtet. 


*)  Das  Nebeneinandervorkommen  der  verschiedenen  Basalte  an  dieser  Stelle 
bietet  dann  freilich  nichts  Auffälliges,  wenn  hier  Durchbrüche  von  Nephelin- 
basalt vorliegen  würden.  Das  ist  indessen  leider  nicht  sicher  festzustellen,  aber 
nicht  wahrscheinlich. 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


19 


Auch  die  Verbreitung  der  verschiedenen  Basalte  zeigt  manche 
eigentümliche  Erscheinungen,  die  schwer  zu  erklären  sind.  Der 
Dolerit  tritt  in  3 von  einander  getrennten  Decken  auf,  die  in 
gleicher  Meereshöhe  lagern , und  deren  Gestein  in  Bezug  auf 
Mächtigkeit  und  mineralogische  Zusammensetzung  so  grosse  Ueber- 
einstimmung  besitzen,  dass  es  richtiger  erscheint,  sie  nicht  als  die 
Producte  von  3 verschiedenen  Eruptionen  anzusehen,  sondern  in 
ihnen  die  Ueberreste  einer  ehemaligen  zusammenhängenden,  ein- 
heitlichen Decke  zu  erblicken.  Der  Zusammenhang  ist  dann  ent- 
weder durch  Durchbrüche  von  jüngeren  Basalten  aufgehoben  wor- 
den, oder  aber  dadurch,  dass  in  der  Zwischenzeit  zwischen  der 
Eruption  des  Dolerits  und  der  der  anderen  Basalte  die  Erosion 
die  Decke  teilweise  fortgewaschen  und  in  mehrere  Theile  zer- 
schnitten hat.  Für  die  letztere  Annahme  spricht  ausser  der  grossen 
Weite  der  Zwischenräume  besonders  der  Umstand,  dass  die  in 
denselben  zu  Tage  tretenden  Plagioklasbasalte  sich  stromartig  aus- 
breiten. Das  Auftreten  von  Decken  derselben  über,  zwischen  und 
unter  dem  Dolerit  erklärt  sich  dann  ganz  natürlich  dadurch,  dass 
bei  der  Eruption  der  jüngeren  Gesteine  die  flüssige  Masse  die 
durch  die  Erosion  geschaffenen  Vertiefungen  auszufüllen  suchte. 
Ganz  ähnliche  Verhältnisse  kehren  an  vielen  Stellen  zwischen 
Plagioklas-  und  Nephelinbasalten  wieder  und  sind  wohl  in  der- 
selben Weise  zu  erklären. 

Eine  solche  Erklärung  aber  setzt  voraus,  dass  zwischen  den 
Eruptionen  der  verschiedenen  Gesteine  längere  Zeiträume  ver- 
strichen sein  müssen,  in  denen  die  Erosion  mehr  oder  minder 
grosse  Wirkungen  hervorbringen  konnte.  Diese  Annahme  steht 
im  Widerspruch  mit  der  mehrfach  ausgesprochenen  Ansicht,  dass 
die  Eruptionen  rasch  auf  einander  gefolgt  seien 1).  Ein  über- 
zeugender Beweis  ist  jedoch  nicht  gegeben  worden  und  wird  sich 
wohl  auch  nicht  führen  lassen.  Jedenfalls  dürfte  es  sachlich  ge- 
rechtfertigt sein,  die  Erosionswirkungen  viel  mehr  als  bisher  bei 
der  Untersuchung  der  Altersfolge  der  Gesteine  zu  berücksichtigen; 


x)  Yergl.  Wedel,  Ueber  das  Doleritgebiet  des  Breitfirst  und  ibrer  Nachbar- 
schaft. Dieses  Jahrb.  für  1890,  S.  37. 


2- 


20 


H.  Proescholdt,  Ueber  den  geologischen  Bau 


vielleicht  ist  manche  Kuppe , die  als  Durchbruch  angesehen 
wurde  oder  wird,  nichts  anderes  als  eine  Erosionskuppe,  die  von 
dem  vermeintlich  durchbrochenen,  älteren  Gestein  erst  später  um- 
flossen wurde. 

Ausserdem  ist  bei  der  Beurtheilung  der  Reihenfolge  der  Ba- 
salte noch  ein  Umstand  zu  betonen,  der  mir  sehr  bemerkenswerth 
erscheint.  Wie  vorher  mitgetheilt,  ist  die  Grenzfläche  zwischen 
Trias  und  Tertiär  in  der  Hohen  Rhön  ausserordentlich  uneben 
und  zeigt  bedeutende  Höhendifferenzen.  Da  keine  Veranlassung 
zu  der  Annahme  vorliegt,  dass  die  eruptive  Thätigkeit  zuerst 
in  den  tieferen  Theilen  eintrat  und  sie  ausfüllte,  dieselbe  jeden- 
falls überall  vor  sich  ging,  so  ist  schon  in  dieser  Thatsache  die 
Möglichkeit  gegeben,  dass  Gesteine  aus  derselben  Eruptionszeit 
in  ganz  verschiedener  Höhe  auftreten  können  und  dass  später 
Eruptionen  jüngerer  Gesteine  an  manchen  Stellen  die  älteren  nicht 
oder  nur  theilweise  zu  überdecken  vermochten. 

Schliesslich  kann  noch  die  Frage  aufgeworfen  werden,  ob  die 
Verbreitung  der  verschiedenen  Basalte  in  der  Hohen  Rhön  nicht 
durch  Verwerfungen  entstanden  sein  könnte  und  dem  entsprechend 
zu  erklären  sei.  Ich  habe  aber  für  eine  solche  Erklärung  nach 
mehrjähriger  Begehung  eines  grossen  Theiles  der  Rhön  bis  jetzt 
keine  genügenden  Gründe  finden  können,  obwohl  ich  an  und  für 
sich  nachbasaltische  Dislocationen  nicht  bestreite. 

Die  in  der  Rhön  beobachtete  Altersfolge  der  Basalte  steht 
in  einem  auffälligen  Gegensatz  zu  derjenigen,  die  Wedel  von 
denselben  Gesteinen  an  der  Breitfirst  bekannt *)  gemacht  hat. 
Nach  ihm  gelangten  die  Nephelinbasalte  zuerst  zum  Ausbruch, 
dann  folgte  ein  dichter  Plagioklasbasalt  und  zuletzt  der  Dolerit. 

Hier  sind  also  die  basischen  Gesteine  die  ältesten,  die 
sauren  die  jüngsten.  Wedel  2)  sucht  das  höhere  Alter  des 
Nephelinbasaltes  mit  dem  Umstand  zu  beweisen,  dass  die  Tufl- 
schicht  auf  der  Höhe  des  Stoppelberges,  welche  auf  diesem  Eruptiv- 
gestein aufliegt,  nur  Reste  derselben,  aber  keine  Bruchstücke  der 


!)  a.  a.  0. 
a)  a.  a.  0.  S.  7. 


des  Centralstocks  der  Rhön. 


21 


später  emporgedrungenen  Basalte,  d.  h.  der  Plagioklasbasalte  und 
Dolerite,  enthält.  Ob  diese  Beobachtung  indessen  für  sich  allein 
genügt,  um  eine  Altersfolge  aufzustellen,  erscheint  mir  doch  frag- 
lich. Das  Auftreten  von  dichten  Plagioklasbasalten  unter  dem 
Dolerit  an  der  Breitfirst  stimmt  dagegen  mit  den  Verhältnissen 
in  der  Hohen  Rhön  ebenso  gut  überein  wie  die  Beobachtungen 
Streng’s1)  in  der  Umgebung  von  Giessen,  der  daselbst  eine  obere 
Stromformation  von  grauen,  deutlich  körnigen  Anamesiten,  deren 
mineralogische  Zusammensetzung  der  des  Dolerits  sehr  ähnlich 
ist,  von  einer  älteren  von  schwarzen  dichten  Feldspathbasalten 
unterscheidet. 

In  wie  weit  die  im  Vorstehenden  gegebene,  auf  eine  Reihe 
von  Beobachtungen  gegründete  Anschauung  über  die  Altersfolge 
der  Basalte  in  der  Rhön  sich  bei  fortgesetzten  Untersuchungen 
bestätigt  oder  modificirt  werden  muss,  steht  dahin.  In  dem  Text 
zu  den  Rhönblättern  wird  die  Frage  eingehend  behandelt  werden, 
um  so  mehr,  als  der  grosse  Maassstab  der  Karten  die  Eintragung 
einer  grossen  Menge  Details,  Gänge,  Durchbrüche,  Kuppen  etc. 
gestattet,  die  die  gegenseitigen  Beziehungen  der  Gesteine  bis  zu 
einem  gewissen  Grad  anschaulich  darstellen. 

0 Notizblatt  des  Vereins  für  Erdkunde  zu  Darmstadt.  IV.  Folge,  Heft  11, 
S.  18 — 20  u.  Lepsius:  Geologie  von  Deutschland,  Bd.  I,  S.  741, 


Briefliche  Mittheilung. 


Herr  G.  Berendt  an  Herrn  W.  Haüohecorne. 

Schreiberhau,  den  31.  October  93. 

In  meiner  vorjährigen  Abhandlung  »Spuren  einer  Verglet- 
scherung des  Riesengebirges«  habe  ich  auch  kleiner  dammartiger 
Wälle  im  heutigen  Zackenthale,  unweit  der  Einmündung  der 
Kochel  in  dasselbe,  Erwähnung  gethan  und  dieselben  in  Verbindung 
mit  der  durch  die  Strudellöcher  allein  schon  unabweisbar  gewordenen 
Vergletscherung  als  kleine  Stirnmoränen  der  zuletzt  noch  im  Zacken- 
thale sich  zurückziehenden  Gletscherzunge  angesprochen.  Zwar 
habe  ich  hierbei  schon  gleich  ausgesprochen  (S.  20):  »es  bleibt 
somit  demjenigen  überlassen,  der  trotz  der  durch  die  Strudel- 
löcher auf  den  Höhen  unabweisbaren  Vergletscherung  es  vorzieht, 
in  der  Anhäufung  der  Steinwälle  nur  ein  Werk  des  Flusses  zu 
sehen,  solche  Meinung  festzuhalten«.  Dennoch  will  ich  nicht  ver- 
säumen, diese  Heranziehung  als  nicht  zutreffend  hier  ausdrücklich 
selbst  zu  bezeichnen  und  zurückzunehmen,  vor  allen  Dingen  des- 
halb, weil  ihre  beobachtete  tiefe  Lage  auf  dem  Grunde  des  jetzigen 
Zackenthaies  sich  mit  der  unbedingt  anzunehmenden  sehr  bedeu- 
tenden postglacialen  Erosion  dieses  Thaies  nicht  vereinen  lässt. 

Dagegen  hatte  ich  Gelegenheit  in  diesem  Jahre,  zum  Theil 
in  Gemeinschaft  mit  Herrn  Keilhack,  und  auch  von  diesem  so- 
fort, ohne  vorherige  Verständigung,  als  Localmoräne  im  Sinne 
Wahnschaffe’s  bezeichnete  Geschiebepackung  einheimischen  Ge- 
steins auf  den  Vorbergen  am  Rande  des  Warmbrunner  Thaies 
mehrfach  zu  beobachten.  Man  erreicht  schöne  Aufschlüsse  solcher 


Herrn  G.  Berendt  an  W.  Hauchecorne,  Briefliche  Mittheilung.  23 

Localmoränen  am  Südostausgange  von  Hermsdorf  unter  dem  Kyn- 
ast  dort,  von  wo  schon  seiner  Zeit  Herr  Kosmann  die  Abscheerung 
und  Umbiegung  der  quasi  Schichtenköpfe  des  Granits  beschrieben 
hat,  wie  solches  auch  Herr  Stapff  beim  Eulengebirgsgneiss  häufig 
beobachtet  hat,  was  ihn  eben  zu  dem  so  treffenden  Ausspruch 
veranlasste:  »Wollte  man  sie  Gletschern  zuschreiben,  so  müssten 
sich  solche  fächerartig  von  fast  jedem  Hügelkopf  ausgebreitet 
haben«.  Grade  diese  Hügelköpfe  der  Yorberge  bei  Hermsdorf, 
soweit  sie  eben  nicht  den  blank  gewaschenen  Granit  mit  nur  als 
Gletschertöpfe  zu  deutenden  Strudellöchern  zeigen,  tragen  diese 
U/2  bis  2 V2  Meter  mächtige,  ganz  aus  einheimischen  Blöcken  mit 
sandig  lehmigem  Bindemittel  bestehende,  dem  Granit  selbst  un- 
mittelbar, aber  mit  scharfer  Grenze  auflagernde  Localmoräne. 


Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 

Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  III— Y.) 


Wegen  ungenügender  Kenntniss  ihrer  Blüthen1)  müssen  ja 
die  Sigillaria- Äxten  nach  der  Sculptur  ihrer  epidermalen  Stamm- 
und  Zweig-Oberflächen  eingetheilt  werden.  Es  sind  hiernach 
5 Gruppen  aufgestellt  worden,  deren  Namen  und  engere  Zusammen- 
gehörigkeit sich  aus  der  folgenden  Uebersicht  ergiebt: 

A.  Eusigillariae : 


1.  Rhytidolepis  im  engeren 

Sinne, 

2.  Tessellata , } 

3.  Favularia. 

Subsigillariae: 

4.  Cancellata  (=  Clathraria ), 

5.  Leiodermaria. 


Rhytidolep\ 
im  weiteren  ( 
Sinne 


I Rhytidolepis 
im  weitesten 
Sinne 


Es  hat  sich  nun  gezeigt,  dass  die  beiden  letzten  Abtheilungen, 
die  Cancellaten  und  Leiodermarien,  nicht  als  besondere  Gruppen 
aufrecht  erhalten  werden  können,  indem  E.  Weiss2)  und  nur 

!)  Es  ist  ganz  falsch  oder  doch  in  hohem  Grade  unzweckmässig,  von  den 
mit  den  Blüthen  der  Siphonogamen  (Phanerogamen)  homologen  Sprossen  und 
Spross-Enden  der  Pteridophyten  als  »Fructificationen«  u.  s.  w.  zu  reden.  Es 
handelt  sich  um  Blüthen  in  demselben  Sinne  wie  bei  den  Siphonogamen.  — 
Vergl.  meinen  Aufsatz:  »Der  Begriff  der  Blüthe«  (Naturwissenschaftliche  Wochen- 
schrift 1893,  Bd.  VIII,  S.  517  ff.  u.  584)  oder  die  bezüglichen  Auseinandersetzun- 
gen in  der  3.  Aufl.  meiner  »Elemente  der  Botanik«  (Berlin  1894). 

2)  Beobachtungen  an  Sigillarien  von  Wettin  und  Umgegend  (Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  XLI.  Bd.,  Sitzung  vom  1.  Mai).  Berlin  1889,  S.  376.  ff. 


H.  Potonie,  Die  Weehsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


25 


wenige  Tage  nach  ihm  E.  Zeiller  4)  die  Zusammengehörigkeit  der 
cancellaten  Sigillaria  Brardii  Brongniart’s  mit  der  leiodermen 
Sigillaria  spinulosa  Germ ar  (=  S.  denudata  Göpp.)  nachwiesen 
und  indem  diese  beiden  Autoren  zeigten,  dass  diese  »Arten«  weiter 
nichts  als  epidermale  Oberflächen  ein  und  derselben  Art  sind, 
entnommen  verschiedenen  Stellen  des  Stammes.  Das  von  Zeiller 
1.  c.  beschriebene  und  Fig.  .1  abgebildete  Stück  zeigt  oben  cancellate 
Polster,  unten  eine  leioderme  Oberfläche,  dazwischen  Uebergänge* 2). 
An  das  schon  1879/1880  von  Zeiller  bekannt  gegebene,  S.  33 
unter  No.  1 erwähnte  Stück,  das,  ebenfalls  zu  Sigillaria  Brardii  ge- 
hörend, sowohl  cancellate  als  auch  leioderme  Oberfläche  vereinigt 
zeigt,  war  die  Schlussfolgerung  der  Zusammengehörigkeit  der 
Cancellaten  mit  den  Leiodermen  wegen  der  Vereinzeltheit  des  Falles 
nicht  geknüpft  worden.  Dass  auch  andere  Subsigillaria- Arten  sowohl 
cancellate  als  auch  leioderme  Oberflächen  besitzen,  zeigt  eine  Ab- 
bildung der  Sigillaria  Grasiana  Brongn.  bei  C.  Grand’Eury3 4),  die 
freilich  vielleicht  specifisch  ident  mit  S.  Brardii  Brongn.  em.  ist, 
und  eine  solche  von  Sigillaria  Fritschii  WEISS  bei  dem  Autor 
dieser  Art4),  sodass  die  in  Rede  stehende  Erscheinung  bei  der 
Gruppe  häufiger  vorkommt. 

Hieraus  ergiebt  sich,  dass  die  Gruppe  der  Subsigillarien  auf 
Grund  der  Ausbildung  der  Polster  und  der  Stellung  der  Blattnarben 
nicht  unterabtheilt  werden  kann. 

Sehen  wir  nun  zu,  in  wie  weit  sich  die  entsprechenden  Merk- 
male für  eine  Gruppirung  der  Eusigillarien  verwerthen  lassen. 


’)  Sur  les  variations  de  formes  du  Sigillaria  Brardi  Brongniart.  (p.  603  bis 
610  et  pl.  XIY  dans  le  Bulletin  de  la  societe  geologique  de  France.  3eme  serie, 
t.  XVII,  seance  du  20.  mai  1889).  Paris  1889. 

2)  Eine  Reproduction  des  Exemplares  findet  sich  in  Zeiller’s  Fig.  1,  Taf.  XIV 
der  Etudes  des  gites  mineraux  de  la  France.  (Publiees  sous  les  auspices  du 
Ministere  des  travaux  publics.)  Bassin  houiller  et  permien  de  Brive.  Fase.  II: 
Flore  fossile.  Paris  1892. 

3)  Fig.  11,  Taf.  X der  Geologie  et  paleontologie  du  bassin  houiller  du  Gard. 
Saint-Etienne  1890.  (In  Wahrheit  erst  1892  erschienen). 

4)  E.  Weiss  und  T.  Sterzel,  Die  Gruppe  der  Subsigillarien  (Abhandl.  d. 
Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt.  Neue  Folge,  Heft  2).  Berlin  1893,  Taf.  XXI, 
Fig.  83. 


26 


H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Die  Tessellata , zu  denen 1)  diejenigen  Rhytidolepen  im  weiteren 
Sinne  oder  auch  Arten  mit  zu  Favularia  hinneigenden  Polstern 
gehören,  deren  Blattnarben  durch  eine  mehr  oder  minder  voll- 
ständige Querfurche  von  einander  getrennt  sind,  lassen  sich  nicht 
als  wohlumschriebene  Gruppe  aufrecht  erhalten  und  sind  auch 
niemals  ernstlich  von  den  Rhytidolepen  getrennt  worden. 

Das  von  mir  auf  Taf.  III,  Fig.  1 veröffentlichte  Exemplar  aus 
der  Steinkohlenformation  Westphalens,  aus  einem  der  Horizonte 
über  der  Mägerkohlen-Partie,  zeigt,  dass  auch  diese  beiden  Gruppen, 
nämlich  also  die  Rhytidolepen  im  engeren  Sinne  und  die  Tessellaten 
in  genau  derselben  Weise  untereinander  Zusammenhängen,  wie  die 
beiden  Subsigillaria-  Abtheilungen.  Das  Stück  gehört  zu  den 
Rhytidolepis- Arten  im  weiteren  Sinne,  d.  h.,  wir  finden  die  senk- 
recht untereinander  befindlichen  Blattnarben  - Zeilen , also  die 
Orthostichen,  durch  scharfe,  deutliche  Längsfurchen  von  einander 
getrennt.  In  der  oberen  Hälfte  des  Stückes  stehen  aber  die  Narben 
enger  und  sind  durch  nicht  ganz  durchgehende  Querfurchen  dicht 
oberhalb  der  Narben  als  Andeutungen  von  Polster-Abgrenzungen 
von  einander  getrennt,  sodass  diese  Partie  zu  den  Tessellaten 
gehört,  während  die  Narben  der  unteren  Hälfte  weit  grössere 
Entfernungen  zwischen  sich  lassen  und  keinerlei  Polster-Ab- 
grenzungen aufweisen,  sodass  also  diese  untere  Hälfte  zu  den 
typischen  Rhytidolepis  im  engeren  Sinne  gehört. 

Die  Richtigkeit  der  Bemerkung  des  Grafen  H.  zu  Solms- 
Laubach2):  »Jede  Längsrippe  des  Rhytidolepis  - Stammes  kommt 
durch  die  Verschmelzung  der  senkrecht  übereinander  stehenden 
Blattpolster  zu  Stande«,  wird  durch  unser  Exemplar  erwiesen. 
Sollte  die  über  der  Blattnarbe  so  häufig  auftretende  Marke  als 
Ligulargrube  angesehen  werden,  und  diese  Deutung  dürfte  nun- 
mehr auch  für  Sigillaria  kaum  Widerstand  finden,  so  musste  der 
Botaniker  die  SoLMs’sche  Annahme  machen,  da  die  Ligula  zum 
Blatte  gehört.  Mithin  musste  auch  die  Umgebung  der  Blattnarbe 
zum  Blatte  gerechnet  werden,  ebenso  wie  die  Blattpolster  der 

b E.  Weiss,  Die  Gruppe  der  Favularien  (Abh.  d.  Königl.  Preuss.  geol. 
Landesanst.,  Bd.  VII,  Heft  3).  Berlin  1887,  S.  11  [237]. 

2)  Einleitung  in  die  Paläophytologie.  Leipzig  1887,  S.  248. 


H.  Potonu;,  Die  Weehsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen.  27 

Lepidodendreen  als  Basaltheile  der  abgefallenen  Blattspitze  auf- 
zufassen sind. 

Bei  den  Lepidodendreen  (Lepidodendron  und  Lepidophloios) 
beobachtet  man  ausserhalb  der  Blattnarben  auf  den  Blattpolstern, 
Blattfüssen,  ausser  der  Ligulargrube  noch  je  zwei  Organe  unter- 
halb jeder  Narbe,  die  ich1)  als  Transpirationsöffhungen  gedeutet 
habe.  Entsprechende  Organe  sind  unterhab  der  Sigillaria-N  arhen 
meines  Wissens  bisher  nicht  bekannt  geworden.  Der  Geologe 
der  Berggewerkschaftskasse  zu  Bochum,  Herr  Dr.  Leo  Cremer, 
machte  mich  nun  aber  auf  ein  Rhytidolepis- Stückchen  in  der 
Sammlung  zu  Bochum  aufmerksam,  von  welchem  ich  — da  das 
Original  ein  Hohldruck,  ein  Negativ,  ist  — in  Fig.  2 auf  Taf.  III 
die  Abbildung  eines  Wachsabgusses  zur  Anschauung  bringe.  Dieses 
Exemplar  war  Herrn  Cremer  durch  die  scharf  umschriebenen, 
im  Ganzen  elliptischen,  kleinen  Male  aufgefallen,  die  sich  in  der 
Zahl  von  zweien,  an  der  einen  Stelle  auch  von  dreien,  zwischen 
je  zwei  übereinander  befindlichen  Blattnarben  markiren.  Auf  den 
Abdrücken  des  Stückes,  welche,  wie  unsere  Figur,  das  wirkliche 
Aussehen  der  ursprünglichen  Stamm-Oberfläche  wiedergeben,  bilden 
diese  Male  schwache,  flache  Vertiefungen,  wie  die  Transpirations- 
öffnungen von  Lepidodendron  und  Lepidophloios , und  es  liegt  wohl 
nichts  näher,  als  sie  ebenfalls  für  Transpirationsöffnungen  zu  halten, 
die  dann  bei  den  Sigillarien  über  zwei  zwischen  je  zwei  Blatt- 
narben auftreten  können,  dadurch  mehr  an  unsere  recenten  Baum- 
farne erinnernd,  die  freilich  die  in  Rede  stehenden  Oeffnungen 
unter  den  Narben  auf  den  Blattfüssen  in  grösserer  Zahl,  jeden- 
falls über  drei,  besitzen.  Auf  der  zweiten  Rippe,  von  rechts  ge- 
rechnet an  unserer  Abbildung,  entspricht  die  Stellung  der  Male 
der  bei«  den  Lepidodendreen,  indem  wir  sie  hier  nicht  weit  von 
dem  unteren  Rande  der  Blattnarbe  neben  einander  finden.  In  den 
anderen  Fällen  sind  die  Male  unseres  Stückes  in  der  Längsrichtung 
der  Rhytidolepis- Rippen  weit  von  einander  gerückt,  nur  dass  die 
zweite  Rippe  von  links  3 Male  unter  der  Narbe  aufweist,  von 

x)  Anatomie  der  beiden  »Male«  auf  dem  unteren  Wangenpaar  und  der  beiden 
Seitennärbchen  der  Blattnarbe  des  Lepidodendreen -Blattpolsters.  (Berichte  d. 
Deutsch,  botan.  Ges.,  Bd.  XI,  S.  319  ff.).  Berlin  1893. 


28 


H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


denen  zwei  wie  bei  den  Lepidodendreen  stehen,  das  dritte  abgerückt 
ist.  Im  Grossen  und  Ganzen  befinden  sich  die  Male  in  derselben 
Längslinie  wie  die  Seitennärbchen  der  Blattnarben,  d.  h.,  wenn 
man  von  den  Seitennärbchen  aus  parallele  Linien  mit  den  Rhyti- 
cfoZepzs-Furchen  zieht,  so  trifft  man  unter  der  Blattnarbe  auf  eine 
Transpirationsöffnung.  Sie  zeigen  also  in  dieser  Beziehung  das- 
selbe Verhalten,  wie  die  Transpirationsöffnungen  von  Lepidodendron 
und  Lepidophloios  *). 

Nehmen  wir  wegen  der  Analogie  mit  den  Lepidodendreen  die 
obige  Deutung  der  in  Rede  stehenden  Male  bei  Sigillaria  als 
richtig  an* 2),  so  müssen  wir  das  ursprüngliche,  in  seinen  Quergrenzen 
verwischte  Rhytidolepis- Polster  mindestens  so  weit  unterhalb  der 
Narbe  rechnen,  als  noch  Transpirationsöffnungen  Vorkommen,  und 
wir  müssen  dementsprechend  die  Polster-Grenze  oberhalb  der  Blatt- 
narbe zwischen  der  zunächst  darüber  befindlichen  Transpirations- 
öffnung und  der  Ligulargrube  suchen.  Betrachten  wir  im  Hin- 
blick darauf  unsern  abgebildeten  Rest  — namentlich  die  zweite 
Rippe  von  links  — so  bemerken  wir,  dass  die  Blattnarben  der 
oberen  Grenze  ihrer  Polster  weit  näher  gerückt  sind,  als  ihrer 
unteren.  Diese  sich  aus  unserem  Stück  ergebende  Thatsache  stimmt 
mit  den  bisherigen  Beobachtungen  überein,  da  wir  auch  bei  den 
tessellat  gefelderten  Stücken,  also  bei  solchen,  deren  quer  verlaufende 
Polsterabgrenzungen  durch  Furchen  markirt  sind,  diese  Furchen 
stets  dem  oberen  Rande  der  Blattnarben  genähert  sehen.  Auch 
bei  den  Favularien  ist  dasselbe  zu  beobachten. 

Vergleichen  wir  speciell  unser  Stück  Fig.  1,  Taf.  III,  so  werden 
wir  in  der  Rhytidolepis-  (im  engeren  Sinne)  Zone  auch  ohne  Vorhan- 
densein von  Transpirationsöffnungen  durch  die  ganze  Gestalt  der 
Rippen  darauf  hingewiesen,  dass  auch  hier  die  Narben  in  der 
oberen  Hälfte  der  nicht  von  einander  abgegrenzten  Polster  sitzen. 


*)  Yergl.  diesbezüglich  meine  oben  citirte  Abhandlung. 

2)  B.  Renault  (Notice  sur  les  sigillaires.  Extrait  des  mem.  d.  1.  soc.  d’hist. 
nat.  d’Autun  1888)  hält  die  beiden  die  Seitennärbchen  der  Sigillaria  - Narbe  bil- 
denden Organe  für  solche  secernirender  Natur;  er  nennt  sie  »appareils  ä gomme«. 
Nach  diesem  Autor  würde  die  Anatomie  dieser  Organe  bei  Sigillaria  complicirter 
sein  als  diejenige,  wie  ich  sie  1.  c.  1893  für  Lepidophloios  beschrieben  habe. 


H.  Potonie,  Die  Wechsel- Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen. 


29 


Bemerkenswerth  ist  noch  an  diesem  Best,  dass  die  Blattnarben 
an  dem  Stück  ganz  oben  wieder  lockerer  zu  stehen  beginnen. 
Wir  haben  es  also  mit  einer  Zone  enger  stehender  Narben  zu 
thun,  die  oben  und  unten  von  zwei  Zonen  mit  lockerer  stehenden 
Narben  begrenzt  wird.  Diese  Erscheinung  der  Zonenbildung  ist 
bei  den  Subsigillarien  bereits  bekannt.  Ich  werde  darauf  zurück- 
kommen. 

Die  Favularien,  vor  Allem  durch  zickzackförmig  verlaufende 
Längsfurchen  charakterisirt , bat  Weiss  früher  ebenfalls  zu  den 
Rhytidolepen  gerechnet1),  also  dann  die  Gruppe  Rhytidolepis  im 
weitesten  Sinne  genommen,  die  er  später2)  als  die  der  Eusigillarien 
bezeichnete.  Hier  sagt  er  auch:  »dass  die  Favularien  und  Rhyti- 
dolepis (zu  denen  er  nunmehr  die  Rhytidolepen  im  engeren  Sinne 
und  die  Tessellaten  rechnet)  in  einander  übergehen,  ist  bekannt«. 
Dass  sogar  Rhytidolepis-  und  FawZaWa-Oberflächen-Sculptur  an 
einem  und  demselben  Stücke  Vorkommen  kann,  scheint  ihm 
in  dem  Moment,  als  er  diesen  Satz  schrieb,  nicht  gegenwärtig 
gewesen  zu  sein,  obwohl  das  diese  Thatsache  erweisende,  auf  unserer 
Taf.  IV,  Fig.  1 abgebildete  Stück  aus  dem  Carbon  des  Walden- 
burger  Revieres  (Göppert  leg.)  sich  in  der  Sammlung  der 
Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt  befindet,  und  er  die  hier  ge- 
gebene Abbildung  desselben  selbst  — in  der  Absicht,  sie  in  einer 
leider  manuskriptlos,  nur  aus  hinterlassenen  Abbildungen  be- 
stehenden, projectirten  ausführlichen  Monographie  der  Favularien 
zu  veröffentlichen  — schon  1882  bat  zeichnen  lassen.  Auf  dem 
einen  Etiquet  zu  dem  Stück  hat  er  eigenhändig  die  Bemerkung 
gemacht:  »Original  zu  der  Zeichnung  von  1882«.  Auch  in  der 
schon  citirten,  1893  herausgegebenen  Arbeit  über  die  Subsigillarien 
giebt  er  zwar3)  an,  dass  die  Abtheilungen  der  Leiodermaria  und 
Cancellata  getrennt  nicht  mehr  festgehalten  werden  können,  da  es 
sich  hier  nur  »um  zwei  innig  verbundene  Formen  der  Ausbildung 
der  Oberfläche«  handele,  aber  von  den  anderen  Oberflächen-Typen, 
den  Favularien  und  Rhytidolepen  sagt  er  auch  hier  wieder  nur, 


9 Favularien  1887,  S.  10  [236]. 

2)  Sigillarien  von  Wettin  und  Umgegend  1889,  S.  379. 

«)  S.  12. 


30 


H.  PoTosufi,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


dass  sie  ohne  Lücke  verbunden  seien,  aber  nichts  darüber,  dass 
Favularia-  und  Rhytidolepis- Oberflächen  auch  an  einem  und  dem- 
selben Stück  Vorkommen  können. 

Das  unterste  Drittel  etwa  unseres  bemerkenswerthen  Stückes 
Taf.  IY,  Fig.  1 zeigt  typische  Rhytidolepis-  (im  engeren  Sinne) 
Oberfläche  mit  graden  Längsfurchen  ohne  Andeutung  von  Quer- 
furchen (Detailfig.  la),  darüber  folgt  eine  Zone  mit  geschlängelten 
Längsfurchen,  ebenfalls  ohne  Querfurchen  (Detailfig.  lb),  und  zu 
oberst  eine  Zone  mit  ganz  typischer  Favularien-Oberfläche  (Detail- 
fig. lc),  sodass  das  Stück  ohne  Kenntniss  des  Zusammenhanges 
von  3 günstigen  Bruchstücken  nach  dem  bisherigen  Modus  in 
3 Arten  zertheilt  werden  müsste,  die  obendrein  in  2 verschiedenen 
Abtheilungen  der  Eusigillarien,  also  Rhytidolepis  im  engeren  Sinne 
und  Favularia , unterzubringen  wären.  Die  Zonen  b und  c ge- 
hören der  Basis  eines  Gabelzweiges  an,  der  von  der  doppelt  so 
breit  gewesenen  Zone  a abgeht  ; der  andere  Gabelzweig  ist  an  dem 
Exemplar  — wie  die  Figur  zeigt  — nur  ganz  andeutungsweise 
erhalten,  und  das  Stück  als  einem  gegabelten  Stamm  angehörig 
namentlich  noch  dadurch  zu  erkennen,  weil  der  Gabelwinkel  er- 
halten ist. 

Betrachten  wir  die  senkrechten  Entfernungen  der  einzelnen 
Blattnarben  von  einander,  so  sehen  wir,  dass  dieselben  von  unten 
nach  oben  ganz  allmählich  geringer  werden.  Die  alleroberste 
Zone  zeigt  zwar,  dass  die  Narben  hier  wieder  ein  klein  wenig 
grössere  Zwischenräume  zwischen  sich  lassen  als  unmittelbar  da- 
runter, sodass  man  von  oben  beginnend  eine  Zone  engstehender, 
darunter  eine  solche  mit  ganz  engstehenden,  dann  wieder  eine  wie 
zuerst,  mit  engstehenden,  dann  eine  mit  lockerer  stehenden  und 
endlich  im  unteren  Drittel  eine  Zone  mit  weit  stehenden  Narben 
unterscheiden  kann;  aber  — so  bemerkenswerth  die  Thatsache 
auch  ist,  dass  ganz  oben  die  Narben  zwar  immer  noch  eng,  aber 
doch  lockerer  als  unmittelbar  darunter  vertheilt  sind  — so  genügt 
doch  das  Stück  nicht,  um  — so  wahrscheinlich  es  auch  ist  — an 
demselben  mit  hinreichender  Evidenz  zu  constatiren,  dass  auch 
hier,  wie  an  den  Subsigillarien  mit  abwechselnd  locker  (leioderm) 
und  dicht  (cancellat)  stehenden  Narben,  die  Erscheinung  dieselbe 


H.  Potonik,  Die  "Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


31 


sei:  dazu  sind  die  Unterschiede  in  den  Entfernungen  der  Narben 
im  oberen  Theil  unseres  Stückes  doch  zu  gering.  Einen  zweifel- 
losen Beweis  jedoch,  dass  auch  die  Favularien  eine  Zonenbildung 
in  demselben  Sinne  wie  die  Subsigillarien  zeigen  können,  also  immer 
abwechselnd  eine  Zone  mit  enger  stehenden  Narben  und  eine  mit 
lockeren,  erbringt  das  Fig.  2 ebenfalls  auf  der  Taf.  IY  zur  An- 
schauung gebrachte  Exemplar  einer  durchweg  typischen  Favularia 
von  der  Königsgrube  bei  Aachen  (Flötz  Merl,  430  Meter-Sohle, 
Sattel  C,  Hangendes,  Querschlag  IV),  das  Weiss  auf  dem  Etiquett 
als  »Sigillaria  (Favularia)  elegantula  Weiss  var.«  bestimmt  hat 
und  ebenfalls  für  die  ausführlichere  Favularien- Arbeit  bereits  hatte 
zeichnen  lassen:  unsere  Figur  stammt  aus  seinem  Nachlass. 

Dass  auch  an  Stämmen,  die  sowohl  Rhytidolepis-  als  auch 
Favularien-Oberfläche  zeigen,  Zonenwechsel  stattfindet,  geht  aus 
einer  Bemerkung  A.  C.  Seward’s  hervor *) , der  mit  wenigen 
Zeilen  ein  Stück  (aus  der  GöPPERT’schen  Sammlung  in  der  Bres- 
lauer Universitäts- Sammlung)  von  der  Steinkohlenformation  zu 
Bochum  erwähnt,  das  oben  Rhytidolepis -,  darunter  Favularia- 
Sculptur  und  darunter  wieder  lockerer  stehende  Narben  besitzt, 
über  welchen  eine  Zeile  mit  Abbruchsstellen  von  Blüthen  sich  be- 
merkbar macht.  Diese  Thatsache  in  Verbindung  mit  der  Ober- 
flächensculptur  unseres  Exemplares  Fig.  1,  Taf.  IV  genügt  zu  der 
Einsicht,  dass  auch  die  Ausbildung  als  Rhytidolepis-  und  Favularien- 
Oberfläche  an  Stämmen,  die  diese  beiden  Oberflächen- Sculpturen 
zugleich  zeigen,  auf  Wechsel -Zonen -Bildung  beruht. 

Aus  unseren  Stücken  geht  nun  zur  Evidenz  hervor,  dass  auch 
die  Eusigillarien  auf  Grund  der  bisher  berücksichtigten  Oberflächen- 
Sculpturen  nur  mit  der  Gefahr  in  Gruppen  zerlegt  werden  können, 
dass  die  wirklichen  Arten  in  mehrere  zerlegt  und  sogar  oft  in  ver- 
schiedene Gruppen  placirt  werden.  Es  bleiben  also  vorläufig  nur 
die  beiden  Weiss’ sehen  Hauptgruppen  übrig:  die  Eusigillarien  und 
die  Subsigillarien,  die  — wenn  auch  durch  Mittelformen  zwischen 
Cancellaten  und  Favularien  ebenfalls  verbunden  — doch  dadurch 
getrennt  sind,  wenigstens  bis  jetzt,  dass  noch  keine  Stücke  be- 

. *)  Specific  Variation  in  Sigillariae  (Geolog.  Magazine.  Decade  III,  Vol.  VII, 
No.  311,  May  1890).  London  1890,  p.  217. 


32 


H.  Potontk,  Die  Wechsel-Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen. 


kannt  geworden  sind,  die  gleichzeitig  Eusigillaria-  und  Subsigillaria- 
Sculpturen  zeigten,  wenn  wir  von  den  seltenen  Stücken  absehen, 
bei  denen  man  streiten  kann,  ob  sie  besser  zu  den  Favularien  oder 
Cancellaten  zu  stellen  sind. 

Ich  habe  eine  Bestimmung  der  zur  Darstellung  gebrachten 
Reste  vorläufig  nicht  vorgenommen,  da  die  Namen  derselben  hier 
nicht  von  Belang  sind ; sie  sollen  diesbezüglich  bei  Gelegenheit 
der  Veröffentlichung  der  anderen  von  Prof.  WEISS  hinterlassenen 
Figuren  von  Rhytidolepis- , Tessellata-  und  Favularia- Oberflächen 
untersucht  werden. 

Ich  gehe  nun  zu  einer  näheren  Betrachtung  der  Wechsel- 
Zonen-Bildung  über,  um  namentlich  eine  Deutung  derselben 
zu  versuchen. 

Dass  diese  Zonenbildung  nicht  bei  allen  Arten  vorkommt, 
ist  zweifellos:  wir  kennen  meterlange  Rhytidolepis-^t^vakerne,  an 
denen  die  Blattnarbe  resp.,  nach  Schwund  der  Aussenrinde,  die 
auf  den  Steinkernen  die  Stelle  der  Blattnarben  andeutenden  beiden 
Male,  welche  den  Seitennärbchen  (Transpirationsstrang  - Quer- 
schnitten) der  Blattnarbe  entsprechen,  die  Blattstellung  leicht 
erkennbar  machen,  die  aber  eine  solche  Zoneubildung  nicht  er- 
kennen lassen,  ebensowenig  wie  die  meisten,  in  den  Museen  auf- 
bewahrten, längeren  SigillariaStixcke.  Ob  nun  die  Zonenbildung 
eine  mehr  untergeordnete,  »zufällige«  Erscheinung  ist,  die  gelegent- 
lich jede  einzelne  Art  treffen  kann,  oder  ob  sie  auf  bestimmte 
Arten  beschränkt  ist,  scheint  zunächst  nicht  leicht  zu  beantworten. 
Mir  scheinen  aber  mehr  und  triftigere  Gründe  für  die  erste  An- 
nahme aufgeführt  werden  zu  können.  Zunächst  ist  das  verhältniss- 
mässig  seltene  Vorkommen  der  Wechselzonen  zu  berücksichtigen 
auch  an  Resten,  die  eine  grössere  Strecke  der  epidermalen  Ober- 
fläche zur  Anschauung  bringen.  Wenn  man  bedenkt,  wie  häufig, 
ja  gemein,  S^T&rm-Stamm-Oberflächen  im  Carbon  sind,  wie  sehr 
die  Sammlungen  mit  solchen  Resten  überladen  sind,  so  wird  man 
die  paar  Fälle,  welche  Wechsel-Zonenbildung  zeigen,  leichter  als 
Ausnahmefälle  gelten  lassen. 

Mir  sind  aus  der  Litteratur  und  aus  der  Sammlung  der 
Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt  die  folgenden  bemerkens- 


H.  Potoniä,  Die  Wechsel- Zonen- Bildung  der  Sigillariaceen. 


33 


werthen  Abbildungen  resp.  Stücke  besonders  in  die  Augen  ge- 
fallen. Weniger  auffällige  Beispiele  könnte  ich  noch  eine  grössere 
Anzahl  aufführen.  Von  der  extremsten  Zonenbildung,  wie  sie  unser 
Stück  Taf.  III,  Fig.  1,  oder  das  unten  unter  No.  6,  S.  36  erwähnte 
Exemplar  Grand’Eury’s  zeigt,  bis  zu  den  Stücken,  die  auch  jeder 
Andeutung  derselben  entbehren,  giebt  es  alle  nur  denkbaren  Ueber- 
gänge.  Ich  hätte  ausser  den  hier  abgebildeten  aus  der  Sammlung 
der  Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt  noch  eine  grössere  Anzahl 
zur  Anschauung  bringen  können,  welche  Wechsel-Zonenbildung  in 
den  verschiedensten  Variationen  zeigen.  Besonders  häufig  sind  es 
Stücke  mit  Faw£am«-Oberflächen-Sculptur,  welche  schwächer  ent- 
wickelte Zonenbildung  aufweisen.  Eines  derselben  besitzt  z.  B.  in 
der  Mitte  eine  eng-,  darüber  und  darunter  je  eine  wenig,  aber  doch 
deutlich  locker-  und  höher-narbige  Zone;  ein  anderes  besitzt  vier 
Zonen:  unten  eine  solche  mit  niedrigen,  in  die  Breite  gezogenen 
Blattnarben,  darüber  eine  andere  mit  hohen  Blattnarben,  über 
dieser  wieder  eine  dritte,  der  ersten  entsprechende,  welche  ihrer- 
seits nach  oben  wieder  von  einer  mit  der  zweitgenannten  überein- 
stimmenden begrenzt  wird.  Wieder  andere  Exemplare  zeigen 
ganz  schwache,  kaum  bemerkbare,  hier  und  da  zonenweise  ein- 
tretende Reductionen  der  Blattnarben.  — Auffallendere  Beispiele 
sind  also: 

1.  R.  Zeiller  bildet  in  seiner  Arbeit:  »Veg.  foss.  du  terr. 
houill.  de  la  France«  (Paris  1880,  p.  135,  Taf.  CLXXIV,  Fig.  1) 
ein  Stück  von  Sig.  Brardii  ab  mit  2 Zonen,  die  untere  eng- 
narbig, die  obere  locker-narbig,  wie  Sig.  rhomboidea  Brongn.  Der 
senkrechte  Zwischenraum  zwischen  den  Narben  der  unteren  Zone 
beträgt  nur  gegen  2 Millimeter,  der  der  oberen  Zone  etwa  3J/2  bis 
5 Millimeter.  Messen  wir,  wie  wir  das  auch  im  Folgenden  immer 
thun  werden,  in  der  Orthostiche  die  Entfernung  der  centralen 
Leitbündel -Närbchen  in  der  Blattnarbe  von  einander,  so  finden 
wir  diese  in  der  oberen  Zone  um  10  Millimeter  herum,  in  der 
oberen  Partie  der  unteren  Zone  gegen  7 und  in  der  unteren 
Partie  der  untern  Zone  gegen  8 — 9 Millimeter.  Zwischen  den 
beiden  auffallend  unterschiedenen,  also  nicht  durch  allmähliche 


Jalirbuch  1893. 


3 


34 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Uebergänge  vermittelten  Zonen  ist  eine  Zeile  von  Blüthennarben 
eingeschaltet.  — Vergl.  unsere  Taf.  V,  Fig.  1. 

2.  R.  Zeiller  bildet  an  den  beiden  angeführten  Orten  von 
1889  und  1892  zweimal  dasselbe  Exemplar  von  Sig.  Brardii  Brongn. 
ab,  das  oben  cancellate,  unten  leioderme  (=  Sig.  denudata  Göpp.) 
Oberflächen-Sculptur  zeigt. 

3.  Derselbe  Autor  giebt  in  seiner  Description  de  la  flore 
fossile  du  bassin  houiller  de  Valenciennes  (Paris,  Text  1888, 
p.  559  ff.,  Atlas  1886,  Taf.  LXXXIV,  Fig.  1)  ein  Stück  von  Sig. 
Sauveurü  Zeiller  bekannt,  das,  durchweg  tessellate  Felderung 
besitzend,  oben  und  unten  locker  und  in  der  Mitte  eng  stehende 
und  dabei  weniger  hohe  Blattnarben  zeigt,  sodass  3 Zonen  zu 
Stande  kommen. 

4.  C.  Grand’Eury  macht  1.  c.  ausser  dem  ebenfalls  schon 
erwähnten  Exemplar  von  Sig.  Grasiana , welches  eine  cancellate 
Zone  aufweist,  die  oben  und  unten  von  je  einer  leiodermen  Zone 
eingefasst  wird,  an  demselben  Orte,  also  in  unserer  Aufzäh- 
lung: 

5.  S.  261,  Taf.  IX,  Fig.  7 einen  auf  der  Tafel  als  Pseudo- 
sigillaria  dimorpha  n.  sp.  bezeichneten  Rest  bekannt,  der  zwar 
durchweg  leioderme  Oberfläche  zeigt,  aber  durch  verschiedenartige 
Ausbildung  der  Blattnarben  doch  Zonenbildung  zeigt,  indem  die 
Narben  des  unteren  Theiles  durch  ihre  sehr  geringe  Höhe  und 
dabei  verhältnissmässig  bedeutende  transversale  Ausdehnung  mehr 
an  die  Blattuarben  der  Cordaiten  erinnern,  während  die  Narben 
des  oberen  Theiles  die  Conturen  typischer  Sigillaria- Narben  zeigen, 
die  freilich  im  Uebrigen  dadurch  abweichen,  dass  sie  nur  ein 
einziges,  auffallendes,  centrales  Närbchen  aufweisen  sollen.  Dem- 
entsprechend entbehren  denn  auch  nach  Grand’Eury  die  ent- 
rindeten Steinkerne  solcher  Reste  die  beiden  Male  oder  durch 
Zusammenfliessen  derselben  das  eine  Mal,  welches  den  beiden 
Seitennärbchen  typischer  Sigillaria  - Narben  entspricht.  Vielmehr 
sind  die  entrindeten  Steinkerne  »Knorria- förmig«.  Grand’Eury 
hat  für  solche  Reste  vom  Typus  der  Sigillaria  rimosa  Gold,  und 
Sigillaria  monostigma  Lesq.  die  besondere  Gattung  Pseudosigillaria 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


35 


gebildet 1).  In  der  Arbeit  über  das  »Bassin  houiller  du  Gard« 
von  1890,  S.  260  bringt  er  den  in  Rede  stehenden  Typus  in  die 
Untergruppe  » Sigillariae  - Camptotaeniae « in  Anlehnung  an  den 
Speciesnamen  »camptotaenia«  Wood’s  von  1860.  Nach  Weiss2) 
sind  — wie  auch  ich  anerkenne  — Sigillaria  rimosa  Gold.  (1857), 
S.  camptotaenia  Wood  (1869)  und  S.  monostigma  Lesq.  (1866) 
synonym;  die  Art  wird  von  diesem  Autor  Sigillaria  comptotaenia 
Wood  genannt,  weil  der  Name  S.  rimosa  bereits  durch  Sauveur 
für  eine  rhytidolepe  Sigillarie  vergeben  war.  Bezüglich  der  Närb- 
clien  in  den  Blattnarben  finden  wir  bei  Weiss3)  die  Angabe:  »In 
der  Narbe  haben  die  3 Närbchen  eine  solche  Umbildung  erfahren, 
dass  sie  wohl  kaum  zu  3 auftreten,  sondern  mehr  oder  weniger 
deutlich  einen  Ring  bilden.«  Und4):  »In  der  Narbenfläche 

vermisst  man  die  3 für  Sigillaria  charakteristischen  Närbchen. 
Nur  bei  Fig.  23  kann  man  sie  wohl,  obschon  nicht  sehr  deut- 
lich, erkennen.  Fig.  23  A:  das  mittlere  Närbchen  punktförmig 
oder  ein  wenig  horizontal  verbreitert  oder  schwach  gebogen,  fast 
central,  die  seitlichen  in  schwachen,  gebogenen,  linealen  Eindrücken, 
die  mehr  oder  weniger  ringförmig  zusammenfliessen.  Das  bezüg- 
lich der  Blattnarben  besterhaltene  Stück  (Fig.  22)  dagegen  er- 
giebt  am  Wachsabguss  das  in  Fig.  22  A gezeichnete  Bild  in  zwei- 
facher V ergrösserung.  Man  sieht  einen  Ring,  der  einen  concaven 
Fleck  umschliesst  und  oben  und  unten  oder  nur  unten  einen 
Punkt  besonders  angedeutet  sehen  lässt.  Goldenberg  hatte 
(auch  v.  Röhl  nach  ihm)  scharf  und  bestimmt  3 Närbchen  ge- 
zeichnet ; allein  an  seinem  Originale , wovon  Fig.  20  ein  Stück 
bringt,  lässt  sich  davon  nichts  wahrnehmen,  wie  auch  Schenk 

*)  Flore  carbon.  duDep.  de  la  Loire  et  du  centre  de  la  France.  Paris  1877, 
p.  142.  — Schon  1860  hat  aber  Wood  (Proceedings  of  the  Academy  of  Natural 
Sciences  of  Philadelphia,  Juni  1860  [Philadelphia  1861],  p.  237 — 238)  für  diesen 
und  den  leiodermen  Typus  überhaupt  die  Gattung  Asolanus  aufgestellt,  die  er 
freilich  1869  (Transactions  Amer.  Phil.  Soc.  XIII,  p.  342)  zu  Sigillaria  einzieht, 
danach  würde  besser,  wenn  man  den  Typus  der  Sig.  camptotaenia  generisch  von 
Sigillaria  trennen  will,  für  Pseudosigillaria  Grand ’Eury  Asolanus  Wood  ex  parte 
gebraucht  werden. 

2)  Subsigillarien  1893,  S.  66—67. 

3)  Subsigillarien,  S.  65 — 66. 

4)  1.  c.,  S.  67—68. 


36  H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 

richtig  angiebt.«  WEISS  macht  auch  auf  die  Knorrienform  der 
entrindeten  Steinkerne  aufmerksam.  Seine  Fig.  20,  Taf.  IV  zeigt 
typische  Knorria- Oberfläche  unter  der  Kohlenrinde,  während  die 
entrindeten  Theile  der  Figuren  auf  der  Taf.  V mehr  an  die 
Aspidiopsis  - Sculptur  erinnern . 

6.  Ausser  dem  unter  5.  angeführten  Exemplar  bildet  Grand’- 
Eüry  noch  ein  weiteres,  viel  vollständigeres  Stammstück  derselben 
Art,  also  Pseudosigillaria  oder  — wie  aus  der  einen  Anmerkung 
oben  hervorgeht  (für  den  Fall  also,  dass  man  den  Typus  abtrennen 
will)  — besser  Asolanus  dimorpha  ab  auf  Taf.  XXII,  Fig.  1 *). 
Dieses  über  V2  Meter  lange  Prachtstück  zeigt  nicht  weniger  als 
5 Zonen,  immer  abwechselnd  eine  mit  ganz  schmalen,  kurz- 
cordaitiformen  Blattnarben  und  eine  mit  hohen,  typisch  sigillari- 
formen. 

Im  Text *  2)  führt  Grand’Eury  das  Stück , Fig.  7 , Taf.  IX, 
unter  » Sigillaria  camptotaenia  monostigma « auf,  indem  er  sagt: 
Dieses  Stück  »se  rapporte,  je  crois,  ä cette  espece«;  das  Pracht- 
stück, Fig.  1,  Taf.  XXII,  nennt  er  im  Text  » Sigillaria  camptotaenia 
gracilenta«..  Sterzel  3)  rechnet  beide  zu  Sigillaria  camptotaenia 
Wood,  und  anders  kann  man  sie  auch  nicht  unterbringen. 
Grand’Eury  selbst  beginnt  übrigens  den  Text  zu  Sigillaria 
camptotaenia  gracilenta  mit  den  Worten:  »Je  ne  crois  plus  que  le 
raccourcissement  periodique  de  Vegetation  qui  signale  quelques 
tiges  constitue  un  caractere  specifique  ( dimorpha ),  bien  qu’il 
n’ait  pas  ete  constate  ailleurs  que  dans  le  Gard,  et  qu’ici  on 
ne  le  rencontre  pas  dans  les  couches  superieures«.  Der  letzte 
Satz  ist  für  uns  besonders  interessant,  da  die  in  demselben  aus- 
gesprochene Thatsache,  dass  sich  Wechselzonen  bei  der  Sigillaria 
camptotaenia  nur  an  Stücken  aus  bestimmten  Horizonten  finden, 
durchaus  zu  der  Ansicht  leiten  muss,  dass  die  Wechselzonen  in 
der  That  keine  constante  Eigenthümlichkeit  der  Art  sind,  sondern 
vielmehr  Wachsthums- Erscheinungen,  die  besonderen  äusseren 
Einflüssen  ihren  Ursprung  verdanken.  Hiermit  stimmt  auch  über- 


*)  Bassin  houiller  du  Gard  1890. 

3)  1.  c.,  S.  262. 

3)  In  Weiss-Stebzel,  Subsigillarien  1893,  S.  67,  Anmerkung. 


H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


37 


ein,  dass  das  von  WEISS,  1.  c.,  Taf.  V,  Fig.  28,  zum  Theil  abge- 
bildete Stammstück  von  Sigillaria  camptotaenia , welches  bei  einer 
Länge  von  65  Centimeter  im  Vergleich  mit  Grand’Eury’s  Fig.  1, 
Taf.  XXII,  mindestens  6 Wechselzonen  besitzen  müsste,  gar  nichts 
davon  zeigt. 

Dass  die  Entwickelung  von  strichförmigen  Blattnarben  bei 
Sig.  camptotaenia  in  Zusammenhang  steht  mit  einer  V erlangsamung 
des  Wachsthums  der  Achse,  zeigt  das  GRAND’EüRY’sche  Exemplar, 
Taf.  XXII,  Fig.  1,  bei  aufmerksamerer  Betrachtung  sehr  leicht. 
Abgesehen  davon,  dass  die  senkrechte  Entfernung  der  Blattnarben 
von  einander  sich  leicht  als  (der  Annahme  entsprechend)  verschieden 
in  den  Zonen  constatiren  lässt,  obwohl  Orthostichen  nicht  klar 
herauskommen,  so  kann  man  auch,  ohne  Vornahme  von  Messungen, 
durch  den  blossen  Blick  auf  das  Exemplar  bemerken,  dass  die 
Schrägzeilen  der  verschiedenen  Zonen  sich  hinsichtlich  ihrer  Steil- 
heit von  einander  auffallend  unterscheiden.  In  den  Zonen  mit 
den  strichförmigen  Narben  verlaufen  sie  sehr  viel  weniger  steil 
als  in  den  anderen  Zonen  und  daraus  folgt  ja  ohne  Weiteres  das 
Gesagte,  wobei  nur  noch  zu  berücksichtigen  ist,  dass  die  Anzahl 
der  Blattnarben  in  den  sichtbaren  Theilen  der  Parastichen  in 
beiden  Zonen  dieselbe  bleibt. 

7.  Taf.  IX,  Fig.  10  bildet  Grand’Eury  einen  Pseudosigillaria 
lepidodendroides  *)  genannten  Rest  ab,  der  zwei  Zonen  aufweist, 
unten  eine  mit  sehr  schmalen,  darüber  eine  mit  hohen  Blatt- 
narben. 

8.  Taf.  XI,  Fig.  1 — immer  noch  bei  Grand’Eury,  1.  c.  — 
bringt  eine  fast  25  Centimeter  lange  Stammoberfläche  von  Sigillaria 
Brardii  Brongniart *  2).  Sie  ist  durchweg  typisch  cancellat  und 
lässt  4 ganz  allmählich  in  einander  übergehende  Zonen  unter- 
scheiden, von  denen  immer  die  eine  mit  flacheren,  die  andere  mit 
höheren  Polstern  und  Blattnarben  bekleidet  ist.  Bei  der  Kleinheit  der 
Narben  und  Polster,  die  an  sich  wiederholenden  Stellen  durchaus 
die  Höhen-  und  Breitenverhältnisse  von  Brongniart’s  Sigillaria 


*)  Text  1.  c.  S.  262. 

2)  Text  bei  Grand’Eury  1.  c.  S.  250. 


38 


H.  Potonie,  Die  Weehsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Menardi  besitzen,  hätte  Grand’Eury  sein  Exemplar  ebensogut  zu 
dieser  Art,  die  wohl  synonym  mit  Sigillaria  Brardii  ist,  rechnen 
können. 

V^on  hohem  Interesse  für  unsere  Frage  ist  es,  dass  die  Si- 
gillaria Brardii  Brongn.  em.  (also  incl.  spinulosa  Germar  und  denu- 
data  Göpp.  !)),  wie  unter  1.  S.  33  erwähnt,  auch  mit  Wechselzonen 
vorkommt,  die  durch  leioderme  (Sig.  spinulosa  und  S.  denudata ) 
und  cancellate  Oberflächen  gebildet  werden.  Die  Entfernung  der 
untereinander  stehenden  Narben  der  schmalpolsterigen  Zonen  be- 
trägt im  Durchschnitt  an  dem  GRAND’EüRY’schen  Exemplar  von 
Leitbündel-Närbchen  zu  Leitbündel-Närbchen  gemessen  nur  gegen 
2 Millimeter,  an  dem  z.  B.  von  Weiss *  2),  Taf.  VIII,  Fig.  39,  ab- 
gebildeten Rest  mit  S.  denudata  - Oberflächen  - Sculptur  bis  über 
35  Millimeter,  sie  ist  also  hier  über  17  Mal  grösser  als  im  ersten 
Falle.  Dazwischen  kommen  alle  Entfernungsgrössen  vor. 

E.  Weiss  bildet  1.  c.  die  folgenden  Beispiele  mit  Zonenbildung 
ab,  wobei  ich  also,  wie  überhaupt,  solche  Stücke,  deren  Zonen 
nicht  stärker  augenfällig  sind,  wie  z.  B.  an  dem  Taf.  VIII,  Fig.  37 
abgebildeten  leiodermen  Rest  von  » Sigillaria  glabra  n.  sp.«,  dessen 
untere  Narben  2 — 3 Millimeter  in  der  Orthostiche  grössere  Ent- 
fernung zeigen  als  die  oberen,  oder  wie  das  Taf.  XVI,  Fig.  63, 
zur  Anschauung  gebrachte  Stück  mit  cancellater  Oberfläche  von 
Sig.  Brardii  (»Sig.  mutans  W.  forma  Brardi  Brongn.  sp.  var. 
sublaevis  Sterz.«),  bei  welchem  dasselbe  Verhältniss  waltet,  und 
andere  ausser  Acht  lasse. 

9.  Taf.  XIII,  Fig.  57,  veranschaulicht  eine  48  Centimeter 
lange  Oberfläche  von  Sig.  Brardii  (»Sig.  mutans  forma  Wettinensis 
Weiss«)  mit  cancellater  Oberfläche,  deren  Narben  von  unten 
nach  oben  ganz  allmählich  grössere  Entfernungen  von  einander 
(immer  in  der  Orthostiche)  zeigen,  oder  mit  anderen  Worten: 
deren  Polster  im  oberen  Theile  höher  als  im  unteren  sind.  Unten 
beträgt  die  Entfernung  der  Narben  14 — 15  Millimeter,  oben  bis 
über  22  Millimeter. 

*)  Vergl.  meine  Flora  des  Rothliegenden  von  Thüringen  (Abhandl.  d. 
Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt,  Neue  Folge,  Heft  9),  Berlin  1893,  S.  190  ff. 

2)  Subsigillarien  1893. 


H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen. 


39 


10.  Taf.  XV,  Fig.  61,  reproducirt  Weiss  das  E.  F.  Germar- 
sche  Original  von  Sig.  Brardii  *)  (»Sig.  mutans  W.  forma  Brardi 
Brongn.  sp.  var.  Germari-varians  Sterz.«).  Es  besteht  aus  einem 
12  Centimeter  langen  Stammtheil  mit  einem  25  Centimeter  langen 
Zweige,  beide  mit  cancellater  Oberfläche.  Die  Narbenentfernung 
am  Stammtheil  beträgt  ca.  6 — 8 Millimeter.  Der  Zweig  lässt  drei 
schwach  unterschiedene  Zonen  erkennen;  die  mittlere  derselben 
zeigt  Narbenentfernungen  von  ca.  5 — 6 Millimeter,  die  beiden 
anderen  ca.  4 — 5 Millimeter. 

1 1 . Taf.  XVII,  Fig.  66,  kommt  eine  Stammoberfläche  eben- 
falls von  Sig.  Brardii  (»Sig.  mutans  W.  forma  Brardi  Brongn.  sp. 
var.  Germari-varians  Sterz.«)  von  gegen  25  Centimeter  Länge  zur 
Darstellung,  welche  an  das  hier  unter  8.  S.  37  aufgeführte  Grand’- 
EüRY’sche  Exemplar  erinnert,  nur  dass  die  Wechselzonen  an  dem 
WEiss’schen  Stücke,  deren  man  wohl  5 (von  unten  nach  oben 
a,  b,  c,  d und  e)  annehmen  kann,  nicht  so  auffallend  unter- 
schieden sind,  wie  an  Grand’Eury’s  Exemplar,  und  insofern,  als 
die  Zonen  sich  untereinander  nicht  in  gleicher  Weise  ähnlich  sind. 
Nach  den  Angaben  im  Text* 2)  beträgt  die  Polsterhöhe  im  untersten 
Theile  des  Stückes,  in  der  Zone  a,  4 Millimeter  und  die  Blatt- 
narben nehmen  die  ganze  Höhe  des  Polsters  ein;  in  der  darüber 
folgenden  Zone  b beträgt  die  Höhe  der  Polster  ebenfalls  4 Milli- 
meter, aber  die  Blattnarben  sind  weniger  hoch,  so  dass  sie  auch 
oben  und  unten  von  Polsterfläche  begrenzt  werden;  Zone  c besitzt 
5 Millimeter  hohe  Polster,  die  Narben  wie  vor,  aber  etwas  höher; 
Zone  d hat  3 Millimeter  hohe  Polster,  Narben  wie  vor,  aber 
wieder  weniger  hoch;  Zone  e mit  8 mm  hohen  Polstern  besitzt 
auch  die  höchsten  Blattnarben,  die  sonst  ebenfalls  central  stehen. 
Schon  dieses  Stück  ganz  allein  müsste  bei  der  Unregelmässigkeit 
in  der  Ausbildung  der  Zonen  Jeden  darauf  hinweisen,  dass  sie 
nicht  specifisch  für  die  Pflanze  sind ; zieht  man  nun  aber  gar  die 
übrigen  schon  erwähnten  Stücke  von  Sig.  Brardii  hierbei  mit  in 
Betracht,  da  sie  in  ihrer  Zonenausbildung  untereinander  wesent- 

')  Gekmak,  Die  Yerst.  d.  Steinkohlengeb.  v.  Wettin  u..  Löbejün,  III.  Heft, 
Halle  1845,  S.  29  ff.,  Taf.  XI,  Fig.  1. 

2)  S.  152-153. 


40  H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen. 

lieh  abweichen,  und  berücksichtigt  man  ferner  die  Thatsache,  dass 
lange  Rindenoberflächen  von  derselben  Species  bekannt  sind,  die 
keine  Spur  von  Zonenausbildung  aufweisen,  so  wird  man  geradezu 
gezwungen,  dem  Gedanken  Raum  zu  geben,  dass  nicht  innere  Wachs- 
thums-Verhältnisse  (Vererbungs- Erscheinungen)  die  Zonenbildung 
bedingt  haben,  sondern  dass  die  senkrechte  Entfernung  der  Blatt- 
narben von  einander  innerhalb  gewisser  Grenzen,  die  sich  zu  einem 
specifischen  Merkmal  befestigt  haben,  ebenso  von  äusseren  Ver- 
hältnissen, vor  allem  von  Wärme  und  Nahrungszufluss,  wohl  auch 
Licht,  abhängig  sind,  wie  bei  den  recenten  Pflanzenarten. 

12.  Taf.  XXI,  Fig.  83,  finden  wir  ein  als  Sig.  Fritschü 
Weiss  beschriebenes  Exemplar  von  ca.  45  Centimeter  Länge,  das 
in  seinem  unteren  Theile  eine  leioderme,  in  seinem  oberen  eine 
schlecht  oder  kaum  cancellat  entwickelte  Zone  zeigt.  Die  Narben 
der  unteren  Zone  sind  über  25  Millimeter  von  einander  entfernt, 
die  der  oberen  über  15  Millimeter. 

Zu  diesen  aus  der  Litteratur  entnommenen  Fällen  kommen 
nun  die  drei  von  mir  ganz  oben  beschriebenen  und  auf  den 
Tafeln  abgebildeten  hinzu.  Also: 

13.  Der  Taf.  III,  Fig.  1 abgebildete  Rest,  der  unten  eine 
Rhytidolepis-  (i.  e.  S.)  und  oben  eine  Tessellaten-Zone  besitzt.  Die 
Narbenentfernung  in  der  Rhytidolepis-Zone  beträgt  über  20  Milli- 
meter, in  der  Tessellaten-Zone  im  Durchschnitt  6 Millimeter,  über 
und  unter  der  letzteren  gegen  8 Millimeter. 

14.  Das  von  mir,  Taf.  IV,  Fig.  1 gebrachte  Stück  zeigt  in 
der  basalen,  echt  rhytidolepen  Zone  Narben-Entfernungen  von  ca. 
7 Millimeter,  während  die  Narben  der  Favularien-Zone  oben  nur 
ca.  3 Millimeter  und  ganz  oben  um  ein  Geringes  mehr  von  ein- 
ander abstehen. 

15.  Taf.  IV,  Fig.  2,  also  das  Stück  mit  reiner  Favularien- 
Oberfläche,  zeigt  in  den  beiden  engnarbigen  Zonen  Entfernungen 
von  3 — 4 Millimeter,  in  der  dazwischen  liegenden  solche  von 
6 — 7 Millimeter. 

Die  Sammlung  der  Königl.  Preuss.  geologischen  Landes- 
anstalt besitzt  aüsserdem  noch  eine  Anzahl  anderer  Stücke,  bei 
denen  mehr  oder  minder  deutliche  Zonenbildung  zu  beobachten 
ist.  Ich  will  von  diesen  nur  noch  — da  die  im  Vorstehenden 


H.  PoTONifi,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


41 


erwähnten  Thatsachen  reichhaltig  genug  sind,  um  die  schon  ge- 
zogene Folgerung  zu  rechtfertigen  — 

16.  ein  grösseres  Rhytidolepis- Stück  erwähnen,  das  umge- 
kehrt wie  das  auf  unserer  Taf.  III,  Fig.  1 abgebildete  Stück  nur 
nicht  so  auffällig  sich  verhält,  indem  es  oben  lockerere  und  nicht 
durch  Querfurchen  getrennte,  unten  jedoch  enger  stehende  und 
durch  tessellate  Querfurchen  gesonderte  Narben  besitzt.  In  der 
unteren,  tessellaten  Partie  betragen  die  Narben -Entfernungen  ca. 
6 Millimeter,  ganz  unten  wieder  etwas  mehr,  in  der  obersten 
ca.  8 Millimeter. 

17.  Zum  Schluss  der  Aufzählung  erwähne  ich  eine  von  mir 
angefertigte  Gipsnachbildung  eines  in  der  Halleschen  Universitäts- 
sammlung befindlichen  Exemplars  von  Sig.  Brardii,  das  mir  diese 
Schlussfolgerung  — speciell  dass  die  engere  oder  weitere  Entfernung 
der  Narben  keineswegs  constant  periodisch  auftritt  — noch  weiter 
und  wesentlich  zu  unterstützen  scheint.  Dieses  Stück,  ein  zu- 
sammengedrückter Steinkern,  von  welchem  ich  in  der  Textfigur 
S.  42  je  zwei  Orthostichen  jeder  Seite  in  1/i  zur  Anschauung  bringe, 
ist  nur  zum  kleineren  Theil  mit  kohliger  Bedeckung  erhalten.  Es 
zeigt  aber  die  Oberflächensculptur  für  unsern  Zweck  in  genügender 
Weise  auf  beiden  Seiten  erhalten.  Die  eine  Seite  zeigt  ganz  typische 
Oberflächen-Sculptur  des  GoEPPERT’schen  Sig.  denudata- Restes, 
resp.  der  GERMAR’schen  Sig.  spinulosa  (ohne  die  Stigmaria;- 
Narben).  Bei  Weiss-Sterzel  wird  diese  Seite  des  Exemplars 
unter  den  »leiodermen  Formen«  unter  No.  20  als  »Sig.  mutans 
Weiss  forma  Wettinensis-spinulosa  Weiss  et  Sterzel«  beschrieben. 
Die  senkrechte  Entfernung  zweier  Blattnarben  beträgt  24  bis 
27  Millimeter.  Die  andere  Seite  des  Stückes  zeigt  zwar  eine  im 
Durchschnitt  nur  wenig  geringere  senkrechte  Entfernung  der 
Blattnarben  von  einander,  wie  das  ja  auch  ohne  Weiteres  ver- 
ständlich sein  wird,  dass  hier  grosse  Unterschiede  nicht  erwartet 
werden  können,  es  lässt  sich  aber  leicht  ein  diesbezüglicher 
Unterschied  constatiren  — sodass  ich  mich  über  die  WEiss’sche 
Angabe1),  sie  sei  »auf  beiden  Seiten  gleich«,  wundern  muss  — , 
und  ferner  ist  die  bemerkenswerthe  Thatsache  hervorzuheben, 


x)  Subsigillarien  S.  86. 


42 


H.  Potonie,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Stammstückes  aus  dem  Carbon 


H.  Potonik,  Die  Wechsel- Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


43 


dass  diese  Seite  eine  deutlich  cancellate  Oberfläche  besitzt.  Mit 
Leichtigkeit  und  auffallend  lässt  sich  der  Unterschied  in  der  Ent- 
fernung der  Narben  auf  beiden  Seiten  constatiren,  wenn  man  ihn 
dadurch  summirt,  dass  man  bei  der  Messung  mehrere  Narben 
überspringt;  so  beträgt  die  Entfernung  der  einen  Narbe  in  einer 
Orthostiche  der  leiodermen  Seite  von  der  7.  darüber  befindlichen 
ca.  157  Millimeter,  während  sie  sich  auf  der  cancellaten  Seite  nur 
auf  ca.  137  Millimeter  beläuft.  Diese  Oberfläche  wird  bei  Weiss- 
Sterzel  1.  c.  unter  No.  37  unter  den  »cancellaten  Formen«  auf 
S.  127  und  128  mit  demselben  Namen  wie  die  andere  Seite  be- 
schrieben mit  der  Bemerkung,  dass  sie  sich  der  »forma  Wettinensis 
var.  convexa « anreihe.  Sowohl  S.  110  wie  auch  S.  128  wird 
wiederholt,  dass  die  beiden  Seiten  sich  »nahezu«  gleich  in  Bezug 
auf  die  Entfernung  der  Blattnarben  verhielten , und  dass  daher 
»die  leioderme  Seite  nur  durch  Ausfüllung  der  Furchen  der  can- 
cellaten Seite  erklärt  werden  könne.«  Es  ist  wohl  gemeint,  dass 
die  leioderme  Seite  durch  stärkeres  Längenwachsthum  die  Polster- 
furchen ausgeglichen  habe,  da  weiter  vorn *)  gesagt  wird,  »die 
Leiodermarien-Oberfläche  der  einen  Seite  ist  durch  Ausfüllen  der 
Furchen  beim  Wachsthum  zu  erklären«  (Weiss).  Ich  selbst 
meine,  dass  das  Stück  unwiderleglich  zeigt,  dass  der  Wechsel  in 
der  senkrechten  Entfernung  der  Blattnarben  an  Stücken,  die 
bereits  Dickenwachsthum  besessen  haben,  wie  das  in  Rede  stehende, 
an  welchen  also  ein  nachträgliches  Längenwachsthum  ausge- 
schlossen ist,  nur  auf  äussere  Einflüsse  zurückgeführt  werden 
kann.  Die  Entstehung  unseres  Stückes  kann  man  danach  sich 
am  besten  so  vorstellen,  dass  etwa  die  Beleuchtung  der  beiden 
Flächen  in  der  allerersten  Jugend,  während  des  ausschliesslichen 
Längenwachsthums  des  Stammes,  eine  ausnahmsweise  verschiedene 
war.  Eine  augenfällige  Krümmung  braucht  sich  bei  dem  geringen 
Unterschiede  der  Entfernungen  nicht  zu  markiren.  Der  Sigillaria- 
Stamm,  welcher  unser  Fossil  geliefert  hat,  mag  etwa  am  Rande 
eines  dichten,  also  schattenreichen  Waldes  gestanden  haben.  Es 
wäre  dann  anzunehmen,  dass  die  cancellate  Seite  von  der  Licht- 


‘)  1.  c.  S.  87. 


44 


H.  PoTONiii,  Die  Wechsel- Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


quelle  getroffen  wurde,  die  leioderme  hingegen  von  derselben  ab- 
gewandt war. 

Bei  Gelegenheit  der  Erwähnung  dieses  bei  Weiss  -Sterzel  be- 
schriebenen Stückes,  von  welchem  ich  also  in  der  Figur  auf  S.  42  je 
einen  Theil  der  Vorder-  und  Rückseite  zur  Anschauung  gebracht 
habe,  möchte  ich  nicht  unerwähnt  lassen,  dass  ich  mich  mit  der  in 
dem  Subsigillarien-Werk  angewendeten  Nomenclatur  nicht  befreun- 
den kann.  Abgesehen  davon,  dass  sie  nicht  in  Einklang  mit  den 
Nomenclaturgesetzen  steht,  die  sich  aus  bewährter  Praxis  entwickelt 
haben,  muss  ich  es  für  verfehlt  halten,  Pflanzentheile  auch  dann  be- 
sonders zu  benennen,  wenn  wir  die  specifische  Zusammengehörigkeit 
derselben  erkannt  haben.  In  der  Namengebung  sollen  sich  die  Fort- 
schritte unserer  systematischen  Erkenntniss  ausdrücken.  Wir  wissen 
jetzt,  dass  der  von  Germar  1848  ^ als  Sig.  spinulosa  bekannt  ge- 
gebene Rest  ebensowohl  wie  der  von  Goeppert  1 864/65*  2),  beide 
mit  anderen  vermeintlichen  besonderen  Arten,  specifisch  zusammen- 
gehören, u.  a.  mit  der  viel  früher  von  Adolf  Brongniart  beschrie- 
benen Sig.  Brardii  3).  Danach  muss  man  doch  die  Art  Sig.  Brardii 
Brongn.  nennen,  wie  ich  das  auch  in  meiner  Rothliegenden- 
Flora  von  1893,  S.  190,  gethan  habe.  Wenn  Sig.  Menardi  und 
andere  Arten  Brongniart’s  ebenfalls  nur  als  verschiedenartig 
ausgebildete  Rindenoberflächen  zu  Sig.  Brardii  gehören,  so  wäre 
die  Art  Sig.  Brardii  Brongn.  emend.  zu  nennen.  Brongniart 
hatte  ja  bei  dem  damaligen  Stand  der  Kenntniss  noch  nicht  Ge- 
legenheit, sich  über  den  Werth  dieser  »Arten«  eine  Meinung  zu 
bilden.  Daraus,  dass  wir  die  Sig.  Brardii  heute  wesentlich  voll- 
ständiger kennen  als  zu  Brongniart’s  Zeiten,  ist  nicht  die  Be- 
rechtigung herzuleiten,  sie  umzubenennen,  wie  das  Weiss  in 


!)  1.  c.  Y.  Heft,  Taf.  XXV,  Fig.  1 u.  2. 

®)  D.  foss.  Flora  d.  permischen  Form.,  Cassel,  S.  200,  Taf.  XXXIV,  Fig.  1. 

3)  Hist,  des  veg.  foss.,  1. 1,  livr.  12,  1836  p.  430—432,  pl.  158,  fig.  4.  Als 
Clatliraria  Brardii  schon  1822  in  »Sur  la  dass,  et  la  distrib.  des  veg.  foss.  etc.« 
(Extrait  des  Mem.  du  Mus.  d’hist.  nat.,  t.  VIII)  p.  22,  pl.  I (XII),  fig.  5 und  als 
Sig.  Brardii  schon  1828  im  Prodrome  d’une  hist,  des  veg.  foss.,  p.  65.  — Weiss 
giebt  (Subsigillarien  1893,  S.  85)  irrthümlich  an,  dass  in  der  genannten  Brongniakt- 
schen  Arbeit  von  1822  die  Abbildung  der  Brardii  ohne  Namengebung  publi- 
cirt  sei.  S.  211  derselben  Arbeit  jedoch  wird  das  Versehen  ausgeglichen. 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen.  45 

seiner  Subsigillarien-Arbeit  thut,  der  sie  als  Sig.  mutans  W.  auf- 
fuhrt. Ein  solches  Verfahren  muss  die  überdies  schon  so  colossal 
belastete  Synonymie  in  unzweckmässigster  Weise  verwirren,  und 
es  wäre  schwer  festzustellen,  wo  die  »Berechtigung«,  alte  Arten 
umzubenennen,  ihre  Grenze  finden  soll.  Da  die  Sig.  Brardii 
(in  dem  von  mir  angewendeten  Sinne)  nunmehr  an  einem  und 
demselben  Stücke  in  der  ursprünglichen  cancellaten  (j Brardii 
Brongn.  von  1822  — 1836)  und  in  der  so  sehr  abweichenden 
leiodermen  ( denudata ) Ausbildung  bekannt  geworden  ist,  handelt 
es  sich  auch  nicht  um  besondere  »Formen«  oder  gar  »Varietäten« 
einer  Art,  sondern  eben  nur  um  verschiedenartige  Rindenober- 
flächen ein  und  derselben  Art,  wenigstens  soweit  wir  bis  jetzt 
orientirt  sind.  Bezeichnungen  wie  »Sig.  mutans  Weiss  forma 
Wettinensis-spinulosa«  oder  gar  Sig.  mutans  W.  forma  Wettinensis 
W.  var.  depressa«.  sind  daher  nicht  am  Platze.  Die  paläontologi- 
schen  Arten  haben  zwar  zum  guten  Theile  keinen  specifischen 
Werth,  da  man  ja  leider  die  organische  Zusammengehörigkeit  von 
Resten  oft  nur  vermuthen  oder  diesbezüglich  oft  auch  nicht  einmal 
eine  Vermuthung  äussern  kann,  und  in  diesem  Falle  bleibt  freilich, 
so  betrübend  die  Sache  auch  ist,  nichts  anderes  übrig,  als  die 
Reste  einzeln  zu  benennen:  aber  man  muss  sich  doch  klar  darüber 
sein,  dass  es  sich  hier  vielfach  nur  um  provisorische  Namen 
handeln  kann,  und  muss  es  doch  als  einen  Fortschritt  begrüssen, 
wenn  organische  Zusammengehörigkeiten  aufgedeckt  und  dadurch 
die  Nomenclatur  reducirt  und  richtig  gestellt  wird.  Man  kann 
daher  nun  wohl  in  unserem  Falle  von  einer  denudaten  u.  s.  w. 
Oberfläche  sprechen,  aber  nicht  von  einer  forma  denudata  in 
botanisch-systematischem  Sinne.  Handelt  es  sich  um  verschieden 
ausgebildete  Rindenoberflächen,  deren  Charakter  man  kurz  an- 
geben will,  so  kann  man  die  eine  am  passendsten  und  bequemsten 
als  leioderme,  die  andere  als  subleioderme , subcancellate  oder 
cancellate  Sig.  Brardii  angeben,  so  dass  die  neuen  Bezeichnungen 
durchaus  entbehrlich  oder  geradezu  störend  sind,  ja  unsere  that- 
sächlichen  Kenntnisse  in  ein  falsches  Licht  setzen.  Sie  wären  es 
nicht,  wenn  uns  die  Zusammenhänge  noch  unbekannt  wären; 
aber  jeder  Pflanzenpaläontologe  weiss  ja,  was  er  von  den  pflanzen- 


46  H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 

paläontologischen  Arten,  Varietäten  und  Formen  zu  halten  hat; 
jedoch  auch  dann  eine  nur  wegen  ungünstiger  Umstände  leider 
nothwendig  gewordene  Bezeichnungsweise  beizubehalten,  wenn 
günstige  Umstände  die  Fehlerhaftigkeit  derselben  aufgewiesen 
haben,  oder  dieselbe  gar  noch  weiter  zu  entwickeln,  liegt  nicht 
im  Sinne  der  Wissenschaft.  Ebensowenig  wie  ein  Bedürfniss 
vorliegt,  die  einzelnen,  in  botanischen  Museen  befindlichen  Objecte, 
also  etwa  Früchte,  blühende  Sprosse  und  Stammtheile  ein  und 
derselben  Pflanzenart,  besonders  zu  benennen,  kann  ein  Vortheil 
darin  gefunden  werden,  fossile  Rindenoberflächen,  die  wir  so 
glücklich  waren,  als  organisch  zu  ein  und  demselben  Pflanzen- 
individuum gehörig  zu  erkennen,  besonders  zu  benennen,  wodurch 
die  erwähnte  Errungenschaft  äusserlich  nur  verdeckt  wird.  Die 
von  WEISS  x)  zur  Begründung  seiner  Nomenclatur  gemachten  Be- 
merkungen sind  daher  nicht  stichhaltig.  Wenn  er  meint,  dass 
sich  unter  den  Stücken  einer  mutans- Reihe  solche  finden  könnten, 
die  zu  verschiedenen  Arten  gehören,  so  ist  das  ja  ganz  richtig, 
da  verschiedene  Arten  kaum  oder  nicht  unterscheidbare  Rinden- 
oberflächen besitzen  können.  Aber  Möglichkeiten  sollen  sich 
in  der  Nomenclatur  nicht  aussprechen,  sondern  nur  Thatsächlich- 
k eiten,  soweit  sie  als  solche  nach  dem  jeweiligen  Stande  der 
Wissenschaft  erkannt  werden  können.  Ebenso  wie  man  geduldig 
mit  der  Einziehung  von  Arten-Bezeichnungen  warten  muss,  bis 
sich  die  Noth Wendigkeit  hierzu  aus  beweisenden  Stücken  ergiebt, 
muss  man  auch  mit  der  Trennung  einer  Art  in  mehrere  warten, 
bis  sich  ein  thatsächlicher  Anhalt  herausstellt.  Die  Nomenclatur 
hat  unsere  thatsächlichen  momentanen  Kenntnisse  zu  beleuchten 
und  wiederzuspiegeln* 2). 

Weiss3)  hält  den  Schluss  für  gesichert,  »dass  wenigstens  ge- 
wisse cancellate  Sigillarien  im  Alter  leioderm  werden«,  und  er  meint 
die  cancellaten  Rindenoberflächen  der  Sigillaria  Brardii  für 


')  Subsigillarien  S.  84  ff. 

2)  Vergl.  auch  meine  diesbezüglichen  Bemerkungen  in  meiner  Arbeit  » Folli - 
culites  Kaltennordheimensis  Zenker  und  Foll.  carinatus  (Nkhring)  Pot.«  (Neues 
Jahrb.  f.  Miner.,  Geol.  u.  Palaeontologie.  Stuttgart  1893.  Bd.  II,  p.  105). 

3)  1.  c.  S.  87. 


H.  PoTONiii,  Die  Wechsel-Zonen-Biltkmg  der  Sigillariaceen. 


47 


die  jüngeren,  die  leiodermen  für  die  älteren  halten  zu 
müssen.  Die  ganze  Entwicklung,  sagt  er,  wird  man  sich  vorzustellen 
haben,  »beginnend  mit  ganz  jungen  Exemplaren  vom  Typus  der 
Sig.  Menardi  (Polster  noch  so  dicht,  dass  die  Blattnarben  fast  zu- 
sammenstossen),  mit  zunehmendem  Alter  und  Grösse  in  typische 
Sig.  Brardi  (mit  spatelförmigen  Polstern  und  subquadratischen 
Blattnarben)  übergehend,  dann  durch  Vergrösserung  der  Polster 
sich  weiter  verändernd,  nun  aber  bald  mit  Verflachung  der  Polster 
und  Furchen  sich  mehr  und  mehr  den  rein  leiodermen  nähernd, 
wie  Sig.  rhomboidea , endlich  in  völlig  leiodermen  höheren  Alters- 
Formen  endend,  wie  Sig.  spinulosa , denudata.«  Das  Vorkommen 
von  Wechselzonen  macht  diese  Anschauung  ohne  Weiteres  un- 
haltbar, obwohl. schon  die  blosse  Ueberlegung,  dass  an  Stamm- 
theilen,  die  bereits  ein  Dickenwachsthum  eingegangen  sind,  die 
Blattnarben  in  den  Orthosticlien  nicht  mehr  auseinanderrücken, 
sondern  nur  noch  an  Breite  zunehmen  können , dem  Autor  hätte 
nahelegen  müssen,  dass  seine  Anschauung  nicht  mit  den  anatomisch- 
entwickelungsgeschichtlichen Thatsachen  in  Einklang  steht.  Die 
beiden  S.  48  im  Text  zur  bildlichen  Darstellung  gebrachten  Theo- 
phrasta-Stämme , die  ich  nach  Exemplaren,  welche  im  Berliner 
Königl.  Botanischen  Garten  und  Universitätsgarten  cultivirt  werden, 
habe  abbilden  lassen,  veranschaulichen  die  in  Rede  stehende  Tliat- 
sache  auf  das  Deutlichste.  An  dem  zur  Darstellung  gebrachten 
Stamm  1 a ist  die  senkrechte  Entfernung  der  Blattnarben  von  ein- 
ander im  Ganzen  die  gleiche,  wir  bemerken  sogar,  dass  im  Gegen- 
satz zu  der  WEiss’schen  Annahme  die  Blattnarben  nach  oben  hin 
ganz  allmählich  weiter  auseinanderrücken,  was  in  Zusammenhang 
steht  mit  der  stärkeren  Lebensenergie  erwachsener  Pflanzen  gegen- 
über noch  jugendlichen.  Gemäss  dem  Dickenwachsthum  haben 
die  Blattnarben  aber  an  Breite  zugenommen.  Die  Fig.  1 b,  lc 
und  ld,  in  natürlicher  Grösse  die  Umrisse  der  Blattnarben  unten, 
in  der  Mitte  und  oben  am  Stamme  wiedergebend,  zeigen  dies  in 
höchst  auffallender  Weise.  Vergl.  auch  Fig.  2.  Um  von  vornherein 
einem  möglichen  Irrthum  seitens  der  nicht  botanisch  vorgebildeten 
Pflanzenpaläontologen  vorzubeugen,  will  ich  gleich  erwähnen,  dass 
die  geringere  Höhe  der  Blattnarben  im  unteren  Stammtheil  gegen- 


48 


H.  Potonie,  .Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Fig.  1 Stamm  von  Theophrasta  imperialis  aus  dem  Königl.  botanischen  Garten 
zu  Berlin,  la  verkleinert,  lb  — d drei  Blattnarben  in  M , lb  von  der  unteren, 
lc  von  der  mittleren,  ld  von  der  oberen  Partie  des  Stammes. 

Fig.  2 Theophrasta  latifolia  aus  dem  Königl.  Universitätsgarten  zu  Berlin. 

2 b — d drei  Blattnarben  in  x/i,  sonst  wie  vorher. 

Gez.  von  Frl.  E.  Amberg. 


H.  Potoni'",  Die  Weehsel-Zonen-Bildung  der  Sigiliariaöeen. 


49 


über  derjenigen  in  den  oberen  Partien  nicht  etwa  dadurch  erklärt 
werden  kann,  dass  die  ältesten  und  älteren  Narben  durch  das 
Dickenwachsthum  wie  ein  Kautschukband  breitgezogen  und  da- 
durch niedriger  geworden  sind,  sondern  dass  die  Höhe  der  älteren 
Blattnarben  eben  dieselbe  war,  wie  wir  sie  jetzt  constatiren.  Es 
folgt  aus  ihrer  geringen  Höhe  nur,  dass  die  jugendliche 
Pflanze  kleinere  Blattnarben  besass , entsprechend  ihren 
kleineren  Laubblättern.  Das  Auseinanderrücken  der  Blatt- 
narben erfolgt  also  — wie  man  aus  diesem  Beispiel  sieht  — im 
Allgemeinen  gerade  in  den  jüngeren  Partien  der  Stämme,  also 
wie  gesagt,  gerade  umgekehrt,  als  es  Weiss  annahm.  Dass  das 
Längenwachsthum  von  Pflanzen  während  ihrer  Entwickelung  zu- 
nimmt, sobald  sie  eben  in  der  Lage  sind,  reichlicher  Nahrung 
aufnehmen  zu  können,  wird  durch  das  in  Fig.  2 abgebildete 
Theopkrasta  - Exemplar  noch  besser  veranschaulicht  als  durch  die 
Fig.  1,  indem  sich  auf  dem  Stamm,  Fig.  2 a,  Wachsthumsperioden, 
immer  abwechselnd  eine  Zone  mit  Narben  in it  einer  ohne  Narben, 
unterscheiden  lassen,  die  von  unten  nach  oben  an  Länge  zu- 
nehmen. 

Dass  die  Blattanlagen  (Primordien)  und  jungen  Blätter  auch 
bei  den  Sigillarien,  wie  bei  den  recenten  Pflanzen,  dicht  gedrängt 
zusammenstehend  anzunehmen  sind,  ist  selbstverständlich,  aber  sie 
Vierden  sehr  schnell  durch  das  Längenwachsthum  der  sie  tragenden 
dünnen  Achse  mehr  oder  minder  lockere  Stellungen  einnehmen 
oder  engere  beibehalten,  je  nach  dem  durch  die  äusseren  Ver- 
hältnisse beschleunigten  oder  verlangsamten  Wachsthum.  Und 
dass  diese  äusseren  Verhältnisse  auch  zur  Steinkohlenzeit,  wenn 
auch  vielleicht  nicht  in  so  starkem  Maasse  und  vielleicht  auch 
gewöhnlich  nicht  periodisch  wie  heute,  sondern  nur  ausnahmsweise 
gewechselt  haben,  dafür  sprechen  die  vorgeführten  Beispiele  mit 
Wechselzonenbildung.  Die  Thatsache,  dass  die  Wechselzonenbildung 
bei  den  Sigillarien  in  allen  Uebergängen  zu  den  zonenlosen  Besten 
und  in  mancherlei  Variationen  auftritt,  bekräftigt  sehr  die  An- 
schauung von  ihrer  Abhängigkeit  von  äusseren  Einflüssen.  Geringe 
Klimaschwankungen  werden  schwach  unterschiedene,  stärkere  auf- 
fallender unterschiedene  Zonen  veranlassen  müssen. 


Jahrbuch  1893. 


4 


50 


H.  Potonik,  Die  Weclisel-Zonen-Bilclung  der  Sigillariaceeti. 


Dass  es  sich  auch  bei  der  Sig.  camptotacnia  an  den  Grand’- 
EuRY’schen,  S.  34 — 36  unter  5.  und  6.  erwähnten  Exemplaren  mit 
Wechselzonenbildung  nur  um  durch  periodisch  wechselnde  klima- 
tische Einflüsse  bedingte  Wachsthumserscheinungen  handelt,  geht, 
wie  schon  bemerkt,  daraus  hervor,  dass  auch  lange  Rindenober- 
flächen dieser  Art  bekannt  sind,  und  dabei  von  etwa  denselben 
Breitenverhältnissen,  die  keine  Spur  von  Zonenbildung  aufweisen. 
Die  Zonen  der  genannten  Art  sind  dadurch  besonders  bemerkens- 
wert!), dass  die  Blattnarben  derselben  sich  wesentlich  von  ein- 
ander unterscheiden.  Fast  unwillkürlich  wird  man  zu  der  Ver- 
muthung  gedrängt,  dass  an  den  transversal -strichförmigen  Blatt- 
narben anders  ausgebildete  Blätter  (etwa  schuppenförmige  Blätter) 
gesessen,  während  die  anderen  Zonen  mit  den  hohen  Narben 
Laubblätter  getragen  haben.  Mag  auch  ein  so  ausgesprochener 
Unterschied  die  entsprechenden  Blattzonen  nicht  ausgezeichnet 
haben,  so  ist  es  doch  fast  selbstverständlich,  dass  die  Spreitentheile 
an  den  schmalen,  strichförmigen  Narben  nicht  die  ausgiebige  Ent- 
wickelung gezeigt  haben  können,  wie  diejenigen,  die  den  höheren, 
vollkommneren  angesessen  haben.  Während  und  nach  der  Ent- 
wickelung von  stärkeren,  also  einflussreicheren,  in  Jahresperioden 
wechselnden  Witterungsverhältnissen  mögen  sich  aber  aus  den 
flachnarbigen  Zonen,  durch  Anpassung  an  die  äusseren  Verhält- 
nisse solche  mit  Schuppenbekleidung  entwickelt  haben,  die  dann, 
wie  bei  unseren  meisten  heutigen  Cycadaceen,  während  der  für 
die  Pflanzen  ungünstigeren  Zeit  u.  A.  der  Stammknospe  Schutz 
geboten  haben.  Dieser  Gedanke  liegt  gewiss  sehr  nahe,  denn 
ohne  auch  nur  im  Entferntesten  daran  zu  denken,  dass  die 
Sigillarien  bei  den  Cycadaceen  selbst  untergebracht  werden 
könnten,  ist  es  doch  werth,  untersucht  zu  werden,  in  wiefern  sich 
die  Sigillarien  als  die  Vorfahren  unserer  heutigen  Cycadaceen  be- 
trachten Hessen.  Abgesehen  von  anderen  Verhältnissen  rückt  das 
Auftreten  von  Narben -Wechselzonen  an  den  Sigillaria- Stämmen 
diese  Frage  wohl  nahe.  Gewisse  Thatsachen  sprechen  eher  für  als 
gegen  den  in  dem  folgenden  Schema  auf  S.  51  skizzirten  Stammbaum. 

Ist  dieser  Stammbaum  annähernd  richtig,  so  stützt  er  die 
Ansicht,  dass  »die  Niederblätter«  der  Cycadaceen  »nichts  anderes 


Ausgestorben  Recent 


H.  Potonik,  Die  W echsel-Zonen -Bildün g der  Sigillariaceen. 


5i 


als  Laubblätter  sind,  deren  Spreite  frühzeitig  verkümmert  ist,  und 
welche  sich  demzufolge  auch  im  Scheidentheile  schwächer  ausge- 


bildet haben«1);  mit  anderen  Worten:  man  ist  gezwungen,  sich 
die  Entstehung  der  mit  niederblattförmigen  Schuppen  besetzten 
Zonen  bei  den  Cycadaceen  als  im  Laufe  der  Generationen  aus 
Laubblättern  liervorgegangeu  vorzustellen.  Aber  auch  wenn  dieser 
Stammbaum  bezüglich  der  Ableitung  der  Cycadaceen  einer  wesent- 
lichen Modification  bedürfen  sollte,  würde  kaum  etwas  gegen  die 
ausgesprochene  Ansicht  zu  sagen  sein,  da  ja  bei  den  Pflanzen 
der  allerverschiedensten  Gruppen  die  erwähnten  äusseren 
Einflüsse  in  ganz  gleicher  Weise  wirken,  mit  anderen  Worten, 
weil  das  bezüglich  der  äusseren  Einflüsse  Gesagte  ganz  allgemein 
für  das  ganze  Pflanzenreich  gilt.  Es  ist  bei  der  Thatsache,  dass 
die  Verhältnisse  im  Aufbau  der  Cycadaceen  vielfach  an  die 
Filices  erinnern,  vielleicht  begründbar,  dass  erstere  phylogenetisch 
mit  den  letzteren  Zusammenhängen,  worauf  schon  A.  Braun  hin- 
gewiesen hat2).  An  fossilen  Farnen  ist  sogar  ein  beträchtlicher, 
durch  Dickenwachsthum  entstandener  Ilolzcylinder  durch  W.  C. 


')  A.  W.  Eiohler,  » Cycadaceae « in  Engler  und  Prantl’s  natürlichen 
Pflanzenfamilien,  II.  Th.,  1.  Abth.,  Leipzig  1889,  S.  7. 

, 2)  Die  Frage  nach  der  Gymnospermie  der  Cycadaceen  (Monatsber.  d.  Kgl. 
Preuss.  Akad.  d.  Wiss.),  Berlin  1875,  S.  373. 


Unbekannte 

Stammgruppe 


4: 


Lycopodineae 


52 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen -Bildung  der  Sigillariaceen. 


WilliamsÖn  l)  constatirt  worden,  und  auch  bei  recenten  Arten 
(Ophioglossaceen)  findet  sich  ein  solcher  wenigstens  angedeutet. 

Unter  den  Beziehungen  zwischen  den  Sigillariaceen  und 
Cycadaceen  fallen  die  folgenden  besonders  auf.  Wenn  wir  von 
dem  Blüthenbau  der  Sigillariaceen  absehen  , der  diese  Familie  in 
die  Gruppe  der  Lycopodineen  weist,  so  erinnert  die  Anatomie 
und  der  äussere  Habitus  der  Stämme  der  Sigillariaceen  eher 
an  die  Cycadaceen.  Bei  beiden,  Cycadaceen  und  Sigillaria- 
ceen, besitzt  der  Stamm  ein  grosses  Mark  und  die  letzteren 
sind  meist  spärlicher  gabelig  verzweigt  als  die  Lepidodeu- 
draceen,  Lycopodiaceen  und  Selaginellaceen,  dadurch  wiederum 
sich  mehr  den  meist  einfach-stämmigen  Cycadaceen  nähernd.  Die 
Lepidodendraceen  hingegen  ähneln  schon  äusserlich  durch  die 
reichliche  Gabelverzweigung  der  Sprosse  den  Lycopodiaceen  und 
Selaginellaceen,  und  ferner  besitzen  diese  letzten  beiden  Familien 
ebenso  wie  die  Lepidodendraceen  in  ihren  Stengeln  und  Stämmen 
ein  centrales  Leitbündel,  das  bei  den  Lepidodendraceen,  da  sie 
ja  nachträglich  in  die  Dicke  wachsen,  von  einem  secundären  Holz- 
cylinder  umgeben  wird.  Da  es  übrigens  Gymnospermen  schon  zu 
Lebzeiten  der  Sigillariaceen  gegeben  hat,  so  ist  es  wohl  denkbar,  dass 
sich  die  Pflanzengruppe,  aus  der  sich  die  Cycadaceen  entwickelt 
haben,  schon  früher  abgezweigt  hat,  als  es  in  dem  obigen  Schema 
angenommen  worden  ist.  — Die  Ansicht,  dass  die  zu  specifischen 
Eigenthümlichkeiten  gewordenen  Wechselzonen  der  Cycadaceen 
aus  solchen,  durch  äussere  Bedingungen  veranlassten  Zonen  durch 
Anpassung  an  ein  periodisch  wechselndes  Klima  entstanden  seien, 
würde  dadurch  — wie  gesagt  — nicht  weniger  wahrscheinlich  sein. 

Die  von  W.  Carruthers  als  Cycadaceen  beschriebenen  und 
abgebildeten  Stammstücke2),  die  nach  Solms  - Laubach  3)  wohl 

i)  Report  of  the  Committee  consisting  of  Professor  W.  C.  Williamson 
(Chairman;  and  M.  W.  Cash  (Secretary),  appointed  to  investigate  the  flora  of 
the  Carboniferous'  Rocks  of  Lancashire  and  West  Yorkshire.  (British  Asso- 
ciation, Newcastle  meeting,  p.  69).  London  1890. 

,2)  Carruther«,  On  fossil  cycadeen  stems  from  the  secondary  Rocks  of 
Britain  (p.  675  ff.  in  »The  Transactions  of  the  Linnean  Society  of  London. 
Yol.  XXVI,  part  the  first.  London  1868).  Taf.  54,  Fig.  4 ( Bucklandia  Mantellü ), 
Taf.  55,  Fig.  1 (B.  Miller iana),  Fig.  8 u.  9 ( Yastesia  Joassiana). 

3)  Ueber  die  Fructification  von  Bennettites  Gibsonianus  Carr.  (Botanische 
Zeitung,  48.  Jahrgang,  No.  49  vom  5.  Dec.  1890).  Leipzig  1890,  Spalte  794. 


H.  Potoniis,  Die  Wechsel-Zoneu-Bildvmg  der  Sigillariaceen. 


53 


alle  zu  den  mit  den  Cycadaceen  zwar  verwandten,  aber  diesen 
nicht  subordinirten , sondern  coordinirten  Bennettidaceen  gehören, 
zeigen  zum  Theil  einen  Zonenwechsel , der  dem  der  erwähnten 
Sigillarien  zu  entsprechen  scheint.  Ist  das  richtig,  so  würde  die 
Wechselzonenbildung  in  der  Ausbildung  der  Cycadaceen  erst  der 
Neuzeit  angehören. 

Bezüglich  der  Wechselzonen  können  wir  3 Fälle  unterscheiden: 

A.  Bei  ungünstigeren  Witterungsverhältnissen  wird  das 
Längenwachsthum  wie  überhaupt,  so  natürlich  auch  bei  Sigillaria 
verlangsamt;  es  entstehen  dadurch  an  den  Stengeltheilen  Zonen 
mit  enger  stehenden  und  weniger  hohen  Narben;  aber  die  Blätter 
werden  nicht  oder  kaum  alterirt,  wenigstens  müssen  wir  wohl  das 
letzere  bei  der  Sig.  Brardii  und  anderen  Arten  auf  Grund  der 
Uebereinstimmung  der  Narbenformen  der  cancellaten  und  leio- 
dermen Oberflächen  annehmen. 

B.  Unter  gewissen  Umständen  verlangsamt  sich  das  Längen- 
wachsthum, und  die  Form  der  Blattnarben  wird  eine  ganz  andeie; 
wir  gewinnen  an  entblätterten  Stämmen  den  Eindruck,  dass  sie 
mit  zwei  verschiedenen,  mit  einander  abwechselnden  Blattformationen 
besetzt  waren.  Die  Zonenbildung  ist  aber  noch  nicht  zu  einem 
specifischen  Merkmal  geworden,  sondern  tritt,  wie  gesagt,  nur  als 
Reagens  auf  die  Witterungs  Verhältnisse  auf.  Die  Blätter  der  eng- 
narbigen Zonen  dieser  Species  müssen  ganz  entschieden  in  ihrer 
Form  und  Ausbildung  von  den  Blättern  der  lockernarbigen  Zonen 
sich  bedeutender  unterschieden  haben:  das  lehrt  ohne  Weiteres 
der  grosse  Unterschied  in  der  Form  der  Blattnarben  beider  Zonen- 
arten; denn  mindestens  müssen  doch  die  Blätter,  welche  den 
strichförmigen  Narben  angesessen  haben,  wesentlich  weniger  dick 
gewesen  sein  als  die  der  anderen  Blattnarben.  — Hierher  Sigillaria 
camptotaenia. 

Nichts  ist  nun  naheliegender,  als  die  Annahme,  dass  sich 
während  des  Eintritts  jährlichen  periodischen  Witterungswechsels 
die  engnarbigen  Zonen  vererbbar  gefestigt  haben,  und  so  gelangen 
wir  zu  dem  Fall 

C.  der  bei  den  meisten  unserer  heutigen  Cycadaceen  ver- 
wirklicht ist,  wobei  die  Blätter  der  kleinnarbigen  Zonen  auf  das 
möglichste  Maass  reducirt  erscheinen. 


54 


H.  Potoshc,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


Ich  habe  zwar  schon  Eingangs  bei  Erörterung  der  bemerkens- 
wertheren  Stücke  mit  Wechselzonen  Gelegenheit  gehabt,  von  dem 
Auftreten  von  Querzeilen  mit  Bliithenabbruchsstellen  zwischen  den 
verschiedenen  Zonen  zu  sprechen,  habe  aber  die  Beziehung  des 
Auftretens  von  Blüthen  zu  den  Wechselzonen  noch  nicht  be- 
sprochen 1).  Das  soll  nunmehr  geschehen , und  es  wird  sich 
zeigen,  dass  sich  aus  der  Untersuchung  dieser  Beziehung  eine 
wichtige  Stütze  für  meine  Anschauung  ergiebt,  dass  nämlich  die 
Wechselzoneubildung  als  Beaction  auf  die  äusseren,  namentlich 
die  Ernährungs-  (Feuchtigkeits-)  Verhältnisse,  aufzufasseu  ist. 

Um  zunächst  die  Thatsachen  vorzuführen,  aus  denen  das 
Gesagte  hervorgeht,  will  ich  wieder  der  Reihe  nach  Beispiele  vor- 
führen. Ich  bemerke  dabei , dass  diese  Beispiele  wieder  aus  der 
Litteratur  (Abbildungen)  und  aus  der  Sammlung  der  Königl. 
Preuss.  geolog.  Landesanstalt  entnommen  sind.  Auch  die  folgende 
Liste  macht  keinen  Anspruch  darauf,  alle  Fälle  aus  der  Litteratur  zu 
berücksichtigen:  ich  hatte  mir  nur  vorgenommen,  denVersuch  zu 
machen,  etwa  ein  Dutzend  derselben  zu  finden,  bei  denen  die  Blatt- 
narbenzonen über  und  unterhalb  der  Bliithenabbruchs- Querzeilen 
deutlicher  von  einander  abwoichen.  Es  zeigte  sich  an  allen  solchen 
Exemplaren,  dass  die  Blattn  arbenzonen  über  den  Blüthen- 
abbruchsstellen  lockerer- narbig  sind  als  darunter,  l’esp. 
dass  die  Blattnarben  über  den  Blüthennarben  höher  sind  als  die 
Blattnarben  unter  den  Blüthennarben,  mit  anderen  Woi’ten,  dass 
das  Wachsthum  nach  der  Bliithenbildung  ergiebiger 
gewesen  ist  als  vorher,  dass  die  Ernährungsverhält- 
nisse  vorher  ungünstigere  waren,  als  nach  der  Blüthen- 
bildung. 

Die  Fälle,  welche  mich  zu  dieser  Auffassung  gezwungen 
haben,  sind  die  folgenden: 

1.  Das  schon  in  der  vorigen  Liste  S.  33  ebenfalls  unter  No.  1 
aufgeführte  Stück  Zeiller’s.  Vergl.  unsere  Taf.  V,  Fig.  1. 


')  Eine  vorläufige'  Mittheilung  hierüber  habe  ich  in  der  Sitzung  vom 
21.  November  1893  in  der  Gesellschaft  naturforschender  Freunde  zu  Berlin  ge- 
macht. Yergl.  Sitzungsberichte  S.  243. 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen- Bildung  der  Sigillariaceen. 


55 


2.  Das  ebenfalls  schon  und  zwar  S.  31  erwähnte,  von 
Seward  kurz  beschriebene  Stück. 

3.  Eine  von  Leo  Lesquereux  (Atlas  to  the  Coal  Flora  of 
Pennsylvania.  Harrisbury  1879,  PI.  LXXII,  Fig.  5)  abgebildete 
tessellate  Oberfläche,  welche  3 Zonen  besitzt.  Zu  unterst  eine 
Zone  mit  ca.  7 Millimeter  hohen  Blattnarben , zu  oberst  eine 
solche  mit  ca.  10  Millimeter  hohen.  Der  Zwischenraum  der 
Narben  wird  von  der  tessellaten  Furche  eingenommen.  Zwischen 
den  beiden  Zonen  findet  sich  eine  mit  Blüthenabbruchsstellen,  die 
unregelmässig  in  3 Zeilen  auftreten,  zwischen  ihnen  einige  Blatt- 
narben. 

4.  Eine  ebenfalls'  tessellate  Oberfläche,  die  Ze ILLER  (Atlas 
zur  Descript.  flore  foss.  hass.  h.  de  Valenciennes,  Paris  1886, 
PI.  LXXXVII,  Fig.  5)  zur  Abbildung  bringt.  Unter  der  wieder 
sehr  unregelmässigen,  der  des  Stückes  No.  3 gleichenden  Region 
mit  den  Blüthennarben,  zeigt  das  Stück  Narbenentfernungen  von 
ca.  8 Millimeter,  darüber  ein  geringes  mehr. 

5.  Ein  favularisches  Sigillaria- Stück,  welches  Zeiller  als 
Sig.  approximata  Fontaine  et  White  (Flore  foss.  bass.  h.  et 
permieu  de  Brive.  Paris  1892,  PI.  XIV,  Fig.  2)  abbildet,  das 
zwei  Regionen  mit  Blüthennarben  besitzt.  Ueber  denselben  sind 
die  Blattnarben  etwas  höher  als  unter  denselben. 

6.  Ein  » Sigillaria  Defrancei  forma  quinquangula  Weiss  et 
Sterzel«  genannter  (Taf.  XXIII,  Fig.  91,  der  Weiss- Sterzel- 
schen  Subsigillaria-kvhz\t  von  1893)  Rest,  der  in  der  unteren  und 
in  der  oberen  Partie  je  eine  Bltithennarbenzeile  aufweist.  Mau 
sieht  deutlich,  wenn  auch  schwach  entwickelt,  dass  die  Blattnarbeu 
über  den  Blüthenzeilen  etwas  lockerer  stehen,  resp.  höher  sind 
als  die  Narben  unter  den  Blüthenzeilen. 

Ich  füge  noch  aus  der  Sammlung  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt  4 Stücke  hinzu,  von  denen  2 in  Abbildungen  auf 
unserer  Taf.  V,  Fig.  2 und  3,  veröffentlicht  werden,  nämlich: 

7.  Eine  FauM^öna-Oberfläche  von  der  Grube  Goulay  bei  Aachen 
mit  einer  unregelmässigen  Quer- Blüthen- Zeile,  darüber  wieder 
lockere,  ca.  4 — 5 Millimeter  Närbchenentfernuug  besitzende  höhere 


56 


H.  POTONI 


Die  Wechsel-Zonen-Bildung  (1er  Sigillar  aceen. 


Blattnarben,  darunter  weniger  hohe,  ca.  4 Millimeter  Entfernung 
zeigende  Blattnarben.  — Taf.  Y,  Fig.  2. 

8.  Bei  einer  Favularia  - Oberfläche  vom  Franziska -Tiefbau 
bei  Witten  liegt  der  Fall  wie  bei  No.  7.  Zu  unterst  zeigt  das  Stück 
eine  hohe  Zone  mit  engen  und  wenig  hohen  Narben,  in  ziemlicher 
Höhe  tritt  eine  einzige  Zeile  mit  Bltithenabbruehsstellen  auf, 
darüber  eine  kurze  Zone  mit  höheren  Blattnarben,  dann  wieder 
eine  Blüthenzeile  und  endlich  eine  Zone,  deren  Narben  von  unten 
nach  oben  wieder  allmählich  an  Höhe  abnehmen. 

9.  Eine  schwach-favularische , tessellate  Oberfläche  aus  dem 
Hangend-Zug  des  Waldenburger  Reviers,  mit  einer  breiteren,  sehr 
unregelmässig  durch  Blattnarben  und  Bltithenabbruehsstellen  be- 
deckten Zone,  unter  und  über  dieser  je  eine  nur  aus  Blattnarben 
gebildete  Zone,  die  sich  schwach  durch  etwas  lockerere  Stellung 
der  Narben  in  der  über  den  Blüthen  befindlichen  Zone  von  ein- 
ander unterscheiden. 

10.  Ein  tessellates  Oberflächen -Stück  von  der  Zeche  Bruch- 
strasse bei  Langendreer.  Sehr  ähnlich  dem  Fall  9.,  aber  die 
wenigen  noch  vorhandenen  Blattnarben  über  der  Blüthenzone 
deutlich  lockerer  stehend  als  die  unter  den  Blüthen.  — Taf.  V, 
Fig.  3. 

11.  Endlich  habe  ich  noch  auf  die  wichtige  Thatsache  auf- 
merksam zu  machen,  dass,  wie  auch  Weiss  ( Subsigillarieu  1893, 
S.  38)  angiebt,  an  leiodermen  Oberflächen  noch  keine  Blüthen- 
narben  constatirt  worden  sind,  während  solche  an  cancellaten  Ober- 
flächen bekannt  sind.  Speciell  von  der  Sig.  Brardii  Brongn.  em. 
hat  E.  F.  Germar  (Verst.  v.  Wettin  u.  Löbejün.  3.  Heft.  Halle 
1845,  Taf.  XI,  Fig.  1)  eine  cancellate  Oberfläche  mit  Blüthen- 
Quer- Zeilen  zur  Abbildung  gebracht;  leioderme  Stücke  derselben 
Art  sind  auch  von  mir  trotz  eifrigen  Suchens  namentlich  in  unserer 
Sammlung  mit  Blüthen -Narben  nicht  gefunden  worden.  — Vergl. 
hierzu  S.  54,  No.  1. 

Stücke,  bei  denen  über  und  unter  der  Blüthenregion  ein  Unter- 
schied in  der  engeren  oder  lockereren  Stellung  der  Blattnarben  nicht 
zu  bemerken  ist,  sind  in  unserer  Sammlung  mehrfach  vorhanden  und 
auch  bekannt,  aber  ich  habe  weder  in  den  Abbildungen  der  Litteratur 


H.  Potoxik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigiliariaeeen. 


57 


noch  in  den  Sammlungen  bis  jetzt  einen  Fall  constatirt,  bei  welchem 
die  Blattnarben  übe  r der  Blüthenregion  enger  sti'mden  als  unter  der 
genannten  Region.  Und  wenn  auch  solche  sicheren  Fälle  viel- 
leicht von  mir  nur  übersehen  sind,  resp.  noch  gefunden  werden,  so 
lässt  sich  doch  auf  Grund  der  überwiegenden  Fälle  ohne  Weiteres 
behaupten,  dass  die  Blüthenbildung  in  Quer-Zeilen  oder 
-Regionen  an  Stücken  mit  Wechselzonen  aufzutreten 
pflegt  nach  einer  engnarbigen  Blattzone.  Lässt  sich 
diese  Thatsache  nun  mit  meiner  oben  entwickelten  Ansicht  be- 
züglich der  äusseren  Einflüsse  bei  der  Entstehung  der  Wechsel- 
zonen in  Einklang  bringen?  Ich  muss  antworten:  nicht  nur 
dieses,  sondern  sie  stützt  diese  Ansicht. 

Dem  Botaniker  ist  es  bekannt,  dass  die  Blüthenbildung  von 
äusseren  Einflüssen  mehr  oder  minder  abhängig  ist.  Kürzlich  hat 
z.  B.  M.  Möbius  das  über  diesen  Gegenstand  Bekannte  zusammen- 
gestellt und  auch  selbst  experimentirt  *);  er  betont,  dass  Licht 
und  Trockenheit  auf  die  Blüthenbildung  fördernd  wirken,  während 
die  Entwicklung  der  vegetativen  Organe  besonders  günstig  durch 
Schatten  und  Feuchtigkeit  beeinflusst  wird.  Auch  H.  Vochting 
macht  neuerdings2)  auf  eine  Vorschrift  der  praktischen  Pflanzen- 
züchter besonders  aufmerksam,  die  darin  besteht,  dass  man  eine 
Pflanze,  um  sie  zum  reichlichen  Blühen  zu  veranlassen,  sehr 
sonnig  stellen  und  nicht  mit  zu  reichlicher  Nahrung  versehen, 
und  dass  man  umgekehrt,  um  starkes  vegetatives  Wachsthum, 
jedoch  geringe  Blüthenbildung  zu  bewirken,  schattigen  Platz  und 
viel  Nahrung  geben  solle.  Das  wissenschaftliche  Experiment  hat 
die  Richtigkeit  dieses  Zusammenhanges  ergeben.  .Ja,  man  kann 
eine  Pflanze  in  der  Region,  die  sonst  die  Blüthen  producirt,  zur 
Laubsprossbildung  veranlassen  und  auch  in  der  freien  Natur 
kommt  unter  den  angegebenen  Umständen  Laubblattbildung  in 

•*)  Welche  Umstände  befördern  und  welche  hemmen  das  Blühen  der 
Pflanzen  (Sonderdruck  aus  dem  Biologischen  Centralblatt,  Bd.  XII,  S.  609  ff., 
No.  20 — 22.  Erlangen,  den  J.  und  15.  November  1892). 

2)  Ueber.  den  Einfluss  des  Lichtes  auf  die  Gestaltung  und  Anlage  der 
Blüthen  (Sep.-Abd.  aus  Pringsheim’s  Jahrbüchern  für  wiss.  Botanik,  Bd;  XXV 
Heft  2 (Berlin  1893),  S.  6). 


58 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 

der  Blüthenregion  vor.  A.  Braun  sagt  diesbezüglich1):  »Als  zu- 
fällige, hauptsächlich  durch  feuchte  Witterung  veranlasste  Er- 
scheinung findet  man  Laubsprossbildung  im  Blüthenstand  bei  sehr 
verschiedenen  Pflanzen.«  Sogar  Pflanzen,  die  vorher  geblüht 
haben,  kann  man,  wie  ich  nachgewiesen  habe2),  nachträglich  durch 
weitere  Cultur  bei  Belichtungs-Verminderung,  noch  in  der  Blüthen- 
region zur  Production  von  Laubsprossen  veranlassen. 

Sehen  wir  uns  mit  Rücksicht  auf  diese  Thatsachen  die 
Sig Maria-Stücke  mit  Blüthen- Abbruchsstellen  an,  so  werden  wir 
zwingend  dazu  geführt,  die  Wechselzonen  - Bildung  überhaupt  als 
abhängig  von  den  äusseren  Einflüssen  anzusehen.  Ich  habe  schon 
angedeutet,  dass  ich  mir  die  zonenweise  engere  Stellung  der 
Blattnarben  nur  zu  erklären  wüsste,  hauptsächlich  durch  die  An- 
nahme ungünstiger  Ernährungsverhältnisse,  wie  solche  bei  Mangel 
an  genügender  Feuchtigkeit  eintreten  müssen.  Auch  hohe  Licht- 
intensität ist  längst  als  eine  Ursache  der  Internodien -Verkürzung 
bekannt,  und  es  mag  hier  und  da  auch  dieser  Factor  bei  der 
Wechselzonen-Bildung  der  Sigillariaceen  mitgespielt  haben,  wie 
beispielsweise  an  dem  in  der  Textfigur  auf  S.  42  zum  Theil  ab- 
gebildeten Sigillaria- Rest,  dessen  Grössen -Unterschied  in  der 
Stellung  der  Blattnarben  auf  den  beiden  Seiten  sich  — wie  mir 
scheint,  und  wie  ich  das  vorue  gethan  habe  — am  besten  durch 
verschiedene  Belichtungs- Einflüsse  erkläi’en  lässt.  Stärkere  Be- 
lichtung und  Trockenheit  wirken  also  auf  die  Blüthenbildung 
fördernd,  und  es  ist  doch  gewiss  eine  treffliche  Bestätigung  meiner 
Erklärung  der  Entstehung  der  Wechselzonen-Bildung,  dass  dieser 
Thatsache  entsprechend,  wie  gezeigt,  in  der  That  Blüthenbildung 
in  Querzeilen  oder  Querzonen  so  häufig  gerade  als  Abschluss  einer 
Laubblatt-Zone  mit  engeren  Narben  beobachtet  wird,  während 
der  umgekehrte  Fall,  also  Blüthenbildung  als  Abschluss  einer 
Laubblatt- Zone  mit  lockereren  Narben,  kaum  vorzukommen  oder 
doch  bisher  nicht  hinreichend  beobachtet  worden  zu  sein  scheint. 

*)  Ueber  Polyembryonie  und  Keimung  vou  Caelebogyne.  (Aus  den  Abh.  d. 
Königl.  Preuss.  Äkad.  d.  Wiss.  zu  Berlin  1859  [Berlin  1860].)  S.  180. 

2)  Pseudo-Viviparie  an  Juncus  Inifonius  L.  Vortrag  gehalten  iin  »Botanischen 
Verein  der  Provinz  Brandenburg«  zu  Berlin  am  10.  November  1893.  (Biologisches 
Centralblatt,  Bd.  XIV,  No.  1,  S.  11  ff.  Cassel  1894.) 


59 


H.  PoTONiK,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  S'gillariaceen. 

Ein  besonderes  Interesse  gewinnt  durch  die  gegebene  Be- 
leuchtung das  von  mir  anderwärts  citirte,  von  W.  Carruthers* 2 3) 
bekannt  gegebene  Stammstück  mit  Aspidiaria - Felderung , dessen 
Zweig  mit  Feldern  besetzt  ist,  die  allmählich  von  der  Basis  des 
starken  Zweiges  bis  zu  seiner  abgebrochenen  Spitze  an  Höhe  ab- 
nehmen, so  dass  das  Zweigstück  in  seiner  oberen  Hälfte  Bergeria- 
Felderung  zeigt.  In  dem  obersten  Drittel  des  Zweigstückes  etwa 
sind  die  Felder  am  niedrigsten,  hier  durchaus  an  typische  Polster 
von  Lepidopldoios  erinnernd.  Was  nun  aber  für  uns  von  be- 
sonderem Interesse  ist,  das  ist  die  Thatsache,  dass  das  ganze 
Fossil  nur  Halonia-  Wülste,  d.  h.  also  bliithentragende  Emergenzen3) 
in  der  Region  mit  den  schmälsten  Feldern,  also  nur  in  dem  oberen 
Drittel  des  Zweigstückes  entwickelt  hat,  übereinstimmend  wie  die 
erwähnten  Sigillaria-Re&te  in  der  Zone,  in  der  das  Längenwachs- 
thum weniger  intensiv  gewesen  ist. 

Vergleichen  wir  wieder  die  entsprechenden  Verhältnisse,  also 
das  Auftreten  der  Blüthen  bei  den  Cycadaceen,  so  finden  wir 
diesbezüglich  bei  dieser  Familie  die  nur  denkbar  wünscbens- 
wertheste  Uebereinstimmung.  Wenn  nämlich  in  der  That  die 
Niederblattzonen  der  Cycadaceen  phylogenetisch  aus  Zonen  her- 
vorgegangen sind,  veranlasst  durch  die  äusseren  Einflüsse  eines 
periodisch  wechselnden  Klimas,  wie  ich  für  die  Wechsel- 
zonen der  Sigillariaceen  annehmen  muss,  dass  sie  ein  Ausdruck 
wechselnder  äusserer  Witterungsverhältnisse  sind,  so  wäre  zu  er- 
warten, dass  sich  die  Cycadaceen  auch  hinsichtlich  ihrer  Blüthen- 
bildung  ebenso  verhalten,  wie  die  blühenden,  mit  Wechselzonen 
versehenen  Sigülaria-Fälle.  Dies  ist  nun  in  der  That  der  Fall: 
den  Blüthen  der  wechselzonenbildenden  Cycadaceen  geht  immer 
eine  Zone  von  Niederblättern  voraus,  ln  der  Zusammenfassung 
von  A.  W.  Eichler4)  finden  wir  die  Angabe:  »Sie  (nämlich  die 


0 Die  Zugehörigkeit  von  Halonia  (Berichte  der  Deutsch,  botan.  Ges., 
11.  Jahrg.,  Berlin  1893,  S.  49:1). 

2)  On  Halonia  of  Lindley  and  Hutton  and  Oyclocladia  Goldenberg  (The 
geological  magazine,  vol.  X,  London  1873,  S.  145  ff.,  Taf.  VII,  Big.  1). 

3)  Vergl.  meine  schon  citirte  Arbeit  über  Halonia. 

i)  1.  c.  S.  12. 


60 


H.  PoToxni,  Die  Wechsel-Zonen- Bildung  der  Sigillariaceen. 


Bliithen,  P.)  stehen...  zwischen  den  jüngsten  Wedeln«, 
und  A.  Braun1)  sagt  von  dem  Büschel  der  Fruchtblätter:  »er  ver- 
tritt die  Stelle  einer  Laubkrone,  indem  ihm  in  ähnlicher  Weise 
wie  dieser  eine  Periode  von  Niederblättern  vorausgeht.« 

Ich  habe  noch  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  die  in 
Querzonen  auftretenden  Bliithen- Abbruchsstellen  der  Sigillariaceen 
ganz  auffallend  häufig  höchst  unregelmässig  und  die  Oberfläche, 
besonders  die  Blattnarben,  missgestaltend  auftreten,  während  im 
Gegensatz  hierzu  die  in  wenigen  Längszeilen  erscheinenden 
Bliithen- Abbruchsstellen  gewöhnlich  die  Oberflächen-Ordnung  nicht 
wesentlich  stören.  Es  ist  das  ja  ohne  Weiteres  begreiflich,  da  die 
Bliithenansatzstellen,  die  zwischen  den  Orthostichen  Platz  finden, 
besonders  viel  davon  wegnehmen,  wenn  sie  gleich  auf  einer  ganzen 
Querzone  auftreten.  Unter  gleichbleibenden  äusseren  Verhält- 
nissen, die  ich  nach  dem  Vorausgehenden  dort  annehmen  kann,  wo 
ich  Sz^iZ/an'a-Oberflächen  mit  gleichinässigen  Blattnarben-Grössen 
und  -Entfernungen  habe,  pflegen  die  Bliithen  weniger  dicht  auf 
einer  Horizontal-Zone  zusammengedrängt  vorzukommen,  vielmehr 
sind  es  da  meist  einzelne  Längszeilen  von  Bliithen- Abbruchsstellen, 
welche  sich  zwischen  die  Orthostichen  einklemmen. 

Alle  die  vorgeführten  Thatsachen  lassen  sich  zusammeuge- 
nommen  so  vollständig  und  befriedigend  durch  die  Annahme  er- 
klären, sie  als  Reaction  auf  die  Ernährungs-  und  Witterungs- 
Verhältnisse  aufzufassen,  dass  mir  bis  auf  Weiteres  diese  An- 
nahme durchaus  geboten,  ja  nothwendig  erscheint. 

Um  das  sich  für  die  Sigillarien  ergebende  Resultat  noch  ein- 
mal hervorzuheben,  fasse  ich  dasselbe  in  die  Worte: 

I.  Die  Untergruppirung  der  Sigillai'ien  auf  Grund  der  bis- 
her dafür  verwendeten  Rindenoberfläche  entspricht  nicht  der 
wahren  systematischen  Verwandtschaft  der  Sigillaria-  Arten  und 
ist  auch  wegen  des  Zusammenvorkommens  der  verschiedenen 
Oberflächensculpturen  au  einem  und  demselben  Stücke  undurch- 
führbar. Nur  2 Gruppen  lassen  sich  vorläufig  beibehalten:  die 
Eusigillarien  und  die  Subsigillarien. 


l)  1.  c.  Gymnospennie  d.  Cyo.  S.  349. 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


öi 

II.  Die  Zonenbildung  an  den  Stammoberflächen  der  Sigillarien 
beruht  nicht,  wie  E.  Weiss  annahm,  in  einer  Altersverschiedenheit 
der  Oberflächen,  so  dass  die  Blattnarben  an  den  älteren  Stengel- 
resp.  Stamm -Theilen  weiter  auseinanderrüeken , wie  u,  a.  ohne 
weiteres  durch  Exemplare,  an  denen  solche  Zonen  mit  einander 
ab  wechseln,  widerlegt  wird,  sie  ist  vielmehr  bedingt  durch  Er- 
nährungs-  und  Witterungs- Einflüsse  und  stellt  kein  specifisches 
Charakteristicum  für  die  Sicjillaria- Arten  dar. 

III.  Die  Blüthenbildung  in  Querzonen  bei  den  Sigillarien 
tritt  besonders  häufig  als  Abschluss  einer  Laubblatt- Zone  mit 
engeren  Narben  (kürzeren  Internodien,  soweit  man  bei  den 
Sigillarien  von  Internodien  reden  kann)  auf,  resp.  in  Regionen 
mit  enger  stehenden  Blattnarben,  Thatsachen,  welche  unter  der 
Voraussetzung,  dass  das  unter  II.  Gesagte  richtig  ist,  mit  der 
von  recenten  Pflanzen  her  bekannten  Erscheinung  in  vollem  Ein- 
klang stehen,  dass  Licht  und  Trockenheit  (Nahrungs -Mangel) 
auf  die  Blüthenbildung  fördernd  wirkt. 


Ueber  den  in  Obigem  abgehandelten  Gegenstand  habe  ich  in 
den  Sitzungen  vom  17.  October  und  vom  21.  November  1893  der 
Gesellschaft  naturforschender  Freunde  zu  Berlin  *)  Vorträge  ge- 
halten mit  Vorlage  des  auf  Taf.  III,  Fig.  1 abgebildeten  Stückes. 
Es  hat  sich  nun  zwar  an  diese  Vorträge  keine  Discussion  ge- 
knüpft, aber  es  hat  sich  nach  der  ersterwähnten  Sitzung  die 
Meinung  geregt,  dass  es  sich  in  den  Stücken  mit  Wecbselzonen- 
Bildung  nur  um  Erhaltungszustände  handeln  dürfte.  Wenn  ich 
nun  auch  gar  nicht  daran  denke,  dass  die  Pflanzenpaläontologen 
einen  solchen  Einwand  erheben  könnten,  wie  ja  von  denjenigen  unter 
ihnen,  welche  Stücke  mit  Wechselzonen  bekannt  gegeben  haben, 
niemals,  ebensowenig  wie  jemals  — soweit  ich  die  Litteratur 
kenne  — von  anderer  Seite  der  Gedanke  an  die  Möglichkeit, 
dass  es  sich  nur  um  Erhaltungszustände  handeln  könnte,  auch 
nur  angedeutet  worden  ist,  so  will  ich  doch  die  meines  Erachtens 
triftigen  Gründe  angeben,  die  zu  der  von  mir  vertretenen  Auf- 

9 Vergl.  Sitzungsberichte  S.  216  ff.  und  S.  243. 


Cy2 


H.  Potosik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  cler  Sigiliariaceen. 

fassuug  führen  müssen,  dass  es  sich  also  in  der  Wechselzonen- 
Bildung  in  der  That  um  Wachsthums -Ersehe inungen  der 
Pflanzen,  nicht  um  Erhaltungszustände  der  Reste  handelt. 
Und  zwar  gehe  ich  deshalb  näher  auf  den  Einwand  ein,  weil  der- 
selbe auf  den  ersten  Blick  hin  wohl  plausibel  erscheint,  und  mir 
ferner  daran  liegen,  muss,  die  der  Pflanzenpaläontologie  ferner 
stehenden  Gelehrten  davon  zu  überzeugen,  dass  diese  Disciplin 
sich  immer  mehr  und  mehr  bemüht,  in  exacteres  Fahrwasser  zu 
steuern. 

Ich  will  gleich  an  das  zuletzt  in  meiner  Auseinandersetzung 
Gesagte  anknüpfen,  um  zu  zeigen,  wie  wenig  die  mir  entgegen 
gehaltene  Ansicht  zulässig  ist. 

Es  wäre  doch  höchst  wunderbar,  wenn  die  Zug-  und  Druck- 
verhältnisse, welche  also  nach  dem  in  Rede  stehenden  Einwande 
die  Veranlassung  zur  Zoneu-Bildung  abgegeben  haben  sollen,  so 
merkwürdig  häufig  derart  gewirkt  habens#ollten , dass  die  Grenze 
verschiedenartiger  Wirkungen  gerade  durch  Blüthenregionen  wie 
in  den  oben  vermerkten  10  ersten  Fällen  hindurchging,  dass  ferner 
bei  dem  oben  (S.  59)  erwähnten  CARRUTHERs’schen  Lepidoden- 
draceen-  Stück  die  Blüthen -Bildung  in  ähnlicher  Weise  zur  Aus- 
bildung und  Stellung  der  Blattpolster  in  Beziehung  steht,  wie  bei 
den  genannten  Sigiilaria-llesten , und  dass  endlich  — wie  unter 
No.  11,  S.  56  erwähnt  — von  den  Subsigillaria- Arten  nur  cancellate 
Stücke  mit  Blüthen  bekannt  geworden  sind,  aber  niemals  leioderme. 
Und  nun : wer  kann  mit  Hülfe  der  mir  entgegengehaltenen  Ansicht 
die  von  mir  in  Zusammenhang  mit  bekannten  Erscheinungen  ge- 
brachte Thatsache  erklären,  dass  die  Querzonen  mit  Blüthen  entweder 
über  oder  unter  sich  von  gleichmässig  entwickelten  Oberflächen  be- 
grenzt werden,  oder  als  Abschluss  engnarbiger  Zonen  folgen, 
aber  — soweit  bekannt  — kaum  als  Abschluss  lockernarbiger  auf- 
treten?  Ist  das  »Zufall«?  Haben  »zufällig«  in  allen  den  von 
mir  aufgeführten  10  Fällen  die  Zugwirkungen  nur  die  Region 
oberhalb  der  Blüthenzone  betroffen,  resp.  — wenn  man  annimmt, 
dass  diese  Region  die  normal  gebliebene  ist  — hat  in  allen 
Fällen  zufällig  die  unter  den  Blüthen  befindliche  Region  eine 
Zusammenschiebung  erfahren?  Warum  ist  kein  Stück  bisher  be- 


H.  Pot 


Die  Wechsel- Zonen -Bildung  der  Sigillariaöeen. 


63 


kann!  geworden,  das  die  umgekehrten  Verhältnisse  zeigt?  Warum, 
giebt  es  ferner  keine  leiodermen  Oberflächen  mit  Blüthennarben? 
Wie  gesagt,  das  kann  derjenige,  der  nur  an  Erhaltungszustände 
glaubt,  nur  als  merkwürdige  Zufälle  erklären. 

Die  epidermale  Oberfläche  der  mir  vorliegenden  Stücke  mit 
W echselzonen-Bildung  — ich  will  besonders  auf  das  Stück  Taf.  III, 
Fig.  1,  aufmerksam  machen  — ist  durchaus  glatt  nur  mit  feinsten 
Punkten  besetzt:  Taf.  III,  Fig.  1 c;  Falten  und  Runzeln,  die  auf 
eine  Zusammenschiebung  oder  auf  Zerreissuugen  der  Epidermis,  also 
auf  eine  gewaltsame  Dehnung  hindeuteten,  sind  nicht  vorhanden. 
Während  es  ja  genügende  Sigillaria- Exemplare  giebt,  die  das 
zeigen  und  dadurch  beweisen,  dass  sie  sich  in  dieser  Beziehung 
ebenso  verhalten  haben  wie  die  recenten  Pflanzen,  bei  denen 
ebenfalls  epidermale  Gewebe  und  Korkgewebe  — wie  das  Platzen 
der  Aussenrinden  zeigt,  die  dem  Dickenwachsthum  der  Bäume 
nicht  folgen  können  — wegen  ihrer  sehr  minimalen  Elasticität 
sehr  leicht  reisseu.  Für  die  Stücke  mit  Wechselzonen  muss  nun 
derjenige,  der  auch  trotz  dieser  Ueberlegung  daran  festhält,  dass 
die  letzteren  auf  Druck-  und  Zug -Verhältnisse  zurückzuführen 
sind,  die  Ausnahme  machen,  dass  gerade  diese  Stücke  von  den 
auderen  ohne  Zonenbildung  dadurch  abweichen,  dass  ihre  Epi- 
dermis in  bis  jetzt  bei  Pflanzen  unbekannt  gebliebener  Weise 
elastisch  war  resp.  bei  der  Fäulniss  elastisch  geworden  ist. 
Erstens  ist  es  aber  eine  ganz  unberechtigte  Annahme,  die  Stücke 
mit  Wechselzonen  als  molecular  ganz  anders  constituirt  anzu- 
nehmen als  die  Stücke  ohne  Wechselzonen,  und  ferner  wissen 
wir,  dass  durch  Verwesung  von  Pflanzen-Epidermeu  und  -Rinden, 
wie  die  Behandlung  der  Pflanzentheile  mit  IP2SO4  — was  ja  der 
Verwesung  namentlich  in  der  Hinsicht  gleichkommt,  als  sie  eben- 
falls zur  Verkohlung  führt  — die  in  Rede  stehenden  Gewebe  keines- 
wegs elastischer  oder  dehnbarer  werden,  als  sie  im  Leben  waren. 
Im  Gegentlieil  scheinen  sie  die  sehr  geringe,  kaum  beachtens- 
werthe  Dehnbarkeit,  die  sie  im  Leben  besassen,  ganz  zu  verlieren, 
wie  mikroskopische  Bilder  von  ^SO^Präparaten  lehren.  Unsere 
Kenntnisse  führen  uns  also  im  Gegentlieil  zu  der  Annahme,  dass 
die  kohlig  erhaltenen  Epidermen  und  verkorkten  Theile  der 


64 


H.  PoTOsr  ',  Die  Wecksel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


fossilen  Pflanzen  sicli  hinsichtlich  ihrer  Dehnbarkeit  yerhalten 
wie  diejenigen  der  recenten  Pflanzen,  wenn  sie  einen  Verwesuugs- 
process  durchgemacht  haben. 

An  lebenden  Pflanzentheilen  beträgt  die  Dehnbarkeit  ver- 
korkter Membranen,  wie  S.  Schwendener  experimentell  festge- 
stellt hat1),  kaum  2 pCt.,  da  schon  bei  einer  Dehnung  von  2 pCt. 
zahlreiche  lfisse  in  der  Cuticula  auftreten.  Schon  die  Streckung 
eines  frei  präparirten  Epidermisstreifens  des  Blattstiels  von  An- 
ihurium  cannaefolium  von  60  auf  61  Millimeter  erzeugte  hier  zahl- 
reiche Querrisse. 

Betrachten  wir  nun  daraufhin  unser  Stück  Taf.  III,  Fig.  1,  so 
sehen  wir,  dass  für  die  untere  Hälfte  eine  Dehnung  der  Cuticula 
ohne  jede  Rissbildung  von  gegen  400  pCt.  angenommen  werden 
müsste!  Und  zwar  dies  für  die  Theile  zwischen  den  Blattnarben, 
während  die  Blattnarben  selbst  sich  etwa  nur  um  50  pCt.  gedehnt 
hätten.  Die  Möglichkeit  einer  so  unerhörten  Dehnfähigkeit  der 
Cuticula  zugegeben,  müsste  es  Wunder  nehmen,  warum  denn  die 
die  Blattnarbe  bedeckende  Korkhaut  bei  dem  Fossil  weniger  dehn- 
bar sein  soll,  als  die  Cuticula,  da  es  sich  doch,  wie  die  Ex- 
perimente an  lebenden  Pflanzen  ergeben,  sonst  gerade  umgekehrt 
verhält.  So  zeigen  Periderm-Lamellen  gewisser  recenter  Pflanzen, 
z B.  von  Prunus , Verlängerungen  von  10 — 12  pCt.  ohne  Riss- 
bildung2). Man  sieht  also  wieder,  dass  man  gezwungen  ist,  bei 
der  Erklärung  der  Wechselzonen  der  Sigillariaceen  als  veranlasst 
durch  Zug,  als  das  Resultat  von  Dehnungen,  Annahmen  zu 
machen,  die  mit  den  Erfahrungen  der  Botaniker  nicht  in  Einklaug 
stehen,  ja,  die  das  gerade  Gegentheil  für  die  fossilen  verlangen, 
als  es  von  den  recenten  Pflanzen  bekannt  geworden  ist. 

Betrachtet  man  das  Stück  Taf.  III,  Fig.  1 mit  dem  Gedanken, 
sich  nun  klar  zu  machen,  ob  denn  nicht  vielmehr  der  untere 
Theil  desselben  der  normale  ist  und  der  obere  durch  Zusammen- 
schiebung entstanden  sein  könnte  (es  ist  Beides  behauptet 
worden),  so  wäre  anzuuehmen,  dass  die  Cuticula  zu  Lebzeiten  in 

. x)  Die  Schlitzscheiden  und  ihre  Verstärkungen  (Äbh.  d.  Königl.  Preuss.  Akad. 
der  Wiss.  zu  Berlin  1882,  S.  40). 

2)  ScHNVKNDENER,  1.  C.  S.  42. 


H.  Potoniii,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen.  65 

einer  elastischen  Spannung  von  unglaublicher  Höhe  sich  befunden 
hat,  die  dann  im  Verlauf  der  Verwesung  in  dem  oberen  Theil 
sich  ganz  oder  zum  Theil  ausgeglichen  haben  müsste.  Diese 
Annahme  müsste  durchaus  gemacht  werden,  da  ja,  wie  schon 
gesagt,  die  Cuticula  keinerlei  Schrumpfung  erkennen  lässt.  Dass 
die  Punktirung  in  der  Cuticula  des  oberen  Theiles  bezüglich  der 
Annäherung  der  einzelnen  Punkte  kaum  oder  nicht  von  der  des 
unteren  Theiles  zu  unterscheiden  ist,  bleibt  dabei  ein  völliges 
Räthsel.  Auch  bei  der  Annahme,  dass  der  obere  Theil  des 
Stückes  der  nachträglich  veränderte  ist,  geräth  man  also  in 
Collision  mit  den  aus  dem  Studium  der  lebenden  Pflanzen  ge- 
wonnenen Erfahrungen.  Wenn  ein  Apfel  durch  Verdunstung 
von  seinem  Wasserquantum  etwas  abgiebt,  so  legt  sich  die  Epi- 
dermis sehr  bald  in  Falten  und  bildet  dann  eine  runzlige  Ober- 
fläche: ein  alltäglicher  Beweis  für  die  höchstens  minimale  Span- 
nung, mit  welcher  das  in  Rede  stehende  Gewebe  resp.  ins- 
besondere die  Cuticula  den  prallen  Apfel  umspannt  hielt. 

Handelt  es  sich  in  dem  Stück  Taf.  III,  Fig.  1 um  eine  Er- 
haltungs-Erscheinung, so  würde  die  Frage  berechtigt  sein,  ob 
denn  nun  alle  Rhytidolepis  - Stücke  i.  e.  S.  resp.  alle  tessellaten 
Oberflächen  Erhaltungszustände  sind,  oder  ob  nur  an  den  Stücken 
mit  Wechselzonen  Rhytidolepis-  oder  tessellate  Oberflächen  derart 
vorgetäuscht  werden,  dass  eine  Unterscheidung  von  den  echten 
Rhytidolepis-  und  tessellaten  Oberflächen  unmöglich  geworden  ist? 
Kleine  Bruchstücke,  die  nicht  als  Stücke  einer  Wechselzone  zu 
erkennen  sind,  würden  dann  fälschlich  für  normal  erhalten  ge- 
blieben angesehen  werden  u.  s.  w. : kurz,  es  wäre  vollkommen 
unmöglich,  Erhaltungszustände  von  Sigillarien  von  den  normal  ge- 
bliebenen Oberflächen  zu  unterscheiden  und  zu  trennen,  da  ja 
beide  absolut  ununterscheidbar  sind.  Ich  frage  jetzt:  wie  sehen 
ungezerrte  Sigillaria- O b er  fläch  e n aus?? 

Dass  die  Epidermis  - Oberfläche  an  Sigillarien  oft  genug  die 
Spuren  mechanischer  Einwirkungen  zeigt,  ist  selbstverständlich 
und  bekannt;  aber  diese  als  solche  ohne  Weiteres  und  ohne  Wider- 
spruch erkennbaren  Einwirkungen  äussern  sich  so,  wie  es  der 
Botaniker  auf  Grund  der  Erscheinungen  an  lebenden  Pflanzen  von 

5 


Jahrbuch  1893. 


66  H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 

vorn  herein  erwarten  muss:  die  Epidermen  und  Hautgewebe  sind 
nämlich  — wie  schon  oben  angedeutet  — an  solchen  Stücken 
zerrissen,  und  zwar  ist  nicht  zu  bemerken,  dass  in  den  Riss- 
Regionen  die  Blattnarben  durch  Dehnungen  weiter  aus  einander 
gerückt  wären  als  in  den  Theilen,  die  unzerrissen  geblieben  sind. 
Wir  haben  eben  — wie  gezeigt  — gar  keinen  Grund  (wenn 
nicht  gar  denjenigen,  die  Stücke  mit  Wechselzonen-Bildung  durch- 
aus als  Erhaltungs-Zustände  deuten  zu  wollen  selbst)  anzunehmen, 
dass  sich  die  Epidermis  und  das  Hautgewebe  der  paläozoischen 
Pflanzen  anders  verhalten  hätte  als  die  der  heutigen  Pflanzen; 
im  Gegentheil  deutet  Alles,  wie  gezeigt,  darauf  hin,  dass  diese 
Gewebe  in  den  in  Rede  stehenden  Verhältnissen  durchaus  mit 
den  der  recenten  Pflanzen  übereinstimmten.  Auch  die  That- 
sache,  dass  es  gerade  epidermale  und  Hautgewebe  sind,  die 
sich  mit  Vorliebe  kohlig  an  fossilen  Pflanzen  erhalten,  deutet 
auf  die  Uebereinstimmung  der  chemischen  Zusammensetzung  der 
in  Rede  stehenden  fossilen  und  recenten  Gewebe  hin.  Auch  bei 
den  recenten  Pflanzen  sind  es  die  Hautgewebe,  die  sich  sowohl 
bei  der  Verwesung  und  bei  Behandlung  mit  H2SO4,  welche  wie 
eine  schnelle  Verwesung  wirkt,  am  längsten  und  kohlig  er- 
halten. 

Schliesslich  ist  noch  das  Folgende  zu  beachten.  Wechselzonen 
sind  nicht  allein  an  Stücken  constatirt,  die  zusammengedrückt  parallel 
zur  Schichtungsfläche  lagen,  sondern  auch  an  cylindrischen,  auf- 
recht, also  senkrecht  zu  den  Schichtungsflächen  stehenden  Baum- 
stümpfen, bei  denen  also  bedeutendere  Druck-  und  Zugwirkungen 
nicht  stattgefunden  haben  können.  C.  Grand’Eury  beschreibt 
und  bildet  solche  Stamm-Stücke  ab  x). 

Sehr  schwer  dürfte  die  Erklärung  der  mit  Wechselzonen  ver- 
sehenen Stücke  von  Sig.  camptotaenia  als  Erhaltungszustände  sein: 
weichen  doch  die  Narben  der  verschiedenen  Zonen  in  ihrer 
äusseren  Form  ganz  von  einander  ab. 

Nun  das  Resultat:  Die  Erklärung  der  Sigillaria- Reste  mit 
Wechselzonen-Bildung  als  blosse  Erhaltungszustände  erfordert 


*)  Geol.  et  pale  out.  du  Bass.  h.  du  Gard  1890,  pl.  XIII,  fig.  1 et  7. 


H.  Potonik,  Die  Wechsel-Zonen-Bildung  der  Sigillariaceen. 


67 


einen  solchen  Aufwand  unhaltbarer  Annahmen,  dass  an  die  Richtig- 
keit derselben  nicht  zu  denken  ist,  während  die  Deutung  der 
Wechselzonen  als  Wachsthums-Erscheinungen  weder  irgend  einen 
Widerspruch  mit  dem  aus  der  recenten  Pflanzenwelt  her  bekannten 
ergiebt  noch  sonstwie  irgend  welche  gezwungenen  Annahmen 
voraussetzt. 


Ueber  die  Dislocationen  westlich  und  südwestlich 
vom  Harz  und  über  deren  Zusammenhang  mit 
denen  des  Harzes. 

Von  Herrn  A.  von  Koenen  in  Göttingen. 


In  den  Bänden  dieses  Jahrbuches  für  die  Jahre  1883  bis  1887 
habe  ich  mehrfach  in  Aufsätzen  die  Dislocationen  am  Harzrande 
und  deren  Alter  erörtert.  Nachdem  jetzt  aber  die  geologische 
Aufnahme  der  Messtischblätter  westlich  und  südwestlich  vom  Harz 
(Reinhausen,  Gelliehausen,  Göttingen,  Waake,  Nörten,  Lindau, 
Moringen,  Westerhof,  Gandersheim  und  der  an  die  beiden  letzteren 
zunächst  anstossenden  Streifen  von  Osterode  und  Seesen)  zum 
Theil  mit  Hülfe  der  Herren  Dr.  Ebert  und  G.  Müller  been- 
digt ist,  und  die  Blätter  selbst  dem  Druck  übergeben  sind,  ist  es 
möglich,  eine  umfassendere  Uebersicht  über  den  geologischen  Bau 
dieser  Gegend  zu  geben  und  einzelne  wichtigere  Beobachtungen 
hervorzuheben. 

Orographisch  sind  für  den  Bau  des  erwähnten  Gebietes  von 
hervorragendem  Einfluss  eine  Reihe  von  Störungen,  welche  in  der 
Richtung  von  S.  nach  N.  (mit  einem  Strich  nach  O.)  in  sehr 
mannichfaltiger  Weise  auftreten. 

Die  bedeutendste  derselben  ist  die  Graben -Versenkung  in 
der  Muldenspalte,  welche  das  Leinethal  zwischen  Eichenberg  und 
Kreiensen  enthält,  und  in  welcher  sich  neben  kleineren  Muschel- 
kalk-Schollen besonders  Schichten  der  verschiedenen  Keuperbil- 
dungen und  stellenweise  auch  des  Lias  eingesunken  finden,  öfters 
in  einer  gewissen  Regelmässigkeit;  so  bilden  in  der  weiteren  Um- 


A.  v.  Koenen,  Ueber  die  Dislocationen  etc. 


69 


gebung  von  Göttingen  die  zum  Theil  recht  langen  Streifen  von 
Rhätkeuper  auf  beiden  Seiten  der  Leine  eine  Antiklinale  innerhalb 
der  Synklinalspalte  von  Muschelkalk. 

Die  Ränder  dieser  letzteren  sind  vielfach  zerrissen  und  zer- 
schnitten durch  anderweitige  Störungen,  die  später  zu  erörtern 
sind;  so  springt  bei  Göttingen  wiederholt  der  Ostrand  der  Leine- 
thalspalte nach  NW.  vor.  Auf  Blatt  Reinhausen  wird  im  S.,  bei 
Friedland  und  Reckershausen,  das  Leinethal  wesentlich  schmaler, 
die  Grabenversenkung  dagegen  eher  breiter,  indem  hier,  wo  Bunt- 
sandstein die  Ränder  derselben  bildet,  grössere  Massen  von  mehr 
oder  minder  zerrissenem  Muschelkalk  neben  Rhätkeuper  innerhalb 
der  Versenkung  als  höhere  Bergrücken  und  Kuppen  hervorragen. 
Es  divergiren  hier  aber  auch  nach  S.  zu  verschiedene  Bruchlinien 
nach  O.  und  W. 

Von  Nörten  nach  N.  verbreitert  sich  der  Leinethalbruch  er- 
heblich besonders  dadurch,  dass  von  der  Buntsandsteinmasse  au 
seinem  östlichen  Rande  sich  ein  keilförmiger  Streifen  abgelöst  hat, 
in  das  Leinethal  gleichsam  hineinhängt  und  sich  nach  N.  immer 
mehr  senkt,  und  mit  dem  nach  O.  auf  ihm  liegenden  Muschelkalk 
endlich  abbricht,  während  in  der  nach  N.  sich  schnell  erweiternden 
Lücke  zwischen  diesem  abgelösten  und  dem  stehen  gebliebenen 
Theile  zunächst  Muschelkalk,  weiter  nach  N.  auch  Keuper  etc. 
eingeklemmt  stecken,  nach  N.  sich  tief  senken  und  dort  meist  von 
Lehm  verdeckt  sind. 

Es  ist  aber  wohl  kein  Zufall,  — ganz  Aehnliches  finden  wir 
auch  bei  Westerhof  — dass  auf  das  nördliche  Ende  des  abge- 
lösten Streifens  die  Bruchlinie  des  Langfast  stösst,  einer  ostwest- 
lich von  Herzberg  herstreichenden  Grabenversenkung  von  unterem 
Muschelkalk  zwischen  Buntsandstein,  welche  den  Wieter  im  S. 
abschneidet  und  ganz  ähnliche  Verhältnisse  zeigt,  wie  Versen- 
kungen, die  ich  früher  nördlich  von  Hersfeld  und  bei  Treysa 
kennen  gelernt  habe.  Die  Schichten  liegen  nämlich  zuweilen 
muldenartig,  wenn  auch  zum  Theil  recht  steil  geneigt,  und  meist 
so,  dass  einzelne  Glieder,  hier  der  obere  Wellenkalk,  ganz  fehlen. 
Die  Muldenlinien  sind  aber  in  Wirklichkeit  Bruchlinien  und  laufen 
nicht  parallel  den  Rändern  der  Versenkung,  sondern  etwas  schräg 


70 


A.  v.  Koknkn,  Ueber  die  Dislocationen 


gegen  dieselben,  so  dass  sie  sich  diagonal  von  dem  einen  zum 
anderen  hinüberziehen,  und  dass  von  da  an,  wo  sie  spitz  den  Rand 
treffen,  überhaupt  nur  noch  ein  Flügel  der  scheinbaren  Mulde 
vorhanden  ist,  und  an  verschiedenen  Stellen  entweder  der  Süd- 
flügel oder  der  Nordflügel. 

Der  »Wieter«  , ein  scharfer,  steil  nach  W.  einfallender 
Wellenkalk-Rücken  bildet  den  Ostrand  der  Leinethal-Spalte  und 
wird  im  W.  durch  einen  schmalen,  meist  von  Abhangsschutt  ver- 
deckten Streifen  von  Gypskeuper  von  tief  eingesunkenem  oberem 
und  mittlerem  Lias  getrennt,  während  er  im  O.  gleichmässig  von 
Röth  und  mittlerem  Buntsandstein  unterteuft  wird.  Sowohl  an 
seinem  südlichen,  als  auch  an  seinem  nördlichen  Ende  wird  er 
sehr  auffällig  durch  mehr  oder  minder  tiefe  Einsenkungen  in  eine 
Reihe  von  einzelnen  Kuppen  oder  kurzen  Rücken  zerlegt.  In 
den  letzten  Jahren  sind  nun  über  mehrere  dieser  Einsattelungen 
Wege  gebaut  und  dadurch  frische  Aufschlüsse  hergestellt  worden, 
welche  mit  voller  Sicherheit  erkennen  lassen,  dass  über  jede  dieser 
Einsenkungen  ein  Querbruch  verlänft.  Es  ist  dies  also  eine  ent- 
scheidende Antwort  auf  die  Frage  über  die  Entstehung  min- 
destens einzelner  sogenannter  Durchbruchthäler.  Im  N.  besonders 
senken  sich  die  Schichten  des  Wieter  recht  steil  zum  Rhumethal 
hinab,  augenscheinlich  zu  einzelnen  Schollen  verbrochen;  quer 
vor  ihnen  liegt  dann  eine  recht  lange  Scholle  von  Wellenkalk, 
welche  steil  nach  S.  einfällt  und  den  Beweis  liefert,  dass  in  der 
Richtung  des  Rhumethales,  nach  O.,  nach  Osterode  zu,  eine  Ver- 
werfung verläuft,  obwohl  alle  älteren  Schichten  dort  sonst  von 
Lehm  und  Schotter  verdeckt  sind. 

Der  Gegenflügel  des  Wieter  auf  der  Westseite  des  Leine- 
thalbruches ist  die  »Weper«  mit  ihren  Fortsetzungen,  deren  Bau 
in  dem  schon  vor  Jahren  von  mir  erwähnten  Bahneinschnitt  von 
Hardegsen  trefflich  zu  erkennen  ist.  Zugleich  ist  dort  ungewöhn- 
lich schön  und  deutlich  nachzuweisen,  wie  die  Richtungsänderung 
von  Bergrücken  durch  Verwerfungen  und  Störungen  bedingt  ist, 
wie  auch  der  Durchbruch  des  Espoldethales  durch  die  Weper 
mit  Dislocationen  oder  Querbrüchen  in  Verbindung  zu  bringen 
ist.  Es  würde  hier  aber  zu  weit  führen,  die  zahlreichen,  dort  zu 
beobachtenden.,  interessanten  Einzelheiten  zu  erörtern. 


westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


71 


Wie  aber  eine  Anzahl  von  Parallelspalten  mit  dem  Leine- 
thal auf  den  Messtischblättern  östlich  der  Leine  (Gelliehausen, 
Waake  und  Lindau)  vielfach  für  die  Oberflächen -Formen  be- 
stimmend sind,  wenn  auch  ihr  Vorhandensein  bei  der  Gleich- 
förmigkeit des  Gesteins,  meist  mittleren  Buntsandsteins,  in  der 
Regel  schwer  nachzuweisen  ist,  so  ist  auf  den  Blättern  Nörten 
und  Moringen,  besonders  westlich  und  südwestlich  von  Moringen, 
das  Auftreten  von  solchen  Parallelspalten  mit  voller  Sicherheit 
festzustellen,  obwohl  sie  auf  die  Oberflächenformen  grossentheils 
nur  geringen  Einfluss  ausgeübt  haben;  es  sind  nämlich  schmale 
Streifen  von  rothen  Gypskeuper-Mergeln  zwischen  den  Ceratiten- 
schichten  oder  Thonplatten  in  den  Parallel  - Spalten  eingesunken, 
keilen  sich  gelegentlich  aus  oder  ändern  ihre  Richtung  in  etwas, 
wie  dies  ja  doch  bei  allen  Spalten  die  Regel  ist. 

Auf  den  Blättern  Westerhof  und  Gandersheim,  also  genau 
westlich  vom  Harz  und  nördlich  vom  Rhumethal,  sind  die  Parallel- 
Spalten  mit  dem  Leinethal  mit  bedeutenden  Versenkungen  ver- 
bunden und  daher  von  weit  grösserem  Einfluss  auf  die  Ober- 
flächengestaltung, so  dass  sie  eine  nähere  Erörterung  erfordern. 

Die  westlichste  dieser  Graben -Versenkungen  verläuft  vom 
Ostende  von  Northeim  über  Calefeld  nach  Gandersheim,  die  nächste 
von  Mandelbeck  über  Westerhof  nach  Düderode,  Engelade  etc. 
und  eine  dritte  längs  des  Harzrandes  über  Eisdorf,  Kirchberg- 
Seesen  etc. 

In  dieser  letzteren  liegen  grosse  Massen  von  diluvialen  und 
alluvialen  Ablagerungen,  von  letzteren  besonders  grosse  Mengen 
von  Harzgeröllen ; nördlich  von  Nienstedt  treten  unter  dem  Lehm 
aber  mehrfach  ältere  Gesteine  hervor,  und  zwar  einzelne  Schollen 
von  Tertiärgebirge,  Braunkohlen  und  helle  Sande  mit  Quarziten, 
vermuthlich  dem  Miocän  zuzurechnen,  und  ausgedehntere  Streifen 
von  Muschelkalk,  grösstentheils  Wellenkalk,  welche  im  Wesent- 
lichen südnördlich  streichen,  aber  sehr  verschieden  einfallen.  Viel- 
fach sind  drei  parallele  Streifen  vorhanden , von  welchen  der 
westlichste  und  östlichste  nach  O.  einfallen,  der  mittlere  nach  W., 
so  dass  dieser  mit  dem  westlichen  eine  Synklinale,  mit  dem  öst- 
lichen eine  Antiklinale  bildet.  Der  östliche  Muschelkalkstreifen, 
oder  der  unter  diesem  wohl  auch  noch  sichtbare  Röth  liegt  aber 


72 


A.  v.  Koenen,  Ueber  die  Dislocationen 


zuweilen  dicht  neben  dem  oberen  Zecbstein  oder  doch  dem  unteren 
Buntsandstein,  welcher  mit  der  Decke  des  westlichen  Harzrandes 
in  nächster  Verbindung  steht,  während  westlich  von  dem  west- 
lichen Muschelkalkstreifen  und  östlich  von  der  zweiten  Spalte 
(Mandelbeck-Düderode  etc.)  ein  grosser  Rücken  von  mittlerem 
Buntsandstein  liegt,  welcher  Horst- artig  (im  Sinne  von  Suess) 
nur  wenig  eingesunken,  im  S.  am  breitesten  ist,  nach  N.  schmaler 
wird  und  sich  immer  mehr  senkt,  um  bei  Ildehausen  zu  ver- 
schwinden. Dieser  Horst  ist  aber  im  Wesentlichen  sattelförmig 
gewölbt,  so  dass  die  Bausandsteine  nach  O.  und  nach  W.  so 
ziemlich  bis  zu  den  Thalsohlen  hinab  sinken. 

Die  Gebirgsmassen  zwischen  der  zweiten  und  der  ersten 
Spalte  (Northeim- Gandersheim)  sind  weit  stärker  und  deutlicher 
durch  Störungen  zerrissen;  im  S.,  nördlich  von  Elvershausen  bis 
in  die  Höhe  von  Brunstein  liegt  Buntsandstein,  darüber  Röth  und 
der  ganze  Muschelkalk  mit  steilem,  nördlichem  Einfallen,  durch 
einen  Gypskeuper  - Graben  getrennt  von  zunächst  südlich  ein- 
fallendem, oberem  Muschelkalk,  welcher  sich,  wenn  auch  von 
grösseren  Störungen  durchsetzt,  bis  in  die  Höhe  von  Willers- 
hausen hinzieht  und  in  der  Mitte  den  Horst  der  Imbshäuser  und 
Echter  Forst  bildet;  im  W.  und  O.  sind  freilich  überall  Schollen 
von  grösserer  Ausdehnung  etwas  abgesunken,  und  auf  den  hier- 
bei gebildeten  Spalten  sind  zahlreiche  Erdfälle  besonders  östlich 
und  nordöstlich  von  Imbshausen  entstanden.  Nach  N.  senken 
sich  die  Schichten  etwas  steiler  als  die  Tagesoberfläche  zum  Thal 
der  Aue  (zwischen  Echte  und  Oldershausen)  hinab.  Nördlich  von 
diesem  folgt  auf  Gypskeuper  ein  schmaler  Streifen  mittlerer  Lias 
und  dann  der  untere  und,  anscheinend  in  regelmässiger  Folge 
aber  ziemlich  steilem  nördlichen  Einfallen , alle  übrigen  Stufen 
der  Juraformation  bis  zum  obersten  Kimmeridge  hinauf  auf  dem 
Rücken  des  Kahlberges;  auf  diesem  verlaufen  ein  Paar  streichende 
Verwerfungen1),  und  an  seinem  Nordhange  steht  der  obere  Jura 
zum  Theil  ziemlich  senkrecht  und  wird  durch  eine  gegen  500  Meter 
breite  Spalte,  welche  mit  eingestürzten  Schollen  von  Muschelkalk, 


b Smith,  die  Jurabildungen  des  Kahlberges,  dieses  Jahrb.  für  1891. 


westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


73 


Keuper  und  Jura  erfüllt  ist,  von  dem  Kühler,  einem  Plateau  von 
oberem  Muschelkalk  getrennt.  Nordöstlich  von  diesem  folgt  dann 
der  Südwestflügel  der  windschiefen  Sattelspalte  Harriehausen- 
Gandersheim- Alfeld  etc.,  über  welche  ich  schon  bei  einer  früheren 
Gelegenheit  (Jahrbuch  für  1883,  S.  XLI)  berichtet  habe.  Nörd- 
lich von  ihrem  Nordostflügel  folgt  dann  wieder  Gypskeuper  etc., 
eingesunken  neben  oberem  Muschelkalk  und  auch  im  O.  begrenzt 
durch  den  Muschelkalkzug  des  Heber. 

Die  Höhen  zwischen  der  Spalte  Northeim-Gandersheim  und 
der  Leinethalspalte  sind  zum  Theil  noch  weit  mehr  zerrissen  und 
bestehen  zwischen  Northeim  und  Edesheim-Eboldshausen  aus  mehr 
oder  minder  zerrütteten  Schollen  von  Triasbildungen,  hauptsäch- 
lich von  oberem  Muschelkalk,  welche  theils  einzelne  Rücken,  theils 
förmliche  Kuppen  bilden  und  nach  sehr  verschiedenen  Richtungen 
einfallen.  Besonders  nach  O.  ist  ihr  Abhang  meist  hoch  hinauf 
von  Lehm  bedeckt,  und  der  Verlauf  der  Grenze  des  Muschel- 
kalks gegen  den  dort  eingesunkenen  Gypskeuper  wird  durch  eine 
Reihe  von  tiefen,  Amphitheater  - artigen  Einsenkungen  im  Lehm 
bezeichnet,  wie  ich  dies  auch  sonst  schon  öfter  beobachtet  habe; 
das  Tagewasser  hat  zwar  ungehinderten  Abfluss  aus  ihnen  nach 
O.,  doch  sind  sie  ihrer  Lage  nach  jedenfalls  durch  Erdfälle  ent- 
standen. Zudem  habe  ich  in  der  Mitte  einer  derartigen  Einsen- 
kung einen  frisch  entstandenen  kleineren  Erdfall  beobachtet.  Ver- 
schiedene Erdfälle  liegen  aber  auch  auf  einer  Verwerfung  am 
Nordwestfusse  des  Sultemer  Berges  nahe  dem  Waldrande,  süd- 
südöstlich von  Edesheim,  und  auf  einer  anderen  auf  dem  Weh- 
klag-Berge  ostnordöstlich  von  Edesheim. 

Die  West -Abhänge  der  Worfschaufel  (zwischen  Hohnstedt 
und  Vogelbeck)  und  des  Hungerberges  (nordöstlich  Salzderhelden) 
zeigen  eine  ungewöhnlich  starke  Zerreissung  der  verschiedenen 
Trias- Schichten  in  einzelne  kleine  Schollen  und  Streifen;  augen- 
scheinlich sind  hier  beim  Einsinken  des  Leinethaies  einzelne 
Fetzen  wirr  neben  und  auf  einander  auf  dem  mittleren  Buntsand- 
stein hängen  geblieben,  welcher  das  Leinethal  nach  W.  verschiebt, 
von  Vogelbeck- Eboldshausen  an  weit  nach  N.  reicht  und  von 
einer  parallel  dem  Auethal  von  Nienstedt  über  Westerhof-Echte-Cal§- 


74 


A.  v.  Koenen  , Ueber  die  Dislocationen 


feld-Olxheim  etc.  nach  NW.  verlaufenden  Verwerfung  abgeschnitten 
wird,  aber  auch  im  O.  durch  einen  Bruch  begrenzt  wird,  welcher 
über  Sievershausen  und  das  Nordende  des  Westerberges  sich  hin- 
zieht. Südlich  von  Sievershausen  wird  in  zwei  dicht  neben  ein- 
ander befindlichen  Steinbrüchen  mittlerer  Buntsandstein  beziehungs- 
weise Trochitenkalk  gewonnen;  letzterer  fällt  ziemlich  steil  nach 
SSO.  ein  und  bildet  auf  300  Meter  Länge  den  Kamm  des  Steimer- 
berges,  wird  aber  durch  einen  Streifen  Gypskeuper  abgeschnitten, 
und  da,  wo  dieser  Rücken  sich  mehr  nach  N.  zum  Westerberge 
umbiegt,  beginnt  ein  über  1000  Meter  langer  Zug  von  Trochiten- 
kalk, welcher  steil  nach  WNW.  einfällt,  während  am  Südosthange 
des  Westerberges  Schaumkalk,  mittlerer  und  oberer  Muschelkalk 
steil  nach  OSO.  einfallen. 

Störungen  und  Bruchlinien,  wie  die  oben  erwähnten,  welche 
durchnittlich  etwa  von  SO.  nach  NW.  laufen,  sind  ja,  wie  ich 
schon  vor  Jahren  betont  habe,  im  ganzen  nordwestlichen  Deutsch- 
land verbreitet  und  von  hervorragendem  Einfluss  auf  die  Ent- 
stehung der  mesozoischen  Gebirge  und  sind  an  solchen  Stellen, 
wo  ich  das  relative  Alter  feststellen  konnte,  älter,  als  die  süd- 
nördlichen Dislocationen,  welche  nicht  selten  sie  unterbrechen, 
oder  an  ihnen  abspringen  und  ihnen  streckenweise  folgen.  Dies 
ist,  wie  schon  oben  erwähnt,  Lei  Göttingen  der  Fall,  aber  auch 
die  süd  - nördlichen  Gypskeuperstreifen  zwischen  den  Ceratiten- 
schichten  westlich  von  Moringen  springen  ab  an  anderen,  ganz 
ähnlichen,  aber  nach  NW.  verlaufenden  Streifen,  welche  als  Neben- 
spalten des  Bruches  am  Südwestfusse  der  Ahlsburg  aufgefasst 
werden  müssen. 

Die  Ahlsburg  mit  ihren  Fortsetzungen  ist  ein  hoher,  breiter 
Rücken  von  mittlerem  Buntsandstein,  welcher  nach  NO.  einfällt 
und  dort  von  regelmässig  über  ihm  folgenden,  aber  niedrigeren 
Rücken  von  Wellenkalk  und  Trochitenkalk  begleitet  wird,  als 
Südwestgrenze  des  grossen  Versenkungsbeckens  Einbeck  - Mar- 
koldendorf. Am  Südwestfusse  der  Ahlsburg  liegen  aber  tief  einge- 
sunken und  meist  steil  nach  SW.  geneigt  Streifen  von  Muschel- 
kalk, Gypskeuper  und  auch  von  Tertiärgebirge. 

Nördlich  von  Moringen  gelangen  nun  diese  nordwestlich 


westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


75 


streichenden  Schichten  in  den  Bereich  der  südnördlichen  Leine- 
thal-Brüche, durch  welche  zunächst  eine  grössere  Scholle,  der 
Schmandberg  und  Böllenberg,  von  der  Ahlsburg  abgetrennt  und 
nach  SSO.  abgelenkt  wird,  indem  zugleich  der  Buntsandstein  weit 
weniger  hervorragt,  als  der  Wellenkalk;  weiterhin,  auf  dem  Ziegen- 
berge und  zwischen  Berwartshausen  und  Elvese,  ist  dann  der 
Muschelkalk  in  einzelne  ganz  unregelmässige  Fetzen  zerrissen, 
neben  und  zwischen  welchen  verschiedene  Schichten  des  Keupers 
eingesenkt  liegen. 

Streifen  von  marinem  Ober- Oligocän  sowie  von  (vermuthlich) 
miocänen  Quarzsanden,  Quarziten  und  Braunkohlenthonen,  welche 
östlich  und  nördlich  von  Moringen  zwischen  älteren  Schichten 
eingeklemmt  sind,  lassen  darauf  schliessen,  dass  die  nordwestlich 
streichenden  Störungen  auch  hier  nicht  früher,  als  am  Ende  der 
Miocän-Zeit  entstanden  sind;  da  aber  nördlich  und  südlich  von 
Northeim  innerhalb  der  Leinethal- Versenkung  Thone,  Sandsteine 
etc.,  welche  wohl  als  fluviatiles  Pliocän  zu  deuten  sind,  auf  dem 
eingesunkenen  Keuper  und  Lias  liegen,  so  sind  auch  hier  die 
Süd-Nord-Störungen  zur  Pliocän-Zeit  bereits  vorhanden  gewesen, 
wie  ich  dies  seiner  Zeit  schon  für  andere  Gregenden  ausge- 
führt habe. 

Es  liegt  aber  auch  in  der  erwähnten  Bruchlinie  Mandelbeck- 
Willershausen-Düderode  neben  Gypskeuper  etc.  in  grösserer  Aus- 
dehnung Tertiärgebirge,  helle  Sande  mit  Quarziten,  Braunkohlen- 
thone  und  Braunkohlen  eingesunken,  und  helle  Sande  mit  Milch- 
quarzbrocken, Quarzite  und  Braunkohlen  finden  sich  auch,  wie 
oben  erwähnt,  westlich  von  Eisdorf,  nördlich  von  Nienstedt,  in  der 
Versenkung  am  Harzrande,  und  diese  Tertiärbildungen  möchte  ich 
bei  ihrer  Uebereinstimmung  mit  denen  im  Solling,  bei  Dransfeld 
und  Cassel  ebenfalls  für  Miocän  halten,  also  diese  Brüche  eben- 
falls für  jung-miocäne. 

Es  finden  sich  nun  Harzgerölle  in  solchen  Flussthälern  allgemein 
verbreitet,  welche  durch  Zuflüsse  Wasser  und  Gerolle  aus  dem 
Harz  erhalten,  aber  in  der  Regel  nur  wenig  über  der  jetzigen 
Thalsohle;  nur  bei  Hammenstedt  östlich  Northeim  liegt  eine  solche 
Harzschotter-Terrasse  auf  dem  Buntsandstein  gegen  30  Meter  über 


76 


A.  v.  Koenen  , Ueber  die  Dislocationen 


der  jetzigen  Thalsohle  bei  ca.  160  Meter  Meereshöhe.  Es  sind 
aber  Ablagerungen  von  Harzschotter  westlich  von  Holtensen,  öst- 
lich und  nördlich  von  Wiebrechtshausen  recht  verbreitet,  und  am 
Westabhange  des  Uhberges  südwestlich  von  Imbshausen  und 
weiter  nördlich  finden  sie  sich  bis  zu  einer  Höhe  von  190  Meter, 
so  dass  es  den  Anschein  hat,  als  sei  einstmals  die  Rhume  hier 
entlang  und  zwischen  dem  Assberge  und  dem  Edesheimer  Berge 
hindurch  in  das  Leinethal  geflossen. 

F erner  findet  sich  an  der  Stelle,  wo  die  oben  erwähnte  Graben- 
Versenkung  Mandelbeck- Denkershausen  den  östlichen  Theil  der 
Versenkung  Northeim- Calefeld  trifft,  eine  Einsenkung  der  Erdober- 
fläche, ein  Versenkungsbecken,  von  mehr  als  1000  Meter  Durch- 
messer, welches  theils  künstlich  entwässerte,  z.  Th.  sumpfige 
Wiesen,  theils  einen  grösseren,  tiefen,  von  Schilf  und  Rohr  um- 
gebenen Teich  enthält,  ganz  ähnlich  den  Seen  in  der  Mark, 
Mecklenburg,  Pommern  etc.  Hätte  aber  dieses  Becken  schon 
existirt  zu  der  Zeit,  wo  anscheinend  die  Rhume  in  höherem  Ni- 
veau in  geringer  Entfernung  Harzschotter  vorbei  transportirte , so 
würde  doch  mindestens  der  tiefe  Denkershäuser  Teich  mit  Schotter 
ausgefüllt  worden  sein,  ähnlich  wie  der  Westerhöfer  Teich  südlich 
Westerhof,  auf  der  Spalte  Mandelbeck -Düderode,  welcher  noch 
Mitte  dieses  Jahrhunderts  dem  Botaniker  zahlreiche  seltene  Wasser- 
und  Sumpfpflanzen  lieferte,  jetzt  aber  ganz  trocken  gelegt  ist  und 
Felder  und  Wiesen  trägt.  Die  letzte  Trockenlegung  ist  hier  von 
Menschenhand  ausgeführt  worden,  die  eigentliche  Ausfüllung  aber 
durch  die  Schuttmassen,  welche  die  langen,  hier  mündenden  kleinen 
Wasserläufe  aus  dem  östlich  angrenzenden  Buntsandstein  - Gebiet 
herbeiführten.  Das  Wassergebiet  des  Denkershäuser  Teiches  ist 
freilich  weit  kleiner  und  besteht  vorwiegend  aus  Muschelkalk, 
welcher  weit  weniger  leicht  erodirt  wird,  als  der  Buntsandstein. 

Immerhin  wird  man  annehmen  müssen,  dass  der  Denkers- 
häuser Teich  tektonischen  Ursprungs  ist  — Gletscher  sind 
hier  niemals  gewesen  — und  erst  in  recht  junger  Zeit  ein- 
gesunken oder  tiefer  eingesunken  ist,  als  die  Rhume  bereits 
ihren  jetzigen  Lauf  eingenommen  hatte,  mag  nun  jener  alte  Rhume- 
schotter  als  diluvialer  oder  pliocän-tertiärer  gedeutet  werden  müssen. 


Westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


77 


Das  grosse  Buntsandsteingebiet  zunächst  dem  Harz,  östlich 
der  Bruchlinie  Mandelbeck- Düderode  etc.,  wird  nun  auch  von 
einer  Anzahl  vorwiegend  nach  NW.  streichender  Verwerfungen 
durchschnitten,  von  welchen  eine,  schon  oben  erwähnte,  von 
Osterode  her  über  Nienstedt  nach  Echte-Olxheim  und  vermuthlich 
auch  weiter  über  Naensen  läuft.  Erst  nördlich  von  dieser  Ver- 
werfung findet  sich  in  der  Süd  - Nord -Versenkung  am  Harz- 
rande Muschelkalk  und  auch  Tertiärgebirge,  so  dass  sie  als  Ver 
Senkung  überhaupt  erkannt  werden  kann,  und  in  die  Versenkung 
Mandelbeck -Düderode  ist  nördlich  dieser  Verwerfung,  nördlich 
von  Westerhof,  eine  keilförmige  Masse  Buntsandstein  von  dem 
Hauptrücken  abgesunken,  doch  so,  dass  sie  mit  ihm  an  ihrem 
nördlichen  Ende  noch  zusammenhängt,  während  in  die  dadurch 
entstandene,  nach  S.  divergirende  Lücke  der  obere  Muschelkalk 
des  Ziegenberges  eingesunken  ist.  Dieser  ist  aber  auch  gewisser- 
maassen  eine  Fortsetzung  der  verschiedenen  Muschelkalk-Schollen, 
welche  am  Ostrande  der  Versenkung  zwischen  Westerhof  und 
Mandelbeck  am  Fusse  des  Buntsandsteinrückens  noch  über  der 
Thalsohle  hängen  geblieben  sind,  und  der  »eingeklemmten  Syn- 
klinale« auf  dem  Kaufmannsberge  etc.  südlich  Mandelbeck,  welche 
den  ostwestlich  streichenden  Muschelkalk  des  Dünenberges  im 
O.  abschneidet.  Südwestlich  von  Westerhof  und  nördlich  von 
Willershausen  findet  sich  in  der  Versenkung  Tertiärgebirge, 
zwischen  jenen  beiden  Orten  anscheinend  unter  dem  Lehm  nur 
Gypskeuper,  und  am  Nordende  von  Willershausen  auch  Eisen- 
stein und  Thone  des  mittleren  Lias. 

Andere  Verwerfungen  in  der  NW.-  oder  WNW. -Richtung 
lassen  sich  mehr  oder  minder  sicher  nachweisen  : 1)  Von  Willensen 
durch  das  Fissekenthal,  2)  von  der  Teichhütte  bei  Gittelde  über 
Oldenrode- Wiershausen  etc.,  3)  von  Staufenburg,  Holenberg,  Thal 
des  Rodenberger  Baches,  Harriehausen- Gandersheim,  4)  nördlich 
von  Staufenburg  und  dem  Grefenberg  hindurch  über  Ildehausen, 
Dannhausen  etc.,  5)  von  Münchehof-Kirchberg  nach  der  Schlacken- 
mühle etc.,  6)  südwestlich  von  Herrhausen  durch  über  Engelade, 
südlich  von  Bilderlahe  und  nördlich  vom  Vorwerk  Heber  und 
von  Ackenhausen  hindurch,  7)  vom  Südostende  von  Seesen  am 


78  Ä.  v.  Koenen  , Ueber  die  Dislocationeü 

Nordfuss  des  Sonnenberges  und  am  Nordostrande  des  Heber 
entlang. 

Alle  diese  Verwerfungen  werden  auf  dem  Buntsandstein- 
rücken bemerkbar  durch  plötzliche  Senkung  des  Kammes,  durch 
Ausbildung  tiefer  Schluchten  und  auch  wohl  durch  steiles  Ein- 
fallen der  Schichten,  aber  auch  in  den  Versenkungen  theils  durch 
Thaleinschnitte,  theils  durch  Trennung  der  verschiedenen  Muschel- 
kalk-Schollen, mag  nun  diese  Trennung  vor  oder  nach  dem  Ein- 
sinken erfolgt  sein,  zuweilen  aber  auch  durch  Erdfälle,  wie  süd- 
lich von  der  Domäne  Staufenburg,  700  Meter  nordöstlich  von  dem 
Vorwerk  Fürstenhagen  am  Waldrande  und  besonders  nordnord- 
westlich vom  Vorwerk  Heber ; leider  verdecken  diluviale  und 
alluviale  Bildungen  die  Störungen  in  den  Thalsohlen  und  vielfach 
auch  an  den  unteren  Gehängen  auch  in  diesem  Gebiete. 

Von  den  eben  aufgeführten  Störungen  liegen  nun  einzelne 
in  der  directen  Fortsetzung  der  Gangspalten  des  Ober- 
harzes, welche  ja  durch  den  Bergbau  ausreichend  ihrer  Lage  und 
Richtung  nach  bekannt  sind,  während  die  sonstigen  Verwerfungen  im 
westlichen  Theile  des  Harzes  mindestens  noch  nicht  auf  Karten  in 
einem  grösseren  Maassstabe  zu  einer  zuverlässigen  Darstellung  ge- 
langt sind.  Auf  der  trefflichen  LossEN’schen  Uebersichtskarte  des 
Harzes  ist  nichts  Derartiges  angegeben , und  auch  die  untere 
Grenze  des  Zechsteins  erscheint  dort  nur  durch  Fluss-  und  Bach- 
thäler  sowie  durch  Auflagerung  von  Diluvium  unterbrochen,  als 
sei  sie  lediglich  durch  discordante  Auflagerung  auf  die  abradirte 
Oberfläche  der  Culmschichten  bedingt.  Diese  Grenze  ist  indessen 
keineswegs  überall  richtig  und  wird  stellenweise  recht  erheblich 
zu  verschieben  sein;  (gänzlich  unrichtig  ist  die  Trias  am  westlichen 
Rande  der  Uebersichtskarte  angegeben);  so  zieht  sich  der  Culm 
und  mit  ihm  die  untere  Grenze  des  Zechsteins  von  Gittelde  bis 
zum  Rösteberg  hinauf  zu  den  bekannten,  grösstentheils  in  Schwer- 
spath  umgewandelten  Zechsteingesteinen,  und  eine  Verwerfung 
läuft  von  hier,  als  Fortsetzung  der  von  Lossen  noch  angegebenen 
Gangspalte,  etwa  nach  der  Stelle,  wo  der  Weg  nach  der  Domäne 
Staufenburg  sich  von  der  Chaussee  abzweigt;  in  gleicher  Richtung 
folgt  dann  die  oben  als  vierte  angeführte  Bruchlinie  nach  Harrie- 
hausen - Gandersheim. 


"westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


79 


Der  Spiegelthaler  Gangzug  streicht  ferner  unterhalb  der  hohen 
Wand  der  Pandelbachhöhe  entlang,  welche  schon  von  Weitem  so 
deutlich  den  Eindruck  eines  Abbruches  macht,  und  in  seinem 
Fortstreichen  liegt  die  unter  6)  angeführte  Störung. 

Der  Lautenthaler  Gang  wird  endlich  von  Lossen  bis  zu  der 
Einsattlung  zwischen  dem  Eickmuhl  und  dem  grossen  Bullars 
angegeben,  dürfte  aber  doch  in  derselben  Richtung  weiter  durch 
das  untere  Schildau-Thal  bis  Seesen  als  Gangspalte  vorhanden 
sein,  wie  ja  auch  Gangspalten  gar  häufig  den  Verlauf  von  Thälern 
bedingen.  Grosse  Mengen  von  Harzgeröllen  erfüllen  nun  zwar 
den  unteren  Theil  des  Schildauthales  und  verdecken  die  älteren 
Gesteine  fast  überall ; bei  Seesen  findet  sich  aber  etwa  60  Meter 
südöstlich  der  Eisenbahnlinie  eine  grössere  Scholle  von  Oberem 
Muschelkalk  nahe  der  Thalsohle  eingesunken  gegen  den  untersten 
Buntsandstein,  welcher  den  Rand  des  Thaies  uud  der  Spalte 
bildet.  Oberer  Muschelkalk  tritt  sonst  erst  etwa  5 Kilometer 
weiter  westlich  auf.  Es  sei  hier  übrigens  auch  an  das  bekannte 
Vorkommen  von  Culmkalken  erinnert,  welche  zwischen  dem  Hü- 
bichenstein  und  dem  Iberger  Kaffeehause  in  einer  Gangspalte  ein- 
geklemmt zwischen  Iberger  Kalk  stecken1).  In  der  Fortsetzung  der 
Gangspalte  Läutenthal- Seesen  findet  sich  aber  auch  die  unter  7) 
erwähnte  Bruchlinie.  Bei  der  geologischen  Kartirung  der  Blätter 
Osterode,  Seesen  und  Hahausen  werden  sich  vielleicht  noch  mehr 
Fälle  nachweisen  lassen,  in  welchen  Störungen  und  Gangspalten 
der  palaeozoischen  Schichten  des  Harzes  in  das  mesozoische  Vor- 
land fortsetzen. 

Da  wir  nun  oben  gesehen  haben,  dass  in  dem  Vorlande  ein- 
zelne dieser  Störungen  auch  anscheinend  miocäne  Tertiärbildungen 
mit  betroffen  haben,  so  ist  hieraus  wohl  der  Schluss  zu  ziehen, 
dass  die  Gangspalten  des  Oberharzes  erst  am  Ende  der 
Miocän-Zeit  entstanden  sind,  oder  dass  zu  dieser  Zeit  wenig- 
stens wiederum  eine  Bewegung  ihres  Nebengesteins  stattgefunden 
hat,  also  zu  derselben  Zeit,  in  welcher  die  Südost-Nordwestfaltung 
der  jüngeren  Formationen  im  nordwestlichen  Deutschland  erfolgte, 


l)  Siehe  Clabke,  die  Fauna  des  Iberger  Kalkes,  Neues  Jahrb.  f.  Min.  1884, 
III.  Beilage-Band  S.  322. 


80 


A.  v.  Koenen,  Ueber  die  Dislocatioiien 


in  welcher  unsere  mesozoischen  Gebirge  entstanden,  und  die  ersten 
Eruptionen  von  Basalten  etc.  aus  den  hierbei  gebildeten  Spalten  her- 
vordrangen, wie  ich  bei  anderer  Gelegenheit  erwähnt  habe  (Nach- 
richten der  König!.  Gesellschaft  der  Wissensch.  zu  Göttingen 
1886,  S.  196). 

Dass  die  Gangspalten  sich  wiederholt  geöffnet  haben,  dass 
an  ihnen  wiederholt  Bewegungen  des  Nebengesteins  stattgefunden 
haben,  kann  nicht  wohl  zweifelhaft  sein,  da  auf  der  tiefsten  Sohle 
der  Bergwerke  Krystalle  von  Quarz,  Blende  und  dergleichen  mehr 
gefunden  werden,  welche  abgebrochen  sind  und  auf  den  Bruch- 
flächen mit  zahlreichen  kleinen,  parallel  gestellten  Quarz-  etc. 
Krystallen  bedeckt  sind,  also  erkennen  lassen,  dass  sie  nach  ihrer 
Entstehung  zerbrochen  und  dann  weiter  gewachsen  sind.  Solche 
Stücke  kenne  ich  z.  B.  von  der  708  Meter  Sohle  des  Schachtes 
»Herzog  Georg  Wilhelm«  auf  dem  Burgstädter  Zuge.  Eine  neuere 
Bewegung  des  Gesteins  in  Folge  des  Bergbaues  kann  aber  nicht 
wohl  als  Ursache  dieses  Vorkommens  angenommen  werden,  da- 
Bergbau  in  gleicher  oder  grösserer  Tiefe  in  der  Umgebung  noch 
nicht  betrieben  worden  ist. 

Nun  fehlen  Harzgerölle  in  allen  mesozoischen  Schichten  über 
dem  Rothliegenden  und  in  den  unter-  und  mitteltertiären  Ab- 
lagerungen am  Harzrande  ganz  oder  so  gut  wie  ganz,  obwohl  im 
Buntsandstein,  dem  oberen  Jura,  der  unteren  und  oberen  Kreide 
und  dem  Sand  und  Kies  des  Oligocäns  und  Miocäns  doch  Flach- 
wasser-Ablagerungen in  grosser  Ausdehnung  auftreten,  und  be- 
sonders in  den  groben  Conglomeraten  der  unteren  und  oberen 
Kreide  bei  Langelsheim,  am  Sudmerberg  bei  Goslar  etc.  gerade 
Harzgerölle  in  Menge  erwartet  werden  sollten,  wie  sie  von  allen 
Flüssen  und  Bächen  aus  dem  Harz  von  je  her  in  sein  Vorland 
hinabgeführt  worden  sind.  — Nur  vereinzelte  kleine  Kieselschiefer- 
Stückchen  habe  ich  gelegentlich  beobachtet,  welche  vielleicht  gar 
nicht  von  Harzgesteinen  herrühren  oder  aus  dem  Rothliegenden 
stammen.  — Ich  hatte  aus  jener  Thatsache  schon  in  einem  früheren 
Aufsatze  gefolgert,  dass  in  jenen  Perioden  Flüsse  und  Bäche  nicht 
wohl  aus  dem  Harz  herabgekommen  sein  könnten,  und  dass  dieser 
eine  irgend  nennens'werthe  Höhe  nicht  gehabt  haben  könnte,  viel- 


westlich  und  südwestlich  vom  Harz  etc. 


81 


mehr  von  jüngeren  Sedimenten  bedeckt  gewesen  und  unter  Wasser 
gewesen  sei,  mindestens  bis  zur  Zeit  der  unteren  Kreide,  in  welcher 
zuerst  einzelne  wirkliche  Conglomerate  am  Harzrande  auftreten. 

Es  scheint  nach  Allem  diesem,  als  sei  eine  grössere  Heraus- 
hebung des  Harzes  erst  in  spät-tertiärer  Zeit  erfolgt, 
gleichzeitig  mit  der  Entstehung  unserer  sonstigen  Gebirge. 

Da  nun  die  palaeozoischen  Schichten  des  Harzes  bereits  am 
Ende  der  Carbon -Zeit  in  der  SW. -NO. -Richtung  geknickt  und 
gefaltet  worden  waren,  so  musste  eine  solche  Heraushebung  und 
Auf  bauchung  doch  wohl  Risse  und  Spalten  senkrecht  zur  Druck- 
richtung, also  zuerst  parallel  der  langen  Axe  des  Harzes,  zur  Folge 
haben,  und  aus  solchen  Spalten  könnten  recht  wohl  die  Oberharzer 
Gänge  im  Wesentlichen  entstanden  sein,  gleichviel,  ob  ihr  erster  Ur- 
sprung schon  früheren  Perioden  angehört,  sowie,  ob  in  späterer  Zeit, 
eventuell  in  postglacialer  Zeit,  ein  nochmaliges  Aufreissen  der 
Gänge  durch  weitere  Hebung  des  Harzes  herbeigeführt  wurde, 
wie  ich  eine  solche  bereits  vor  Jahren  als  wahrscheinlich  hinge- 
stellt habe.  Selbstverständlich  halte  ich  unter  diesen  Umständen 
die  Gänge  des  Unterharzes,  der  Gegend  von  Harzgerode,  für  gleich- 
altrig mit  denjenigen  des  Oberharzes,  obwohl  sie  nicht  direct  mit 
ihnen  zusammenzuhängen  scheinen. 

Die  Ursache  dieser  Unterbrechung  ist  vielleicht  darin  zu 
suchen,  dass  die  Oberfläche  des  Harzes  zwischen  der  Breite  des 
Brocken -Granites  und  der  des  Ramberg- Granites  eine  deutliche 
Depression  erkennen  lässt,  in  welcher  nur  geringfügigere  Risse 
und  Spalten  in  der  eigentlichen  Gangrichtung  auftreten,  gegen- 
über Stauchungen  in  der  Richtung  von  S.  nach  N. 

Die  Auftreibung  des  Harzes  durch  Druck  von  O.  nach  W. 
dürfte  freilich  der  Hauptsache  nach  einer  etwas  späteren  Zeit  an- 
gehören, in  welcher  auch  die  SN.  - Störungen  der  mesozoischen 
Gebiete  entstanden,  und  gab  auch  wohl  Veranlassung  zur  Aus- 
bildung der  meisten  nach  dem  Süd-  und  Nordrande  des  Harzes 
verlaufenden  Thäler,  und  steht  wohl  im  Zusammenhänge  mit  der 
Entstehung  der  Thäler  im  nördlichen  Vorlande  des  Harzes. 

Wenn  ich  seiner  Zeit  (Jahrbuch  für  1887,  S.  462)  die  Ueber- 
zeugung  aussprach,  dass  das  Innerste- Thal  auch  nördlich  von 


Jahrbuch  1893. 


6 


82 


A.  v.  Roenen,  Üeber  die  Dislocationen  etc. 


Langelsheim  mit  südnördlichen  Spalten  in  Verbindung  zu  bringen 
sei,  durch  welche  Wasser  von  Langelsheim  frühestens  etwa  bei 
Ringelheim  wieder  an  die  Tagesoberfläche  gelangen  könnte,  so  ist 
dies  seitdem  durchaus  bestätigt  worden.  Die  reichlich  Magnesium- 
salze enthaltenden  Endlaugen  der  Kali -Fabrik  in  Langelsheim 
wurden  in  Brunnenschächte  in  der  zerrissenen  Kreide  versenkt 
und  machten  sich  bald  darauf  im  Park  von  Walmoden  (dicht  bei 
Ringelheim)  und  bei  Baddekenstedt  (zwischen  Ringelheim  und 
Hildesheim)  unangenehm  bemerkbar  in  dem  Wasser  früher  guter 
Quellen;  an  beiden  Orten  entspringen  aber  die  Quellen  aus  Erd- 
fällen, und  ErdfälLe  ziehen  sich  von  Langelsheim  nach  N.  bis 
nach  Walmoden  hin.  Ausserdem  theilte  mir  auch  ein  Bewohner 
der  dortigen  Gegend  gelegentlich  mit,  dass  jene  Quellen  in  strengen 
Wintern  weit  stärker  würden,  sobald  durch  Eis  der  Abfluss  des 
Wassers  der  Innerste  gehemmt  würde.  Dass  das  Wasser  jener 
Quellen  nicht  als  einwandfreies,  gutes  Trinkwasser  gelten  kann, 
selbst  wenn  es  nicht  durch  die  Endlaugen  verunreinigt  wird,  liegt 
auf  der  Hand. 

Südnord-Verwerfungen  schneiden  jedenfalls  auch  den  Harly- 
berg  im  W.  und  im  O.  ab. 


Ueber  Alter  und  Gliederung  des  sogenannten 
Kramenzelkalkes  im  Oberliarze. 

Von  Herrn  L.  Beushausen  in  Berlin. 


Als  es  den  ausdauernden  Bemühungen  des  mit  der  geolo- 
gischen Kartirung  des  Blattes  Zellerfeld  betrauten,  jüngst  ver- 
storbenen Bezirksgeologen  A.  Halfar  im  Jahre  1874  gelungen 
war,  in  dem  seinem  Alter  nach  zweifelhaften,  von  A.  Roemer 
auf  Grund  einer  angeblich  bei  der  Rohmker  Brücke  im  Okerthale 
gefundenen  Clymenia  striata  Münster  (Beiträge  z.  geol.  Kennt- 
niss  des  nordwestlichen  Harzgebirges  III,  S.  150,  Taf.  XXII, 
Fig.  15)  als  Clymenienkalk  aufgefassten  sogenannten  Kramenzel- 
kalke  Goniatites  intumescens  Beyrich  aufzufinden,  hielt  man  die 
Gliederung  des  Devon  zwischen  Oker  und  Innerste  für  völlig 
klargelegt  und  unterschied 

Cypridin enschiefer.  Oberes  Oberdevon. 

Kramenzelkalk  bezw.  Thonschiefer  mit  Knoten- 
kalk-Einlagerungen.  Unteres  Oberdevon. 

Goslarer  Schiefer.  Oberes  Mitteldevon. 

Calceola-Schichten.  Unteres  Mitteldevon. 

Spiriferensandstein  oder  Kahlebergsandstein. 
Unterdevon. 

Als  Einlagerung  im  sogenannten  Kramenzelkalke  galt  der 
bekannte  dunkle  Goniatitenkalk  des  Kellwasserthales  mit  Cardiola 
angulifera  A.  Roemer. 


6’ 


84  L.  Beushausen,  TJeber  Älter  und  Gliederung 

Ein  erneutes  Interesse  gewannen  die  höheren  Devonschichten 
jedoch  plötzlich,  als  zu  Pfingsten  des  Jahres  1893  A.  Denckmann 
bei  Rohmkerhalle  im  Okerthale  die  Entdeckungen  machte,  welche 
der  verewigte  Halfar  noch  in  einer  brieflichen  Mittheilung  in 
Band  45  der  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  S.  498  ff.  veröffent- 
licht  hat. 

Das  Wesentliche  der  Beobachtungen  Denckmann’s  ist: 

1.  das  Vorkommen  zweifelloser  Clymenien  (aus  dem  Formen- 
kreise der  C.  annulata  Münster)  im  sogenannten  Kramenzelkalke. 
Damit  ist  auch  die  seinerzeit  vom  Hüttenmeister  Zeuner  an 
Roemer  gemachte  Mittheilung  über  den  Fundpunkt  seiner  Clymenia 
striata  wieder  zu  Ehren  gebracht. 

2.  Der  Nachweis  der  schwarzen  Goniatitenkalke  mit  Cardiola 
angulifera  im  Liegenden  des  Kramenzelkalkes. 

Zu  diesen  Entdeckungen  gesellte  sich  dann  gelegentlich  der 
Versammlung  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  in  Goslar 
die  Auffindung  eines  von  einem  kleinen  unbestimmbaren  Brachiopod 
ganz  erfüllten  dunkelgrauen  krystallinischen  Kalkes  im  Liegenden 
des  Goniatitenkalkes.  Dieser  Brachiopodenkalk  entspricht  durch- 
aus einem  Vorkommen,  welches  für  den  Stringocephalenkalk 
Waldschmidt’ s (die  Zone  des  Goniatites  discoides  W aldschmidt) 
und  vielleicht  auch  für  die  ein  etwas  tieferes  Niveau  einnehmenden 
Tentaculiten  - Knollenkalke  der  Ense  bei  Wildungen  geradezu 
leitend  ist. 

Durch  diese  Beobachtungen  war  somit  zunächst  sichergestellt, 
dass  der  Clymenienhorizont  im  Oberharze  vorhanden  ist  und 
weiter  die  Existenz  von  Kalken  des  oberen  Mitteldevon  an  der 
Basis  des  sogenannten  Kramenzelkalkes  unter  dem  Goniatiten- 
kalke und  über  den  Goslarer  Schiefern  sehr  wahrscheinlich  ge- 
macht. 

A.  Halfar  hat  dann  den  Herbst  des  Jahres  1893  dazu  be- 
nutzt, die  bisher  als  unteres  Oberdevon  von  ihm  angesprochenen 
Schichten  zunächst  am  Südostflügel  des  grossen  Devonsattels  mit 
Rücksicht  auf  die  eben  erwähnten  neuen  Gesichtspunkte  einer 
erneuten  Untersuchung  zu  unterziehen.  Er  hatte  sich  von  der 
Richtigkeit  der  Beobachtungen  A.  Denckmann’s  überzeugt  und 


des  sogenannten  Kramenzelkalkes  im  Oberharze. 


85 


sie  bereitwilligst  aoeeptirt.  Ein  körperliches  Leiden  nöthigte 
ihn  jedoch  zur  vorzeitigen  Rückkehr  nach  Berlin,  und  sein  un- 
erwartetes Hinscheiden  setzte  dem  rastlosen  Verfolgen  der  an  ihn 
herantretenden  neuen  Aufgabe  ein  schnelles  Ziel.  — 

Von  der  Direction  der  Königlichen  geologischen  Landes- 
anstalt wurde  mir  nach  dem  Tode  Halfar’s  die  Ordnung  bezw. 
Bearbeitung  der  von  dem  Verblichenen  in  langjähriger  mühevoller 
Arbeit  zusammengebrachten  sehr  umfangreichen  Sammlung  von 
Belegstücken  für  die  Kartirung  des  Blattes  Zellerfeld  übertragen. 
Mein  Augenmerk  richtete  sich  naturgemäss  von  vornherein  ganz 
besonders  auf  das  verhältnissmässig  reiche  Material  an  Versteine- 
rungen aus  angeblich  oberdevonischen  Schichten,  weil  bei  einer 
genauen  Durchsicht  desselben  möglicherweise  Anhaltspunkte  für 
die  weitere  Verbreitung  des  Clymenienkalkes  einerseits  und  der 
als  oberes  Mitteldevon  angesprochenen  Schichten  an  der  Basis 
des  sogenannten  Kramenzelkalkes  andererseits  zu  gewinnen  waren. 
Es  ist  mir  denn  auch  gelungen,  eine  Anzahl  von  Stücken  auf- 
zufinden, welche  weitere  Schlüsse  in  dieser  Richtung  ermöglichen 
bezw.  Ausgangspunkte  für  die  unbedingt  nöthigen  Untersuchungen 
an  Ort  und  Stelle  bilden  können.  Auf  Veranlassung  von  Herrn 
Geheimen  Oberbergrath  Dr.  Hauchecorne  bringe  ich  im  Fol- 
genden eine  kurze  Mittheilung  über  das  bis  jetzt  vorliegende 
einschlägige  Material. 


I.  Kalke  des  oberen  Mitteldevon. 

1.  Vom  südlichen  Ufer  des  mittleren  Grumbacher  Teiches 
östlich  Bockswiese  liegen  mir  Stücke  eines  dunklen  krystallinisch- 
späthigen  Kalkes  vor,  welche  ausser  massenhaften,  zum  Theil  ver- 
kiesten  winzigen  Styliolinen  mehrere  Exemplare  von  Posidonia 
hians  Waldschmidt  (Frech,  Devonische  Aviculiden,  S.  72  und 
164,  Taf.  XIV,  Fig.  13)  enthalten. 

Diese  Art  ist  für  die  an  der  Basis  des  Wildunger  Stringo- 
cephalenkalkes  (im  Sinne  Waldschmidt’s)  liegenden  schwarzen 
Goniatitenkalke  leitend  (Denckmann  in  diesem  Jahrbuch  für 
1892,  S.  15)  und  kommt  bei  Bicken  und  vermuthlich  auch  bei 


86 


L.  Beushausen,  Ueber  Alter  und  Gliederung 


Günterod  im  gleichen  Niveau  vor.  Die  schwarzen  Kalke,  welche 
die  vorliegenden  Exemplare  enthalten,  bilden  nach  der  Fundorts- 
angabe »zwei  je  25  Centimeter  mächtige  Bänkchen  im  untersten 
Theile  des  Kramenzelkalkes«  *). 

Aus  demselben  Kalkvorkommen,  welches  auf  Halfar’s  Karte 
als  Einlagerung  in  oberdevonischen  Thonschiefern  verzeichnet  ist, 
liegen  ferner  wenige  Schritte  westlich,  von  der  südlichen  Aus- 
fluth  des  mittleren  Grumbacher  Teiches,  Brocken  eines  ähnlichen, 
etwas  mehr  verwitterten  und  daher  weniger  dunklen  Kalkes  vor, 
in  denen  ein  grosser,  grossaugiger  Phacops  aus  der  Verwandt- 
schaft des  Ph.  breviceps  Barr,  und  ein  Proetus  Vorkommen. 
Ferner  enthält  der  Kalk  grosse,  fein  quergestreifte  Orthoceren, 
viele  Styliolinen , quergeringelte  Tentaculiten  ( T.  cf.  sulcatus 
A.  Roemer,  Beiträge  I,  Taf.  III,  Fig.  36;  kommt  auch  im  Stringo- 
cephalen-Eisenstein  am  Oberharzer  Diabaszuge  vor),  kleine  Brachio- 
poden  und  Einzelkorallen. 

Die  Kalke  bilden  nach  Halfar  »eine  etwa  30  Centimeter 
mächtige,  unregelmässig  begrenzte  Einlagerung  in  den  untersten 
Bänken  des  sogenannten  Kramenzelkalkes«. 

2.  Ein  dem  unter  1.  genannten  durchaus  ähnlicher  dunkler 
Kalk,  welcher  im  Thale  des  Riesenbaches  nordwestlich  Mittel- 
Schulenberg  »als  Einlagerung  im  Thonschiefer«  15  Schritte  im 
Liegenden  des  sogenannten  Kramenzelkalkes  auftritt , ist  von 
A.  Halfar  im  Herbst  1893  aufgefunden  und  von  ihm  als  Stringo- 
cephalenkalk  etikettirt  worden.  Er  führt  den  vorhin  genannten 
Phacops , Orthoceren,  Styliolinen,  winzige  ? Crinoidenstielglieder, 
von  denen  man  nur  den  späthigen  Querbruch  sieht,  und  Goniatites 
cf.  lateseptatus  Beyrich,  sehr  wahrscheinlich  die  unten  zu 
nennende  neue  Form. 

3.  Ein  Bruchstück  vom  Pygidium  des  erwähnten  grossen 
Phacops  liegt  mir  vor  in  einem  dunkelgrauen  Kalke,  welcher  im 
Bette  des  Riesenbaches  die  »erste  Einlagerung  sehr  grosslöcherigen 

*)  Ich  enthalte  mich  jeglicher  Discussion  der  einzelnen  Fundortsangaben; 
vermuthlich  spielen  Einfaltungen  bezw.  Ueberschiebungen  eine  grössere  Rolle 
als  bisher  ersichtlich  ist,  bei  Rohmkerhalle  ist  eine  Ueberschiebung  ziemlich 
zweifellos. 


des  sogenannten  Kramenzelkalkes  im  Oberharze. 


87 


Kalksteins  in  die  unreinen  dickbankigen  grauen  Thonschiefer 
4 Schritt  im  Liegenden  der  untersten  Kramenzelkalkbank«  bildet. 

4.  Gleichfalls  aus  dem  Riesenbachthale  stammen  die  beiden 
Exemplare  des  von  A.  Halfar  im  Jahre  1873  im  Bachbette  im 
»lcramenzelartigen  Kalke«  ohne  genauere  Angabe  der  Lagerungs- 
verhältnisse gefundenen  und  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges. 
Bd.  27,  S.  468  als  Goniatites  Dannenbergi  Beyrich  aufgeführten 
Goniatiten.  Eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  dieser  Art  der  Wissen- 
bacher Schiefer  ist  nun  zwar  nicht  zu  verkennen,  Uebereinstimmung 
in  den  Merkmalen:  Gestalt  der  Schale  und  besonders  des  Rückens, 
Verlauf  der  Lobenlinie,  besteht  jedoch  nicht,  vor  Allem  fehlt  auch 
die  charakteristische  Eigenthümlichkeit , welche  die  Gebrüder 
Sandberger  veranlasste,  jene  Art  als  G.  bicanaliculatus  neu  zu 
bezeichnen.  Dagegen  stimmen  die  Exemplare  durchaus  überein 
mit  Goniatites  discoides  Waldschmidt,  der  Leitform  des  Wildunger 
Stringocephalenkalkes  (im  Sinne  Waldschmidt’s),  von  der  ich 
Exemplare  verglichen  habe.  E.  Holzapfel,  welcher  diese  Art 
auf  Taf.  IV,  Fig.  13  seiner  demnächst  erscheinenden  Abhandlung 
über  die  Fauna  der  Schichten  mit  Maeneceras  terebratum  abbildet, 
erkannte  die  Zugehörigkeit  der  ihm  vorgelegten  Stücke  zu  der- 
selben an. 

5.  Aus  einem  alten  Steinbruch  an  der  Oker  im  Forstorte 
Schadleben  besitzt  die  Sammlung  der  geologischen  Landesanstalt 
einen  Goniatiten,  welcher  durch  Gestalt  und  Lobenlinie  sofort  als 
mit  Goniatites  lateseptatus  Beyrich  nahe  verwandt  zu  erkennen 
ist.  Er  stimmt  speciell  auf’s  Beste  überein  mit  derjenigen  Ab- 
änderung, welche  E.  Holzapfel  in  seiner  oben  citirten  Abhand- 
lung als  neue  Form  aus  dem  oberen  Mitteldevon  beschreiben  wird. 

Nun  sind  zwar  in  der  Litteratur  *)  Angaben  vorhanden,  dass 
G.  lateseptatus  auch  im  Oberdevon  vorkomme,  allein  sie  erweisen 
sich  bei  näherer  Prüfung  nicht  als  stichhaltig.  Die  Angabe  von 
d’Arciiiac  und  de  Verneuil  über  das  Vorkommen  im  eisen- 
schüssigen Kalke  von  Oberscheld  ist  bereits  von  den  Gebrüdern 
Sandberger  als  irrthümlich  bezeichnet  worden.  Die  eine  Zeit 


')  Yergl.  E.  Kayser,  Fauna  d.  ältesten  Devon- Ablagerungen  S.  53. 


88 


L.  Beushausen,  Ueber  Alter  und  Gliederung 


lang  herrschende  Vorstellung,  dass  die  Goslarer  Schiefer,  in  denen 
G.  lateseptatus  nicht  eben  selten  ist,  oberdevonischen  Alters  seien, 
ist  seit  Jahren  als  völlig  unhaltbar  aufgegeben.  Die  Bennischer 
Schichten  in  Oberschlesien,  deren  von  F.  Roemer  als  möglich 
hingestelltes  oberdevonisches  Alter  auf  Grund  der  Fauna  bereits 
von  E.  Kayser  angezweifelt  wurde,  werden  jetzt  — vielleicht 
zum  Theil  etwas  zu  tief  — in  das  obere  Unterdevon  oder  das 
unterste  Mitteldevon  gestellt  (Gürich,  Erläut.  z.  geol.  Uebersichts- 
karte  von  Schlesien  S.  53),  so  dass  das  Auftreten  von  G.  late- 
septatus in  ihnen  durchaus  nicht  auffällig  ist.  Der  in  Braun- 
eisenstein erhaltene  G.  cf.  lateseptatus  endlich,  den  die  geologische 
Landesanstalt  1874  mit  einer  grösseren  Sammlung  Eifeier  Devon- 
petrefacten  von  einer  Wittwe  Scholz  in  Gerolstein  angekauft  hat, 
soll  angeblich  von  Büdesheim  stammen.  E.  Kayser,  der  ihn  in  der 
März-Sitzung  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  1875  vorlegte 
(Band  27,  S.  255)  hat  aber  seine  Bedenken  über  die  Herkunft  des 
Stückes  zu  betonen  nicht  unterlassen.  Ich  möchte  den  Fundpunkt 
für  apokryph  halten  und  annehmen,  dass  das  Exemplar  aus  einem 
verwitterten  rheinischen  Tentaculitenschiefer  oder  vielleicht  sogar 
aus  den  Goslarer  Schiefern  des  Oberharzes  stammt.  Es  bestärkt 
mich  in  dieser  Vermuthung  die  Thatsache,  dass  aus  derselben 
Sammlung  herrührend  gleichfalls  in  Brauneisenstein  umge- 
wandelt ein  » Lunulicardium«  von  »Büdesheim«  in  der  Sammlung 
der  geologischen  Landesanstalt  lag,  welches  sich  bei  näherer  Be- 
sichtigung als  Axinus  unicarinatus  Nyst  aus  dem  Mitteloligocän, 
vielleicht  von  Buckow,  entpuppte,  ein  Umstand,  der  nicht  dazu 
beiträgt,  die  Zweifel  an  der  Richtigkeit  des  Fundortes  von  jenem 
Goniatiten  herabzumindern  1).  Jedenfalls  ist  das  Stück  für  sich 
allein  nicht  geeignet,  mangels  anderer  Stützpunkte  das  Vorkommen 
von  G.  lateseptatus  im  Oberdevon  zu  beweisen.  Das  Auftreten 
der  Art  in  dem  Kalke  am  Schadleben  kann  mithin  unbedenklich 


J)  Als  Curiosum  sei  hier  weiter  mitgetheilt,  dass  die  in  der  Sammlung  der 
geologischen  Landesanstalt  befindlichen  Originalexemplare  von  Avicula  ausavensis 
Steininger,  Eifel,  S.  56  »von  Büdesheim«  typische  Exemplare  der  allbekannten 
Gervillia  socialis  des  Muschelkalke  sind! 


des  sogenannten  Kramenzelkalkes  im  Oberharze. 


89 


als  Anzeichen  für  das  Vorhandensein  von  Mitteldevon  an  dieser 
Stelle  betrachtet  werden. 

Wir  haben  in  den  oben  angeführten  Punkten  Vorkommnisse 
vor  uns,  welche  ihrer  Fauna  nach  zum  Oberdevon  nicht  ge- 
rechnet werden  können,  andererseits  fehlen  ihnen  wiederum  die 
bezeichnenden  Petrefacten  der  Kalkeinlagerungen  in  den  Goslarer 
Schiefern.  Dagegen  stimmen  sie  durchaus  überein  mit  den  ihrem 
Alter  nach  sicher  festgestellten  Schichten  des  oberen  Mitteldevon 
bei  Wildungen,  so  dass  der  Schluss  auf  eine  gleiche  Altersstellung 
wohl  berechtigt  erscheint.  Bemerkenswerth  ist  die  Verbreitung 
der  Punkte:  No.  1 liegt  in  der  sogenannten  Grumbacher  Mulde, 
dem  Hahnenkleeer  nordwestlichen  Gegenflügel  des  grossen  Devon- 
sattels auf  Blatt  Zellerfeld  genähert,  Punkt  2,  3 und  4 gehören 
mit  dem  Vorkommen  bei  Rohmkerhalle  dem  Südostflügel  des- 
selben Sattels  an,  Punkt  5 endlich  liegt  in  einem  inselförmig  aus 
Culmschichten  auftauchenden  Vorkommen  noch  weiter  im  SO. 
Eine  allgemeine  Verbreitung  dieser  Schichten  ist  demnach  höchst 
wahrscheinlich. 


II.  Schwarze  Goniatitenkalke  des  unteren  Oberdevon 
mit  Cardiola  angulifera  A.  Roemer. 

Die  schwarzen  Goniatitenkalke  mit  Cardiola  angulifera  waren 
in  der  Litteratur  vor  ihrer  Entdeckung  bei  Rohmkerhalle  durch 
A.  Denckmann  sicher  bekannt  nur  aus  dem  mitten  im  Culm  ge- 
legenen isolirten,  im  Jahre  1849  entdeckten  Vorkommen  im  Kell- 
wasserthale  und  vom  Grossen  Hühnerthalskopfe  bei  Hahnenklee 
— auf  dem  nordwestlichen  Flügel  des  grossen  Devonsattels  — 
wo  A.  Halfar  sie  1884  aufgefunden  und  ihrer  Lagerung  nach 
genauer  untersucht  hatte.  Es  lag  zwar  eine  Notiz  von  A.  Roemer 
vor,  dass  sie  »zwischen  Schulenberg  und  Bockswiese  in  weiter 
Erstreckung«  nachgewiesen  seien  und  »eine  schwache  Schicht 
zwischen  den  hellgefärbten  Kramenzel-  und  Clymenienkalken« 
bildeten  (Beiträge  III,  S.  138),  jedoch  war  kein  Fundpunkt  be- 
sonders aufgeführt.  Im  Herbst  1893  ist  es  A.  Halfar  nun  noch 


90 


L.  Beushausen,  lieber  Alter  und  Gliederung 


gelungen,  sie  in  typischer  Ausbildung  versteinerungsführend  auf 
dem  Südostflügel  jenes  Sattels  auch  im  Riesenbachthale  nordwest- 
lich Mittel -Schulenberg  anstehend  aufzufinden.  Sie  treten  dort 
im  Bachbette  »3,5  Meter  im  Hangenden  der  liegendsten  Bank  des 
sogenannten  Kramenzelkalksteins«  auf  als  eine  ca.  20  Zentimeter 
mächtige  Bank.  Hinzufügen  muss  ich,  dass  ein  Handstück  vom 
demselben  Fundort  in  der  Clausthaler  Oberbergamtssammlung  sich 
befindet,  das  Vorkommen  also  gewissermaassen  nur  neu  entdeckt 
wurde;  der  Werth  des  HALFAR’schen  Fundes  wird  durch  diesen 
Umstand  aber  nicht  herabgemindert. 

Das  Auftreten  der  Kalke  in  anscheinend  gleichen  Lagerungs- 
verhältnissen auf  beiden  Flügeln  des  grossen  Sattels  spricht  ent- 
schieden zu  Gunsten  der  Annahme  weiterer  Verbreitung. 

III.  Graue  Kalke  mit  Goniatites  intumescens  Beyrich. 

Für  diese  liegen  neue  bezeichnende  Funde  nicht  vor, 
denn  graue  Kalke  mit  Cardiola  retrostriata  v.  B.  und  G.  pal- 
mata  Goldf.  auf  dem  Südostflügel  des  grossen  Devonsattels 
könnten  auch  der  Clymenienstufe  angehören,  in  die  beide  Arten 
hinaufgehen.  Doch  ist  das  Vorkommen  durch  das  grosse  von 
A.  Half ar  1874  gefundene  und  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges. 
Bd.  XXVII,  S.  467  beschriebene  Bruchstück  von  Goniatites  intu- 
mescens aus  dem  Thale  der  Grossen  Bramke  nördlich  Unter- 
Schulenberg  zweifellos  dargethan.  Dieses  Exemplar  wurde  be- 
kanntlich die  Ursache,  dass  der  gesammte  »Kramenzelkalk«  mit 
der  Intumescens-Stufe  parallelisirt  wurde. 

IV.  Clymenienkalke  des  oberen  Oberdevon  x). 

Von  weiteren  Anzeichen  für  das  Auftreten  von  Clymenien- 
kalken  sind  zu  erwähnen: 

Hellgraue  harte  Kalke  treten  im  Aeckethale,  einem  westlichen 
Seitenthale  der  Gr.  Bramke  nördlich  Unter-Schulenberg  auf.  Sie 


x)  Siebe  die  Nachschrift. 


des  sogenannten  Kramenzelkalk.es  im  Oberharze. 


91 


enthalten  ausser  schlechten  Goniatiten  deutliche  Exemplare  von 
Loxopteria  dispar  Sandb.  1850 — 56  (sehr  wahrscheinlich  ident 
mit  Cardium  f problematicum  Münst.  Beitr.  V,  S.  1 1 9 , Taf.  XI, 
Fig.  8,  1842),  welche  zuletzt  von  Frech,  Devon.  Aviculiden  S.  77, 
Taf  VI , Fig.  4 beschrieben  und  abgebildet  wurde.  Dieser  Zwei- 
schaler ist  auf  das  höhere  Oberdevon,  die  Nehdener  Schiefer  und 
die  Clymenienkalke  beschränkt  und  fehlt  in  der  Intumescens- 
Stufe.  Uebrigens  ist  die  Art  bereits  von  A.  Roemer  aus  einem 
hellgrauen  Kalke  »oberhalb  Schulenberg«  als  Area  Clymeniae  be- 
schrieben und  — allerdings  schlecht  — abgebildet  worden  (Bei- 
träge III,  S.  149,  Taf.  XXII,  Fig.  13,  1855).  Ich  habe  das 
Originalexemplar  in  Clausthal  gesehen  und  mich  von  der  Identität 
mit  Loxopteria  dispar  überzeugt. 

Ganz  gleichartige  sehr  harte  Kalke,  makroskopisch  dicht,  von 
muschelig-splittrigem  Bruch,  von  hellgrauer,  in’s  Violette  spielender, 
bläulichgrauer,  selten  ein  wenig  dunklerer,  zuweilen  gelblich- 
brauner Farbe  und  horusteinartigem  Ansehen  treten  auch  im  Thale 
der  Grossen  Bramke  und  im  Riesenbache  auf.  Die  aus  ihnen 
bisher  vorliegenden  Reste  — zahlreiche  Posidonia  venusta , Phacops 
cf.  cryptophthalmus  u.  A.  — machen  es  zwar  wahrscheinlich,  dass 
gleichfalls  Clymenienkalke  vorliegen,  lassen  aber  einen  sicheren 
Schluss  darauf  nicht  zu.  — Bemerken  will  ich  dann  noch,  dass 
ich  in  der  Clausthaler  Oberbergamtssammlung  ganz  gleichartige 
Kalke  aus  dem  Alten  Thale,  einem  östlichen  Zuflusse  des  Riesen- 
baches, ferner  von  Bockswiese  und  Lautenthal,  also  auch  aus  der 
Westhälfte  der  grossen  Devonpartie  gesehen  habe,  welche  zum 
Theil  Trimerocephalus  laevis  A.  Roem.,  evolute  Goniatiten  oder 
Clymenien  u.  A.  führen.  Diese  Vorkommen  müssen  bei  der  Ver- 
folgung des  Clymenienhorizontes  jedenfalls  in  Betracht  gezogen 
werden. 

Es  ergiebt  sich  aus  den  vorstehenden  Ausführungen,  dass 
eine  Reihe  gegründeter  Anhaltspunkte  für  die  Zerlegung  des  bis- 
her als  unteres  Oberdevon  aufgefassten  sogenannten  Kramenzel- 
kalkes  in  oberes  Mitteldevon,  unteres  und  oberes  Oberdevon  schon 
jetzt  vorhanden  ist.  An  dieser  Stelle  können  nach  Lage  der 


92 


L.  Beüshausen,  Ueber  Alter  und  Gliederung 


Sache  vorläufig  nur  kurze  Hinweise  gegeben  werden;  sorgfältige 
fortgesetzte  Untersuchungen  im  Felde  werden  die  jetzt  noch  un- 
vermittelt und  vereinzelt  dastehenden  Beobachtungen  weiterführen, 
ergänzen  und  in  Zusammenhang  bringen  müssen,  ehe  wir  ein  ge- 
naues und  zutreffendes  Bild  von  der  Entwickelung  der  höheren 
Devonhorizonte  im  Oberharze  uns  machen  können.  Dann  wird 
es  auch  an  der  Zeit  sein,  über  die  Verhältnisse  der  Goslarer 
Schiefer  einerseits  und  der  Cypridinenschiefer  andererseits  zu  dem 
hier  behandelten  Schichtencomplex  Erörterungen  anzustellen. 

Das  principiell  Wichtige  ist  aber  an  der  Sache,  dass  der 
Harz  auch  hier  jetzt  beginnt,  seine  lange  gewahrte  Sonderstellung 
aufzugeben,  und  dass  seine  geologischen  Verhältnisse  mit  denen 
genau  untersuchter  anderer  Devongebiete  mehr  und  mehr  in  Ein- 
klang gerathen. 

Nachschrift.  Während  des  Druckes  der  vorstehenden 
Mittheilungen  ist  es  A.  DenCKMänn  und  mir  auf  einer  gemein- 
samen Excursion  zu  Pfingsten  1894  gelungen,  abgesehen  von  dem 
Nachweise  des  oberen  Mitteldevon  und  der  Intumescens-  Stufe 
an  einer  Reihe  von  Punkten,  die  Existenz  des  Clymenienkalkes 
auch  im  Riesenbachthale  und  im  Aeckethale  durch  die  Auffin- 
dung wohlerhaltener  Exemplare  von  Clymenia  laevi- 
gata  und  CI.  striata  darzuthun. 


Die  Lager  an  gsverhältnisse  des  Tertiärs  und 
Quartärs  der  Legend  von  Buckow. 

Von  Herrn  F.  WahllSChaffe  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  VI  — IX). 

Die  hier  zu  besprechende  nähere  Umgebung  des  ungefähr 
45  Kilometer  östlich  von  Berlin  gelegenen  Städtchens  Buckow 
gehört  der  Barnim-Lebuser  Hochfläche  an,  die  sich  in  ostsüdost- 
westnordwestlicher Längserstreckung  zwischen  dem  Berliner  Haupt- 
thale  im  S.  und  dem  Eberswalder  Hauptthale  im  N.  ausdehnt  und 
im  O.  durch  das  zwischen  Frankfurt  und  Kiistrin  gelegene  Thal- 
stück der  Oder,  im  W.  durch  das  Havelthal  zwischen  Liebenwalde 
und  Spandau  begrenzt  wird.  Senkrecht  zu  ihrer  Längsachse  wird 
diese  Hochfläche  in  siidwest- nordöstlicher  Richtung  durch  die 
Niederung  des  Rothen  Luches,  durch  die  Seen  in  der  Umgebung 
von  Buckow  und  das  sich  daran  anschliessende  Stöbberthal  in  zwei 
Abschnitte  getheilt.  Das  westlich  und  nördlich  an  diesen  Rinnen- 
zug angrenzende  Gebiet  stellt,  abgesehen  von  den  randlichen  Er- 
hebungen in  der  Pritzhagener  Forst,  eine  ziemlich  ebene,  oder 
nur  schwach  wellige,  wenig  durchschnittene  und  zum  grössten 
Theil  vom  Oberen  Geschiebemergel  bedeckte  Hochfläche  dar. 
Diesen  Charakter  besitzt  die  zwischen  80 — 90  Meter  Meereshöhe 
gelegene  Umgebung  von  Pritzhagen,  Bollersdorf,  Hasenholz,  Vor- 
werk Liebenhof,  sowie  ferner  der  grösste  Theil  des  sich  nördlich 
an  das  Messtischblatt  Müncheberg  anschliessenden  Blattes  Möglin, 
welcher  eine  mittlere  Höhe  von  70 — 80  Meter  besitzt,  jedoch  nach 


94 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


W.  zu  bei  Harnekop  und  westlich  von  Herzhorn  bis  zu  110  Meter 
und  höher  ansteigt.  Der  Ostabfall  dieser  zum  Barnim  gehörigen 
Hochfläche  erfolgt  in  einem  mehr  oder  weniger  steil  abgeböschten 
Rande,  dessen  mittlere  Erhebung  über  der  Niederung  des  Rothen 
Luches  33,  über  dem  Schermützel-See  56  und  über  dem  Stöbber- 
thal  30 — 60  Meter  beträgt.  Eine  wesentlich  andere  Beschaffenheit 
sowohl  in  orographischer  als  auch  in  geologischer  Hinsicht  besitzt 
das  östlich  von  diesem  Rinnenzuge  gelegene,  der  Le buser  Hoch- 
fläche zugehörige  Gelände,  von  dem  die  südöstliche  Hälfte  des 
Messtischblattes  Müncheberg  einen  Theil  zur  Darstellung  bringt. 
Bei  der  Betrachtung  dieses  auf  dem  beigefügten  geologischen 
Kärtchen  (Taf.  IX)  scharf  hervortretenden  Gebietes  bemerkt  man 
auf  den  ersten  Blick,  dass  dasselbe  von  einer  nicht  geringen  Zahl 
kleinerer  und  grösserer  Seen,  sowie  von  Torf  erfüllter  Becken  und 
Rinnen  durchsetzt  ist.  Hierzu  gehören  auf  dem  Messtischblatte 
Müncheberg  1:25000  der  Schermützel-See  (26,3  Meter  über 
Normal-Null),  der  Buckow-See  (26  Meter),  der  Griepen-See 
(24  Meter),  der  Kleine  und  Grosse  Tornow -See  (37,6  und 
20,4  Meter),  der  Weisse  See  am  Zacharias- Wall  (16,5  Meter)  der 
Abendroth-See  (29,1  Meter),  der  Schwarze  See  (30  Meter),  der 
Gartz-See  (35  Meter),  der  Mühlen-Teich  (21,2  Meter),  der  Grosse 
und  der  Kleine  Klobich-See  (21,3  und  22  Meter),  der  Birken-See 
(42  Meter),  der  Grosse  (39,8)  und  Kleine  Däber-See  mit  dem 
Papillen-See  (39,9  Meter),  der  Kirchen-See  (42,2  Meter),  der 
Kessel  - See  (47  Meter),  der  Kleine  und  Grosse  Schlagenthin- 
See  (52,5  und  51,3  Meter),  der  Faule  See  (56,2  Meter) 
und  der  Waschbank-See  (56,2  Meter).  Ist  auch  die  Anordnung 
und  Form  derselben  anscheinend  eine  völlig  unregelmässige,  so 
lassen  sich  doch  bei  einigen  Seen  unter  Berücksichtigung  der  sich 
daran  anschliessenden  Torfbecken  und  Torfrinnen  gewisse  Züge 
unterscheiden,  die  parallel  zur  Richtung  des  Rothen  Luches  von 
NO.  nach  SW.  verlaufen.  Das  zwischen  den  Seen  und  Torf- 
becken gelegene  Gebiet  zeigt  an  verschiedenen  Stellen  ausserordent- 
lich unregelmässige  O berfläch en formen,  indem  sich  rund- 
liche oder  längliche  Kuppen  regellos  aneinander  schaaren.  Auf 
Blatt  Müncheberg  treten  diese  Verhältnisse  durch  den  Verlauf 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


95 


der  Höhencurven  auf  das  deutlichste  hervor.  Es  finden  sich  sehr 
häufig  auf  Entfernungen  von  200 — 300  Meter  Höhenunterschiede 
von  20 — 30  Meter.  Diese  unregelmässig  hügelige,  mit  kessel- 
förmigen Einsenkungen  ausgestattete  Oberfläche  ist  besonders 
charakteristisch  ausgebildet  nordwestlich  vom  Müncheberger  Bahn- 
hofe zu  beiden  Seiten  der  Chaussee,  in  der  unmittelbaren  Um- 
gebung von  Buckow  und  in  der  Pritzhagener  Forst,  die  aus  diesem 
Grunde,  namentlich  jedoch  wegen  ihrer  tiefen  Schluchten  im 
Volksmunde  den  Namen  »Märkische  Schweiz«  erhalten  hat.  Die 
Oberflächenformen,  welche  die  beigefügte,  nach  einer  Photographie 
hergestellte  Skizze  (Fig.  1)  der  Gegend  zwischen  dem  Griepen-See 


Fig.  1. 


Sandige  Hügellandschaft  zwischen  dem  Griepen-See  und  der  Südgrenze  der 
Pritzhagener  Forst  bei  Buckow.  (Nach  einer  vom  Verfasser  aufgenommenen 
Photographie  von  Herrn  W.  Pütz  gezeichnet.) 

und  der  Südgrenze  der  Pritzhagener  Forst  bei  Buckow  veranschau- 
licht, erinnern  oft  lebhaft  an  diejenigen  der  stark  coupirten,  jedoch 
von  Oberem  Geschiebemergel  bedeckten  Grundmoränenlandschaft, 
wie  sie  im  Anschluss  an  die  Endmoränenzüge  des  baltischen 
Höhenrückens  vorkommt.  Ebenso  liegt  der  Gedanke  an  Kames- 
artige  Bildungen  sehr  nahe,  doch  sind  die  Grandkuppen,  wie  wir 
bald  sehen  werden,  auch  nicht  als  Aufschüttungsformen  aufzu- 
fassen. Die  Entstehung  des  hügeligen  Geländes  der  Umgebung 
von  Buckow  ist  eine  wesentlich  andere. 

E.  Zache  x)  hat  bereits  darauf  hingewiesen,  dass  es  sich  hier 
um  eine  sandige  »Abschmelzzone«  handelt,  die  sich  beim  Zurück- 

*)  E.  Zache,  Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  diluvialen  Moräne 
in  den  Ländern  Teltow  und  Barnim- Lebus  (Zeitschr.  f.  die  ges.  Naturwiss. 
Bd.  LXIII,  1890,  S.  35). 


96 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


weichen  der  Inlandeisdecke  am  Schluss  der  letzten  Glacialepoche 
ausbildete.  Die  von  ihm  auf  dem  beigegebenen  Kärtchen  ver- 
suchte Abgrenzung  der  » unveränderten  Moräne « , worunter  er 
einen  nicht  ausgeschlämmten  Oberen  Geschiebemergel  versteht,  halte 
ich  jedoch  zum  grossen  Theil  für  ganz  unzutreffend,  da  nach  meinen 
Untersuchungen  die  Ausbildungsweise  der  Geschiebemergelflächen 
und  ihrer  flachwelligen  Oberflächenformen  bei  Hasenholz  und  über- 
haupt innerhalb  des  Barnimplateaus,  z.  B.  in  der  Gegend  von 
Alt-Landsberg  und  Werneuchen,  die  nach  Zache’s  Angabe  eben- 
falls in  die  Zone  der  veränderten  Moräne  hineinfällt,  genau  die- 
selbe ist,  wie  bei  Pritzhagen,  Reichenberg,  Ihlow  und  Batzlow, 
in  deren  Umgebung  nach  ihm  die  »unveränderte  Moräne«  mit 
dem  Charakter  der  »Moränenlandschaft«  vorhanden  sein  soll.  Da- 
gegen habe  ich  durch  die  geologische  Untersuchung  und  Kartirung 
des  Blattes  Müncheberg  den  Nachweis  führen  können,  dass  die  in 
der  Südosthälfte  vorhandene,  eigenthiimlich  hügelige  Oberflächen- 
beschaffenheit in  der  That,  wie  auch  Zache  erkannt  hat,  als  eine 
Folge  der  Erosion  anzusehen  ist,  welche  durch  die  Schmelz- 
wasser des  Inlandeises  bewirkt  wurde.  Die  westlich  vom  Rothen 
Luch  und  dem  Scliermützel-See  gelegene  Platte  des  Oberen  Ge- 
schiebemergels schneidet  hier  annähernd  mit  der  80  Meter-Curve 
ab,  während  der  Untere  geschichtete  Diluvialsand  überall  darunter 
hervortritt  und  den  eigentlichen  Abhang  bis  zur  Niederung  bildet. 
Wir  haben  es  hier  offenbar  mit  einem  Erosionsrande  zu  thuu. 
Auch  das  östlich  von  dem  Rinnenzuge  sich  ausdehnende  Hügel- 
land und  die  Pritzhagener  Forst J)  besteht  zum  grössten  Theile 
aus  Unterem  Diluvialsande,  der  gewöhnlich  von  einer  0,5  bis 
1 Meter  mächtigen,  an  grösseren  Geschieben  reichen  Schicht  von 
Oberem  Geschiebesande  bedeckt  ist.  Die  aus  Sand  und  Grand 
bestehenden  Kuppen  östlich  vom  Rothen  Luch  und  dem  Scher- 


‘)  Auch  hier  ist  wieder  eine  Ungenauigkeit  Zache’s  zu  berichtigen,  welcher 
die  Pritzhagener  Forst  vom  Oberen  Geschiebemergel,  der  sich  sogar  in  die 
tiefen  Schluchten  hinabziehen  soll,  bedeckt  glaubt  (1.  c.  S.  17).  In  der  Silber- 
kehle ist  Oberer  Geschiebemergel  an  einigen  Punkten  allerdings  bis  ziemlich  tief 
hinab  an  den  Seiten  der  Schlucht  zu  beobachten,  doch  sind  dies  von  oben  her 
abgerutschte  Partien. 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow.  97 

mützel-See  sind  nicht  Aufpressungen  und  Zusammenschiebungen 
des  Untergrundes,  wie  die  vielfach  in  der  Grundmoränenlandschaft 
vorkommenden,  welche  durch  die  Aufrichtung  der  Schichten  ihre 
Entstehung  erkennen  lassen,  vielmehr  ist  in  allen  Grubenauf- 
schlüssen der  Umgebung  von  Buckow  der  die  Hügel  bildende 
Untere  Diluvialsand  vollkommen  horizontal  gelagert  und 
die  Schichten  werden,  wo  nicht  nachträgliche  Rutschungen  und 
Abwaschungen  an  den  Seiten  stattgefunden  haben,  von  der 
äusseren  Begrenzungsfläche  der  Erhebungen  scharf  abgeschnitten. 
Diese  Verhältnisse  lassen  sich  namentlich  an  folgenden  Punkten 
deutlich  beobachten:  in  den  Gruben  der  aus  dem  Torfbruch  auf- 
ragenden Sandkuppe  zwischen  dem  Abendroth-  und  Schwarzen 
See;  in  dem  Aufschlüsse,  welcher  am  Südeingange  der  Stadt 
Buckow  westlich  von  der  Strasse,  der  Vordermühle  gegenüber, 
gelegen  ist ; in  der  Grube  nördlich  der  am  Ostufer  des  Schermützel- 
Sees  gelegenen  Villa  zwischen  diesem  und  dem  Buckow-See;  in 
der  grossen  Sandgrube  am  Nordabhange  des  nach  W.  zu 
ausserordentlich  steil  abgeböscbten  Luisenberges  bei  Buckow;  in 
dem  Aufschluss,  welcher  südlich  vom  Sophien-Fliess  am  Nordost- 
gehänge des  Schermützel-Sees  unmittelbar  an  der  Chaussee  gelegen 
ist  und  ferner  in  einer  Grube  südlich  der  von  Boilersdorf  nach 
Reichenberg  führenden  Chaussee.  In  dem  letztgenannten,  östlich 
von  dem  Nordende  des  Poetensteiges  befindlichen  Aufschlüsse 
sieht  man  an  einer  5 Meter  hohen  Steilwand  nordischen  Sand  und 
Grand  mit  discordauter  Parallelstructur,  jedoch  im  Uebrigen  in 
völlig  horizontaler  Wechsellagerung.  Die  Deckschicht  wird 
dort  von  einer  lehmig-grandigen  Bank  Oberen  Sandes  gebildet, 
welche  vereinzelte  grössere  Blöcke  enthält.  In  der  grossen  Sand- 
grube am  Nordostgehänge  des  Schermützel-Sees  ist  im  Niveau 
der  Chaussee  ein  Lager  von  grösseren  Geschieben  aufgeschlossen. 
Dasselbe  ist  als  ein  Ueberbleibsel  des  von  Gletscherflüssen  denu- 
dirten  Unteren  Geschiebemergels  anzusehen,  welcher  etwa  300  Meter 
südlich  bei  der  Herstellung  der  Pflanzlöcher  für  die  Chaussee- 
bäume noch  angetroffen  wurde  und  auch  nördlich  von  der  Chaussee, 
westlich  vom  Südende  des  Poetensteiges,  durch  einen  Wegein- 
schnitt aufgeschlossen  ist.  Er  ist,  wie  die  Karte  (Taf.  IX)  zeigt, 

7 


Jahrbuch  1893. 


§g  F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältmsse 

auch  sonst  in  der  Umgebung  des  Scliermützel  - Sees  und  nament- 
lich in  den  tiefen  Einschnitten  der  Pritzhagener  Forst  mehrfach 
nachgewiesen  worden. 

Dass  der  Obere  Geschiebemergel  auch  in  der  jetzt  zum 
grössten  Theil  von  Sand  bedeckten  Südosthälfte  des  Blattes  Münche- 
berg ursprünglich  eine  grössere  Ausdehnung  besessen  hat 
und  erst  nachträglich  durch  die  Schmelzwasser  des  Inlandeises 
weggewaschen  wurde,  geht  aus  dem  Umstande  hervor,  dass  auf 
den  rings  von  Sand  umgebenen  Kuppen  sich  mehrfach  mützen- 
förmige  Decken  von  Geschiebemergel  oder  Geschiebelehm  er- 
halten haben.  So  sind  beispielsweise  drei  Kuppen  nördlich  vom 
Griepensee  von  Geschiebemergel  bedeckt;  er  findet  sich  auf  dem 
langgezogenen  Sandrücken  nördlich  vom  Grossen  Däber-See  und 
in  vielen  einzelnen  kleinen  Partien  an  der  Grenze  der  Sievers- 
dorfer  Heide  westlich  von  Dahmsdorf  (vergl.  die  Karte  Taf.  IX). 
Hieran  schliessen  sich  die  etwas  grösseren  Geschiebemergelflächen 
in  der  Umgebung  von  Dahmsdorf,  Münchehofe  und  Müncheberg, 
welche  namentlich  an  der  Ostbahn  sehr  zerstückt  sind.  Ihre 
mittlere  Höhe  über  Normal-Null  beträgt  70 — 80  Meter  und  sie 
entsprechen  daher  der  von  Geschiebemergel  bedeckten  Hochfläche 
westlich  vom  Schermützel-See.  Die  dünne  Schicht  des  Oberen 
Geschiebesandes,  welche  sich  häufig  nur  auf  eine  oberflächliche 
Blockbestreuung  beschränkt,  ist  sicher  in  vielen  Fällen  als  das 
Residuum  des  vielleicht  nur  wenig  mächtig  gewesenen  und  aus- 
geschlämmten Oberen  Geschiebemergels  anzusehen.  Nur  so  er- 
klärt sich  das  Vorkommen  der  grossen  Blöcke  gerade  auf  den 
höchsten  Punkten  innerhalb  der  Pritzhagener  Forst.  Auch  finden 
sich  in  derselben,  wie  ebenfalls  aus  der  Karte  ersichtlich,  bei  den 
Wachtelbergen  und  dem  Drachenberge  drei  kleinere  Vorkommen 
von  Oberem  Geschiebemergel  beziehungsweise  Geschiebelehm,  die 
neben  den  Blöcken  den  Beweis  für  das  frühere  Vorhandensein  der 
oberen  Grundmoräne  erbringen.  Hier  unmittelbar  am  Rande  der 
sich  nördlich  anschliessenden  Geschiebemergelhochfläche  finden 
sich  die  bedeutendsten  Erhebungen  innerhalb  der  ganzen  Gegend. 
Zu  diesen  gehören  der  Grosse  Wesenberg  (95,1  Meter),  der 
Wachtelberg  (110,7  Meter),  der  Krugberg  ( 129,8  Meter),  der 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


99 


Drachenberg  (117,5  Meter),  die  Jena’s  Höhe  (111,7  Meter),  die 
Friedrich- Wilhelms-Höhe  (113,6  Meter),  der  Dornberg  (86,8  Meter), 
und  der  Silberberg  (90,1  Meter),  ferner  westlich  der  Bollersdorfer 
Feldmark  in  der  Nordostecke  von  Blatt  Strausberg  die  Schwarzen 
Berge  (111,1  Meter),  und  die  drei  Hubenberge  ( 1 16,6  Meter). 
Da  in  der  Pritzhagener  Forst,  wie  die  Karte  zeigt,  tertiäre  Ab- 
lagerungen mehrfach  an  die  Oberfläche  treten  und  zum  Theil 
zweifellos  den  inneren  Kern  der  Erhebungen  bilden,  so  erklären 
sich  diese  Aufragungen  wohl  am  besten  als  Aufpressungen  am 
Rande  des  vorrückenden  Inlandeises,  welche  von  dem 
Schmelzwasser  desselben  überströmt  und  durchfurcht  wurden. 
Einige  der  steilwandigen , mit  abbrüchigen  Gehängen  versehenen 
Schluchten  jedoch,  wie  die  Silberkehle,  die  Wolfsschlucht,  die 
Drachenkehle  und  der  am  Westrande  des  Schermützel-Sees  befind- 
liche Lange  Grund  und  die  Grenzkehle  sind,  wenn  auch  bereits 
in  der  Abschmelzperiode  entstanden,  wahrscheinlich  erst  in  jüngerer 
Zeit  durch  Regengüsse  und  Schneeschmelzen  bedeutend  vertieft 
worden. 

Was  die  Entstehung  der  von  Seen  und  Rinnen  durchsetzten 
hügeligen  Abschmelzzone  betrifft,  so  muss  man  annehmen,  dass 
sehr  stark  strömende,  vielfach  vom  Eisrande  unmittelbar  herab- 
stürzende Gletscherflüsse  in  dieses  Gebiet  einbrachen  und  dasselbe 
in  den  verschiedensten  Richtungen  durchschnitten,  wobei  durch 
Strudelbildung  in  den  losen  Ablagerungen  tiefe  Becken  ausgekolkt 
wurden,  die  jetzt  zum  Theil  als  Seen  und  Torflöcher  hervor- 
treten. 

Die  Wassermassen  fanden  in  südwestlicher  Richtung  ihren 
Ablauf  und  gruben  in  dem  sandigen  Gebiete  das  tiefe  1 Kilo- 
meter breite  Thal  des  Rothen  Luches  aus,  welches  in  geographi- 
scher Hinsicht  in  sofern  eine  Bedeutung  hat,  als  seine  Niederungen 
eine  natürliche  Verbindung  zwischen  Elbe  und  Oder  herstellen. 
Eine  ganz  entsprechende,  jedoch  bedeutend  ebenflächiger  als 
die  Buckower  entwickelte,  sandige  Abschmelzzone  durchzieht  die 
Barnimhochfläche  in  ebenfalls  nordostsüdwestlicher  Richtung  in 
der  Umgebung  von  Strausberg.  Sie  hat  hier  zum  Theil  eine 
Breite  von  8 — 10  Kilometern  und  enthält  verschiedene  lang- 


7* 


100 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältniss 


gestreckte,  z.  Th.  rinnenförmige  Seen,  wie  den  Kessel-See,  Fänger- 
See,  Bötz-See,  Strauss-See,  Herrn-See  und  den  grossen  und  kleinen 
Stienitz-See. 

Ein  ganz  besonderes  Interesse  bietet  die  Gegend  von  Buckow 
durch  die  dort  auftretenden  und  zum  Theil  vortrefflich  aufge- 
schlossenen Tertiärablagerungen  dar.  Dieselben  sind  in  der 
älteren  Litteratur  mehrfach  erwähnt1),  besonders  eingehend  je- 
doch von  Plettner  und  Küsel  untersucht  und  beschrieben 
worden.  So  werthvoll  auch  die  Beobachtungen  derselben  sind, 
so  erweisen  sie  sich  doch  hinsichtlich  der  Darstellung  der  Diluvial- 
ablagerungen, wie  dies  zu  jener  Zeit  gar  nicht  anders  sein  konnte, 
vielfach  als  unsicher  und  lückenhaft.  Erst  durch  die  geolo- 
logische  Specialaufnahme  dieses  Gebietes  ist  es  möglich  geworden, 
die  Lagerungsstörungen  des  Tertiärs  in  ihrem  Zusammenhänge 
mit  den  Quartärbildungen  zu  erklären. 

Ein  vortrefflicher  Aufschluss  findet  sich  südlich  vom  Scher- 
mützel-See  unmittelbar  am  Fusse  des  erodirten  sandigen  Ost- 
abhanges der  Hasenholzer  Hochfläche.  Es  ist  dies  die  zur  Buckower 
Ziegelei  gehörige  Thongrube,  in  welcher  der  mitteloligocäu e 
Septarienthon  abgebaut  wird.  Dieser  Aufschluss  ist  zuerst  von 
Plettner2)  beschrieben  worden,  doch  konnte  er  wegen  der  un- 
genügenden Entblössungen  das  Lagerungsverhältniss  des  Glimmer- 
sandes zum  Septarienthon  nicht  ermitteln.  Sodann  hat  Küsel3) 
die  in  der  Buckower  Thongrube  aufgeschlossenen  Tertiärschichten 
eingehend  untersucht  und  ihre  Lagerungsverhältnisse  durch  ein 
Profil  zur  Anschauung  gebracht.  Eine  Ergänzung  hierzu  bilden 

*)  vergl.  z.  B.  Klöden,  Beiträge  zur  geognostischen  Beschaffenheit  der 
Mark  Brandenburg.  (Programm  der  Gewerbeschule  Berlin  1829.  Zweites 
Stück  S.  24.) 

2)  Plettner,  Die  Braunkohlenformation  in  der  Mark  Brandenburg  (Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  IV,  1852,  S.  403  ff.) 

3)  R.  Küsel,  Die  Gegend  von  Buckow  und  das  Diluvium  von  Schlagenthin. 
(Jahresber.  über  die  Stralauer  höhere  Bürgerschule  1868.)  — Die  Tertiärschichten 
über  dem  Septarienthon  bei  Buckow.  (Zeitschr.  f.  die  ges.  Naturwiss.  35, 
S.  208 — 212.  Berlin  1870.)  — Die  oberen  Schichten  des  Mitteloligocäns  bei 
Buckow.  (Jahresb.  über  die  Andreasschule.  Berlin  1870.)  — Ueber  das  Mittol- 
oligocän  bei  Buckow.  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXIII,  1871,  S.  659.)  — 
Ueber  Kalkschichten  im  Buckower  Septarienthon  (Ibid.  XXIV,  1872,  S.  659.) 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


101 


die  von  E.  Zimmermann1)  im  Jahre  1883  gegebenen  Mittheilungen. 
Seit  dieser  Zeit  ist  der  Abbau  des  Septarienthones  bedeutend 
fortgeschritten.  Hierdurch,  sowie  durch  ganz  frische  Abgrabungen 
in  dem  zu  der  eigentlichen  Grube  führenden  Hohlwege  und  durch 
die  sehr  sorgfältig  ausgeführte  Abdeckung  der  hangenden  Schichten 
des  Septarienthones  war  mir  im  Sommer  1892  die  Möglichkeit 
geboten,  ein  klares  Bild  über  die  gesammte  Schichtenfolge  des 
Tertiärs,  sowie  über  ihr  Verhältnis  zu  den  sie  überlagernden  Di- 
luvialablagerungen zu  erhalten.  Der  beigefügte,  nach  einer  Photo- 
graphie hergestellte  Lichtdruck  (Taf.  VI)  gewährt  einen  vollstän- 
digen Ueberblick  über  den  Aufschluss,  doch  zeigen  die  Gruben- 
wände nirgends  ein  normales,  die  Fallebene  der  Schichten  senk- 
recht durchschneidendes  Profil,  da  die  Schichten  hier  nach  NO. 
einfallen  und  die  durch  die  Buchstaben  de  bezeichnete  nördliche 
Grubenwand  sich  nahezu  von  O.  nach  W.  erstreckt.  Die  Schichten  an 
der  Nordwand  des  44  Meter  langen,  sich  von  OSO.  nach  WNW.  er- 
streckenden Hohlweges  waren  zur  Zeit  der  photographischen  Auf- 
nahme leider  mit  Abrutschmassen  bedeckt,  so  dass  sie  auf  der 
Tafel  nicht  zum  Ausdruck  gekommen  sind.  Ich  habe  die  Schichten 
sowohl  hier,  als  auch  an  der  gegenüberliegenden  Südwand  des 
Hohlweges  nach  erfolgter  Abgrabung  beobachten  können. 

Unmittelbar  am  östlichen  Eingänge  in  den  Hohlweg  war  auf 
eine  Länge  von  10  Metern  eine  Bank  von  Geschiebemergel  ent- 
blösst,  die  sich  an  dem  Abhange  hinaufzieht  und  die  Schichten- 
köpfe des  ganzen  tertiären  Schichtensystems  scharf  abschneidet. 

Diese  Erscheinung  tritt  an  der  nördlichen  Grubenwand  auf 
den  Taf.  VI  und  VII,  auf  denen  der  Geschiebemergel  mit  d be- 
zeichnet worden  ist,  sehr  deutlich  hervor.  Er  hat  hier  eine  mitt- 
lere Mächtigkeit  von  3 Metern,  besitzt  eine  bräunliche  Farbe  und 
ist  sehr  fest  und  hart.  Weiter  nach  W.  zu  liegt  er  unmittelbar 
auf  dem  Septarienthon  und  keilt  sich  etwa  an  der  Stelle,  wo  in 
der  Abbildung  auf  der  Oberfläche  des  Septarienthones  (a)  die  drei 
grossen  Geschiebe  liegen,  in  einer  scharfen  Spitze  aus.  Dass 
dieser  Geschiebemergel  sehr  starkem  Druck  ausgesetzt  gewesen 


')  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXXV,  1883,  S.  628—630. 


102 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


ist,  geht  aus  dem  Umstande  hervor,  dass  derselbe,  wie  man  am 
Eingang  in  den  Hohlweg  sehen  kann,  in  kleine  fünf-  oder  sechs- 
seitige Säulen  stenglig  zerklüftet,  die  der  äusseren  Form  nach 
ganz  wie  Basaltsäulen  aussehen.  Während  Zimmermann1)  die 
Altersstellung  des  Geschiebemergels  unentschieden  gelassen  hat, 
schreibt  Zache2):  »Am  Südrande  des  Schermützel-Sees  baut  eine 
Ziegelei  Septarienthon  ab,  über  welchem  auch  der  Obere  Ge- 
schiebelehm lagert«.  Dass  man  es  hier  mit  Unterem  Ge- 
schiebemergel zu  thun  hat,  kann  meiner  Ansicht  nach  gar 
keinem  Zweifel  unterliegen.  Derselbe  wird,  wie  man  an  der  nörd- 
lichen Grubenwand  deutlich  sieht,  von  horizontal  geschichtetem 
Unterem  Diluvialsande  (Taf.  VI  u.  VII,  Schicht  e)  überlagert, 
der  hier  eine  durchschnittliche  Mächtigkeit  von  3 Metern  besitzt. 
Es  ist  dies  derselbe  Sand,  welcher  sich  nach  W.  zu  regel- 
mässig fortsetzt  und  das  Liegende  des  Oberen  Geschiebemergels 
auf  der  Hasenholzer  Hochfläche  bildet.  Das  Niveau  desselben 
entspricht  demnach  demjenigen  des  Rixdorfer  Sandes  mit  seiner 
diluvialen  Säugethierfauna. 

Schreitet  man  in  dem  zur  Grube  führenden  Hohlwege  von 
O.  nach  W.  vor,  so  erscheinen  zunächst  unter  dem  Unteren  Ge- 
schiebemergel feine  weisse  Glimmersande  (Taf.  VI C),  die  sehr 
deutlich  geschichtet  sind  und  mehrfach  von  schmalen,  parallel  mit 
der  Schichtfläche  verlaufenden  eisenschüssigen  Bändern  durchsetzt 
werden.  Von  der  Thoneisensteinbank,  welche  nach  Küsel  den 
Glimmersand  von  dem  Geschiebemergel  trennt,  habe  ich  nur 
an  einer  Stelle  einen  etwa  ^ Centimeter  mächtigen  Rest  auffinden 
können,  sodass  dieselbe  eine  locale  Bildung  zu  sein  scheint. 
Misst  man  die  Länge,  in  welcher  die  unter  20  — 25°  nach  NO. 
einfallenden  Schichten  von  der  fast  horizontalen  Sohlfläche  des 
von  OSO.  nach  WNW.  sich  erstreckenden  Hohlweges  durch- 
schnitten werden,  so  erhält  man  21  Meter,  woraus  sich  eine 
mittlere  Mächtigkeit  der  ganzen  Ablagerung  von  8 — 9 Metern 
ergiebt.  In  völlig  gleicher  Ausbildung  findet  sich  der  Glimmer- 
sand innerhalb  des  Blattes  Müncheberg  in  der  Silberkehle  nördlich 

*)  1.  c.  S.  630. 

3)  1.  c.  S:  30. 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


103 


vom  grossen  Tornow-See,  in  einer  nordwestlich  von  dem  Nordende 
dieser  Schlucht  sich  erhebenden  Kuppe  und  in  der  noch  näher 
zu  besprechenden  Grube  der  neuen  Ziegelei  an  der  Boilersdorf- 
Reichenberger  Chaussee.  In  der  Silberkehle  sieht  man,  wie  auch 
Plettner  (1.  c.  S.  407)  bereits  erwähnt,  im  mittleren  Theile  der 
Schlucht  braunschwarze  Letten  und  graue,  braungestreifte  Form- 
sande mit  südöstlichem  Einfallen  unter  dem  steil  aufgerichteten 
Glimmersande  zu  Tage  treten.  Es  scheint  demnach  hier  ein  nach 
NO.  überkippter  Sattel  vorzuliegen,  wodurch  die  der  Braunkohlen- 
formation angehörigen  Letten  und  Formsande  scheinbar  zum 
Liegenden  des  Glimmer sandes  geworden  sind. 

Obwohl  an  allen  diesen  Punkten  keine  Petrefacten  aufgefunden 
worden  sind,  so  glaube  ich  doch,  dass  man  aus  den  Lagerungs- 
verhältnissen und  aus  der  petrographischen  Beschaffenheit  folgern 
kann,  dass  derselbe,  wie  dies  auch  schon  G.  Berendt1)  aus- 
gesprochen, der  von  ihm  in  der  Mark  nachgewiesenen  Etage 
des  oberoligocänen  Meeressandes  angehört.  Unter  dem 
Glimmersande  folgt  in  dem  Hohlwege  eine  den  Septarienthon 
unmittelbar  überlagernde  Folge  von  glaukonitischen  Schichten, 
die  zuerst  durch  A.  v.  Koenen2)  mit  den  Stettiner  Sanden 
in  Parallele  gestellt  worden  sind.  Sie  bilden  hier  die  hängendsten 
Schichten  des  Mitteloligocäns  und  sind  auch  von  KüSEL,  der  sie 
s,ehr  eingehend  untersucht  und  beschrieben  hat,  zum  Stettiner 
Sand  gerechnet  worden.  Diese  Schichten  Hessen  sich  sowohl  an 
der  Südwand  des  Hohlweges,  als  auch  im  Ausstrich  in  dem  öst- 
lichen Theile  der  Grube  beobachten,  wo  sie  auf  den  Tafeln  VI 
und  VII  mit  b bezeichnet  worden  sind  und  ein  Einfallen  von 
25  — 30°  nach  NO.  zeigen. 

Die  von  mir  vom  Hangenden  nach  dem  Liegenden  zu  be- 
obachtete Schichtenfolge  zeigt  folgende  petrographische  Unter- 
schiede : 


G.  Berendt,  Die  bisherigen  Aufschlüsse  des  märkisch  - pommerschen 
Tertiärs  u.  s.  w.  (Abh.  z.  geol.  Specialkarte  von  Preussen  u.  s.  w.  Bd.  VH,  H.  2, 
S.  19  — 22  u.  38). 

2)  A.  v.  Koenen,  Die  Fauna  der  unteroligocänen  Tertiärschichten  von  Helm- 
städt  bei  Braunschweig.  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XVII,  1865,  S,  462). 


104 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


Dunkle,  grünlichblaue,  thonige  Schicht  75  Centimeter 

Glaukonitsand 48  » 

Chokoladenfarbige,  thonige  Schicht  . 10  » 

Gelber  Sand 50  » 

Eisenstreifiger  Sand 10  » 


Thoneisensteinbank 

Glaukonitischer  Sand 

Gelber  Sand 

Thoneisensteinbank 

Feiner  graüweisser  oder  graugelber 

Sand 

Dünne  Thoneisensteinbank  . . . 

Grober  Sand 

Gelber,  brauner,  feiner,  glimmer- 
reicher Sand  ....... 

Grober  Glaukonitsand 

Schalige  Thoneisensteinbank  . . 

Gesammt-Mächtigkeit  8,1 1 Meter. 

Von  Petrefacten,  welche  im  Stettiner  Sande,  namentlich  in 
der  den  Septarienthon  unmittelbar  bedeckenden  schaligen  Thon- 
eisensteinbank gefunden  worden  sind,  erwähnt  KÜSEL  folgende: 
Fusus  oder  Pleurotoma , 

Natica , 

Dentalium  Kicksii  Nyst, 

Pectunculus  (vielleicht  Philippsii ), 

Cardium  cingulatum  Goldf., 

Cyprina  rotundata  Braun, 

Pecten  pictus  Goldf.  (aus  dem  oberen  Thoneisensteinlager), 
Einzelne  unbestimmbare  Pelecypoden, 

Eine  Koralle. 

Nach  A.  Y.  Koenen1)  kommen  hier  ausserdem  Pecten  bifidus 
Goldf.  und  Fischzähne  vor,  während  die  übrigen  Bivalven-Reste 
meist  nur  undeutliche  Abdrücke  bilden.  An  dem  westlichen 


*)  A.  v.  Koenen,  Das  marine  Mittel  - Oligocän  Norddeutschlands  und  seine 
Mollusken-Fanna.  (Palaeontographica  XVI,  S.  60). 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow.  105 

Theile  difr-  Grubenwand  und  in  einem  3 — 4 Meter  tiefen  Schürfe, 
der  sich  an  den  westlichen  Rand  der  Grube  anschliesst,  sieht 
man  den  glaukonitischen  Sand  nochmals  aufgeschlossen.  Er  wird 
dort  unmittelbar  vom  Unteren  Diluvialsande  (e)  überlagert  und 
fällt  nach  NO.  ein. 

Das  Liegende  des  Stettiner  Sandes  bildet  der  Septarien- 
thon,  der  im  westlichen  Theile  der  Grube  in  18  Meter  hohen 
Wänden  aufgeschlossen  ist.  (Taf.  VI  u.  VII  a.)  Er  besitzt  eine 
bläuliche  bis  schwarzgraue  Farbe,  ist  im  feuchten  Zustande  sehr 
fett  und  plastisch  und  zerfällt  beim  Trocknen  in  kleine  scharf- 
kantige Brocken.  Er  enthält  Einlagerungen  von  Gyps  in  einzelnen 
Krystallen  und  Krystalldrusen  und  ausserdem  Pyrit  in  Knollen. 
Septarien,  welche  beispielsweise  in  der  Thongrube  von  Hermsdorf 
nördlich  Berlin  so  häufig  Vorkommen,  sind  bei  Buckow  ziemlich 
selten.  Nach  dem  A.  v.  KoENEN’schen  Verzeichniss  enthält  der 
Septarienthon  hier  folgende  Petrefacten : 

Mur  ex  Deshayesii  Ny  st, 

M.  Pauwelsii  de  Kon., 

Tritonium  flandricum  de  Kon., 

Cancellaria  evulsa  Sol., 

C.  granulata  Nyst, 

Pyrula  concinna  Beyr., 

Fusus  rotatus  Beyr., 

F.  Waelii  Nyst, 

F.  elongatus  Nyst, 

F.  elatior  Beyr., 

F.  multisulcatus  Nyst, 

Pisanella  semiplicata  Nyst, 

Conus  Semperi  Speyer, 

Pleurotuma  turbida  Sol., 

P.  Koninckii  Nyst, 

P.  laticlavia  Beyr., 

P.  Selysii  DE  Kon., 

P.  Duchastelii  Nyst, 

P.  regularis  de  Kon., 

P.  Volgeri  Phil., 


106 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerimgsverhältnisse 


P.  peracuta  v.  Koenen, 

P.  intorta  Broc., 

Borsonia  plicata  Beyr., 

B.  decussata  Beyr., 

Natica  Nysti  d’Orb., 

Cerithium  Sandbergeri  Desh., 

Scalaria  rudis  Phil., 

S.  undatella  v.  Koenen, 

S.  intumescens  v.  Koenen, 

Dentalium  Kicksii  Nyst, 

D.  seminudum  Desh., 

Pecten  permistus  Beyr., 

Nucula  Chastelii  Nyst, 

Leda  Deshayesiana  Duch., 

Cryptodon  unicarinatus  Nyst, 

Astarte  Kicksii  Nyst, 

Venericardia  tuberculata  Münst. 

Hierzu  kommen  nach  Küsel’s  Angabe  noch  hinzu: 

Thracia  Nysti  v.  Koenen, 

Tiphys  Schlotheimii  Beyr., 

Pleurotoma  Waterkeynii  Nyst., 

Ueberbleibsel  von  Fischen,  darunter  verschiedene  Arten 
von  Haifischzähnen,  auch  von  Carcharodon  megalodon 
Ag.,  sowie  Schuppen  und  Wirbel. 

Die  in  dem  Septarienthon  vorkommenden  Foraminiferen  haben 
nach  Küsel  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  den  von  Reuss  aus  dem 
Hermsdorfer  Vorkommen  beschriebenen.  Eine  erschöpfende  Be- 
arbeitung der  an  Formen  sehr  reichen  Buckower  Foraminiferen 
liegt  bis  jetzt  noch  nicht  vor. 

Was  nun  die  Lagerungsverhältnisse  der  bisher  beschriebenen 
Tertiärschichten  betrifft,  so  hat  zuerst  A.  v.  Koenen1)  die  nach- 
stehende wichtige  Mittheilung  veröffentlicht:  »Bei  der  fortschreiten- 
den Gewinnung  des  Thones  stiess  man  auf  der  Südseite  der 


*)  Palaeontographica  XVI,  1866,  S.  61. 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


107 


Grube  vor  ein  paar  Jahren  plötzlich  auf  feste  Braunkohle,  welche 
nur  einige  Zoll  mächtig,  sich  mit  ca.  60°  steif  heraushob  und 
vermuthlich  bis  nahe  zu  Tage  ausgeht.  Unter  der  Kohle  folgt 
ein  gelblichweisser  feiner  Glimmersand  von  unbekannter  Mächtig- 
keit. Wie  ich  von  den  Arbeitern  erfuhr,  war  mit  einem  Bohr- 
loche in  der  Mitte  der  Thongrube  bei  30  Fuss  Tiefe  der  Thon 
durchbohrt,  und  die  Kohle  resp.  der  Sand  angetroffen  worden.« 

Durch  das  weitere  Vorrücken  des  Abbaus  nach  W.  war 
im  Herbst  1892  die  Contactfläche  zwischen  dem  Septarienthon 
und  den  darunter  befindlichen  Braunkohlenschichten  auf  eine 
Länge  von  30  Metern  angeschnitten  worden.  Auf  Taf.  VIII  ist 
ein  Stück  dieses  westlichen  Stosses  der  Grube,  zur  Darstellung 
gebracht.  Der  eingesetzte  Maassstab  von  1 Meter  Länge  gewährt 
einen  Anhalt  über  die  Grössenverhältnisse.  Man  sieht  hier  an- 
nähernd in  der  Mittellinie  des  Bildes  unter  dem  oben  befindlichen 
Septarienthone  weisse  Qarzsande  und  ein  mit  ihnen  vollständig 
verdrücktes  kleines  Flötzchen  von  dunkler  erdiger  Braunkohle 
hervortreten.  Diese  Braunkohle  muss  einem  sehr  starken 
Drucke  ausgesetzt  gewesen  sein,  denn  man  beobachtet  häufig  an 
den  Ablösungsflächen  der  härteren  Stücke  stark  spiegelnde 
Harnische.  Von  besonderem  Interesse  war  hier  die  von  mir 
gemachte  Beobachtung,  dass  unmittelbar  in  der  Berührungszone 
des  Septarienthones  mit  den  Braunkohlenschichten  vereinzelte 
nordische  Geschiebe  vorhanden  sind.  Ich  fand  dort  Feuer- 
steine, Grünsteine,  Elfdalenporphyre,  Gneisse  und  Granite,  deren 
Grösse  sehr  verschieden  war.  Drei  kleinere  von  5 — 6 Centimeter 
Durchmesser  sind  auf  Taf.  VIII  durch  die  beigefügten  Zahlen 
1,  2,  3 kenntlich  gemacht.  Ein  grösseres  Geschiebe  von  einem 
halben  Meter  im  Durchmesser  fand  ich  an  einer  anderen  Stelle 
ebenfalls  noch  in  der  Grubenwand  festsitzend.  Es  war  dies  ein 
feinkörniger  rundlicher  Gneissblock,  der  in  der  Mitte  gespalten 
war  und  dessen  beide  dicht  auf  einander  liegende  Hälften  einige 
Centimeter  gegen  einander  verschoben  worden  waren.  Diese  Er- 
scheinung deutet  ebenso  wie  die  Harnischbildungen  an  den  Braun- 
kohlen auf  eine  starke  Quetschung  hin.  Insofern  ist  dieses  Ge- 
schiebe mit  den  zerbrochenen  und  wieder  verkitteten  sibirischen 


108 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


Kalkgeschieben  von  Schobüll  bei  Husum  7,u  vergleichen,  welche 
Meyn1)  beschrieben  hat  und  welche,  da  sie  sich  nach  Gottsche’s2) 
Mittheilung  nur  auf  der  Grenze  vom  Unteren  Geschiebemergel 
und  dem  dort  darunter  anstehenden,  rothen,  permischen  Gestein 
beschränken,  nach  seiner  Ansicht  durch  den  Druck  der  Eisdecke 
auf  ihre  Unterlage  resp.  gegen  das  ältere  anstehende  Gestein  zer- 
quetscht worden  sind. 

Alle  älteren  Versuche,  welche  darauf  hinausgingen,  die 
Störungen  der  Tertiärschichten  in  der  Buckower  Thon- 
grube zu  erklären,  beruhen  auf  der  irrthümlichen  Annahme,  dass 
die  Braunkohlenablagerungen,  welche  dort  das  Liegende  des 
mitteloligocänen  Septarienthones  bilden,  auch  ein  höheres  geolo- 
gisches Alter  als  dieser  besitzen  und  demnach  dem  Unteroligocän 
angehören  müssten.  Zu  diesem  Resultat  war  Plettner  durch 
seine  sorgfältigen  Untersuchungen  gelangt  und  hatte  dies  in  fol- 
genden Worten  ausgesprochen:  »Die  Braunkohlen  der  Mark  Bran- 
denburg sind  zunächst  älter  als  der  Septarienthon,  das  ist  die  einzige 
genaue  Bestimmung,  die  sich  über  das  Alter  derselben  geben  lässt«. 
(1.  c.  S.  228.)  Erst  nachdem  G.  Berendt3)  durch  die  Ergeb- 
nisse zahlreicher  Tiefbohrungen  und  neuerer  Grubenaufschlüsse 
den  wichtigen  Nachweis  geliefert  hatte,  dass  die  märkische 
Braunkohlenformation  über  dem  mitteloligocänen  Sep- 
tarienthone  und  dem  oberoligocänen  marinen  Glimmer- 
sande zur  Ablagerung  gelangt  und  demnach  zum  Miocän 
zu  rechnen  sei,  war  eine  richtige  Deutung  der  Lagerungsver- 
hältnisse in  der  Buckower  Septarienthongrube  möglich.  Diese 
hat  auch  Berendt  selbst  bereits  in  der  unten  angegebenen  zweiten 
Arbeit  (S.  20  u.  21)  gegeben.  Dort  heisst  es:  »Nach  Kenntniss 
der  durch  den  Bergbau  in  der  Gegend  von  Frankfurt  nunmehr 
festgestellten  und  im  vorigen  Abschnitte  dargelegten  Lagerungs- 

b L.  Meyn,  Geogn.  Beob.  in  Schleswig-Holstein,  1847,  S.  14  und  Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXIII,  1871,  S.  404. 

3)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXXIX,  1887,  S.  841  u.  842. 

3)  G.  Berendt,  Das  Tertiär  im  Bereiche  der  Mark  Brandenburg  (Sitzungsber. 
der  physik.  - math.  Classe  der  königl.  preuss.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin  1885, 
XXXVIII)  und  Die  bisherigen  Aufschlüsse  des  märkisch-pommerschen  Tertiärs 
u.  s.  w.  (Abh.  z.  geol.  Specialkarte  v.  Preussen  u.  s.  w.,  Bd.  VII,  H.  2). 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


109 


Verhältnisse  dürfte  es  aber  sofort  einleuchten,  dass  wir  es  hier  bei 
Buckow  nicht  nur,  ebenso  wie  bei  Freienwalde,  Hermsdorf, 
Joachimsthal,  mit  einem  aus  dem  Grunde  sattelartig  empor- 
gepressten Thonhügel  zu  thun  haben,  sondern  auch  mit  einem 
ganz  entsprechend  den  3 Sätteln  der  Gruben  bei  Frankfurt 
(Taf.  II)  überkippten,  gleichzeitig  als  Ueberschiebung  zu  denken- 
den Sattel.  Dieser  Sattel  ist  sogar  in  derselben  Richtung,  nämlich 
nach  S.,  übergekippt,  hat  die  ihn  auf  seinem  Nordflügel  in  der 
Grube  auch  jetzt  noch  überlagernden  Glaukonit-  und  Glimmer- 
sande, sowie  die  (als  die  oberste)  später  zerstörte  Braunkohlen- 
bildung gerade  an  der  Ueberkippungsstelle  durchbrochen  und 
noch  einen  3 zölligen  Besteg  von  Kohle  an  seinem,  auf  voraus- 
geschobenen Glimmersand  aufgeschobenen  widersinnigen  Siidflügel, 
seiner  Unterseite,  mitgeführt.« 

Dieser  BERENDT’schen  Erklärung,  der  ich  mich  in  jeder 
Hinsicht  anschliessen  kann,  möchte  ich  als  eine,  allerdings  un- 
wesentliche Berichtigung  hinzufügen,  dass  die  Schichten  in  der 
Buckower  Thongrube  sämmtlich  nach  NO.  einfallen  und  demnach 
eine  Ueberkippung  der  angenommenen  Falte  nach  SW.  statt- 
gefunden haben  muss.  Zugleich  mit  dieser  starken  Zusammen- 
schiebung und  Ueberkippung  der  Falte  muss  auch  eine  Zer- 
reissung  und  Verwerfung  eingetreten  sein,  sodass  die  auf- 
gerichteten Schichten  des  Nordostflügels  auf  den  abgesunkenen 
und  niedergepressten  Schichten  des  Südwestflügels  aufgeschoben 
werden  konnten.  Man  muss  annehmen,  dass  bei  Entstehung  der 
in  der  Sattellinie  auftretenden  Faltenzerreissung  die  Schichten  des 
Südwestflügels  au  der  Spalte  nach  abwärts  sanken  und  dabei  zu- 
gleich nach  abwärts  geschleppt  wurden. 

Das  an  dem  westlichen  Stoss  der  Grube  beobachtete  dünne 
Braunkohlenflötzchen  und  die  darunter  folgenden  Quarzsande 
scheinen  den  liegendsten  Partien  der  hier  bedeutend  erodirten 
und  am  Nordostflügel  gänzlich  verschwundenen  miocänen  Braun- 
kohlenformation anzugehören.  Darunter  soll  nach  A.  v.  Koenen 
feiner  Glimmersand  erbohrt  worden  sein,  den  wir  wohl  mit 
dem  Glimmersande  am  Eingänge  des  Hohlweges  parallelisiren 
und  zum  Oberoligocän  rechnen  dürfen.  Es  wäre  von  grossem 


110  F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerufi gsverhäl tniss’e 

Interesse,  wenn  hier  unter  den  Braunkohlenbildungen  durch  ein 
tieferes  Bohrloch  der  Stettiner  Saud  und  darunter  der  Septarien- 
thon  im  Liegenden  dieses  Glimmersandes  nachgewiesen  werden 
sollten. 

Es  bleibt  mir  noch  übrig,  einige  Bemerkungen  über  die 
Ursache  und  das  Alter  der  Schichtenstörungen  hinzuzufügen. 
G.  Berendt  hat  bereits  in  seiner  ersten  Schrift  über  »die 
märkisch  - pommersche  Braunkohlenformation  und  ihr  Alter  im 
Lichte  der  neueren  Tiefbohrungen J)  « die  Ansicht  ausgesprochen, 
dass  die  im  Liegenden  der  Glacialbildungen  zu  beobachtenden 
Störungen  des  Tertiärs  mit  Hülfe  der  Eistheorie  sich  verhältniss- 
mässig  leicht  erklären  Hessen,  während  die  Spuren  der  gross- 
artigen Zerstörung  des  Braunkohlengebirges  sich  deutlich  in  dem 
Hauptmaterial  aller  tieferen  Schichten  des  Diluviums  wieder- 
fänden. Auch  bei  dem  Nachweis  der  nach  S.  überkippten  Sattel- 
und Muldenbildungen,  Störungen,  welche  in  der  Frankfurter 
Gegend  die  märkische  Braunkohlenformation,  den  oberoligocäneu 
Meeressand  und  den  Stettiner  Sand  und  Septarienthon  des  Mittel- 
oligocäns  betroffen  haben* 2),  glaubte  Berendt  diese  Erscheinungen 
auf  die  einstmalige  nach  S.  gerichtete  Bewegung  des  skandinavi- 
schen Eises  zurückführen  zu  dürfen.  Dieselbe  Erscheinung  gilt 
nach  ihm  auch  für  die  überkippten  Sättel  und  Mulden  des 
Tertiärs  bei  Falkenberg  und  Freienwalde  a.  0. 3),  Verhältnisse, 
die  von  ihm  in  dem  Profil  Fig.  4 veranschaulicht  worden  sind. 
Auch  für  die  Störungen  in  der  Buckower  Thongrube  möchte  ich 
eine  gleiche  Entstehungsursache  annehmen.  Dass  dieselben  nicht 
praeglacial  sein  können,  beweist  das  Vorkommen  von  nordischem 
Material  zwischen  dem  Septarienthon  und  den  Braunkohlen- 
bildungen; es  muss  demnach,  als  die  Ueberschiebung  stattfand, 
eine  Bedeckung  der  letzteren  mit  glacialem  Schuttmaterial  schon 
vorhanden  gewesen  sein.  Nach  meiner  Ansicht  fand  die  Empor- 
pressung und  Faltung  der  tertiären  Ablagerungen  in  dem  Rand- 

*)  Dieses  Jahrb.  für  1883,  Berlin  1884,  S.  651. 

2)  Die  bisherigen  Aufschlüsse  des  märkisch-pommerschen  Tertiärs  u.  s.  w. 

3)  Das  Tertiär  bei  Falkenberg  und  Freienwalde  a.  0.  (Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  XLIV,  1892,  S.  339  u.  340). 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


111 


gebiete  des  hier  von  NO.  nach  SW.  vorrückenden  Inlandeises 
statt  und  zwar  gleichzeitig  mit  dem  Absatz  des  dem  Gehänge 
angelagerten  und  an  demselben  emporgepressten  Unteren  Ge- 
schiebemergels. Da  letzterer  von  dem  im  Liegenden  des  Oberen 
Geschiebemergels  auftretenden  Diluvialsande  horizontal  abgeschnitten 
wird  und  dieser  Sand,  soweit  sich  dies  an  der  Nordwand  der 
Grube  (siehe  Taf.  VI  e)  beobachten  liess,  keinerlei  Störungen  zeigt, 
so  muss  die  Faltung  und  Ueberschiebung  der  Tertiär- 
schichten während  der  ersten  Glacialepoche  erfolgt  sein. 
Küsel1)  hat.  allerdings  auf  dem  von  ihm  gezeichneten  Profil  stark 
gefaltetes  Diluvium  ohne  nähere  Bezeichnung  der  Beschaffenheit 
im  westlichen  Theile  der  Grube  über  dem  Grünsand  angegeben, 
doch  haben  diese  Falten  des  unteren  Diluvialsandes,  um  den  es 
sich  wahrscheinlich  handelt,  meiner  Auffassung  nach  nichts  mit 
den  Störungen  des  Tertiärs  zu  thun  und  sind  vielleicht  bei  der 
Ablagerung  des  hier  in  der  Abschmelzperiode  völlig  erodirten 
Oberen  Geschiebemergels,  also  beim  zweiten  Vorrücken  des 
Inlandeises  entstanden.  Auch  scheinen  es  nur  ganz  locale  Auf- 
sattelungen gewesen  zu  sein,  da  sie  jetzt  nicht  mehr  zu  beob- 
achten sind. 

Gleichzeitig  mit  den  Tertiär-Schichten  in  der  Buckower  Thon- 
grube scheinen  die  unmittelbar  an  der  Buckower  Chaussee  süd- 
lich von  dem  nach  der  Ziegelei  führenden  Wege  zu  Tage  treten- 
den diluvialen  Mergelsande  in  ihrer  Lagerung  gestört  worden 
zu  sein.  Diese  sehr  fein  und  regelmässig  geschichteten  Mergel- 
sande zeigen  ebenso  wie  die  Tertiärschichten  ein  Einfallen  nach 
NO.  und  zwar  unter  17°. 

Auch  die  Störungen  der  vielfach  in  der  Buckower  Gegend 
in  natürlichen  Einschnitten,  sowie  durch  Gruben  aufgeschlossenen 
märkischen  Braunkohlenformation  scheinen  durch  den 
Druck  des  sich  vorschiebenden  Inlandeises  hervorgerufen  zu  sein, 
ln  der  Grenzkehle  am  westlichen  Ufer  des  Schermützel-Sees 
sind  bereits  durch  Plettner  (1.  c.  S.  392  — 395)  die  dort  vor- 
handenen Braunkohlenschichten  sorgfältig  untersucht  und  genau 


>)  R.  Küsel,  Die  oberen  Schickten  des  Mitteloligocäns  bei  Buckow.  Tafel. 


ii2 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


beschrieben  worden.  Da  die  Abhänge  jetzt  vielfach  überrutscht 
sind  und  die  Schichtenfolge  nicht  mehr  sehr  deutlich  zu  erkennen 
ist,  so  folge  ich  hier  auszugsweise  den  von  ihm  gemachten  An- 
gaben. Kaum  300  Schritt  vom  Ufer  des  Sees  entfernt  steigt  am 
Nordgehänge  des  Thaies  eine  steile  Wand  von  mehr  als  10  Meter 
senkrecht  empor,  die  aus  bräunlich-schwarzen,  thonigen,  doch  zu- 
weilen auch  sandig  werdenden  Letten  gebildet  wird.  Das  Streichen 
der  Schichten  ist  NW. — SO.,  das  Einfallen  gegen  NO.  gerichtet. 
Etwa  100  Schritt  weiter  thalaufwärts  zeigte  sich  ein  fast  voll- 
ständiges Profil  der  »hangenden  und  liegenden  Flötzpartie«  auf- 
geschlossen. Die  Schichten  besassen  dasselbe  Streichen  und  Ein- 
fallen. Letzteres  fand  unter  40  — 50°  statt.  Plettner  hat  dort 
nachstehende  Schichtenfolge  von  oben  nach  unten  beobachtet: 

1)  3 — 5 Fuss  (0,94  — 1,57  Meter)  gelblich-grauer  j g 

Lehm  mit  Geschieben.  f •£ 

2)  10 — 14  Fuss  (3,14  — 4,40  Meter)  gelblich-  l £ 

weisser  nordischer  Sand.  ' ® 

3)  18  Fuss  (5,65  Meter)  aschgrau-  und  braun-  \ 

gestreifter  Sand,  gegen  das  Liegende  hin 

dunkler  werdend.  / cd 

I ns 

4)  2 Fuss  (0,63  Meter)  sehr  bröcklige  Braun-  ! . g 

kohle.  } .2  a2 

*43  a 

5)  4 Fuss  (1,26  Meter)  dunkelbrauner  Form-  I § 

sand,  gegen  unten  hin  weniger  feinkörnig  \ 

und  mit  gelblich  - grau  gefärbten  Streifen  I j|  '3 
wechselnd.  'o  & 

6)  8 Fuss  (2,51  Meter)  grauer  gleichkörniger 
Quarzsand,  Kohlensand,  ohne  allen  Glimmer, 
mit  dünnen  schwarzen  Streifen,  in  denen  der 
Kohlensand  mit  stärkeren  Mengen  von  Kohlen- 
stäubchen gemischt  ist. 

7)  U/2  Fuss  (0,47  Meter)  Braunkohle. 

8)  3 Fuss  (0,94  Meter)  grauer  gleichkörniger 
Quarzsand,  Kohlensand. 

9)  D/2  Fuss  (0,47  Meter)  Braunkohle. 

10)  Grauer  gleichkörniger  Kohlensand. 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


113 


Zweihundert  Schritt  weiter  thalaufwärts  sind  abermals  ein 
Formsandlager  und  zwei  ßraunkohlenflötze,  deren  Mächtigkeit 
ungefähr  1 Fuss  (0,31  Meter)  beträgt  und  die  in  den  grauen 
Kohlensand  eingelagert  sind,  am  Gehänge  aufgeschlossen,  doch 
war  das  Hangende  der  ßraunkohlenflötze  durch  Abrutsch  ver- 
deckt. Die  Schichten  streichen  hier  ebenfalls  NW. — SO.,  fallen 
jedoch  mit  ungefähr  30°  nach  SW.  Die  noch  weiter  nach  W. 
zu  in  der  Grenzkehle  getroffenen,  15  — 17  Fuss  (4, 71 — 5,34  Meter) 
mächtigen  Formsand-  und  Lettenschichten  zeigen  das  gleiche  Ein- 
fallen und  Streichen.  Plettner  schliesst  aus  diesen  Beobach- 
tungen mit  Recht,  dass  es  sich  hier  um  eine  Aufsattelung  der 
Braunkohlenformation  handelt,  deren  Gewölbe  durch  Erosion  zer- 
stört worden  ist. 

In  dem  nördlich  von  der  Grenzkehle  gelegenen,  ebenfalls  von 
O.  nach  W.  sich  erstreckenden  langen  Grunde  sind  buntstreifige 
Formsandlager  mit  zwei  schwachen  Kohlenflötzchen  aufgeschlossen, 
die  im  Allgemeinen  von  NW.  nach  SO.  streichen  und  unter  50 
bis  60°  gegen  SW.  einfallen. 

Nördlich  von  der  nach  dem  Schermützel-See  führenden  Schlucht, 
in  welcher  der  zum  südwestlichen  Ende  des  Dorfes  Boilersdorf 
führende  Weg  verläuft,  streichen  am  Abhange  zwei  Braunkohlen- 
flötze  von  1 — D/2  Fuss  (0,31  — 0,47  Meter)  Mächtigkeit  zu  Tage 
aus,  deren  Streichen  von  NW.  nach  SO.  gerichtet  ist  und  welche 
unter  30  — 40°  nach  NO.  einfallen.  Da  das  Hangende  und  Lie- 
gende, sowie  auch  das  Mittel  zwischen  den  Flötzen  aus  glimmer- 
freiem Quarzsand  besteht,  so  gehören  diese  Schichten  der  liegen- 
den Flötzpartie  an.  Die  hangende  Partie  mit  braunen  glimmer- 
reichen Formsanden  findet  sich  etwas  weiter  nördlich,  sowie  im 
Grunde  der  Schwarzen  Kehle  aufgeschlossen.  Es  streichen  an 
letztgenannter  Stelle  drei  Braunkohlenflötze  der  hangenden  Pai'tie 
mit  nordwest-  bis  südöstlichem  Streichen  und  einem  Einfallen  von 
80°  nach  SW.  zu  Tage  aus. 

Ueber  die  Lagerungsverhältnisse  der  in  den  Grubenfeldern 
»Willenbücher«  und  »Max«  bei  Bollersdorf  im  Abbau  begriffenen 
Braunkohlenflötze  verdanke  ich  dem  Herrn  Obersteiger  SchüLKE 
einige  Mittheilungen.  Durch  Bohrungen  und  Schächte  ist  auch 


Jahrbuch  1893. 


114 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lager  ungsverhältnisse 


hier  eine  hangende  und  liegende  Abtheilung  der  Braunkohlen- 
formation nachgewiesen  worden.  Die  Braunkohlenschichten,  in 
denen  die  beiden  im  Bau  befindlichen  Flötze  auftreten , bilden 
hier  eine  Mulde,  deren  Längsstreichen  von  NW.  nach  SO.  ge- 
richtet ist.  Im  NO. -Flügel  dieser  Mulde  fallen  die  Schichten 
nach  Plettner’s  Angabe  mit  60°  nach  SW. , während  sie  im 
SW. -Flügel  zunächst  der  Muldenlinie  mit  40°,  in  weiterer  Ent- 
fernung mit  10  — 150  nach  NO.  einfallen.  Das  hängendste  Flötz 
No.  1 ist  nur  theilweise  abbauwürdig,  da  es  mehrfach  durch  einen 
an  Gerollen  reichen  Diluvialsand  verdrückt  wird.  Die  Kohle 
dieses  Flötzes  ist  von  milder  Beschaffenheit  und  tritt  in  einer 
Mächtigkeit  von  0,60 — 1,75  Meter  auf.  Ihr  Einfallen  schwankt 
zwischen  3 und  800. 

Das  Hangende  des  ersten  Flötzes  besteht  aus  Unterem  Di- 
luvialsande, welcher  unmittelbar  über  dem  Flötze  liegt  und  eine 
Mächtigkeit  bis  zu  20  Meter  erreicht.  Nach  Zache  x),  dessen 
Angaben  ebenfalls  auf  Mittheilungen  des  Herrn  Obersteigers 
SchÜlke  beruhen,  sind  in  der  Grube  »Willenbücher«  folgende 
Schichten  durchteuft:  3,5  Meter  Oberer  Geschiebemergel,  1 Meter 
Unterer  Diluvialsand  und  8 Meter  Unterer  Geschiebemergel;  dann 
folgte  der  Formsand.  Sechshundert  Meter  nordwestlich  hiervon 
wurden  folgende  Schichten  beobachtet : 3,5  Meter  Oberer  Ge- 
schiebemergel, 7 Meter  Unterer  Geschiebemergel* 2)  und  26  Meter 
Unterer  Diluvialsand,  darunter  befand  sich  das  erste  Flötz. 

Das  4,20  Meter  mächtige  Liegende  des  ersten  Flötzes 
besteht  aus  dunklen  Letten  mit  Streifen  von  Formsand,  welcher 
in  der  Nähe  des  zweiten  Flötzes  so  dicht  wird,  dass  er  das 
Wasser  nicht  durchlässt. 

Das  Flötz  No.  2 ist  durchschnittlich  viel  regelmässiger  ab- 
gelagert, als  das  Flötz  No.  1.  Seine  Mächtigkeit  beträgt  1,20 
bis  1,75  Meter.  Die  Kohle  ist  stückreich  und  stellenweise  ziem- 
lich fest,  steht  jedoch  an  Brennwerth  der  Kohle  des  ersten  Flötzes 
etwas  nach.  Theilweise  ist  auch  Gyps  in  krystallinischer  Form 
dem  zweiten  Flötz  beigemengt. 

0 1.  c.  S.  30. 

2)  Der  Geschiebemergel  im  Hangenden  der  Grube  »Max«  ist  von  Plettner 
(1.  c.  S.  159 — 160)  irrthümlicb  für  Septarienthon  gehalten  worden. 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


115 


Das  Liegende  des  zweiten  Flötzes  ist  4,50  Meter 
mächtig  und  wird  aus  hellgrauem  Formsand  mit  Lettenstreifen 
gebildet.  Stellenweise  tritt  unter  dem  zweiten  Flötze  im  Liegenden 
Schwefelkies  in  knollenartiger  Form  auf,  welcher  mit  Kohle  ver- 
mengt ist.  In  der  Nähe  des  dritten  Flötzes  besitzt  der  Form- 
sand eine  bräunliche  Färbung. 

Dieses  dritte  Braunkohlenflötz  ist  ungefähr  0,80  bis 
1 Meter  mächtig,  wird  jedoch  wegen  der  geringen  Mächtigkeit  nur 
selten  abgebaut.  Unter  diesem  Flötz  liegt  ein  0,30  Meter  mächtiger 
grauer  plastischer  Thon  und  darunter  feiner  weisser  Formsand. 

Die  Zahl  der  in  der  liegenden  Abtheilung  auftretenden 
Flötze  ist  bisher  noch  nicht  genau  ermittelt.  Das  stärkste  der- 
selben ist  in  einer  Mächtigkeit  von  2 Meter  angetroffen,  während 
die  übrigen  nur  0,3 — 0,4  Meter  mächtig  sind.  Die  Kohle  ist 
kleinknorpelig  und  mit  Quarzsandstreifen  durchzogen.  Die  Flötze 
zeigen  ein  starkes  Einfallen  von  80  — 90°.  Das  Hangende  und 
Liegende  dieses  unteren  Flötzzuges  besteht  aus  Quarzsand,  welcher 
meist  bräunliche  Färbung  zeigt.  . 

Dicht  unterhalb  des  hangenden  Flötzzuges  besitzt  der  Sand  ein 
sehr  grobes  Korn,  während  in  den  untersten  Partien  rein  weisser 
Sand  mit  sehr  gleichmässiger  mittelfeiner  Körnung  vorhanden  ist. 

In  welche  Zeit  die  Einmuldung  der  Braunkohle  zu  setzen 
ist  und  ob  dieselbe  ebenfalls  mit  einer  durch  das  Inlandeis 
bewirkten  Faltung  in  Zusammenhang  zu  bringen  ist,  Hess  sich 
bisher  nicht  feststellen  1).  Die  Braunkohlenschichten  zeigen  je- 
doch ausser  dieser  muldenförmigen  Stellung  im  Grossen  noch 
verschiedene  locale  Störungen,  die  sich  in  einer  Faltung  und 
Aufsattelung  der  Kohlenflötze , sowie  durch  Verwerfungen 
zu  erkennen  geben.  Auch  Plettner  erwähnt  in  dem  steiler  ge- 
neigten Theile  des  Südostflügels  der  Mulde  eine  parallel  zum 
Streichen  derselben  verlaufende  Verwerfungskluft  mit  spiegel- 
glatten Flächen.  Die  der  Muldenlinie  näher  gelegenen  Flötz- 
partien  sind  an  dieser  Kluftfläche  so  tief  abgesunken,  dass  das 

x)  Beziehungen  der  Mächtigkeit  der  diluvialen  Bedeckung  zur  Muldenbil- 
dung und  Aufsattelung  der  Braunkohlenflötze , wie  sie  Berendt  bei  Freien- 
walde a.  O.  nachweisen  zu  können  glaubte  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1892, 
S.  335 — 340),  habe  ich  in  der  Buckower  Gegend  nicht  auffinden  können. 


i 16 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverh ältmsse 


erste  Flötz  des  gesunkenen  Theiles  die  Fortsetzung  des  zweiten 
Flötzes  des  höher  liegenden  Theiles  zu  sein  scheint.  Das  bei- 
gefügte Profil  (Fig.  2),  in  welchem  die  beiden  im  Bau  befind- 

Fig.  2. 

Profil  aus  der  Grube  »Willenbücher«  bei  Bollersdorf. 


Schacht  Mi/eck/ff.  Seht.  Mi/eckil. . 


liehen  Flötze  als  1 u.  2 bezeichnet  worden  sind,  lässt  die  Auf- 
sattelung deutlich  erkennen.  Diese  Störungen  sind  nach  meiner 
Ansicht  ebenfalls  als  zusammenschiebende  und  aufpressende  Wir- 
kungen des  vorrückenden  Inlandeises  anzusehen.  Auch  Plettner 
(1.  c.  S.  159)  ist  der  Ansicht,  dass  mit  der  Aufrichtung  der  Flötze 
zugleich  eine  Verschiebung  und  Zusammenpressung  von  der  Seite 
her  verbunden  gewesen  sein  muss,  da  in  dem  horizontal  gelagerten 
Theile  der  Flötze  und  der  begleitenden  Schichten  sich  eine  grosse 
Menge  sattel-  und  muldenförmiger  Faltungen  findet,  die  kaum  auf 
andere  Weise  erklärt  werden  könnten. 

Die  stark  kuppige  Oberflächenbeschaffenheit  der  Pritzhagener 
Forst  ist  nicht  nur  als  eine  Folge  der  erodirenden  Thätigkeit  der 
Schmelzwasser  des  Inlandeises  anzusehen,  sondern  die  Tertiär- 
ablagerungen sind  hier  vielfach,  wie  ich  annehme,  durch  den 
Druck  des  vorrückenden  Inlandeises  emporgepresst  und  in  ihrer 
Lagerung  gestört  worden  und  bilden  den  inneren  Kern  des  ober- 
flächlich meist  aus  Unterem  Diluvialsand  mit  dünner  Decke  von 
Oberem  Geschiebesand  gebildeten  Hügellandes.  Plettner  giebt 
an,  dass  der  Septarienthon  in  beträchtlicher  Mächtigkeit  in  einem 
Bohrloche  am  Südabhange  des  nahe  bei  der  Friedrich -Wilhelms- 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


117 


Höhe  gelegenen  Quastes  (Jena’s  Höhe)  aufgefunden  wurde.  Ausser- 
dem sind  von  ihm  noch  die  nachstehenden  Bohrungen  mitgetheilt 
worden,  bei  denen  von  oben  nach  unten  folgende  Schichten 
durchsunken  wurden: 

I.  Bohrloch  auf  dem  Nordabhange  des  Dachsberges. 

1)  16  Fuss  ( 5,02  Meter)  brauner  sandiger  Thon  mit  Glimmer. 

2)  20^2  » ( 6,43  » ) gelblichbrauner  sandfreier  Thon  mit 

einzelnen  Gypsknauern  und  deutlichen 
Stückchen  der  Schale  von  Nucula 
Deshayesiana. 

3)  40  » (12,55  » ) blaugrauer  fetter  Thon  mit  Gyps- 

knauern und  Stücken  braunen  Thon- 
eisensteins und  zerbohrten  Muschel- 


4) 

1 » 

( 0,31 

schalen. 

» ) mergeliger  Kalkstein  (wurde  ge- 

5) 

3 » 

( 0,94 

meisselt). 

» ) blaugrauer  Thon  mit  Gyps. 

6) 

4 » 

( 1,26 

» ) braunschwarze  alaunhaltige  Letten. 

7) 

2 » 

( 0,63 

» ) grauer  Formsand,  braungestreift. 

Sö1^  Fuss  (27,15  Meter). 

II.  Bohr 

loch  am 

Südabhange  des  Wachtelberges. 

1) 

71/2  Fuss 

( 2,35  Meter)  bräunlichgrauer  sandiger  Thon. 

2) 

6 » 

( 1,88 

» ) gelblichbrauner  Sand. 

3) 

IV2  » 

( 0,47 

» ) brauner  thoniger  Sand. 

4) 

V*  » 

( 0,16 

» ) grauer  reiner  Quarzsand. 

5) 

IV2  » 

( 0,47 

» ) eisenschüssiger  röthlichbrauner  Sand. 

6) 

2 » 

( 0,63 

» ) weisslichgrauer  Sand. 

7) 

1 » 

( 0,31 

» ) röthlichbrauner  Thon  mit  sehr  vielem 

8)  26  » 

( 8,16 

Gyps  gemengt. 

» ) blaugrauer  fetter  Thon  mit  Gyps  und 

9) 

6 » 

( 1,88 

zerbohrten  Muschelstückchen. 

» ) gelber  brauner  sandiger  Thon. 

10)  47  » 

(14,75 

» ) blaugrauer  fetter  Thon  mit  Gyps  und 

kleinen  Bruchstücken  von  Muschel- 
schalen. 


99  Fuss  (31,07  Meter). 


.18 

F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 

III. 

Bohr! 

loch  auf  dem  Wachtelberge. 

1)  14  Fuss 

( 4,39  Meter)  bräunlichgrauer  sandiger  Thon. 

2)  29  » 

( 9,10 

» ) gelblichbrauner  eisenschüssiger  Sand. 

3)  4 » 

( 1,26 

» . ) dunkelbrauner  sandiger  Thon. 

4)  17  » 

( 5,34 

» ) blaugrauer  Thon  mit  Gyps  und  klei- 

5) 2i/2  » 

( 0,79 

nen  Kalkstücken  (augenscheinlich  zer- 
bohrte  Muschelreste). 

» ) bräunlichschwarze  Letten  mit  Glim- 

mer. 

6)  V 4 » 

( 0,08 

» ) Braunkohle. 

7)  23  » 

( 7,22 

» ) Formsand,  grau  und  blau  gestreift. 

89%  Fuss  (28,17  Meter). 

Leider  lässt  sich  aus  diesen  Angaben  die  genaue  geologische 
Bestimmung  und  Parallelisirung  der  einzelnen  Schichten  nicht 
mit  Sicherheit  ableiten.  Die  oberste  auf  dem  Nordabhange  des 
Dachsberges  durchsunkene  Schicht  (16  Fuss  brauner  sandiger 
Thon  mit  Glimmer,  Bohrloch  I,  No.  1)  ist  zweifellos  der  dort  an- 
stehende Obere  Geschiebemergel.  Der  in  Bohrloch  I,  No.  4 an- 
gegebene mergelige  Kalkstein  darf  wohl  als  eine  Septarie  ange- 
sehen werden.  Im  Uebrigen  hat  es  den  Anschein,  als  ob  in  den 
Bohrlöchern  I und  III  die  Brauukohlenformation  erst  unter  dem 
Septarienthon  angetroffen  wäre,  was  wiederum  auf  bedeutende 
Schichtenstörungen  schliessen  liesse,  die  in  diesem  Falle  als  über- 
kippte Falten  zu  erklären  sein  dürften. 

Eine  bemerkenswerthe  Eigentümlichkeit  innerhalb  der  Pritz- 
hagener  Forst  bieten  die  beiden  Tornow- Seen.  Dieselben  sind 
nur  250  Meter  von  einander  entfernt,  zeigen  jedoch  sehr  be- 
deutende Niveaudifferenzen,  denn  der  Wasserspiegel  des  Kleinen 
Tornow-Sees  liegt  17,2  Meter  höher  als  der  des  Grossen  Tornow- 
Sees.  Bei  meinen  bis  zu  2 Meter  Tiefe  geführten  Handbohrungen 
fand  ich,  dass  die  trennende  Kuppe,  der  Kalkberg,  oberflächlich 
aus  Diluvialgrand  besteht,  doch  muss  im  Untergründe  eine  das 
Wasser  nicht  durchlassende  Schicht  vorhanden  sein,  da  sonst  das 
Wasser  des  Kleinen  Tornow  sehr  bald  nach  dem  Grossen  ab- 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow 


119 


laufen  würde.  Ob  diese  undurchlässige  Schicht,  wie  Plettner 
vermuthet,  durch  Septarienthon  gebildet  wird,  liess  sich  bisher 
nicht  entscheiden.  Mit  gleicher  Wahrscheinlichkeit  könnte  man 
annehmen,  dass  der  Untere  Geschiebemergel  hier  den  Abfluss  ver- 
hindert, denn  derselbe  ist  in  der  Umgebung  des  Sees  an  ver- 
schiedenen Stellen  nachgewiesen  worden. 

Ein  neuer  Aufschluss,  der  innerhalb  der  Pritzhagener  Forst 
unmittelbar  an  der  von  Bollersdorf  nach  Reichenberg  führenden 
Chaussee  auf  meine  Veranlassung  entstanden  ist,  dürfte  für  die 
Lagerungsverhältnisse  des  Tertiärs  von  Interesse  sein.  Nachdem 
ich  durch  kleinere  Handbohrungen  das  Vorhandensein  des  Septa- 
rienthones  in  dem  sich  an  das  sogenannte  Buchholz  anschliessen- 
den Ackerlande  festgestellt  hatte,  wurde  dies  Gebiet  von  Herrn 
Obersteiger  SchÜLKE  durch  tiefere  Bohrungen  näher  untersucht 
und  auf  Grund  der  günstigen  Ergebnisse  die  dortige  neue  Ziegelei 
angelegt.  Man  hat  nun  an  dem  Abhange  der  südlich  von  der 
Chaussee  gelegenen  Anhöhe  einen  von  O.  nach  W.  gerichteten 
Abstich  gemacht,  an  welchem  ich  im  November  1893  folgende 
Schichten  beobachtete.  Von  W.  nach  O.  zu  vorschreitend  be- 
merkt man  unter  einer  dünnen  Decke  von  geröllführendem  Dilu- 
vialsande zuerst  feinen  Glimmersand,  der  ganz  dieselbe  Ausbil- 
dung zeigt  wie  der  am  Eingänge  in  die  Buckower  Thongrube 
und  in  der  Silberkehle  aufgeschlossene.  Das  Ausstreichen  des- 
selben an  der  Oberfläche  liess  sich  bis  auf  eine  Länge  von 
50  Schritt  verfolgen.  Dann  folgte  auf  eine  Erstreckung  von 
30  Schritt  glaukonitischer,  mit  Thoneisensteinbänken  wechsellagern- 
der Sand,  welcher  dem  Stettiner  Sande  in  der  Buckower  Thon- 
grube entspricht.  Daran  schliesst  sich  auf  eine  Länge  von  60  Schritt 
Septarienthon.  Die  in  diesem  angelegte  Grube  war  erst  einige 
Meter  tief,  doch  haben  die  dort  angestellten  Bohrungen  ergeben, 
dass  der  Thon  bei  12,5  Meter  noch  nicht  durchsunken  wurde.  Leider 
konnte  man  an  diesem  Aufschluss,  der  nur  das  oberste  Ausgehende 
der  Schichten  zeigte,  nicht  das  Einfallen  und  Streichen  derselben 
ermitteln.  Wahrscheinlich  ist  die  Schichtenstellung  eine  sehr 
steile  und  wir  haben  es  hier  vielleicht  mit  einer  nach  SW.  zu 
überkippten  Falte  zu  thun,  deren  Gewölbe  durch  Erosion  ver- 


120 


F.  'Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse 


schwunden  ist.  Dadurch  käme  es,  dass  der  Glimmersand  hier 
scheinbar  das  Liegende  des  Stettiner  Sandes  bildet. 

Durch  Herrn  Obersteiger  Schülke  und  den  dortigen  Ziegel- 
meister erhielt  ich  bisher  aus  dem  Septarientho ne: 

Cryptodon  unicarinatus  Nyst  ) 

Leda  Deshayesiana  Nyst  \ Je  ein  Sut  erhaltenes  Exemplar. 

Pleurotoma  regularis  de  Köninck  2 j 

» laticlavia  Beyr.  2 > Exemplar 

» Duchastelii  Nyst  1 ) 

aus  dem  Stettiner  Sande: 

Cyprina  rotundata  A.  Braun,  ein  als  Steinkern  vorzüglich 
erhaltenes  Exemplar.  Kommt  in  dieser  Schicht  auch  in  der  alten 
Buckower  Thongrube  und  bei  Stettin  vor. 

Der  weitere  Abbau  wird  sicher  interessante  Aufschlüsse  über 
die  Beziehungen  der  Quartärbildungen  zu  diesen  Schichtenstörungen 
gewähren.  Erwähnt  sei  noch,  dass  etwa  400  Meter  NO.  von  der 
Grube  weisser  Quarzsand  der  Braunkohlenformation  der  dem 
liegenden  Flötzzuge  angehören  dürfte,  an  dem  Wege  im  Walde  auf- 
geschlossen ist,  doch  lässt  sich  bisher  nicht  erkennen,  wie  sich 
derselbe  hier  dem  Aufbau  der  Tertiärablagerungen  eingliedert. 

Den  Schluss  dieser  Ausführungen  möge  eine  kurze  Betrach- 
tung des  inmitten  der  tertiären  Ablagerungen  befindlichen  Scher- 
mützel-Sees  bilden.  Plettner,  Girard  und  Küsel  stimmen  in- 
sofern in  ihren  Ansichten  überein,  als  sie  die  grosse  Unregel- 
mässigkeit und  Unebenheit  der  Oberflächenformen  in  der  Um- 
gebung von  Buckow  auf  Einsenkungen  und  Verstürzungen  des 
Bodens  zurückführen,  die  mit  den  von  ihnen  beobachteten  Stö- 
rungen der  Tertiärbildungen  in  Zusammenhang  gebracht  werden. 
Besonders  deutlich  tritt  dies  gemeinsame  Bestreben  der  drei  Forscher 
bei  der  Erklärung  der  tiefen  Einsenkung  hervor,  welche  von  dem 
Schermützel-See  erfüllt  ist.  Der  Spiegel  dieses  in  seiner  Mittel- 
linie 2200  Meter  langen  und  500  — 750  Meter  breiten  Seebeckens 
liegt  26,3  Meter  über  Normal  Null.  Rechnet  man  den  durch  Torf- 
bildungen und  eine  aufragende  Kuppe  Diluvialsandes  abgetrennten 
Weissen  See  hinzu,  so  hat  der  Schermützel-See  eine  halbmond- 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


121 


förmige  Gestalt.  Von  den  kleineren  Einbuchtungen  abgesehen, 
verlaufen  die  Ufer  des  nördlichen  Theiles  von  NO.  nach  SW.  die 
des  südlichen  von  NNW.  nach  SSO.  Nach  den  von  Girard  1). 
mitgetheilten,  genauen  Messungen  ist  die  Tiefe  des  Sees  in  der 
südlichen  Hälfte  ziemlich  gleiclimässig  12,6  — 15,7  Meter,  von  der 
Mitte  aus  nimmt  sie  jedoch  nach  N.  mehr  und  mehr  zu,  bis  sie 
dicht  vor  dem  Ende  des  Sees  unterhalb  der  Bollersdorfer  Höhe 
und  etwa  200  Schritt  von  dem  Fischerhäuschen  44,6  Meter  er- 
reicht. Im  Umkreis  dieses  tiefsten  Punktes  schwankt  die  Tiefe 
des  Sees  zwischen  31,4  — 37,7  Meter,  nimmt  jedoch  nach  dem 
Ufer  zu  sehr  schnell  ab,  da  sie  in  100  Schritt  Entfernung  von 
demselben  bereits  1 5,7- — 17,3  Meter  und  in  dem  nördlichen  Theile 
beim  Fischerhause  auf  50  Schritt  Abstand  sogar  18,8  Meter  be- 
trägt. Es  finden  sich  hier  demnach  auf  Entfernungen  von  300  Meter 
Senkungen  des  Bodens  von  31,4  Meter  und  auf  150  Meter  sogar 
eine  solche  von  44,6  Meter,  was  einem  Böschungswinkel  von 
5 — 6°,  bezw.  16  — 17°  entspricht.  Girard  hebt  hervor,  dass  so- 
wohl die  Tiefe  des  Sees  als  auch  die  Neigung  seines  Bodens  als 
besonders  auffällige  Erscheinungen  anzusehen  sind.  Diese  Ansicht 
kann  ich  nicht  theilen , denn  das  Relief  des  Seebodens  weicht  in 
keiner  Weise  von  der  Oberflächengestalt  seiner  Umgebung  ab, 
wie  dies  die  Höhencurven  zeigen.  Ausserdem  bieten  zahlreiche 
Seen  des  norddeutschen  Flachlandes  2)  sowohl  hinsichtlich  der 
Tiefe  als  auch  der  Neigung  des  Seebodens  völlig  entsprechende 
Verhältnisse  dar. 

Plettner  hat  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  die  Verlänge- 
rung der  Muldenlinie  der  Bollersdorfer  Braunkohlenbildungen  gegen 
SO.  gerade  die  tiefste  Stelle  im  Schermützel-See  treffe  und  sich 
über  denselben  hinaus  in  südöstlicher  Richtung  in  einem  Thale 
fortsetze,  das  im  Norden  vom  Iudendickten  — , im  Süden  vom  Luisen- 
berge begrenzt  werde.  Die  Muldenbildung  des  Braunkohlenge- 


0 H.  Girard,  Die  norddeutsche  Ebene  insbesondere  zwischen  Elbe  und 
Weichsel,  Berlin  1855,  S.  196  und  197. 

2)  Vergl.  die  Zusammenstellung  der  Seen  in:  F.  Wahnschaffe,  Die  Ur- 
sachen der  Oberflächengestaltung  des  norddeutschen  Flachlandes.  Stuttgart  1891 
S.  145—153. 


122 


F.  Wähnschaffe,  Die  Lagerangs  Verhältnisse 


birges  erklärt  er  durch  eine  Senkung  des  Gebietes,  welche  im 
Schermützel-See  ihre  grösste  Tiefe  erreichte.  Angenommen,  dass 
dieser  See  in  der  That  einer  mächtigen  Verstürzung  seine  Ent- 
stehung verdankte,  würde  ich  weit  weniger  geneigt  sein,  an  eine 
Einmuldung  im  Sinne  der  Bollersdorfer  Braunkohlenmulde  zu 
denken,  als  vielmehr  an  eine  Grabenversenkung,  welche  dem  Ufer- 
rande im  nördlichen  Theile  des  Sees  entsprechend  senkrecht  zum 
Streichen  der  Braunkohlenschichten  von  NO.  nach  SW.  gerichtet 
wäre.  Eine  solche  Grabenversenkung  könnte  jedoch  erst  in  der 
Postglacialzeit  stattgefunden  haben,  denn  es  erscheint  unmöglich, 
dass  sich  eine  derartige  aus  älterer  Zeit  herrührende  Vertiefung 
während  der  beiden  Inlaudeisbedeckungen  erhalten  haben  sollte, 
ohne  von  Moränen  oder  fluvioglacialen  Bildungen  ausgefüllt  zu 
werden. 

Eine  alte  Sage,  dass  in  dem  23,5  Meter  tiefen  Haus -See 
(Buckow -See)  vor  Alters  eine  Stadt  versunken  sei,  scheint  die 
Annahme  von  Bodensenkungen  mit  beeinflusst  zu  haben.  Eine 
scheinbare  Bestätigung  erhält  dieselbe  durch  die  Auffindung  von 
Pfahlbauten  im  Schermützel-See.  Herr  Amtsgerichtsrath  Küchen- 
büch  *)  in  Müncheberg,  der  Entdecker  derselben,  schreibt  darüber 
Folgendes:  »Die  Sage  einer  untergegangenen  Stadt  hat  hier  ihren 
vollen  Grund,  da  man  auf  der  Ostseite  des  Schermützel-Sees,  etwa 
100  Schritt  vom  Ufer  10  — 15  Fuss  unter  dem  Wasser  eine  etwa 
207  Fuss  lange  Pfahlreihe  sieht,  die  offenbar  zu  einer  Einfriedi- 
gung gedient  hat.  Von  ihr  gehen  im  rechten  Winkel  einige  andere 
Pfahlreihen  ab,  die  aber  nach  wenigen  Schritten  abbrechen,  da 
hier  der  Grund  in  eine  jähe  Tiefe  abstürzt.  Auf  der  Nordwest- 
seite, wo  der  See  seine  grösste  Tiefe,  über  110  Fuss  erreicht,  sieht 
man  auf  die  Wipfel  stehender  Bäume.  Der  Boden  des  Sees  ist 
also  zu  einer  Zeit,  als  auf  ihr  Menschen  wohnten,  in  längst  ver- 
gangener Zeit  eingesunken  und  birgt  das  Wasser  ohne  Zweifel 
eine  menschliche  Wohnung.  Ein  aus  der  Reihe  herausgenommener 
Pfahl  ist  Eichenholz,  6^2  Fuss  lang,  41/,2  Zoll  dick  und  scheint 

x)  Katalog  der  Ausstellung  prähistorischer  und  anthropologischer  Funde 
Deutschlands.  Berlin  1880  S.  106  und  107.  (Zuerst  veröffentlicht  im  Anzeiger 
f.  Funde  deutscher  Vorzeit  1860,  S,  442). 


des  Tertiärs  und  Quartärs  der  Gegend  von  Buckow. 


123 


unten,  wo  er  in  der  Erde  gestanden,  gebrannt  gewesen  zu  sein, 
oben  mit  einem  nicht  sehr  scharfen  Beile  zugespitzt.« 

Was  zunächst  die  Sage  von  einer  versunkenen  Stadt  betrifft,  so 
ist  darauf  kein  allzu  grosses  Gewicht  zu  legen,  da  von  sehr  vielen 
Seen,  an  denen  JStädte  oder  Dörfer  gelegen  sind,  ganz  dasselbe  be- 
richtet wird.  Die  10 — 15  Fuss  unter  dem  Wasserspiegel  nachge- 
wiesene Pfahlreihe  scheint  allerdings  eine  Senkung  des  Seebodens 
anzudeuten,  jedoch  braucht  dieselbe  keineswegs  mit  der  Entstehung 
des  Seebeckens  in  Zusammenhang  zu  stehen.  Es  ist  an  Seerändern 
mit  Steilufern  eine  häufig  vorkommende  Erscheinung,  dass  beim 
Sinken  des  Wasserspiegels  um  einige  Fuss  und  dementsprechen- 
der Tieferlegung  des  Grundwasserstandes  in  dem  Ufergebiet  Rut- 
schungen des  zuvor  unter  Wasser  befindlichen  und  nun  trocken 
gelegten  Seebodens  eintreten,  die  eine  schiebende  Wirkung  auch 
auf  das  unter  Wasser  liegende  Randgebiet  des  Sees  ausüben  und 
dies  in  ein  tieferes  Niveau  herabdrücken.  Da  der  Wasserstand  im 
Schermützel  - See  während  der  Postglacialzeit  sich  nachweislich 
bedeutend  erniedrigt  hat,  so  können  durch  derartige  Abrutsehungen 
die  Pfahlbauten  sehr  wohl  in  ein  tieferes  Niveau  gelangt  sein. 
Ebenso  wenig  scheinen  mir  die  aufrecht  stehenden  Bäume  auf  der 
Nordwestseite  des  Sees  für  eine  Senkung  des  Bodens  zu  sprechen. 
An  dem  sehr  steilen,  abbrüchigen  Ufer  unterhalb  der  Bollersdorfer 
Höhe  lösen  sich  noch  gegenwärtig  bei  starken  Regengüssen  mehr 
oder  weniger  grosse  Erdschollen  mit  den  darauf  stehenden  Bäumen 
los  und  rutschen  den  Abhang  herab.  Auf  diese  Weise  mögen 
auch  früher  grosse  Bäume  in  den  See  gelangt  sein  und  falls  sie 
mit  einem  schweren  Wurzelballen  versehen  waren,  eine  aufrecht- 
stehende Stellung  erhalten  haben. 

Durch  die  geologische  Kartirung  der  Buckower  Gegend  scheint 
mir  der  Beweis  erbracht  zu  sein,  dass  die  unregelmässigen  Ober- 
flächenformen nicht,  wie  Plettner,  Girard  und  Küsel  ange- 
nommen haben,  durch  eine  Yerstürzung  des  Schermützel-Sees,  die 
sich  auch  auf  die  Umgebung  erstreckt  haben  soll,  hervorgerufen 
sind,  sondern  dass  sie  unverkennbare  Züge  einer  Erosionsland- 
schaft aufweisen,  welche  durch  die  vom  Eisrande  kommenden 
Schmelzwasser  während  der  letzten  Glacialepoche  geschaffen 


124 


F.  Wahnschaffe,  Die  Lagerungsverhältnisse  etc. 


wurden.  Die  Störungen  der  Tertiärbildungen  in  der  Buckower 
Thongrube  lassen  sich  nicht  durch  eine  Senkung  des  Bodens  er- 
klären, sondern  stellen  eine  durch  das  vorrückende  Inlandeis 
der  ersten  Glacialep o che  aufgestaute,  überkippte  und 
überschobene  Falte  dar.  Auch  für  das  tiefe  Becken  des  Scher- 
mützel-Sees  scheint  mir  die  Annahme  einer  Bodensenkung  nicht 
erforderlich  zu  sein,  besonders  da  ein  Beweis  dafür  durch  die 
Tektonik  der  Quartär-  und  Tertiärbildungen  bisher  nicht  erbracht 
worden  ist.  Die  Ränder  dieses  sowie  auch  der  anderen  Seen  in 
der  Buckower  Gegend  weisen  auf  eine  gewaltige  Erosion  hin. 
Unter  der  Annahme,  dass  die  vom  nördlich  gelegenen  Inlandeis- 
rande kommenden  Schmelzwasser  mit  grosser  Gewalt  in  dies  Ge- 
biet einbrachen,  zum  Theil  auch  in  dasselbe  herabstürzten,  lassen 
sich  die  gegenwärtigen  Seebecken  und  Rinnen  sehr  gut  als  tiefere 
Ausstrudelungen  und  Ausschürfungen  in  dem  leicht  zer- 
störbaren Untergründe  erklären.  Es  würden  demnach  die  Seen 
der  Gegend  von  Buckow  dem  von  E.  Geinitz  Q aufgestellten 
Typus  der  »Evorsions-Seen«  angehören. 


*)  F.  E.  Geinitz,  Ueber  die  Entstehung  der  mecklenburgischen  Seen. 
(Archiv  des  Vereins  der  Freunde  der  Naturgeschichte  Mecklenburgs.)  — Die 
Seen,  Moore  und  Flussläufe  Mecklenburgs.  Güstrow  1886. 


Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias 
von  Remplin  in  Mecklenburg. 

Von  Herrn  Alfred  Jentzsch  in  Königsberg  in  Preussen. 


Als  muthmaasslich  »Unteren  Lias«  hat  Herr  E.  Geinitz1) 
jüngst  aus  Mecklenburg  ein  Vorkommen  beschrieben,  welches, 
wenn  seine  Deutung  sich  bestätigen  sollte,  auch  Licht  auf  benach- 
barte preussische  Gebiete  werfen  würde. 

Bei  der  Verbreiterung  der  NW.  — SO.  laufenden  Eisenbahn- 
strecke Teterow-Malchin  wurde  nordwestlich  des  Gutes  Remplin 
bei  38 — 43  Meter  Meereshöhe  folgendes  bemerkenswerthe  Profil 
aufgedeckt: 

5 Meter  Diluvium  (vorwiegend  Geschiebemergel); 

2 » Cenomankalk  mit  Ostrea  cf.  hippopodium  Nilss., 

' Avicula  gryphaeoides  Röm.,  Inoceramus  sp.,  Tere- 
bratula  biplicata  Sow. , Terebratulina  striatula 
Mant.,  Serpula  sp. , Cristellaria  sp.  und  anderen 
Foraminiferen,  sowie  Bairdia  sp. ; die  unterste 
Hälfte  dieser  Cenomankalk-Bank  ist  glaukonitisch 
und  führt  Belemnites  ultimus  d’Orb.  Das  Cenoman 
fällt  10-200  nach  NW. 

0,6 — 0,75  » grober  Grünsand  mit  Phosphoritknollen  und  ver- 

kieseltem,  nicht  specifisch  bestimmbarem  Coniferen- 
liolz; 


*)  Archiv  d.  Vereins  d.  Freunde  d.  Naturgeschichte  von  Mecklenburg  48, 
(1894)  S.  107—114,  Taf.  IV. 


126 


Alfred  Jentzsch,  Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias 


0,2 — 0,5  Meter 


0,8  » 


0,6  » 


0,06-0,1  » 

2 » 


gelblichbrauner  Quarzsand  (a)  mit  sehr  geringem 
Kalkgehalt,  unten  mit  dünnen  schwarzen  Streifen 
und  Thonlinsen ; »dasselbe  Einfallen  nach  NNW« ; 
feiner  Sand  (b)  mit  Eisenconcretionen  und  kleinen 
Holzstücken;  durch  dünne,  gebogene,  schwarze 
Sandstreifen  wie  marmorirt  und  geflammt; 
abwechselnd  scharfer  und  weicher,  etwas  glimmer- 
reicher, weisser  Sand  (c)  mit  2 gelblichen,  thoni- 
gen  Zwischenlagern;  in  der  oberen  Hälfte  rein 
weiss,  wie  tertiärer  Glimmersand  und  mit  Eisen- 
concretionen, in  der  unteren  Hälfte  dunkel; 
fetter,  dunkel-blaugrauer  Thon,  an  der  hangenden 
Grenze  reich  an  kleinen  Stücken  verkohlten 
Holzes; 

scharfer  Quarzsand  (d),  grau  uud  schwarz  mar- 
morirt, fest  zusammengebacken  durch  ein  schein- 
bar thoniges  oder  aschenartiges  Bindemittel,  zu 
oberst  massenhaft  kleine  Stücken  von  faseriger 
Holzkohle  führend  und  dabei  fast  zu  einem  dün- 
nen Holzkohlenflötzchen  übergehend.  Alle  diese 
Schichten  liegen  concordant! 


Nach  kurzer  Lücke  findet  man  im  Liegenden  20  Schritt  lang 
wieder  weissen  Sand  (e),  scharfem  tertiären  Glimmersand  ähn- 
lich, mit  Eisenconcretionen  und  mehreren  gelblichen,  thonig-sandigen 
Zwischenschichten  und  Linsen  von  schwarzgrauem,  thonigem  Sand, 
darunter  schwarzen,  scheinbar  thonigen  Sand  (d')- 

Nach  längerer  Unterbrechung  wurde  weiter  im  Liegenden 
(also  südöstlich)  noch  folgendes  Profil  beobachtet: 
schwarzer  Thon; 

gelber  und  weisslicher,  glimmerhaltiger  Sand  (f)  mit 
vielen  Eisenconcretionen  und  centimeterdickem,  mürbem, 
schmutzig-grauem  oder  braunem,  eisenschüssigem  Sand- 
stein und  Lagen  von  Thoneisen -Concretionen,  welche 
theilweise  Aehnlichkeit  haben  mit  den  oberoligocänen 
Concretionen  von  Meierstorf,  und  einen  undeutlichen 
Zweischaler  lieferten. 


Von  Kemplin  in  Mecklenburg. 


127 


Man  muss  Herrn  E.  Geinitz  darin  völlig  beistimmen,  dass 
nach  den  geschilderten  Lagerungs-  und  Verbandsverhältnissen  die 
Schichten  b — f (ungeachtet  ihrer  petrographischen  Aehnlichkeit 
mit  tertiären)  älter  als  Cenoman  sein  müssen.  Die  coucordante 
Ueberlagerung  kann  nicht  durch  eine  — im  Flachlande  bekannt- 
lich mehrfach  beobachtete  — Ueberschiebung  erklärt  werden, 
weil  mechanische  Contacterscheinungen  fehlen;  auch  weicht  der 
holzkohlenartige  Erhaltungszustand  der  Holzreste  von  dem  im 
Tertiär  gewöhnlichen  völlig  ab.  Herr  E.  Geinitz  dachte  zunächst 
mit  Uebergehung  des  Gault  an  Wealden,  erhielt  aber  von  Herrn 
Struckmann  in  Hannover  die  Mittheilung,  dass  Letzterem  derartige 
lockere  sandige  Schichten  aus  dem  norddeutschen  Wealden  nicht 
bekannt  seien;  auch  weichen  die  einheimischen  Wealdenfindlinge 
durch  ihr  festeres  Gestein  ab.  Dagegen  besteht  nach  Herrn 
E.  Geinitz  eine  ganz  auffällige  petrographische  Aehnlichkeit  mit 
den  Unterlias -Schichten  von  Bornholm.  »Auch  dort  dieselben 
weissen  und  gelblichen  Sande  mit  Sphärosiderit- Concretionen, 
grauen  Thone , und  die  der  Meilerkohle  ähnliche , glänzende 
Holzkohle«.  Danach  möchte  Herr  Geinitz  trotz  des  Mangels 
an  sicheren  Versteinerungen  »doch  nach  langen  Vergleichen  die 
Rempliner  Schichten  b — f auf  Grund  ihrer  Lagerung  und  ihrer 
petrographischen  Aehnlichkeit  mit  den  Bornholmer  Schichten  zum 
untersten  Lias  zählen«. 

Der  soeben  auszugsweise  wiedergegebene  Befund  fordert  zu- 
nächst zu  einem  Vergleich  mit  dem  durch  lose  Sandschichten 
ausgezeichneten  Lias  der  fiskalischen  Bohrung  von  Cammin  in 
Pommern1)  heraus,  um  so  mehr,  als  Bemplin  von  Cammin  nur 
140  Kilometer,  von  Bornholm  aber  etwa  185  Kilometer  entfernt 
liegt,  und  senkrecht  zum  hercynischen  Schichtenstreichen  gemessen 
von  Bornholm  doppelt  so  weit  als  von  Cammin  entfernt  ist. 

Das  mir  unterstellte  ostpreussische  Provinzialmuseum  besitzt 
durch  die  Güte  des  Königlichen  Oberbergamts  zu  Halle  eine  voll- 
ständige Schichtenfolge  der  Camminer  Bohrung,  und  Herr  E.  Gei- 
nitz hatte  auf  meine  Bitte  die  Freundlichkeit,  mir  einige  Proben 

*)  Hauchecorne,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1876,  S.  423  und  775. 

Beyrich,  ebenda  S.  424. 

Cramer,  Zeitschr.  f.  Berg-,  Hütten-  u.  Salinenwesen  1884,  S.  151 — 159. 


128 


Alfred  Jentzsch,  Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias 


der  Rempliner  Gesteine  zu  übersenden,  welche  ich  nun  mit  den 
Camminer  Schichten  vergleichen  konnte.  Da  das  Cenoman  von 
Remplin  völlig  sichergestellt  ist,  sehe  ich  von  dessen  Schilderung 
ab.  Von  den  als  Lias  angesprochenen  Schichten  liegen  mir  Proben 
der  Sande  d und  e vor,  sowie  Concretionen,  aus  denen  sieh  nichts 
für  das  Alter  entnehmen  lässt.  Dem  weissen  Sande  e von 
Remplin  (welcher  ganz  gewöhnlichen  Tertiärsanden  gleicht), 
ist  nun  unter  den  Camminer  Bohrproben  am  ähnlichsten  die 
Probe  No.  41  : grauer  grobkörniger  Quarzsand  von  160,30  bis 
178,44  Meter  Tiefe,  welcher  bei  160,30  Meter  Tiefe  ein  0,12  Meter 
mächtiges  Kohlenflötzchen  enthält. 

Ein  wenig  gröber,  aber  sonst  gleich,  ist  die  Probe  No.  39: 
hellgrauer,  scharfer  Quarzsand  von  151,26  — 157,10  Meter  Tiefe. 

Ein  wenig  feiner,  aber  sonst  gleich,  ist  die  Probe  No.  40: 
grauer,  grobkörniger  Quarzsand  von  157,10 — 160,30  Meter  Tiefe. 

Im  Ganzen  entspricht  also  Remplin  e den  Schichten  Cammin 
No.  39/41  von  151,26  — 178,44  Meter  Tiefe. 

Aehnlich,  doch  minder  genau  übereinstimmend,  sind  die  Cam- 
miner Proben: 

No.  50  von  206,21—211,80  Meter 

» 59/60  » 254,40—265,30  » 

' » 66  » 325,98—327,84  » 

» 69  » 329,51—332,45  » 

»71  » 335,30—338,00  » 

Die  in  Cammin  bei  338 — 580  Meter  Tiefe  durchbohrten 
Liasschichten  liefern  nichts  petrographisch  Identisches  oder  nahe 
V ergleichbares. 

Dagegen  weisen  die  Proben  No.  39/41  in  der  That  noch 
grössere  Aehnlichkeit  mit  dem  Rempliner  Sande  e auf,  als  die 
freilich  kleine,  von  mir  1889  auf  Bornholm  gesammelte  Folge  von 
Liasgesteinen. 

Der  Rempliner  schwarze  Sand  d ist  ein  durch  schwarzen 
Kohlenstaub  gefärbter  feinerer  Quarzsand  und  könnte  in  dem 
Camminer  Profil  der  Probe  No.  35 : »grauer  thoniger  Sand  mit 


von  Remplin  in  Mecklenburg. 


129 


Streifen  schwarzen  Sandes«  von  132,55 — 136,17  Meter  Tiefe  ent- 
sprechen, womit  die  Aehnlichkeit  recht  gross  ist. 

Die  Rempliner  Schichten  b — f würden  somit,  falls  sie  Lias 
wären,  am  nächsten  mit  der  von  Cammin  bei  132 — 180  Meter 
Tiefe  durchbohrten  Stufe  übereinstimmen  und  äussersten  Falles 
mit  der  darunter  bis  338  Meter  Tiefe  durchbohrten  Stufe  ver- 
glichen werden  können. 

Da  nun  die  Camminer  Schichten  von  265 — 335  Meter  Tiefe 
als  marin,  und  insbesondere  durch  Ammonites  als  Mittlerer  Lias 
festgestellt  sind,  so  würden  nach  diesem  Vergleichsobjecte  die 
Rempliner  Schichten  zwar  älter  als  Dogger,  aber  nicht  älter  als 
Mittlerer  Lias  sein. 

Bei  solcher  Deutung  würde  es  indess  auffällig  bleiben,  dass 
in  Remplin  Cenoman  concordant  unmittelbar  über  mittlerem 
Lias  läge,  während  zwischenliegende  Stufen  in  Mecklenburg,  Vor- 
pommern und  an  den  Odermündungen  vielfach  bekannt  sind.  Es 
würden  nicht  allein  der  durch  Geschiebe  auf  Rügen,  in  Vor- 
pommern und  der  Mark  angedeutete  Wealden  1)  und  die  Jurabil- 
dungen der  Odermündungen  fehlen,  von  denen  man  vielleicht 
annehmen  könnte,  dass  sie  in  Mecklenburg  nicht  entwickelt  sind, 
sondern  auch  der  marine  obere  Lias,  welcher  als  Opalinusthon 
nicht  nur  in  Vorpommern  bei  Grimmen  (66  Kilometer  nordöstlich 
von  Remplin),  sondern  auch  in  Mecklenburg  bei  Dobbertin  (nur 
39  Kilometer  westsüdwestlich  von  Remplin),  hier  noch  von  Posi- 
donienschiefern  begleitet,  aufgeschlossen  ist. 

In  dem  mesozoischen  Vorlande  Skandinaviens,  zu  welchem 
Mecklenburg  wie  Ostpreussen  unzweifelhaft  gehören,  können  völlig 
gleichartige  Quarzsande  als  letzte  Auswaschungsrückstände  von 
Sedimenten  desselben  gemeinsamen  Verwitterungsheerdes  sehr  wohl 
in  den  verschiedensten  Horizonten  auftreten;  ehe  man  sich  für  die 
Stellung  der  Rempliner  Sande  zum  Lias  entscheidet,  wird  man 
sich  daher  die  Frage  vorzulegen  haben:  ob  denn  nicht  die  jüngsten 
vor-cenomanen  Schichten  jener  Gegend  ebenso  beschaffen  sein 

*)  Yergl.  Deecke,  Ueber  ein  grösseres  Wealden-Geschiebe  im  Diluvium  bei 
Lobbe  auf  Mönchgut  (Rügen).  Mittb.  d.  naturw.  Vereins  f.  Neuvorpommern 
und  Rügen,  20.  Jahrg.  1888. 


Jahrbuch 


9 


130  Alfred  Jentzsch,  Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias 


könnten?  Das  unmittelbare  Liegende  des  Cenomans  ist  in  Mecklen- 
burg gar  nicht,  in  ganz  Nordostdeutschland  mit  Sicherheit  bisher 
nur  an  einer  Stelle  bekannt:  in  Greifswald.  Dort  traf  Busse’ s 
Bohrloch  Selma  *)  unter  54,6  Meter  Diluvium : 


66,7  Meter  Turon : 

0,7  » Cenoman  als  grünen  sandigen  Thon  ohne  Fora- 

miniferen, doch  mit  zahlreichen  Belemnites  ultimus 
d’Orb.  , mithin  im  Niveau  genau  dem  untersten 
Theil  des  Rempliner  Cenomans  entsprechend  und 
petrographisch  als  eine  (vielleicht  nur  durch  das 
Bohrverfahren  bedingte)  Mischung  des  letzteren 
mit  dem  unmittelbar  darunter  liegenden  0,6  bis 
0,75  Meter  mächtigen  Grünsand  zu  betrachten; 

0,3  » rothen  Kreidethon  von  sehr  heller,  fast  gelber  Fär- 

bung ohne  Petrefacten; 


25,3 


15,7 


grauen  Sand  mit  Koh- 
lenbrocken, darunter 
weissen  Sand 


beide  mit  Knauern  von 
Schwefelkies  und  Kalk, 
sowie  mit  Phosphoriten 
und  Belemnites  mini- 
mus , daher  = oberes 
\ / Gault; 

schwärzliche  Thone,  z.  Th.  mit  Kalksteinen,  Schwe- 
felkies, Holz  und  (in  Phosphorit  versteinert):  Am- 
monites  sp.,  Beeten  sp.  cf.  orbicularis  Sow.,  Zwei- 
schalern  und  dickschaligen  Serpeln,  mithin  noch 
als  oberes  Gault  zu  betrachten. 


Durch  ein  von  Scholz *  2)  beschriebenes  Bohrloch  in  Hinrich’s 
Brauerei  in  der  Kirchstrasse  zu  Greifswald  wurde  das  Gault  1878 
nochmals  getroffen  und  in  noch  grösserer  Mächtigkeit  erschlossen. 
Unter  26,75  Meter  Diluvium  und  nur  5,25  Meter  Turon  fand 
man  nämlich  die  dem  Cenoman  und  dem  Gaultsand  entsprechen- 
den Schichten  in  zusammen  31,65  Meter  verticaler  Mächtigkeit, 
und  darunter  70  Meter  Gaultthon,  unter  welchem  noch  2,25  Meter 
»feiner  Sand«  erbohrt  wurden.  Die  wirkliche  Mächtigkeit  ist  ein 


b Dames,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXYI,  1874,  S.  974. 

2)  Mitth.  d.  Naturw.  V.  f.  Neuvorpommern  und  Rügen  XI,  1879,  S.  60  ff. 


von  Remplin  in  Mecklenbnrg.  131 

wenig  geringer,  weil  bekanntlich  in  Greifswald  die  Kreideschichten 
erheblich  einfallen. 

Im  Bahnhofe  Greifswald  traf  ein  anderes  Bohrloch  12,5  Meter 
Diluvium  über  35,8  Meter  Senon  über  7,2  Meter  Turon  über 
2,2  Meter  Gault- Grünsand  nach  Scholz  j). 

Eine  kleine  Probenfolge  des  HiNRiCH’schen  Bohrprofils,  welche 
das  Ostpreussische  Provinzialmuseum  der  Freundlichkeit  des  Herrn 
Scholz  verdankt,  gestattete  mir,  in  einem  1886  in  den  Festungs- 
werken von  Swine  münde  abgeteuften  Bohrprofil  dieselben  Gault- 
schichten wieder  zu  erkennen.  Diese  bei  -+-  3 Meter  über  Nor- 
malnull angesetzte  Bohrung  ergab: 

unter  Normalnull. 

39  Meter  Alluvium  und  Diluvium  ....  bis  36  Meter 

56  » Grauweissen  Kreidemergel  voll  Fo- 

raminiferen, mit  Inoceramus- Bruch- 
stücken, unbestimmten  Zweischa- 
lern  und  einzelnen  Ostracoden  . » 91  » 

Wohl  zweifellos  als  Turon  aufzu- 
fassen. 

3 » Grünerde  ohne  Foraminiferen,  doch 

mit  Salzsäure  noch  ziemlich  reich- 
lich brausend » 94  » 

6 » grauen  Quarzsand  mit  zahlreichen 

Brocken  verkohlten  Holzes  ...  »100  » 

9 » desgl.  mit  spärlichen,  vielleicht  nur 

auf  Nachfall  beruhenden  Kohlen- 
theilen  und  spärlichen  Glaukoniten  » 109  » 

1 » etwas  helleren,  sehr  feinen  Sand  mit 

spärlichen  Kohlentheilen  und  spär- 
lichen, doch  wohl  erkennbaren  und 

frischen  Glaukoniten »110  » 

54  — 110  Meter  entsprechend  der 
oberen  Sandstufe  des  Greifswalder 
Gault. 


*)  Mitth.  d.  Naturw.  Y.  f.  Neuvorpommem  und  Rügen  XXI,  1889. 


132  Alfred  Jentzsch,  Bemerkungen  über  den  sogenannten  Lias 

In  allen  vier  Bohrprofilen  Nordostdeutschlands,  welche  das 
Cenoman  durchsunken  haben,  sind  also  gleichartige  Gaultsande 
gefunden  worden,  welche  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  den  Sanden 
von  Remplin  — des  5.  Punktes , an  welchem  das  Liegende  des 
Cenomans  bekannt  wird  — aufweisen.  Die  speciellere  Vergleichung 
ergiebt,  dass  die  mir  vorliegenden  Swinemftnder  und  Greifswalder 
Proben  theils  wahre  Grünsande,  theils  mindestens  nicht  ganz  frei 
von  Glaukonit  sind,  während  die  Rempliner  unteren  Sande  keinen 
Glaukonit  erkennen  lassen.  Aber  es  ist  eine  bekannte  Thatsache, 
dass  letzterer  bei  gröberer  Ausbildungsweise  der  Sande  (wie  sie 
hier  vorliegt)  zurückzutreten  pflegt;  auch  führt  Dames  im  durch 
Belemnites  minimus  bezeichneten  Oberen  Gault  von  Greifswald  aus- 
drücklich weissen  Sand  an. 

Auch  die  Holzführung  verbindet  Remplin  mit  Greifswald  und 
Swinemünde.  Vor  Allem  aber  scheint  mir  die  Verknüpfung  der 
Rempliner  Quarzsande  mit  Grünsanden  und  durch  diese  mit  dem 
cenomanen  Glaukonitkalk  für  die  Continuirlichkeit  der  Schichten- 
reihe zu  sprechen,  und  deshalb  hier  den  Lias  auszuschliessen. 

Hiernach  halte  ich  es  für  wahrscheinlich,  dass  die  Rempliner, 
von  Herrn  E.  Geinitz  als  Unterster  Lias  angesprochenen  Sande 
dem  Oberen  Gault,  und  zwar  dessen  oberer  Sandstufe  (vielleicht 
verbunden  mit  dem  obersten  Theile  der  Thonstufe)  angehören. 
Dann  ergäbe  sich  folgende  Parallele: 


Grösste  Mächtigkeit  in  Meter 

Greifswald 

Remplin 

Swine- 

verticale 

senkrecht  zur  Schich- 
tung (also  wirkliche) 
bei  Annahme  eines 
Fallens  von  etwa  30° 

Busse 

Hinrichs 

Bahn- 

hof 

münde 

(also 

schein- 

bare) 

(schätzun  gsweise) 

Turon  . . . 

_ 

66,7 

5,25 

j 

56 

66,7 

58 

Cenoman  . . 

2 

1,0 

> 31,65 

7,2 

3 

3 

2 

t Sande 

etwa6-12 

25,3 

) 

2,2' 

16 

28,65 

25  \ 

Oberes  ] , 

< Thone 

— 

15,7 

70,0 

— 

— 

70,0 

60  87 

Gault  J 

\ Sande 

— 

— 

2,25 

— 

— 

2,25 

2 ) 

von  Remplin  in  Mecklenburg. 


133 


Remplin  ist  58  Kilometer  von  Greifswald  und  ca.  100  Kilo- 
meter von  Swinemünde  entfernt;  die  Entfernung  der  letzteren 
beiden  Städte  beträgt  58  Kilometer;  das  angedeutete  früher  vor- 
handen gewesene  Gaultdreieck  umfasst  mithin  eine  Fläche  von 
1470  Geviertkilometer. 

Nach  dem  Ergebniss  der  Greifswalder  Bohrung  ist  dort  das 
Obere  Gault  marin;  dafür  sprechen  nicht  nur  die  Versteinerungen, 
sondern  auch  der  Glaukonit,  welcher  immer  als  eine  submarine 
chemische  Neubildung  aus  zugeführtem  Sedimentmaterial  zu  be- 
trachten ist,  wo  er  nicht  (wie  z.  B.  im  norddeutschen  Diluvium 
und  im  samländischen  Miocän)  als  Geschiebe  auf  secundärer  Lager- 
stätte auftritt.  Eben  dieselbe  Glaukonitbeimengung  deutet  aber 
auf  Zufuhr  von  Sinkstoffen,  also  auf  nahen  Strand  oder  auf  Ab- 
rasionsflächen; die  Holzanhäufungen,  welche  sich  weit  verbreitet 
darin  finden,  bestätigen  dies  und  weisen  auf  bewaldetes  Land, 
welches  als  das  skandinavische  Festland  zu  denken  ist,  falls  nicht 
die  Hölzer  etwa  aus  zerstörtem  Wealden  stammen.  Im  Gegensatz 
also  zu  Mitteldeutschland  zeigt  hier  das  Gault  seine  nördliche 
Uferfacies,  welcher  vielleicht  auch  Süsswasser-Zwischenlagerungen 
nicht  völlig  fremd  sein  mögen.  Erst  unter  ihm  dürfen  wir  jene 
reichgegliederten  Wealdenbildungen  vermuthen,  auf  welche  die 
z.  Th.  längst  bekannten,  zuletzt  durch  Herrn  Deecke  aufgezählten 
Wealdengeschiebe  mit  voller  Bestimmtheit  hinweisen.  In  Pommern 
dürfte  hiernach  der  Wealden  beispielsweise  zwischen  Greifswald 
und  Grimmen  an  das  Diluvium  oder  doch  bis  an  transgredirende 
obere  Kreide  aufragen. 

. Bemerkenswerth  ist  übrigens  in  dem  Rempliner  Profil  das 
Schichtenstreichen  nach  NO.  bezw.  ONO.,  welches  zu  dem  sonst 
in  Mecklenburg  und  Vorpommern  herrschenden  hercynischen 
Streichen  senkrecht  steht,  und  etwa  durch  die  Nähe  des  Malchiner 
Seethaies  bedingt  sein  könnte.  Sollte,  entgegengesetzt  meiner  Ver- 
muthung,  der  Rempliner  Sand  dennoch  Lias  sein,  so  wäre  er 
nicht  zum  Unteren,  sondern  zum  Mittleren  Lias  zu  stellen. 


Die  oberpermisehen  eruptiven  Ergussgesteiiie 
im  SO.- Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 

Von  Herrn  A.  Leppla  in  Berlin. 


Wie  in  der  Nahemulde  mit  dem  Beginn  des  Oberen  Roth- 
liegenden  mächtige  übereinander  gelagerte  Lavaströme  den  Ein- 
tritt neuer  Verhältnisse  bekunden,  so  gewahrt  man  auch  am  SO.- 
Flügel  des  sogen.  Pfälzer  Rothliegenden-Sattels  über  den  Tholeyer 
Schichten  im  Anschluss  an  die  Gebirgsstörungen  am  Schluss  der- 
selben einen  ausgedehnten  Ausbruch  von  Ergussgesteinen.  Ihre 
Mannichfaltigkeit  und  Ausdehnung  reicht  nur  hier  bei  Weitem  nicht 
an  diejenige  in  der  grossen  Decke  an  der  mittleren  und  oberen  Nahe 
heran.  Nur  2 oder  3 Ergüsse  sind  am  Aufbau  der  sogen.  Grenz- 
inelaphyrdecke  betheiligt  und  ihre  steile  Stellung  in  dem  stark 
aufgerichteten  Sattelflügel  mindert  ihre  Oberflächen-Ausdehnung 
noch  um  ein  Bedeutendes. 

Man  darf  es  für  feststehend  erachten,  dass  die  ausgedehnte 
Bildung  von  sauren  und  basischen  Stock-  und  Ganggesteinen  und 
der  sauren  und  basischen  Ergussgesteine  in  der  angegebenen 
Reihenfolge  auf’s  Engste  an  Gebirgsstörungen  anschliessen,  welche 
unmittelbar  nach  Ablagerung  der  Tholeyer  (früher  Oberen  Le- 
bacher  Schichten)  das  ältere  Rothliegende  und  Carbon  der  Nahe 
und  Blies  in  bedeutendem  Maasse  zerstückelte  und  aus  der  ur- 
sprünglichen Lagerung  verrückte  (vergl.  Erläuterungen  zu  Blatt 
Ottweiler  und  Birkenfeld  der  46.  Lief,  der  geol.  Specialkarte  von 
Preussen  u.  d.  thür.  Staaten). 


A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine  etc. 


135 


Man  hat  ferner  genügende  Gründe  zu  der  Annahme,  dass 
die  Lagerung  der  Deeken-Ergüsse  des  Westrichs  wie  diejenige 
des  hangenden  Oberen  Rotbliegenden  ursprünglich  eine  annähernd 
wagerechte  war  und  dass  die  steile  Stellung,  welche  sie  heute 
zwischen  den  gleichförmig  gelagerten  Oberrothliegendschichten 
aufweisen,  eine  Folge  jener  begonnenen  Faltung  ist,  welche 
vor  Ablagerung  des  Mittleren  oder  Haupt-Buntsandsteins  Carbon 
und  Rothliegendes  des  Saar-Nahegebietes  in  einen  grossen  Sattel 
(Pfälzischer  Sattel,  Laspeyres)  und  eine  damit  parallel  strei- 
chende Mulde  (Nahemulde)  aufrichtete.  Die  letzterwähnte  Be- 
wegung war,  wie  es  scheint,  im  nördlichen  Theil  des  West- 
riches,  in  der  Gegend  südöstlich  vom  Donnersberg  und  gegen 
Rheinhessen  zu  weniger  stark  wie  im  SW.  gegen  das  Saar- 
thal zu.  Das  Uebergreifen  der  Trias  über  die  permischen 
Schichten  äussert  sich  hier  in  bedeutendem  Maasse,  indem  sich 
der  Untere  Hauptbuntsandstein  hier  auf  das  Carbon,  südöstlich 
vom  Donnersberg  aber  auf  die  oberpermischen  Röthelschiefer  auf- 
lagert. Die  den  tiefsten  Schichten  des  Ober-Rothliegenden1)  ein- 
geschalteten Ergussgesteine  treten  daher  im  NO.-Theile  des 
Westriches  gegen  das  Mainzer  Becken  hin  mehr  zu  Tage  als 
im  SW. 

Hier  taucht  der  sogen.  Grenzmelaphyr  zum  ersten  Male  am 
rechten  Ufer  des  unteren  Ohmbachthaies  zwischen  Sand  und  Gries 
(NO.  Waldmohr)  auf  und  zieht  sich  längs,  der  tiefsten  Ober- 
rothliegenden-Schichten  über  Dietschweiler,  Nanzweiler,  Nieder- 
mohr j Fockenberg,  Reichenbach,  Albersbach  als  ein  nur  an  we- 
nigen Stellen  unterbrochenes  Band  fort2).  Zwischen  Kollweiler 


*)  leb  nehme  hier  in  Uebereinstimmung  mit  K.  A.  Lossen  die  ältere  von 
Ghebe  zuerst  aufgestellte  Fassung  des  Oberrothliegenden  wieder  auf,  welche  die 
Söterner  Schichten  als  den  Beginn  dieses  Schichtensystems  ansieht  und  verweise 
hier  auf  die  Erläuterungen  zu  Blatt  Ottweiler  und  Birkenfeld. 

3)  Man  vergleiche  seinen  Verlauf  auf  der  »Geognostischen  Uebersichtskarte 
des  kohlenführenden  Saar- Rheingebietes«  von.  E Weiss  und  H.  Laspeyres  (Berlin 
1867),  auf  welcher  am  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels  das  dem  Ober-Roth- 
liegenden und  Buntsandstein  am  meisten  benachbarte  Melaphyrband  den  sog. 
Grenzmelaphyr  darstellt. 


136 


A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven.  Erguss gesteine 


und  dem  Lauterthal  wurde  das  Rothliegende  durch  3 bedeutende 
Quersprünge  in  2 Staffeln  ziemlich  weit  nach  SO.  in’s  Hangende 
vorgeschoben.  Oestlich  der  am  weitesten  nach  SO.  vorgeschobe- 
nen Staffel  von  Eulenbis-Hirschhorn  springt  ein  Stück  des  zerrisse- 
nen Bandes  wieder  zwischen  Frankelbach,  Olsbrücken  und  Schal- 
lodenbach nach  NW.  zurück.  Die  Querverwerfung  Schnecken- 
hausen-Schallodenbach-Rauschermühl  verwirft  die  Ergüsse  aber- 
mals in’s  Hangende  gegen  SO.  Von  Heiligenmoschel  ab  scheint 
sich  die  Decke,  welche  bis  hierher  auf  der  Karte  scheinbar 
nur  aus  einem  Erguss  bestand,  in  zwei  zu  gabeln.  Thatsächlich 
sind  auch  mindestens  zwei  Lavaströme  im  Querprofil  durch  die 
Söterner  Schichten  nordwestlich  Winnweiler  vorhanden.  Jedoch 
scheint  die  mehrfache  Wiederholung  derselben  Ergussgesteine  auf 
streichenden  und  quer  zur  Sattellinie  verlaufenden  Verwerfungs- 
linien zu  beruhen. 

Das  Hangende  der  Ergüsse  sind  im  Allgemeinen  die  weissen 
und  hellbläulichgrün,  hellbläulichgrau,  auch  wohl  rosenroth  ge- 
färbten, oft  gebänderten,  dichten  Thonsteine,  die  wir  als  Tuffe 
der  Felsitporphyre  anzusehen  gewohnt  sind.  Man  trifft  solche  auch 
als  unmittelbares  Liegende  der  Ergüsse,  z.  B.  östlich  Gries.  Die 
neue  Strasse  Reuschbach-Kirchmohr  hat  solche  buntgefärbte  Tuffe 
über  dem  Erguss  aufgeschlossen.  An  manchen  Stellen  treten  an 
Stelle  der  rasch  an  der  Luft  zerfallenden  Thonsteine  rothe  Schiefer- 
thone  (z.  B.  bei  Poerbach,  am  Reiseisberg  östlich  Reuschbach). 
Die  enge  Verknüpfung  der  Ergüsse  mit  den  Felsitporphyr- 
tuffen  und  -Conglomeraten  der  Söterner  Schichten  im  pfälzischen 
Westrich  steht  im  besten  Einklang  mit  den  Verhältnissen  in  den 
Quellgebieten  der  Blies  und  Nahe  zwischen  St.  Wendel  und 
Sötern,  und  wir  haben  daher  allen  Grund  zu  der  Annahme,  dass 
Entstehungszeit  und  -Bedingungen  von  denjenigen  der  grossen 
Ergussformation  an  der  oberen  Nahe,  im  Gebiet  der  Prims  und 
oberen  Blies  durchaus  nicht  abweichen. 

In  dem  engen  Zusammenhang  der  Decke  mit  den  Söterner 
Schichten  in  der  Pfalz  liegt  meines  Erachtens  ein  weiterer  Stütz- 
punkt für  die  Anschauung,  dass  man  die  Ergüsse  mitsammt  den 
sic  einschliessenden  Söterner  Schichten  (Felsitporphyrconglome- 


im  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


1B7 


raten  und  -Tuffen)  den  Bildungen  zuzurechnen  hat,  welche  nach 
den  Störungserscheinungen  am  Schluss  der  Tholeyer  Schichten 
entstanden  sind,  also  dem  Obern  Perm.  Unmittelbar  voraus 
gingen  in  der  Pfalz  und  an  der  oberen  Nahe  die  Bildung  der 
Eelsitporphyrstöcke  und  der  grossen  Mehrzahl  der  eingepressten 
basischeren  Eruptivgesteine.  Diese  Auffassung  schliesst  sich 
auf’s  Engste  an  die  von  K.  A.  Lossen  zuerst  über  das  Alter 
der  Eruptivgesteine  an  der  Nahe  geltend  gemachten  Anschau- 
ungen an. 

Die  Ergüsse  setzen  sich,  den  Donnersberg  südlich  halb  um- 
greifend, nach  NO.  über  Kirchheimbolanden  nach  Rheinhessen  zu 
fort. 

Eine  Gliederung  ist  in  dem  pfälzischen  Theil  bisher  noch 
nicht  versucht  worden.  Die  Gesteine  zeigen  scheinbar  wenig 
Verschiedenheit  und  ihre  weit  vorgeschrittene  Zersetzung  im  Verein 
mit  der  sehr  häufigen  Mandelsteinbildung  veranlassten  nur  selten 
ein  tieferes  Eindringen  in  ihre  Beschaffenheit.  Einige  im  An- 
schluss an  meine  Untersuchungen  an  der  Nahe  ausgeführten  Aus- 
flüge in  das  pfälzische  Gebiet  lehrten  mich  erkennen,  dass  die 
Zusammensetzung  der  Decke  hier  keine  einheitliche  ist  und 
dass  mehrere  Ergüsse  daran  betheiligt  sind. 

ln  der  Hauptsache  lassen  sich  3 Gesteinsformen  unterscheiden, 
die  im  Nachfolgenden  kurz  gekennzeichnet  werden  sollen. 

I.  Porphyrit  (Augitporphyrit). 

Zwischen  Winnweiler  und  Schweisweiler  treten  am  rechten 
Ufer  der  Alsenz  mehrfach  Gesteine  in  SW. — NO.  streichenden 
Lagern  auf  (Küchengarten  200 — 300  Meter  unterhalb  Winnweiler; 
gegenüber  dem  Dorf  Hochstein;  Steinbruch  an  der  Strasse  zwi- 
schen Eisenschmelz  und  Schweisweiler),  welche  den  von  mir  im 
Bereich  des  Steinalbgebietes  (Bl.  Baumholder)  und  der  oberen 
Nahe  (Bl.  Birkenfeld  und  Preisen)  als  einsprenglingsarme  Por- 
phyrite  bezeichneten  Gesteinen  ausserordentlich  ähneln,  z.  B.  den 
Gesteinen  am  Gipfel  des  Herzberges  und  Schweisberges,  südöstlich 

lj)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1891  XLIII,  539. 


138 


A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


und  östlich  Eckersweiler,  auf  der  Haide  zwischen  Hahnweiler, 
Gimbweiler  und  Leitzweiler  (Bl.  Freisen)  u.  s.  w.  Sie  haben  eine 
dunkelgraue  Farbe,  feines  bis  dichtes  Korn  und  auf  gewissen 
Bruchflächen  einen  seidenartigen  Glanz  (feinschuppiges  Aussehen 
nach  Lossen)  erzeugt  durch  das  Hervorleuchten  zahlreicher,  winzig 
kleiner,  annähernd  parallel  angeordneter  Feldspathtäfelchen  (Hoch- 
stein). Einsprenglinge  fehlen  den  Gesteinen  fast  gänzlich.  In  vor- 
geschrittener Umwandlung  begriffen,  zeigen  sie  vielfach  dunkelrothe 
Streifen,  Flecken  und  Bänderung  durch  Ausscheidung  von  Eisen- 
oxyden. Die  Absonderung  liefert  kleinprismatische  und  dünne, 
plattige  Brocken.  Mandelsteine  sind  vielfach  vorhanden  (Schiefer- 
fels östlich  Schweisweiler). 

Die  starke  Zersetzung  hat  in  allen  gesammelten  Proben  den 
Augit  entfernt  und  man  erkennt  nur  bläuliche  bis  gelblichgrüne 
chlori tische  Faseraggregate  von  sehr  unregelmässiger  Form.  Selbst 
die  den  Haupttheil  des  Gesteins  ausmachenden  Feldspathleistchen 
sind  stark  getrübt  und  fast  nirgends  frisch.  Sie  lagern  sich  meist 
ziemlich  parallel  in  flussartigen  Zügen  und  Wellen.  Einzelne 
Kryställchen  der  feldspäthigen  Masse  haben  kurze  gedrungene 
Form  und  scheinen  meist  einheitliche  Individuen  zu  sein.  Sie 
mögen  vielleicht  dem  Orthoklas  angehören,  wie  auch  einige 
grössere  einsprenglingsartige  Individuen.  Fast  nirgends  fehlen 
unregelmässige  zerfetzte  Biotitblättchen  in  vorgeschrittener  Zer- 
setzung. Sie  sind  jedoch  sehr  spärlich.  Quarz  leuchtet  vereinzelt 
in  den  Restecken  der  Feldspathleisten  hervor.  Eisenglanz  und 
Kalkspath  sind  überall  in  feiner  Vertheilung  vorhanden.  Dieselben 
Gesteine  bemerkt  man  im  Falkensteiner  Thal  und  zwar  in  den 
tieferen  Horizonten  des  Felsitporphyrconglomerats  nördlich  der 
Räuberhöhle  gegen  das  Dorf  Falkenstein  zu. 

Der  Porphyrit,  welcher  hier  an  der  westlichen  Strassen- 
böschung  etwa  750  Meter  in  der  Luftlinie  nördlich  des  Wam- 
bacher  Hofes  ansteht,  zeigt  einzelne  grössere  Feldspäthe  und 
Augite  erster  Entstehung,  freilich  ganz  umgewandelt  und  nur  an 
den  Formen  erkennbar.  Er  enthält  neben  sehr  vereinzelten,  noch 
frisch  erhaltenen,  monoklinen  Augiten  viele,  aber  sehr  kleine 
Bastite  in  dem  Feldspathfilz  der  Grundmasse. 


im  SO. -Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


1 30 


Eine  Bauschanalyse,  ausgefüh 
Laboratorium  der  geologischen  I 


t von  Herrn  K.  Klüss  im 
ndesanstalt,  ergab : 


Si02 

Ti02 

Al203  

Fe203  

FeO 

MgO 

CaO 

Na20 

K20 

H20 

S03 

P2O5 

Specifisches  Gewicht  . 


. 60,22 
. Spur 
. 16,96 

. 6,34 

. 0,80 
. 1,05 

. 3,19 

. 5,53 

. 4,32 

. 1,53 

. 0,07 

. 0,44 

100,45 
. 2,662. 


Ein  Alkaligehalt  von  9,85  pCt.  wurde  unter  den  zahlreichen 
Analysen,  welche  von  den  Gesteinen  des  Saar-Nahegebietes  vor- 
liegen, bei  Gesteinen  mit  einem  Kieselsäuregehalt  von  60  pCt. 
bisher  nicht  beobachtet.  Quarz  scheint  hier  zu  fehlen.  Man  muss 
daher  im  Hinblick  auf  die  geringen  Mengen  von  Kalk  und  Magnesia 
annehmen,  dass  der  Feldspath  kali-  und  natronreichen  Mischungen 
angehört.  Das  Mikroskop  lässt  orthoklasähnliche  Feldspäthe  be- 
sonders unter  den  Einsprenglingen  erkennen.  Der  geringen  Menge 
von  alkalischen  Erden  entspricht  der  minimale  Gehalt  an  augiti- 
schen  Mineralien  und  das  ausserordentliche  Vorwalten  des  Feld- 
spathes.  Das  Gestein  ist  bereits  stark  oxydirt.  H.  Laspeyres1) 
hat  in  einem  Porphyrit  aus  dem  Falkensteiner  Thal  (nicht 
»Frankensteiner  Thal«)  60,176  pCt.  Kieselsäure  nachgewiesen. 
Ich  möchte  glauben,  dass  der  Fundort  mit  demjenigen  des  Ma- 
terials der  oben  angeführten  Bauschanalyse  übereinstimmt. 

*)  Verhandl.  d.  naturhist.  Vereins  d.  preuss.  Rheinlande  und  von  Westphalen, 
Ronn  1883,  XL,  S.  389. 


140 


A.  Lepplä,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


In  geringer  Ausdehnung  findet  sich  ein  porphyritisches  Ge- 
stein in  Verbindung  mit  einem  dunkelgrauen  Tuff1)  in  den  tieferen 
Schichten  des  Felsitporphyrtuffes  am  Westabhang  des  Lindenberges 
südöstlich  Gehrweiler.  Einige  Meter  über  dem  sehr  geringmächtigen 
Porphyrit  folgt  ein  diabasischer  Melaphyr  wie  am  Nordwestabhang 
des  Thronfels  südlich  Schweisweiler. 

Unter  dem  von  H.  Laspeyres  gesammelten  Material  befindet 
sich  noch  eine  Probe  mit  der  Ortsbezeichnung  »Thierwasem«  bei 
Kirchheimbolanden.  Das  Gestein  kommt  in  allen  Stücken  dem 
Porphyrit  im  Steinbruch  oberhalb  Schweisweiler  an  der  Strasse 
nach  Hochstein  so  nahe,  dass  ich  annehmen  muss,  dass  die  sauren 
Gesteine  der  Decke  noch  nordöstlich  vom  Donnersberg  gegen 
Rheinhessen  ihre  Fortsetzung  finden. 

In  den  Aufschlüssen  am  Schieferfels  östlich  Schweisweiler, 
sowie  gegenüber  Hochstein,  endlich  südöstlich  Gehrweiler  folgen 
unter  dem  Porphyrit  zunächst  noch  einige  Meter  der  meist  sehr 
bunt  gebänderten,  feinkörnigen  bis  dichten,  auch  stellenweise  grob 
breccienhaften  Felsitporphyrtuffe  und  weiter  im  Liegenden  gelb- 
lichgraue Arkosen  und  Schieferthone  der  Tholeyer  Schichten.  Man 
hat  also  nach  meinen  bisherigen  Beobachtungen,  da  ein  Melaphyr- 
erguss  unter  dem  Porphyrit  fehlt,  diesen  als  den  ältesten  Erguss 
aufzufassen. 

Weitere  Vorkommnisse  von  Porphyrit  sind  mir  südwestlich 
des  Moscheibaches,  also  sowohl  im  Flussgebiet  der  Lauter  wie 
des  oberen  Glan  nicht  bekannt. 

Ein  eigenartiges  Gestein  in  vollkrystallinem  Gefüge  steht  zu 
beiden  Seiten  des  Falkensteiner  Thaies  an,  etwa  da,  wo  die  von 
Falkenstein  herabkommende  Strasse  vom  linken  Ufer  auf  das 
rechte  übergeht.  Man  sieht  ein  divergent-strahliges  Aggregat  von 
vorherrschenden,  vielfach  verzwillingten  Leisten  und  untergeord- 


l)  Der  ziemlich  dichte,  dunkelgraue  Tuff  enthält  sehr  viele  eckige  Bruch- 
stücke von  wasserklarem  Quarz,  einzelne  von  Feldspath  (Plagioklas  und  Ortho- 
klas) und  besteht  zumeist  aus  einem  Trümmerwerk  von  Bruchstücken  von  por- 
phyrischen,  vielleicht  basisführenden  Feldspathgesteinen  (quarzfrei)  nicht  sicher 
bestimmbarer  Herkunft.  In  dem  an  chloritischen  Zersetzungsproducten  reichen 
Cement  treten  viele  helle  und  dunkle  Glimmerblättchen  hervor. 


im  SO. -Flügel  des  'pfälzischen  Sattels. 


l4i 


neten  einfachen,,  mehr  quadratischen  Feldspathindividuen  und  da- 
zwischen einen  ziemlich  idiomorphen,  fast  farblosen  Augit,  der 
indess  zum  weitaus  grösseren  Theile  in  ein  dunkelgelblich-grünes, 
parallel-faseriges  und  parallel  - auslöschendes  Aggregat,  zum  unter- 
geordneten Theil  aber  in  eine  unregelmässig-lappige  und  zerfetzte 
Hornblende  (Uralit)  umgewandelt  ist. 

In  den  Restecken  des  Feldspathleistenwerkes  tritt  vielfach 
allotriomorpher  Quarz  auf;  also  ein  sehr  saurer  Grundmassenrest 
(Oxymesostasis)  in  einem  doleritischen  bis  ophitischen  Gefüge. 
Mit  letzterer  Eigenschaft  steht  es  durchaus  im  Einklang,  wenn 
das  Gestein  an  einigen  Stellen  idiomorphen  Olivin  enthält. 

Das  olivinfreie,  augitreiche  und  quarzführende  Gestein  vom 
linken  Ufer  des  Baches  enthält  nach  einer  von  Herrn  A.  Lindster 
ausgeführten  Bestimmung  55,37  pCt.  Kieselsäure,  während  das 
etwas  unterhalb  der  Brücke  nahe  dem  Bachbett  anstehende  olivin- 
führende etwas  verwitterte  Gestein,  bei  dem  indess  die  augitischen 
Gemengtheile  schon  gänzlich  entfernt  sind,  nach  H.  KlüSS 
58,85  pCt.  Kieselsäure  aufweist.  Ich  schreibe  dieses  Mehr  der 
Entfernung  der  alkalischen  Erden  (auch  Carbonate  fehlen)  und 
der  chloritischen  Zersetzungsproducte,  also  Zersetzungs-  und  Um- 
lagerungserscheinungen zu.  Von  dem  Quarz  abgesehen  würde 
man  die  eben  beschriebenen  Gesteine  ihres  divergent-strahligen 
Gefüges  wegen  eigentlich  zu  den  Melaphyren  zählen,  wie  dies 
auch  bei  einem  Kieselsäuregehalt  von  55,37  pCt.  nicht  unbegrün- 
det erscheint,  und  um  die  Oxymesostasis  zum  Ausdruck  zu  brin- 
gen, wäre  die  Beifügung  »quarzführend«  den  Thatsachen  ent- 
sprechend. Doleritische  Melaphyre  stehen  als  eingepresste  Mag- 
men mit  den  quarzführenden  Melaphyren  im  räumlichen  Zusam- 
menhang (Bierberg,  Falkenstein  u.  s.  w.).  Es  scheint  mir  wichtige 
hervorzuheben,  dass  die  quarzführenden  Melaphyre  von  Wald- 
hambach und  Silz1)  am  Ostrand  der  Nordvogesen  den  Kieselsäure- 
Ueberschuss  als  eine  Art  Einsprengling  und  nicht  als  Resteck- 
ausfüllung führen,  also  sich  wesentlich  von  dem  vorbeschriebenen 
Gestein  des  Falkensteiner  Thaies  unterscheiden.  Ich  bemerke 


Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1892  XLIY.  419. 


142  A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 

ausserdem,  dass  letzteres  höchst  wahrscheinlich  nicht  zu  den  Er- 
güssen, sondern  zu  den  eingepressten  Gesteinen  gehört. 

II.  Melaphyre. 

Die  Fassung  des  Begriffes  »Melaphyr«  hat  sich  in  den  letzten 
Jahren  dahin  geklärt,  dass  mau  unter  ihm  nur  die  Vertreter  der 
altpalaeolithischen  Diabase  und  känolithischen  Basalte,  also  nur 
die  an  Kieselsäure  ärmeren  (unter  55  pCt.  im  Mittel),  an  zwei- 
werthigen  Metallen  (alkalischen  Erden)  reichen  Gesteine  zusammen- 
fassen darf,  gleichviel  ob  die  genannten  chemischen  Eigenschaften 
das  Vorhandensein  von  Olivin  bedingen  oder  nicht.  In  den 
meisten  Fällen  wird  er  wohl  kaum  fehlen.  Nicht  sonderliches 
Gewicht  möchte  ich  indess  auf  das  jungpalaeolithische  Alter  legen, 
denn  nicht  das  geologische  Alter,  sondern  die  physikalischen  Ver- 
hältnisse in  der  Umgebung  des  in  der  Erstarrung  begriffenen 
Magmas  waren  neben  der  äusseren  Form,  welche  es  anzunehmen 
gezwungen  war,  die  Structur  und  vielleicht  auch  mineralogische 
Zusammensetzung  bedingenden  Kräfte.  Ich  werde  daher  keines- 
wegs anstehen,  die  diabasartigen,  ophitisch-körnigen  Melaphyre 
auch  als  Diabase  oder  Olivindiabase  zu  bezeichnen.  Ebenso 
wenig  scheint  es  mir  berechtigt,  in  unserem  Gebiet  die  Form 
des  Auftretens,  ob  als  eingepresstes  Magma  oder  Erguss,  für 
die  Namengebung  zu  verwerthen,  denn  die  melaphyrischen  Ge- 
steine der  Nahe  können  in  den  Ergüssen  die  gleiche  Structur 
zeigen,  wie  im  eingepressten  Gang  oder  Lager,  vorausgesetzt, 
dass  letztere  mächtiger  als  ihre  Rand-  und  Salbandfacies  sind. 
Den  Ergüssen  fehlen  die  verschiedenen  Aenderungen  in  der 
Structur,  wie  sie  den  eingepressten  Magmen  eigen  sind. 

In  der  grossen  Ergussformation  an  der  oberen  Nahe  greifen 
nach  SW.  zu  gegen  das  Primsthal  bis  zur  Saar  hin  die  basische- 
ren und  jüngeren  Ergüsse,  die  Melaphyre,  über,  indem  hier  di$ 
porphyritischen  Ergüsse  der  ganzen  Reihe  fehlen.  Auch  nach  SO. 
zu  zeigt  sich  dieselbe  Erscheinung.  Im  SO. -Flügel  des  pfälzi- 
schen Sattels  haben  die  melaphyrischen  Ergussgesteine  die  weit- 
aus grösste  Verbreitung  und  porphyritische  sind,  wie  ich  im 


im  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


143 

Vorhergehenden  dargethan  habe,  nur  auf  eine  nicht  allzu  lange 
Strecke  um  den  Donnersberg  herum  beschränkt. 

1.  Basaltischer  einsprenglingsreicher  Melaphyr. 

Mit  dem  Eigenschaftswort  »einsprenglingsreich«  ist  die  por- 
phyrische,  und  wie  ich  gleich  hinzufügen  will,  die  hypokrystallin- 
porphyrische  Structur  dieser  Gesteine  ausgedrückt.  Die  Noth- 
wendigkeit,  im  Feld,  also  ohne  Mikroskop,  eine  Gliederung  der 
Ergussgesteine  vornehmen  zu  müssen,  veranlasste  mich,  solche 
Gesteinsbezeichnungen  zu  wählen,  welche  die  mit  unbewaffnetem 
Auge  oder  höchstens  mit  der  Lupe  zu  erkennenden  Eigenschaften 
kurz  und  scharf  ausdrücken.  Wenn  ich  hierbei  auf  das  Vor- 
kommen von  zahlreichen  Einsprenglingen  etwas  Gewicht  legte, 
so  schien  mir  das  dadurch  begründet,  dass  ich  auch  feinkörnige 
und  dichte  Gesteine  habe,  welche  sich  durch  wenige  Einspreng- 
linge auszeichnen  und  eine  bestimmte  Stellung  in  der  Ergussreihe 
einnehmen.  Vor  Allem  bei  den  Porphyriten  zwangen  mich  die 
wenigen  Unterscheidungsmerkmale  zu  solchen  Bezeichnungsweisen. 
Man  vergleiche  hier  die  Berichte  über  meine  Aufnahmen  im  Nahe- 
gebiet von  den  Jahren  1891  und  1892  (Dieses  Jahrbuch  für  1891, 
Berlin  1893,  S.  LIII — LIX  und  dieses  Jahrbuch  für  1893). 

Die  Gesteine  sind  besonders  frisch  erhalten  an  der  Wacht, 
einer  kleinen  Kuppe  auf  der  Hochfläche  am  Westende  von  Eulenbis 
nordwestlich  Kaiserslautern  und  beinahe  ebenso  frisch  etwa 
600  Meter  südöstlich  des  oberen  Endes  von  Olsbrücken  (im 
Lauterthal)  am  Weg  nach  Mehlbach.  Man  hat  es  hier  mit  fast 
schwarzen,  rauh  und  uneben  brechenden  Gesteinen  zu  thun, 
bei  welchen  in  einer  feinkörnigen  und  nicht  vorwaltenden  Grund- 
masse farblose,  glasglänzende,  deutlich  zwillingsstreifige  Feld- 
spathtafeln  bis  zu  10  Millimeter  Grösse  eingebettet  liegen.  Die 
Einsprenglinge  des  Feldspathes  treten  noch  deutlicher  hervor, 
wenn  das  Gestein  einen  vorgeschrittenen  Verwitterungszustand 
erreicht  hat.  Die  Grundmasse  erhält  alsdann  eine  dunkle,  violett- 
graue oder  auch  -braune  Farbe  und  aus  ihr  heben  sich  die  in  der 
Regel  strahlig  gruppirten  milchweissen  Feldspäthe  scharf  ab.  In 


144 


A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


diesem  Zustand  lassen  sich  auch  dunkelgrüne  Pseudomorphosen 
nach  Augit  und  rothbraune  metallisch-glänzende  (Eisenglanz)  nach 
Olivin  erkennen.  Augit  tritt  unter  den  drei  fast  einschlussfreien 
Gemengtheilen  erster  Entstehung  hinsichtlich  seiner  Häufigkeit 
und  einer  wohlausgebildeten  äusseren  Begrenzung  hinter  Olivin, 
besonders  aber  hinter  dem  Feldspath  an  Menge  zurück.  Die  gla- 
sigen Feldspäthe  sind  zonar  aufgebaut  und  nähern  sich  in  den 
optischen  Constanten  der  Labrador-Mischung.  Sie  bleiben  bei  der 
Umwandlung  ziemlich  lange  frisch  und  nehmen  durch  eingedrun- 
genen Eisenglanz  eine  rothe  Färbung  an. 

Der  augitische  Gemengtheil  hat  eine  blassgelbe  Färbung,  ist 
oft  in  der  Spaltung  vielfach  verzwillingt  und  ziemlich  einschluss- 
frei. An  der  Strasse  von  Fockenberg  nach  Reichenbach  wurden 
deutlich  ausgebildete  Krystalle  bis  10  Millimeter  Länge  umge- 
wandelt in  ein  blassgrünes,  feinfaseriges  Aggregat  beobachtet. 
Das  Mineral  dürfte  selbst  wieder  ein  Umwandlungsproduct  des 
Bastits  sein,  der  sich  hier  und  westlich  Elschbacherhof  in  verein- 
zelten charakteristischen  Kryställchen  erkennen  lässt.  Thatsächlich 
konnte  auch  ein  frischer  rhombischer  Augit,  Enstatit,  an  einzelnen 
Orten,  z.  B.  zwischen  Olsbrücken  und  Schallodenbach,  dann  bei 
Reichenbach,  neben  Augit  als  Einsprengling  nachgewiesen  werden. 
Die  Olivine  sind  nirgends  frisch.  Im  ersten  Umwandlungszustand 
zeigen  sie  ein  öl-  oder  bräunlichgrünes,  meist  radial-,  auch  wirr- 
faseriges Aggregat  (Serpentin1);  in  einem  späteren  Stadium  ist 
an  dessen  Stelle  der  rothbraune,  durchscheinende  Eisenglanz  ge- 
treten. Seine  Bildung  schreitet  vom  Rand  und  von  Spalten  und 
Rissen  gegen  das  Innere  vor.  Im  letzten  Stadium  des  immerhin 
noch  äusserlich  festen  Gesteins  tritt  nach  Wegführung  des  Eisen- 
oxydhydrates an  Stelle  der  Olivine  ein  farbloses,  wasserklares  Mi- 
neral, welches  Calcedon  zu  sein  scheint. 

Die  opaken  Erze  sind  in  feiner  Vertheilung  vorhanden  und 
nach  den  Formen  zu  schliessen  scheint  Titaneisen  nur  sehr  unter- 
geordnet vertreten  zu  sein. 


>)  Serpentin  trifft  man  auch  an  vielen  Stellen  auf  den  Kluftflächen  der 
Ergüsse  (Strasse  Reuschbach-Obermohr). 


im.  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


145 


Die  Grundmasse  erweist  sich  als  ein  Gemenge,  bestehend  aus 
einem  vorwaltenden,  durch  viele  Globulite  und  kurze  Stäbchen 
dunklen  Glas  und  darin  ausgeschiedenen  Gemengtheilen  der 
zweiten  Entstehung:  Feldspathleistchen  und  -Nadeln  und  Augit- 
körnchen  von  undeutlicher  Krystallform.  In  einigen  Fällen  be- 
merkt man  in  dem  Glasteig  auch  eine  schwache  Doppelbrechung, 
wahrscheinlich  hervorgerufen  durch  ein  dem  feldspäthigen  Gemeng- 
theil ähnliches  Entglasungsproduct.  Bei  der  Zersetzung  des  Ge- 
steins geht  die  Basis  unter  Annahme  einer  gelbgrünen  (ölgrünen) 
Färbung  in  ein  feinfilziges  Faseraggregat  über,  welches  sich  von 
demjenigen  des  Olivins  nur  durch  die  Kleinheit  der  Faserbündel 
und  — Sphäroide  und  ein  kräftigeres  Gelb  unterscheidet.  Das 
dürfte  auf  eine  ziemlich  basische  Beschaffenheit  des  Glases  deuten. 
Die  Reihenfolge  der  Gemengtheile  der  Grundmasse  wäre  demnach 
Plagioklas,  Augit,  Glasbasis. 

Tritt  die  Menge  der  letzteren  gegen  die  Ausscheidungen  der 
zweiten  Entstehung  zurück,  und  dies  ist  in  den  meisten  der  hierher 
gehörigen  Gesteinen  der  Fall,  so  verliert  der  Augit  der  Grund- 
masse die  noch  im  grossen  Ganzen  erkennbare  Krystallbegrenzung 
und  seine  äussere  Form  wird  alsdann  von  den  ihn  seitlich  ein- 
schliessenden  Feldspathleistchen  bestimmt,  er  wird  zur  Resteck- 
ausfüllung. Es  werden  dadurch  Annäherungen  an  die  doleritischen 
und  diabasischen  Melaphyre  erzeugt. 

Solche  Gesteine  mit  untergeordneter  Resteckaasfüllung  durch 
Glasbasis  und  einem  mehr  unregelmässig  körnigen  Augit  der 
zweiten  Entstehung  trifft  man  am  Pfaffenthaler  Wald  und  am 
Fuss  des  Insenkopfes  südlich  Fockenberg.  Es  ist  selbstverständ- 
lich, dass  bei  diesen  Gesteinen  auch  der  Gegensatz  zwischen  den 
magmatischen  Ausscheidungen  erster  und  zweiter  Entstehung  ein 
weniger  kräftiger  ist,  als  bei  den  eingangs  beschriebenen  Mela- 
phyren  (Wacht  bei  Eulenbis).  Auch  in  der  Natur  der  Einspreng- 
linge weichen  die  den  diabasischen  Gesteinen  genäherten  Aus- 
bildungsweisen der  einsprenglingsreichen  Melaphyre  von  deren 
Typus  insofern  ab,  als  nur  Plagioklas  und  Olivin  die  Ausschei- 
scheidungen  erster  Entstehung  (intratellurischen)  vorstellen,  Augit 
und  Enstatit  dagegen  bei  ihnen  fehlen. 


Jahrbuch  1893* 


10 


146 


A.  Leppla,  Die  ob  erp  er  mischen  eruptiven  Ergussgesteine 


In  den  vorgeschrittenen  Umwandlungszuständen  tritt  Calcedon 
und  auch  Kalkspath  auf. 

Das  Gestein  von  der  Wacht  bei  Eulenbis  wurde  durch  Herrn 
H.  Haefcke  im  Laboratorium  der  geologischen  Landesanstalt 
analysirt  und  hierbei  folgende  unter  I angegebene  Werthe  ge- 
wonnen: 


I. 

II. 

Si02  .... 

. 54,13 

53,58 

Ti02  .... 

Spur 

0,98 

A1203  .... 

. 16,17 

15,84 

Fe203  .... 

3,36 

2,98 

FeO  .... 

4,76 

4,90 

CaO  .... 

7,48 

7,86 

MgO  .... 

6,76 

7,16 

Na20  .... 

2,89 

2,99 

K20  .... 

1,63 

1,63 

H20  .... 

2,72 

2,54 

so3  

0,16 

0,16 

p205  .... 

0,19 

0,19 

100,25 

100,75 

Specifisches  Gewicht  2,625 

2,7597. 

Unter  II  führe  ich  eine 

Analyse  von 

Herrn  A.  Hesse  an, 

welche  von  dem  basaltischen  Melaphyr  nördlich  und  bei  Mett- 

weder  (Bl.  Freisen)  im  Nahe 

- Gebiet  ausgeführt  wurde  *).  Mine- 

ralogisch  unterscheidet  sich 

der  Melaphyr 

von  Mettweiler  vom 

Eulenbiser  Gestein  durchaus 

nicht,  wenn 

man  von  sehr  unter- 

geordneten,  butzenförmigen  Ausscheidungen  im  Magma,  die  aus 
Orthoklas  bestehen,  absieht.  Im  Gefüge  weist  die  Gruudmasse 
des  Mettweiler  Gesteins  ein  dichteres  Korn  und  damit  ein  stärkeres 
Hervortreten  der  porphyrischen  Natur  auf.  Die  Glasbasis  tritt  in 
der  Grundmasse  sehr  zurück  und  zeigt  sich  farblos  und  ein- 
schlussarm. 


b Erläuterungen  zu  Blatt  Freisen  der  46.  Liefg.  der  geol.  Special - Karte 
von  Preussen  und  den  thüring.  Staaten.  Berlin  1894,  S.  35. 


im  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


147 


Auf  die  chemischen  Verhältnisse  werde  ich  bei  der  Be- 
sprechung der  Bauschanalyse  des  diabasischen  Melaphyrs  noch 
einmal  zurückkommen. 

Die  basaltischen  einsprenglingsreichen  Melaphyre,  welche  den 
Naviten  Rosenbusch’s  nahe  stehen  mögen,  bilden  vom  SW. -End 
der  Decke  am  SO.-Flügel  des  Pfälzischen  Sattels,  also  von  Sand 
oder  Gries  (nordöstlich  Waldmohr)  aus  bis  gegen  Schalloden- 
bach zu,  den  ersten  Erguss  der  Melaphyre  und  in  diesem  Gebiet 
auch  den  ältesten  Erguss  der  Decke  überhaupt.  Ueber  Schallo- 
denbach nach  NO.  hinaus  sind  mir  bis  heute  keine  ähnlichen  Ge- 
steine in  der  Decke  bekannt  geworden.  Die  etwas  zur  diaba- 
sischen Structur  neigenden  Melaphyre  südlich  Fockenberg  (Insen- 
kopf  und  Pfaffenthaler  Wald)  folgen  über  dem  vorigen  Gesteine 
gegen  das  Hangende  Obere  Perm,  sind  also  jünger  als  sie. 

Diabasische  und  doleritische  Melaphyre. 

Die  Gesteine  haben  ein  körniges,  divergent-strahliges  Gefüge 
und  charakterisiren  sich  dadurch,  dass  Olivin  und  Feldspath  äussere 
Krystallbegrenzung  zeigen,  idiomorph  sind  und  dass  der  Augit 
eine  Art  Zwischenklemmungsmasse  zwischen  den  Feldspathleisten 
bildet.  Das  Gefüge  muss  also  ein  ophitisches  genannt  werden 
und  es  verschlägt  hierbei  nicht  viel,  ob  zwischen  den  Feldspath- 
leföten  noch  Restecke  einer  Intersertalmasse  stecken  oder  nicht.  Die 
schwankende  und  untergeordnete  Menge  dieser  Zwischenklemmungs- 
masse und  ihr  völliges  Verschwinden  lassen  es  meines  Erachtens 
nicht  gerechtfertigt  erscheinen,  sie  zum  Ausgangspunkt  einer  Ab- 
trennung der  Tholeyite  von  den  Diabasen  zu  machen.  Ich  will 
dabei  noch  ganz  davon  absehen,  dass  mau  bei  diesen  Gesteinen 
im  Feld  einen  so  untergeordneten  Rest  einer  individualisirten, 
oder  nicht  individualisirten  Basis  nicht  einmal  ahnen  kann.  Im 
Nahe -Gebiet  kann  ich  die  äusserlich  deutlich  körnigen  und  ba- 
sischen Gesteine  ohne  besondere  Schwierigkeiten  mit  blossem 
Auge  absondern  und  ihre  geologische  Zusammengehörigkeit  ver- 
folgen. K.  A.  Lossen  hat  für  die  Gesteine  die  Begriffe  Meso- 
dolerit  bis  Mesodiabas  gewählt.  Sieht  man  von  den  Altersbezie- 
hungen bei  der  Namengebung  ab,  so  wird  man  diese  Gesteine 

10* 


1 48  A.  Leppla.  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 

als  ophitische  Diabase  bezeichnen  und  wer  auf  den  Olivingehalt 
einen  besonderen  Werth  legen  will,  würde  sich  für  die  von 
Zirkel1)  gewählte  Fassung  des  Begriffes  Olivindiabas  ent- 
scheiden müssen. 

Ich  habe  bereits  die  allgemeine  Charakteristik  der  Gesteine 
eingangs  gegeben.  Die  frischen  Proben  zeigen  durchgängig  eine 
dunkelgraue  bis  schwarze  Farbe  und  ein  mittleres  Korn,  in  dem 
die  Feldspathe  durch  ihre  oft  glasglänzenden  Spaltflächen  hervor- 
leuchten. Bei  dem  zuerst  ausgeschiedenen  Gemengtheil , beim 
Olivin,  geben  die  rothbraunen  Ränder  des  Rotheisenerzes  um  den 
grünlich-gelben  Faseraggregaten  von  Serpentin  die  äussere  Form 
deutlich  wieder  (Erguss  zwischen  Schneckenhausen  und  Heiligen- 
moschel). Aber  wenn  auch  die  Erzränder  fehlen  und  nur  die  öl- 
grünen Serpentinaggregate  vorliegen  wie  bei  Eulenbis,  Höringen, 
Wingertsweiler,  Winnweiler  U.  s.w.,  dann  tritt  die  Olivinform  immer 
noch  deutlich  genug  hervor.  An  Einschlüssen  ist  er  sehr  arm. 
Vereinzelte  quadratische,  braun  durchscheinende  Kryställchen  sind 
vielleicht  als  Picotit  zu  deuten.  Die  Feldspäthe  als  vorherrschender 
Gemengtheil  bilden  zwillingsstreifige  Leisten,  die  sich  theils  um 
die  Olivine  legen,  theils  berühren,  aber  auch  in  die  grossen  Augit- 
körner  hineinragen  oder  von  ihnen  umschlossen  werden.  Da,  wo 
sie  sich  gegenseitig  berühren,  bleibt  mitunter  ein  sehr  kleines 
Eck  (Dreieck)  globulitischer  und  an  opaken  Stäbchen  reicher 
Glasbasis,  welche  aber  nicht  immer  zwischen  gekreuzten  Nicols 
ganz  dunkel  bleibt,  also  in  manchen  Fällen  wieder  Ausscheidungen 
führt.  In  den  meisten  Gesteinen  zeigt  sie  eine  starke  Neigung, 
in  ein  grünes,  feinfilziges  Aggregat  überzugehen.  Die  Augite  in 
ihren  grossen  unregelmässigen,  zackigen  Körnern,  welche  durch 
die  eingeschlossenen  und  hineinragenden  Feldspäthe  wie  zerhackt 
aussehen,  haben  eine  blassröthliche  oder  -bräunliche  Färbung,  die 
derjenigen  in  den  granitisch-körnigen  Diabasen  etwas  ähnelt. 

Die  diabasischen  Gesteine  enthalten  Titaneisen  in  ziemlicher 
Menge,  besonders  die  Gesteine  von  Eulenbis,  Winnweiler,  Win- 
gertsweiler, 1 Kilometer  nordöstlich  Dannenfelser  Mühle  u.  s.  w. 


*)  Lehrbuch  der  Petrographie.  2.  Aufl.  II.,  Leipzig  1894. 


im  SO. -Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


149 


Neubildungen  von  opakem  Erz  (Rotheisenerz)  und  Kalkspath  nehmen 
in  den  zersetzten  Gesteinen  einen  grossen  Raum  ein. 

Dies  sind  etwa  die  gemeinsamen  Merkmale  der  in  der  Decke 
vertretenen  diabasischen  Gesteine.  Einige  kleine  Abweichungen 
sollen  nicht  unerwähnt  bleiben.  In  den  Gesteinen  am  Rücken- 
weg von  Hirschhorn  nach  Eulenbis  (nördlicher  Rand  des 
Schwarzwaldes)  ist  frischer  Olivin  in  dem  vom  Rand  und  den 
Rissen  her  bereits  serpentinisirten  Einsprenglingen  erhalten  ge- 
blieben. Verhältnissmässig  viel  trichitische  und  globulitische  Glas- 
basis bleibt  hier  zwischen  den  Feldspathleisten  als  nicht  individuali- 
sirter  Rest  des  Magmas  zurück  oder  geht  in  radialstrahliges,  blau- 
grünes, kleinfaseriges  Aggregat  über.  Die  Feldspäthe  treten  hier 
bereits  in  2 Altersstufen  in  Form  von  grossem  Einsprenglingen 
und  kleinern  Leisten  auf.  Man  hat  es  also  mit  einer  Andeutung 
von  porphyrischer  Structur  zu  thun.  Der  Augit  weicht  indess  in 
keiner  Weise  von  den  Ophitnatur  des  Gesteins  ab.  Eigen thümlich 
bleibt  es,  dass  neben  dem  frischen  Olivin  Kalkspath,  wie  es  scheint 
an  Stelle  der  bereits  umgewandelten  Glasbasis  im  Gestein  vor- 
handen ist. 

Zu  den  basisreicheren,  also  zu  den  doleritischen  Melaphyren 
(nach  K.  A.  Lossen  zu  den  Mesodoleriten),  gehört  auch  das  Ge- 
stein vom  Katharinenthal  nördlich  Imsbach  am  Donnersberg.  Hier 
zeigt  der  Augit  bereits  Neigung,  eine  Krystallform  anzunehmen, 
wenigstens  sind  die  geschlossenen,  weniger  zerhackten  Individuen 
zahlreicher  als  sonst. 

An  zwei  Stellen  südlich  Fockenberg  wurde  ein  unzweifelhaft 
diabasisches  Gestein  über  dem  basaltischen  Melaphyr  beobachtet, 
z.  B.  am  südlichen  Fuss  des  Reiseisbergs,  südöstlich  Reuschbach 
und  am  Pfaffenthaler  Wald.  Dies  scheinen  auch  die  am  weitesten 
nach  SW.  gelegenen  Vorkommnisse  der  Diabasdecke  zu  sein. 
Durch  das  Hervortreten  einzelner  einsprenglingsartiger  Feldspäthe 
und  einer  etwas  grösseren  Ausdehnung  der  einschlussreichen 
(Magnetit)  und  trichitischen  Basis  nähern  sich  die  Vorkommen 
denjenigen  vom  Schwarzwald  zwischen  Eulenbis  und  Hirschhorn, 
ln  dem  diabasischen  Melaphyr,  welcher  am  rechten  Ufer  des  Thaies 
unterhalb  Höringen  nahe  der  Kirche  ansteht,  zeigt  sich  im  Schliff 


150 


A.  Leppi.a.  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


ein  butzenförmiges  Aggregat  von  unregelmässigen  Körnern  (gra- 
nitisch-körnigem)  Feldspath,  meist  einheitliche  Krystalle  neben  ein- 
zelnen zwillingsstreifigen.  Etwas  Quarz  scheint  nicht  zu  fehlen, 
ist  jedoch  nicht  sicher.  Die  eigentliche  Gesteinsmasse  füllt  die 
unregelmässigen  Zwischenräume  der  sauren  Butzen  aus  und  um- 
hüllt die  aus  ihnen  vorstehenden  Feldspathkrystalle.  Die  Deutung 
als  fremde  Einschlüsse  scheint  mir  ausgeschlossen  zu  sein,  weil 
eine  scharfe  Begrenzung  der  Butzen  fehlt  und  weil  die  Gesteins- 
masse das  zackige  und  lappige  Aggregat,  ohne  irgend  eine  Verände- 
rung zu  zeigen  oder  zu  erzeugen  umschliesst.  Es  mögen  vielleicht 
ältere  saure  Ausscheidungen  des  Magmas  vorliegen. 

Die  von  Herrn  K.  Klüss  ausgeführte  Bauschanalyse  des  dia- 
basischen  Melaphyres  aus  dem  Steinbruch  etwa  100  Meter  nörd- 
lich der  Kirche  von  Hör  in  gen  (rechtes  Ufer  des  Baches)  west- 


lich Winnweiler  ergab: 

Si02  50,15 

Ti02 0,33 

A1203  . 15,02 

Fe203  5,17 

FeO  5,17 

MgO 6,90 

CaO  8,25 

Na20 2,59 

K20  1,33 

H20  4,08 

S03  0,09 

P205  . • 0,26 

C02  0,32 


99,66 

Specifisches  Gewicht  . . . 2,753. 

Der  geringe  Gehalt  an  Kieselsäure  und  Alkalien  und  die 
grosse  Menge  von  alkalischen  Erden  und  Eisen  in  beiden  Gesteins- 
arten (vergl.  Analyse  S.  146)  stehen  im  besten  Einklang  mit  der 
chemischen  Natur  und  der  mineralischen  Zusammensetzung  der 
Melaphyre.  Wenn  man  die  mitgetheilten  Analysen  der  basaltischen 


im  SO. -Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


151 


Melaphyre  mit  denjenigen  des  diabasischen  vergleicht,  so  stehen 
den  sinkenden  Beträgen  für  Kieselsäure  und  Alkalien  steigende 
von  zweiwerthigen  Metallen  gegenüber.  Die  Kieselsäure  ist  von 
54,13  pCt.  auf  50,15  pCt.,  die  Alkalien  sind  von  4,52  pCt.  auf 
3,93  pCt.  herabgegangen,  dagegen  hat  sich  der  Kalkgehalt  von 
7,48  pCt.  auf  8,25  pCt.  und  die  Summe  der  zweiwerthigen  Metall- 
oxyde von  19  pCt.  auf  20.32  pCt.  erhöht.  Die  Thonerde  steht 
wie  sonst  in  kalkreichen  Gesteinen  in  geradem  Verhältniss  zum 
sinkenden  Kieselsäuregehalt.  Der  erhöhte  Gehalt  an  Eisen  und 
Eisenoxyd  ist  im  Verein  mit  der  im  diabasischen  Melaphyr  vor- 
handenen Titansäure  auf  die  Gegenwart  von  Titaneisen  in  diesem 
Gestein  zurückzuführen.  Der  vorhandene  Kalkspath  und  die  grössere 
Wassermenge«  deuten  auf  einen  erhöhten  Grad  der  Umwandlung 
des  Höringer  Gesteins  im  Vergleich  zu  demjenigen  von  der  Wacht 
bei  Eulenbis  hin.  Die  diabasischen  J^Ielaphyre  überlagern,  wie 
erwähnt,  die  basaltischen.  Die  Querschnitte  durch  die  Decke  bei 
Fockenberg,  Eulenbis  und  zwischen  Olsbrücken  und  Mehlbach 
zeigen  vom  Liegenden  zum  Hangenden  zuerst  einen  basaltischen 
und  zuletzt  einen  diabasischen  Melaphyr.  Darin  liegt  die  Begrün- 
dung für  die  Annahme,  dass  auch  der  Zug  von  diabasischen  Er- 
gussgesteinen von  Heiligenmoschel  über  Höringen,  Winnweiler, 
Hochstein,  Imsbach,  Jakobsweiler  bis  Kirchheimbolanden  jünger 
als  der  basaltische  Melaphyr  zwischen  Sand-Gries  und  Schalloden- 
bach sei.  Zwischen  Winnweiler  und  Schweisweiler  lässt  sich  eine 
Wiederholung  von  diabasischen  Ergüssen  ophitischen  Charakters 
wahrnehmen.  Ob  dies  thatsächlich  verschiedene  Ergüsse  sind,  oder 
ob  die  Wiederholung  nur  eine  scheinbare,  durch  Störungen  er- 
zeugte ist,  bedarf  einer  genauem  Untersuchung. 

Gesteine  von  diabasisch-ophitischem  Charakter  ohne  jede  Spur 
von  Khyotaxis  gehören  im  Allgemeinen  zu  den  selteneren  in  der 
Ergussformation  des  Saar-Nahe-Gebietes.  Es  sind  ähnliche  schon 
von  Lossen  1)  aus  dem  Primsthal  und  der  Söterner  Gegend  erwähnt 
worden,  aber  echte  ophitische  zeigt  die  Decke  bis  jetzt  nur  in 
wenigen  Fällen.  Im  Gebiet  des  im  NW.-Flügel  der  Nahemulde  die 


*)  Dieses  Jahrbuch  für  1883.  Berlin  1884,  S.  XXIII. 


152 


A.  Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


Reihe  der  Ergüsse  eröffnenden  olivinführenden,  basischen  Augit- 
porphyrites  (Sohlzone  Lossen)  zwischen  Idar  und  Mackenrodt 
(östlich  des  Weges)  tritt  ungefähr  400  Meter  südwestlich  Callwies- 
weiher  (im  Idarthal)  eine  kleine  Kuppe  von  einem  ophitischen 
Diabasgestein  auf,  welches  sich  in  seinem  Gefüge  aufs  Engste  an 
das  Höringer  anschliesst.  Die  sehr  beschränkte  Verbreitung  in- 
mitten der  tiefsten  Ergüsse  (es  wurden  bisher  nirgends  melaphy- 
rische  Gesteine  in  so  tiefen  Horizonten  beobachtet),  das  körnige 
Gefüge  und  der  Mangel  an  Mandelstein  lassen  mich  annehmen, 
dass  das  Vorkommen  zwischen  Mackenrodt  und  Idar  ein  in  den 
olivinführenden  Augitporphyrit  eingepresstes,  diabasisches  Magma 
vorstellt.  In  den  hangenden  inelaphyrischen  Ergüssen  der  Decke 
bei  Idar,  etwa  1 Kilometer  von  dem  oben  erwähnten  Vorkommen 
in  südlicher  Richtung  entfernt,  tritt  am  Kirchhof  von  Algenrodt 
und  an  der  Strasse  von  hier  nach  Idar  ein  ähnliches,  schwarzes 
und  scheinbar  körniges  Gestein  über  dem  basaltischen  Melaphyr 
auf.  Die  Augite  neigen  indess  hier  schon  mehr  zur  idiomorphen 
Ausbildung  und  das  ganze  Gestein  bildet  dadurch  mehr  einen 
Uebergang  zu  den  basaltischen  Melaphyren,  wenn  auch  die  Glas- 
basis noch  sehr  untergeordnet  bleibt. 

Die  diabasischen  Gesteine  im  Ober-Rothliegenden  und  in  den 
Söterner  Schichten  am  SO. -Flügel  des  pfälzischen  Sattels  zeigen 
gegen  Dach  und  Sohle  deutliche  Mandelsteinbildung,  freilich 
nicht  in  der  ausgeprägten  Weise,  wie  es  die  basaltischen  Me- 
laphyre  thun,  bei  denen  die  runden  Blasen  der  Laven  die  Ge- 
steinssubstanz meist  vollkommen  in  den  Hintergrund  drängen. 
Die  vollständige  Raumerfüllung  herrscht  bei  den  ophitisch-diaba- 
sischen  Laven  vor.  Die  mangelnde  Rhyotaxis  wird  bei  ihnen 
immer  eine  auffällige  Erscheinung  bleiben,  und  es  würde  nach 
dem  Vorkommen  zwischen  Idar  und  Mackenrodt  und  nach  dem 
Gefüge  näher  liegen,  auch  die  diabasischen  Gesteine  in  der  Decke 
der  Pfalz  zu  den  eingepressten  Magmen  zu  rechnen.  Einer  solchen 
Annahme  steht  die  auf  grosse  Strecken  gleichförmige  und  decken- 
artige Ausbreitung  und  das  Auftreten  in  den  Felsitporphyr-Conglo- 
meraten  und  -Tuffen  der  Söterner  Schichten  neben  der  Mandel- 
steinbildung am  Dach  und  Sohle  entgegen. 


im  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


153 


Sehr  zahlreich  und  ausgedehnt  sind  ähnlich  gefügte  Mela- 
phyre  im  benachbarten  Unter-Rothliegenden  des  südöstlichen  Sattel- 
flügels. Von  Kreimbach  im  Lauterthal  an  gegen  NO.  über  Nie- 
derkirchen, Heimkirchen,  Imsweiler,  Ruppertsecken,  Marienthal 
bis  nach  Orbis  sind  sehr  ausgedehnte  Lagergänge  von  ophitisch- 
diabasischen  Gesteinen  in  die  Lebacher  und  Tholeyer  Schichten 
eingepresst.  Die  Veränderung  ihres  Gefüges  gegen  das  Salband 
(basaltische,  labradorporphyrische  Ausbildung),  die  Veränderung 
der  benachbarten  Rothliegenden-Schichten,  z.  B.  bei  Niederkirchen, 
Hefersweiler,  Kreimbach,  Imsweiler,  Bauthal  (westlich  Orbis)  im 
Hangenden  wie  an  der  Sohle  und  das  schiefe  Abschneiden  der 
Schichten  an  den  Lagergängen,  Stauchung  der  dem  eingepressten 
Magma  benachbarten  Sedimente,  der  Mangel  an  ausgedehnter 
Blasen-  und  Mandelsteinbildung  reichen  meines  Erachtens  voll- 
kommen hin,  die  Einpressung  des  Magmas  der  Gesteine  in  die 
Schichten  für  sicher  gelten  zu  lassen.  Die  Nachbarschaft  und 
Aehnlichkeit  der  ergussförmigen  und  eingepressten  Magmen  lässt 
annehmen,  dass  beide  demselben  Eruptionsherd  entstammen  und 
ihre  Bildungszeiten  nicht  allzu  weit  auseinander  liegen. 

Es  bleibt  mir  noch  übrig,  mit  einigen  Worten  auf  die  die 
Ergüsse  begleitenden  feineren  Sedimente  zurückzukommen.  In  der 
Hauptsache  sind  es  hellgefärbte  (weisse,  hellgraue,  rosenrothe, 
gelbe)  meist  gebänderte  Schichten,  die  in  der  Korngrösse  alle 
Uebergänge  vom  dichtesten,  thonsteinähnlichen  bis  zum  sandigen 
und  sogar  conglomeratischen  Zerreibsei  darstellen.  Mit  Annähe- 
rung an  den  grossen  Felsitporphyrstock  des  Donnersberges  wird 
das  Korn  der  Schichten  gröber  und  aus  dichten,  thonsteinähnlichen 
Tuffmassen  werden  die  in  der  Umgebung  desFelsitporphyres  mächtig 
anschwellenden  Felsitporphyrconglomerate  und  -breccien.  Damit 
ist  hinreichend  wahrscheinlich  gemacht , dass  das  hauptsächlichste 
Material  der  Schichten  ein  umgelagerter  Schutt  des  Felsitporphyres 
ist.  Vor  Allem  die  hellgefärbten  und  gleichmässig  dichten,  thonstein- 
ähnlichen Schichten  stellen  den  feinsten  Porphyrschlamm  dar.  Bei 
starker  Vergrösserung  lassen  sich  in  dem  ausserordentlich  fein- 
krystallinen  Aggregat  nur  einzelne  unregelmässige,  lappige  Partieen, 


154 


A.  Tjkppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


die  Feldspath  ähnlich  sehen,  daneben  aber  sehr  viele  kleine,  farb- 
lose Glimmerblättchen  erkennen,  welche  mit  ihrer  Breitseite  der 
Schichtfläche  parallel  liegen.  Die  Hauptmasse  gewährt  dasselbe 
Bild  wie  ein  in  Kaolin  umgewandelter  Feldspath.  Vereinzelt 
sieht  man  auch  wohl  Bruchstücke  und  Neubildungen  von  Quarz, 
sowie  stark  dichroite  Stäbchen  von  Turmalin.  Schmutziggrüue, 
ganz  trübe,  faserige  Aggregate  von  grösserer  Form  sind  nicht  allzu 
selten.  Man  darf  in  ihnen  vielleicht  einen  umgewandelten  dunklen 
Glimmer  erblicken.  Die  ganze  Masse  ist  meist  von  einem  fein 
und  gleichmässig  oder  auch  wolkenartig  vertheilten  Brauneisen- 
erzstaub, dessen  Menge  mit  den  Schichten  wechselt,  durchsetzt. 

Abweichend  von  den  hellen  Felsitporphyrtuffen  sind  die  grauen, 
deutlich  geschichteten  Tuffe  beschaffen.  In  der  Gegend  zwischen 
Heiligenmoschel  und  dem  Alsenzthal  treten  solche  dunklen  Tuffe 
zwischen  den  helleren  vorwiegend  in  der  Nähe  der  zwischen- 
gelagerten Ergussgesteine  auf.  Ein  auf  dem  Porphyrit  am  NW.- 
Abhang  des  Thronfels  lagernder,  dunkelgrauer,  dichter  Tuff  be- 
steht aus  kleinsten,  etwas  gerundeten,  aber  auch  eckigen  Bruch- 
stücken eines  porphyrischen  Gesteins,  in  dessen  trüber,  ganz  zer- 
setzter, kryptokrystalliner  Grundmasse  sich  nur  die  Umrisse  von 
Feldspathleistchen  erkennen  lassen.  Derartige  Elemente  sind  den 
Felsitporphyrtuffen  fremd  und  auch  keinesfalls  aus  einem  zerstörten 
Felsitporphyr  herzuleiten.  Einige  haben  in  ihrer  stofflichen  Be- 
schaffenheit die  grösste  Aehnlichkeit  mit  den  basaltischen  Mela- 
phyren,  andere  mögen  den  Porphyriten  zuzuschreiben  sein.  Zwischen 
den  Bruchstücken  der  basischen  Eruptivgesteine  lässt  sich  zuweilen 
noch  eine  ähnliche  Masse  erkennen,  wie  die  der  hellen  Tuffe,  meist 
aber  sind  Bruchstücke  von  Quarz,  Feldspath  (auch  Plagioklas) 
auch  von  Biotit  und  Zersetzungsproducte  in  Form  von  grünlichen 
trüben  Faserbündeln,  als  eigentlicher  Teig  der  bruchstückigen 
Elemente  (Rohmühle  bei  Heiligenmoschel)  vorhanden.  Die  dunklen 
Tuffe  setzen  sich  im  Wesentlichen  aus  Material  der  Ergussgesteine 
zusammen,  beherbergen  aber  ausserdem  verhältnissmässig  viel  Quarz. 
Da  die  sauren  Porphyre  des  Donnersberges  im  Allgemeinen  ziem- 
lich viel  porphyrischen  Quarz  besitzen,  also  sich  den  eigentlichen 


im  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 


155 


Quarzporphyren  nähern,  so  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  auch 
sie  den  dunkeln  Tuffen  bei  deren  Entstehung  tributär  waren.  Ge- 
wisse Arkosen  der  die  Söterner  Schichten  unmittelbar  unterlagernden 
Tholeyer  Schichten  (z.  B.  am  Weg  zum  Schieferfels  östlich  Schweis- 
weiler) sind  zwar  sehr  reich  an  Quarz,  aber  das  mikroskopische 
Bild  desselben  erinnert  mehr  an  das  der  granitischen  Quarze,  durch 
die  reihenförmigen  Einschlüsse,  die  vielfache  Verwachsung  u.  s.  w. 
Es  scheint  mir  demnach  ziemlich  unwahrscheinlich,  dass  die  das 
Material  zur  Bildung  der  Arkosen  und  Breccien  der  Tholeyer 
Schichten  abgebenden  Granite  und  Gneisse  auch  solches  für  die 
Söterner  Schichten  noch  lieferten. 

Die  Arkosen  der  Tholeyer  Schichten  führen  ebenso  viel  Feld- 
spath  wie  Quarz,  nur  ist  ersterer  meist  sehr  getrübt.  Doch  erkennt 
man  viele  und  grosse  Körner  in  einheitlichen  Individuen,  ausserdem 
auch  einzelne,  vielfach  verzwillingte  und  solche,  welche  das  Aussehen 
von  Mikroklin  haben.  Der  Feldspath  bildet  neben  grösseren  Körnern 
das  feine  Zerreibsei  zwischen  den  meist  grossen  Quarzkörnern.  Die 
Gemengtheile  zeigen  wenige  Spuren  von  Abrollung,  das  Gefüge 
gewährt  vielmehr  das  Bild  einer  Breccie.  Die  Thatsache  lässt 
schliessen,  dass  das  Urgebirge  in  nicht  allzu  grosser  Entfernung 
von  dem  Ablagerungsort  der  Arkosen  anstand  und  das  scheint 
weiter  die  bereits  früher  ausgesprochene  Ansicht  (Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  1892,  Bd.  XLIV,  S.  438)  zu  bestätigen,  dass 
das  Urgebirge  die  Unterlage  und  Ufer  des  Carbons  und  Roth- 
liegenden  am  SO.-Flügel  des  pfälzischen  Sattels  bildet.  Die  Stö- 
rungsepoche zwischen  Tholeyer  und  Söterner  Schichten  dürfte  die 
randlichen  Urgebirgsrücken  in  die  Tiefe  verworfen  haben. 

Die  bisher  gewonnenen  Thatsachen  gestatten  ein  immerhin 
mehr  oder  minder  hypothetisches  Bild  aus  der  Geschichte  des 
Saar-Nahe-Gebietes  in  folgenden  Zügen  zu  entwerfen. 

Die  in  andern  Gebieten  Centraleuropas  so  deutlich  ausge- 
sprochene Störungsepoche  zwischen  Culm  und  productivem  Carbon 
mag  wohl  auch  die  Bildung  jenes  mulden-  oder  grabenförmigen 
Beckens  verursacht  haben,  welches  heute  die  jungpalaeolithischen 
Schichten  von  der  Saar  zur  Nahe  und  weiter  nach  NO.  im  Mainzer 


156 


A Leppla,  Die  oberpermischen  eruptiven  Ergussgesteine 


Becken  und  der  Wetterau  einnehmen.  Der  NW. -Flügel  dieser 
Mulde  bestand  aus  den  aufgefalteten  Schichten  des  Unter-Devons 
und  den  mit  ihnen  eng  verknüpften  älteren  Sedimenten.  Im  SO.- 
Flügel  der  orographischen  Mulde  bildeten  Granite,  Gneisse  und 
archäische  Schiefer  z.  B.  (Hornblendeschiefer), . vielleicht  auch 
devonische  und  culmische  Schichten,  Quarzporphyre  den  Boden 
der  Mulde  und  zwar,  wie  es  scheint,  im  unmittelbaren  Zu- 
sammenhang mit  dem  Urgebirge  der  Südvogesen  und  dem  Lie- 
genden des  Oberen  Perms  und  Buntsandsteins  der  Nord vogesen 
und  des  Odenwaldes.  Die  Bewegungen  im  Becken  scheinen  wäh- 
rend der  Ablagerungen  der  von  den  Ufern  hereingeschwemmten 
groben  Sedimente  fortgedauert  zu  haben.  (Uebergreifen  der  Oberen 
Kuseler  Schichten  am  NW. -Rand.)  Bis  zum  Schluss  der  Tho- 
leyer  Schichten  muss  das  Urgebirge  des  südöstlichen  Muldenrandes 
das  Ufer  gebildet  haben,  denn  seine  Materialien  sind  in  Form 
von  feinem  Grus  und  Gerollen  in  hervorragendstem  Maasse  am 
Aufbau  der  Schichten  des  Carbons  und  Unter-Rothliegenden  be- 
theiligt. 

Die  nun  eingetretenen  Störungen  dürften  den  Urgebirgsrand 
im  SO.  in  die  Tiefe  verworfen  haben,  denn  die  folgenden  Ab- 
lagerungen entstammen  nunmehr  dem  Devon  und  den  an  die 
eben  entstandenen  Störungen  angeschlossenen  Ausbrüchen  von 
kuppen-  und  stockförmigen  Felsit-  und  Quarzporphyren  und  Lava- 
ergüssen. Die  in  das  Unter-Rothliegende  eingepressten  basischeren 
Magmen,  (Kersantite,  Diabase,  Melaphyre)  gaben,  soweit  die  bis- 
herigen Erfahrungen  reichen,  kein  Material  für  die  Bildung  des 
Oberen  Perms  ab,  traten  also  auch  kaum  an  die  Oberfläche  im 
Gegensatz  zu  den  Kuppen  von  Felsit-  und  Quarzporphyr. 

Die  Ergussgesteine  sind  im  ganzen  Gebiet  einander  ziemlich 
ähnlich.  Die  reiche  und  verschiedenartige  Entwickelung  der  Er- 
gussformation im  Innern  des  Saar -Nahe -Gebietes  fehlt  am  SO.- 
Rand.  Porphyrite  treten  nur  ganz  untergeordnet  auf  und  von 
basischen  Gesteinen  ist  ein  basaltischer  und  ein  diabasisch-ophi- 
tischer  bis  doleritischer  Erguss  vorhanden.  Auf  die  Ergüsse  folgten 
im  Westrich  wie  an  der  Nahe  zuerst  conglomeratische,  dann  fein- 
sandige Ablagerungen  des  Oberen  Perms,  an  der  Nahe,  d.  h.  an 


157 


im  SO. -Flügel  des  pfälzischen  Sattels. 

dem  devonischen  Uferrand  im  Allgemeinen  gröbere  als  gegen  die 
Vogesen  zu.  Am  Schluss  der  feinsandigen,  oberpermischen  Ab- 
lagerungen bewirkten  neue  Störungen  ein  Untersinken  des  südöst- 
lichen Sattelflügels  und  ein  ungleichförmiges  Uebergreifen  von 
darauffolgenden  groben  Sedimenten  (abermals  gröber  im  NW.  als 
im  SO.  gegen  die  Vogesen),  das  Uebergreifen  des  Hauptbuntsand- 
steins über  die  palaeolithischen  Schichten. 


Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden  in  der 
Gegend  von  Borgloh- Oesede,  sowie  zur  Frage  des 
Alters  der  Norddeutschen  Wealdenbildungen. 

Von  Herrn  C.  Gagel  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XII  u.  XIII.) 

In  dem  Gebiet  des  Borgloh-Oeseder  Kohlenbergbaus  wurden 
im  Jahre  1888  zur  Aufklärung  der  künftigen  Aussichten  des  Be- 
triebes und  zur  Feststellung  der  geologischen  Verhältnisse  vier 
Bohrlöcher  gestossen,  die  zum  Theil  ein  recht  unerwartetes  und 
merkwürdiges  Resultat  ergaben. 

Die  Kerne  dieser  Tiefbohrungen  wurden  dann,  nachdem  in 
den  folgenden  Jahren  die  König!  Berginspection  Borgloh  aufge- 
löst worden  war,  den  Sammlungen  der  König!  geo!  Landes- 
anstalt einverleibt,  deren  Director,  Herr  Geheimer  Oberbergrath 
Dr.  HaüChecorne,  so  gütig  war,  mir  diese  Bohrkerne  zur  wissen- 
schaftlichen Bearbeitung  zu  überweisen,  wofür  ich  auch  an  dieser 
Stelle  ihm  meinen  wärmsten  Dank  auszusprechen  mir  erlaube. 


In  diesem  erwähnten,  im  südwestlichen  Zipfel  von  Hannover, 
südlich  von  Osnabrück  am  Nordrande  des  Teutoburger  Waldes 
gelegenen  Gebiete  wurde  ein  ziemlich  lebhafter  Bergbau  auf 
Wealdenkohle  betrieben,  und  zwar  auf  zwei  getrennten  Revieren. 

In  den  nördlichen,  zwischen  den  Ortschaften  Borgloh  und 
Oesede  gelegenen  Gruben  zeigten  die  Flötze  im  wesentlichen  ein 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden  etc. 


159 


nordsüdliches  Einfallen  unter  Winkeln  von  12  — 20°,  stellenweise 
auch  30  — 40 0 , ja  noch  höheren  Graden.  (Taf.  XII.) 

In  dem  südlichen  Grubenfelde  der  Zeche  Hilterberg  dagegen 
fielen  die  Flötze  SN.,  und  zwar  meistens  unter  Winkeln  von 
60  — 800,  die  nur  an  wenigen  Stellen  auf  30  — 40°  sanken. 

Zur  Aufklärung  sei  hier  noch  bemerkt,  dass  die  Flötze  hier 
an  der  unteren  Grenze  des  oberen  Wealden  noch  in  den  Schiefer- 
thonen  liegen,  die  da  aber  schon  zahlreiche  Unionen  und  Pflanzen- 
reste führen,  und  dass  ihr  unmittelbares  Liegendes  die  hier  un- 
gefähr 50  Meter  mächtigen  Sandsteine  des  mittleren  Wealden 
sind  *). 

Um  nun  festzustellen,  ob  der  geologische  Aufbau  des  Gebirges 
wirklich,  wie  es  den  Anschein  hatte,  ein  synclinaler  sei,  und  ob 
die  Flötze  der  beiden  Grubenfelder  im  Zusammenhang  ständen, 
wurden  in  dem  Zwischengebiet  vier  Bohrlöcher  angesetzt,  deren 
Lage  aus  beifolgender  Kartenskizze  (Taf.  XII)  ersichtlich  ist. 

Die  beiden  nördlich  gelegenen  Bohrlöcher  No.  II  und  III  er- 
gaben denn  auch  noch  ein  günstiges  Resultat,  indem  in  104  Meter 
bezw.  319  Meter  Tiefe  die  Flötze  angetroflen  wurden;  gänzlich 
verändert  dagegen  wurde  das  Bild  durch  die  beiden  südlich  ge- 
legenen Bohrlöcher  No.  I und  IV,  da  in  keinem  von  beiden  weder 
Flötze  noch  die  unmittelbar  liegenden  Schichten  derselben,  die 
Hastingssandsteine,  gefunden,  sondern  in  unerwartet  hohem  Niveau 
schon  die  älteren  Horizonte  des  Purbeck  bez.  des  weissen  Jura 
erbohrt  wurden,  wodurch  die  Hoffnungen  auf  eine  ergiebige  Zu- 
kunft der  Gruben  zu  nichte  gemacht  waren. 

Die  bei  der  Bearbeitung  dieser  Bohrkerne  erlangten  Resultate 
ergaben  nun  manche  neue  und  bemerkenswerthe  Aufschlüsse  über 
die  Verhältnisse  der  Wealdenbildung  überhaupt,  insbesondere  aber 
über  deren  Altersstellung  zum  Hils.,  weshalb  eine  ausführlichere 
Besprechung  derselben  gerechtfertigt  erscheinen  mag. 

Durch  die  Bohrungen  wurden  folgende  Schichtenfolgen  fest- 
gestellt : 


*)  Dötting,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Geologie  der  Gegend  von  Borgloh 
und  Wellingholzhausen.  Dieses  Jahrb.  für  1891,  S.  145 — -146. 


160 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealdeu 


Bohrloch  I. 

Von  Tage  ab  bis  15  Meter  Teufe:  Diluvialer  Lehm  mit  grani- 
tischen  Geschieben; 

von  15  — 281,20  Meter  dunkelgraue,  sehr  gleichmässige  Schiefer- 
thone,  sehr  reich  an  charakteristischen  Versteinerungen 
des  oberen  Wealden,  insbesondere  grossen  Cyrenen. 
Das  Einfallen  wechselte  zwischen  9 und  35°  N./S.,  nur 
einmal  bei  274  Meter  betrug  es  vorübergehend  80°. 

Bestimmt  konnten  darin  folgende  Versteinerungen  werden: 
Cyrena  Heysi  Dunk., 

» subcordata  Dunk., 

» caudatä  A.  Röm., 

» obtusa  A.  Röm., 

» elliptica  Dunk., 

» gibbosa  Dunk., 

» ovalis  Dunk., 

» lato-ovata  A.  Röm., 

» venulina  Dunk., 

» majuscula  A.  Röm., 

» dorsata  Dunk., 

» sublaevis  A.  Röm., 

» cf.  angulata  A.  Röm., 

» cf.  solida  Dunk., 

sowie  mehrere  Formen,  die  sich  mit  Sicherheit  auf  eine  der  be- 
schriebenen Arten  nicht  beziehen  Hessen,  ferner: 

Cyclas  Jugleri  Dunk., 

Cyclas  cf.  Brongniarti  K.  u.  Dunk., 

Gervillia  arenaria  A.  Röm., 

Modiola  sp., 

Corbula  alata  Sow., 

» inflexa  A.  Röm., 

» subquadrata  Dunk., 

» sublaevis  A.  Röm., 

Melania  strombiformis  v.  Schloth., 

Cypris  laevigata  Dunk., 

Coprolithen  und  Fischreste. 


in  der  Gegend  von  Borgloh- Oesede  etc. 


161 


Von  281,20  — 308,50  Meter  Wechsellagerung  versteinerungsloser, 
dunkelgrauer  Schieferthone , grünlicher  Mergel  und 
thoniger  Kalksteine,  allesammt  ausgezeichnet  durch 
starke  Gypseinlagerungen  und  stellenweise  penetranten 
Erdölgeruch;  das  Einfallen  schwankend  zwischen  15  — 33°. 
Von  308,50 — 568,50  Meter  Schieferthone  mit  Einlagerungen  von 
thonigen  Kalken,  krystallinen  Kalkbänken,  Mergelschie- 
fern, Cyrenenbänken  und  schwachen  Sandsteinbänken, 
von  481  Meter  ab  stellenweise  mit  starkem  Pyritgehalt, 
von  493,2  Meter  ab  auch  wieder,  wenn  auch  in  geringem 
Grade,  Gyps  führend.  Das  Einfallen  (Taf.  XIII,  Fig.  2) 
ist  bis  zu  einer  Tiefe  von  ungefähr  390  Meter  ein  ziemlich 
regelmässiges,  zwischen  15  und  40°  schwankend,  nur 
einmal  bei  328  Meter  tritt  ganz  vorübergehend  eine 
Störung  auf,  wobei  die  Schichten  auf  dem  Kopf  stehen. 
Von  390- — 416  Meter  ist  das  Einfallen  steil  und  sehr 
schnell  wechselnd  zwischen  50  und  80°;  von  416  Meter 
ab  wird  das  Einfallen  wieder  regelmässig,  von  15  — 20° 
bis  25  — 30°  schwankend,  und  zwar  jetzt  nach  NO. 

An  Versteinerungen  ist  diese  Schichtenfolge  verhältnissmässig 
reich,  besonders  an  Cyrenen,  wenn  auch  lange  nicht  in  dem  Maasse, 
wie  der  obere  Wealden,  doch  sind  die  meisten  Fossilien  stark 
verquetscht  oder  sonst  schlecht  erhalten,  was  besonders  von  den 
Exemplaren  der  Cyrenenbänke  gilt.  In  der  oberen  pyrit-  und 
gypsfreien  Schichtenfolge  liessen  sich- bestimmen: 

Cyrena  parvirostris  A.  Röm., 

» cf.  subtransversa  A.  Röm., 

» cf.  Mantelli  Dunk., 

» cf.  obtusa  A.  Röm., 

Cyclas  Brongniarti  K.  u.  Dunk., 

» Buchi  Dunk., 

Modiola  lithodomus  K.  u.  Dunk., 

» sP-> 

Corbula  inflexa  A.  Röm., 

» sublaevis  A.  Röm., 


Jahrbuch  1893. 


11 


162 


G.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


Pisidium  cf.  pygmaeum  K.  u.  Dunk., 

» cf.  exaratum  Dunk., 

Cypris  laevigata  Dunk., 

» oblong a A.  Rom., 

» sp.  n.  (cf.  granulosa  Sow.), 

Paludina  sp.  und  Fischreste. 

In  den  tieferen,  theilweise  Pyrit  und  Gyps  führenden  Schichten 
liessen  sich  bestimmen: 

Cyrena  lentiformis  A.  Röm.,  sehr  zahlreich  und  meistens 
verkiest; 

» subtransversa  A.  Röm., 

Corbula  inflexa  A.  RÖM., 

Cypris  laevigata  Dunk. 

und  in  den  tiefsten  Schichten  von  540  Meter  an 
Serpula  coacervata  Blumenb. 

Bei  568,50  Meter  wurde  die  Bohrung  eingestellt,  ohne  dass  sich 
eine  wesentliche  Aenderung  im  Aussehen  der  Schichten 
gezeigt  hätte. 


Bohrloch  II. 

Von  Tage  ab  bis  5,30  Meter  Diluviallehm, 
von  5,30 — 103,70  Meter  Scbiefeiihone, 


103.70— 104,45 

104,45  — 105,50 
105,50—111 
111  —113,70 

113.70— 114 
114 

Das  Einfallen  betrug  4 
proben  ist  nichts  aufbewahrt, 


Kohlenflötz, 

Schieferthon, 

Sandstein, 

Schieferthon, 

Kohlenflötz, 

Schieferthon. 

50  NNO. /SSW. 


Von  den  Bohr- 


Bohrloch  III. 

Von  Tage  ab  bis  7 Meter  Diluviallehm  mit  Geschieben, 

7 — 319,25  Meter  Schieferthone  mit  einzelnen  Sandsteinbänken 
Das  Einfallen  der  Schichten  erwies  sich  anfänglich 
N./S.  unter  wechselnden  Winkeln;  von  3 — 5°  stieg  es 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


163 


auf  15  — 16°,  um  dann  wieder  auf  8 — 10“  zu  fallen; 
bei  199  Meter  betrug  es  26°  und  zwar  jetzt  SSW./NNO., 
stieg  dann  bei  205  Meter  bis  auf  45°,  um  dann  wieder 
auf  16  — 18°,  iu  über  300  Meter  Teufe  auf  8 — 12°  zu 
fallen. 


319,25 — 320  Meter  Kohlenflötz, 

320  — 323,70  » Schieferthon, 

323,70—323,90  » Kohlenflötz, 

323,90 — 324,15  » Schieferthon, 

324,15  — 324,55  » Kohlenflötz, 

324,55  » Schieferthon. 

Bohrproben  sind  mit  Ausnahme  eines  Handstücks  nicht  mehr 
vorhanden. 


Bohrloch  IV. 

Von  Tage  ab  bis  11,10  Meter  Diluviallehm  mit  Geschieben  und 
Kreideknollen, 

von  11 — 77  Meter  grauer,  sehr  sandiger  Thon  mit  Thoneisenstein- 
bänken und  einzelnen  Kohlenstückchen,  enthaltend  zwar 
nicht  zahlreiche,  aber  unzweifelhafte  Hilsversteinerungen 
wie: 

Oxynoticeras  heteropleurum  Neum., 

Pecten  orbicularis  A.  Röm., 

Isocardia  angulata  Phil., 

Astarte  numismalis  d’Orb., 

Thracia  sp., 

Panopaea  sp., 

Pholadomya  sp. 

Zwischen  77 — 78  Meter  eine  dünne  Bank  schwarzen  Schieferthons 
mit  Cyrena  obtusa  A.  Röm.  ; 

von  78 — 113  Meter  sandiger  Thon,  enthaltend  bei  91  Meter: 
Cypris  laevigata  Dunk., 

Corbula  alata  Sow. ; 

zwischen  99  u.  112  Meter  wieder  typische  Hilsversteinerungen,  wie: 
Oxynoticeras  heteropleurum,  Neum., 

Pecten  orbicularis  A.  Röm., 


11 


164  C.  Gagel,  Beiträge  Zur  Kenntniss  des  Wealden 

Cucullaea  Cornueliana  d’Orb., 

» sp., 

» texta  A.  Röm.  , die  aus  Kimmeridge  und 
Wealden  bekannt  ist;  ein  Exemplar. 

Bei  113,2  Meter  eine  Bank  sandigen  Schieferthons  mit  einer  voll- 
ständigen Mischfauna  : 

Corbula  inflexa  A.  Röm., 

» alata  Sow., 

Cypris  laevigata  Dunk., 

Oxynoticeras  heteropleurum  Neum.  ; 
von  114 — 115  Meter  sandigen  Thon,  enthaltend  bei  114  Meter: 
Cucullaea  Gabrielis  d’Orb., 

» Cornueliana  d’Orb., 

Corbula  alata  Sow., 

Cyrena  sp., 

Cypris  laevigata  Dunk.; 

bei  114,5  Meter  wieder  eine  reine  Wealdenfauna: 

Corbula  inflexa  A.  Röm., 

Melania  strombiformis  v.  Schloth.  sp., 

Gervillia  arenaria  A.  Röm., 

Paludina  Römeri  Dunk., 

» acuminata  Dunk., 
bei  114,7  Meter: 

Cucullaea  Gabrielis  d’Orb., 

» sp., 

von  115 — 115,2  Meter  sandigen  Schieferthon  mit  gemischter  Fauna, 
enthaltend : 

Cyrena  Heysi  Dunk., 

» sp.  Corbula  inflexa  A.  Röm., 

Corbula  alata  Sow., 

Oxynoticeras  heteropleurum  Neum., 

Paludina  Römeri  Dunk., 

» acuminata  Dunk., 

Melania  strombiformis  v.  Schloth.; 
von  115,2  — 289  Meter  schwarze  Schieferthone  mit  einer  sehr 
reichen  Fauna  an  typischen  Wealden  - Petrefacten,  ins- 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


165 


besondere  grossen  Cyrenen.  Es  Hessen  sich  darin  be- 
stimmen: 

Cyrena  lato-ovata  A.  Röm., 

» ovalis  Dunk., 

» elliptica  Dunk., 

» gibbosa  Dunk., 

» orbicularis  A.  Röm., 

» subcordata  Dunk., 

» donacina  Dunk., 

» Heysi  Dunk., 

» sp.  n.  (cf.  Heysi  Dunk.), 

» apicina  Dunk., 

» dorsata  Dunk., 

» obtusa  A.  Röm., 

» Zimmermanni  Dunk., 

» cf.  Murchisoni  Dunk., 

» cf.  mactroides  A.  Röm., 

» cf.  solida  Dunk., 

» cf.  caudata  A.  Röm., 

» cf.  Credneri  Dunk., 

» cf.  venulina  Dunk., 

Cyclas  Jugleri  Dunk., 

» Brongniarti  K.  u.  Dunk., 

Pisidium  Pfeiferi  Dunk., 

Corbula  inflexa  A.  Röm., 

» alata  Sow., 

» subquadrata  Dunk., 

» sublaevis  A.  Röm., 

Gervillia  arenaria  A.  Röm., 

Mytilus  sp., 

Melania  strombiformis  v.  Schloth., 

» cf.  rugosa  Dunk., 

» tricarinata  Dunk., 

Paludina  Römeri  Dunk., 

Cypris  laevigata  Dunk., 

» spinigera  Fitton.,  und  Fischreste. 


166 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


Das  Einfallen  der  Schichten  ist  bis  zu  einer  Teufe 
von  270  Meter  regelmässig  14  — 18°  nach  SSW.,  bei 
270  Meter  Teufe  stellen  sich  die  Schichten  auf  den  Kopf, 
um  dann  sehr  schnell  und  unregelmässig  den  Einfalls- 
winkel zu  wechseln  zwischen  12  — 45°. 

Von  289  — 383  Meter  Wechsellagerung  von  fossilfreien,  grauen, 
grünlichen,  stellenweise  auch  röthlichen  Mergeln,  Mergel- 
schiefern, Letten,  Gyps  und  Anhydrit.  Die  Mächtig- 
keit des  reinen  Gypses  ist  auf  mindestens  2 Meter,  die 
des  reinen  Anhydrits  auf  über  25  Meter  anzuschlagen; 
ausserdem  enthalten  die  Mergelschichten  selbst  noch 
einen  starken  Gypsgehalt  und  zeigen  stellenweise  einen 
penetranten  Erdölgeruch.  Das  Einfallen  der  Schichten 
ist  sehr  unregelmässig  und  wechselnd,  bei  349  Meter 
auf  45°  nach  NO.  festgestellt. 

Von  383 — 428,5  Meter  unreine,  dunkle  Kalke  mit  sehr  spärlichen 
und  schlecht  erhaltenen  Fossilien.  Es  fanden  sich  darin 
zwischen  383  und  400  Meter: 

Avicula  sp., 

Pholadomya  sp., 

Trigonia  cf.  papillata  Ag., 

Exogyra  cf.  reniformis  Goldf.  ; 
bei  403  Meter  Gryphaea  dilatata  Sow., 
zwischen  404  — 423  Meter: 

Perisphinctes  sp., 

Avicula  sp., 

Modiola  sp., 

Panopaea  sp., 

Trochus  sp., 

Rhynchonella  sp.; 

bei  426  Meter  Goniomya  cf.  angulifera  Ag., 

» 427  » Avicula  echinata  Sow. 

Bei  428,5  Meter  wurde  die  Bohrung  eingestellt. 

Wenn  aus  obigen  Bohrprofilen  die  Mächtigkeit  der  durch- 
sunkeneu Schichten  mit  Berücksichtigung  der  Fallwinkel  berechnet 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


167 


wird,  so  ergiebt  sich  daraus  (mit  der  Reserve,  dass  die  Zahlen 
wegen  der  mannichfaltigen  unregelmässigen  Störungen  nicht  ganz 
genau,  sondern  theilweise  wahrscheinlich  noch  etwas  zu  hoch  sind) 


ür  Bohrloch  I 

240 

Meter  Wealdenthon, 

24 

» 

bunte,  fossilfreie,  gypsführende  Mergel, 

235 

Schichten  mit  Petrefacten  des  mittleren 
und  unteren  Wealden  (Purbeck); 

» » II 

95 

» 

Wealdenthon, 

10 

» 

Flötze  und  mittlerer  Wealden, 

» » III 

290 

» 

W ealdenthon, 

5 

» 

Flötze  und  mittlerer  Wealden, 

» » IV 

64 

» 

Hilsthon, 

36 

Wechsellagerung  von  Hils  und  Weal- 
denthon, 

165 

» 

Wealdenthon, 

80 

» 

bunte,  fossilfreie,  gypsführende  Mergel, 

40 

» 

Juraschichten. 

Suchen  wir  nun  die  gemeinsamen  Resultate  dieser  Bohrpro- 
file zusammen  zu  stellen,  so  ergiebt  sich  erstens,  dass  in  den 
3 Bohrlöchern , die  überhaupt  grössere  Tiefe  erreicht  haben 
(I,  III,  IV),  das  Einfallen  in  den  oberen  Schichten  fast  recht- 
winklig entgegengesetzt  zu  dem  der  tieferen  Schichten  ist.  Bei 
Bohrloch  III,  wo  sich  die  Einfallswinkel  ganz  allmählich  ändern 
und  eine  Störung  der  Schichten  nicht  beobachtet  ist,  dürfte  sich 
der  Wechsel  der  Einfallsrichtung  wohl  am  einfachsten  durch  die 
Annahme  einer  Mulde  mit  schief  gestellter  Achse  erklären  lassen, 
wie  es  in  dem  beigefügten  Profil  (Taf.  XIII,  Fig.  1 ) geschehen  ist. 
Für  die  Bohrlöcher  I und  IV  dagegen,  wo  zwischen  der  Aende- 
rung  der  Fallrichtungen  sich  sehr  erhebliche  Störungen,  wie  zer- 
knitterte und  auf  den  Kopf  gestellte  Schichten  einstellen,  dürfte 
die  Annahme  einer  grösseren,  durchgreifenden  Gebirgsstörung 
bezw.  Verwerfung  nicht  zu  umgehen  sein,  wie  sie  aus  diesem 
Gebiet  durch  die  Arbeiten  von  Dütting  (Dieses  Jahrb.  für  1888 
und  1891)  schon  bekannt  sind  (vergl.  besonders  1.  c.  1888,  S.  15 
u.  1891,  S.  146). 


168 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


Auffallend  an  diesen  Bohrlöchern  ist  ferner  die  ungewöhnlich 
mächtige  Entwickelung  des  Wealdenthons.  Dunker  in  seiner  Mono- 
graphie der  Wealdenbildungen  S.  XVII  giebt  die  Mächtigkeit  des 
Wealdenthons  als  zwischen  wenigen  bis  300  Fuss  schwankend  an, 
Credner  (Gliederung  der  Oberen  Juraformation  und  der  Wealden- 
bildung)  zu  60 — 133  Fuss,  Struckmann  (die  Wealdenbildung  der 
Umgegend  von  Hannover)  zu  15  — 80  Meter. 

Hier  beträgt  die  geringste  Mächtigkeit  im  Bohrloch  II  schon 
90  Meter,  um  dann  über  165  Meter  (Bohrloch  IV),  240  Meter 
(Bohrloch  I)  auf  290  Meter  (Bohrloch  III)  zu  steigen,  womit  die 
grösste  bis  dahin  in  Deutschland  beobachtete  Mächtigkeit  um  das 
2V2  fache  übertroffen  und  die  der  mächtigsten  englischen  Bildungen 
(1000  Fuss)  ungefähr  erreicht  wird. 

Das  auffallendste  und  praktisch  wichtigste  Ergebniss  der  Boh- 
rungen ist  nun  aber  das,  dass  die  beiden  in  dem  vermutheten 
Muldentiefsten  angesetzten  Bohrlöcher  weder  die  Kohlenflötze 
noch  die  das  Liegende  derselben  bildenden  Hastingssandsteine 
angetroffen  haben,  die  wenige  hundert  Meter  nördlich  und  südlich 
von  ihnen  anstehend  sind,  sondern  dass  in  ihnen  unter  dem  Wealden- 
thon  statt  jener  reinen  Süsswasserbildung  bunte,  fossilfreie  aber 
Gyps -führende  Mergel  auftreten,  wie  sie  sonst  nur  als  tiefstes 
Glied  des  unteren  Wealden  (Purbeck)  in  den  Münder  Mergeln 
beobachtet  sind. 

Dass  diese  bunten  Mergel  der  Bohrlöcher  aber  nicht  den 
Münder  Mergeln,  mit  denen  sie  petrographisch  die  grösste  Aehn- 
lichkeit  haben , entsprechen , sondern  vielmehr  zum  mittleren 
Wealden  gehören  und  als  wenigstens  theilweises  Aequivalent  der 
Hastingssandsteine  aufzufassen  sind,  geht  daraus  hervor,  dass 
unter  ihnen  im  Bohrloch  I noch  eine  mächtige  Schichtenfolge 
liegt,  die  noch  die  typische  Fauna  des  mittleren  Wealden  und 
des  Serpulits  führt. 

Diese  ungefähr  235  Meter  mächtige  Schichtenfolge,  die  petro- 
graphisch im  wesentlichen  eine  einheitliche  ist,  lässt  sich  doch 
bei  genauerer  Betrachtung  noch  in  zwei  Theile  sondern.  Die 
erste,  160  Meter  mächtige  Abtheilung  bis  zur  Teufe  von  481  Meter, 
die  frei  von  Pyrit  und  Gyps  ist,  zeigt  sich  sowohl  petrographisch 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


169 


wie  faunistisch  übereinstimmend  mit  jenen  mittleren  Wealden- 
schichten,  die  nicht  als  reine  Süsswasserbildung,  sondern  als  dem 
oberen  Wealden  ähnliche  Brackwassersedimente  ausgebildet  sind. 
Struckmann  beschreibt  diese  Ausbildung  des  mittleren  Wealden 
als  Wechsellagerung  von  Schieferthon en,  Mergelschiefern  und 
Sandsteinbänken  vom  östlichen  Deister  (1.  c.  S.  30);  als  »Mergel- 
schiefer und  Schieferthone , die  die  festen  Sandsteine  bedeutend 
überwiegen«,  vom  Osterwald  (1.  c.  S.  34);  als  mächtige,  dunkel  ge- 
färbte Schiefermassen  mit  verschiedenen  Einlagerungen  von  Reh- 
burg (1.  c.  S.  36).  Dunker  (1.  c.  S.  XVII)  beschreibt  ähnliche 
300 — 400  F uss  mächtige,  thonig-kalkige  Schiefermassen  mit  Cypris- 
und  Cyclas- Arten,  die  den  Serpulit  überlagern,  allerdings  ohne 
genaue  Ortsangabe. 

Aber  auch  dort,  wo  der  mittlere  Wealden  hauptsächlich  aus 
Sandsteinen  mit  Süsswasserfauna  besteht,  finden  sich  in  ihm  mehr 
oder  minder  häufige  Einlagerungen  von  Schieferthonen  mit  ge- 
mischter oder  Brackwasserfauna  (Struckmann  1.  c.  S.  29  und  fol- 
gende). 

Von  der  Fauna  dieser  ganzen  Schichtenfolge  sind  bis  jetzt 
nur  Cyrena  Mantelli  Dunk.,  Pisidium  exaratum  Dunk.,  Pisidium 
Pfeifen  Dunk,  und  Corbula  subquadrata  Dunk,  nicht  im  mittleren 
Wealden,  wohl  aber  sowohl  in  höheren  wie  in  tieferen  Schichten 
gefunden  worden.  Sämmtliche  anderen  Formen  sind  schon  aus 
mittleren  Wealden  bekannt  und  gerade  die  häufigsten  unter  ihnen, 
die  mittelgrossen  Cyrenen  wie  Cyrena  parvirostris  Dunk.,  Cyrena 
obtusa  A.  Röm.  sind  besonders  charakteristisch  für  den  mittleren 
Wealden. 

Auch  die  Mächtigkeit  der  Bildung  würde  mit  der  vom  Deister 
bekannten  (160 — 180  Meter)  übereinstimmen,  sodass  ein  wesent- 
licher Einwand  gegen  die  Deutung  dieser  Schichtenfolge  als  mitt- 
lerer Wealden  wohl  nicht  zu  erheben  sein  dürfte. 

Was  nun  die  darunter  folgende,  75  Meter  mächtige,  theil- 
weise  Pyrit  und  Gyps  führende  Schichtenreihe  anbetrifft,  so  dürfte 
es  wohl  zweifellos  sein,  dass  diese  als  Serpulit  aufzufassen  ist, 
wenn  auch  ihre  petrographische  Ausbildung  mit  der  gewöhnlichen 
Ausbildungsart  dieses  Horizontes  nicht  übereinstimmt  und  das 


170 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


eigentliche  Leitfossil  desselben  Serpula  coacervata  Blumenb.  nur 
in  dem  untersten  Drittel  der  Schichtenfolge  sich  nachweisen  lässt. 

Denn  gleichzeitig  mit  dem  ersten  Auftreten  des  Pyrits  erfolgt 
das  massenweise  Erscheinen  der  kleinen  Cyrena  lentiformis  A.  Köm., 
die  bis  jetzt  nur  aus  dem  Serpulit  bekannt  ist;  Cyrena  subtrans- 
versa  A.  Röm.  ist  in  dem  Serpulit  wenigstens  häufiger  als  in  dem 
mittleren  und  oberen  Wealden;  Corbula  inflexa  A.  Röm.  geht 
durch  die  ganze  Schichtenfolge  vom  oberen  weissen  Jura  an  und 
nur  Cypris  laevigata  Dunk,  ist  bis  jetzt  noch  nicht  im  Serpulit 
gefunden. 

Ganz  unbekannt  ist  übrigens  diese  Ausbildung  des  Serpulits 
doch  nicht,  denn  auch  Struckmann  (1.  c.  S.  17)  beschreibt  die 
in  einer  Brunnenbohrung  bei  Hannover  angetroffenen  Serpulit- 
schichten  als  dunkle,  bituminöse,  pyrithaltige  Thonschiefer  und 
Mergelthone. 

Auffallend  ist  somit  nur  die  Mächtigkeit  von  75  Meter,  denn 
die  grösste  bis  jetzt  in  der  Litteratur  bekannt  gegebene  Mächtig- 
keit ist  die  von  Credner  (1.  c.  S.  69)  für  den  Serpulit  von  Nien- 
stedt angegebene  von  150  Fuss  — 44  Meter. 

Ist  nun  also  die  Deutung  dieser  7 5 Meter  mächtigen  Schichten- 
folge als  Serpulit  und  die  der  darauf  liegenden  160  Meter  als 
mittlerer  Wealden  richtig,  so  bleibt  für  die  darüber  folgenden, 
den  Wealdenthon  unterteufenden,  bunten  Mergel  ebenfalls  nur 
die  Deutung  als  mittlerer  Wealden  übrig,  trotzdem  sie  in  ihrer 
petrographischen  Ausbildung  und  durch  den  Mangel  an  jeglichen 
Fossilien  den  sonst  bekannten  Ausbildungsarten  dieses  Horizontes 
so  durchaus  unähnlich  sind. 

Der  mittlere  Wealden  würde  also  in  dieser  Gegend  theilweise 
allein  durch  bunte , fossilfreie  aber  Gyps  führende  Mergel  in  der 
Mächtigkeit  von  ca.  80  Meter  ( Bohrloch  IV) , theilweise  durch 
bunte  Mergel  und  darunter  liegende  Schieferthone  etc.  mit  zu- 
sammen 184  (24  — f—  160)  Meter  Mächtigkeit  (Bohrloch  I)  reprä- 
sentirt  werden. 

Es  ist  sehr  zu  bedauern,  dass  das  Bohrloch  I nicht  noch 
weiter  fortgeführt  ist  und  die  liegenden  Schichten  des  Serpulit 
aufgeklärt  hat,  denn  das  letzte  der  Bohrlöcher  IV  hat  auch  in 


in  der  Gegend  yon  Borgloh-Oesede  etc. 


171 


dieser  Richtung  ein  bemerkenswerthes  und  in  ähnlicher  Weise 
bisher  nur  einmal  beobachtetes  Resultat  ergeben,  nämlich  dass 
die  Wealdenbildung  nicht  in  ununterbrochener  Aufeinanderfolge 
auf  den  obersten  Schichten  des  Jura  liegt,  sondern  dass  da- 
zwischen eine  sehr  deutliche  Discordanz  auftritt.  Die  hier  unter 
den  fossilfreien  Mergeln  erbohrten  dunklen,  unreinen  Kalkstein- 
schichten enthielten  in  den  ersten  20  Metern  im  Ganzen  nur  etwa 
ein  Dutzend  sehr  schlecht  erhaltener  Petrefacte,  von  denen  sich 
nur  zwei  mit  einiger  Sicherheit  als  Trigonia  cf.  papillata  und 
Exogyra  cf.  reniformis  Goldf.  und  zwei  andere  sicher  als  Gry- 
phaea  dilatata  Sow.  bestimmen  Hessen.  Die  nächsten  20  Meter 
enthielten  ebenfalls  nur  wenige,  nicht  genauer  bestimmbare  Fossilien 
und  endlich  bei  426  — 427  Meter  fanden  sich  wieder  mit  einiger 
Sicherheit  als  Goniomya  cf.  angulifera  Sow.  und  Avicula  echinata 
Sow.  bestimmbare  Petrefacten  auf. 

Diese  beiden  letzgenannten  Formen  erweisen  die  tiefsten  er- 
bohrten Schichten  als  Zone  der  Avicula  echinata  Sow.,  die  darüber 
liegenden  Schichten  mit  nicht  genauer  bestimmbaren  Fossilien 
würden  also  dem  Kelloway  und  den  Ornatenthonen  entsprechen, 
die  Schichten  mit  Gryphaea  dilatata  Sow.,  Trigonia  cf . papillata  Ag. 
und  Exogyra  cf.  reniformis  Goldf.  , den  Heersumer  Schichten 
und  dem  Korallenoolith,  denn  höher  hinauf  sind  diese  Formen 
nicht  bekannt.  Für  alle  über  dem  Korallenoolith  liegenden  Hori- 
zonte fehlt  jeder  Anhalt,  insbesondere  ist  von  der  ganzen  reichen 
Fauna  des  Kimmeridge,  speciell  der  Exogyra  virgula  Defr.  keine 
Spur  vorhanden  und  ebenso  fehlen  •hier  die  Portlandbildungen, 
Münder  Mergel  und  der  Serpulit. 

Es  ist  also  hier  eine  ganz  erhebliche  Discordanz  zwischen 
Jura  und  Wealden  vorhanden,  wie  sie  ähnlich  nur  in  noch 
grösserem  Ausmaasse  schon  früher  einmal  von  Denckmann  aus 
der  Gegend  von  Sehnde  beschrieben  ist  (Neues  Jahrb.  1890, 
Bd.  II,  S.  97). 

Aber  auch  noch  in  einer  anderen  Beziehung  weist  dieses 
Bohrloch  IV  eine  Uebereinstimmung  mit  jenem  Profil  von  Sehnde 
auf,  indem  es  nämlich  in  unübertrefflich  schöner  Weise  den 
ganz  allmählichen  Uebergang  des  Wealden  in  den  Hils  und 


172  C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 

die  ausserordentlich  enge  Verknüpfung  beider  Bildungen  darthut 
und  damit  einen  neuen  und  nun  vollständig  schliessenden  Beweis 
für  die  STROMBECK’sche  Hypothese  der  Zugehörigkeit  des  Wealden 
zur  Kreideformation  bietet. 

Wenn  man  das  vorhin  mitgetheilte  Profil  in  der  Teufe  von 

77  — 115,2  Meter  betrachtet  mit  seiner  wiederholten  Wechsellage- 
rung von  Sedimenten,  die  zum  Theil  typische  Hilsfauna,  z.  Th. 
ebenso  reine  Wealdenfauna  und  endlich  vollständig  gemischte 
Fauna  führen  — von  deren  Bestandtheilen  aber  nichts  etwa  auf 
seeundärer  Lagerstätte  ruht  — so  ist  es  doch  unzweifelhaft,  dass 
hier  eine  lückenlose  Aufeinanderfolge  der  einzelnen  Bildungen 
vorliegt  und  dass  zu  der  Zeit,  als  hier  die  oberen  Wealdenbil- 
dungen  abgesetzt  wurden,  im  offenen  Meere  schon  die  typische 
Hilsfauna  lebte,  die  gelegentlich  Einwanderer  in  dies  Gebiet  schickte 
(bei  115  — 115,2  Meter,  114,7  Meter,  114  Meter,  113,2  Meter), 
es  auf  kurze  Zeit  auch  wohl  ganz  eroberte  (zwischen  99  und 
112  Meter),  dann  aber  auch  wieder  zeitweise  und  z.  Th.  voll- 
ständig weichen  musste  (bei  114,5  Meter  und  zwischen  77  und 

78  Meter),  bis  sie  das  Terrain  endgültig  behauptete. 

Dass  eine  Bildung,  die  in  so  innigen  Wechselbeziehungen 
zu  einem  unzweifelhaften  — und  nicht  einmal  dem  tiefsten  — 
Kreidehorizont  steht,  nicht  zum  Jura  gerechnet  werden  kann,  ist 
doch  wohl  evident. 

Der  eifrigste  Vertheidiger  der  Zugehörigkeit  des  Wealden 
zum  Jura  — Struckmann  — stützt  sich  bei  seiner  Beweisführung 
wesentlich  auf  zwei  Punkte,  erstens  auf  den  ganz  allmählichen 
Uebergang,  der  faunistisch  und  stratigraphisch  zwischen  den  Bil- 
dungen des  oberen  Jura  und  den  Wealdenbildungen  stattfindet 
und  der  sich  in  der  Gemeinsamkeit  einer  grossen  Anzahl  von 
Petrefacten  in  beiden  Bildungen  und  in  der  lückenlosen  Aufein- 
anderfolge derselben  ausdrückt,  und  zweitens  darauf,  dass  der 
Hils  zwar  concordant,  aber  petrographisch  deutlich  geschieden  auf 
dem  Wealden  aufliegt  und  kein  einziges  Fossil  mit  ihm  gemein- 
sam hat. 

Diese  beiden  Beweisgründe  sind  aber,  abgesehen  davon,  dass 


iü  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


173 


beide  nicht  ausnahmslos  zutreffen,  durchaus  nicht  geeignet,  die 
Streitfrage  wirklich  zu  entscheiden. 

Was  zuerst  die  lückenlose  Aufeinanderfolge  von  Jura  und 
Wealden  betrifft,  so  ist,  wie  erwähnt,  schon  früher  von  Denck- 
mann  und  jetzt  durch  das  vierte  der  Borgloher  Bohrlöcher 
constatirt,  dass  es  Wealdenbildungen  giebt,  die  nicht  concordant 
auf  den  höchsten  Jurahorizonten,  sondern  mit  sehr  deutlicher  Dis- 
cordanz  auf  tieferen  Schichten  des  weissen  oder  gar  auf  unterem 
braunen  Jura  (Zone  des  Inoceramus  polyplocus)  liegen,  wenn  auch 
allerdings  in  der  Mehrzahl  der  beobachteten  Fälle  eine  lücken- 
lose Aufeinanderfolge  stattfindet.  Diese,  verbunden  mit  der  ganz 
allmählichen  Aussüssung  der  betreffenden  Meerestheile  lässt  es 
nun  nicht  weiter  wunderbar  erscheinen,  dass  die  Fauna  sich  gleich- 
falls ganz  allmählich  änderte,  und  dass  eine  beträchtliche  Anzahl 
von  Formen  des  oberen  Jura,  die  sich  den  veränderten  Lebens- 
bedingungen anpassen  konnten , sich  unverändert  bis  in  die 
W ealdenschichten  erhielt. 

Aus  diesen  Formen  aber  einen  Schluss  auf  die  Zugehörig- 
keit des  Wealden  zum  Jura  zu  machen,  ist  deswegen  gänzlich 
unstatthaft,  weil  es  sämmtlich  ganz  indifferente,  schon  im  Jura 
durch  mehrere  Horizonte  hindurch  lebende  Lamellibranchiaten 
sind,  die  zu  einer  scharfen  Altersbestimmung  untauglich  sind. 

Solche  Formen  können  sich  in  derartigen,  vom  offenen  Meere 
mehr  oder  minder  abgeschlossenen  Lagunen  unter  gleichmässigen 
Lebensbedingungen  natürlich  noch  lange  erhalten,  wenn  auf  der 
hohen  See  die  ursprünglich  mit  ihnen  zusammenlebenden  Formen 
schon  längst  ausgestorben  und  durch  andere  verdrängt  sind.  Von 
den  hochmarinen  Cephalopodenfaunen  aber,  auf  deren  Auftreten 
und  Verschwinden  doch  die  ganze  Abgrenzung  und  Gliederung 
von  Jura  und  Kreideformation  begründet  ist,  findet  sich  in  den 
ganzen  Wealdenbildungen  mit  Ausnahme  der  soeben  beschriebenen 
und  einiger  anderer  Stellen  in  den  oberen  Grenzschichten  des 
Wealden,  auf  die  sofort  noch  näher  eingegangen  werden  soll, 
nicht  eine  Spur.  Diese  wenigen  in  den  oberen  Grenzschichten 
des  Wealden  gefundenen  Cephalopoden  sind  aber  Leitformen  der 


174 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  "Wealden 


Kreideformation;  — Oxynoticeras  heteropleurum  Neum.  und 
Belemnites  subquadratus  A.  Röm.  1). 

Dass  der  von  Struckmann  zur  Vervollständigung  seines  Be- 
weises herangezogene  jurassische  Charakter  der  Wealdenflora 
(1.  c.  S.  111)  nichts  für  die  Altersstellung  des  Wealden  beweist, 
braucht  wohl  kaum  des  Besonderen  hervorgehoben  zu  werden, 
denn  dass  eine  Landflora  bei  einer  auf  das  Auftreten  und  Ver- 
schwinden von  hochmarinen  Thieren  begründeten  Formations- 
gliederung noch  weniger  entscheiden  kann  als  die  indifferenten 
Mollusken  isolirter  Lagunen,  ist  doch  wohl  evident. 

Was  nun  den  zweiten  Theil  des  STRUCKMANN’schen  Beweises 
anbetrifft,  die  Thatsache,  dass  die  Faunen  der  Hils-  und  Wealden- 
bildungen  keine  einzige  gemeinsame  Form  aufweisen,  so  beweist 
das  ebenfalls  nichts,  denn  einem  so  schroffen  Facies  Wechsel,  wie 
er  sich  im  Allgemeinen  auf  der  Grenze  von  Hils  und  Wealden, 
also  zwischen  den  Niederschlägen  des  offenen  Meeres  und  ganz 
schwach  salziger  Brackwässer  einstellt,  können  die  wenigsten 
Thierformen  widerstehen,  und  dass  so  schroff  verschiedene  Facies 
desselben  Alters  gänzlich  verschiedene  Faunen  führen,  ist  schon 
häufiger  beobachtet,  ohne  dass  man  deswegen  solche  Bildungen 
auseinanderreisst  und  auf  zwei  verschiedene  Formationen  ver- 
theilt. 

Aber  Struckmann  weist  nicht  nur  darauf  hin,  dass  Hils  und 
Wealden  keine  Art  in  ihren  Faunen  gemeinsam  haben,  er  be- 
streitet auch  die  ununterbrochene  Aufeinanderfolge  beider  Bil- 
dungen, trotzdem  er  die  concordante  Ueberlagerung  zugiebt  und 
behauptet  ausdrücklich,  dass  zu  den  Zeiten,  als  sich  der  Wealden- 
thon  absetzte,  anderweits  noch  ein  Jurameer  bestanden  haben 
müsste,  aus  dem  die  jurassischen  Pelecypoden  in  den  Wealden 
einwandern  konnten.  Er  sagt  ganz  richtig,  dass,  wenn  die  Hils- 
bildungen  wirklich  zeitlich  unmittelbar  auf  den  Wealden  gefolgt 
wären,  sich  an  der  Grenze  beider  eine  Mischfauna  finden  müsste, 
bestreitet  aber  auf  das  Entschiedenste  das  Vorhandensein  dieser 


l)  und.  Oleostephanus  marginatus  (Phill.)  A.  Röm.  siehe  Anmerkung  der  fol- 
genden Seite. 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


175 


Mischfauna  *).  Hierbei,  allerdings  dem  punctum  saliens  der  ganzen 
Sache,  setzt  er  sich  aber  in  offenen  Widerspruch  mit  schon  be- 
kannten Thatsachen. 

Schon  Dunker  in  seiner  Monographie  der  norddeutschen 
Wealdenbildungen  S.  XX  erwähnt,  dass  am  Osterwalde  deutliche 
Uebergänge  der  Wealdenbildungen  in  die  Kreideschichten  auf- 
treten,  was  aus  dem  gemischten  Vorkommen  von  Meeres-  und 
Süsswassermollusken  an  der  Grenze  zu  den  Kreidebildungen  her- 
vorginge 2). 

Dann  gab  H.  Römer  in  seiner  Beschreibung  des  Profils  von 
Sehnde  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1874,  Bd.  26,  S.  345) 
an,  dass  er  dort  in  petrographisch  nicht  zu  unterscheidenden  Ge- 
steinen Wealden-  und  Hilspetrefacten  gefunden  hätte.  Struck- 
mann hat  später  (Neues  Jahrb.  1891,  Bd.  I,  S.  117)  bei  Be- 
sprechung dieses  Profils  erklärt,  er  hätte  das  nicht  gefunden  bezw. 
er  könnte  die  Gesteine  unterscheiden  und  hat  sich  damit  über  die 
Sache  hinweggesetzt.  Abgesehen  davon,  dass  damals  die  be- 
treffenden Schichten  nicht  mehr  aufgeschlossen  gewesen  zu  sein 
scheinen,  ist  damit  doch  die  Angabe  eines  Mannes  wie  H.  Römer 
nicht  aus  der  Welt  geschafft3).  Ebenso  haben  später  Seebach 
(Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1871,  S.  777)  und  Böhm  (Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1877,  S.  224)  aus  den  Grenzschichten  von 

*)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1884,  S.  59.  — Dieses  Jahrb.  für  1889, 
S.  66  u.  69. 

2)  Für  diese  zwar  noch  nie  bestrittene,  aber  wie  es  scheint  in  Vergessenheit 
gekommene  Angabe  habe  ich  nach  Abschluss  dieser  Arbeit  noch  eine'  uner- 
wartete Bestätigung  gefunden.  In  den  Sammlungen  der  König!,  preuss.  geol. 
Landesanstalt  fand  sich  eine  aus  der  ScHLÖNBAcröschen  Sammlung  herstammende 
Reihe  von  Versteinerungen  aus  dem  Wealden  des  Osterwaldes,  die  neben  ver- 
schiedenen Cyrenen  noch  Pisidium  exaratum  Dunic.  und  zwei  kleine  Ammoniten 
enthält.  Diese  stimmen,  wie  ich  durch  Vergleichung  mit  dem  von  Nf.umayb 
und  Uhlig  beschriebenen  (Palaeontographica  Bd.  27,  S.  157,  Taf.  29,  Fig.  2), 
jetzt  im  naturhistorischen  Museum  der  Universität  Berlin  aufbewahrten  Original 
des  Olcostephanus  marginatus  (Phill.)  A.  Röm.  feststellen  konnte,  mit  dieser  Form 
so  genau  überein,  wie  es  in  Anbetracht  des  Altersunterschiedes  der  Stücke  nur 
möglich  ist,  so  dass  an  einer  Identität  der  Formen  nicht  zu  zweifeln  sein  dürfte. 

s)  Bei  dieser  Gelegenheit  sei  noch  auf  einen  anderen  Punkt  dieser 
SiKucKMANN’schen  Arbeit  hingewiesen.  In  seiner  Polemik  gegen  die  von  Denck- 
mann  aus  stratigraphischen  Gründen  verfochtene  Zugehörigkeit  der  Sehnder 


176 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


Ilils  und  Wealden  in  der  Hilsmulde  das  Zusammenvorkommen 
von  Belemnites  subquadratus  A.  Röm.  mit  Unionen  und  Paludinen 
beschrieben.  Dazu  behauptet  Struckmann  (Dieses  J ahrb.  für  1 889, 
S.  69),  diese  Thatsachen  ständen  nicht  unzweifelhaft  fest,  die 
Versteinerungen  könnten  nicht  aus  anstehenden,  sondern  aus  zu- 
sammengeschwemmten Schichten  gesammelt  sein,  Böhm  hätte  sich 
nicht  mit  voller  Bestimmtheit  ausgesprochen. 

Ich  glaube  kaum,  dass  ein  unbefangener  Leser  der  betreffen- 
den Stelle  Struckmann’s  Ansicht  darüber  theilen  wird;  — mag 
dem  aber  nun  sein,  wie  ihm  wolle,  in  diesem  Borgloher  Bohr- 
loch IV  ist  die  Wechsellagerung  von  Hils  und  Wealdenbildungen, 
sowie  das  Auftreten  von  Schichten  mit  vollständiger  Mischfauna, 
darunter  Oxynoticeras  heteropleurum  Neum.  , so  unzweifelhaft  und 
an  der  Hand  der  vorhandenen  Bohrkerne  zu  beweisen,  dass  da- 
mit dieser  Einwand  von  Struckmann  definitiv  beseitigt  ist. 

Es  hätte  aber  selbst  dieses  Beweises  nicht  bedurft,  um  die 
Unhaltbarkeit  der  STRüCKMANN’schen  Ansicht  darzuthun,  denn 
Struckmann  giebt  selbst  die  concordante  Ueberlagerung  der 
Wealdenbildungen  durch  den  Hils  zu. 

Wäre  wirklich,  wie  Struckmann  sich  das  denkt,  nach  der 
Ablagerung  des  Wealden  ein  längerer  Zeitraum  verflossen,  in 
dem  für  das  betreffende  Gebiet  eine  Festlandsperiode  eintrat, 


Wealdenbildungen  zur  Kreide  behauptet  Struckmann  im  Gegentheil  das  jurassische 
Alter  dieser  Schichten  aus  ihrer  Wechsel lagerung  mit  »unzweifelhaften  Jura- 
schichten* naehweisen  zu  können  (1.  c.  S.  127).  Unter  diesen  »unzweifelhaften 
Juraschichten«  können  nur  seine  »marinen  Schichten«  9,  10  und  13  verstanden 
sein.  Yon  diesen  führt  Schicht  9 Ostrea  distorta  und  Exogyra  bulla , wie  Struck- 
mann vorher  selbst  zugiebt,  Charakterformen  des  englischen  Purbeck.  Schicht  10 
(1.  c.  S.  123)  enthält  neben  sieben  vom  Kimmeridge  bis  zum  Portland  bekannten 
Formen  ( Ostrea  rugosa,  Anomia  jurensis , Mytilus  autissiodorensis , Anisocar dia 
Legayi , Oyprina  Brongniarti,  Cyrena  rugosa  und  Neritoma  sinuosa ) noch  Cyrena 
subtransversa , Cyrena  tenuis , Cyrena  angulata,  Mytilus  membranaceus , Melania 
strombiformis  (häufig),  Gervillia  arenaria,  alles  Arten,  die,  mit  Ausnahme  der 
letzten,  nur  aus  Wealdenschichten  bekannt  sind,  während  die  letztere  von 
Wealdenthon  bis  zum  oberen  Kimmeridge  vorkommt. 

Schichten  mit  einer  derartigen  Fauna  können  doch  wohl  nicht  gut  »un- 
zweifelhafte Juraschichten«  genannt  und  als  Beweise  für  die  vorliegende  Frage 
gebraucht  werden. 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


177 


(Dieses  Jahrb.  für  1889,  S.  70),  so  hätte  doch  die  während 
dieser  Festlandsperiode  stattfindende  Denudation,  sowie  die  beim 
Hereinbruch  des  Hilsmeeres  eintretende  Abrasion  der  trockenge- 
legten Wealdenschichten  eine  merkbare  Discordanz  hervorbringen 
müssen,  von  der  aber  nirgends  eine  Spur  beobachtet  ist,  — im 
Gegentheil  wird  von  allen  Seiten  und  auch  von  StruckmaNN 
selbst  die  vollständige  Concordanz  beider  Bildungen  besonders 
hervorgehoben. 

Weshalb  an  der  Grenze  beider  Bildungen  also  augenscheinlich 
so  selten  Schichten  mit  einer  Mischfauna  auftreten  und  ob  dieses 
seltene  Auftreten  der  Mischfauna  in  der  That  der  Fall  und  nicht 
nur  ein  Mangel  der  Beobachtung  ist,  lässt  sich  heute  natürlich 
nicht  entscheiden  — dass  solche  Mischfauna  und  Wechsellage- 
rungen der  Schichten  in  Deutschland  aber  überhaupt  auftreten, 
steht  jetzt  jedenfalls  zweifellos  fest  und  damit  ist  der  letzte  von 
Struckmann  geforderte  Beweis  für  die  Zugehörigkeit  des  Wealden 
zur  Kreideformation  erbracht 1). 

Ist  nun  so  die  Gleichaltrigkeit  des  Wealdenthons  mit  dem 
Hilsthon  festgestellt,  so  fragt  sich  nur  noch,  welche  von  den  tiefer 
liegenden  Schichten  ebenfalls  noch  zur  Kreideformation  zu  ziehen 
sind.  Es  fehlen  nun  noch  die  Aequivalente  für  die  tiefsten  Kreide- 
horizonte, die  in  Norddeutschland  zum  Theil  durch  die  tieferen 
Schichten  des  Hilsconglomerates,  zum  Theil  überhaupt  nicht  ver- 


x)  Um  noch  einer  eventuellen  Wiederholung  des  Einwandes  zu  begegnen, 
mit  dem  Struckmann  die  in  England  beobachtete  Wechsellagerung  der  Schichten 
des  Wealdclay  mit  solchen  des  lower  greensand  als  nicht  für  den  Wealden  im 
Allgemeinen  beweiskräftig  sich  zu  erweisen  bemüht,  nämlich  dass  der  obere 
Wealden  in  England  sehr  viel  mächtiger  entwickelt  sei  als  in  Deutschland,  dass 
also  die  in  Wechsellagerung  mit  dem  lower  greensand  gefundenen  Schichten  er- 
heblich jünger  sein  könnten  als  der  deutsche  Wealdenthon,  möchte  ich  noch 
einmal  besonders  darauf  hinweisen,  dass  erstens  das  Bohrloch  III  ebenfalls  eine 
Mächtigkeit  von  290  Meter  für  den  Wealdenthon  ergeben  hat  und  zwar  ohne 
bemerkenswerthe  Störung  der  Schichten,  so  dass  hier  also  die  mächtigste  englische 
Entwickelung  vollkommen  erreicht  wird  und  zweitens,  dass  die  bei  Borgloh 
beobachtete  Wechsellagerung  sich  nicht  etwa  an  dieser  Stelle  der  grössten  Mäch- 
tigkeit, sondern  an  einem  Punkte  findet,  wo  der  Wealdenthon  nur  165  Meter 
mächtig  ist. 


Jahrbuch 


12 


178 


C.  Gagel,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Wealden 


treten  sind  (Zonen  des  Belemnites  latus  und  des  Iloplites  priva- 
vensis  und  occitannicus'). 

Von  den  leitenden  Cephalopodenformen  oder  sonstigen  cha- 
rakteristischen Arten  findet  sich  keine  Spur  in  den  tieferen  Weal- 
denbildungen , eine  absolut  sichere  und  genaue  Identificirung  ist 
also  nicht  möglich.  Das  Auskunftsmittel,  auf  das  Denckmann 
(Neues  Jahrb.  1890,  Bd.  II,  S.  97  und  1891,  Bd.  II,  S.  105)  hin- 
gewiesen hat,  in  strittigen  Fällen  die  Grenze  dahin  zu  legen,  wo 
durch  das  Auftreten  von  Abrasionsdiscordanzen  sich  das  Eintreten 
von  grossen  Veränderungen  der  physikalischen  Verhältnisse  be- 
merkbar macht,  mit  denen  die  Veränderung  der  marinen  Faunen 
wahrscheinlich  in  ursächlichem  Zusammenhang  gestanden  hat,  hilft 
im  vorliegenden  Falle  auch  nicht  viel,  da,  wie  schon  erwähnt,  die 
Discordanz  bis  jetzt  nur  an  zwei  Stellen  beobachtet  ist,  wo  die 
nach  Eintreten  derselben  abgesetzten  Schichten  mit  der  typischen 
Ausbildung  der  Wealdenformation  so  wenig  Aehnlichkeit  haben, 
dass  die  Discordanz  hier  nur  den  allgemeinen  Beweis  der  Zu- 
gehörigkeit des  Wealden  zur  Kreide  verstärkt,  für  die  Abgrenzung 
der  typischen  Wealdenbildungen  aber  kein  Hülfsmittel  bietet.  In 
den  meisten  Fällen  hat,  worauf  stets  nachdrücklich  hingewiesen 
zu  haben,  das  Verdienst  Struckmann’s  ist,  ein  so  allmählicher 
und  lückenloser  Uebergang  zwischen  den  Jura-  und  Wealden- 
schichten  stattgefunden,  dass  der  Zusammenhang  der  einzelnen 
Schichten  ein  sehr  inniger  und  dass  also  eine  ganz  natürliche 
Grenze  überhaupt  nicht  zu  ziehen  ist,  weil  eine  solche  natürliche 
Grenze  immer  schnell  eintretende  physikalische  Veränderungen  als 
Grund  voraussetzt,  für  die  sich  hier  eben  kaum  ein  Anhaltspunkt 
findet. 

Dass  also  ein  aus  systematischen  Gründen  vorzunehmender 
Schnitt  in  solchem  Falle  nicht  allen  Beziehungen  gerecht  werden 
kann,  ist  evident;  man  muss  ihn  denn  aber  doch  so  legen,  dass 
er  den  natürlichen  Verhältnissen  am  wenigsten  widerspricht. 

Sehen  wir  daraufhin  die  Folge  der  Sedimente  durch,  so 
finden  wir,  dass  der  mittlere  Wealden  (Hastingssandstein)  zum 
Wealdenthon  und  der  Serpulit  zum  mittleren  Wealden  so  enge 
Beziehungen  haben,  dass  hier  die  Grenze  mit  kaum  grösserer  Be- 


in  der  Gegend  von  Borgloh-Oesede  etc. 


179 


rechtigung  als  oberhalb  des  Wealdenthons  gezogen  werden  kann. 
Die  bis  jetzt  bekannte  äusserst  spärliche  Fauna  der  Münder  Mergel 
besteht  aus  zwei  Formen  Corbula  alata  Sow.  und  Corbula  inflexa 
A.  Röm.,  die  aus  dem  oberen  Jura  bis  in  den  Wealdenthon  reichen, 
und  zwei  anderen  — Littorinella  Schusteri  Dunk,  und  Gyrena  sub- 
transversa  A.  Röm.  — die  nur  noch  aus  den  hangenden  Schichten 
bekannt  sind;  sie  schliesst  sich  mithin  ebenfalls  enger  an  den 
Wealden  als  an  den  Jura  an. 

Andererseits  beweist  die  Ablagerung  dieser  mächtigen,  so  gut 
wie  fossilfreien  Sedimente,  die  von  Schichten  mit  verhältnissmässig 
reichen  Faunen  überlagert  und  unterteuft  werden,  dass  zu  dieser 
Zeit  immerhin  eine  Veränderung  der  physikalischen  Verhältnisse 
stattgefunden  haben  muss,  was  sich  auch  darin  ausspricht,  dass, 
wenn  auch  eine  Zahl  von  Jurafossilien  diese  Periode  überdauert 
und  in  den  hangenden  Schichten  wieder  auftritt,  doch  auch  eine 
recht  erhebliche  Anzahl  von  Formen  des  oberen  Jura  die  Grenze 
der  Plattenkalke  zu  den  Münder  Mergeln  nicht  überschreitet, 
sondern  hier  ausstirbt,  so  dass  die  Plattenkalke  selbst  wieder  viel 
ausgeprägtere  Beziehungen  zu  den  Schichten  des  oberen  Jura 
als  zu  den  Wealdenbildungen  aufweisen  (Struckmann,  Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1887,  S.  35). 

Es  bleibt  also  als  natürlichste,  den  thatsächlichen  Verhält- 
nissen am  wenigsten  widersprechende  Grenze  zwischen  Jura  und 
Kreide  die  obere  Grenze  der  Eimbeckhäuser  Plattenkalke  be- 
stehen, so  dass  die  Purbeckschichten  (Münder  Mergel  und  Serpulit) 
als  unterstes  Glied  dem  Wealden  und  dieser  als  Ganzes  der 
Kreideformation  zuzurechnen  ist. 


12! 


Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark 
und  im  südlichen  Hinterpommern. 

Yon  Herrn  Konrad  Keilhack  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XI Y.) 


Durch  eine  in  nächster  Zeit  bevorstehende  Veröffentlichung 
von  Gottscfie  über  die  Endmoräne  in  Schleswig-Holstein1),  durch 
die  soeben  erschienene  Uebersichtskarte  derjenigen  Mecklenburgs 
von  Geinitz  2)  und  durch  die  in  diesem  Jahrbuche  veröffentlichten 
Arbeiten  von  Berendt  und  Wahnschaffe  3)  über  die  uckermärki- 
schen, von  mir4)  über  die  hinterpommerschen  Endmoränenzüge 
ist  der  Verlauf  der  Hauptendmoräne  Norddeutschlands  von  der 
dänischen  Grenze  bis  zur  Weichsel,  d.  h.  in  einer  Länge  von 
insgesammt  1000  Kilometer  bekannt  gegeben.  Nur  eine  grössere 


b Vortrag  darüber  in  Goslar  im  August  1893  gehalten.  Siehe  Protokoll- 
notiz in  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1893,  S.  540. 

2)  E.  Geinitz,  Die  Endmoränen  Mecklenburgs.  Mitth.  aus  der  Grossherz. 
Meckl.  Geol.  Landesanstalt  IV.  4°.  Rostock  1894.  Mit  Karte. 

3)  G.  Berendt  und  F.  Wahnschaffe,  Ergebnisse  eines  geologischen  Aus- 
fluges durch  die  Uckermark  und  Mecklenburg- Strelitz.  Dieses  Jahrb.  für  1887, 
S.  363—371. 

G.  Berendt,  Die  beiderseitige  Fortsetzung  der  südlichen  baltischen  End- 
moräne. Dieses  Jahrb.  für  1888,  S.  110 — 122. 

4)  K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken  in  Hinterpommern  und  West- 
preussen.  Dieses  Jahrb.  für  1889,  S.  149  — 214  und  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol. 
Ges.  1889,  S.  156. 


Konrad  Keilhack,  Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark  etc.  181 


Lücke  findet  sich  noch  in  dem  Gebiete  zwischen  der  Oder  und  der 
Gegend  von  Dramburg  im  südlichen  Hinterpommern,  eine  Lücke, 
die  ungefähr  eine  Länge  von  150  Kilometer  besetzt.  Auf  mehreren 
Reisen  in  den  Jahren  1890,  91  und  92,  sowie'  bei  Gelegenheit 
der  Begehung  der  Bahnlinien  Stargard-Callies  und  Arnswalde- 
Callies  im  Frühjahr  dieses  Jahres  (1894)  habe  ich  auch  diese  Lücke 
grösstentheils  ausfüllen  können  und  glaube  zur  Ergänzung  jenes 
Moränenzuges  zu  einem  geschlossenen  Ganzen  mit  einer  genaueren 
Veröffentlichung  meiner  Beobachtungen  nicht  mehr  zögern  zu  sollen. 

Das  zwischen  Dramburg  und  Soldin  gelegene  Stück  der  End- 
moräne (100  Kilometer)  habe  ich  allein  kartirt;  die  Beobachtungen 
zwischen  Soldin  und  Vietnitz  an  der  Stettin-Ciistriner  Bahn  würden 
auf  einer  gemeinschaftlichen  Reise  mit  Herrn  Dr.  Schröder  ge- 
macht; und  die  Mittheilungen  über  die  Endmoränen  zwischen 
Vietnitz  und  dem  Oderthaie  verdanke  ich  Herrn  Dr.  Schröder, 
der  mir  freundlichst  gestattete,  über  dieselben  im  Anschluss  an 
meine  eigenen  Beobachtungen  zu  berichten. 

In  der  Eingangs  angeführten  Arbeit  habe  ich  den  Verlauf 
der  hinterpommerschen  Endmoräne  eingehend  bis  Dramburg  be- 
schrieben und  in  einer  Schlussbemerkung,  die  ich  während  des 
Druckes  noch  hinzufügen  konnte,  den  weiteren  Verlauf  der- 
selben bis  in  die  Gegend  von  Soldin  kurz  skizzirt.  Ich  knüpfe 
die  genauere  Beschreibung  an  derselben  Stelle  an. 

Die  Stadt  Dramburg  liegt  in  einer  flachen  von  der  Drage 
durchflossenen  Sandebene.  Nördlich,  nordwestlich  und  westlich 
von  der  Stadt  grenzt  dieser  als  Sandr  aufzufassende  Sandcomplex 
an  typische  Moränenlandschaft,  aber  der  äussere  Rand  derselben 
ist  hier  nicht  als  Endmoräne  entwickelt.  Von  der  Südseite  des 
Sarranzig-Sees  bis  nach  Janikow,  wo  eine  mächtige  Sandmasse 
den  verschütteten,  einst  nach  S.  gerichteten  Abfluss  des  Rosen- 
felder und  Sabitz-Sees  anzuzeigen  scheint,  wurden  trotz  der  all- 
gemeinen Lehmbedeckung  nirgends  nennenswerthe  Geschiebean- 
häufungen beobachtet.  Erst  zwischen  Bernsdorf  und  Janikow  setzt 
die  Endmoräne  mit  Kieskuppen  und  ungeheuren  Steinhaufen  auf 
den  Feldern  wieder  ein,  aber  nur,  um  alsbald  über  die  Golzer 
pnd  Gienower  Mühle,  über  Henkenhagen  und  den  Schlossberg 


182  Konrad  Keilhack,  Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark 

auf  die  zwischen  dem  Rosenfelder  See  und  der  Eisenbahn  liegen- 
den Höhen  nach  Nordwest  zurückzubiegen.  Der  Gegenflügel 
dieser  Zurückbuchtung  beginnt  wahrscheinlich  schon  in  den  hohen 
Kuppen  des  Wangeriner  Stadtwaldes,  wurde  aber  erst  von  der 
Kreisgrenze  bei  Karlsthal  an  wieder  beobachtet,  wo  die  End- 
moräne bereits  ihre  alte  Richtung  NO. — SW.  wieder  angenommen 
hat.  Hier  beginnt  ein  ganz  schmaler,  hoher,  wohl  entwickelter 
Endmoränenkamm  von  gradezu  typischer  Beschaffenheit,  der  genau 
auf  der  Grenze  zwischen  der  fruchtbaren,  mit  Laubwald  be- 
standenen und  mit  zahlreichen  Gehöften  bedeckten  lehmigen 
Moränenlandschaft  und  der  spärlich  bewohnten,  nur  Nadelwald 
tragenden  Sandebene  liegt.  Dieses  Verhältniss  bleibt  nun  auf 
mehr  als  3 Meilen  Länge;  auf  den  beiden  Messtischblättern 
Nörenberg  und  Gr.  Mellen  kann  man  mit  einem  Blicke  auf’s  Beste 
diese  beiden  total  verschiedenen  Landschaftsformen  erkennen  und 
unterscheiden.  Der  Endmoränenkamm  zieht  sich  als  solcher  von 
dem  südöstlichsten  Carlsthaler  Gehöft  an  um  die  Südseite  des  an 
den  Grossen  und  Kleinen  Rothsee  sich  anschliessenden  Moores 
herum.  Hier  setzt  sie  ab,  und  ihre  Fortsetzung  liegt  im  Walde 
nördlich  des  Gr.  Rothsees,  von  wo  sie  in  Form  einer  Reihe  von 
Steinkuppen,  die  durch  geschiebebedeckte  Grundmoräne  verbunden 
sind,  ungefähr  der  Chaussee  folgend,  sich  auf  den  Pietschen  See 
zu  zieht.  Auf  der  Westseite  desselben  beginnt  ein  ganz  prächtiger, 
schmaler,  aus  Geschiebepackung  gebildeter  Kamm,  der  1,5  Kilometer 
weit  bis  zum  östlichsten  Punkte  des  Drenzig-Sees  reicht.  Nun 
folgt  in  der  Endmoräne  eine  1,5  Kilometer  lange  Lücke,  in  welcher 
der  nach  Osten  hin  einfach  gestaltete,  nach  Westen  hin  mit  5 
tiefen  Buchten  in’s  Land  eingreifende  Enzig-See,  ein  typischer 
Grundmoränensee,  liegt.  Von  ihm  aus  läuft  eine  alte  Schmelz- 
wasserrinne, in  welcher  eine  Reihe  von  Seen  liegen,  nach  Osten, 
vereinigt  sich  in  15  Kilometer  Entfernung  bei  Welschenburg  mit 
einer  zweiten,  aus  der  Henkenhagen-Ginower  Einbuchtung  der 
Endmoräne  von  NW.  herkommenden  Rinne  und  läuft  mit  dieser 
zusammen  in  die  Rinne  des  Grossen  Lübbesees. 

S.  von  Nörenberg  nimmt  die  Endmoräne  eine  fast  genau 


und  im  südlichen  Hinterpommern. 


183 


nordsüdliche  Richtung  mit  ganz  flacher  Ausbiegung  nach  Osten 
an,  die  sie  auf  eine  Länge  von  45  Kilometer  bis  zu  der  an  der 
Stargard  - Kreuzer  Eisenbahn  liegenden  Bahnstation  Augustwalde 
beibehält.  Die  nördliche  Hälfte  dieses  Endmoränenstückes  besitzt 
folgenden  Charakter:  die  Moränenlandschaft  wird  von  W.  nach  O. 
immer  bewegter  und  steigt  höher  und  höher  hinan.  Ihr  östlicher 
Rand  wird  in  einer  Breite  von  500 — 1000  Meter  von  sehr  grossen 
Mengen  grosser  und  kleiner  Geschiebe  bedeckt,  zwischen  denen 
eine  Anzahl  ganz  und  gar  aus  Blockpackung  bestehender  Kuppen 
liegen.  Unterbrechungen  der  Endmoränen  lassen  sich  nur  da 
beobachten,  wo  Seen  liegen  (Nethstubben- , Cremminer  und  Gr. 
Kirttkow-See).  Der  genaue  Verlauf  der  Endmoräne  ist  folgender: 
sie  beginnt  unmittelbar  S.  von  Nörenberg,  bildet  die  Halbinsel 
im  Nethstubben- See,  läuft  am  O.- Rande  der  Kremminer  Forst 
auf  den  Kremminer  See  zu  und  verläuft  nun  vom  O. -Rande  des 
letzteren  über  Vorwerk  Karlsruhe,  zwischen  Gr.  Silber  und 
Kl.  Spiegel  über  den  145  Meter  hohen  Luftberg,  dann  nach  Osten 
ausbiegend  über  Vorwerk  Kreuz  auf  Nantikow  zu.  Schon  vor 
diesem  Orte  aber  hört  sie  mitten  im  Felde  mit  einigen  kleinen 
Steinkuppen  und  zusammengelesenen  Steinhaufen  auf,  und  ihre 
Fortsetzung  bis  Augustwalde  kann  man  nur  an  einzelnen,  meist 
ungefähr  auf  der  Grenze  zwischen  Lehm-  und  Sandgebiet  liegen- 
den Steinkuppen  erkennen.  Zweifellos  wird  die  Zahl  derselben, 
da  sie  häufig  in  kleinen  Wäldchen  oder  mitten  im  Felde  zerstreut 
liegen,  bei  der  speciellen  geologischen  Kartirung  sich  noch  wesent- 
lich grösser  erweisen,  als  sie  nach  den  Beobachtungen  einer  ein- 
maligen Begehung  des  Gebietes  jetzt  angegeben  werden  kann. 
Die  beobachteten  Punkte  liegen: 

am  Südwestrande  des  Schleussenbruches  zwischen  Kratznick 
und  Buchholz; 

südlich  und  südwestlich  von  Cölpin  in  der  Nähe  der 
Eisenbahn; 

zwischen  Rohrbeck  und  Selnow; 
westlich  und  südlich  von  Plagow; 
in  der  Nähe  des  Bahnhofes  Augustwalde. 


184  Konrad  Keilhack,  Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark 


Bei  Augustwalde  ändert  die  Endmoräne  ihre  Richtung,  indem 
sie  nach  Westsüdwest  umbiegt;  diesen  Verlauf  behält  sie  bis 
Schöneberg,  d.  h.  auf  eine  Länge  von  45  Kilometer  bei. 

Die  beobachteten  Stücke  dieses  Theiles  der  Endmoräne  be- 
ginnen in  der  Arnswalder  Stadtforst  zwischen  Sch  wachen  walde 
und  Gerzlow  und  zwischen  Gerzlow  und  Kriening;  letzteres  Stück 
bildet  einen  nach  S.  convexen  Bogen  mit  vortrefflichen  Kuppen 
aus  Steinpackung,  die  besonders  hart  am  Dorfe  Kriening  sehr 
gehäuft  sind. 

Nach  einer  Unterbrechung  durch  den  grossen  Puls-See,  eine 
Austrittsstelle  der  Schmelzwasser,  durch  welche  die  südlich  ge- 
legenen Rinnenseen  gebildet  wurden , folgt  die  Fortsetzung  der 
Endmoräne  N.  von  Hasselbusch  und  lässt  sich  über  Herzfelde, 
Amalienhof  und  Oberförsterei  Neuhaus  bis  zu  den  sogenannten 
Plönequellen  verfolgen.  Dann  kommt  wieder  eine  Unterbrechung, 
in  welcher  der  Berlinchener  See  mit  zwei  nach  S.  gerichteten  Ab- 
flussrinnen liegt;  jedoch  liegen  auch  im  Walde  S.  vom  See  einige 
kleine  Steinkuppen.  Vom  Tobelhof  setzt  die  Endmoräne  in  Form 
von  Geschiebeschüttung  der  oft  sehr  sandigen  Oberfläche  sich  fort 
über  Forsthaus  Kerngrund  in  der  Richtung  nach  Kienitz. 

Nach  der  Lücke,  in  welcher  der  grosse  Karziger  See  liegt, 
folgt  die  durch  eine  Reihe  von  Steinkuppen  bezeichnete  Fort- 
setzung der  Endmoräne  S.  vom  Zumbolt-See  und  geht,  nördlich 
an  Hollin  und  südlich  am  Faulen  See  vorbei  mitten  in  das  Dorf 
Schöneberg. 

Hier  beginnt  abermals  eine  Veränderung  der  Richtung:  die 
Endmoräne  verlauft  von  Schöneberg  bis  an  das  Oderthal  in  einer 
Länge  von  50  Kilometer  in  fast  ostwestlicher  Richtung.  Von 
diesem  ganzen  Zuge  sind  die  ersten  und  die  letzten  7 Kilometer 
ausgezeichnet  entwickelt,  während  auf  der  langen  Zwischenstrecke 
nur  vereinzelte  Punkte  den  Verlauf  der  Endmoräne  andeuten. 
Die  ersten  7 Kilometer,  die  zwischen  Schöneberg  und  dem  von 
Mietzelfelde  nach  Staffelde  führenden  Wege  liegen,  bilden  be- 
sonders im  mittleren  Theile  einen  scharf  hervortretenden,  mit 
ungeheuren  Grand-  und  Steinmassen  bedeckten  und  z.  Th.  aus 
demselben  Materiale  bestehenden  Rücken,  von  dem  aus  man  einen 


und  im  südlichen  Hinterpommern. 


185 


weiten  Blick  über  die  südlich  vorliegenden  ebenen  Sandflächen 
hat.  Es  folgt  nunmehr  südlich  vom  Soldiner  See  wieder  eine 
Lücke  in  der  Endmoräne.  Der  nächste  beobachtete  Punkt  bei 
der  Haltestelle  Rostin  ist  von  Läufer  *)  aufgefunden  und  das 
während  des  Bahnbaues  aufgeschlossene  Profil  von  ihm  zwar  falsch 
gedeutet,  aber  ausgezeichnet  in  Fig.  7 auf  Taf.  XVI  der  ange- 
gebenen Arbeit  abgebildet.  Nach  mündlicher  Mittheilung  des 
Besitzers  des  Gutes  Rostin  ist  der  südliche  Rand  seines  Lehm- 
ackers durch  das  Auftreten  sehr  grosser  Steinmengen  ausgezeichnet; 
vermuthlich  fällt  der  Rostiner  Fuchsberg  in  die  Endmoräne  hinein. 

Nach  abermaliger  Lücke  folgen  Geschiebeanhäufungen  bei 
Pinnow  und  im  Zernikower  Walde,  die  sich  bei  genauerer  Unter- 
suchung wahrscheinlich  als  durch  viele  Zwischenpunkte  verbunden 
erweisen  worden,  und  dann  das  Beschüttungsgebiet  zwischen 
Pätzig  und  Wartenberg,  sowie  die  blockreichen  Endmoränen  dicht 
bei  dem  Gute  Hohen -Wartenberg.  Bei  dem  jetzt  verschwundenen 
Pätziger  Vorwerke  Brewitz  sahen  wir  hart  am  Wege  eine  End- 
moränenkuppe, die  zur  Hälfte  abgebaut  war  und  im  Querschnitt 
prächtig  die  regellose  Blockpackung  des  ganzen  Hügels  erkennen 
liess.  Das  Gebiet  südlich  vom  Gellmer  See  ist  mit  grossen 
Geschiebemassen  wie  übersät,  unter  denen  sich  sehr  zahlreiche 
rothe,  versteinerungsreiche  Kalksteine  befinden. 

Zwischen  Hohenwartenberg  und  Mohrin  ist  zwar  die  Grenze 
der  Endmoränenlandschaft  gegen  das  vorlagernde  Sandgebiet  sehr 
scharf,  aber  nicht  durch  nennenswerthe  Geschiebemassen  als  End- 
moräne charakterisirt.  Dieser  Rand  verläuft  in  einem  flachen 
Bogen  über  Beigen,  Gossow  und  Charlottenhof  auf  die  Südspitze 
des  Mohriner  Sees  zu.  Bei  Beigen  steht  rechtwinklich  zu  diesem 
Rande  ein  Trockenthal,  durch  welches  die  Wasser  des  heute  nach 
N.  abfliessenden  Belgen-Sees  einst  nach  S.  ihren  Weg  nahmen. 

Bei  Mohrin  beginnt  das  letzte  Stück  der  neumärkischen  End- 
moräne, welches  südlich  an  Gr.  Wubiser  und  Dürren -Selchow 
vorbei  auf  Karlstein  zuläuft  und  dort,  nur  noch  2,5  Kilometer 


b E.  Läufer,  Aufschlüsse  in  den  Einschnitten  der  Stargard-Küstriner-Eisen- 
bahn.  Dieses  Jahrb.  für  1881,  S.  523 — 534. 


186  Konrad  Keilhack,  Die  baltische  Endmoräne  in  der  Neumark  etc. 

vom  Rande  des  Oderthals  entfernt,  endigt.  In  diesem  letzten 
Theile  ist  die  Endmoräne,  besonders  bei  Karlstein  und  Dürren- 
Selchow,  wieder  sehr  gut  als  Kamm  ausgebildet,  der  aus  mächtigen 
Blockpackungen  besteht,  die  gradeso  wie  auf  der  andern  Seite 
des  Odertbales  zur  Steingewinnung  ausgebeutet  werden. 

Fast  das  ganze  neubeschriebene  Stück  Endmoräne,  nämlich 
der  140  Kilometer  lange  Theil  von  Zehden  bis  Nörenberg,  gehört 
einem  einzigen  ungeheuren  Bogen  an,  der  fast  überall  die  charakte- 
ristische Grenzlage  zwischen  Moränenlandschaft  und  Sandebene 
einnimmt.  Dass  er  gleichaltrig  mit  der  hinterpommerschen  End- 
moräne ist  und  mit  ihr  ein  zusammengehöriges  Ganze  bildet,  steht 
fest.  Dagegen  lässt  sich  heute  noch  kein  sicheres  Urtheil  darüber 
abgeben,  welcher  der  uckermärkisch- mecklenburgischen  End- 
moränenzüge als  seine  westliche  Fortsetzung  zu  betrachten  ist. 
Die  Beantwortung  dieser  Frage  dürfen  wir  von  Herrn  Dr.  Schröder 
erwarten,  der  mit  der  Speeialbearbeitung  der  Blätter  Zehden  und 
Oderberg  beschäftigt  ist,  auf  denen  die  Entscheidung  zu  suchen  ist. 


Notiz  über  ein  Vorkommen  von  Mittel oligocän 
bei  Soldin  in  der  Neumark. 

Von  Herrn  Konrad  Keilhack  in  Berlin. 


Bei  Gelegenheit  der  Begehung  und  Kartirung  des  Baltischen 
Endmoränenzuges  in  der  nördlichen  Neumark  entdeckte  ich  in 
der  Nähe  der  Stadt  Soldiu,  am  Wege  nach  Mietzelfelde , in  der 
grossen  Ziegeleigrube  nördlich  des  Weges,  ein  neues  Vorkommen 
von  Septarienthon  und  tertiärem  Sande  (wahrscheinlich  Stettiner 
Sand),  welches  deshalb  bemerkenswerth  ist,  weil  es  der  erste 
Punkt  ist,  an  welchem  innerhalb  der  Moränenlandschaft 
zwischen  Oder  und  Weichsel  ältere  als  diluviale  Schichten  beob- 
achtet sind.  Der  kalkhaltige  Septarienthon  wird  auf  der  Nord- 
seite der  Grube  von  Oberem  Geschiebemergel  überlagert,  auf  der 
Südseite  dagegen  von  feinen  Quarzsanden,  in  welchen  in  mehreren 
Schichten  scherbige  Thoneisensteinknollen  eingelagert  sind.  Ver- 
steinerungen konnten  in  letzteren  nicht  gefunden  werden.  Der 
Thon  enthält  zahlreiche  Septarien,  die  aber  nicht  aus  kohlen- 
saurem Kalke,  sondern  aus  thonigem  Sphärosiderit  bestehen. 
Von  grösseren  organischen  Resten  fanden  sich  nur  winzige,  un- 
bestimmbare Bruchstücke;  dagegen  lehrte  eine  genaue  Betrachtung 
der  Oberfläche  des  während  des  Winters  verwitterten  abgebauten 
Thories,  dass  derselbe  eine  nicht  unbeträchtliche  Menge  Fora- 
miniferen enthielt.  Eine  mitgenommene  Probe  wurde  von  Herrn 
Mechaniker  G.  Schacko  freundlichst  untersucht;  derselbe  fand 


188  Konrad  Keilhack,  Notiz  über  ein  Vorkommen  von  Mitteloligocän 


darin  ausser  Bruchstücken  von  Nucula  Chastelii  folgende  Arten 

von  Foraminiferen: 

Miliodinae. 

1.  Spiroloculina  limbata  Bornemann. 

2.  Miliolina  tenuis  Czyz. 

3.  » impressa  Reuss  var.  subovalis  Andreae. 

Peneroplidinae. 

4.  Cornuspira  polygyra  ReüSS. 

Lituolinae. 

5.  Haplophragmium  placenta  ReüSS. 

6.  » affinis  ReüSS. 

7.  » latidorsata  Bornemann. 

T e x tu  l ar  in  a e. 

8.  Bolivina  elongata  v.  Hantken. 

Chilostomellidae. 

9.  Chilostomella  cylindroides  ReüSS. 

Lagenidae. 

10.  Lagena  vulgaris  = laeois  Williamson. 

11.  » hispida  ReüSS. 

12.  » marginata  ReüSS. 

13.  Nodosaria  Orbignyana  Neugeboren. 

14.  » Ewaldi  Reuss. 

15.  » soluta  Bornemann. 

16.  Dentalina  consobrina  d’Orb. 

17.  » elegans  d’Orb. 

18.  » obliquistriata  Reuss. 

19.  Frondicularia  seminuda  ReüSS  (sehr  häufig). 

P o ly  m o r p h i nin  a e. 

20.  Polymorphina  semiplana  Reuss. 

21.  Uvigerina  gracilis  ReüSS  (sehr  häufig). 


bei  Soldin  in  der  Neumark. 


Globigerinidae. 

22.  Globigerina  bulloides  d’Orb. 

23.  Sphaeroidina  variabilis  ReüSS. 

24.  Pullenia  quinqueloba  ReüSS. 

Rotalidae. 

25.  Discorbina  Boueana  var.  BrinJchorsti  d’Orb. 

26.  Truncatulina  Ungeriana  d’Orb.  (häufig). 

Nummulinidae. 

27.  Polystomella  umbilicatula  Montf. 


Das  Profil  der  Eisenbahnen  Arnswalde-Callies 
und  Callies-Stargard. 

Von  Herrn  Konrad  Keilhack  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XIV.) 


Im  Frühjahr  1894  erhielt  ich  von  der  Direction  der  Königl. 
geologischen  Landesanstalt  den  Auftrag,  die  im  Bau  begriffenen 
Eisenbahnlinien  Arnswalde-Callies  und  Stargard-Callies  zu  be- 
gehen, und  die  in  den  zahlreichen  Einschnitten  aufgeschlossenen 
Profile  vor  der  Abdeckung  zu  untersuchen  und  aufzunehmen. 
Wie  aus  der  dieser  Abhandlung  beigegebenen  Taf.  XIV  zu  er- 
sehen ist,  besitzen  die  von  den  beiden  Bahnen  durchschnittenen 
Gebiete  in  geologischer  Beziehung  viel  Uebereinstimmendes.  Das 
ist  um  so  weniger  verwunderlich,  als  sie  beide  annähernd  recht- 
winklig zum  Streichen  der  dieses  Gebiet  zusammensetzenden  pa- 
rallelen Landschaftszonen  verlaufen  und  nur  einen  mittleren  Ab- 
stand von  8 — 15  Kilometer  besitzen.  Beide  Bahnlinien  beginnen 
im  W.  im  Gebiet  der  ebenen  Platten  Oberen  Geschiebemergels, 
erreichen  dann  die  wechselvoll  gestaltete  Moränenlandschaft,  über- 
schreiten die  Endmoräne  und  durchqueren  hierauf  den  vor  der- 
selben liegenden  ausgedehnten  Sandr  (Sand-  und  Kiesebene),  um 
sich  südlich  von  Callies  am  Ostrande  desselben  zu  vereinigen. 

1.  Die  Einschnitte  der  Bahn  Arnswalde-Callies. 

2 Kilometer  südöstlich  vom  Bahnhof  Arnswalde  zweigt  sich 
die  neue  Bahn  von  der  Strecke  Stargard- Kreuz  ab  und  über- 
schreitet zunächst  die  10 — 15  Meter  tief  eingeschnittene  Rinne, 


Konrad'  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen  Arnswalde-Callies  etc.  1 9 1 

in  welcher  die  Arnswalder  Seenkette  liegt.  In  dem  etwa  200  Meter 
langen,  5 Meter  tiefen  Einschnitte,  in  welchem  die  Bahnlinie  sich 
in  die  Thalrinne  hinein  begiebt,  sieht  man  in  der  in  Fig.  1 


Pig.  1. 


M = Oberer  Geschiebemergel.  L = Lehmige  Verwitterungsrinde  desselben.  S = Unterer  Sand. 

angegebenen  Lagerung  den  oberen  Geschiebemergel,  unterlagert 
von  Unterem  Sande  mit  wellig  bewegter,  an  zwei  Stellen  die 
Geschiebemergeldecke  durchstossender  Oberfläche.  Die  Mächtig- 
keit der  Verwitterungsdecke  über  dem  Geschiebemergel  beträgt 
l1/* — 2 Meter. 

Der  Geschiebemergel  zieht  sich  fast  ganz  in  die  Rinne  hinein, 
so  dass  nur  an  deren  unterstem  Rande  der  Sand  zu  Tage  tritt. 

Auf  der  Ostseite  der  Rinne  durchschneidet  die  Bahn  einen  kleinen 
Rücken,  der  vom  Senzig-See  eine  Bucht  abtheilt;  dieser  Rücken 
besteht  aus  einem  mit  dem  Unteren  Sande  der  westlichen  Thal- 
seite gleichalterigen  Schluffsande.  Nun  folgt  5 Kilometer  weit 
eine  ziemlich  ebene,  gleichmässig  mit  Oberem  Geschiebemergel 
bedeckte  Hochfläche,  bis  zwischen  Wardin  und  Radun  das  Aus- 
sehen des  Geländes  sich  vollkommen  ändert,  in  kurz  bewegtem 
Terrain  zahlreiche  geschlossene  Depressionen  sich  einstellen,  und 
die  Moränenlandschaft  beginnt.  Die  unebene  Oberfläche  zwang 
zu  zahlreichen  tiefen  Einschnitten,  so  dass  deren  innerhalb  der 
5 Kilometer  langen  Strecke  zwischen  den  Haltestellen  Wardin 
und  Zühlsdorf  nicht  weniger  wie  10  folgen.  Die  Bohrung  für 
den  Wirthschaftsbrunnen  auf  der  Haltestelle  Wardin  ergab  eine 
Mächtigkeit  des  Oberen  Geschiebemergels  von  6 Meter.  Unter 
ihm  wurde  bis  zu  21  Meter  Tiefe  Sand  angetroffen,  dessen  unterste 
4 Meter  Wasser  führten.  Der  Einschnitt  dicht  bei  der  Haltestelle 
westlich  des  Rietziger  Weges  zeigt  zu  oberst  eine  stark  ver- 
waschene, dünne,  1/2  — 1 Meter  mächtige  Geschiebelehmdecke,  die 
z.  Th.  sogar  noch  dünn  mit  Decksand  beschüttet  ist  und  darunter 
geschichtete  Sande  mit  Mergelsandstreifen  und  Grandbänken.  Der 


192 


Konrad  Keilhack,  "Das  Profil  der  Eisenbahnen 


östlich  des  Rietziger  Weges  sich  unmittelbar  anschliessende  5 Meter 
tiefe  Einschnitt  zeigt  unter  einem  Meter  Geschiebelehm  eine 
ebenso  starke  Folge  von  Sand-  und  Grandschichten  in  unregel- 
mässiger Wechsellagerung  un,d  darunter  3 Meter  reinen  Sandes. 
Die  beiden  nächsten  Einschnitte  sind  flach  und  zeigen,  der  west- 
liche Mergelsand,  der  östliche  Spathsand  unter  dem  Geschiebe- 
mergel. Nun  folgt  der  bis  8 Meter  tiefe,  250  Meter  lange  Ein- 
schnitt an  dem  westlichen  der  beiden  von  Rietzig  nach  Kürtow 
führenden  Wege.  Er  enthält  unter  einer  nach  O.  immer  dünner 
werdenden  Geschiebemergeldecke  eine  mächtige  Folge  geschichteter 
Sande.  200  Meter  weiter  östlich  überschreitet  die  Bahn  das 
schmale  Erosionsthal  des  Stävenitzbaches ; beiderseits  desselben 
tritt  unter  dem  Geschiebemergel  der  Untere  Sand  zu  Tage,  auf 
der  Ostseite  zahlreiche  Osteocollen  von  ausserordentlicher  Grösse 
enthaltend.  Nun  folgen  zwischen  den  beiden  von  Rietzig  nach 
Erdmannsthal  führenden  Wegen  unmittelbar  hinter  einander  zwei 
tiefe  Einschnitte,  die  leider  zur  Zeit  meines  Besuches  schon  z.  Th. 
abgeböscht  waren,  so  dass  ich  kein  zusammenhängendes  Profil 
mehr  gewinnen  konnte.  Im  ersten  der  10 — 12  Meter  tiefen  Ein- 
schnitte folgen  unter  einer  dünnen  Geschiebelehmdecke  geschichtete 
Sande,  die  eine  mehrere  Meter  mächtige  Mergelsandfolge  ein- 
schliessen.  Der  zweite  Einschnitt  dagegen  wird  zu  oberst  aus 
einem  zwar  sehr  thonigen,  aber  doch  zahlreiche  grosse  Geschiebe 
führenden  Geschiebemergel  gebildet,  unter  welchem  reiner  Unterer 
Sand  folgt. 

Sehr  interessant  war  der  Einschnitt  südöstlich  vom  Rietziger 
Amts -See,  obgleich  auch  er  nur  eine  3 — 4 Meter  mächtige,  im 
obersten  halben  Meter  entkalkte  Geschiebemergeldecke  auf  Unterem 
Sande  zeigte.  Das  Auffällige  sind  eine  Anzahl  von  Verwerfungen, 
die  in  der  in  Fig.  2 dargestellten  Art  und  Weise  Mergel  und 
Sand  durchschneiden.  Da  der  Verwitterungslehm  des  Geschiebe- 
mergels von  den  Verwerfungen  nicht  mit  betroffen  ist,  so  muss 
die  Verwitterung  jünger  sein  wie  die  Lagerungsstörung.  Die 
Sprunghöhe  der  Verwerfungen  übersteigt  einen  Meter  nicht.  Der 
nächste  Einschnitt  war  bereits  abgedeckt,  der  folgende  bei  Halte- 
stelle Zühlsdorf,  ebenfalls  flach,  zeigte  nur  Oberen  Mergel.  Die 


Arnswalde-  Callies  und  Caliies-Stargard. 
Fig.  2. 


193 


M = Oberer  Geschiebemergel.  L ==  Lehmige  Yer witterungsrinde  desselben. 

S = Unterer  Sand. 

beiden  letzten  Einschnitte  in  der  Moränenlandschaft  südlich  von 
Zühlsdorf  waren  ganz  flach. 

Es  lehren  diese  Aufschlüsse  zwischen  Wardin  und  Zühlsdorf, 
dass  in  dem  von  der  Bahn  durchschnittenen  Theile  der  Moränen- 
landschaft die  Hügel  nicht,  wie  an  vielen  anderen  Stellen,  in 
ihrer  ganzen  Masse  aus  Grundmoränenmaterial  bestehen,  sondern 
dass  sie  einen  nach  der  bisherigen  nicht  unanfechtbaren  Bezeich- 
nungsweise als  »Unteres  Diluvium«  zu  bezeichnenden  Kern  ent- 
halten. Sie  lehren  aber  auch,  dass  dieser  Kern  nicht  das  Resultat 
gewaltiger  Zusammenschiebungen,  Aufstauchungen  und  Aufpres- 
sungen ist,  da  er  in  diesem  Falle  durchaus  nicht  die  ruhige,  oft 
ganz  horizontale  Lagerung  besitzen  könnte,  die  ihm  vielfach  eigen 
ist.  Eher  gewinnt  man  den  Eindruck,  dass  hier  eine  vorher  schon 
fertig  gebildete  wellige  Oberfläche  in  verhältnissmässig  ruhiger 
Weise  mit  dünner  Grundmoräuendecke  überkleidet  wurde.  Diesen 
Hügelkernen  aus  Mergelsauden,  Sanden  und  Granden  möchte  ich 
dasselbe  jungdiluviale  Alter  zuschreiben,  wie  dem  Geschiebemergel 
selbst. 

Zwischen  Zühlsdorf  und  Kölpin  führt  uns  die  Bahn  an  den 
Ostrand  der  Moränenlandschaft  und  damit  an  die  Endmoräne. 
Zugleich  beginnt  bei  Haltestelle  Zühlsdorf  der  Ersatz  des  Ge- 

13 


Jahrbuch  1893. 


194 


Konrad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


schiebemergels  durch  den  Geschiebesand,  der  hier,  wie  die  Boh- 
rung des  Wirthschaftsbrunnens  ergab,  eine  Mächtigkeit  von  9 Meter 
besitzt  und  nach  Angabe  des  Bohrregisters  von  »hartem  blauen 
Thone«,  wahrscheinlich  fetten  Gschiebemergel,  dessen  Alter  zweifel- 
haft ist,  unterlagert  wird.  Die  Endmoräne  ist  in  diesem  Gebiete, 
wie  ich  im  vorhergehenden  Aufsatze  über  die  baltische  End- 
moräne in  der  Neumark  ausgeführt  habe,  sehr  stark  verwaschen 
und  nur  durch  verhältnissmässig  wenige,  flache,  aus  Steinpackungen 
bestehende  Kuppen  angedeutet.  Drei  solcher  Kuppen  liegen  mitten 
in  dem  von  den  drei  Dörfern  Zühlsdorf,  Kölpin  und  ßohrbeck 
gebildeten  Dreieck.  Zwischen  den  Geschiebekuppen  führt  die 
Bahn  über  eine  mit  äusserst  zahlreichen  bis  kopfgrossen  Ge- 
schieben dicht  bedeckte  Sandfläche,  in  der  eine  Reihe  von  Torf- 
mooren liegen. 

Hier  beginnt  die  gewaltige  vor  dem  alten  Gletscherrande  auf- 
geschüttete Sandebene,  welche,  wie  Taf.  XIV  zeigt,  den  etwa 
7 Kilometer  breiten  Streifen  zwischen  der  Endmoräne  und  der 
Neuwedeller  Geschiebemergelhochfläche  einnimmt. 

In  dieser  in  ca.  90  Meter  Meereshöhe  gelegenen  Fläche  bildet 
die  Bahn  eine  Anzahl  von  5 — 8 Meter  tiefen  Einschnitten , die 
alle  einen  wohlgeschichteten,  nur  wenig  grandigen  Sand  enthalten, 
in  dem  stellenweise  kleine  Geschiebe  sich  finden.  Im  oberen 
Theile  ist  die  Schichtung  durch  die  Verwitterung  und  Humificirung 
unsichtbar  geworden;  ganz  falsch  wäre  es,  diese  oberste  unge- 
schichtete Sandmasse  für  etwas  jüngeres,  als  den  darunter  fol- 
genden geschichteten  Sand  zu  halten;  vielmehr  sind  beide  eines 
Alters  und  einer  Entstehung  und  als  die  zu  der  glacialen  Grund- 
moräne der  Moränenlandschaft  gehörigen  fluvioglacialen  Bildungen 
aufzufassen.  Ihre  bedeutende  Mächtigkeit  offenbart  die  Bohrung 
für  den  Wirthschaftsbrunnen  auf  der  Haltestelle  Kölpin,  die  fol- 
gende Schichten  durchsank: 

0 — 4 Meter  Sand, 

4 — 11  » Scharfer  Sand, 

11  —12  » Grober  Kies, 

12  — 15,5  » Scharfer  Sand, 

15.5-  — 18,5  » Grober  Kies,  wasserführend, 

18.5 —  19  » Feiner  Sand. 


Ärnswalde- Callies  und  Callies  - Stargard. 


195 


Dieser  Charakter  des  Sandr  bleibt  bis  an  das  Ufer  der  Drage 
südlich  von  Neuwedell,  nur  unterbrochen  durch  die  Neuwedeller 
Seenrinne.  Die  Bahn  überschreitet  dieselbe  zwischen  dem  Wrieten- 
und  Grossen  - See  auf  einem  in  ein  kleines  Torfmoor  hineinge- 
schütteten Damme.  Dabei  ist  auf  beiden  Seiten  der  Torf  aufge- 
presst, die  Sättel  sind  parallel  dem  Bahndamme  aufgerissen  und 
der  unter  2 — 10  Decimeter  Torf  lagernde  Wiesenkalk  wird  in  den 
breiten  tiefen  Spalten  sichtbar.  Eine  etwas  andere  Wirkung  des 
Druckes  konnte  ich  in  einem  kleinen  Torfmoor  in  der  Moränen- 
landschaft bei  einem  Rietniger  Abbau  beobachten:  auf  der  nörd- 
lichen Seite  war  der  Torf  in  zwei  Sättel  nebst  zugehörigen  Mulden 
zusammengefaltet,  während  die  Südseite  nur  einen  Sattel  zeigte. 
Die  beiden  folgenden  Bilder  geben  Profile  von  beiden  Formen 
der  Aufpressung. 

Kg.  3. 


Wasser  Torf  Kalk 

Der  Einschnitt  unmittelbar  westlich  von  der  Dragebrücke 
lieferte  das  folgende  Profil: 

Kg.  4. 


G = Oberer  Geschiebesand.  T = Thonmergel. 


Unter  4 Meter  wohlgeschichtetem  Oberen  Sande  kommt, 
schwächer  fallend  als  das  Bahnplanum,  ein  fetter  Thonmergel 
heraus,  auf  dessen  Oberer  Grenze  die  angesammelten  Sickerwasser 
als  Quellen  hervortreten.  Ich  wage  nicht  zu  entscheiden,  ob 
dieser  Thonmergel  jung-  oder  altdiluvial  ist. 

Mit  dem  Ueberschreiten  der  Drage  tritt  die  Bahn  in  ein 
völlig  abweichendes  Gebiet,  welches  oberflächlich  aus  echtem  Ge- 

13* 


196 


Konrab  Keilhack,  Das -Profil  der  Eisenbahnen 


schiebemergel  oder  diesem  sehr  ähnlichen  Bildungen  besteht.  Die- 
selben bedecken  hier  eine  etwa  3 — 5 Kilometer  breite  Fläche,  die 
sich  von  Silberberg  über  Neuwedell  in  südöstlicher  Richtung  auf 
Fürstenau  zu  erstreckt.  Ueber  diese  rund  100  Meter  ü.  M.  lie- 
gende Geschiebemergelfläche  erheben  sich  eine  ganze  Reihe  von 
Sand-  und  Kiesbergen,  die  im  Allgemeinen  auf  einer  der  Längs- 
erstreckung der  ganzen  Fläche  parallelen  Linie  angeordnet  sind. 
Am  nächsten  an  der  Bahn  liegt  der  26  Meter  über  die  Umgebung 
sich  erhebende  Weinberg,  südöstlich  von  Neuwedell;  eine  grosse 
Kiesgrube  zeigt,  dass  dieser  Berg  eine  aus  verworren  geschichteten 
Sand-  und  Grandmassen  zusammengesetzte  Durchragung  bildet. 
Die  Bahnlinie  selbst  bildet  zwischen  Drage  und  dem  Bahnhof 
zwei  3 — 4 Meter  tiefe  Einschnitte  in  einem  fetten  Geschiebemergel, 
der  von  etwa  meterstarker  V erwitterungsrinde  bedeckt  und  in  der 
Tiefe  blaugrau  gefärbt  ist.  Die  Brunnenbohrung  auf  Bahnhof  Neu- 
wedell ergab  nach  Angabe  dos  geführten  Bohrregisters: 

0 — 2,6  Meter  Auftrag, 

2,6 — 3,0  » Humus, 

2.9 —  4,9  » Lehm  und  Mergel, 

4.9 —  19,6  » Thon, 

19.6 —  25,6  » Feiner  Sand, 

25.6 —  27,6  » Kies,  wasserführend. 

Oestlich  vom  Bahnhof  ändert  sich  das  Verhältniss:  dort  zeigt 
der  lange  Einschnitt  bei  dem  Gute  Kirschberg  eine  Geschiebelehm- 
artige Bildung,  die  in  der  Hauptsache  durch  Aufarbeitung  von 
Thonen  und  feinen  Schluff-  und  Mergelsanden  entstanden  ist; 
der  Grundmoränencharakter  wird  durch  die  zahlreichen  regellos 
durch  die  Masse  vertheilten  grossen  und  kleinen  Geschiebe  her- 
vorgerufen. Weiter  nach  dem  Schönower  Wege  zu  wird  das  zu 
einer  Art  Localmoräne  aufgearbeitete  Material  immer  sandiger 
und  geht  200  Meter  vor  dem  Schönower  Wege  in  reinen  Ge- 
schiebesand über.  Dabei  enthält  derselbe  in  den  ersten  Hundert 
Metern  eine  solche  ungeheure  Menge  von  Geschieben,  dass  man 
unter  Berücksichtigung  der  Lage  dieses  Punktes  auf  der  Grenze 
zwischen  Lehm-  und  Sandgebiet  zu  der  Meinung  geführt  werden 
könnte,  dass  hier  eine  Art  Endmoränenbildung  vorliegt. 


Amswalde  - Callies  und  Callies  - Stargard. 


197 


Hundert  Meter  vor  dem  Schönower  Wege  hört  diese  Ge- 
schiebeführung ganz  plötzlich  auf  und  es  folgt  nun  die  durch  die 
Neuwedeller  Lehminsel  unterbrochene  Fortsetzung  des  grossen 
Sandr.  Die  Bahn  durchquert  dieselbe  in  einer  4 Kilometer 
langen  Strecke,  überschreitet  dann  die  Denziger  Geschiebelehm- 
insel mit  einer  Strecke  von  2,5  Kilometer  Länge  und  liegt  mit 
ihren  letzten  D/2  Kilometer  nun  abermals  auf  einer  zu  dem  Sandr 
gehörenden  Sandfläche. 

Die  wenigen  Einschnitte  in  den  beiden  genannten  Abschnitten 
des  Sandr  zeigen,  wie  bei  der  grossen  Entfernung  von  der  End- 
moräne nur  natürlich  ist,  Sande  mit  nur  geringfügigen  Beimen- 
gungen grandigen  Materiales. 

Das  Denziger  Plateau  verlässt  die  Bahn  in  einem  Einschnitte, 
welcher  die  Lagerungsverhältnisse  zwischen  dem  dasselbe  bedecken- 
den Oberen  Geschiebemergel , der  unter  demselben  lagernden 
Sande  und  dem  im  Sandr  folgenden  Oberen  Sande  recht  gut  er- 
kennen liess.  Diesem  Einschnitte  entstammt  das  folgende  Profil 
(Fig.  5 auf  S.  199),  aus  welchem  hervorgeht,  dass  der  Geschiebe- 
lehm sich  hier  nicht  unter  den  Sandr  hinunterzieht,  sondern  unter 
dem  angelagerten  Geschiebesande  sich  sehr  schnell  auskeilt. 

2.  Die  Einschnitte  der  Bahn  Callies-Stargard. 

Ich  werde  diese  Bahnlinie  so  wie  sie  besichtigt  wurde,  be- 
schreiben, d.  h.  aus  der  Sandebene  über  die  Endmoräne  durch 
die  Moränenlandschaft  in  das  flache  Hinterland  derselben  ver- 
folgen. 

Vom  Bahnhof  Callies  aus  läuft  die  Bahn  3 Kilometer  weit 
parallel  dem  Thale  des  Dragebachflusses  und  durchquert  dasselbe 
bei  der  Gutsdorfer  Mühle.  Der  bis  6,5  Meter  tiefe  Einschnitt 
südlich  dieses  Thaies  zeigt  in  vortrefflicher  Weise  den  inneren  Bau 
des  Sandr  (Fig.  6 auf  S.  199).  Unter  verworren  geschichteten,  wenig 
grandigen  Sanden,  die  im  oberen  Theile  ihre  Schichtung  durch 
Verwitterung  eingebüsst  haben,  folgen  Sande  mit  eingeschalteten, 
bald  horizontal  gelagerten,  bald  steil  gestellten  Grandbänken. 

Das  Ganze  ist  eine  der  Zeit  und  der  Art  der  Entstehung 
»ach  vollkommen  einheitliche  Bildung. 


198 


Konrad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


Die  Bahn  erreicht  am  nördlichen  Thalrande  den  Südwestrand 
der  Callieser  Hochfläche  und  durchschneidet  einen  Ausläufer  der- 
selben in  einem  kurzen  Einschnitte  nördlich  von  der  Nordbucht 
des  Ankrow-Sees.  In  diesem  Einschnitte  liegt  über  einem  Meter 
Oberen  Geschiebemergel  ein  an  grossen  und  kleinen  Geschieben 
sehr  reicher  Grand.  Nur  250  Meter  weiter  folgt  ein  zweiter 
kurzer  Einschnitt,  in  dem  eine  Kuppe  durchragenden  Unteren 
Sandes  durchschnitten  ist.  Ueber  dem  in  Form  eines  flachen 
Gewölbes  geschichteten  Unteren  Sande  liegt  nur  1l-i  Meter  Ge- 
schiebesand und  auf  der  Ostseite  des  Hügels  liegt  zwischen  beiden 
noch  ein  nur  1 — 3 Decimeter  starkes  Geschiebemergelbänkchen 
(Fig.  7 auf  S.  199). 

Die  Bahn  verlässt  an  dieser  Stelle  den  nach  N.  weiter  ver- 
laufenden Rand  der  Hochfläche  und  durchquert  nun  in  der  Rich- 
tung auf  Reetz  den  Sandr,  dessen  Westrand  sie  nach  14  Kilo- 
meter bei  Vorwerk  Kreuz  erreicht.  Die  sämmtlichen  Einschnitte 
dieser  Strecke  zeigen  ausschliesslich  diese  fluvioglacialen  Sande 
und  Schotter;  immer  besitzen  dieselben  eine  vortreffliche  Schichtung; 
ein  Einschnitt,  11  Kilometer  von  Bahnhof  Callies  entfernt,  bei 
Neu-Hassendorf,  zeigte  in  ganz  vortrefflicher  Weise  die  Ueber- 
einstimmung  in  der  mechanischen  Zusammensetzung  zwischen  den 
wohlgeschichteten  in  ausgezeichneterWeise  die  discordante  Parallel- 
structur  zeigenden  Granden  der  unteren  Bänke  und  den  in  der 
Schichtungsfortsetzung  liegenden,  durch  Verwitterung  der  Schich- 
tung beraubten,  oberen  Lagen. 

Der  über  8 Meter  tiefe  Einschnitt,  7,6  Kilometer  von  Bahn- 
hof Callies  entfernt,  in  welchem  die  Bahn  in  das  hier  die  Grenze 
zwischen  Pommern  und  der  Mark  bildende  Thal  der  Drage  hinab- 
gelangt, zeigte  (Fig.  8 auf  S.  199)  an  einer  Stelle  eine  Dreigliede- 
rung, indem  zwischen  eine  untere  und  eine  obere  Grandbank  eine 
nach  Osten  einfallende  Sandbank  sich  einschob. 

Eine  Zunahme  der  groben  Bestandtheile  in  den  Sauden  und 
Schottern  des  Sandr  gegen  die  Endmoräne  hin  war  unverkennbar. 
Während  bei  Callies  nur  schwach  grandige  Sande  zu  beobachten 
waren,  zeigten  die  Einschnitte  an  der  Drage  bereits  zahlreiche 
Grandbänke  im  Sande.  Bei  Hassendorf  sah  ich  in  mehreren 


des  Oberen  Diluviums. 


200 


Ko nr ad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


Einschnitten  Bänke  im  Grande  sich  einstellen,  die  fast  ganz  aus 
kleinen  Steinen  bestehen,  und  dieselben  nehmen  zu,  je  näher  man 
an  Vorwerk  Kreuz  herankommt.  Freilich  fehlen  auch  Ausnahmen 
nicht:  so  zeigte  ein  l1/^  Meter  tiefer  Einschnitt,  nur  700  Meter 
östlich  der  Endmoräne,  unter  ein  wenig  grandigem  Sande  schön 
horizontal  gelagerte  reine  Sande;  die  Regel  aber  sind  hier  grobe 
Schotter  mit  bis  kopfgrossen  Gerollen. 

Eine  ausgezeichnete  Bestätigung  erfuhr  diese  Beobachtung 
durch  die  Ergebnisse  dreier  Bohrungen,  die  zur  Trinkwasserver- 
sorgung der  Haltestellen  Steinberg  (ca.  120  Meter  u.  M.),  Hasseu- 
dorf (ca.  102  Meter  u.  M.)  und  Gutsdorf  (102,4  Meter  u.  M.)  aus- 
geführt wurden.  Der  Steinberger  Bahnhofsbrunnen  steht  unmittel- 
bar vor  der  Endmoräne  und  traf  folgende  Schichten: 


/ 0 

— 6 Meter  Grandiger  Sand, 

6 

— 10 

» 

Grand, 

\ 10 

— 12 

» 

Grandiger  Sand, 

12 

— 16 

» 

Steiniger  Grand,  zwischen 

Oberes  Diluvium  I 

14  und  15  Meter  im  Ge- 

j 

schiebemergelbänkchen, 

/ 16 

— 17 

» 

Grand, 

17 

— 25 

» 

Sehr  steiniger  Grand  mit 

gekritzten  Geschieben. 

Unteres  Diluvium  II  25 

— 37 

» 

Geschiebemergel. 

1 37 

— 43 

» 

Sand, 

ITT  43 

— 44 

» 

Grand, 

* 111  44 

— 50 

» 

Sand, 

( 50 

— 52 

» 

Grandiger  Sand. 

Auf  der  4 Kilometer 

von  der 

Endmoräne  entfernten  Halte- 

stelle  Hassendorf  wurden 

erbohrt 

/ ° 

— 12  Meter  Grandiger  Sand  und  schwach 

1 

grandiger  Sand, 

) 12 

— 14 

» 

Sandiger  Grand, 

Oberes  Diluvium  I s 14 

— 15 

» 

Steiniger  Grand, 

J 15 

— 16 

» 

Grand, 

( 16 

— 17 

» 

Grandiger  Sand, 

' 17 

— 19 

» 

Sandiger  Grand, 

Arnswalde-Callies  und  Callies-  Stargard. 


201 


19  — 23  Meter  Grandmer  Sand,  zuletzt  mit 


Oberes  Diluvium  I / 

I 23  — 24 

Unteres  Diluvium  II  24  — 37 


einem  Geschiebemergel- 
bänkchen, 

» Sand. 

» Geschiebemergel , von 

32  Meter  an  sehr  sandig. 


Ein  auf  der  13  Kilometer  von  der  Endmoräne  entfernten 
Haltestelle  Gutsdorf  gebohrter  Brunnen  lieferte  die  nachstehend 
verzeichnete  Schichtenfolge : 


Oberes  Di 


0 

— 3 Meter  Sand, 

\ 

luvium  I 

) 3 

— 5 » 

Thonmergel, 

) 5 

— 18  » 

Sand, 

I 

! 18 

— 20,5  » 

Sand  und  Grand. 

( 

20,5 

— 33  » 

Geschiebemergel, 

luvium  II  ( 

33 

— 35  » 

Thonmergel, 

| 

' 35 

— 76  » 

Geschiebemergel. 

' 76 

— 80 

Kohlenletten, 

Tertiär  < 

) 80 

— 83 

Glimmersand, 

83 

— 86  » 

Glaukonitischer  Sand. 

! 86 

— 107,0  » 

Kohlenletten. 

Kreide? 

107,0 

— 107,5  » 

Thonmergel. 

Ich  habe  in  diesen  drei  Bohrungen  die  gleichwerthigen 
Schichtenfolgen  durch  gleiche  Zahlen  zusammengefasst  und  es 
ergiebt  sich  daraus,  dass  der  grosse  Sandr  vor  der  Endmoräne 
aus  einer  20 — 25  Meter  mächtigen  Folge  fluvioglacialer  Bildungen 
(I)  besteht,  unter  der  eine  mächtige  Grundmoränenbildung  (II) 
folgt.  Bohrloch  Steinberg  traf  darunter  noch  15  Meter  Sande  und 
Grande  III,  Bohrloch  Gutsdorf  dagegen  von  76  Meter  an  Tertiär. 
Unser  Hauptinteresse  nimmt  die  oberste  Folge  in  Anspruch.  Die 
Abhängigkeit  der  Korngrösse  der  Schotter  und  Sande  von  der 
Entfernung  der  Endmoräne  ist  unverkennbar.  Kurz  vor  der  End- 
moräne haben  wir  eine  mächtige  Folge  von  Granden  und  steinigen 
Schottern,  die  in  ihren  unteren  Theilen  gekritzte  Kalksteingeschiebe 
führen.  Vier  Kilometer  weiter  treten  diese  gröbsten  Bildungen 


202 


Koxrad  Keilhack:,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


I 


sehr  zurück  und  es  herrschen  sandige  Grande  vor.  Noch  9 Kilo- 
meter weiter  und  wir  sehen  eine  Folge  von  reinen  Sanden,  denen 
ein  Thonlager  eingeschaltet  ist,  nur  an  der  Basis  in  grandige  Sande 
übergehend.  Ebenso  klar  und  deutlich  erkennen  wir  hier  die 
genetischen  Beziehungen  zwischen  Sandr  und  Endmoräne  wie  in 
dem  sogleich  zu  besprechenden  Bahneinschnitte  in  der  Endmoräne, 
und  wir  sind  hier  in  der  Lage,  die  Mächtigkeit  des  Oberen  Sandes 
sicher  als  21 — 25  Meter  angeben  zu  können.  Das  ist  ein  Ergebniss, 
welches  auch  die  geognostische  Kartirung  in  anderen  Endmoränen- 
gebieten sehr  stark  beeinflussen  muss. 

Ueber  die  Altersstellung  der  die  fluvioglacialen  Bildungen 
unterlagernden  Grundmoräne  lässt  sich  auf  Grund  der  tertiären, 
30  Meter  mächtigen  Schichtenfolge  in  Bohrloch  Gutsdorf  mit  ziem- 
licher Sicherheit  die  Zugehörigkeit  zur  ersten  Eiszeit  behaupten. 
Die  tertiären  Schichten  selbst  gehören  nach  den  in  vereinzelten 
Kalkconcretionen  enthaltenen  Versteinerungen  zum  Mitteloligocän. 
Der  letzte  halbe  Meter  des  Bohrloches  steht  in  kalkreichem  Thon- 
mergel, dessen  Schlemmrückstand  zahlreiche  Foraminiferen  enthält 
und  nach  seinem  ganzen  Aussehen  auf  Kreide  deutet. 

An  der  Stelle  des  Bahnhofes  Steinberg,  in  der  Nähe  des 
zum  Gute  Steiuberg  gehörenden  Vorwerkes  Kreuz,  erreicht  die 
Bahn  den  Rand  des  Sandr  und  die  Endmoräne.  Dieselbe  ist  im 
Gegensätze  zu  der  von  der  Arnswalde-Callieser  Bahn  getroffenen 
Stelle  derselben  hier  ganz  ausgezeichnet  kammartig  entwickelt 
und  es  sind  die  Lagerungsbeziehungen  zwischen  glacialen  und 
fluvioglacialen  Bildungen  durch  den  die  Endmoräne  kreuzenden 
tiefen  Einschnitt  so  vorzüglich  blossgelegt,  dass  dieser  eine  Auf- 
schluss schon  die  Besichtigung  und  Untersuchung  der  Strecke  be- 
lohnt hätte  (Fig.  9). 

Unter  der  höchsten,  mit  zahlreichen  gewaltigen  Blöcken  be- 
deckten Kuppe,  die  eine  typische  Endmoräne  darstellt,  liegt  ge- 
wöhnlicher Geschiebemergel,  der  in  keiner  Weise  von  der  allbe- 
kannten Ausbildung  dieses  Gesteines  abweicht.  Nach  Westen 
hin  setzt  er  den  ganzen  Abhang,  wenigstens  oberflächlich  (der 
Einschnitt  wurde  hier  eben  erst  in  Angriff  genommen)  zusammen. 
Nach  Osten  hin  aber  wird,  kaum  50  Meter  vor  der  Endmoräne, 


8 “l 


Arnswalde-Callies  und  Callies-Stargard. 


203 


die  Grundmoräne  durch  grandigen  Geschiebesand  ersetzt  und 
zwar  geht  der  Uebergang  der  einen  Bildung  in  die  andere  in  der 
aus  dem  Profil  ersichtlichen  Art  und  Weise  durch  auskeilende 
Wechsellagerung  vor  sich.  Klarer  und  deutlicher  kann  man  die 
genetischen  Beziehungen  zwischen  beiden  Bildungen  in  der  Natur 
wohl  kaum  angedeutet  finden.  Die  einzelnen  nach  Osten  sich 
auskeilenden  Grundmoränenfetzen  entsprechen  natürlich  eben  so 
viel  ganz  kleinen  Vorstössen  und  Rückzügen  der  Gletscherstirn, 
während  die  steinbesäete  Endmoränenkuppe  einen  langen  Stillstand 
des  Eisrandes  bezeichnet,  während  dessen  jene  geringfügigen  Be- 
wegungen sich  vollzogen. 

Die  Bahn  tritt  nunmehr  in  die  Moränenlandschaft  ein  und 
bleibt  in  derselben  während  der  nächsten  13  Kilometer  bis  in  die 
Gegend  zwischen  Jakobsdorf  und  dem  Grossen  Zirke-See,  süd- 
östlich von  Jakobshagen.  Der  erste  Einschnitt  in  dieser  Strecke 
liegt  bei  dem  Gute  Steinberg.  Man  sieht  in  ihm  unter  einer 
2 Meter  mächtigen  Decke  eines  grandigen,  kleine  Geschiebe 
führenden  Sandes  Schluffsand  bis  auf  die  Sohle  des  Einschnittes. 
Das  Ganze  macht  den  Eindruck,  als  läge  hier  ein  altes  glaciales 
Staubecken  vor,  einerseits  durch  die  Endmoräne,  andererseits 
durch  den  etwas  östlich  zurück  liegenden  Eisrand  begrenzt,  in 
welchem  zuerst  feiner  Schlamm  abgelagert  und  hierauf,  vielleicht 
bei  erneutem  Vorrücken  des  Eisrandes,  Geschiebesandmassen  auf- 
geschüttet wurden. 

Von  Steinberg  bis  zur  Drage  geht  die  Bahn  immer  auf 
Oberem  Geschiebemergel,  in- welchem  an  der  Stelle  des  Bahnhofes 
Reetz  ein  bis  6 Meter  tiefer  Einschnitt  liegt.  Gleich  im  östlichen 
Beginne  des  Einschnittes,  der  zur  Zeit  meines  Besuches  bereits 
z.  Th.  abgeböscht  war,  findet  sich  eine  Durchragung  von  Unterem 
Sande,  die  auf  eine  Länge  von  100  Meter  die  Oberfläche  erreicht. 
Der  Geschiebemergel  selbst  ist  sehr  reich  an  Geschieben,  im  oberen 
Theil  gelblich,  in  der  Dammsohle  dagegen  graublau  gefärbt  und 
enthält  zahlreiche  Sandadern  und  Nester. 

Auf  dem  Bahnhofsterrain  wurde  zum  Zwecke  der  Wasser- 
gewinnung eine  Tiefbohrung  ausgeführt;  die  Proben  wurden  sorg- 
fältig gesammelt  und  befinden  sich  im  Besitze  der  geologischen 


204  Konrad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 

Laudesanstalt.  Bei  dieser  Bohrung  wurden  folgende  Schichten 
angetroffen : 


0 — 2 Meter  Lehm, 

2—3 

» 

Grandiger  Sand, 

3—14 

» 

Geschiebemergel, 

14—23,3 

» 

Sand, 

23,3—24,25 

» 

Geschiebemergel, 

24,25—34 

» 

Sand, 

34—37 

» 

Feinsand, 

37—45 

» 

Thonmergel, 

45—50,5 

» 

Feinsand, 

50,5—51 

» 

Geschiebemergel, 

51—52 

» 

Feinsand, 

52—59 

» 

Geschiebemergel, 

59—60 

» 

Grand, 

60—61 

» 

Sand, 

61-63,4 

Grandiger  Sand  mit  Gerollen  eines  kalk- 
freien Kohlenlettens,  wie  er  von 
65 — 77  Meter  folgt. 

63,4—65 

» 

Sand, 

65—71 

» 

Kohlenletten, 

71—72 

» 

Sandiger  Kohlenletten, 

72—77,5 

» 

Kohlen  letten, 

77,5—79 

» 

Grand, 

79—82 

» 

Sand, 

82-83 

» 

Grand, 

83—84 

» 

Sand  mit  Braunkohlengeröllen, 

84—86 

» 

Grand, 

86—99 

» 

Sand, 

99—103 

» 

Grandiger  Sand. 

Diese  Schichtenfolge  besitzt  verschiedene  Eigentümlichkeiten : 
bis  zu  einer  Tiefe  von  63,4  besitzen  alle  Schichten  einen  Kalk- 
gehalt, wie  er  allen  gleichartigen  nordischen  Diluvialbildungen 
eigen  ist.  Dagegen  ist  der  Sand  von  63,4 — 65  Tiefe  sehr  kalkarm 
und  die  darunter  folgende  Kohlenlettenschicht  von  12  Meter  Mäch- 


Ärnswalde  - Callies  und  Callies  - Stargard.  205 

tigkeit  ganz  kalkfrei.  Die  bis  86  Meter  folgenden  abwechselnden 
Sand  und  GrandsGhichten  haben  , wenn  sie  auch  ersichtlich  viel 
tertiäres  Material  enthalten,  wieder  einen  normalen  Kalkgehalt, 
während  derselbe  in  der  mächtigen  Sandfolge  von  86  — 99  Meter 
sehr  gering  ist.  Auch  enthalten  diese  Sande  nur  sehr  wenig  Feld- 
spath  und  bestehen  fast  ganz  aus  grauen  mittelkörnigen  Quarzen. 
Erst  die  letzten  4 Meter  enthalten  neben  gröberem  nordischen 
Material  auch  etwas  mehr  Kalk. 

Da  der  kohlensaure  Kalk  den  Tertiärbildungen  der  märkisch- 
pommerschen  Braunkohlenformation  völlig  fehlt,  so  ist  die  ganze 
Schichtenfolge  als  eine  diluviale  aufzufassen,  mit  Ausnahme  der 
Kohlenletten  von  65  — 77,5  Meter.  Da  dieselben  aber  von  dilu- 
vialen Gebilden  über-  und  unterlagert  werden,  so  müssen  sie  durch 
eine  diluviale  Störung  aus  ihrem  ursprünglichen  Verbände  abge- 
löst und  an  ihre  jetzige  Stelle  gebracht  sein. 

Die  quarzreiche  Schichtenfolge  von  77,5  Meter  an  besteht  aus 
zur  Diluvialzeit  umgelagerten  tertiärem  Sande,  und  die  diluviale 
Geschichte  dieses  Gebietes,  wie  sie  sich  in  den  Bohrproben  dieses 
Bohrloches  uns  zu  erkennen  giebt,  ist  die  folgende:  über  die  aus 
Quarzsanden,  Formsanden,  Kohlenletten  und  Braunkohlen  gebil- 
dete Sandfläche,  die  seit  dem  Miocän  Festland  gewesen  war, 
brausten  die  dem  Herannahen  des  ersten  Inlandeises  voraneilenden 
Schmelzwasser  dahin  und  führten  gewaltige  Mengen  nordischen 
Sandes  und  Grandes  mit  sich,  die  mit  sehr  wechselnden  Mengen 
zerstörten  Tertiärgebirges  vermischt  zur  Ausfüllung  vorhandener 
Unebenheiten,  Thäler  und  Becken,  benutzt  wurden.  Ueber  diese 
so  eingeebnete  Fläche  rückte  das  Inlandeis  selbst  vor  und  lagerte 
eine  von  dem  tertiären  Untergründe  losgerissene  Scholle  von 
Kohlenletten  ab.  Entweder  schon  beim  Vorrücken  oder  erst  beim 
Rückzüge  dieses  ersten  Inlandeises  muss  unser  Gebiet  der  Schau- 
platz zahlreicher  Bewegungen  des  Eisrandes  gewesen  sein,  durch 
welche  beim  Vorrücken  die  zwischen  23  und  65  Meter  Tiefe  lie- 
genden Geschiebemergelbänke,  beim  Zurückweichen  die  zwischen 
ihnen  lagernden  Thone,  Sande  und  Grande  abgelagert  wurden. 
Nach  dem  völligen  Verschwinden  des  Eises  folgte  eine  lange  In- 
terglacialzeit,  die  in  unserem  Bohrloche  allerdings  nicht  durch 


206 


Konrad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


eigene  Ablagerungen  angedeutet  ist.  Dann  rückte  das  Eis  zum 
zweiten  Male  von  N.  heran,  überschüttete  wieder  das  vorliegende 
Gebiet  mit  Sand  (14 — 23  Meter)  und  setzte  darüber  seine  Grund- 
moräne ab,  deren  Oberfläche  durch  eine  Reihe  von  Oscillationen 
den  eigenthümlichen  Charakter  der  Moränenlandschaft  erhielt.  Wir 
können  also  die  Schichten  unseres  Bohrloches  folgendermaassen 
gliedern: 

0 — 23,3  Meter  Oberes  oder  jüngeres  Diluvium, 


23,3—103 

». 

Unteres  » älteres  » 

und  zwar  23,3 — 63,4 

» 

Nordisches  Diluvium, 

63,4—77,5 

» 

Verschlepptes  Tertiär, 

77,5—86 

» 

Nordisches  Diluvium  mit  viel  ein- 

heimischem Materiale, 

86—99 

» 

Einheimisches  mit  sehr  wenig  nor- 

dischem Materiale, 

99—103 

» 

Einheimisches  mit  etwas  reicherem 

nordischen  Materiale. 

Ein  zweites  auf  dem 

Bahnhofe  Reetz  niedergebrachtes  Bohr- 

loch  durchsank  die  folg 

enden  Schichten: 

2 — 5.75  Meter  Sand  ) 

5,75  — 20,25 

» 

,,,  ...  Oberes  Diluvium. 

Geschiebemergel  ) 

20,25  — 22,0 

» 

Feinsand 

22,0  — 37,2 

» 

Sand,  mittel  bis  feinkörnig  ( Unteres 

37,2  — 40,0 

» 

Grand  1 Diluvium. 

40,0  — 43,5 

» 

Steiniger  Grand  / 

Die  beiden  Einschnitte,  durch  die  die  Bahn  in  das  enge  Ero- 
sionsthal des  Ihnaflusses  hinabsteigt  und  dasselbe  wieder  verlässt, 
waren  zur  Zeit  meines  Besuches  noch  nicht  in  Arbeit,  und  von 
den  7 weiteren  Aufschlüssen,  die  ich  bis  zum  Gr.  Zirke-See  sah, 
standen  fünf  ausschliesslich  im  Oberen  Geschiebemergel  und  nur 
zwei,  nämlich  der  Einschnitt  1 Kilometer  westlich  von  Falkenwalde 
und  derjenige  auf  der  Grenze  zwischen  diesem  Gute  und  Jakobs- 
dorf zeigten  neben  Oberem  Mergel  auch  noch  den  darunter  lagern- 
den Sand. 


Arnswalde - Callies  und  Oallies -Stargard. 


207 


Die  Brunnenbohrung  auf  der  Haltestelle  Falkenwalde  (circa 
135  Meter  ü.  M.)  ergab: 

0 — 54  Meter  Geschiebemergel, 

54  — 57  » Sand  mit  Grandbänken, 

57  — 59  » Grand, 

59  — 94  » Geschiebemergel , bei  76  — 78,  82  — 84 

und  88  — 89  Meter  Tiefe  mit  Sand-  und 
Grandeinlagerungen. 

Ich  halte  die  Schichtenfolge  von  0 — 54  Meter  für  Oberen 
Geschiebemergel  und  erkläre  mir  die  allerdings  durchaus  unge- 
wöhnliche Mächtigkeit  so,  dass  an  dieser  Stelle  in  der  Inter- 
glacialzeit  ein  tiefes  Thal  erodirt  wurde,  welches  vom  heran- 
nahenden Eise  der  zweiten  Eiszeit  in  derselben  Weise  mit  Grund- 
moräne ausgefüllt  wurde,  wie  etwa  ein  Lavastrom  ein  vor  in 
seinem  Wege  liegendes  Becken  zuerst  ausfüllt  und  dann  darüber 
hinweg  weiter  fliesst. 

Wie  bereits  bemerkt,  tritt  in  der  Nähe  des  Gr.  Zirke-Sees 
die  Bahn  aus  der  Moränenlandschaft  in  das  flache  Hinterland  der- 
selben, welches  sich  von  Jakobsdorf  bis  zum  Ende  der  Bahn  bei 
Wulkow,  auf  einer  Strecke  von  22  Kilometer  Länge,  langsam  von 
80  auf  55  Meter  Meereshöhe  senkt.  In  dieser  ganzen  Länge  wären 
gar  keine  tieferen  Einschnitte  erforderlich,  wenn  nicht  dieser  Theil 
der  Geschiebemergelebene  von  einem  ganz  hervorragend  schön 
ausgebildeten  As  durchzogen  würde,  welches  von  der  Bahn  drei 
Mal  durchquert  wird.  Dieses  As  bildet  einen  100  — 300  Meter 
breiten  Rücken,  der  sich  um  8 — 20  Meter  über  das  umliegende 
Gelände  erhebt.  Es  besteht  aus  Sand  und  grandigem  Sand,  der 
im  Gegensätze  zu  den  Durchragungszügen  eine  horizontale  Schich- 
tung besitzt.  Dieselbe  konnte  in  den  beiden  frisch  in  Arbeit  be- 
findlichen Eisenbahnschnitten  südlich  von  Stolzenhagen  beiderseits 
des  Krebsbaches  sehr  schön  beobachtet  werden. 

Dieses  As  lässt  sich,  einige  kurze  Unterbrechungen  einge- 
rechnet, 23  Kilometer  weit  verfolgen.  Es  verläuft  von  Jakobsdorf 
aus  am  Gr.  Zirke-See  vorüber,  entlang  des  Krebsbaches  nach  W. 
bis  Goldbeck.  Seine  Fortsetzung  bilden  die  Gailberge,  der  Hell- 


208 


Konrad  Keii.haok,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


berg  und  der  Bonusberg.  Dann  springt  es  über  auf  die  Nord- 
seite der  vom  Krumm en-Bach  durchflossenen  Niederung,  bildet 
den  Klosterberg,  den  Teufelsberg  und  die  Heideberge  südlich  und 
westlich  von  Marienfluss  und  endigt  im  Moore  zwischen  Trampke 
und  Neu-Damerow.  Bei  Jakobsdorf  vereinigt  sich  mit  diesem  As 
ein  zweites,  15  Kilometer  langes.  Dasselbe  beginnt  bei  Colonie 
Marienfluss,  verläuft  über  Mössin  und  Kempendorf  auf  den  Pfingst- 
berg, bildet  die  Saatziger  Kienen  und  den  Saatziger  Berg  und 
setzt  jenseit  des  Saatziger  Sees  in  den  Feuerbergen  bei  Stolzen- 
hagen fort,  deren  östliche  Verlängerung  auf  das  Ende  des  erst- 
genannten As  stösst. 

Beide  Asar  sind  in  ausgezeichneter  Weise  auf  langen  Strecken 
von  als  Asgräben  zu  bezeichnenden  schmalen  Moorflächen  be- 
gleitet. Beide  haben  ihr  östliches  Ende  am  Beginn  der  Moränen- 
landschaft und  beide  beginnen  in  einer  eigentümlichen  Landschaft, 
die  aus  dem  nordamerikanischen  Glacialgebiete  zwar  längst  be- 
kannt war,  dem  norddeutschen  bis  jetzt  aber  zu  fehlen  schien.  Es 
ist  das  die  Drumlinlandschaft.  Ihr  Charakter  besteht  im  Wesent- 
lichen darin,  dass  der  Obere  Geschiebemergel  langgestreckte,  unter 
sich  annähernd  parallele  Rücken  bildet,  deren  Streichrichtung  mit 
derjenigen  der  Schrammen  des  unterlagernden  Gesteins  gleich- 
sinnig ist,  also  in  der  Bewegungsrichtung  des  Eises  verläuft. 
Diese  Rücken  haben  nach  Wahnschaffe1)  selten  mehr  als  1 Kilo- 
meter Länge;  sie  bestehen  in  den  meisten  Fällen  durch  und  durch 
aus  Geschiebemergel  und  haben  nur  selten  einen  Kern  von  Sand. 
Eine  solche  Drumlinlandschaft  scheint  nun  in  dem  ganzen  Ge- 
biete zwischen  Freienwalde  in  Pommern  und  Naugard,  einer 
Fläche  von  30  Kilometer  Länge  und  10  Kilometer  Breite  vorzu- 
liegen. Die  Richtung  NS.  und  im  südlichen  Theile  NNW.  bis 
SSO.  ist  in  der  Erstreckung  fast  aller  Hügel  ganz  unverkennbar 
und  auf  einem  Kilometer  Breite  liegen  bis  5 solcher  schmaler 
Parallelrücken. 

Wo  die  Möglichkeit  vorlag,  zahlreiche  Vergleiche  des  Ver- 


*)  Mittheilungen  aus  dem  Glacialgebiet  Nordamerikas  I,  Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  1892. 


Arnswalde-Callies  und  Callies-Stargard. 


209 


laufes  der  Glacialschrammen  auf  dem  Untergründe  des  Quartärs 
mit  demjenigen  der  Drumlins  und  Asar  anzustellen,  ergab  es 
sich,  dass  beide  übereinstimmen.  Man  hat  in  den  letzteren  also 
ebenso  sichere  Anzeiger  der  Bewegungen  des  Inlandeises,  wie  in 
den  Schrammen,  und  in  unserem  Gebiete  würden  sie  geeignet  sein, 
uns  für  eine  Fläche  von  50 — 60  Kilometer  Längserstreckung  über 
die  Bewegung  des  Inlandeises  zu  unterrichten. 

Ich  hoffe  über  diese  Drumlinlandschaft  bald  Näheres  berichten 
zu  können. 

Nachdem  die  Bahn  das  südliche  der  beiden  Äsar  zweimal 
überschritten  hat,  bewegt  sie  sich  in  ebenem,  überwiegend  aus 
Oberem  Geschiebemergel  bestehenden  Gebiete  ohne  wesentliche 
Einschnitte  weiter  nach  W.  und  erreicht  bei  Wulkow  die  hinter- 
pommersche  Hauptbahn. 

In  diesem  ebenen  Hinterlande  der  Moränenlandschaft  wurden 
auf  den  5 Haltestellen  Brunnenbohrungen  ausgeführt,  die  folgende 
Ergebnisse  lieferten: 

1.  Haltestelle  Stolzenhagen.  Bohrloch  I.  60,7  Meter  ü.  M. 

10  — 4 Meter  Geschiebemergel, 

4 — 5 » Sand, 

5 — 12  » Geschiebemergel. 

II  12  — 17  » Sand  und  Grand. 

2.  Desgl.  Bohrloch  II.  62,6  Meter  ü.  M. 

I 0 — 12,5  Meter  Geschiebemergel, 

II  12,5  — 23  » Sand  und  Grand. 


3.  Haltestelle  Jakobshagen  (bei  Tornow),  circa  62  Meter  ü.  M. 


I 

Ia 


0 — 2 Meter  Geschiebelehm. 

2 — 5 » Sand, 

5 — 11  » Sand  mit  Grand  und  Thonbänken, 

11  — 12  » Sand, 

12  — 15  » Sand  und  Grand. 


Jahrbuch  1893. 


14 


210 


Konrad  Keilhack,  Das  Profil  der  Eisenbahnen 


21  Meter  Sand  mit  Geschiebemergel-  und  Thon- 
bänkchen, 

32  » Geschiebemergel. 

35,5  » Sand  und  Grand. 

4.  Haltestelle  Barskewitz,  circa  62  Meter  ü.  M. 

I 0 — 23  Meter  Geschiebemergel, 

I \ 23  — 25  » Sand  und  Grand, 

v 25  — 26  » Geschiebemergel. 

II  26  — 30  » Sand  und  Grand. 


II  32  — 


5.  Haltestelle  Pansin,  circa  45  Meter  ü.  M. 


0 — 

6 Meter 

Geschiebemergel, 

6 — 

8 

» 

Grand, 

8 — 

12 

» 

Geschieh  emergel. 

12  — 

14 

» 

Mergelsand, 

14  — 

15 

» 

Feinsand, 

15  — 

39 

» 

Thonmergel, 

39  — 

46 

» 

Feinsand. 

46  — 

60 

» 

Sand. 

6.  Haltestelle  Wulkow,  circa  50  Meter  ii.  M. 


0 — 4 Meter 
4—  6 » 

6 — 15  » 

15  — 18  » 

18  — 21  » 

21—33  » 

33  — 36  » 


III  36  — 53  » 


Geschiebemergel, 

Grand  und  Sand, 

Geschiebemergel, 

Grand  und  Sand, 

Geschiebemergel. 

Thonmergel, 

Feinsand. 

Sand,  aus  Feinsand  in  mittelkörnigen 
Sand  von  oben  nach  unten  allmäh- 
lich übergehend. 


Ich  habe  in  diesen  Bohrungen  wieder  die  gleichartigen 
Schichtenfolgen  durch  gleiche  Zahlen  zusammengefasst.  I ist  die 
Gruppe  des  Oberen  Geschiebemergels  einschliesslich  der  in  fast 


Arnswalde-Callies  und  Oallies  - Stargard. 


211 


allen  Bohrungen  in  ihm  beobachteten  Einlagerungen  von  Sanden 
und  Granden.  Die  Bedeutungslosigkeit  derselben  für  eine  etwaige 
Gliederung  zeigen  am  besten  die  beiden  nahe  bei  einander  ge- 
legenen Bohrungen  auf  der  Haltestelle  Stolzenhagen,  deren  eine 
von  4 — 5 eine  Sandeinlagerung  zeigt,  die  der  anderen  fehlt.  Die 
Mächtigkeit  des  Oberen  Geschiebemergels  stellt  sich  danach  an 
den  einzelnen  Orten  auf  12,  12,5,  21  und  26  Meter.  Eine  Aus- 
nahme bildet  nur  die  in  der  Nähe  des  As  gelegene  Bohrung 
Tornow  (B).  Es  wäre  nicht  undenkbar,  dass  die  Sandfolge  dieses 
Brunnens  von  2 — 15  Meter  eine  durch  die  Asnähe  beeinflusste 
jungdiluviale  Bildung  wäre  und  der  Obere  Geschiebemergel  bis 
zu  einer  Tiefe  von  32  Meter  reichte,  also,  die  einzelnen  Bänke 
von  15  — 21  Meter  mitgerechnet,  im  Ganzen  eine  Mächtigkeit 
von  19  Meter  besässe.  Das  würde  auch  gut  zu  den  übrigen 
Mächtigkeitszahlen  stimmen. 

Unter  dem  Oberen  Mergel  folgt  in  den  westlichen  Bohrungen 
eine  mit  11a  bezeichnete  thonige,  in  den  östlichen  eine  mit  II  be- 
zeichnete  sandig -grandige  'Gruppe  geschichteter  Bildungen;  die 
erstere  hat  eine  Mächtigkeit  von  34  resp.  15  Meter,  die  der 
letzteren  ist  nicht  bekannt.  Ob  diese  Bildungen  alt-,  inter-  oder 
jungglacial  sind  lässt  sich  nicht  entscheiden.  Unter  den  thonigen 
Bildungen  der  Bohrungen  5 und  6 folgt  eine  mit  III  bezeichnete 
Sandfolge  von  14  resp.  17  Meter,  die  bis  zum  Grunde  des  Bohr- 
loches anhält. 


14* 


Die  Braunkohlen -Ablagerungen  in  der  Gegend 
von  Senftenherg. 

I.  (geologischer)  Theil. 

Von  Herrn  Oscar  Eberdt  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XV.) 


1.  Allgemeines. 

Die  schwarze  Elster,  an  welcher  die  Stadt  Senftenherg  liegt, 
fliesst  in  einem,  in  der  Richtung  Ost-West  verlaufenden  Hauptthal, 
dessen  Fortsetzung  von  Mühlberg  an  von  der  Elbe  benutzt  wird. 

Die  etwa  eine  Viertelstunde  nördlich  von  Senftenherg  sich 
hinziehenden  steilen  Abhänge  sind  ein  Stück  des  Erosionsrandes 
dieses  alten  Thaies;  zugleich  bilden  sie  die  Südgrenze  eines  der 
grossen  Diluvialplateaus,  in  welche  die  Mark  durch  die  grossen 
diluvialen  Thäler,  welche  sie  durchziehen,  zerlegt  wird.  Diese 
Diluvialplateaus  sind  nun  im  mittleren  und  nördlichen  Theile  der 
Mark  verschieden  ausgebildet. 

Unser  Diluvialplateau,  welches  sich  zwischen  dem  vorhin  ge- 
nannten alten  Hauptthal  und  einem  nördlich  gelegenen  Parallel- 
thal,  dem  Baruther,  hinzieht,  ist  durch  eine  Anzahl  in  der  Richtung 
Süd -Ost  nach  Nord -West  verlaufende,  die  beiden  Hauptthäler 
mit  einander  verbindende  Querthäler  — es  sind  dies  sumpfige 
Niederungen,  in  denen  zerstreut  aber  in  ziemlicher  Anzahl  sich 
moorige  Wasserbecken  finden  — durchschnitten  und  wird  dadurch 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen- Ablagerungen  etc. 


213 


in  einzelne,  nur  schwach  gerundete,  Südost-Nordwest  streichende 
plateauartige  Höhenzüge  zerlegt. 

Die  Südgrenze  nun  eines  dieser  Höhenzüge  bilden  die  sog. 
Hörlitzer,  Senftenberger , Raunoer  und  Reppister  Weinberge, 
ein  Stück  des  vorhin  erwähnten  Erosionsrandes  darstellend,  die 
sich  ziemlich  plötzlich  und  unvermittelt  ca.  50  Meter  hoch  aus 
der  weiten,  durchschnittlich  etwas  mehr  als  100  Meter  über  NN. 
liegenden  Geschiebesandebene  herausheben.  In  der  Richtung 
Südost-Nordwest  wird  die  Grenze  durch  eine  luchige  Thalrinne 
gebildet,  die  von  Norden  von  den  Dörfern  Gross-  und  Klein- 
Räschen  her  über  das  Dorf  Bückgen  nach  Sedlitz,  Sorno,  Gross- 
Partwitz  etc.  sich  hinzieht.  Nach  Westen  zu  lässt  sich  eine 
natürliche  Grenze  nur  schwer  ziehen,  da  hier  mehr  ein  Ueber- 
gehen  des  Terrains  in  flachere'  Gebiete  stattfindet. 

In  dem  ganzen  Plateau  - Theil  nun,  welcher  südwestlich  der 
vorhin  genannten,  in  der  Richtung  Südost-Nord  west  verlaufenden, 
luchigen  Thalrinne  liegt,  finden  sich  von  letzterer  aus  nach  Westen 
auf  eine  Länge  von  etwa  12  Kilometer,  dagegen  in  der  Richtung 
von  Süd  nach  Nord,  — von  der  Stadt  Senftenberg  als  südlichstem 
Punkte  aus  gerechnet  — nur  auf  eine  Länge  von  etwa  5 — 6 Kilo- 
meter, — die  Grenze  im  Norden  bildet  ebenfalls  eine  luchige 
Thalrinne,  — ausgedehnte  und  mächtige  Braunkohlenablagerungen. 

Dies  Flötz,  denn  man  hat  es  bei  den  sog.  Senftenberger- 
Ablagerungen  wohl  mit  einem  einheitlichen  Flötz  zu  thun,  welches 
im  Osten  in  den  Gemarkungen  der  vorhin  genannten  Dörfer 
Räschen,  Bückgen,  Sedlitz  beginnt  und  nach  Westen  zu  mit  der 
Erdoberfläche  sanft  ansteigend,  sich  südlich  über  Zschipkau- 
Kostebrau,  nördlich  über  Dobristroh-Särchen  bis  Gohra  hinzieht, 
tritt  am  Fusse  der  oben  genannten  Reppister-,  Raunoer-,  Senften- 
berger- und  Hörlitzer -Weinberge  mehrfach  zu  Tage.  An  diesen 
Punkten  wurden  denn  auch  vor  etwa  30  Jahren  die  ersten  Ver- 
suche grösseren  Umfangs,  die  Braunkohle  bergmännisch  zu  ge- 
winnen, gemacht  und  die  ersten  Werke  angelegt1). 


*)  Cramer,  H.  Geschichte  des  Bergbaues  in  der  Provinz  Brandenburg. 
Heft  5.  Die  Niederlausitz.  8°.  Halle  1878. 


214 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


Auf  diesem  Flötz  bauen  eine  grosse  Anzahl  theils  grösserer, 
theils  kleinerer  Gruben.  Am  Fusse  der  vorgenannten  Hörlitzer, 
Senftenberger  etc.  Weinberge  liegen  davon  in  der  Richtung 
von  Ost  nach  West  die  Reschke’schen  Werke  (Mariengrube),  die 
Anhaitischen  Braunkohlenwerke  (Grube  Marie),  Henkels  Werke, 
Grube  Friedrich-Ernst,  Stadtgrube,  Meurostolln,  Hörlitzer  Werke. 
Diese  sind  mit  Ausnahme  der  Grube  Friedrich -Ernst  und  zum 
Theil  der  Hörlitzer  Werke  sämmtlich  Tief  baue.  In  der  Ost- 
hälfte des  Flötzes  sind  noch  zu  nennen  nördlich  von  den  drei 
zuerst  genannten  die  Gruben  Ilse  und  Victoria,  theils  Tagebau, 
theils  Tiefbau,  von  denen  Ilse  am  weitesten  östlich  liegt,  endlich 
die  Grube  Marie  Nordwestfeld  (Anhaitische  Kohlenwerke),  die 
ausschliesslich  Tagebaubetrieb  hat. 

Wie  Bohrungen  ergeben  haben,  die  zuerst  von  der  Ilse-Gewerk- 
schaft noch  weiter  westlich  von  Victoria  und  Marie  Nordwestfeld, 
in  der  Gemarkung  des  Dorfes  Dobristroh  vorgenommen  worden 
sind,  setzt  sich  das  Flötz  in  dieser  Richtung  fort.  Es  wurde 
Kohle  in  bedeutender  Mächtigkeit  und  grosser  Ausdehnung  erbohrt. 

Weiter  nach  Westen  zu  liegen  im  nördlichen  Theile  des 
Flötzes  die  Gruben  Waidmannsheil,  Heyegrube,  Gotthold,  Henriette, 
sämmtlich  in  der  Nähe  des  Dorfes  Särchen,  dann  mehr  nach  Süden 
zu  bei  dem  Dorfe  Klettwitz  die  Gruben  Felix  und  Wilhelminens- 
glück  und  Zschipkauer  Werke  I und  von  diesen  wiederum  südlich 
die  Zschipkauer  Werke  II.  Alle  diese  sind  mit  Ausnahme  von 
Heyegrube  und  den  Zschipkauer  Werken,  welche  theils  Tagebau-, 
theils  Tiefbau -Betrieb  haben,  ausschliesslich  Tagebaue. 

Charakteristisch  für  das  Senftenberger  Braunkohlenvorkommen 
ist  seine  ausserordentliche  Mächtigkeit  und  fast  ungestörte  Lage- 
rung. Bezüglich  der  Mächtigkeit  kann  man,  trotzdem  dieselbe 
sehr  wechselt,  im  Allgemeinen  doch  wohl  sagen,  dass  sie  in  dem 
westlichen  Theile  des  Flötzes  geringer  ist  als  in  dem  östlichen. 
Einige  Gruben  sitzen  hier  sicher  auf  dem  Ausgehenden  des 
Flötzes,  denn  unweit  derselben  tritt  die  Kohle  in  geringer  Mächtig- 
keit, nur  von  einer  dünnen  Sandschicht  noch  gerade  bedeckt,  fast 
zu  Tage.  Mächtigkeiten,  wie  in  dem  östlichen  Theile  von  19  Meter 
und  darüber,  kommen  in  dem  westlichen  kaum  vor,  jedenfalls  nur 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


215 


ausnahmsweise,  während  sie  in  dem  östlichen  beinahe  Regel  sind, 
und  die  Mächtigkeit  unter  11  Meter  dort  überhaupt  nicht  her- 
abgeht. 

Was  die  Beschaffenheit  der  Kohle  anlangt,  so  kann  man 
mehrere  Arten  unterscheiden.  Am  häufigsten  ist  die  sehr  wasser- 
reiche, — sie  enthält  davon  bis  zu  60  pCt.  — stückreiche,  roth- 
bis  dunkelbraune  Kohle,  in  welche  vielfach  grosse  Mengen  bitu- 
minösen Holzes  eingelagert  sind.  Ferner  findet  sich,  besonders 
dicht  am  Hangenden,  eine  mehr  grau  aussehende,  stark  bröckelnde 
und  leicht  zerreibliche  Kohle,  in  der  sich  Pflanzenreste  nur  in 
geringerer  Menge  nach  weisen  lassen.  Wohl  aber  sieht  man  in 
derselben  kleine,  abweichend  entwickelte  Adern  von  schwarzer 
Holzkohle  und  Schwefelausblühungen.  Endlich  tritt  zwischen 
beiden  auch  noch  eine  schwärzlich  aussehende  Kohle  auf,  die  den 
Eindruck  macht,  als  ob  sie  aus  lauter  Fäden  bestehe,  und  aus- 
schliesslich aus  Sumpfgräsern,  Schilfen  und  dergl.  gebildet  sei. 

Das  Liegende  der  Kohle  besteht  aus  braunem  Letten  oder 
grauem  resp.  graubraunem  Thon.  Ueberall,  wo  weitere  Bohrungen 
vorgenommen  wurden,  hat  man  durchschnittlich  30  — 40  Meter 
unter  diesem  Liegenden  ein  neues  Braunkohlenflötz  angetroffen. 
Doch  ist  die  Kohle  desselben  von  ganz  anderer  Beschaffenheit  als 
die  des  oberen,  jetzt  im  Abbau  begriffenen  Flötzes.  Sie  ist  nicht 
wie  diese  letztere  erdiger  Natur,  sondern  eine  Glanzkohle. 

Die  Mächtigkeit  des  Hangenden  ist  sehr  ungleichmässig  und 
durchaus  nicht  von  der  Oberflächengestaltung  des  Bodens  abhängig. 
Doch  ist  sie  im  Allgemeinen  ziemlich  bedeutend  und  wechselt 
zwischen  5 und  15  Meter,  sodass  die  Abräumung  desselben  die 
Aufbietung  grosser  Arbeitsleistungen  nöthig  macht.  In  den 
Gruben  bei  Zschipkau,  wo  das  Hangende  zum  Theil  aus  tertiärem 
schneeweissen,  glimmerreichen  Quarzsand  besteht,  wird  derselbe 
gewonnen  und  zur  Glasfabrikation  verwandt;  meist  jedoch  wird, 
abgesehen  von  einigen  Werken,  die  nebenbei  Ziegeleibetrieb  haben, 
mit  Hülfe  von  Feldlocomotiven  der  Abraum,  trotzdem  fast  überall 
einen  Theil  desselben  fette,  kalkfreie,  zur  Fabrikation  von  Flaschen 
etc.  sich  eignende  Thone  bilden,  nach  abgebauten  Flötztheilen 
transportirt  und  die  Leere  damit  ausgefüllt.  Im  Hangenden  über- 


216 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


wiegen  vielfach  die  diluvialen  Bildungen  aus  mächtigen  Kies-  und 
Sanddecken  bestehend.  Hervorzuheben  ist  das  Auftreten  kleiner, 
hübsch  gezeichneter  Achate,  deren  Herkunft  vorläufig  noch  nicht 
aufgeklärt  ist,  in  ihnen,  und  zwar  finden  sich  dieselben  auf  der 
Westhälfte  des  Flötzes  häufiger  als  auf  der  Osthälfte. 

Gewöhnlich  liegt  der  Kohle  Thon  auf,  doch  enthält  derselbe 
meist  keine  Versteinerungen  oder  Abdrücke  irgend  welcher  Art. 
Schlemmt  man  ihn,  so  findet  man,  dass  er  kleine  Pflanzenreste 
führt,  die  aber  total  zerrieben  sind  und  sowohl  in  Länge  als 
auch  in  Breite  die  Grösse  von  einigen  Millimetern  nicht  über- 
schreiten. Sie  bedürfen  noch  der  genaueren  mikroskopischen 
Untersuchung.  Aus  ihrem  Vorkommen  kann  man  aber  wohl  den 
Schluss  ziehen,  dass  man  es  mit  Thonen  zu  thun  hat,  die  durch 
Wasser,  welches  zuvor  die  mitgeführten  Pflanzenreste  auf  seinem 
Wege  völlig  zerrieben  hat,  in  ruhigen  Becken  abgesetzt  sind. 

Auf  den  Zschipkauer  Werken  ist  man  vor  Jahren  auf  eine 
festere  Thonschicht  gestossen,  welche  im  Gegensatz  zu  dem  Ge- 
sagten reichlich  Blatt-  und  Fruchtabdrücke  aufwies.  Doch  ist 
leider  von  derselben  nichts  mehr  zu  sehen,  und  die  Stelle  wo  sie 
gewesen  wahrscheinlich  mit  Abraum  verschüttet. 

2.  Lagerung  des  Flötzes. 

Die  Lagerung  des  Braunkohlenvorkommens  ist  im  Allge- 
meinen nur  wenig  gestört  und  durchweg  eine  fast  horizontale  resp. 
sehr  schwach  geneigte,  zum  Theil  flach  wellenförmige,  und  zwar 
geht  die  Längsrichtung  der  Wellen  von  Ost  nach  West.  Am 
Fusse  der  Höhenzüge,  wo  das  Flötz  zu  Tage  tritt,  sieht  man 
ohne  Weiteres,  dass  dasselbe  schwach  in  die  oben  genannten 
Höhenzüge  hinein  einfällt,  und  das  Gleiche  lässt  sich  genauer  an 
einer  grossen  Zahl  von  Aufschlüssen  constatiren  und  ist  ausser- 
dem durch  viele  Bohrungen  nachgewiesen.  Ein  wenig  stärker 
als  das  Einfallen  in  die  Höhenzüge  hinein,  also  in  der  Richtung 
von  Süd  nach  Nord  ist  das  Einfallen  des  Flötzes  in  der  Richtung 
von  West  nach  Ost,  und  zwar  nimmt  man  dasselbe  etwa  doppelt 
so  gross  an. 

Wurde  oben  gesagt,  dass  am  Fusse  der  Höhenzüge  das  Flötz 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


217 


vielfach  ausgeht  und  zu  Tage  tritt,  so  lässt  sich  weiter  doch  fest- 
stellen, dass  dasselbe  auch  mehrfach  in  die  Niederung  hiuein  fort- 
setzt. In  solchem  Falle  ist  es  aber  nicht  mehr  von  seinem 
ursprünglichen  Hangenden  sondern  gewöhnlich  von  jungen  Torf- 
bildungen überdeckt.  Solche  Fortsetzungen  mit  überdeckenden 
jungen  Torfmooren  kann  man  auf  dem  Grubenfelde  von  Heyegrube 
in  der  Nähe  von  Särchen  und  weiter  auch  bei  Klettwitz  beobachten. 
Das  in  die  Ebene  sich  fortsetzende  Braunkohlenflötzchen  ist  meist 
sehr  schwach,  und  man  kann  sich  häufig  des  Eindrucks  nicht 
erwehren,  als  seien  hier  infolge  diluvialer  Erosion  die  ursprünglich 
hangenden  Schichten  mit  dem  grössten  Theile  der  Braunkohle 
selbst  hinweggefegt  worden.  Das  Liegende  des  von  dem  Torf- 
moore überdeckten  Flötzcbens  ist  dasselbe,  wie  dasjenige  des 
normalen  Flötzes. 

Von  einer  genau  gleichmässigen  Gestaltung  von  Flötz-  und 
Tagesoberfläche  kann,  im  Einzelnen  wenigstens,  keine  Rede  sein, 
obwohl  sich  die  letztere  ja  vielfach  ähnlich  wie  die  Flötzoberfläche 
verhält.  Sie  fällt  nur  wenig  nach  Nordosten  und  Osten,  neigt 
sich  aber,  rein  nach  NordeD,  steiler  in  die  Ebene.  Spuren  dilu- 
vialer Abwaschungen  und  Zerstörungen  machen  sich  häufiger 
bemerkbar.  So  zieht  sich  südlich  vom  Felde  der  Grube  Ilse,  in 
der  Richtung  von  Ost  nach  West  streichend,  auf  noch  unbekannte 
Erstreckung  eine  diluviale,  zum  Theil  mit  diluvialen  Sanden  aus- 
gefüllte  Auswaschung  hin,  durch  welche  das  Flötz  in  seiner  Ge- 
sammtmächtigkeit  unterbrochen  wird.  Ferner  machen  sich  im 
westlichen  Theile  des  Flötzes,  in  fortlaufender  Aufeinanderfolge, 
auf  einer,  in  der  Richtung  von  fast  Süd  nach  Nord  verlaufenden 
Grenzlinie,  — sie  zieht  sich  von  den  Hörlitzer  Weinbergen,  etwa 
den  Gruben  Hörlitzer  Werke  und  Meurostolln  her  zwischen 
den  Dörfern  Klettwitz  und  Särchen  hin,  sodass  die  nördlichen 
Gruben  Henriette,  Gotthold,  Heyegrube  und  Waidmannsheil  öst- 
lich von  ihr  zu  liegen  kommen,  — ziemlich  intensiv  die  Resultate 
einstiger  diluvialer  Abwaschungen  bemerkbar.  Das  Flötz  nähert 
sich  hier  der  Oberfläche  und  ist  vom  Diluvium  theilweise  abge- 
schürft. Mit  diesen  Erscheinungen  steht  jedenfalls  auch  die  von 
hier  aus  abnehmende  Mächtigkeit  des  Flötzes  in  Zusammenhang. 


218 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


Nach  Westen  zu,  in  der  Richtung  nach  Uobristroh,  setzt, 
wie  schon  oben  bemerkt,  das  Flötz  weiter  fort.  Eingehende 
Bohrungen  in  östlicher  Richtung  sind  nicht  vorgenommen  worden, 
da  man  schon  bald  beobachten  konnte,  dass  hier  ein  schnelles 
Niedergehen  in  die  Teufe  stattfand.  Auch  ob  das  Flötz  nach 
Norden  zu  und  wieweit  es  unter  eine,  auch  im  Norden  des 
Senftenberger  Plateaus  vorhandene  Thalsohle  fortsetzt,  ist  nicht 
genügend  bekannt.  Doch  erscheint  das  Letztere  wohl  deshalb 
unwahrscheinlich,  weil  einestheils  nach  Norden  zu  im  Allgemeinen 
das  Flötz  überhaupt  an  Mächtigkeit  abnimmt  und  anderntheils 
ausserdem  vom  Hangenden  her,  sehr  deutliche  Spuren  diluvialer 
Abwaschungen  und  Zerstörungen  sich  erkennen  lassen. 

Wie  schon  bemerkt  ist  die  Mächtigkeit  des  Flötzes  in  dem 
Östlichen  Theile  sehr  bedeutend.  Durchschnittlich,  da  sie  zwischen 
11  und  20  Meter  und  mehr  schwankt,  kann  man  sie  wohl  auf 
15  Meter  taxiren,  und  zwar  ist  sie  im  südlichen  und  nordwest- 
lichen Theil  durchgehends  grösser,  im  nördlichen  geringer. 

3.  Altersbestimmung  der  Braunkohle. 

Die  Frage  nach  dem  Alter  dieser  Braunkohlen-Ablagerungen 
lässt  sich  beantworten  durch  die  Untersuchung  ihres  Liegenden 
und  Hangenden,  sowie  durch  Bestimmung  und  Beurtheilung  der 
in  diesen  Schichten  oder  in  der  Braunkohle  selbst  sich  finden- 
den fossilen  Reste,  die  übrigens,  wie  hier  gleich  bemerkt  werden 
soll,  ausschliesslich  pflanzlicher  Natur  sind  und  in  der  Hauptsache 
aus  Hölzern,  Früchten,  zum  geringen  Theile  auch  aus  Blättern 
bestehen.  Das  Liegende  der  Osthälfte  des  Flötzes  ist  nun  von 
dem  der  Westhälfte  mehrfach  verschieden. 

Im  östlichen  Theile  findet  sich  unter  dem  Flötz  zuerst 
brauner  resp.  schwarz-grauer  Letten  oder  brauner  und  grau-brauner 
Thon,  der  neben  äusserst  feinem  Sande  auch  zahlreiche  feine 
Glimmerblättchen  führt.  Unter  diesem  Letten  folgt  ein  grau- 
weisser  feiner,  viel  Glimmer  führender  Sand,  der  mit  dunklen 
Lettenschichten  abwechseln  soll,  und  darauf  folgt  endlich  ein 
sehr  feiner,  glimmerführender,  reiner  weisser  Quarzsand,  nach 
seinem  Aussehen  und  seiner  Zusammensetzung  dem  Formsande 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


219 


sehr  ähnlich.  Alle  diese  Sande  sollen  stark  wasserführend  sein. 
Nicht  in  Erfahrung  habe  ich  bringen  können,  ob  dieser  vorhin 
zuletzt  genannte  Sand  schon  die  Deckschicht  des  unterliegenden 
älteren  Braunkohlenflötzes  ist,  da  ich  genaue  Bohrtabellen  nicht 
vorgefunden  habe.  Auf  die  Frage,  ob  sich  bei  diesen  Bohrungen 
Schalenreste  gefunden  hätten,  ist  mir  stets  die  Antwort  geworden, 
dass  man  darauf  nicht  geachtet  habe.  Die  Sande  zeichnen  sich, 
nach  den  Proben  zu  urtheilen,  durch  grosse  Feinheit  des  Korns 
aus  und  sind  grösstentheils  glimmerhaltig.  Ob  sie  noch  als  zum 
Miocän  gehörig  anzusehen  sind  oder  ob  sie  vielleicht  mit  den  ober- 
oligocänen  Meeressanden  parallelisirt  werden  können,  wird  davon 
abhängig  sein,  ob  es  gelingt,  Schalreste  in  ihnen  nachzuweisen 
oder  nicht. 

In  der  Westhälfte  sind  die  als  Liegendes  auftretenden 
Schichten  einander  nicht  immer  gleich.  Man  findet  entweder 
direct  unter  dem  Flötz  feinen  glimmerführenden  Sand  von  grauer 
Farbe  oder  Lagen  von  weissem  Thone  in  einer  ziemlich  bedeuten- 
den Mächtigkeit  bis  weit  über  3 Meter,  oder  endlich  grau-braunen, 
thonigen  Letten.  Pflanzenreste  sind,  soviel  mir  bekannt  geworden 
ist,  in  den  liegenden  Schichten  der  Senftenberger  Ablagerungen 
nicht  gefunden  worden. 

Deutlicher  als  die  Schichten  des  Liegenden  olfenbaren  sich 
hauptsächlich  durch  die  vielen  und  ausserordentlich  guten  Auf- 
schlüsse der  vielen  Tagebauten  die  Schichten  des  Hangenden. 
Dieselben  zerfallen  in  zwei  Gruppen,  von  denen  die  eine  dem 
Tertiär,  die  andere  dem  Diluvium  angehört. 

Die  Gesammtmächtigkeit  der  das  Braunkohlenflötz  über- 
lagernden Schichten  ist  natürlich  an  den  einzelnen  Punkten  ver- 
schieden. Im  Allgemeinen  ist  sie  in  der  Osthälfte  nicht  geringer 
als  5 und  nicht  grösser  denn  15  Meter,  in  der  Westhälfte  hingegen 
finden  sich  Stellen,  wie  z.  B.  auf  den  Gruben  bei  Klettwitz  und 
bei  Hörlitz,  wo  dieselbe  weit  unter  5 Meter  bis  zu  1 Ys  Meter  herab- 
geht. Dies  ist  fast  stets  dort  der  Fall,  wo  bei  der  schwach  welligen 
Lagerung  des  Flötzes  ein  Wellenberg  sich  heraushebt. 

Das  eigentliche  Hangende  des  Flötzes  besteht  meist  aus  einem 
grau-weissen  plastischen  Thon,  der  in  feuchtem  Zustande,  wenn 


220 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


man  einen  frischen  Anschnitt  vor  sich  hat,  leicht  bläulich-grün 
oder  stellenweise  auch  ganz  leicht  hellbraun  gefärbt  erscheint. 
Derselbe  ist  immer  kalkfrei,  stellenweise  sandig  und  wenn  dies 
der  Fall  ist,  dann  reichlich  mit  Glimmerblättchen  durchsetzt.  Er 
wird  fast  nur  zur  Fabrikation  von  Ziegeln  benutzt,  soll  aber  eine 
Temperatur  von  1200 — 1300°,  ja  sogar  bis  zu  1500°  aushalten 
können,  ohne  zu  sintern,  und  leicht  Glasur  annehmen.  Wie  oben 
schon  bemerkt  führt  derselbe  irgend  welche  Petrefacten  nicht. 
Er  erreicht  eine  Mächtigkeit  bis  über  3 Meter.  Vielfach  enthalten 
diese  Thone  Sehwefeleisenknollen  in  Schnüren  vereinigt.  Wo  der 
Thon  dem  Flötz  auflagert,  ist  er  öfter  reichlich  mit  Kohlenstücken 
vermengt,  die  wie  in  ihn  hineingepresst  erscheinen. 

Der  Thon  wird  von  groben  und  geröllreichen  Sand-  und 
Kiesmassen  überlagert.  Dieselben  bestehen  ausschliesslich  aus 
wasserhellen  bis  milchweissen , röthlichen , bläulich  oder  grau  ge- 
färbten Quarzen  und  schwarzen  Kieselschiefern  von  der  Grösse 
eines  Hirsekornes  bis  zu  Haselnuss-  und  Wallnussgrösse  und  sind 
mit  weissen  Glimmerblättchen  in  verschiedenem  Verhältniss,  meist 
jedoch  reichlich  vermengt.  Was  ihre  Form  anlangt,  so  sind  die 
feineren  Körner  gewöhnlich  scharfkantig,  die  gröberen  hingegen 
meist  völlig  abgerundet  und  glatt.  Auch  weisser,  an  seiner  Spalt- 
barkeit leicht  erkennbarer  Feldspath  kommt  dazwischen  vor.  Feuer- 
steine finden  sich  in  diesen  Sanden  nicht,  ebenso  fehlen  die  Bruch- 
stücke fremder,  namentlich  nordischer  Gesteine  in  ihnen  völlig. 
Auch  diese  Sande  zeigen  eine,  dem  unterliegenden  Braunkohlen- 
gebirge völlig  conforme,  sehr  regelmässige  Lagerung  und  sind, 
ebenso  wie  die  Thone  sowohl  deswegen,  als  auch  in  Rücksicht 
auf  ihre  Zusammensetzung  dem  letzteren  entschieden  zuzurechnen. 
Sie  erlangen  mit  den  Thonen  zusammen  eine  Mächtigkeit  von  etwa 
10 — 12  Meter. 

Obwohl  diese  Beschaffenheit  und  Anordnung  des  Deckgebirges 
die  gewöhnlichste  und  häufigste  ist,  so  zeigen  doch  die  Resultate 
der  Bohrungen  sowohl  als  auch  die  in  den  Tagebauten  gemachten 
Erfahrungen,  dass  man  eine  grosse  Anzahl  Ausnahmen  constatiren 
kann.  Vielfach  findet  nämlich  ein  gleichmässiges  Aushalten  dieser 
beiden  Schichten  nicht  statt,  vielmehr  bleiben  sich  dieselben  nur 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


221 


auf  gewisse  Erstreckungen  hin  in  Mächtigkeit  und  Aufeinanderfolge 
gleich,  so  dass  in  Bezug  auf  letztere  auch  die  Sande  das  unmittel- 
bare Hangende  bilden  und  die  Thone  fehlen  können. 

Mehrfach  fehlt  auch  nicht  nur  die  eine  der  Deckschichten, 
sondern  beide  gänzlich.  Sie  sind  dann  durch  mächtige  Diluvial- 
massen ersetzt.  Auch  soll,  wenigstens  im  westlichen  Theile,  anstatt 
des  hellen  Thones  und  der  Kies-  und  Sandmassen  mehrfach  ein 
feiner  bräunlicher,  oder  hell-  oder  dunkelgrauer  Sand,  der  mit 
Lettenstreifen  durchsetzt  war,  die  unmittelbare  Deckschicht  des 
Flötzes  gebildet  haben. 

Immer  jedoch  kann  man  beobachten,  dass  solche  Abweichungen 
von  der  regelmässigen  Ueberlagerung  durch  Thone  hervorgerufen 
sind  durch  locale  Erosionen,  denn  das  ganze  Profil  des  Hangenden 
erscheint  in  solchen  Fällen  verworren.  Auch  stellen  sich  diese 
Erosionserscheinungen  nur  auf  kurze  Erstreckung  hin  gleich- 
mässig  dar. 

Die  oben  beschriebenen  tertiären  Sande  überlagert  das  Di- 
luvium, das  in  der  Hauptsache  aus  Geschiebedecksand,  dem  jüng- 
sten Glied  des  Diluviums  besteht,  welcher  die  ihm  nur  spärlich 
eingelagerten  Streifchen  von  Geschiebelehm  und  -Thon  in  einer 
Mächtigkeit  bis  zu  3 Meter  und  darüber  bedeckt.  Obwohl  er  in 
der  Hauptsache  aus  gleichem  Material,  verschieden  gefärbten  Quarz- 
körnern und  dunklem  Kieselschiefer  besteht  und  deshalb  jedenfalls 
nur  als  umgelagerter  tertiärer  Sand  anzusehen  ist,  unterscheidet  er 
sich  doch  von  dem  letzteren  in  mehreren  Punkten.  Es  finden  sich 
nämlich  erstens  in  dem  Geschiebedecksand  Feuersteine,  die  in 
dem  tertiären  Sand  völlig  fehlen,  ferner  Quarzgerölle  bis  zur  Faust- 
grösse und  andere  Gerolle  südlicher  Herkunft  zusammen  mit 
nordischen  Gesteinen,  die  man  auch  in  grösseren  Blöcken  bis  zu 
2 Cubikmeter  und  mehr  Inhalt  auf  der  Tagesoberfläche  zerstreut 
findet  und  die  aus  Graniten,  Gneissen  und  cambrischen  Sand- 
steinen bestehen.  Ein  weiterer  Unterschied  beruht  in  der  Un- 
gleichheit des  Kornes  des  Geschiebedecksandes,  die  sich  sogar  in 
den  einzelnen  Schichten,  — der  Sand  zeigt  transversale  Parallel- 
structur  — bemerkbar  macht.  Vielfach  ist  die  ganze  Masse  von 
Eisenoxydhydrat  ungleichmässig  durchsetzt  und  gefärbt  und  manch- 


222  Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 

mal  mit  Hilfe  thoniger  Bindemittel  zu  festem  Conglomerat  ver- 
kittet. Auch  Braunkohlenquarzite  fehlen  in  ihm  nicht. 

Wie  Keilhack  *)  nun  gezeigt  hat,  finden  sich  am  Koschen- 
berge,  der  sich  etwa  2 Meilen  südlich  von  unseren  Senftenberger 
Braunkohlenablagerungen  aus  »der  weiten,  105— 120  Meter  hoch 
gelegenen  Geschiebesandebene  bis  zur  Höhe  von  176,4  Meter  über 
dem  Meere  erhebt«  Spuren  einstiger  Vergletscherung. 

Nach  seinen  Befunden  urtheilt  dieser  Autor  in  folgender 
Weise:  »Das  nordische  Inlandeis  hat  offenbar  die  beiden  Berg- 
kuppen noch  überkleidet  und  den  Verwitterungsschutt,  mit  dem 
sie  bedeckt  waren,  zu  einer  Grundmoräne  aufgearbeitet;  dagegen 
scheint  die  eigentliche  nordische  Grundmoräne  diese  beiden  Berge 
nicht  mit  überzogen  zu  haben,  vielmehr  wurden  nur  verhältniss- 
mässig  wenige  kleine  Gesteinsstücke  im  Eise  mit  über  den  Berg 
genommen  und  der  neugebildeten  Grundmoräne  einverleibt,  auch 
folgte  diese  selbst  der  weiteren  Südbewegung  des  Eises  nicht, 
sondern  blieb  in  der  Hauptsache  an  der  Stelle  ihrer  Bildung 
liegen,  u.  s.  f.« 

Wie  genaue  Messungen  ergeben  haben,  liegt  der  höchste 
Punkt  des  Plateaus,  welches  die  Braunkohlenablagerungen  be- 
deckt, 153,3  Meter  über  dem  Meere.  Man  wird  also  in  der 
Annahme  nicht  fehl  gehen,  dass,  wenn  ein  südlicher  gelegener, 
23  Meter  höherer  Berg  noch  von  dem  nordischen  Inlandeis  über- 
zogen worden  ist,  auch  die,  unsere  Braunkohlen  deckenden  Schichten 
ebenfalls  vom  Eis  überzogen  waren,  und  dafür  sprechen  denn  auch 
eine  Reihe  von  Erscheinungen. 

So  findet  man  z.  B.  auf  Grube  Ilse,  in  der  Nordostecke  des 
momentan  in  Betrieb  stehenden  Tagebaues,  wo  die  Tagesoberfläche 
des  Hangenden  scharf  wellig  gestaltet  ist  und  die  einzelnen  scharfen 
Bodenwellen  untereinander  wieder  zerrissen  sind,  1 — H/2  Meter 
tiefe,  runde  Löcher,  die  mit  Sandmassen  fest  ausgefüllt  sind. 
Entfernt  man  aus  ihnen  den  Sand,  so  constatirt  man  erstens,  dass 
diese  Löcher  sich  nach  unten  zu  erweitern  und  dass  sich  auf  dem 


*)  Keilhack,  K.  Der  Kosehenberg  bei  Senftenberg.  Dieses  Jahrbuch  für 
1892. 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


223 


Boden  derselben  vielfach  ein  faust-  bis  kopfgrosser  Stein  befindet, 
ähnlich  wie  es  von  den  Strudellöchern  her  bekannt  ist.  An  diesen 
Stellen  fehlen  die  tertiären  Deckschichten  völlig  und  sind  durch 
ca.  15  Meter  mächtige  Diluvialsande,  die  vielfach  verkittet  sind, 
ersetzt.  Diese  letztere  Erscheinung  lässt  sich,  wie  schon  Eingangs 
bemerkt,  in  nördlicher  Richtung  nach  dem  Thale  zu  überhaupt 
vielfach  beobachten  und  auch  das  Flötz  selbst  erscheint  alterirt. 
Die  oberen  Kohlenpartien  direct  unter  dem  Hangenden  sind 
schmierig,  vielleicht  infolge  einstigen  mächtigen  gleitenden  Druckes 
und  späterer  Einwirkung  des  Wassers. 

Aber  noch  eine  Reihe  anderer  Erscheinungen  lassen  sich  auf 
den  von  der  einstigen  Eisdecke  ausgeübten  gewaltigen  Druck 
zurückführen.  So  findet  man  tertiäre  Sandmassen  vielfach  in 
den  hangenden  Thon  hineingepresst  und  Ueberschiebungen  des 
Thones  und  Ueberkippungen,  die  sich  in  den  ganzen  Aufschlüssen 
öfter  nachweisen  lassen,  sowie  Einpressungen  der  unterlagernden 
Sande  in  die  hoch  aufgewölbten,  überkippten  Falten  gehören  nicht 
gerade  zu  den  Seltenheiten. 

So  lassen  sich  vielfach  Erscheinungen,  die  für  das  Vorhanden- 
sein einer  einstigen  Vereisung  sprechen,  anführen.  Aber  die 
Massen,  die  diese  Gletscher  in  Form  von  Localmoränen  abgelagert 
haben  mögen,  sind  durch  spätere  Flutben,  welche  die  tertiären 
Schichten  und  zum  Theil  sogar  das  Braunkohlenflötz  selbst  wieder 
hinwegwuschen,  und  deren  Zeugen  die  vielfach  abgelagerten,  süd- 
licheren Gebieten  entstammenden  Gesteine,  so  auch  die  Achate 
sind,  zum  grössten  Theil  wieder  fortgespült  und  durch  Geschiebe- 
decksand ersetzt  worden. 

Wie  Berendt  hauptsächlich  iu  seiner  Abhandlung:  »Das 
Tertiär  im  Bereiche  der  Mark  Brandenburg«  wahrscheinlich  ge- 
macht hat,  zerfällt  die  märkische  Braunkohlenbildung,  zu  der  auch 
unsere  Senftenberger  Ablagerungen  gehören,  in  zwei  Abtheilungen, 
eine  jüngere,  die  sogenannten  nördlichen  Bildungen  Giebel- 
hausens, die  »bis  nach  Mecklenburg  und  Pommern  hinein  in 


Berendt,  G.  Das  Tertiär  im  Bereiche  der  Mark  Brandenburg.  (Sitzungs- 
berichte der  Königl.  Preuss.  Akademie  der  Wissenschaften  1885,  S.  863  — 885). 


224 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


auffälliger  Uebereinstimmung  der  Oberfläche  nahe  liegt  und  eine 
ältere,  Giebel hausens  südliche  Bildungen«.  Diese  letztere,  »die 
sich«  cf.  Berendt,  »nur  auf  die  Lausitz  zu  beschränken  und  einer- 
seits nach  Sachsen  bis  in  die  Gegend  von  Leipzig,  anderntheils 
nach  Schlesien  hinein  eine  gewisse  Randbildung  um  den  nörd- 
lichen Fuss  der  Sudeten  zu  bilden  scheint«,  wird  von  dem  vor- 
genannten Autor  mit  dem  Namen  »subsudetisch«  bezeichnet  und 
dadurch  von  der  märkischen  unterschieden. 

Wie  aus  den  von  Berendt  mitgetheilten  Bohrlochprofilen 
hervorgeht,  sind  diese  beiden  Bildungen  durch  eine,  bis  zu  30  Meter 
mächtige  Zwischenlagerung  von  weissen  Thonen,  den  sogen. 
Flaschenthonen  der  Lausitz  von  einander  getrennt.  Und  da  nun 
auch  unsere  Senftenberger  Bildungen,  wie  vorhin  gezeigt,  vielfach 
eine  Einlagerung  thoniger  Schichten  und,  jedenfalls  regelmässig 
dort,  wo  die  Lagerung  nicht  durch  spätere  Einflüsse  gestört  er- 
scheint, eine  Bedeckung  durch  Thonmassen  von  verschiedener, 
jedoch  vielfach  mehr  als  3 Meter  betragender  Mächtigkeit  erkennen 
lassen,  so  liegt  der  Gedanke  einer  Zusammengehörigkeit,  ja  sogar 
einer  Verschmelzung  derselben  mit  den  Flaschenthonen  nahe,  na- 
mentlich da  auch  die  Zusammensetzung  und  technische  Verwend- 
barkeit der  beiden  die  gleiche  ist.  Nimmt  man,  was  nach  dem 
Gesagten  als  folgerichtig  erscheint,  diese  an,  so  würden  also  auch 
unsere  Senftenberger  Bildungen  zu  den  »subsudetischen«  zu  stellen, 
und  da  Berendt  die  Entstehung  der  letzteren  in  seiner  vorhin 
genannten  Abhandlung  an  den  Schluss  der  Oligocänzeit  verlegt, 
jung  oligocän,  und  nach  den  weiteren  Ausführungen  dieses  Autors 
in  seiner  Abhandlung  über  Soolbohrungen  im  Weichbilde  Berlins  *) 
sogar  miocän  sein. 

Dieses  jugendliche  Alter  unserer  Braunkohlen  beweisen  nun 
auch  die  fossilen  pflanzlichen  Reste,  die  man  sowohl  in  der  Braun- 
kohle selbst  als  auch  in  den  überlagernden  Thonen  bei  Klettwitz 
und  Zschipkau  gefunden,  aber  bisher  gar  nicht  beachtet,  jedenfalls 
zur  Altersbestimmung  der  Ablagerungen  nicht  herangezogen  hat. 


*)  Berendt,  G-.  Die  Soolbohrungen  im  Weichbilde  der  Stadt  Berlin.  (Dieses 
Jahrbuch  für  1889.) 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


225 


So  berichtet  v.  Fritsch  in  seiner,  den  ersten  Theil  des 
VoLLERT’schen  Buches1):  »Der  Braunkohlenbergbau  im  Oberberg- 
amtsbezirk Halle  etc.«  bildenden  Abhandlung:  »Die  Tertiärforma- 
tion Mitteldeutschlands«  betitelt,  dass  vom  Bergreferendar  Gräss- 
ner  in  den  jetzt  leider  verschütteten  Thonen  von  Zschipkau 
Blätter  von  Liquidambar  europaeum  Al.  Br.,  Blätter  und  Früchte 
von  Carpinus  pyramidalis  Göpp.  spec. , Blätter  von  Populus  latior 
Al.  Br.,  Zweiglein  von  Taxodium  distichum  miocenicum  Heer., 
u.  a.  m.  nachgewiesen  sind.  Ich  selbst  fand  und  erhielt  auf  dem 
Werke  in  Zschipkau,  aus  der  Sammlung  eines  der  dortigen  Ober- 
steiger noch  ein  Thonstück,  was  von  demselben  seinerzeit  an  Ort 
und  Stelle  entnommen  war  und  auf  dem  sich  Blattabdrücke  von 
Carpinus  grandis  Heer,  Ainus  Kefersteinii  Heer,  desgl.  Populus 
latior  Al.  Br.  und  wahrscheinlich  von  einem  Kern  von  Vitis  teu- 
tonica  befinden. 

In  der  Kohle  selbst  fanden  sich  sehr  schön  erhalten  Gardenia 
Wetzleri  Heer,  von  diesem  letzteren  Autor  im  samländischen 
Miocän  nachgewiesen  und  verwandt  mit  der  Gardenia  pomaria 
Engelhardt’s  aus  den  Braunkohlen  Sachsens,  eine  zu  den  Rubia- 
ceen  gehörende  Pflanze,  deren  Vertreter  jetzt  in  Indien  und  China 
leben.  Ferner  in  Massen  Holz  des  schon  mehrfach  erwähnten 
Taxodium  distichum  miocenicum  HeeR.  , ausserdem  Pmws-Zapfen 
und  ein  mächtiger  Pinus- Stamm,  zum  Theil  noch  mit  seiner  Rinde 
bedeckt.  Juglans  - Früchte  sind  nicht  selten,  genauer  bestimmt 
konnte  eine  Frucht  werden  als  Juglans  troglodytarum  Heer,  welche 
ebenfalls  in  den  sächsischen  Braunkohlen  von  Engelhardt  nach- 
gewiesen ist.  Früchte  von  Carya  pusilla  finden  sich  häufiger, 
namentlich  aber  Corylus- Früchte,  deren  Sclerenchym  mit  dem  der 
Frucht  von  Corylus  avellana  L.  ausserordentliche  Uebereinstimmung 
zeigt.  Als  Corylus  avellana  angehörig  konnten  auch  viele  Holz- 
reste bestimmt  werden.  Auch  der  von  Heer  im  samländischen 
Miocän  nachgewiesene  Carpolithes  Gervaisii , der  nach  den  Unter- 
suchungen Schenk’s  vielleicht  als  eine  Anacardiaceen-  Frucht  an- 

*)  Vollert,  Der  Braunkohlenbergbau  im  Oberbergamtsbezirk  Halle.  Fest- 
schrift zur  Feier  des  4.  Allgem.  Deutschen  Bergmannstages.  8°.  Halle  a.  S. 
1889. 


Jahrbuch  1893. 


15 


226 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


Zusehen  ist,  findet  sich  in  unseren  Kohlen,  ebenso  Garex- Samen 
in  Fülle,  oft  kleine  Bänke  bildend. 

Zwar  treten,  mit  Ausnahme  von  Populus  latior,  die  sich  zu- 
erst im  Miocän  findet,  fast  alle  andern  genannten  Pflanzen,  — es 
sind  hier  nur  die  hauptsächlichsten  angeführt  — auch  schon  im 
Oligocän  auf,  aber  die  ganze  Zusammensetzung  der  Flora  weist  doch 
entschieden  auf  Miocän  hin.  Palmen  finden  sich  gar  nicht  und 
neben  den  Vertretern  einer  wärmeren  Zone  treten  hauptsächlich 
doch  Angehörige  einer  gemässigten  wärmeren  Zone  auf,  deren 
Formen  aber  eine  so  tief  eingreifende  Veränderung,  in  dem  Umfang, 
wie  es  bei  den  Floren  der  jüngsten  Tertiärbildungen  der  Fall  ist, 
doch  noch  nicht  erfahren  haben.  Und  so  möchte  ich  denn,  ebenso  wie 
nach  den  geologischen  Befunden  auch  nach  den  Pflanzenresten  die 
Braunkohlen  als  in  der  Periode  des  Miocäns  gebildet,  bezeichnen. 

4.  Entstehung  des  Braunkohlenlagers. 

Bekanntlich  stehen  sich  bezüglich  der  Bildung  der  Braunkohlen- 
flötze  zwei  Ansichten  einander  gegenüber.  Nach  der  einen,  die 
namentlich  heutigen  Tages  eine  grosse  Anzahl  Vertreter  hat,  soll 
der  bei  Weitem  grösste  Theil  der  Ablagerungen,  wenn  nicht  über- 
haupt sämmtliche,  durch  Herbeischwemmung  von  Pflanzenmassen, 
Baumstämmen  vor  allen  Dingen,  in  Verbindung  mit  sogen.  Barren- 
bildungen, wie  man  sie  heute  noch  an  verschiedenen  Küsten,  so- 
wie am  Mackenzie  und  Missisippi  beobachten  kann,  — ich  will 
hier  nicht  unterlassen  auf  die  Abhandlung  von  Ochsenius  *)  über 
Kohlenbildung  hinzuweisen  — entstanden  sein.  Nach  der  andern 
sind  die  Braunkohlenflötze  aus  Ablagerungen  von  Pflanzentheilen 
auf  deren  Entstehungsstätte,  aus  Torf-  und  Waldvegetation  her- 
vorgegangen. 

Ohne  auf  diese  Ansichten,  die  jedenfalls,  je  nach  den  Um- 
ständen beide  berechtigt  sind,  näher  einzugehen,  darf,  so  glaube 
ich,  von  den  Senftenberger  Ablagerungen  mit  Bestimmtheit  be- 
hauptet werden,  dass  sie  am  Orte  selbst  entstanden,  oder  um  ein 
in  Aufnahme  gekommenes  Fremdwort  zu  gebrauchen,  autochthon 
sind.  Dafür  spricht  das  Folgende. 

b Ochsenius,  Carl.  Ueber  Kohlenbildung.  Berg-  und.  Hüttenmännische 
Zeitung.  Jahrg.  51  (1892),  No.  17,  S.  153  u.  f. 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


227 


In  einer  Reihe  von  Tagebauten,  ich  habe  es  z.  B.  beobachtet 
auf  der  Heyegrube,  den  Hörlitzer  Werken  und  auf  der  Grube 
Marie  Nordwestfeld,  d.  h.  also,  sowohl  im  westlichen  als  auch  im 
östlichen  Flötztheil,  findet  man  im  Liegenden  des  Flötzes  aufrecht 
stehende  Baumstämme.  Am  schönsten  sah  ich  diese  Erscheinung 
auf  der  Grube  Marie  Nordwestfeld  uud  nach  dem  dortigen  Vor- 
kommen will  ich  dieselbe  auch  zu  schildern  versuchen. 

Im  Liegenden  eines  abgebauten  Flötzstückes,  in  einer  Länge 
und  Breite  von  je  etwa  200  Meter  fand  ich  eine  grosse  Anzahl 
aufrecht  stehender  Baumstümpfe,  deren  Wurzeln  ich  auf  ca.  2 bis 
2V2  Meter  Entfernung  vom  Stamm  im  Liegenden,  es  war  leicht 
grau-gefärbter  Thon,  verfolgen  konnte.  Alle  diese  Stämme  waren 
in  etwas  mehr  denn  einem  Meter  Höhe  über  dem  Boden  gleichmässig 
wie  abgeschnitten  oder  abgesägt.  Welche  Gewalt,  so  frug  ich 
mich,  als  ich  diese  Erscheinung  zum  ersten  Male  sah,  ist  im 
Stande  gewesen,  dies  zu  vollbringen?  Denn  alle  diese  Stämme 
konnte  man  als  einstige  Riesen  des  Waldes  bezeichnen.  Die 
meisten  von  ihnen  hatten  einen  Durchmesser  von  über  3 Meter 
und  einen  Umfang  von  9 — 10  Meter.  Diese  Bäume  müssen  hier, 
wo  sie  noch  fest  eingewurzelt  stehen,  auch  gewachsen  sein,  denn 
selbst  wenn  man  annehmen  wollte,  dass  sie  von  einem  andern 
Standort  hier  eingeschwemmt  und  später  durch  eine  gewaltige 
Kraft  wieder  aufgerichtet  seien,  so  widerspricht  dieser  Annahme 
doch  ihre  ganze  Erscheinung,  die  vollkommene  Regelmässigkeit 
und  Gleichmässigkeit  ihrer  Stellung,  und  vor  allen  Dingen  die 
durchaus  regelmässige  Lagerung  des  Flötzes,  das  keinerlei  innere 
Störung  zeigt. 

Aber,  welche  Kraft  ist  im  Stande  gewesen,  diese  Riesenleiber 
so  gleichmässig  niederzustrecken,  dass  eine  Ebene,  die  man  durch 
die  Endflächen  der  Stümpfe  legen,  ungefähr  parallel  dem  Liegen- 
den verlaufen  würde?  Da  erinnerte  ich  mich  der  Schilderungen 
tropischer  Urwälder  und  fand  in  denselben  stets  die  Angabe,  dass 
die  alten  Riesenbäume,  wenn  sie,  morsch  geworden,  das  Gewicht 
ihrer  Kronen  nicht  mehr  zu  tragen  vermögen,  ebenfallsfast  stets 
in  gleicher  Höhe  über  dem  Boden  brechen.  Aber  das  würde 
immer  nur  eine  splittrige  aber  noch  keine  glatte,  vielmehr  ebene 

15* 


228 


Oscar  Eberet,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


Bruchfläche  geben.  Da  führte  mich  Herr  Geh.  Oberbergrath  Dr. 
HaüCHECORNE  darauf,  dass  man  zur  Erklärung  dieser  letzteren  Er- 
scheinung das  Wasser  zu  Hülfe  nehmen  könne.  Die  Bäume  sind  ge- 
brochen und  ihre  Stämme  sind  in  das  Wasser  gestürzt,  und  dies 
letztere  hat  insofern  nivellirend  gewirkt,  als  bis  zur  Höhe  des 
Wasserspiegels  die  Stümpfe  abgefault  sind,  der  vom  Wasser  be- 
deckte Theil  dagegen  vor  Verwitterung  geschützt  und  so  erhalten 
geblieben  ist. 

Das  Holz  einer  Anzahl  dieser  Stümpfe  ist  nun  von  mir  unter- 
sucht und  -zumeist  als  Taxodium  distichum  miocenicum  Heer  be- 
stimmt worden.  Doch  auch  Laubhölzer  finden  sich  darunter,  die 
noch  der  eingehenden  Untersuchung  harren.  Alle  in  den  Senften- 
berger  Ablagerungen  vorkommende  Hölzer  zu  untersuchen  und, 
soweit  möglich,  zu  bestimmen,  soll  Gegenstand  einer  besonderen 
Arbeit  sein  und  zwar  gedenke  ich  sowohl  eine  vergleichende  ana- 
tomische Untersuchung  aller  in  einem  Flötz  sich  findenden  Holz- 
vorkommen, als  auch  eine  Vergleichung  der  Braunkohlenhölzer 
verschiedener  Vorkommen  mit  einander  vorzunehmen. 

Herr  Bergrath  v.  Gellhorn  *)  hat  eine  Reihe  von  Hölzern 
aus  der  märkischen  Braunkohle,  nämlich  aus  der  Gegend  von 
Freienwalde,  Drossen,  Rietschütz  in  der  Nähe  von  Schwiebus, 
und  Zielenzig  untersucht  und  sie  ausschliesslich  als  Taxodium 
distichum  miocenicum  bestimmen  können.  Er  kommt  daher  zu  dem 
Schlüsse,  dass  die  Braunkohlen  im  nördlichen  Theile  der  Mark 
Brandenburg  nur  aus  Nadelhölzern  gebildet  sind  und  Laubhölzer 
völlig  fehlen.  Nun,  die  vorhin  angeführten  Früchte  von  Laub- 
hölzern aus  der  Kohle  würden  allein  schon  genügen  als  Nachweis 
des  einstigen  Vorhandenseins  von  Laubhölzern,  wenn  auch  bis 
jetzt  noch  keine  Stammtheile  gefunden  wären,  denn  sie  müssen 
doch  an  solchen  gewachsen  sein. 

Ferner  kommt  v.  Gellhorn  zu  dem  Schlüsse,  dass  zur  Zeit 
der  Bildung  der  märkischen  Braunkohlen  kein  wärmeres  Klima 
als  jetzt  geherrscht  habe,  weil  die  virginische  Sumpfcypresse  auch 
jetzt  noch  bei  uns  gedeihe.  Aber  man  kann  doch  wohl  kaum 

J)  v.  Gellhorn,  0.  Die  Braunkohlen- Hölzer  in  der  Mark  Brandenburg. 
(Dieses  Jahrbuch  1893). 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


229 


behaupten,  dass  sie  so  bei  uns  gedeiht,  wie  in  ihrer  Heimath  und 
zu  einer  Massen-  Taxodium-Veget&tion  dürften  wir  es  unter  jetzigen 
Temperaturverhältnissen  wohl  nicht  mehr  bringen.  Eine  Erörterung 
der  an  und  für  sich  speciell  für  diesen  Aufsatz  nebensächlichen 
Temperaturfrage  ist  aber  auch  deshalb  noch  überflüssig,  weil  ja 
die  Beweise  für  das  einstmalige  Vorhandensein  anderer,  sicher  sub- 
tropischer Pflanzen  vorliegen. 

Die  Hauptbildungs-  resp.  Ablagerungsorte  der  Pflanzenstoffe 
in  der  Tertiärzeit  waren  Sümpfe,  Moore,  Binnenseen,  Meeres- 
buchten, Flussdeltas  und  ähnliche  Localitäten  mehr.  Hier  ent- 
wickelte sich  unter  den  damaligen  günstigen  Temperaturver- 
hältnissen und  bei  der  mit  Wasserdünsten  reichlich  gesättigten, 
vielleicht  auch  etwas  kohlensäurehaltigeren  Atmosphäre  eine  Massen- 
vegetation, deren  Erzeugnisse  riesenhafte  Grösse  erreichten.  Man 
denke  nur  an  Pinus  protolarix  Goepp.,  aus  den  Braunkohlen  bei 
Laasan  in  Schlesien,  ein  Baum,  dem  an  Grösse  die  Stämme  im 
Senftenherger  Vorkommen  völlig  ebenbürtig  sind.  Bei  Pinus  pro- 
tolarix hatte  Goeppert  2500  Jahresringe  gezählt,  und,  weil 
er  nach  Verhältnissen  in  unserer  gemässigten  Zone  urtheilte,  ein 
Alter  von  2500  Jahren  für  den  Baum  herausgerechnet,  was  so 
lange  als  richtig  galt,  bis  andere  Botaniker  an  Untersuchungen 
im  tropischen  und  subtropischen  Gebiet  zeigten,  dass  die  Bäume 
dort  mit  einer  Ringbildung  im  Jahre  sich  nicht  zufrieden  geben, 
sondern  deren  mehrere  machen  und  im  Verhältniss  viel  kurzlebiger 
sind  als  bei  uns.  Und  so  dürfte  es-  denn  auch  zur  Tertiärzeit  der 
Fall  gewesen  sein,  dass  die  gewaltigen  Pflanzenmassen  zwar  schnell 
erzeugt,  aber  auch  schnell  zersetzt  worden  sind. 

Als  Bildungslocalität  der  Senftenberger  Vorkommen  haben 
wir  jedenfalls  eine  flache  Mulde,  etwa  eine  seichte  Meeresbucht 
oder  einen  Theil  einer  solchen  uns  vorzustellen.  Hier  entwickelte 
sich  entweder  gleichzeitig  mit  oder  noch  vor  dem  Auftreten  eines 
Moores  unser  Taxodium  distichum  mioc.  H.,  das  ohne  Zweifel  zur 
damaligen  Zeit  dieselbe  Rolle  gespielt  hat,  wie  sein  Verwandter, 
das  jetzige  Taxodium  distichum  in  den  Morästen  Virginiens  noch 
heute,  wo  es  eine  Höhe  von  40  Meter  und  eine  entsprechende 
Stärke  erreicht.  Zwischen  und  unter  diesen  Bäumen  entwickelte 


230 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


sich  ein  Wald  von  Rohr,  Gräsern  und  kleinen  Kräutern  und  Ge- 
sträuchen, und  in  jedem  Jahre  häufte  sich  das  Gemenge  derselben, 
mit  abgefallenen  Zweigen  und  Blättern  vermischt,  an  der  Wasser- 
oberfläche an,  um  durch  langsame  Zersetzung  in  Kohle  verwandelt 
zu  werden,  endlich  zu  Boden  zu  sinken  und  dort  einen  schwarzen 
weichen  Schlamm  zu  bilden.  Dann  stürzten  die  Bäume,  verkohlten, 
soweit  sie  im  Wasser'' lagen,  langsam,  und  auf  ihren,  aus  dem 
Wasser  herausragenden,  vermodernden  Theilen  siedelten  sich  Moose, 
dann  kleine  Gesträuche  an,  auch  jedes  Jahr  durch  Ast-  und  Laub- 
fall zur  Vermehrung  der  Ablagerungen  beitragend.  Kurz,  es  ist 
dasselbe  Bild,  wie  es  heute  in  südlicheren  Theilen  der  Vereinigten 
Staaten  die  sogenannten  Dismal-  oder  Alligator -Swamps  zeigen. 
(Ich  will  nicht  versäumen  hier  auf  folgende  Arbeit  zu  verweisen, 
welche  in  ausführlicher  Weise,  unter  Beibringung  einer  grossen 
Anzahl  von  Abbildungen,  die  genannten  Dismal  Swamps  beschreibt. 
Es  ist  dies:  »General  account  of  the  fresh-water  morasses  of  the 
United  States,  with  a description  of  the  Dismal  Swamps  District 
of  Virginia  and  North  Carolina,  by  Nathaniel  Southgate  Shaler. 
Tenth  Annual  Report  of  the  United  States  Geological  Survey 
1888 — 1889.  Part  I.  Geology.  p.  261  — 339).  Das  sind  grosse 
Moräste,  welche  am  Atlantischen  Ocean  von  Cap  Henri  oder  Nor- 
folk in  Virginien  bis  zur  Mündung  des  Cape -Fear -Flusses  oder 
Wilmington  in  Nord -Carolina  reichend,  vielleicht  tausende  von 
Quadratmeilen  bedecken  und  von  den  umgebenden  Bergen  und 
Buchten  durch  breite  Hügel  und  grosse  Sandbänke  getrennt  sind. 
Sie  schliessen  starke  Torflager  und  seichte  Seen  ein,  welche,  die 
Unebenheiten  des  Bodens  füllend,  bis  an  den  Fuss  der  das  Land 
durchziehenden  Hügel  sich  ausbreiten,  auf  denen  sich,  im  Gegen- 
satz zu  der  sonstigen  Sumpfflora,  die  Vegetation  des  festen  Landes 
entwickelt.  Wenn  sich  der  einsame  Wanderer  in  diese  morastige 
Wildniss  verirrt,  so  muss  er  mindestens  bis  an  die  Knie  im  Wasser 
oder  im  schwarzen,  weichen  Schlamm  waten,  denn  was  wie  grüner, 
fester  Boden  aussieht,  sind  Moose,  durch  die  sein  Fuss  hindurch- 
tritt. Fast  undurchdringlich  dichte  Sumpfgräser  versperren  ihm 
den  Weg  und  einen  sicheren  Ruhepunkt  für  seinen  ermüdeten 
Fuss  bieten  ihm  nur  die  knorrigen,  über  den  Morast  sich  erheben- 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


231 


den  Wurzeln  eines  mächtigen  Baumes,  einer  immergrünen  Cypresse, 
des  Taxodium  distichum. 

Der  Zeitraum,  in  welchem  die  Ablagerung  der  Braunkohlen- 
flötze  sich  vollzog,  ist  nun  in  den  meisten  Fällen,  jedenfalls  bei 
starken  Flötzen  immer  ein  sehr  grosser  gewesen,  um  so  grösser, 
wenn  ihre  Bildung  nicht  ruhig  und  ununterbrochen,  sondern  dis- 
continuirlich,  in  periodischen  Absätzen  vor  sich  ging.  Denn  durch 
Naturereignisse,  z.  B.  Ueberschwemmungen , welche  Thon  und 
Sandmassen  herbeiführten  und  in  diesen  Morästen  ablagerten, 
konnten  natürlich  die  verkohlten  Massen  bedeckt  und  die  Wasser- 
oberfläche völlig  wieder  frei  werden,  so  dass  erst  ganz  allmählich 
von  Neuem  sich  Vegetation  darauf  entwickeln  musste.  Geschah 
dies,  dann  entstanden  2 oder  mehrere  Flötze,  wenn  nicht,  nur 
eines. 

Bei  unserm  Senftenberger  Braunkohlenflötz  hat  es  den  An- 
schein, als  habe  man  ein  einziges  mächtiges  Flötz  vor  sich,  aber  die 
genaue  Untersuchung  des  frischen  Profils  eines  ganzen  Flötzes  giebt 
doch  eine  etwas  andere  Auskunft,  wie  ich  auf  Grube  Marie  Nordwest- 
feld constatiren  konnte.  Das  ganze  Flötz  wurde  hier  durch  2,  im 
Verhältniss  zur  Mächtigkeit  des  Flötzes  von  ca.  20  Meter  freilich 
nur  schwache  Schichten  thonhaltiger  Kohlensande  in  3 Abtheilungen 
getrennt,  und  in  jeder  dieser,  gleichwie  die  Kohle  schwarzbraun 
gefärbten,  thonhaltigen  Sandschichten  sah  man,  ebenso  wie  im  Lie- 
genden, Baumstämme  mit  langen  Wurzelresten  aufrecht  stehen. 
Hiernach  ist  also  die  Bildung  eine  discontinuirliche,  durch  Ablage- 
rung dieser  Zwischenschichten  unterbrochene  gewesen.  Und  in 
jeder  dieser  3 Etagen,  von  denen  die  oberste  die  mächtigste  war, 
lässt  sich  ungefähr  die  gleiche  Gliederung  der  Kohlen  beobachten. 
Zuerst  findet  man  in  der  Richtung  vom  Liegenden  zum  Hangen- 
den, die  Baumstümpfe  umgebend,  roth-  bis  dunkelbraune  Kohle, 
mit  Einlagerung  langgestreckter,  wirr  durch  einander  liegender 
Stämme  verschiedenen  Durchmessers  in  einer  Mächtigkeit  bis  zu 
3 Meter  und  vielleicht  noch  darüber.  Dann  folgt  eine  schwärz- 
liche Kohle,  die  vielfach  stenglich  und  fädig  aussieht  und  den 
Eindruck  macht,  als  ob  sie  ausschliesslich  aus  Sumpfgräsern, 
Schilfen  , Binsen  und  dergl.  gebildet  sei , mit  mannigfachen, 


232 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen -Ablagerungen 


häufigen  Resten  von  Kleinholz,  jedenfalls  von  Gesträuch  her- 
rührend, ganzen  Depots  von  Nüssen,  vornehmlich  Haselnüssen 
und  von  kleinen  C'are^-Samenkörnern , die  ganze,  kleine  Bänke 
bilden.  Hierauf  folgte  eine  etwas  verunreinigte  Kohle,  die  in  ihrer 
obersten  Schicht  etwas  schmierig  erschien,  mit  spärlicherer  Ein- 
lagerung von  Stämmen , von  denen  ich  dahingestellt  lassen  will, 
ob  sie  nicht  eventl.  doch  eingeschwemmt  sind,  und  darauf  lag  nun 
die  vorgenannte  thonhaltige  Sandschicht  mit  wiederum  aufrecht 
stehenden  Baumstümpfen. 

War  nun  die  Zeit,  die  zu  diesen  mächtigen  Ablagerungen 
nöthig  war,  auch  gross,  so  scheint  sie  doch  nicht  so  gross  ge- 
wesen zu  sein,  dass  in  ihrem  Verlaufe  die  klimatischen  Bedingungen 
und  mit  ihnen  der  Charakter  der  Pflanzenwelt  sich  wesentlich  ge- 
ändert hätten.  Denn  soviel  mir  scheint,  findet  man  in  den  Kohlen- 
schichten unter  dem  Hangenden  etwa  die  gleichen  Pflanzenreste 
wieder,  wie  in  der  Nähe  des  Liegenden. 

5.  Schlussbemerkungen. 

Lassen  wir  die  Flora,  aus  deren  Resten  unsre  Kohle  gebildet 
ist,  nochmals  vor  unsern  Augen  vorübergleiten,  so  finden  wir,  dass 
Bäume  und  Sträucher  dominiren.  Sie  machten  im  Tertiär  nach 
den  Angaben  Heer’s  und  anderer  bedeutender  Forscher  etwa 
76  pCt.  der  Flora  aus,  und  von  ihnen  wiederum  % etwa  bildeten 
die  immergrünen  Bäume.  Nur  24  pCt.  kamen  auf  Gräser  und 
Kräuter,  deren  Hauptvertreter  wohl  Arundo  Goepperti  Heer, 
Poacites- Arten,  sowie  eine  Reihe  von  Carex- Arten  u.  a.  m.  waren, 
und  auf  niedere  Pflanzen.  Hochstämmig  ragten  die  immergrünen 
Riesenbäume  aus  dem  Sumpfe  empor,  mit  Bäumen  mit  fallendem 
Laube,  Wallnuss-  und  Amberbäumen,  Carpinus-  und  Populus- 
Arten  untermischt,  die  sich  hauptsächlich  aber  wohl  an  schon 
trockeneren  Stellen  am  Rande  des  Wassers  ansiedelten.  Wohl- 
riechende Gardenien  erfüllten  mit  ihrem  Dufte  die  Luft  und  an 
den  Bäumen  rankte  sich  Vif  As  teutonica , die  deutsche  Weinrebe, 
nach  den  Untersuchungen  Al.  Braun’s  eine  der  amerikanischen 
Vitis  vulpina  ähnliche  Rebe  empor. 

Meist  ist  die  Braunkohlenflora  als  einförmig  verschrieen,  und 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


233 


wegen  dieser  Einförmigkeit  einestheils,  anderntheils  wegen  der 
häufig  schlechten  Erhaltung  der  in  ihr  sich  findenden  organischen 
resp.  Pflanzenreste  ist  sie  vielfach  missachtet  und  darum  wohl 
auch  nie  recht  eingehend  untersucht  worden.  Zu  irgend  welcher 
Missachtung  liegt  aber  bei  der  Flora  unserer  Senftenberger  Ab- 
lagerungen kein  Grund  vor,  denn  sie  ist  reichhaltig  und  verhält- 
nissmässig  gut  erhalten. 

Deshalb  und  weil  nach  den  Erfahrungen  bei  meinen  bis- 
herigen Untersuchungen,  die  freilich  vorläufig  nur  wenig  eingehend 
sein  konnten,  ich  die  Hoffnung  hege,  dass  die  Mühe  der  Bear- 
beitung sich  lohnen  und  einige  Resultate  ergeben  wird,  habe  ich 
die  eingehende  Untersuchung  der  Senftenberger  Pflanzenreste  zum 
Gegenstand  einer  besonderen  Arbeit  gemacht,  die  ich  im  nächsten 
Jahre  an  dieser  Stelle  zu  veröffentlichen  gedenke. 


Nachschrift. 

Im  Decemberheft  des  Jahrganges  1894  der  »Brandenburgs«, 
Monatsblatt  der  Gesellschaft  für  Heimathkunde  der  Provinz  Bran- 
denburg zu  Berlin,  von  dem  ich  erst  Kenntniss  erhielt,  nachdem 
die  Drucklegung  dieser  Arbeit  schon  erfolgt  war,  findet  sich  ein 
Bericht  von  E.  Friedel:  »Ueber  die  jüngsten  Ausgrabungen  und 
Funde  in  den  Braunkohlen  werken  bei  Gross-Räschen,  Kreis  Calau«. 
Herr  Friedel  schreibt  darin:  »Durch  einen  Zufall  erfuhr  die  Di- 
rection  der  geologischen  Landesanstalt  hiervon  (nämlich  von  der 
Auffindung  aufrecht  stehender  Baumstümpfe)  und  entsendete  (im 
October  1894)  den  Pflanzenpaläontologen  Dr.  Potonie  als  hervor- 
ragenden Fachmann  in  die  betreffende  Gegend.«  Diese  Angabe 
ist  nicht  ganz  den  wirklichen  Verhältnissen  entsprechend.  Ver- 
fasser dieses  wurde  von  der  Direction  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt  schon  im  October  1893,  also  ein  volles  Jahr  früher, 
in  die  betreffende  Gegend  gesandt,  weil  dort  einige  interessante 
Funde  gemacht  worden  waren,  und  hat  dieselbe  während  mehr  als 
8 Tagen  nach  allen  Richtungen  hin,  soweit  sie  Braunkohlen  führt, 
durchstreift,  auch  die  meisten,  jedenfalls  wichtigeren  Werke  sämmt- 
lich  besucht  und  die  geologischen  Verhältnisse  untersucht. 


234 


Oscar  Eberdt,  Die  Braunkohlen  -Ablagerungen 


Die  Begehungen  wurden  vorgenommen  auf  Grund  von  Hin- 
weisen und  Rathschlägen,  welche  der  inzwischen  leider  verstorbene 
Oberbergrath  Koch  in  Cottbus  dem  Verfasser  in  einer  dort  statt- 
gefundenen Besprechung  gegeben  hatte.  Verfasser  versäumte 
natürlich  nicht,  in  einem,  Anfang  November  1893  eingereichten 
Bericht  der  Direction  die  interessanten  und  theilweise  wohl  auch 
wichtigen  Beobachtungs  - Resultate  und  Funde  der  Reise  zu  unter- 
breiten, doch  unterblieb  aus  Mangel  an  Zeit  die  eingehende  Bear- 
beitung bis  in  den  Herbst  des  Jahres  1894.  Eine  Reise  des  Herrn 
Dr.  Potonte  in  das  betreffende  Gebiet,  sowie  eine  am  4.  Novem- 
ber 1894  von  diesem  mit  einer  grösseren  Zahl  von  Theilnehmern 
dahin  unternommene  Excursion  fiel  zeitlich  mit  der  Vollendung 
der  vorliegenden  Arbeit  zusammen. 

Am  7.  November  desselben  Jahres  nun  hielt  Verfasser  in  der 
Deutschen  geologischen  Gesellschaft  einen  Vortrag  über:  »Die 
Braunkohlen-Ablagerungen  in  der  Gegend  von  Senftenberg«,  den 
Herr  Friedel  in  seinem  vorerwähnten  Bericht  eine:  »Allgemeinere 
Orientirung  über  unsere  Excursion  vom  4.  desselben  Monats« 
('siehe  oben)  nennt.  Diese  Bezeichnung  ist  nicht  zutreffend, 
da  ich  erstens  an  der  betreffenden  Excursion  gar  nicht  betheiligt, 
anderntheils  der  Vortrag  auch  keine  allgemeinere  Orientirung, 
sondern  im  Gegentheil  eine  sehr  eingehende  Schilderung  der  geo- 
logischen Verhältnisse  der  Gegend  von  Senftenberg  mit  vorläufig 
nur  kurzen  Abschweifungen  auf  paläontologisches  Gebiet  war. 

Ferner  schreibt  Herr  Friedel:  »Zunächst  im  Tagebau  der 
Victoria  that  sich  den  erstaunten  Forscheraugen  eine  wie  neue 
Welt,  das  grossartige,  fast  überwältigende  Schauspiel  eines  aus 
hunderttausendjähriger  Vergangenheit  wiedererstandenen  Waldes 
der  obermiocänen , zum  Theil  vielleicht  ins  Pliocän  reichenden 
Abtheilung  des  Tertiärs  auf.« 

Hierzu  ist  zu  bemerken , dass  meines  Erachtens  kein 
Grund  vorliegt , die  Ablagerung , in  der  sich  die  stehenden 
Baumstümpfe  finden,  gerade  für  obermiocän  zu  halten.  Sie  ist 
jedenfalls  miocän,  das  beweisen  neben  den  Lagerungsverhältnissen 
auch  die  darin  sich  findenden  fossilen  Reste;  gerade  auf  oberes 
Miocän  deutet  nicht  das  Geringste  hin.  Ebenso  findet  sich  vor- 


in  der  Gegend  von  Senftenberg. 


235 


läufig  noch  kein  Anhaltspunkt,  der  dazu  berechtigte,  die  dem  Di- 
luvium nach  unten  zunächst  liegenden  Schichten  für  Pliocän  zu 
halten. 

Was  nun  die  Erhaltung  einer  Anzahl  dieser  aufrecht  stehenden 
Stümpfe  an  Ort  und  Stelle  anlangt,  welche  in  dem  FRiEDEL’schen 
Bericht  gefordert  wird,  so  ist  vielleicht  der  Hinweis  angebracht, 
dass  ohne  Ueberbauung  solcher  Stümpfe,  die  diesen  Schutz  gegen 
Witterungseinflüsse,  Regen,  Sonne,  Wind,  Frost  u.  s.  w.  gewährt, 
es  nicht  möglich  sein  wird,  dieser  Forderung  nachzukommen,  da 
nach  meinen  bisherigen  Beobachtungen  und  Erfahrungen  die 
Witterungseinflüsse  ziemlich  schnell  zerstörend  auf  das  Holz  der 
Stümpfe  einwirken. 


Hoher  die  stratigraphischen  Beziehungen  der 
höhmischen  Stufen  F,  Gr,  H Barrande’s  zum 
rheinischen  Devon. 

Von  den  Herren  E.  Kayser  in  Marburg  und  E.  Holzapfel  in  Aachen. 
(Mit  5 Zinkotypien  im  Texte.) 


Vorbemerkungen. 

Die  nachstehenden  Mittheilungen  sind,  soweit  sie  Böhmen 
betreffen,  das  Ergebniss  einer  mehrwöchentlichen  Studienreise,  die 
wir  im  letzten  Herbste  (1893)  in  das  altpaläozoische  Gebiet  der 
Gegend  von  Prag  und  Beraun  ausgeführt  haben.  Acht  Tage  be- 
gleitete uns  auf  unseren  Ausflügen  Herr  Chefgeologe  Th.  Tscher- 
nyschew  aus  Petersburg.  Ausserdem  betheiligte  sich  an  denselben 
in  den  ersten  14  Tagen  noch  Herr  Dr.  Fr.  Katzer  aus  Leoben, 
dem  wir  für  seine  liebenswürdige  und  sachkundige  Führung  zu 
lebhaftem  Danke  verpflichtet  sind,  welchen  ihm  auch  an  dieser  Stelle 
auszusprechen  uns  Bedürfniss  ist.  Dankend  müssen  wir  ausser- 
dem der  Unterstützung  erwähnen,  die  unsere  Bestrebungen  durch 
den  Director  der  k.  k.  geologische^  Reichsanstalt,  Herrn  Ober- 
bergrath Dr.  G.  Stäche  in  Wien,  sowie  den  Director  des  böhmi- 
schen Nationalmuseums  zu  Prag,  Herrn  Professor  Dr.  A.  Fritsch 
erfahren  haben;  seitens  des  Ersteren  durch  Darleihung  der  nicht 
im  Handel  befindlichen  österreichischen  Generalstabskarte  im 
Maassstabe  1 : 25,000;  seitens  des  Letztgenannten  dadurch,  dass 
er  uns,  trotz  der  augenblicklichen  Unzugänglichkeit  der  paläonto- 


E.  Kayser  u.  E.  Holzapfel,  Heb.  d.  stratigraphischen  Beziehungen  etc.  237 

logischen  Sammlungen  in  Folge  ihrer  Ueberführung  in  das  neue 
Museum,  dennoch  einen  Einblick  in  die  uns  besonders  interessi- 
rende  ZEiDLER’sche  und  NovAK'sche  Sammlung  ermöglichte. 

Anlass  zu  unserer  Reise  war  der  Wunsch,  an  der  Hand 
unserer  rheinischen  Erfahrungen  das  klassische  Devongebiet  Mittel- 
böhmens einer  erneuten  Prüfung  an  Ort  und  Stelle  zu  unter- 
ziehen. Die  von  uns  in  den  letzten  Jahren  bei  den  Specialunter- 
suchungen im  Dill-  und  Lahngebiet  gemachten  Beobachtungen 
haben  zu  Ergebnissen  geführt,  die  mehrfach  nicht  unerheblich  von 
den  Meinungen  anderer  Forscher  abweichen.  Die  Richtigkeit 
der  neuen  Gesichtspunkte  in  Böhmen  zu  prüfen,  war  der  Haupt- 
zweck unserer  Reise.  In  erster  Linie  handelte  es  sich  dabei  um 
den  Kalk  von  Greifenstein,  dem  wir  schon  seit  längerer  Zeit  auf 
Grund  stratigraphischer  und  paläontologischer  Erwägungen  ein 
wesentlich  höheres  Niveau  innerhalb  der  devonischen  Schichten- 
folge an  weisen,  als  es  gewöhnlich  geschieht.  Seit  aber  der  ver- 
storbene Novak  in  einer  Abhandlung,  die  ein  Muster  peinlichster 
paläontologischer  Detailarbeit  bildet,  eine  überraschende  Aehnlich- 
keit  der  Trilobitenfauna  dieses  Kalkes  mit  derjenigen  gewisser 
böhmischer  Devonkalke  nachgewiesen,  wurde  es  uns  immer  wahr- 
scheinlicher, dass  hier  eine  wirkliche  Altersgleichheit  vorliege. 
Es  erschien  uns  undenkbar,  dass  die  betreffenden  Kalke  bei  so 
weit  gehender  paläontologischer  und  petrographischer  Ueberein- 
stimmung  in  Böhmen  ein  anderes  stratigraphisches  Niveau  ein- 
nehmen sollten,  als  wir  es  nach  unseren  Untersuchungen  im 
Rheinlande  dem  Greifensteiner  Kalk  zuschreiben  mussten.  Diese 
Ueberzeugung  sollte  sich  als  richtig  erweisen.  Es  ist  uns  ge- 
lungen, in  den  fraglichen  böhmischen  Kalken  ein  unzweifelhaftes 
Aequivalent  des  Greifensteiner  Kalkes  nachzuweisen  und  damit 
die  Unterlage  für  eine  richtigere  und  genauere  Parallelisirung  der 
verschiedenen  Glieder  des  böhmischen  und  rheinischen  Devon,  als 
sie  bisher  möglich  war,  zu  gewinnen. 

Es  sollen  im  Folgenden  in  einem  ersten  Abschnitte  die  strati- 
graphische Stellung  der  rheinischen  sog.  Hercynlcalke,  insbesondere 
des  Greifensteiner  Kalkes,  dann  in  einem  zweiten  unsere  Beob- 
achtungen in  Böhmen,  und  endlich  in  einem  letzten  die  Be- 


238 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigrapbischen 


Ziehungen  der  verschiedenen  Glieder  des  böhmischen  und  rheini- 
schen Devon  zu  einander  besprochen  werden. 


Stellung  der  sog.  Hercynkalke,  insbesondere  des  Kalkes 
von  Greifenstein,  innerhalb  des  rheinischen  Devon. 

Es  ist  eine  Eigentümlichkeit  der  Dill-  und  oberen  Lahn- 
gegend, des  anschliessenden  hessischen  Hinterlandes  (Gegend  von 
Gladenbach  und  Biedenkopf)  und  des  WALDECK’schen  Gebietes 
(Kellerwald,  Wildungen),  dass  das  Mitteldevon  daselbst  nicht,  wie 
in  der  Eifel,  in  kalkiger,  sondern  in  schiefriger  Form  ausgebildet 
ist.  Dasselbe  baut  sich  aus  einer  mächtigen  Folge  von  dunklen 
Thonschiefern  auf,  die  von  R.  Ludwig  mit  Rücksicht  auf  die 
stellenweise  darin  in  Menge  auftretenden  Tentaculiten  alsTenta- 
culitenschiefer  bezeichnet  worden  sind.  Bezeichnender  wäre 
vielleicht  der  Name  Styliolinenschiefer,  da  noch  viel  häufiger  und 
charakteristischer  als  die  Tentaculiten  Styliolinen  sind,  welche  die 
Schichtflächen  oft  zu  Tausenden  bedecken.  Ausser  diesen  enthält 
der  Tentaculitenschiefer  gewöhnlich  nur  spärliche  und  schlecht 
erhaltene  Versteinerungen,  kleine  Goniatiten  und  Orthoceren, 
Trilobiten,  Brachiopoden  u.  s.  w.  Nur  selten,  wie  an  den  weiter 
unten  zu  erwähnenden  Fundpunkten  bei  Leun  und  Oberbiel  un- 
weit Wetzlar,  tritt  örtlich  eine  reichere  Fauna  auf.  Zu  den  best- 
erhaltenen Versteinerungen  gehören  die  feinen  Kieskerne  der  sog. 
Wissenbacher  Schiefer,  welche  nur  eine  besonders  reine 
(dachschieferförmige)  Entwickelung  der  Tentaculitenschiefer  mit 
verkiester,  ganz  überwiegend  aus  Cephalopoden  bestehender  Fauna 
darstellen. 

In  der  Regel  sind  die  Tentaculitenschiefer  mehr  oder  weniger 
reine,  vielfach  in  Dachschiefer  übergehende  Thonschiefer.  Indess 
schliessen  sie  fast  allenthalben  als  untergeordnete  Einschaltungen 
verschiedenartige  Grauwacken,  Quarzite,  Kieselschiefer  und  Kalke 
ein.  Ja,  örtlich  können  unreine  Quarzitsandsteine  und  Grauwacken 
sich  so  stark  entwickeln,  dass  die  Gesteinsfolge  dem  westphälischen 
»Lenneschiefer«,  einer  thonig-sandigen , überwiegend  aus  Grau- 
wackenschiefern und  Sandsteinen  zusammengesetzten  Ausbildungs- 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  239 


form  des  Mitteldevon,  ähnlich  wird.  In  solchen  Fällen  ist  ihre 
Trennung  von  den  Grauwackenschiefern  und  Sandsteinen  des 
Unterdevon,  wenn  die  bezeichnenden  Versteinerungen  fehlen,  sehr 
schwierig. 

Unter  den  Grauwacken  ist  besonders  eine  gelbliche  Feld- 
spathgrauwacke  bemerkenswert!!.  Im  Dillenburg’schen  noch  kaum 
vorhanden,  entwickelt  sie  sich  nach  S.  zu  immer  mächtiger,  so 
dass  sie  südlich  von  Wetzlar  ganze  Berge  zusammensetzt. 

Die  Quarzite  treten  theils  (so  bei  Haiger,  Sechshelden  und 
Wissenbach  nördlich  Dillenburg)  in  dünnen  Platten,  theils  (Lud- 
wigshütte bei  Biedenkopf,  Berleburg)  in  dicken  Bänken  auf. 

Die  Kiesel-  und  Wetzschiefer  erlangen  nur  örtlich  eine 
grössere  Mächtigkeit,  sind  aber  trotzdem  für  die  in  Bede  stehende 
Schichtenfolge  sehr  bezeichnend. 

Am  interessantesten  sind  die  Kalke,  die  zum  Theil  ge- 
schlossene, mehr  oder  weniger  weit  verfolgbare  Lager,  überwiegend 
aber  verhältnissmässig  unmächtige  und  im  Streichen  sich  bald 
wieder  auskeileude,  linsenförmige  Massen  bilden.  Sie  treten  in 
fünf  Hauptabänderungen  auf.  1.  Blaue,  versteinerungsfreie  Platten- 
kalke, oft  von  ansehnlicher  Mächtigkeit.  Sie  sind  besonders  ver- 
breitet im  hessischen  Hinterlande  (Bischoffen,  Oberweidbach, 
Gladenbach,  Buchenau,  Caldern)  und  können  als  Gladenbach  er 
Kalk  bezeichnet  werden.  2.  Blauschwarze  und  dunkelgraue,  un- 
deutlich krystalline  Kalke,  die  theils  geschlossene  Bänke,  theils 
brodleibförmige  Massen  im  Schiefer  bilden.  Namentlich  die 
letzteren  schliessen  oft  Trilobiten  und  Cephalopoden , mitunter 
auch  Brachiopoden  und  andere  Versteinerungen  ein.  Nach  einem 
besonders  ausgezeichneten,  versteinerungsreichen  Vorkommen  bei 
Günterod  im  hessischen  Hinterlande  seien  diese  Kalke  als 
Güntero der  bezeichnet.  3.  Dichte,  hell-  bis  dunkelgraue,  an 
manche  Oberdevonkalke  erinnernde  Flaser-  oder  Knollenkalke  mit 
ganz  überwiegender  Cephalopodenfauna.  Nach  ihrem  häufigen 
Vorkommen  auf  dem  Messtischblatte  Ballersbach  (unweit  Herborn) 
bezeichnen  wie  diese,  meist  nur  in  kleinen,  linsenförmigen  Massen 
auftretenden  Kalke  als  Ballersbacher  Kalk.  4.  Hellblaugraue 
bis  röthliche,  mehr  oder  weniger  grobkrystalline  Crinoidenkalke 


240 


E.  Kayser  und  E.  Holzappel,  Ueber  die  stratigrapbischen 


mit  überwiegenden  Trilobiten  und  Brachiopoden.  Typus  ist  der 
Kalk  von  Greifenstein,  nach  dem  wir  diese  Gesteine  Greifen- 
steiner Kalke  nennen.  5.  Tiefschwarze,  krystallinische  Knollen- 
kalke, oft  den  oberdevonischen  Intumescens- Kalken  ähnlich  und 
zuweilen  mit  ihnen  verwechselt,  manchmal  auch  etwas  plattig 
werdend  und  dann  stärker  krystallinisch.  Sie  liegen  über  den 
Günteroder  Kalken,  haben  nur  eine  geringe  Mächtigkeit  und  sind 
durch  eine  Cephalopodenfauna  gekennzeichnet,  welche  sich  eng  an 
die  des  Briloner  Eisensteins  anschliesst  und  namentlich  Tornoceras 
circumßexiferum  und  simplex , sowie  Posidonia  Jüans  und  Cardiola- 
Arten  enthält 1).  Besonders  versteinerungsreich  sind  sie  bei  Oders- 
hausen unweit  Wildungen,  wonach  wir  sie  als  Odershäuser 
Kalke  bezeichnen. 

In  dieser  Form,  als  ein  mächtiger  Complex  dunkler  Thon- 
schiefer mit  verschiedenen  untergeordneten  fremden  Gesteinsein- 
lagerungen, treten  die  Tentaculitenschiefer  im  Dillenburg’schen 
und  hessischen  Hinterlande  auf.  Hellfarbige  Riffkalke  mit  der 
Fauna  der  Stringocephalenschichten,  ebenso  wie  Schalsteine,  fehlen 
der  Schichtenfolge  hier  ganz. 

In  vielen  Profilen  nehmen  die  Tentaculitenschiefer  den  ganzen 
Raum  zwischen  Unter-  und  Oberdevon  ein.  Anders  ist  es  in  der 
Gegend  von  Wetzlar,  wo  Stringocephalenkalk  und  »älterer« 
Schalstein  2)  zu  gleicher  Zeit  mit  den  Schiefern  abgelagert  wurden. 
In  der  Regel  besteht  hier  nur  der  untere,  unmittelbar  über  den 
Obercoblenzschichten  liegende  Theil  des  Mitteldevon  aus  Tenta- 
culitenschiefern,  während  darüber  eine  mehr  oder  minder  mächtige 
Folge  von  Schalsteinen  auftritt  und  über  diesen  endlich  schichtungs- 
lose Riff  kalke  mit  der  Fauna  der  oberen  Stringocephalenschichten, 
dunkelblaue,  krystallinische  Plattenkalke  (Gladenbacher  Kalk?) 
oder  dichte  Knollenkalke  und  aus  den  letzteren  durch  Umwand- 
lung hervorgegangene  Rotheisensteinlager  folgen.  Diese  Kalke 
und  Eisensteine  endlich  werden  an  einigen  Punkten  unmittelbar 
von  Oberdevonkalkan  mit  Gephyroceras  intumescens  überlagert. 

*)  Vergl.  Denckmann  , Schwarze  Goniatitenkalke  im  Mitteldevon  des  Keller- 
waldgebietes. Dieses  Jahrb.  f.  1892,  S.  12. 

s)  So  genannt  im  Unterschiede  vom  jüngeren  (oberdevonischen)  Schalstein. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  241 


Hervorzuheben  wäre  endlich  noch,  dass  auch  die  Schalsteine 
mitunter  Einlagerungen  von  Korallen-  und  Crinoidenkalken  ein- 
schliessen , die  indess  nur  selten  eine  grössere  Mächtigkeit  er- 
langen. Unter  denselben  verdient  namentlich  der  Kalkeisenstein 
genannt  zu  werden,  der  früher  auf  der  Grube  Haina  bei  Wald- 
girmes unweit  Wetzlar  abgebaut  wurde  und  dessen  reiche  Fauna 
durch  Fr.  Maurer  beschrieben  worden  ist.  Das  nördlichste  der- 
artige Vorkommen  dürfte  der  korallenreiche,  hellfarbige  Kalk  von 
Edingen  unweit  Greifenstein  sein.  Schon  das  Auftreten  von 
String ocephalus  Burtini  in  diesen  Kalken  zeigt,  dass  sie  dem 
oberen  Mitteldevon  angehören  *). 

Diesen  Mittheilungen  entsprechend  lässt  sich  die  Entwicklung 
des  Mitteldevon  im  Dillenburg-Wetzlarer  Gebiete  durch  folgende 
Tabelle  veranschaulichen  : 


Haiger- 

Dillenburg 

Herborn- 

Sinn 

Wetzlar- 

Braunfels 

Ober-Devon 

Intumescenskalk,  Iberger  Kalk,  Cypridinenschiefer, 
jüngerer  Schalstein 

Mittel-Devon 

Tentaculiten- 
schiefer  mit 
Quarzit-,  Kalk-, 
Kieselschiefer-  und 
Grauwacken- 
Einlagerungen 

Tentaculiten- 

schiefer 

mit  vereinzelten 
Schalstein-  und 
Massenkalkeinlage- 
rungen, sowie  mit 
Grauwacken  u.  s.  w. 

Massenkalk  bezw. 
Plattenkalk  und 
Rotheisensteine. 
Aelterer  Schalstein 
mit  Kalkeinlage- 
rungen. 
Tentaculiten- 
schiefer  mit  Grau- 
wacken, Kalken 
u.  s.  w. 

Unter-Devon 

Ober  - Coblenz  - Schichten 

Was  nun  die  paläontologis  che  Gliederung  der  Tenta- 
culitenschiefer  betrifft,  so  kommt  hier  zunächst  in  Betracht, 
dass  — wie  der  Eine  von  uns  schon  vor  längerer  Zeit  gezeigt 


1)  Im  älteren  Schälstein  selbst  kommt  die  genannte  Leitform  der  Stringo- 
cephalen-  Schichten  nur  vereinzelt  vor.  So  zwischen  Altenberg  und  Oberbiel 
bei  Wetzlar. 


Jahrbuch  1893. 


242 


E.  Kayser  und  E.  Holzappel,  Ueber  die  stratigraphischen 


hat  !)  — bei  Wissenbach,  im  hessischen  Hinterland,  im  Ruppach- 
thale  und  anderweitig  in  den  mitteldevonischen  Schiefern  zwei 
nach  ihrer  Fauna  sehr  verschiedene  Zonen  zu  unterscheiden  sind, 
nämlich:  1.  eine  ältere,  die  besonders  durch  Mimoceras  gracile 

(=  compressum ),  Anarcestes  subnautilinus , lateseptatus  und  Wenken- 
bachi,  Hercoceras  subtubercvlatum , Jovellania  triangularis , Ortlio- 
ceras  crassum , vertebratum  u.  a.  bezeichnet  wird,  und  2.  eine 
jüngere,  für  die  besonders  Agoniatites  occultus  und  Dannenbergs 
Anarcestes  vittatus , Tornoceras  circumflexiferum , Pinacites  Jugleri, 
Bactrites  carinatus,  Orthoceras  . planicanaliculatum , rapiforme , 
Dannenbergi  u.  a.,  Spirifer  inclifferens  Barr.  (=  linguifer  Sandb.)  2) 
und  Retzia  novemplicata  bezeichnend  sind. 

In  beiden  Zonen  kommen  Phacopsarten  aus  der  Gruppe  des 
böhmischen  fecundus  vor.  Von  sonstigen  Trilobiten  wären  nament- 
lich Br onteus- Arten  aus  der  Verwandtschaft  von  Br.  ( Thysanopeltis) 
speciosus  Corda  (Steinsberg  bei  Diez,  Wissenbach  als  eine  be- 
merkenswerthe  Erscheinung  hervorzuheben  3). 

Es  ist  nun  von  grosser  Wichtigkeit,  dass  diese  beiden  Faunen, 
die  nach  der  neuesten  Zusammenstellung  von  Fr.  Sandberger 
nur  4 Arten  (nämlich  Phacops  fecundus  und  3 Orthoceren)  gemein 
hätten,  sich  auch  in  den  kalkigen  Einlagerungen  der  Tentaculiten- 
schiefer  wiederfinden. 

Am  wenigsten  waren  bisher  Kalke  mit  der  älteren 
Wissenbacher  Fauna  gekannt.  Ein  paar  kleine  hierhergehörige 
Vorkommen  liegen  nördlich  von  Bicken.  Das  eine  wurde  vor 
etlichen  Jahren  durch  einen  neuen  Weg  am  Westabhange  des 

x)  Die  Orthocerasschiefer  zwischen  Balduinstein  und  Laurenburg  etc.  Dieses 
Jahrb.  f.  1883,  S.  1. 

2)  Schon  Maurer  hat  mit  Recht  hervorgehoben  (N.  Jahrb.  f.  Min.  Beilage- 
band II,  1880,  S.  56),  dass  beide  Namen  zusammenfallen.  Insbesondere  sind 
manche  verkalkte  Exemplare  von  Greifenstein  und  Günterod  in  Nichts  von  der 
aufgeblähten,  von  Barrande  als  var.  obesa  beschriebenen  Abänderung  verschieden. 

3)  Yergl.  Sastdberger,  Entwickelung  der  unteren  Abtheilung  des  Devon. 
Syst,  in  Nassau.  Jahrb.  d.  nass.  Ver.  f.  Naturk.  Bd.  42,  1889,  S.  70,  77.  — 
Nach  einer  Mittheilung  v.  Koenen’s  kommen  Formen  der  T/iysa/iope/tis-Grap-pe 
auch  in  den  Mitteldevonschiefern  des  Hutthaies  im  Oberharz  vor. 

4)  A.  a.  0.  S.  69. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrandb’s  etc.  243 

Forstortes  Hain,  etwa  30  Meter  über  der  Sohle  des  Weibach- 
thaies aufgeschlossen.  Es  bildete  eine  (jetzt  völlig  fortgebrochene) 
Linse  von  grauem  Flaser-Kalk  (Ballersbacher  Kalk),  die  einem 
Schieferzuge  angehört,  in  dessen  Hangendem  korallenführender 
Schalstein,  in  dessen  Liegendem  aber,  durch  eine  streichende  Ver- 
werfung getrennt,  Culmgrauwacke  auftritt.  Dies  kleine  Vor- 
kommen hat  folgende  Versteinerungen  geliefert: 

Bronteus  Dormitzeri  Barr.  Von  NovXk  von  dorther  be- 
schrieben in  Dames  und  Kayser,  Pal.  Abh.  V,  3,  1890, 
S.  39,  Taf.  5,  Fig.  1—3. 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major  (=  Ph.  Potieri  Bayle 
Kayser,  Fauna  des  Hauptquarzites  etc.  [Abh.  d.  preuss. 
geol.  Landesanst.  1889],  S.  67. 

Anarcestes  lateseptatus  Beyr. 

» convolutus  Sandb. 

Hercoceras  subtuberculatum  Sandb.  — mirum  Barr. 

Jovellania  triangularis  Arch.  Vern. 

Orthoceras  patronum  Barr.  (Syst.  Sil.  II,  pl.  275.  Etage 
F,  G = Orth,  raphanistrum  A,  Röm.,  Kalk  von  Wieda, 
Harz?). 

Orthoceras  vertebratum  Sandb. 

» commutatum  Gieb. 

Tentaculites  acuarius  Richt. 

Hyolithes  pauper  Barr.  (Syst.  Sil.  III,  p.  88,  pl.  13.  Noväk, 
Abh.  böhm.  Ges.  Wiss.  1891,  p.  21,  Taf.  V.  Bei 
Mnenian  zusammen  mit  Bronteus  speciosus , Lichas 
Haueri,  Proetus  neglectus  etc.). 

Cardiola  digitata  A.  Röm.  (Wissenb.  Schief,  d.  Oberharzes). 

Atrypa  reticularis  Linn. 

Athyris  macrorhyncha  Schnur  (Ober -Coblenz- Sch.  der 
Eifel,  des  Harzes  u.  s.  w.). 

Rhynchonella  nympha  Barr.  var.  pseudolivonica. 

» aff.  Orbignyana  Vern.  (zwischen  dieser  und 

pila  Schnur  stehend). 


244 


E.  Kaysee  und  E.  Holzappel,  Ueber  die  stratigraphischen 


Ein  zweiter  Fundpunkt  liegt  in  der  südwestlichen  Fortsetzung 
desselben  Schieferzuges,  im  Gansbachthale , unweit  der  Grund- 
mühle. Hier  fanden  sich: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

Anarcestes  convolutus. 

Hercoceras  subtuberculatum. 

Platyceras  Halfari  Kays.  var.  rostrata  Barr. 

Altrypa  reticularis  Linn. 

Pentamerus  sp.  ziemlich  gross,  stark-  und  vielrippig. 

Stropkomena  Sowerbyi  Barr.  (Syst.  Sil.  Y,  pl.  44,  Etage  F). 

Petraja  Barrandei  Maur.  (Kalk  v.  Greifenstein,  N.  Jahrb. 
f.  Min.  Beilageband  I,  1880,  Taf.  4,  Fig.  13a.  Frech, 
Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S.  267.  Greifen- 
stein, Konjeprus). 

Ausser  an  diesen  beiden  Stellen  kommt  dieselbe  Fauna  noch 
an  verschiedenen  anderen  Punkten  der  Gegend  von  Bicken  und 
Ballersbach  vor.  So  im  Liegenden  der  Oberdevonkalke,  die  in 
dem.  weiter  unten  genauer  zu  besprechenden  grossen  Steinbruche 
an  der  Landstrasse  zwischen  Bicken  und  Offenbach  ausge- 
beutet werden  1).  Herr  v.  Koenen  und  die  Verfasser  sammelten 
liier  Bronteus  speciosus  Corda,  Proetus  unguloides  Barr.,  Hercoceras 
subtuberculatum , Jovellania  triangularis , Anarcestes  lateseptatus  und 
conf.  subnautilinus,  Orthoceras  crassum  sowie  einige  andere  Arten  2). 

Dieselben  Leitformen,  ausserdem  aber  noch  Pinacites  Jugleri 
A.  Roem.  und  Merista  securis  Barr.,  fanden  sich  auch  auf  der 
Höhe  südlich  Ballersbach,  im  Hangenden  der  alten,  im 
Clymenienkalk  angelegten  Steinbrüche.  Zur  Erklärung  dieser  auf 
den  ersten  Blick  auffälligen  Lagerung  sei  bemerkt,  dass  die  den 
Ballersbacher  Kalk  einschliessenden  Schiefer  vom  Clymenienkalk 

b Die  Oertlichkeit  liegt  zwar  näher  bei  Bicken,  aber  noch  in  der  Gemar- 
kung Offenbach.  Ihre  gewöhnliche  Bezeichnung  als  Bicken«  ist  daher  nicht 
ganz  zutreffend. 

2)  Ob  auch  der  von  Novak  (vergl.  Studien  Trilob.  Hercyn  etc.  1890,  S.  34) 
von  Bicken  beschriebene  Cheirurus  Cordai Barr.  wirklich  von  hier  und  aus  dem 
Ballersbacher  (oder  aber  aus  dem  Günteroder)  Kalk  stammt,  wird  sich  schwer 
feststellen  lassen. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  245 


durch  eine  (an  einer  Stelle  deutlich  wahrnehmbare)  südfallende 
Ueberschiebung  getrennt  sind,  während  sie  selbst  in  Folge  einer 
anderen  grossen  Ueberschiebung  unmittelbar  von  unterdevonischen 
Schichten  (Grauwackensandsteinen  und  Schiefern  der  Untercoblenz- 
Stufe)  überlagert  werden,  wie  dies  durch  die  umstehende  Profil- 
skizze (auf  S.  246)  erläutert  wird  (Ü.  = Ueberschiebungslinie, 
Y.  = Verwerfung). 

Wie  aus  diesen  Mittheilungen  ersichtlich,  ist  die  Zusammen- 
setzung der  Fauna  des  Ballersbacher  Kalkes  sehr  interessant. 
Neben  bezeichnenden  Formen  der  älteren  Wissenbacher  Schiefer 
( Anarcestes  lateseptatus , subnautilinus  und  convolutus,  Hercoceras 
subtuberculatum , Jovellania  triangularis , Orthoceras  crassum , verte- 
bratum  etc.)  und  Formen  der  Harzer  Wissenbacher  Schiefer,  wie 
Cardiola  digitata,  treffen  wir  deu  im  Mitteldevon  verschiedener 
Gegenden  weit  verbreiteten  Tentaculites  acuarius  an,  ferner  einige 
Brachiopoden  des  oberen  Unterdevon  ( Athgris  macrorhyncha)  und 
des  unteren  Mitteldevon  (Rh.  Orbignyana ),  dazu  endlich  noch  eine 
ansehnliche  Zahl  böhmischer  Species  (Bronteus  Dormitzeri,  Pha- 
cops  fecundus,  Proetus  unguloides,  Orthoceras  patronum , Rhyncho- 
nella  princeps  und  pseudolivonica , Merista  securis , Strophomena 
Sowerbyi,  Hyolithes  pauper,  Petraja  Barrandei). 

Nicht  minder  gross,  als  die  faunistische  Uebereinstimmung 
des  Ballersbacher  Kalkes  mit  den  älteren  Wissenbacher  Schiefern, 
ist  diejenige  vieler  schwarzer  Cephalopodenkalke  vom  Typus 
des  Günteroder  Kalkes  mit  den  jüngeren  Wissenbacher 
Schiefern.  Frech  hat  daher  Recht,  wenn  er  diese  Kalke 
geradezu  als  die  Kalkfacies  der  oberen  Wissenbacher  Schiefer 
bezeichnet *). 

Ein  ausgezeichnetes,  hierher  gehöriges  Vorkommen,  das  eine 
Menge  wohl  erhaltener,  in  den  Museen  von  Berlin,  Marburg  und 
Halle  aufbewahrter  Versteinerungen  geliefert  hat,  ist  das  von 

!)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S.  246.  — Die  allgemeine  Ueber- 
einstimmung der  Fauna  dieser  Kalke  mit  derjenigen  der  Wissenbacher  Schiefer 
überhaupt  hatte  der  Eine  von  uns  schon  vor  20  Jahren  (Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges,  1874,  S.  672)  erkannt, 


246 


E.  Kaysek  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphisclien 


Günterod1)  unweit  Gladenbach.  Kaum  10  Minuten  südlich 
vom  Dorfe  treten  zwischen  Grauwacken  Schiefer  auf,  die  ein  kleines, 


Profil  am  Bergabhange  südlich  von  Ballersbach. 


durch  einen  Steinbruch  aufgeschlossenes  Kalklager  beherbergen. 
Als  häufigste  Arten  finden  sich  hier: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major  (==  Ph.  Potieri  Bayle, 
Kayser,  a.  o.  a.  O.). 

Phacops  breviceps  Barr. 

Bronteus  ( Thysanopeltis ) speciosus  Corda  (=  thysanopeltis 

Barr.) 

Agoniatites  occultus  Barr. 

» Dannenbergi  Beyr.  ? 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem.  (sehr  grosse  Exemplare). 

Anarcestes  vittatus  Kays. 

Orthoceras  planiseptatum  Sandb. 

Weniger  häufig  sind: 

Arethusina  Beyrichi  Nov. 

Harpes  fornicatus  Nov. 

» Kayseri  Nov. 

x)  In  Folge  absichtlich  falscher  Etikettirung  sind  die  von  hier  stammenden 
Versteinerungen  durch  den  Hauptsammler  zum  grössten  Theil  mit  der  Fundorts- 
angabe »Bicken«  in  die  Sammlungen  gelangt.  Auch  die  von  Fkech  (Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S..  252)  gegebene  Versteinerungsliste  bezieht  sich 
sicher  wesentlich  auf  Günteroder  und  nicht  auf  Bickener  Funde. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  247 


Proetus  orbitatus  Barr. 

» planicauda  Barr. 

Acidaspis  pigra  Barr. 

Cyphaspis  hydrocephala  A.  Roem. 

Bronteus  brevifrons  Barr. 

Lichas  Haueri  Barr. 

Bactrites  carinatus  Münst. 

Platyceras  sp.  sp. 

H ercynella  sp.  (grosse  Form,  verwandt  mit  II.  nobilis  Barr.). 

Cardiola  digitata  A.  Roem. 

Puella  ( Panenka ) sp.  sp. 

Silurina  ( Dualina ) inflata  Sandb. 

Retzia  novemplicata  Sandb. 

Spirifer  indifferens  Barr. 

Ein  anderes  Vorkommen  findet  sich  in  Begleitung  der  bereits 
oben  erwähnten  Oberdevonkalke  an  der  Landstrasse  zwischen 
Bicken  und  Offenbach.  Dasselbe  tritt  hier  in  einer  ähnlichen 
Lagerung  über  Oberdevon-  (Clymenien-  und  Intumescens-)  Kalken 
auf,  wie  das  oben  besprochene  Vorkommen  im  S.  von  Ballers- 
bach. Die  verwickelten  Lagerungsverhältnisse  der  verschiedenen 
Kalkhorizonte  dieser  berühmten  Oertlichkeit  werden  etwa  durch 
nachstehende  Skizze  erläutert. 


Profil  durch  den  grossen  Kalkbruch  zwischen  Bicken  und  Offenbach. 

Ü.  = Ueberschiebung,  Y.  = Verwerfung.) 

N.  V.  Ü.  Halde  Landstrasse  Ahrthal  S. 


248 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  lieber  die  stratigrapkisclien 


In  den  Günteroder  Kalken  haben  sich  hier  gefunden: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

» breviceps  Barr. 

Bronteus  speciosus  Corda. 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem. 

Agoniatites  occultus  Barr. 

Bactrites  carinatus  Münst. 

Orthoceras  Dannenbergi  Arch.  Vern. 

Hercgnella  sp. 

Ausserdem  führt  Frech  aus  dem  Günteroder  Kalk  von 
Günterod  oder  Bicken1)  noch  an:  Chonetes  crenulata  F.  Koem., 
Spirifer  aviceps  Kays.  , Terebratula  Whidbornei  Davids.  . und 
juvenis  Sow.,  Euomphalus  annulatus  Ge.  und  Loxonema  püigerum 
Sandb.  2)  Es  ist  indess  wahrscheinlich,  dass  diese,  zumeist  das 
Stringocephalen-Niveau  anderer  Gegenden  kennzeichnenden  Arten 
ebenso  den  höheren  schwarzen  Kalken  mit  Posidonia  hians 
Waldschm.,  unseren  Odershäuser  Kalken,  entstammen,  wie  ein 
in  der  Sammlung  der  Berliner  geologischen  Landesanstalt  auf- 
bewahrtes, mit  der  DANNENBERG’schen  Sammlung  in  dieselbe  ge- 
langtes Exemplar  von  String ocephalus  Burtini. 

Als  ein  weiteres  wichtiges  versteinerüngsreiches  Vorkommen 
von  Günteroder  Kalk  sei  das  an  der  Ense  bei  Wildungen  ge- 
nannt. An  das  weite,  sich  im  S.  und  SW.  der  Stadt  ausbreitende 
Gebiet  flach  liegender  Culmschiefer  (mit  Posidonia  Becheri ) schliesst 
sich  mit  steilem  Anstiege  eine  ausgedehnte  Kalkplatte,  die  Ense, 
an.  Sie  besteht  aus  einer  grösseren  Anzahl  zerrissener  und  iiber- 
kippter  Sättel,  die  als  Ganzes  auf  die  im  N.  angrenzenden  Culm- 
schichten  überschoben  sind  3).  Die  einzelnen  Schuppen  enthalten 
meist  das  ganze  Oberdevon  und  den  grössten  Theil  des  Mittel- 
devon.  Am  deutlichsten  ist  die  Reihenfolge  am  Abhange  gegen 


x)  Yergl.  die  Anm.  2 auf  S..246. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S.  252. 

3)  Herr  A.  Denckmann,  der  diese  Verhältnisse  genau  festgestellt  hat,  hatte 
die  Freundlichkeit,  den  einen  yon  uns  auf  einer  längeren  Excursion  zu  führen 
und  die  Lagerung  der  einzelnen  Zonen  eingehend  zu  erläutern. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  249 


Wildungen  hin.  Hier  liegen  unter  dem  Oberdevon  etwa  15  Meter 
hellfarbige,  plattige,  knollige  Kalke  mit  String  ocephalus  Burtini , 
Agoniatites  discoides  Waldschm.  und  inconstans  Phill.,  Maene- 
ceras  terebratum  Sandb.  und  Phacops  breviceps  Barr.  Es  ist 
dies  der  Stringocephalenkalk  W aldschmidt’s  1).  Unter  diesem 
folgen  wenig  mächtige,  tiefschwarze  Knollenkalke,  die  Odershäuser 
Kalke,  mit  Agoniatites  inconstans  Phill.,  Maeneceras  terebratum 
Sandb.,  Tornoceras  simplex  v.  Buch  und  circumflexiferum  Sandb. 
und  noch  mehreren  anderen  Goniatiten  und  daneben  besonders 
Posidonia  hians  Waldschm.,  Buchiola  retrostriata  v.  Buch  mut. 
nov.  aquarum  Beush.,  Spirifer  simplex  Phill.  u.  s.  w.  2). 

Diese  Kalke  gehören  noch  zum  oberen  Mitteldevon.  In 
ihrem  Liegenden  folgt  unmittelbar  Günteroder  Kalk,  der  zahl- 
reiche Versteinerungen  gelieferte  hat.  Die  Trilobiten  hat  NovAk 
zum  Theile  bearbeitet  3).  Am  häufigsten  sind 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

» breviceps  Barr. 

Bronteus  (Thysanopeltis)  speciosus  Corda. 

Acidaspis  pigra  Barr. 

Daneben  kommen  vor 

Proetus  Holzapfeli  Nov.  (=  cornutus  Golde.?) 

» Waldschmidti  Nov. 

» filicostatus  Nov. 

Cyphaspis  hydrocephala  A.  B,oem. 

» cf.  ceratophthalma  Golde. 

Arethusina  Beyrichi  Nov. 

Phacops  Frechi  Kays. 

Agoniatites  occultus  Barr. 

» angulatus  Frech. 


*)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1885,  S.  911. 

2)  Yergl.  Denckmann,  Dieses  Jahrb.  f.  1892,  S.  12. 

3)  Yergl.  Studien  an  einigen  Trilobiten  aus  dem  Hercyn  von  Bicken, 
Wildungen , Greifenstein  und  Böhmen,  Palaeont.  Abh.  von  Dames  und  Kayser. 
Neue  Folge  Bd.  I,  Heft  3.  1890, 


250 


E.  Kayseb  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphische] 


Dieselbe  Reihenfolge  der  Schichten  ist  auch  in  den  übrigen 
Schuppen  des  Wildunger  Kalkgebietes  zu  beobachten  und  wieder- 


Profil  am  N. -Abfall  der  Ense  bei  Wildungen. 
(Ü.  = Ueberschiebung.) 


Ü. 


Tentaculiten- 

Schichten 


Giinteroder 

Kalk 


Odershäuser 

Kalk 


Ob.  Stringoc. 
Kalk 


holt  sich  auch  weiter  südlich,  am  Gershäuser  Hof  und  am  Hohen 
Lohr.  Die  schwarzen  Odershäuser  Kalke  mit  Posidonia  Jüans 
treten  ferner  ebenso  bei  Bicken,  Offenbach  und  Günterod  im 
Hangenden  des  Günteroder  Kalkes  auf.  Aus  ihnen  stammt  dem 
Gestein  nach  das  oben  (S.  248)  erwähnte  Exemplar  von  Stringo- 
cephalus  Burtini  von  Bicken,  das  in  der  Sammlung  der  Berliner 
geolog.  Landesanstalt  aufbewahrt  wird,  wie  wahrscheinlich  auch 
die  übrigen  von  dort,  beziehungsweise  von  Günterod  angegebenen 
Stringocephalenkalkformen  ( Terebratula  Whidbornei  und  juvenis , 
Holopella  piligera  etc.).  (Siehe  das  Profil  S.  247). 

Von  grosser  Wichtigkeit  wegen  der  klaren  Lagerungsverhält- 
nisse sind  die  Vorkommen  in  der  Umgebung  der  Dillmün- 
dung und  in  der  Gabel  zwischen  Dill  und  Lahn.  Unmittelbar 
über  normalem  Unterdevou,  das  gelegentlich  eine  Obercoblenz- 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Bakrande’s  etc.  251 


Fauna  führt,  liegen  hier  gelbe  ockerige  Tentaculitenschiefer,  die 
hie  und  da  in  unreine,  gelbe  und  röthliche  Kalke  (mitunter  Cri- 
noidenkalke)  übergehen  oder  solche  eingelagert  enthalten.  An 
einigen  Stellen,  insbesondere  bei  Leun  und  Oberbiel,  kommt  in 
diesen  Schiefern  eine  reiche  Fauna  vor.  Wir  sammelten  hier: 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem. 

Phacops  aff.  f ecundus  Barr. 

Cryphaeus  sp. 

Bronteus  Dormitzeri  Barr. 

Proetus  Holzapf eli  Nov. 

» Loveni  Barr.  (6?1) 

Acidaspis  pigra  Barr. 

Cyphaspis  cf.  ceratophthalma  Goldf. 

Arethusina  sp. 

Cyrtina  heteroclita  Defr.  ) sehr  häufig,  auch  sonst  allge- 
Atrypa  reticularis  L.  \ mein  in  diesen  Schichten. 
Pentamerus  Oehlerti  Barrois.  Häufig  bei  Leun. 
Rhynchonella  Orbignyana  Vern. 

» hexatoma  SCHNUR. 

Bifida  lepida  Goldf. 

Retzia  ferita  v.  Buch. 

Atrypa  cf.  concentrica  v.  Buch. 

Nucleospira  lens  Schnur. 

Spirifer  cf.  aculeatus  Schnur. 

Orthis  striatula  Schloth. 

» Gervillei  Defr.  (älterer  Mitteldevonkalk  von  Arnao 
und  Moniello  in  Spanien,  Konjeprus,  Unterdevon 
des  nordwestl.  Frankreich  und  Bosporus). 
Streptorhynchus  umbraculum  Schloth. 

Leptaena  subtetragona  F.  Roem. 

» lepis  Br. 

Strophomena  cf.  interstrialis  Phill. 

» Sowerbyi  Barr,  (ausgezeichnete  grosse  Form 

von  Mnenian,  auch  im  Ballersbacher  Kalk 
vom  Hain  bei  Bicken). 

Chonetes  minuta  Goldf.  und  noch  andere  Formen. 


252 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigrapbischen 


Bei  Klein -Altenstädten  fanden  sich  auch  verschiedene 
Exemplare  von  Spirifer  cf.  cultrijugatus.  Hier  und  bei  Hermann- 
stein sind  die  Schichten  sehr  kalkig  uud  von  gelber  Färbung. 
Ueber  ihnen  folgen  reine  Tentaculitenschiefer  mit  einzelnen  Kalk- 
knollen uud  darauf  Günteroder  Kalk,  der  bei  Hermannstein  und 
Klein- Altenstädten  folgende  Versteinerungen  geliefert  hat: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

» breviceps  Barr. 

Bronteus  speciosus  Corda. 

Acidaspis  pigra  Barr. 

Arethusina  Beyrichi  Nov. 

Cyphaspides  n.  sp.  (aff.  scuticauda  Nov.) 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem. 

Agoniatites  occultus  Barr. 

» verna  Barr. 

» bicanaliculatus  Sandb. 

Anarcestes  aff.  lateseptatus  Beyr. 

Ueber  die  im  Hangenden  dieser  Kalke  liegenden  Mitteldevon- 
schichten sei  nur  bemerkt,  dass  der  zunächst  folgende  mächtige 
ältere  Schalstein  gelegentlich  ebenfalls  kleine  Kalklager  enthält. 
In  der  Regel  führen  diese  nur  Crinoidenstiele  und  Brachiopoden 
(bes.  Atrypa  reticularis  und  desquamata) , mitunter  aber  — wie 
namentlich  beim  Hofe  Haina  unweit  Waldgirmes  — schliessen  sie 
eine  reichere  Fauna  ein,  die  schon  von  Fr.  Maurer  zutreffend 
dem  unteren  Stringocephalenkalk  zugerechnet  worden  ist  *).  Ueber 
dem  Schalstein  folgen  Riff  kalke  der  oberen  Stringocephalen-Stufe, 
die  stellenweise  die  Villmarer  Fauna  enthalten,  wenn  auch 
nirgends  in  der  Reichhaltigkeit  wie  bei  Villmar  selbst,  meist  aber 
fossilarm  oder  fossilfrei  sind.  Als  Aequivalente  dieses  Massen- 
kalkes treten  an  vielen  Punkten  blaue  Plattenkalke,  dichte  Knollen- 
kalke und  Tentaculitenschiefer  auf.  Die  dichten  Knollenkalke 
sind  meistens  eisenschüssig,  gehen  in  Rotheisenstein  über  und 


1)  Yergl.  Fu.  Maurer,  die  Fauna  der  Kalke  von  Waldgirmes.  Abb.  der 
grossberz.  bess.  geol.  Landesanst.  Darmstadt,  1885.  Zusammen  mit  Stringoce- 
phalus  Burtini  und  Uncites  gryphus  kommt  bier  noch  Calceola  sandalina  vor, 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H'  Barrande’s  etc.  253 


enthalten  die  Fauna  des  Briloner  Eisensteins.  In  ihrem  Hangen- 
den folgt  unmittelbar  das  Oberdevon  mit  Gephyroceras  intumescens  1). 

Wenn  nach  vorstehenden  Mittheilungen  die  Zugehörigkeit 
des  Ballersbacher  und  Günteroder  Kalkes  zum  Mitteldevon  in  der 
Zusammensetzung  ihrer  Fauna  klar  genug  hervortritt,  so  konnte 
das  Gleiche  vom  Greifensteiner  Crinoidenkalk  bis  jetzt  nicht 
behauptet  werden.  Vielmehr  sind  wohl  bei  keinem  der  anderen 
sogenannten  Hercynkalke  so  weit  auseinander  gehende  Anschau- 
ungen über  sein  Alter  geäussert  worden,  als  gerade  bei  ihm. 
Gleich  nach  seiner  (dem  Geh.  Bergrath  Riemann  in  Wetzlar  zu 
dankenden)  Entdeckung  vor  etwa  20  Jahren,  wurde  er  von 
F.  Roemer  2)  auf  Grund  seiner  Fauna  als  obersilurisch , von 
H.  v.  Dechen  3)  dagegen  mit  Rücksicht  auf  den  Schichtenverband 
als  oberdevonisch  angesprochen.  Nachdem  bald  darauf  der  Eine 
von  uns  4)  seine  nahen  Beziehungen  zur  Hercynfauna  des  Harzes 
erkannt,  widmete  ihm  Fr.  Maurer  5)  eine  längere  paläontologische 
Arbeit,  in  der  er  die  Ansicht  aussprach,  dass  er  jünger  sei,  als 
die  böhmischen  Etagen  F,  G,  H Barrande’s,  und  gleich  den 
Wissenbacher  Schiefern  dem  oberen  Unterdevon  angehöre  6).  Auch 

1)  Bemerken swerth  ist  an  diesen  Eisensteinen  und  -Kalken  das  häufige  Vor- 
kommen von  Trilobiten,  die  mit  solchen  des  böhmischen  Devon  entweder  voll- 
ständig übereinstimmen,  oder  ihnen  doch  so  ähnlich  sind,  dass  sie  nur  als 
jüngere  Mutationen  angesehen  werden  können.  Hierher  gehören  vor  allen 

Cheirurus  Sternbergi  mut.  myops.  A.  Roem. 

Proetus  crassimargo  A.  Roem. 

» crassirhachis  A.  Roem. 

Arethusina  cf.  Beyrichi  Nov. 

Cyphaspis  cerberus  Barr. 

» convexa  Barr. 

Lichas  granulosa  A.  Roem.  (sehr  nahe  Haueri  Barr.) 

Phacops  breviceps  Barr. 

Dagegen  fehlen  die  bezeichnendsten  Formen  des  Eifeier  Kalkes  (. Phacops 
latifrons  bezw.  Schlotheimi)  hier  ebenso,  wie  im  Günteroder  und  Ballersbacher 
Kalk.  Der  Eine  von  uns  wird  diese  Verhältnisse  in  einer  demnächst  erscheinen- 
den besonderen  Arbeit  ausführlich  behandeln. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1875,  S.  701. 

3)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1875,  S.  730,  732,  764. 

4)  Abh.  z.  geol.  Specialkarte  von  Preussen,  Bd.  n,  Heft  4.  1878,  S.  266. 

5)  N.  Jahrb.  f.  Min.  Beilageband  I,  Heft  1,  1880. 

6)  N.  Jahrb.  f.  Min.  Beilageband  I,  Heft  1,  1880. 


254  E.  Kayser  und  E.  Holzappel,  Ueber  die  stratigraphischen 

Fr.  Frech,  der  sich  seit  Mitte  der  80er  Jahre  mit  soviel  Eifer 
und  Erfolg  mit  dem  Studium  der  altpaläozoischen  Bildungen  im 
Rheinlande,  in  Böhmen,  Südfrankreich  und  den  Alpen  beschäftigt 
hat,  weist  bis  in  die  neueste  Zeit  gleich  Maurer  dem  Greifen- 
steiner  Kalk  seinen  Platz  im  Unterdevon  an.  Schon  1886  betonte 
Frech  *)  die  innigen  petrographischen  und  paläontologischen  Be- 
ziehungen, die  denselben  mit  den  bekannten  Kalken  von  Konjeprus 
und  Mnenian  (F%  Barr.)  verbänden,  Kalke,  die  er  sammt  dem  sie 
unterlagernden  schwarzen  Tentaculitenkalk  (F1)  und  den  sie  über- 
lagernden grauen  Knollenkalken  (6?1)  ins  Unterdevon  stellte.  Im 
Jahre  darauf,  in  der  Arbeit  über  Cabrieres2),  parallelisirte  er 
die  Kalke  von  Greifenstein  und  Wildungen  sammt  denen  vom 
Pic  de  Cabrieres  und  von  Konjeprus  noch  genauer  mit  dem 
mittleren  Unterdevou.  Auch  in  der  zwei  Jahre  später  veröffent- 
lichten Arbeit  über  das  rheinische  Unterdevon  und  die  Stellung 
des  Hercyn  3),  in  welcher  der  Greifensteiner  Kalk  einer  eingehen- 
den Besprechung  unterzogen  und  eine  kritisch  berichtigte  Liste 
seiner  Versteinerungen  gegeben  wird4),  betrachtet  Frech  ihn  als 
unterdevonisch,  ohne  sich  indess  über  seinen  genaueren  Horizont 
zu  äussern 5).  In  dem  soeben  erschienenen  Werke  desselben 
Forschers  über  die  karnischen  Alpen  6)  finden  wir  dieselben  An- 
schauungen wieder,  wie  in  den  früheren  Arbeiten.  Auch  Fr. 
Sandberger  endlich 7)  hat  in  seiner  interessanten,  unlängst  ver- 
öffentlichten Abhandlung  über  das  rheinische  Unterdevon  die 
Ueberzeugung  ausgesprochen,  dass  der  Greifensteiner  Kalk  unter- 
devonisch sei. 

Diesen  Anschauungen  gegenüber,  die  wesentlich  auf  dem 
palaeontologischen  Inhalt  des  Greifensteiner  Kalks  und  seiner 


*)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  S.  917. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1887,  S.  360. 

3)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S.  175. 

4)  a.  a.  0.  S.  264. 

5)  Die  böhmische  Etage  F wird  in  dieser  Arbeit,  ebenso  wie  in  der  1891 
erschienenen  7.  Auflage  der  CßEDSER’schen  »Elemente  der  Geologie«,  in  der 
Frech  die  Revision  der  älteren  palaeozoischen  Formationen  besorgt  hat,  den 
Schichten  mit  Spirifer  primaevus  gleichgestellt. 

6)  Halle,  1894,  S.  274,  287. 

*)  a.  a.  0.  S.  88. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrakde’s  etc.  255 


petrographischen  Aehnlichkeit  mit  den  Kalken  der  Gegend  von 
Konjeprus,  Cabrieres  und  vom  Wolayer  See  (Karnischen  Alpen) 
beruhen,  haben  wir  bereits  seit  längerer  Zeit  auf  Grund  der  bei 
den  Specialaufnahmen  in  der  Dill-  und  Lahngegend  gemachten 
Wahrnehmungen  die  Ansicht  vertreten,  dass  der  Kalk  von  Greifen- 
stein, ebenso  wie  der  ihm  gleichstehende  Ballersbacher  und  der 
jüngere  Günteroder  Kalk,  nur  ein  Zubehör  der  Tentaculitenschiefer 
und  dementsprechend  mitteldevonischen  Alters  sei 1).  Diese  An- 
sicht ist  durch  den  Fortschritt  unserer  Arbeiten  durchaus  bestätigt 
worden. 

Das  kleine  Kalkvorkommen  von  Greifenstein  liegt  etwa  D/2 
Kilometer  südsüdwestlich  vom  Orte  dieses  Namens,  auf  dem 
Plateau  mitten  im  Walde.  Es  war  nur  zeitweise  durch  eine 
kleine,  zum  Zweck  der  Petrefactengewinnung  geöffnete  Grube 
aufgeschlossen,  in  der  neben  herrschendem  grobspäthigen , rothen 
Crinoidenkalk  auch  Bänke  von  ebensolchem  hellgrauen  Kalk,  sowie 
einzelne  Lagen  von  dichtem,  gelblich-grauem  Kalk  zu  beobachten 
waren.  In  der  unmittelbaren  Umgebung  des  Kalks  stehen  Thon- 
schiefer und  plattige,  glimmerige  Grauwackengesteine  an,  während 
einige  hundert  Meter  nördlich  ein  breiter  Zug  von  Thonschiefern 
mit  Einlagerungen  von  weissem,  löcherigem  Quarzit  auftritt.  Aus 
diesem  letzteren  beschrieb  F.  Roemer  schon  in  den  40  er  Jahren 
den  bekannten  grossen  Pentamerits  rhenanus  2).  Ohne  auf  Einzel- 
heiten eingelien  zu  wollen,  bemerken  wir  hier  nur,  dass  die  Kar- 
tirung  ergeben  hat,  dass  diese  vielbesprochenen  Quarzite3)  auf 
das  Gebiet  zwischen  Dill-  und  Ulmthal  beschränkt  sind  und  dem 
Grenzhorizont  von  Unter-  und  Mitteldevon  angehören,  d.  h.  das- 
selbe Niveau  einnehmen,  wie  die  Schiefer  mit  Pent.  rhenanus  im 
Ruppachthale 4).  Wir  stellen  sowohl  die  Schiefer  als  auch  die 

*)  Kayser,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1887,  S.  625.  Holzapfel,  die 
Cephalopoden  führenden  Kalke  des  Unt.  Carbon  von  Erdbach-Breitscheid.  Pa- 
laeont.  Abh.  V,  1,  1889,  S.  9. 

2)  Rheinisches  Uebergangsgebirge  1844,  S.  76  und  85. 

3)  F.  Roemer,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1874,  S.  752  und  H.  v.  Dechen 
ebendas.  1875,  S.  761. 

4)  Kayser,  Orthocerasschiefer  zwischen  Laurenburg  und  Balduinstein.  Dieses 
Jahrb.  f.  1884,  S.  2,  19,  33. 


256 


E.  Kaiser  und  E.  Holzappel,  Ueber  die  stratigraphischen 


Quarzite  mit  Pentamerus  an  die  oberste  Grenze  des  Unterdevon. 
Der  Greifensteiner  Kalk  dagegen,  von  dem  ausser  dem  besprochenen 
noch  ein  zweites,  kleineres  Vorkommen  westlich  von  Greifenthal 
aufgefunden  wurde,  liegt  an  der  Basis  des  Mitteldevon.  Das  ihn 
unterlagernde  Unterdevon  hat  sich  in  der  Umgebung  beider  Vor- 
kommen in  grosser  Verbreitung  nachweisen  lassen,  an  einem  Punkte 
mit  der  Fauna  der  oberen  Coblenzschichten  ( Spirifer  arduennensis 
und  curvatus , Rhynchonella  pila,  Pentamerus  sp.  etc.) 

Wie  die  Stratigraphie,  so  lässt  auch  die  Palaeontologie  das 
mitteldevonische  Alter  des  Greifensteiner  Kalkes  deutlich  genug 
erkennen.  Wenn  dies  aus  den  bisherigen  Versteinerungslisten 
nicht  mit  genügender  Deutlichkeit  hervorging,  so  liegt  der  Grund 
in  der  Unvollständigkeit  dieser  Verzeichnisse,  die  so  wichtige 
Arten  wie  Mimoceras  gracile , Hercoceras  subtuberculatum , Orthoceras 
crassum  und  Lichas  (Arges)  armata  nicht  aufführten.  Die  Mar- 
burger  Sammlung  besitzt  aus  dem  Kalk  von  Greifenstein  und 
einem  palaeontologisch  und  petrographisch  völlig  mit  ihm  über- 
einstimmenden, aber  nicht  rothen,  sondern  hell  blaugrauen  Kalk 
von  Günterod  die  folgenden  Arten: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major.  Gr.  Gü.  1). 

» breviceps  Barr.  Gü.  Gr. 

» Zorgensis  Kays.  (—  cephalotes  Madr.  non  Barr.) 
Gü.  Gr.  Die  weiter  zurückreichenden  Augen, 
die  kürzere,  mehr  pentagonal  gestaltete  Glabella 
und  besonders  die  tiefe,  unter  dem  Stirnrande 
gelegene  Rinne  unterscheiden  diese  Art  von  der 
BARRANDE’schen. 

Phacops  sp. 

Proetus  orbitatus  Barr.  Gr.  Gü. 

» » var.?  crassimargo  A.  Roem.  (=  Koeneni 

Maur.)  Gr.  Gü. 

» myops  Barr.  Gr.  Gü. 

» eremita  Barr.  Gr.  Gü. 

» (Phaetonellus)  planicauda  Barr.  Gr.  Gü. 


x)  Gr.  = Greifenstein;  Gü.  = Günterod. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  257 


Cyphaspis  hydrocephala  A.  Roem.  Gr.  Gü. 

» scuticauda  Nov.  Gr. 

Lichas  Haueri  Barr.  Gü. 

» (Arges)  armata  Golde,  var.  Gr. 

Acidaspis  vesiculosa  Beyr.  Gr. 

Bronteus  angusticeps  Barr.?  Gü. 

» (Thysanopeltis)  speciosus  Corda  (—  thysanopeltis 
Barr.)  Gr.  Gü. 

» Dormitzeri  Barr.  1). 

Harpes  reticulatus  Corda  Gr.  Gü. 

» Montagnei  Corda  Gr. 

» fornicatus  Nov.  (var.  reticulatus ?)  Gü. 

Dazu  kommen  noch  folgende,  in  der  Marburger  Sammlung 
nicht  vertretene,  uns  aber  aus  eigener  Anschauung  bekannte 
Trilobiten  anderer  Museen: 

Dalmanites  aff.  Reüssi  Barr,  (isolirtes  Kopfschild.  Halle- 
sches  Museum).  Gr. 

Arethusina  peltata  Nov.  Gr. 

Proetus  unguloides  Barr.  Gr.  \ 

Acidaspis  pigra  Barr.  Gr.  [ Göttinger  Museum 
Bronteus  brevi/rons  Barr.  Gr.  ( (bestimmt  durch  Novak.) 
» elongatus  Barr.  Gr.  ' 

Mimoceras  gracile  H.  v.  Mey.  (=  compressum  Beyr.)  Gr. 
Agoniatites  fidelis  Barr.  Gr. 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem.  Gr. 

Hercoceras  subtuberculatum  Sandb.  Gr. 

Orthoceras  crassum  A.  Roem.?  Gr. 

» patronum  Barr.  Gr. 

» commutatum  Gieb.  Gr.  Gü. 

Platyceras  Halfari  Kays.  var.  rostrata  Barr.  Gr. 

» contortum  Barr.?  Gr.  Gü. 

» disjunctum  Gieb.?  Gr.  Gü. 

x)  Nicht  anstehend  gefunden,  sondern  in  einem  losen  Block  von  Greifensteiner 
Kalk  am  Sonnberg  bei  Günterod. 


Jahrbuch  1893. 


17 


258 


E.  Kayser  und.  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigrapbischen 


Platyo stoma  sp.  Gr.  Gü. 

Strophostylus  undulatus  Maür.  sp.  Gr. 

Macrocheilus  sp.  Gr. 

Pleurotomaria  aff.  subcarinata  A.  Roem.  Gr. 

» humillima  Barr.  (Maür.,  Kalk  von  Greifen- 

stein. Taf.  2,  Fig.  9).  Gr. 

Beller ophon  sp.  (capuloides  Maür.)  Gr. 

Tentaculites  acuarius  Richt.  Gr. 

» longulus  Maür.  Gr. 

Spirifer  indifferens  Barr,  und  var.  obesa  (=  Spirifer  lin- 
guifer  Sandb.)  Gr.  Gü. 

» orbitatus  Barr.  (var.  indifferens  f)  Gü. 

» superstes  Barr.  Gr. 

» unguiculus  Barr.,  Maür.  non  Sow.  Gr. 

Merista  securis  Barr.  Gr.  Gü. 

» ? Bauds  Barr.  Gr.  Gü. 

» passer.  Barr.  Gr.  Gü. 

Athyris  Thetis  Barr.  Gr.  Gü. 

Nudeospira  inelegans  Barr.  Gr. 

Retzia  novemplicata  Sandb.  Gr.  Gü. 

Atrypa  compressa  Sow.?  Gr. 

» reticularis  L.  Gü.  (nur  ein  Exemplar.) 

» ? Philomela  Barr.  Gr.  Gü. 

» cf.  canaliculata  Sow.  Gr.  Gü. 

Rhynchonella  matercula  Barr.  Gr.  Gü. 

Pentamerus  Tetinensis  Barr.?  Gü. 

» cf.  strix  Barr.  Gr. 

Strophomena  emarginata  Barr.  Gr.  Gü. 

Leptaena  tenuissima  Barr.  Gr.  Gü. 

Leptagonia  rhomboidalis  Wahl.  Gr. 

Chonetes  sp. 

Discina  sp. 

Ausserdem  fand  sich  in  einem  kleinen  Vorkommen  von  grob- 
krystallinem  grauen  Greifensteiner  Kalk  in  einem  Thälchen  südlich 
von  Ballersbach  noch  Merista  herculea  Barr. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  Gr,  H Bareande’s  etc.  259 

Modiomorpha  ( Guerangeria ) Davousti  Oehlert.  (Barrois, 
Calcaire  d’Erbray,  p.  178,  t.  11,  f.  9.)  Gr. 

Cypricardinia  sp.  Gr. 

Conocardium  sp.  Gr. 

Cladochonus  ( Pustulipora)  greif ensteinensis  Maur.  Gr.  Gü. 

Amplexus  her cynicus  A.  Roem.  (=  Barrandei  Maur.)  Gr.  Gü. 

Petraja  Barrandei  Maur. 

Es  sind  das  im  Ganzen  weit  über  60,  zum  grössten  Theil 
sicher  bestimmte  Formen.  Unter  ihnen  sind  folgende  auch  aus 
dem  Ballersbacher  Kalk  bekannt: 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

Bronteus  speciosus  Corda. 

» Dormitzeri  Barr. 

Proetus  unguloides  Barr. 

Pinacites  Jugleri  A.  Roem. 

Hercoceras  subtuberculatum  Sandb. 

Orthöceras  patronum  Barr. 

» commutatum  Gieb. 

Tentaculites  acuarius  Richt. 

Merista  securis  Barr. 

Petraja  Barrandei  Maur. 

Ist  die  Zahl  dieser  Arten  auch  noch  gering,  so  reicht  sie 
doch  hin,  um  die  nahen  Beziehungen  des  Greifensteiner  und 
Ballersbacher  Kalkes  darzuthun  1).  Zusammen  mit  dem  wichtigen 
Mimoceras  gracile  und  Orthöceras  crassum  beweisen  sie,  dass  gleich 
dem  Ballersbacher  auch  der  Greifensteiner  Kalk  dem  Ni- 
veau der  älteren  Wissenbacher  Schiefer  angehört  und 
somit  mitteldevonischen  Alters  ist.  Speciell  der  Greifen- 
steiner Kalk  stellt  eine  ausgesprochene  Trilobiten-  und  Brachio- 
podenfacies  dieses  Niveaus  dar. 

9 Das  Fehlen  von  Agoniatites  fidelis  im  Ballersbacher  und  von  Anareestes 
lateseptatus  im  Greifensteiner  Kalk  hat  den  Einen  von  uns  auf  die  Yermuthung 
geführt,  dass  der  letztgenannte  Kalk  vielleicht  noch  etwas  älter  ist  als  der  Ballers- 
bacher. Indess  kann  es  sich  bei  dem  engen  faunistischen  Zusammenhänge  beider 
Kalke  nur  um  geringfügige  Altersunterschiede  handeln. 


17* 


260  E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  lieber  die  stratigraphischen 

Aus  dieser  seiner  Stellung  erklärt  sich  einfach  die  ansehnliche 
Zahl  von  Arten,  die  der  Greifen  stein  er  Kalk  mit  dem  Günteroder 
Kalk  und  anderen  noch  höheren  Devonhorizonten  gemein  hat 
( Bronteus  speciosus , Phacops  breviceps , Proetus  orbitatus , plani- 
cauda  etc.,  Lichas  Haueri,  Arges  armata , Cyphaspis  hydrocephala, 
Cyphaspides  scuticauda , Acidaspis  pigra  und  vesiculosa  *),  Pinacites 
Jugleri,  Spirifer  indijferens , Retzia  novemplicata,  Tentaculites  acuarius 
und  wohl  noch  manche  andere)*  2).  Dagegen  befindet  sich  unter 
den  bis  jetzt  von  Greifenstein  bekannt  gewordenen  Arten,  ab- 
gesehen von  Meristea  herculea , keine,  die  auch  im  Unterdevon 
vorkäme. 

Versuchen  wir  jetzt  die  Stellung  der  im  Vorstehenden  be- 
sprochenen Kalke  innerhalb  des  Mitteldevon  etwas  genauer  fest- 
zustellen. 

Was  zunächst  die  Kalke  von  Ballersbach  und  Greifen- 
stein betrifft,  so  werden  wir  sie  mit  Bestimmtheit  der  dem 
untersten  Mitteldevon  entsprechenden  Cultrijugatus -Stufe 
des  Eifeier  Kalkes  gleichstellen  dürfen,  während  wir  den 
Pentamerus-QpL&rzit  von  Greifenstein  sowie  die  Pentamerenschiefer 
sammt  den  zugehörigen  trilobitenreichen  Dachschiefern  der  Grube 
»Schöne  Aussicht«  3)  im  ßuppachthale  als  oberstes  Unterdevon 
den  oolithischen  Botheisensteinen  der  Eifel4)  parallelisiren.  Für 
die  Gleichstellung  des  Ballersbacher  Kalkes  mit  den  Cultrijugatus- 


*)  Nach  Barrois  in  dem  von  ihm  an  die  Basis  des  oberen  Mitteldevon  ge- 
stellten Kalke  von  Chaudefonds  (Maine  et  Loire). 

2)  "Wie  schon  früher  erwähnt,  sind  einige  dieser  Arten,  wie  insbesondere 
Proetus  crassimargo  und  crassirhachis,  Phacops  breviceps  und  Amplexus  hercynicus , 
sogar  häufige  und  verbreitete  Erscheinungen  in  den  oberen  Stringocephalen- 
schichten  des  Harzes,  Westfalens  und  des  Lahngebietes. 

3)  Phacops  aff.  fecundus,  Cryphaeus,  Proetus  (cnf.  lepidus  Bark.),  Acidaspis 
sind  hier  häufig.  Anderweitig,  wie  im  Dillenburg’schen  und  hessischen  Hinter- 
lande, treten  in  diesem  Horizont,  unmittelbar  an  der  Basis  der  Wissenbacher 
Schiefer,  die  zeitlich  letzten  Homalonoten  auf. 

4)  Auch  in  diesen  Eisensteinen  finden  sich  die  letzten  Homalonoten,  und 
auch  hier  erscheinen,  wie  in  den  eben  erwähnten  Dachschiefem  des  Ruppach- 
thaies, neben  überwiegenden  Unterde vontypen  bereits  eine  ganze  Anzahl  mittel- 
devonischer Arten. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  261 

Schichten  fallt  noch  besonders  das  Vorkommen  von  Rhynchonella 
aff.  Orbignyana,  Spirifer  cnf.  cultrijugatus  und  Bronteus  Dormitzeri 
bei  Bicken  und  Hermannstein  ins  Gewicht,  da  die  erstgenannten 
Arten  Hauptleitformen  der  Eifeier  Cultrijugatus- Stufe  sind  und 
Bronteus  Dormitzeri  nach  dem  oben  über  die  Fauna  der  Wetzlarer 
Tentaculitenschiefer  Mitgetheilten  eine  ähnliche  Rolle  zu  spielen 
scheint. 

Das  Alter  des  Günteroder  Kalkes  lässt  sich  vor  allem 
deutlich  aus  seiner  Lagerung  erkennen;  aber  auch  die  Fauna 
giebt  wichtige  Anhaltspunkte.  Sie  schliesst  sich  ziemlich  eng  an 
die  des  Ballersbacher  bz.  Greifensteiner  Kalkes  an.  Beide  haben 
nämlich  folgende  Formen  gemeinsam: 

Bronteus  speciosus  Corda. 

» brevifrons  Barr. 

Phacops  breviceps  Barr. 

» fecundus  var.  Barr. 

Proetus  orbitatus  Barr. 

» planicauda  Barr. 

» unguloides  Barr. 

Cyphaspis  hydrocephala  A.  Roem. 

Cyphaspides  scuticauda  Nov. 

Acidaspis  pigra  Barr. 

Lichas  Haueri  Barr. 

Harpes  fornicatus  Nov. 

Cardiola  digitata  A.  Roem. 

Retzia  novemplicata  Sandb. 

Merista  securis  Barr. 

Spirifer  indifferens  Barr. 

Tentaculites  acuarius  Richt. 

und  wahrscheinlich  noch  einige  weitere  Arten.  Mit  den  Calceola- 
Schichten  der  Eifel  sind  gemeinsam  Cyphaspis  ceratophthalma 
Goldf.  und  wahrscheinlich  Proetus  cornutus  Goldf.  (=  Holz- 
apf eli  Nov.) 

Bei  Bicken  und  Offenbach  liegen  nun  die  Günteroder  über 
den  Ballersbacher  Kalken,  und  schon  hierdurch  wird  ihre  Stellung 
im  oberen  Theile  des  unteren  Mitteldevon,  entsprechend 


262 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphischen 


den  Ca/ceoZa-Schichten  der  Eifel,  gesichert.  An  der  Dill- 
mündung liegen  sie  über  den  Schiefern  von  Leun-Oberbiel  und 
unter  dem  älteren  Schalstein.  In  diesen  selbst  eingeschaltet  treten 
bei  Waldgirmes  die  Kalke  mit  der  von  Maurer  beschriebenen, 
den  Crinoiden  - Schichten  der  Eifel  gleichstehenden  Fauna  auf. 
Die  Günteroder  Kalke  müssen  daher  älter  sein  und  ihre  Stellung 
zwischen  den  Cultrijugatus-  und  Crinoiden-Schichten  haben,  mithin 
den  Eifeier  CWceoZa-Schichten  entsprechen. 

Die  Odershäuser  Kalke  endlich  lagern  bei  Wildungen, 
Offenbach  und  Günterod  über  den  Günterodern.  Zwischen  beiden 
aber  liegt  eine  ausserordentlich  scharfe  Faunengrenze.  Die  Gonia- 
titen  der  Odershäuser  Kalke  sind  nämlich  dieselben,  wie  die  des 
Briloner  Eisensteines  — Agoniatites  inconstans  Phill.,  Tornoceras 
simplex  und  circumflexiferum , 'Menaeceras  terebratum  etc.  — und 
auch  die  übrigen  Versteinerungen  schliessen  sich  eng  an  die  des 
Brilon — Adorfer  Eisenerzes  an,  wenn  sie  auch  fast  durchweg  ge- 
ringfügige Abweichungen  aufweisen,  durch  die  sie  sich  als  ältere 
Mutationen  zu  erkennen  geben.  Die  gleiche  Fauna  tritt  auch  in 
den  Stringocephalen-Kalken  bei  Wildungen,  die  unmittelbar  vom 
Oberdevon  überlagert  werden,  sowie  in  den  Hauptmassenkalken 
des  Lahngebietes  und  der  Attendorner  Mulde  (in  Westfalen),  die 
sonst  die  Villmarer  Fauna  enthalten,  auf.  Hieraus,  sowie  aus 
ihrer  Lagerung  über  den  Günteroder  Kalken  folgt,  dass  die 
Odershäuser  Kalke  der  unteren  Abtheilung  der  Stringo- 
cephalen-Schichten  angehören,  während  deren  obere  Abtheiluug 
durch  die  hellen  Plattenkalke  der  Ense  (bei  Wildungen),  den  Haupt- 
masseukalk  des  Lahngebietes  und  die  Eisensteine  von  Brilon — 
Adorf — Wetzlar  vertreten  wird.  Wie  erwähnt,  stammt  auch  der 
String ocephalus  von  Bicken  aus  dem  in  Rede  stehenden  Niveau 
und  kann  daher  in  keiner  Weise  befremden. 

Der  häufigste  Goniatit  der  Odershäuser  Kalke,  Tornoceras 
circumflexiferum  Sandb.,  kommt  auch  in  den  Or£/mceras-Schiefern 
von  Wissenbach  vor.  Von  Olkenbach  (in  der  Moselgegend)  kennen 
wir  dieselbe  Form  in  Begleitung  von  Tornoceras  simplex  v.  B., 
während  sie  bisher  noch  nie  in  den  Kalken  mit  Agoniatites  occultus 
angetroffen  worden  ist.  Dies  deutet  darauf  hin,  dass  T.  circum- 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G-,  H Barrande’s  etc.  263 


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264 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Heber  die  stratigrapbischen 


flexiferum  auch  im  Wissenbacher  Schiefer  höher  liegt,  als  Ag. 
occultus , und  dass  der  diese  Art  einschliessende  Theil  der  ge- 
nannten Schiefer  dem  oberen  Mitteldevon  angehört.  Bei  der  Art 
des  Sammelns  in  den  Wissenbacher  Schiefern,  das  fast  auschliess- 
lich  in  den  Spalthäusern  geschieht,  wird  es  indess  sehr  schwer 
sein,  etwas  Sicheres  über  das  genaue  Lager  der  fast  immer  nur 
ganz  vereinzelt  vorkommenden  Arten  zu  ermitteln. 

Nach  vorstehenden  Mittheilungen  gliedert  sich  das  untere 
Mitteldevon  im  rechtsrheinischen  Gebiete  in  zwei  Hauptabschnitte 
nach  vorstehendem  Schema. 


Beobachtungen  im  böhmischen  Devongebiete. 

Es  war  ursprünglich  unsere  Absicht,  ein  Stück  der  böhmischen 
Devonmulde  (etwa  die  Gegend  zwischen  Beraun,  Karlstein  und 
Mnenian)  in  grossem  Maassstabe  aufzunehmen;  bei  genauerer 
Untersuchung  erwiesen  sich  indess  die  Lagerungsverhältnisse  im 
Einzelnen  als  so  gestört  und  die  petrographischen  Merkmale  der 
verschiedenen  Stufen  als  so  wenig  verlässlich,  dass  wir  jene 
Absicht  bald  aufgaben.  Was  den  letzten  Punkt  betrifft,  so  sei 
hier  nur  erwähnt,  dass  wir  wiederholt  — so  am  rechten  Ufer 
der  Beraun,  oberhalb  Srbsko  — dunkelgraue,  dichte  Knollenkalke 
angetroflfen  haben,  die  denen  des  BARRANDE’schen  Stockwerkes  G 
täuschend  ähnlich,  bisher  in  der  That  als  solche  angesehen  worden 
sind  (so  auf  der  KREJCi’schen  Karte)  und  die  auch  von  uns  zuerst 
dafür  gehalten  wurden,  bis  wir  in  einzelnen  Bänken  leitende 
silurische  Orthoceren,  Trilobiten  und  Brachiopoden  ( Dayia  navi- 
cula  u.  a.)  auffanden.  Auf  Schritt  und  Tritt  hätten  wir  unter 
solchen  Umständen  nach  beweisenden  Versteinerungen  suchen 
müssen,  und  dazu  hätten  die  wenigen,  uns  zur  Verfügung  stehen- 
den Wochen  in  keiner  Weise  ausgereicht.  Nur  ein  gründlicher 
Kenner  der  silurischen  und  devonischen  Faunen,  der  zugleich 
erfahrener  Kartengeolog  ist,  wird  nach  unserer  Ueberzeugung  die 
Specialkartirung  des  böhmischen  Silur-Devongebietes  erfolgreich 
durchzuführen  in*  Stande  sein, 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  265 


Als  tiefstes  Glied  des  böhmischen  Devon  pflegen  jetzt  die 
dunklen,  bituminösen,  dünnbänkigen  Kalke  der  Barrande ’schen 
Stufe  F 1 betrachtet  zu  werden.  Und  wohl  mit  Recht;  denn  für 
die  Vermuthung  Frech’s,  dass  bereits  die  obersten  Schichten 
von  E 2 dem  Devon  zuzurechnen  sein  möchten,  fehlt  es  bisher 
in  Böhmen  an  Anhaltspunkten.  Man  sieht  hier  im  Gegentheil 
die  bezeichnenden  obersilurischen  Brachiopoden  und  Trilobiten 
bis  in  die  oberen  Schichten  von  E 2 hinaufgehen,  während  die 
darüber  folgenden  Kalke  trotz  ihrer  innigen  petrographischen 
Verknüpfung  mit  E 2 eine  Fauna  einschliessen,  in  der  zwar  noch 
Graptolithen  sowie  viele  ältere  Molluskenarten  (besonders  Ortho- 
ceren,  Lamellibranchiaten  und  Brachiopoden)  fortdauern,  die  aber 
nichtsdestoweniger  durch  Machaeracanthus , Gyroceras , Tentacu- 
liten  t)  und  zahlreiche  mit  F 2 gemeinsame  Species  ein  wesentlich 
neues,  devonisches  Gepräge  erhält. 

Während  Fx  früher  allgemein  nach  dem  Vorgänge  von  Bar- 
rande als  eine  selbstständige  Stufe  betrachtet  wurde,  hat  später 
Nov/k  die  Meinung  ausgesprochen,  dass  diese  Schichtenfolge 
gleichaltrig  mit  F 2 sei  2).  Beide  Glieder  stellen  nach  ihm  nur 
verschiedene  Facies  eines  und  desselben  Horizontes  dar,  und  zwar 
die  schwarzen,  an  Spongienresten  reichen  F1- Kalke  eine  tiefere 
Meeresbildung,  die  hellen,  krystallinischen  F2-Kalke  dagegen  mit 
ihren  stockbildenden  Korallen  und  dickschaligen  Mollusken  und 
Brachiopoden  eine  Riffbildung.  Einen  Beweis  für  die  Richtigkeit 
dieser  Anschauung  findet  Nov/k  darin,  dass  beide  Gebilde  im 
umgekehrten  Mächtigkeitsverhältnisse  stehen,  was  soweit  gehen 
kann,  dass  das  eine  auf  Kosten  des  anderen  ganz  verschwindet. 

In  der  That  beobachtet  man  beide  Kalke  gleichzeitig  nur  an 
wenigen  Punkten  in  der  Nähe  von  Prag.  So  bei  Dworetz,  wo 
über  typischen  F^-Kalken  mit  Tentaculites  intermedius , Praelucinen 
und  Hercynellen  hellfarbige  krystallinische  Kalke  mit  Bronteus , 
Acidaspis,  Phacops , Platyceras,  Rhynchonella  princeps  u.  s.  w.  auf- 

1)  Darunter  auch  der  im  Devon  so  verbreitete  T.  acuarius  Richter.  (Katzer, 
Geol.  v.  Böhmen,  1892.  S.  1021. 

2)  Zur  Kenntniss  der  Fauna  der  Etage  F1.  Sitzungsber.  d.  böhm.  Ges.  d, 
Wiss,  1886. 


266 


E.  Kaysee  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraph.isch.en 


treten.  Aehnlich  verhält  es  sich  auf  dem  linken  Moldauufer, 
gegenüber  Branik,  in  der  Nähe  der  BARRANDE-Tafel,  und  ebenso 
im  HERGET’schen  Steiubruche,  nur  dass  hier  die  späthigen,  z.  Th. 
dolomitisirten  T^-Kalke  blos  ein  schmales  Band  im  Hangenden 
von  F 1 bilden.  Im  ganzen  SW.  der  Devonmulde  dagegen , bei 
Mnenian  und  Konjeprus,  im  Beraunthale  oberhalb  Karlstein  und 
bei  St.  Iwan,  fehlt  ein  typisches  vollständig.  Umgekehrt  sind 
im  Kosorschen  Thale  unweit  Radotin  allein  die  E^-Kalke,  diese 
aber  in  grosser  Mächtigkeit  und  mit  zahlreichen  Versteinerungen 
(darunter  auch  Graptolithen)  entwickelt.  Die  Verhältnisse  an 
dieser  letzten  Oertlichkeit,  wo  über  den  E1- Schichten  ohne  die 
geringste  Spur  einer  Discordanz  oder  eines  sonstwie  (etwa  durch 
eine  Conglomeratbasis)  angedeuteten  Hiatus  sofort  unzweifelhafte 
G^-Kalke  folgen,  fallen  in  der  That  schwer  zu  Gunsten  der 
NovAii’schen  Ansicht  in’s  Gewicht.  Auch  die  weiter  unten  zu 
besprechenden,  eigenthümlichen,  zwischen  typischen  F1-  und  F2- 
Kalken  in  der  Mitte  stehenden  Gesteine  zwischen  Mnenian  und 
Suchomast  sprechen  für  sie. 

Eür  die  Riffkalke  der  Stufe  F 2 liegt  das  klassische  Gebiet 
in  der  Umgebung  von  Konjeprus,  im  SW.  der  Mulde.  Aber 
auch  im  Beraunthale  oberhalb  Karlstein,  zwischen  Hostin  und 
St.  Iwan,  im  Prokopy- Thale,  bei  Slichow  und  D woretz  unweit 
Prag  findet  man  sie  gut  aufgeschlossen.  Ueberall  ist  das  Gestein 
hellfarbig,  krystallinisch  und  mehr  oder  weniger  schichtungslos. 
An  dem  Slati  Kun  (»Goldenes  Ross«)  genannten  Berge  südlich 
Konjeprus  werden  die  weissen,  mit  schroffen  Wänden  aufsteigen- 
den Kalke  wohl  an  100  Meter  mächtig,  und  auch  im  Thale  von 
St.  Iwan  mag  ihre  Dicke  nicht  viel  geringer  sein. 

Der  eben  genannte  Slati  Kun  besteht  in  seiner  Hauptmasse 
aus  fast  massigen  Kalken,  die  an  seinem  Nordfusse,  zunächst  dem 
Dorfe  Konjeprus , in  einem  grösseren , auf  der  Südseite  in  einer 
ganzen  Reihe  kleinerer  Steinbrüche  gewonnen  werden.  Ueber 
dem  weissen  Massenkalk  aber  treten  mit  flacher  Lagerung  dünn- 
geschichtete bunte,  überwiegend  rothe,  späthige  Crinoidenkalke 
auf.  So  unmittelbar  über  dem  erwähnten  grossen  Bruche  auf 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  267 

der  Nordseite.  Auch  der  Gipfel  des  Berges  besteht  aus  solchen 
Gesteinen,  und  ebenso  ein  Theil  des  Südabhanges,  während 
darunter  überall  weisser  Kalk  hervortritt,  der  nach  W.  bis  zum 
Suchomaster  Thal  zu  verfolgen  ist,  wo  er  unmittelbar  von  Ober- 
silurkalken (F?2)  unterteuft  wird. 

Derselbe  bunte  Crinoidenkalk  ist  auch  längs  des  Fahrweges 
zu  beobachten,  der  von  Konjeprus  am  Ostende  des  Slati  Kun 
vorbei  in  südlicher  Richtung  nach  den  sogenannten  Mnenianer 
Marmorbrüchen  führt.  Hier  aber  tritt  er  in  inniger  Verknüpfung 
mit  dichten,  graugelben  Kalksteinen  auf.  Auch  das  Gestein  der 
eben  genannten  Marmorbrüche  besteht  aus  dunkelrothen  (hie  und 
da  riesige  Orthoceren  einschliessenden)  Crinoidenkalken , und 
ebenso  stehen  solche  mit  flacher  Lagerung  weiter  nach  S.  zu,  auf 
der  ganzen  Höhe  der  Kobyla  an,  während  darunter,  am  Abhang 
der  Kobyla  in  das  nach  Mnenian  führende  Thal,  wiederum  Riff- 
kalk  zu  Tage  tritt,  der  auch  hier  in  einer  Reihe  von  Steinbrüchen 
ausgebeutet  wird.  Diese  Verhältnisse  lassen  sich  durch  die  um- 
stehenden beiden  Profilskizzeri  veranschaulichen. 

Wichtig  ist  auch  das  Profil,  das  längs  des  von  Mnenian  nach 
Suchomast  führenden  Weges  zu  beobachten  ist.  Im  W.  des  zu- 
erst genannten  Dorfes  folgen  auf  das  Untersilur  zunächst  Grapto- 
lithenschiefer  mit  Diabasen,  dann  normaler  Obersilurkalk.  Ueber 
diesem  sind  an  der  0. -Seite  des  Dlouhy  Less  (langer  Wald)  in 
einem  kleinen  neben  einem  alten  Kalkofen  gelegenen  Steinbruche 
blau-  bis  hellgraue  oder  schwach  bunt  gefärbte,  in  1/s  bis  1 Meter 
starke  Bänke  gegliederte,  fein  krystallinische  Kalksteine  entblösst, 
in  denen  wir  Crotalocephalus,  Platyostoma  conicum  sowie  Bronteus- 
Reste,  also  offenbar  die  Fauna  von  F 2,  sammelten.  Auch  in 
einem  zweiten,  auf  der  SW.-Seite  des  Dlouhy  Less,  nördlich  von 
Vinarschitz  gelegenen  Steinbruche  sind  die  Verhältnisse  ähnlich. 
In  der  Sohle  des  Bruches  stehen  mit  wagerechter  Lagerung 
schwarze,  dünnschichtige,  etwas  knollige  Kalke  an,  die  nach 
NovLk  !)  Scyphocrinus  enthalten,  also  noch  dem  Obersilur  ange- 
hören. Darüber  folgen  dickbänkige  hellgraue  und  hellere  kry- 


a.  a.  0.  S.  2. 


268 


E.  Kayseb  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphischen 


Suchomaster 

Thal 


Profil  durch  den  Slati  Kun  bis  zum  Suchomaster  Thal. 

Weg  nach 
den  Mnenianer 
Marmorbrüchen 


E2  — Obersilur-Kalk.  R.  K.  = Weisser  Riffkalk.  . Cr.  K.  = Dünnschichtiger  bunter 
Crinoidenkalk.  St.  = Steinbrüche. 


Profil  am  N. -Abhang  des  Slati  Kun  bei  Konjeprus. 

U.  = Ueberschiebung  1). 

Cr.  K. 


El  = Graptolithenschiefer.  E3  — obersilur.  Knollenkalk.  R.  K.  — Riff  kalk. 
Cr.  K.  = Geschichteter  Crinoidenkalk. 


stallinische  Kalke,  aus  denen  Novak  Machaeracanthus  anführt. 
Der  genannte  Forscher  spricht  diese  Kalke  für  F 1 an;  indess 
sind  sie  von  diesem  nach  ihrer  Gesteinsbeschaffenheit  und  Ver- 
steinerungsführung sehr  verschieden.  Sie  stellen  eine  Mittelform 

x)  Dieselbe  ist  trefflich  zu  beobachten  in  dem  tiefen,  in  den  Steinbruch 
führenden  Einschnitt.  In  östlicher  Richtung  lässt  sie  sich  am  ganzen  Abhang 
des  Berges,  und  weiterhin  auch  am  NO.- Abhang  der  Kobyla  verfolgen, 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  Gr,  H Barrande’s  etc.  269 

zwischen  dem  Riff  kalk  des  Slati  Kun  und  dem  typischen  F1- 
Kalk  des  Kosorscher  Thaies  dar  und  sind  offenbar  sedimentäre 
Kalke,  die  neben  dem  Riff  abgelagert  wurden.  Ueber  diesen 
Gesteinen  aber  liegen  auch  hier,  auf  der  kahlen,  sich  nach  N. 
anschliessenden  Höhe,  mit  flacher  Lagerung  dieselben  dünn- 
schichtigen rothen  Crinoidenkalke,  wie  über  dem  weissen  Riffkalk 
des  Slati  Kun  und  der  Kobyla. 

Wie  aber  Riff-  und  Crinoidenkalk  ihrem  Niveau  nach  ge- 
trennt sind,  so  sind  sie  es  auch  durch  ihre  Versteinerungsführung. 
Der  Riffkalk  ist  es,  der  die  bekannte,  in  allen  Sammlungen 
verbreitete  Fauna  von  Konjeprus  einschliesst.  Wir  nennen  von 
den  hierher  gehörigen  Arten  als  besonders  bezeichnend  Terebratula 
melonica,  Rhynchonella  princeps,  Henrici  u.  a.,  Pentamerus  Sieberi , 
Spirifer  togatus , Nerei  u.  a.,  Retzia  Haidingeri,  Orthis  palliata , 
Gervillei  u.  a.,  Strophomena  Stephani ; ferner  Conocardium  bohemi- 
cum , Platyostoma  naticoides  A.  Roem.  (—  gregaria  Barr.)  x), 
Platyceras  mons,  conicum  u.  a.,  Tubina  und  Tremanotus,  Gyroceras 
alatum , Orthoceras  pseudocalamiteum  u.  a.,  Bronteus  palifer  u.  a., 
Proetus  bohemicus,  Harpes  venulosus,  Aristozoe  regina.  Dazu 
kommen  noch  zahlreiche  Favositen  und  andere  stockbildende 
Korallen,  Bryozoen,  Crinoiden  und  Anderes. 

Nur  wenige  von  diesen  Arten  gehen  in  den  Crinoiden- 
kalk hinauf,  der  eine  ganz  abweichende,  besonders  aus  Trilo- 
biten  und  Brachiopoden  zusammengesetzte  Fauna  enthält,  für  die 
besonders  bezeichnend  sind  die  dem  Riffkalk  völlig  fehlenden 
Goniatiten  und  die  — allerdings  seltenen  — Odontochilen. 

Am  Pleschiwetz,  zwischen  Mnenian  und  Konjeprus, 
sammelten  wir  im  fraglichen,  grobkrystalliuischen,  röthlichen  Kalk 
folgende  Arten: 

Bronteus  speciosus  Corda  (—  thysanopeltis  Barr.) 

» Dormitzeri  Barr. 

» formosus  Barr. 

» oblongus  Barr.? 

» angusticeps  Barr.? 


')  = sigmoidalis  Phill.  sp.  nach  Whidbokne.  (??) 


270 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Heber  die  stratigraphischen 


Bronteus  elongatus  Barr. 

» brevifrons  Barr. 

Acidaspis  vesiculosa  Beyr. 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

» breoiceps  Barr. 

» Zorgensis  Kays. 

Proetus  Dufresnoyi  Corda. 

» Buchi  Barr. 

» eremita  Barr. 

» unguloides  Barr. 

» tuberculatus  Barr. 

» ascanius  Corda. 

» natator  Barr. 

» orbitatus  Barr. 

» myops  Barr. 

» cf.  lepidus  Barr. 

» » lusor  Barr. 

» ßlicostatus  Barr.  *) 

Phaetonellus  planicauda  Barr. 

Cheirurus  gibbus  Beyr. 

» Sternbergi  Boeck. 

Harpes  reticulatus  Corda. 

Mimoceras  gracile  v.  Mey.  (—  ambigena  Barr.) 

Anarcestes  crispus  Barr. 

» n.  sp.  (plebejus  Barr.  Syst.  Silur,  vol.  II, 
pl.  5,  fig.  1 —5)  2). 

Orthoceras  patronum  Barr. 

» commutatum  Gieb.? 

Pleurotomaria  humillima  Barr.  (Maur.) 

Platyceras  Halfari  Kays. 


*)  Nach  Novak  auch  bei  Bicken  vorkommend.  Der  Fundort  ist  indess 
unsicher,  und  ebenso,  ob  die  Form  aus  dem  Ballersbacher  oder  Günteroder 
Kalk  stammt. 

a)  In  der  Jugend  dick  mit  niedergedrückten  Umgängen,  später  flach  und 
verhältnissmässig  hochmündig  werdend. 


Beziehungen'  der  böhmischen  Stufen  F,  6,  H Babrande’s  etc.  271 


Platyceras  Halfari  var.  rostrata  Barr. 

» disjunctum  Gieb. 

Hyolithes  pauper  Barr. 

Tentaculites  acuarius  Richt.  (=  longulus  Barr.) 
Buchiola  aff.  restrostriata  v.  B. 

Atrypa  reticularis  Linst. 

» arimaspus  Eichw.  (=  comata  Barr.)? 

» ? Thetis  Barr. 

» ? Philomela  Barr. 

Merista  passer  Barr. 

Nucleospira  inelegans  Barr. 

Spirifer  indifferens  Barr. 

» unguiculus  Barr,  non  Sow. 

» orbitatus  Barr. 

» Thetidis  Barr. 

Rhynchonella  matercula  Barr. 

» alecto  Barr. 

» nitidula  Barr. 

» palumbina  Barr. 

» monas  Barr. 

Eichwaldia  n.  sp.  (grosse  Form  mit  groblöcheriger 
Structur  der  Schale). 

Pentamerus  procerulus  Barr. 

» gäleatus  Dalm.  ? 

Streptorhynchus  devonicus  d’Orb.  = Orthis  distorta  Barr. 
Strophomena  emarginata  Barr. 

» interstrialis  Phill.  (=  Phillipsi  Barr.) 

» tenuissima  Barr. 

Chonetes  inconstans  Barr. 

Proteocystites  flavus  Barr. 

Staurosoma  rarum  Barr. 

Petraja  Barrandei  MaüR. 

Amplexus  hercynicus  A.  Roem. 

Cladochonus  ( Pustulipora ) Greif ensteinensis  MaüR. 


212  E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Üeber  die  stratigraphischen 

Nach  NovXk  !)  finden  sich  in  demselben  Gestein  bei  Kon- 
jeprus  und  Mnenian  noch 

Proetus  crassimargo  A.  Roem. 

Arethusina  peltata  Nov. 

Cheirurus  Cordai  Barr. *  2) 

Die  Marburger  Sammlung  besitzt  ferner  aus  dem  gleichen 
Gestein  von  Mnenian 

Calymene  Blumenbachi  Brongn. 

Bronteus  perlongus  Barr., 

und  in  verschiedenen  privaten  und  öffentlichen  Sammlungen  Böh- 
mens endlich  sahen  wir  aus  dem  rothen  Kalk  derselben  Oertlich- 
keit  noch 

Proteus  moestus  Barr. 

Lichas  Haueri  Barr. 

Acidaspis  truncata  Corda. 

Calymene  interjecta  Corda. 

Bronteus  pustulatus  Barr. 

Odontochile  rugosa  Corda. 

» Reussi  Barr. 

In  den  oben  erwähnten  gelblichen  Kalken,  die  am  Wege 
nach  den  Mnenianer  Marmorbrüchen  anstehen,  sammelten  wir  in 
kleinen,  zu  beiden  Seiten  der  Strasse  liegenden  Gruben  folgende 
Species  3): 

Cheirurus  Sternbergi  Boeck  (in  einer  besonderen,  nur 
wenige  Centimeter  starken  Bank,  die  ganz 
mit  seinen  Resten  erfüllt  ist). 

!)  Vergleichende  Studien  an  Trilob.  Hercyn  etc.  1890.  S.  44  und  4. 

2)  Nach  Novak  auch  bei  Bicken  vorkommend.  Der  Fundort  ist  indess 
unsicher,  und  ebenso,  ob  die  Form  aus  dem  Ballersbacher  oder  aus  dem  Günte- 
roder Kalk  stammt. 

3)  Die  innige  Verbindung  des  gelben  Kalkes  mit  dem  rothen  ergiebt  sich 
schon  aus  der  grossen  Anzahl  der  beiden  gemeinsamen  Arten.  Es  sind  das  nach 
unseren  Aufsammlungen:  Bronteus  speciosus  und  Dormitzeri;  Phacops  fecundus 
major  und  breviceps;  Proetus  eremita  und  orbitatus;  Cheirurus  Sternbergi  und 
gibbus , Lichas  Haueri , Atrgpa  Philomela  und  Thetis;  Merista  passer , Spirifer 
indifferens  und  orbitatus;  Strophomena  interstrialis;  Amplexus  hercynicus  und 
Petraja  Barrandei. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  273 


Cheirurus  gibbus  Beyr. 

Phacops  breviceps  Barr,  (in  einer  besonderen  Schicht). 
Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

Proetus  neglectus  Barr. 

» orbitatus  Barr. 

» eremita  Barr. 

Lichas  Haueri  Barr. 

Bronteus  speciosus  Corda. 

» Dormitzeri  Barr. 

» oblongus  Corda. 

Harpes  Montagnei  Corda. 

» Orbignyanus  Barr. 

Agoniatites  fidelis  Barr.  (In  einer  Schicht  sehr  grosse 
Exemplare.) 

» verna  Barr. 

Anarcestes  neglectus  Barr. 

Atrypa  Philomela  Barr. 

» ? Thetis  Barr. 

Merista  passer  Barr. 

» Bauds  Barr. 

Spirifer  indifferens  Barr. 

» _ orbitatus  Barr. 

Strophomena  interstrialis  Phill. 

Chonetes  embryo  Barr. 

Amplexus  hercynicus  A.  Roem. 

Die  Marburger  Sammlung  endlich  enthält  aus  früherer  Zeit 
aus  demselben  gelblichen  Grestein,  nach  der  Etikette  von  Mnenian, 
noch 

Hyolithes  discors  Barr. 

Bronteus  Scharyi  Barr. 

» cf.  angusticeps  Barr. 

Proetus  moestus  Barr. 

» fallax  Barr. 

Die  Fauna  der  geschichteten  Kalke  ist  nach  Obigem  von  der 
des  weissen  Massenkalkes  sehr  verschieden.  Diese  Unterschiede 


Jahrbuch  1893. 


18 


274  E.  Kayser  und  E.  Holzappel,  lieber  die  stratigraphischen 

sind  so  auffällig,  dass  man  sich  wundern  muss,  wenn  sie  bisher 
so  wenig  Beachtung  gefunden  haben.  Zwar  war  es  schon 
Barrande  aufgefallen,  dass  Bronteus  speciosus  und  einige  andere 
Trilohiten  auf  bestimmte  Bänke  der  Gegend  von  Konjeprus  und 
Mnenian  beschränkt  seien x);  allein  er  legte  diesem  Umstande 
keine  besondere  Bedeutung  bei,  ebenso  wenig  wie  Krejci,  Novak 
und  Frech.  Der  letztere  wies  zwar*  2)  nachdrücklicher  als  die 
übrigen  genannten  Forscher  auf  die  faunistischen  Unterschiede 
beider  Kalke  hin;  unglücklicherweise  aber  stellte  er  das  rothe 
Gestein  nicht  über,  sondern  unter  das  weisse  — eine  Auf- 
fassung, an  der  er  bis  auf  die  neueste  Zeit  festgehalten  hat  3). 

Dass  dieselbe  irrig  ist,  zeigt  schon  die  Untersuchung  der 
Abfälle  der  Konjepruser  Kalkmasse  ins  Suchomaster  Thal  (vergl. 
das  Profil  S.  268),  wo  die  Grenze  zwischen  F2  und  E2  gut  ent- 
blösst  ist.  In  dem  tiefsten,  der  Grenze  ganz  nahe  liegenden 
Theile  des  Riffkalkes  fanden  wir  eine  Reihe  bezeichnender  Arten 
des  Kalkes  vom  Slati  Kun,  nämlich  Rhynchonella  nympha , princeps 
und  Henrici , Platyceras  mons  und  conicum  u.  a.,  Atrypa  semiorbis 
und  zahlreiche  sehr  dicke  Stielglieder  von  Crotalocrinus  (wie  die- 
selben, wenngleich  seltener,  auch  am  Slati  Kun  Vorkommen). 
Vom  dünnschichtigen  rothen  oder  gelben  Kalk  aber  war  hier 
ebensowenig  eine  Spur  wahrzunehmen,  wie  an  der  Grenze  zwischen 
Riffkalk  und  Obersilur  an  den  Gehängen  der  Beraun  oberhalb 
Karlstein  oder  im  Thale  von  St.  Iwan. 

Wir  bezeichnen  die  beiden,  von  Barrande  in  seiner  Stufe  F2 
zusammengefassten  Kalke  als  Konjepruser  und  Mnenianer 
Kalk.  Wir  selbst  kennen  den  letzteren  in  typischer  Ausbildung 
nur  aus  der  Gegend  zwischen  Mnenian  und  Konjeprus.  Der 
Umstand  indessen,  dass  wir  in  verschiedenen  Sammlungen  Stücke 
eines  ähnlichen  rothen  Kalks  mit  bezeichnenden  Arten  des  Mne- 
nianer Kalkes  von  anderen  als  den  genannten  Punkten  gesehen 
haben,  lässt  darauf  schliessen,  dass  das  Gestein  eine  weitere  Ver- 

!)  Syst.  Silur,  vol.  I.,  pag.  457,  844,  848  etc. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  S.  918. 

3)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  S.  918;  1887,  S.  406;  1889,  S.  236. 
Harnische  Alpen  1894,  S.  294. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stuten  F,  Gr,  H Barrande’s  etc.  275 

breitung  besitzt.  So  sahen  wir  im  böhmischen  Nationalmuseum 
in  Prag  aus  einem  röthlichen,  krystallinischen  Kalk  von  Slichow: 
Bronteus  speciosus,  Dormitzeri , Brongniarti , viator , pustulatus  und 
oblongus,  Calymene  sp.,  Cheirurus  gibbusf,  Cyphaspis  hydrocephala 
A.  Roem.  (=  Barrandei  Corda),  Lichas  Haueri  u.  s.  w.  Weisen 
diese  Arten  auf  eine  Vertretung  des  Mneniankalkes  an  der  ge- 
nannten Oertlichkeit  hin,  so  zeigen  von  Slichow  stammende,  in 
der  Aachener  Sammlung  aufbewahrte  weisse  Kalke  mit  Rhyncho- 
nella  princeps  und  Phacops  Sternbergi , dass  dort  daneben  auch  der 
Konjepruser  Kalk  entwickelt  ist.  Ebenso  sprechen  der  Marburger 
Sammlung  angehörige  Stücke  von  dunkelrothem , feinkrystallini- 
schem  Kalk  von  Gross- Küchel  mit  Bronteus  formosus  und  perlongus 
und  Cheirurus  gibbus  für  das  Vorkommen  des  Mneniankalkes  auch 
an  diesem  Punkte.  Denselben  Schluss  gestattet  endlich  ein  in 
der  Göttinger  Sammlung  liegendes  Stück  rothen  Crinoidenkalkes 
mit  Mimoceras  gracile , das  Prof.  v.  Koenen  vor  Jahren  auf  einer 
Excursion  mit  Prof.  NovIk  auf  der  rechten  Seite  der  Beraun 
unter  Tetin  gesammelt  hat. 

Wenn  somit  der  Mneniankalk  vom  unterliegenden  Konjepruser 
Kalk  stratigraphisch  wie  faunistisch  scharf  getrennt  ist,  so  scheint 
er  andererseits  nahe  Beziehungen  zu  Barrande’s  Knollen- 
kalk G 1 zu  besitzen.  Es  fällt  schon  auf,  dass  eine  Ueberlagerung 
des  Mnenianer  Kalkes  durch  G 1 nirgends  deutlich  zu  beobachten 
ist.  So  fehlt  G 1 auf  dem  Kalkplateau  von  Tobolka — Konjeprus, 
tritt  aber  an  dessen  Rändern  auf.  Am  Damil  bei  Tetin  liegt  G 1 
auf  weissen,  krystallinischen  Kalken,  die  zwar  keine  ausgesprochene 
Fauna  geliefert  haben,  die  aber  dem  Konjepruskalk  sehr  ähnlich 
sind,  während  der  ächte  Mneniankalk  fehlt.  Ebensowenig  haben 
wir  im  Beraunthale  zwischen  Karlstein  und  Srbsko  zwischen  dem 
hellen  Riffkalk  und  G 1 irgendwo  unzweifelhaften  Mnenianer  Kalk 
beobachtet.  Zwischen  Hostin  und  St.  Iwan  lagert  G1  zunächst 
auf  geschichteten  hell-  bis  weissgrauen  Kalken  mit  Odontochile, 
dann  folgt  Konjepruser  Kalk,  so  dass  hier  ein  Uebergang  zwischen 
G 1 und  Mnenianer  Kalk  vorhanden  zu  sein  scheint.  — Es  ge- 

18* 


276 


E.  Kayseb  und  E.  Holzappel,  lieber  die  stratigrap bischen 


winnt  so  den  Anschein,  als  ob  der  Mneniankalk  nur  eine  örtliche 
Bildung  ist,  die  da,  wo  sie  fehlt,  durch  G1  vertreten  wird. 

Die  innige  Beziehung  beider  Gebilde  ergiebt  sich  weiter  da- 
raus, dass  nicht  selten  inmitten  typischer  G ^Kalke  röthliche,  dem 
Mnenianer  Gestein  sehr  ähnliche  Kalke  auftreten.  So  sahen  wir 
solche  in  einem  kleinen  Steinbruche  auf  der  Höhe  gleich  über 
Klein -Küchel  und  in  stärkerer  Entwicklung  bei  der  Cikanka  im 
Radotiner  Thal. 

Endlich  aber  scheinen  beide  Gesteine  auch  in  palaeontologi- 
scher  Beziehung  durch  zahlreiche  Fäden  verbunden  zu  sein.  Viele 
Arten  sind  beiden  gemein.  So  allein  von  Trilobiten  Lichas  Haueri , 
Calymene  interjecta , Bronteus  speoiosus,  viator  und  pustulatus , Cy- 
phaspis  hydrocephala , Proetus  planicauda  und  lepidus , Phacops 
breviceps,  Cheirurus  Sternbergi , Harpes  Orbignyanus , Odontocliile 
rugosa  und  Reussi  und  wohl  noch  manche  andere. 

Nach  allem  dem  scheinen  der  Mnenianer  Kalk  und  der 
Knollenkalk  G1  zu  einander  in  ähnlichem  Verhältnisse  zu  stehen, 
wie  der  Konjepruser  Kalk  und  der  F1-Kalk.  Fr.  Katzer  hatte 
daher  nicht  so  Unrecht,  wenn  er  aussprach,  dass  F 2 sich 
wenigstens  theil weise  als  Facies  von  G1  betrachten  liesse *). 
Allerdings  gilt  dies  nur  für  den  Mnenianer  Kalk  und  nicht  auch 
für  den  Konjepruser. 

Ueber  die  im  Hangenden  von  G1  liegenden  Glieder 
des  böhmischen  Devon  haben  wir  nur  wenige  Beobachtungen  ge- 
macht. Die  Tentaculitenschiefer  der  Stufe  G2  sind  denen  unseres 
rheinischen  Mitteldevon  sehr  ähnlich.  Auch  die  sandigen  Schiefer 
der  Stufe  H mit  den  ihnen  eingeschalteten  Quarzitplatten  erinnern 
an  ähnliche  Gesteine  im  Mitteldevon  Ostthüringens  und  des  hessi- 
schen Hinterlandes.  Interessant  war  es  uns,  in  der  DüSEifschen 
Sammlung  in  Beraun  ein  kleines,  aber  sehr  deutliches  Exemplar 
von  Strmgocephalus  Burtini  aus  II  zu  sehen.  Die  grauen  und 
rothen  Knollenkalke  von  G3,  wie  man  sie  so  schön  bei  Hlubocep, 

*)  Geol.  v.  Böhmen,  1026.  — Bemerkenswerth  ist  dabei,  dass  sowohl  Cr1 
wie  auch  F1  tentaculitenführende,  tiefere  Meeresabsätze  darstellen,  während  der 
Mneniankalk  und  insbesonders  F2  seichtere  Bildungen  sind. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Barrande’s  etc.  277 

Hostin,  gegenüber  Srbsko,  in  der  Kodaschlucht  und  anderweitig 
beobachtet,  sind  petrographisch  den  mittel-  und  oberdevonischen 
Nierenkalken  des  Rheinlandes  sehr  ähnlich,  wenn  diese  auch 
nirgends  eine  gleich  mächtige  Entwicklung  erlangen.  Besonders 
bezeichnend  ist  für  diese  Kalke  die  Häufigkeit  von  Anarcestes 
lateseptatus  (=  plebejus  Barr.)  in  grossen,  verhältnissmässig 
flachen,  weitnabeligen  Individuen. 


Ueber  die  Alters -Beziehungen  der  verschiedenen  Glieder 
des  böhmischen  und  rheinischen  Devon. 

Wie  schon  wiederholt  hervorgehoben,  haben  bereits  ver- 
schiedene Forscher,  insbesondere  NoviK,  auf  die  petrographische 
und  faunistische  Aehnlichkeit  des  Mnenianer  Kalks  mit  demjenigen 
von  Greifenstein  hingewiesen.  NovXk  findet  die  Uebereinstim- 
mung  in  der  Gesteinsbeschaflenheit  so  gross,  dass  selbst  der  Kenner 
nebeneinanderliegende  Stücke  beider  Vorkommen  nicht  zu  unter- 
scheiden vermöchte  x).  Die  palaeontologische  Uebereinstimmung 
aber  mache  sich  nicht  nur  in  einer  Anzahl  gemeinsamer  Trilobiten 
»der  rothen  Bank  des  Kalkes  von  Konjeprus«  (unseres  Mnenianer 
Kalks),  sondern  auch  in  einer  Reihe  gemeinsamer  Brachiopoden 
und  Korallen  geltend.  Novak  spricht  daher  als  seine  Ueber- 
zeugung  aus,  dass  die  Fauna  von  Greifenstein  als  ein  Äquivalent 
derjenigen  der  Barrande  ’ sehen  Etage  F 2 zu  betrachten  sei. 
Auch  für  die  Faunen  von  Bicken  und  Wildungen  (d.  h.  unseren 
Günteroder  Kalk)  vermuthet  er  ein  Gleiches. 

Diese  Anschauungen  enthalten  einen  sehr  richtigen  Kern,  in- 
sofern der  Greifensteiner  Kalk  in  der  That  ein  strati- 
graphisches und  palaeontologisches  Aequivalent  des 
Mnenianer  Kalkes  darstellt  — aber  auch  nur  dieses  letzteren, 
beileibe  nicht  der  ganzen  Barrande  ’ sehen  Stufe  F2.  Dass  dem 
so  sei,  erkannten  wir  schon  am  ersten  Tage  unseres  Sammelns  im 
fraglichen  Kalke  und  fanden  es  in  der  Folge  immer  mehr  bestätigt. 
Insbesondere  haben  unsere  im  Laufe  des  Winters  ausgeführten 


')  Vergleichende  Studien  an  Trilobiten  des  Hercyn.  S.  4. 


278 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  lieber  die  strati  graphischen 


sorgfältigen  palaeontologischen  Studien  die  weitgehendste  Ueberein- 
stimmung  des  Mnenianer  und  Greifensteiner  Kalkes  ergeben. 

In  unseren  Händen  befinden  sich  folgende,  sowohl  im  Mne- 
nianer als  auch  im  Greifensteiner  Kalk  vorkommende  Arten: 
Bronteus  speciosus  Carra. 

» Dormitzeri  Barr. 

» angusticeps  Barr. 

» elongatus  Barr. 

» brevifrons  Barr. 

Proetus  eremita  Barr. 

» unguloides  Barr. 

» orbitatus  Barr. 

» crassimargo  A.  Roem. 

» planicauda  Barr. 

» myops  Barr. 

Arethusina  peltata  Nov.  1). 

Acidaspis  vesiculosa  Beyr. 

» pigra  Barr. 

Cyphaspis  hydrocephala  A.  Roem. 

Lichas  Haueri  Barr. 

Phacops  fecundus  Barr.  var.  major. 

» breviceps  Barr. 

» Zorgensis  Kays. 

Harpes  reticulatus  Corda. 

» Montagnei  Corda. 

Mimoceras  gracile  H.  v.  Mey. 

Agoniatites  fidelis  Barr. 

Anarcestes  neglectus  Barr. 

Orthoceras  patronum  Barr.  2). 

» cnf.  commutatum  Gieb.? 

Platyceras  Halfari  Kays.  var.  rostrata  Barr. 


b Nach  Novak,  Yergl.  Stud.  Trilob.  d.  Hercyn.  S.  20. 

2)  Ident  ist  vielleicht  das  Harzer  0.  raphanistrum  A.  Roem.  (Kayser,  ält, 
Fauna  d.  Harzes  Taf.  12,  Fig.  6.) 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G-,  H Barrande’s  etc.  279 

Pleurotomaria  humillima  Barr.  (Maur.) 

» disjunctum  Gieb. 

Tentaculites  acuarius  Richt. 

Atrypa ? Philomela  Barr. 

» arimaspus  Eichw.?  5). 

» reticularis  L. 

Athyris  Thetis  Barr. 

Merista  Bauds  Barr. 

» passer  Barr. 

Nucleospira  inelegans  Barr. 

Spirifer  indiferens  Barr. 

» superstes  Barr. 

» orhitatus  Barr. 

Rhynchonella  matercula  Barr. 

Leptaena  tenuissima  Barr. 

Strophomena  emarginata  Barr. 

Amplexus  hercynicus  A.  Roem. 

Petraja  Barrandei  Maur. 

Cladochonus  ( Pustulipora ) Greifensteinensis  Maur. 

Dazu  kommen  aus  dem  gleichaltrigen  Ballersbacher  Kalk 
Hyolithes  pauper  Barr. 

Merista  securis  Barr. 

Strophomena  Sowerbyi  Barr. 

und  vielleicht  noch  Proetus  filicostatus  Nov.  und  Cheirurus  Cordai 
Barr.,  falls  diese  von  Novae  von  Bicken  beschriebenen  Formen 
aus  dem  Ballersbacher  Kalk  stammen  sollten. 

Es  sind  das  schon  einige  40  sicher  bestimmte,  in  beiden 
Kalken  nachgewiesene  Arten,  die  sich  auf  Trilobiten,  Brachiopodeu, 
Cephalopoden,  Gastropoden,  Korallen  u.  a.  vertheilen.  Besonders 
wichtig  ist  die  Uebereinstimmung  der  Goniatiten,  unter  denen 
neben  Mimoceras  gracile , der  Leitform  der  älteren  Wissenbacher 


9 Wird  von  Fbech  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1889,  S.  266)  von 
Greifenstein  angeführt. 


280 


E.  Kayser  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphischen 


Schiefer,  namentlich  Agoniatites  ficlelis  ins  Gewicht  fällt,  da  diese 
Art  im  Rheinland  bisher  allein  von  Greifenstein  bekannt  ist. 

Nach  allem  dem  kann  die  stratigraphische  Aequivalenz  des 
Mnenianer  und  Greifensteiner  Kalkes  als  gesichert  gelten.  Aus 
diesem  Ergebniss  aber,  sowie  aus  dem  weiteren  Umstande,  dass 
wahrscheinlich  auch  die  Barrande  ’ sehen  Knollenkalke  G1  nur 
eine  Facies  des  Mnenianer  Kalkes  darstellen,  leiten  sich  unmittelbar 
eine  Reihe  wichtiger  Schlüsse  auf  die  stratigraphische  Stellung 
der  übrigen  Glieder  des  böhmischen  Devon  ab. 

Was  zunächst  F2  und  das  ihm  gleichwerthige  F1  betrifft,  so 
können  diese  Gebilde  nicht,  wie  bisher  allgemein  angenommen 
wurde,  bloss  ein  Aequivalent  des  tiefsten  Unterdevon  (etwa  des 
Gedinnien  oder  der  Siegener  Schichten)  sein,  sondern  müssen 
das  gesammte  Unterdevon  vertreten.  Ob  eine  Gliederung  dieser 
Schichtenfolge  möglich  ist,  wird  nur  durch  systematisches  Sammeln 
der  Fauna  zu  ermitteln  sein. 

Weiter  ergiebt  sich  aus  der  Stellung  des  Mnenianer  Kalkes 
an  der  Basis  des  Mitteldevon,  dass  G2  nicht  nach  der  Meinung 
Frech’s1)  ins  obere  Unterdevon  zu  stellen  ist,  sondern  — gleich 
einem  grossen  Theil  der  hessisch-nassauischen  und  thüringischen 
Tentaculitenschiefer  — ein  Glied  des  älteren  Mitteldevon  bilden 
muss  2). 

Das  Gleiche  gilt  für  die  höheren  Stufen  Gs  und  H,  welche 
ebenfalls  noch  mitteldevonischen  (und  nicht,  wie  in  Credner’s 
neuesten  Elementen  der  Geologie 3)  für  H angenommen  wird, 
oberdevonischen)  Alters  sind.  Beweisend  ist  hierfür  der  in  H vor- 
kommende Stringocephalus  Burtim,  sowie  die  petrographische  Aehn- 
lichkeit ' dieser  Stufe  mit  manchen  rheinischen  Mitteldevonschiefern. 

')  Zeitschr.  d.  Deutsch  geol.  Ges.  1889,  Tabelle  zu  S.  226. 

2)  Öb  6r2  wirklich  eine  selbstständige  Stufe  darstellt,  muss  noch  etwas 
zweifelhaft  erscheinen.  Der  nur  in  diesem  Niveau  vorkommende  Agoniatites  fecun- 
dus  könnte  allerdings  darauf  hinweisen,  falls  er  eine  eigene  Species  und  nicht  etwa 
= Dannenbergi  Beyr.  — Zorgensis  A.  Roem.  ist.  Für  seine  Selbstständigkeit  würde 
das  anscheinende  Fehlen  von  Randfurchen  sprechen;  doch  ist  die  Erhaltung  zu 
schlecht,  um  hierüber  völlige  Klarheit  zu  erlangen. 

3)  1891,  S.  441. 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  Gr,  H Bariiande V etc.  281 


Was  die  genauere  Horizontirung  dieser  Stufen  betrifft,  so  kommt 
hier  in  erster  Linie  die  ziemlich  reiche  Goniatitenfauna  der  Knollen- 
kalke G 3 in  Betracht,  von  der  Frech  zuerst  nachgewiesen  hat, 
dass  sie  im  Wesentlichen  mit  derjenigen  der  jüngeren  Wissenbacher 
übereinstimmt1).  In  der  That  weisen  Arten  wie  Agoniatites  occultus , 
Anarcestes  vittatus  und  Pinacites  Jugleri  A.  Roem.  (=  emaciatus  Barr.) 
auf  diesen  Horizont  oder  Frech’s  »Stufe  des  Goniatites  occultus « 
hin,  wenngleich  zu  dieser  Niveaubestimmung  die  bei  Hlubocep 
gleichzeitig  vorkommenden  Mimoceras  gracile  und  Ilercoceras  sub- 
tioberculatum  Sandb.  (=  mirum  Barr.)  schlecht  passen  wollen, 
'da  diese  Arten  am  Rhein  auf  die  älteren  Wissenbacher  Schiefer 
'beschränkt  sind.  Nehmen  wir  trotzdem  an,  dass  Gs  den  jüngeren 
Wissenbacher  Schiefern  und  dem  Günteroder  Kalk  entspricht,  so 
würden  wir  es  gleich  letzterem  als  ein  Aequivalent  der  Eifeier 
-Calceola- Stufe  anzusehen  haben.  H würde  dann  den  Stringo- 
cephalenschichten  gleichzustellen  sein.  Die  in  H nicht  selten  er- 
scheinende Buchiola  cnf.  retrostriata  würde  nur  zu  Gunsten  dieser 
Parallelisirung  sprechen,  da  diese  Gattung  oder  Gruppe  auch  im 
rheinischen  Gebirge  im  Odershäuser  Kalk  schon  ziemlich  häufig 
ist,  um  durch  den  Briloner  Horizont  bis  an  die  obere  Grenze  des 
Oberdevon  hinaufzugehen,  (z2  endlich  könnte  mit  einem  tieferen 
Horizonte  der  Calceola-  Stufe  verglichen  werden.  Die  hier  nicht 
seltene,  nach  Frech  2)  mit  Str.  subtransversa  Schnur  aus  den 
Eifeier  Calceola- Schichten  übereinstimmende  Strophomena  comitans 
Barr,  würde  diese  Parallelisirung  unterstützen. 

Es  sei  uns  noch  gestattet,  hier  ein  paar  Worte  über  den 
Gebrauch  des  Namens  »Hercyn«  zuzufügen.  Ursprünglich  wollte 
der  Eine  von  uns  darunter  nur  die  Kalkfacies  des  allertiefsten 
Unterdevon  verstanden  wissen.  Als  sich  aber  später  herausstellte, 
■dass  die  Schichtenfolge,  welche  im  Harz  die  hercynische  Fauna 
einschliesst,  unmittelbar  und  gleichförmig  von  quarzitischen  Ge- 
steinen mit  der  Obercoblenzfauna  überlagert  wird,  wurde  es  nöthig 
jener  Bezeichnung  eine  grössere  Ausdehnung  zu  geben,  so  dass 


b Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  S.  919. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  S.  919. 


Jahrbuch 


19 


282 


E.  Kay ser  und  E.  Holzapfel,  Ueber  die  stratigraphischen 


sie  auch  die  kalkige  Entwickelungsform  höherer,  durch  bestimmte- 
alterthümliche  Formen  ausgezeichneter  Unterdevon-Horizonte  um- 
fasste. Spätere  Forscher  aber  sind  im  Gebrauche  des  Wortes 
weiter  gegangen  und  haben  sogar  mitteldevonische  Faunen  als 
hercynisch  bezeichnet. 

Wenn  Sandberger  letzteres  neuerdings  für  unzulässig  er- 
klärt, so  können  wir  ihm  nur  beistimmen.  Auch  wir  sind  der 
Ansicht,  dass,  wenn  man  den  Ausdruck  Hercyn  überhaupt  bei- 
behalten will,  man  ihn  auf  solche  Schichten  beschränken  sollte, 
die  den  kalkführenden  unteren.  Wieder  Schiefern  des  Harzes,  für 
die  der  Name  ursprünglich  aufgestellt  worden  ist,  im  Alter  gleich 
oder  doch  nicht  zu  ferne  stehen,  das  heisst  auf  unterdevonische 
Bildungen.  Ausser  den  Harzer  unteren  Wieder  Schiefern  selbst, 
die  — wie  wir  jetzt  wissen  — kaum  älter  sein  können  als  die- 
Unter-Coblenz-  oder  höchstens  die  Siegener  Schichten,  würden 
dann  als  hercynisch  zu  bezeichnen  sein:  der  böhmische  Konjeprus- 
Kalk,  der,  wie  wir  gesehen,  dem  gesammten  Unterdevon  entspricht, 
der  französische  Kalk  von  Erbray,  einige  uralische  Kalke  (vom 
Bjelaja-Fluss  u.  a.)  und  das  amerikanische  Unter-Helderberg,  aber 
nicht  die  Kalke  von  Greifenstein  und  Mnenian  oder  gar  diejenigen 
von  Günterod  und  Wildungen. 


In  kurzer  Zusammenfassung  würden  die  Ergebnisse  dieser 
Arbeit  sich  in  folgenden  Sätzen  ausdrücken  lassen: 

1.  Die  Kalke  der  rechts-rheinischen  Tentaculitenschiefer  ge- 
hören nach  den  bisherigen  Ermittelungen  hauptsächlich  zwei  Hori- 
zonten an":  einem  älteren,  der  den  tieferen  Wissenbacher  Schiefern 
oder  der  Stufe  des  Mimoceras  gracile  entspricht  und  demgemäss 
als  ein  Aequivalent  der  C'ultrijugattisSchichten  der  Eifel  an  die 
Basis  des  Mitteldevon  zu  stellen  ist,  und  einem  höheren,  der  den 
oberen  Wissenbacher  Schiefern  oder  der  Stufe  des  Agoniatites  occultus 
gleichsteht  und  den  Calceola-  Schichten  entspricht.  Einem  noch 
höheren  Horizonte  gehören  die  erst  in  neuerer  Zeit  ausgeschiedenen,, 
oben  als  Odershäuser  Kalke  beschriebenen  Gesteine  an,  die  der 


Beziehungen  der  böhmischen  Stufen  F,  G,  H Bakrasdb’s  etc.  283 


Crinoidenschicht  der  Eifel  bezw.  den  unteren  Stringocephalen- 
Schichten  gleichzustellen  sind. 

2.  Dem  tiefsten  dieser  Horizonte  gehört,  wie  stratigraphische 
und  palaeontologische  Thatsachen  beweisen,  auch  der  Crinoidenkalk 
von  Greifenstein  an. 

3.  Die  böhmische  Etage  F 2 Barrande’s  ist  keine  einheitliche 
Schichtenfolge,  sondern  besteht  aus  zwei  durch  ihre  Lagerung, 
Gesteinsbeschaffenheit  und  Versteinerungsführung  scharf  getrennten 
Gliedern,  einem  tieferen,  das  sich  aus  mächtigen,  meistens  schich- 
tungslosen, hellen  Riffkalken  aufbaut,  und  einem  höheren,  das 
überwiegend  aus.  wohlgeschichteten,  röthlichen  Crinoidenkalken 
zusammengesetzt  ist. 

4.  Diese  letzteren,  die  in  typischster  Entwickelung  in  der 
Gegend  von  Mnenian  auftreten  und  daher  als  »Mnenianer  Kalk« 
bezeichnet  werden  können,  erweisen  sich  durch  ihre  Fauna  als  ein 
Aequivalent  des  Greifensteiner  Kalkes,  dem  sie  auch  petrographisch 
überraschend  ähnlich  sind.  Der  Mnenianer  Kalk  ist  somit  eben- 
falls an  die  untere  Grenze  des  Mitteldevon  zu  stellen. 

5.  Stratigraphische,  petrographische  und  palaeontologische 
Thatsachen  sprechen  für  nahe  Beziehungen  des  Mnenianer  Kalkes 
zum  Knollenkalke  G 1 Barrande’s.  Dieser  ist  daher  wahrschein- 
lich gleichfalls  an  die  untere  Grenze  des  Mitteldevon  zu  setzen. 

5.  Aus  der  angegebenen  Stellung  des  Mnenianer  Kalks,  sowie 
aus  dem  Umstande,  dass  Nichts  auf  einen  Hiatus  zwischen  ihm 
und  dem  ihn  unterlagernden  hellen  Riffkalk,  dem  »Konjepruser 
Kalk«  hinweist,  folgt  ohne  Weiteres,  dass  der  letztere  (sammt  dem 
mit  ihm  innig  verknüpften  F1-Kalk)  das  gesammte  Unterdevon 
vertreten  muss. 

7.  Eine  weitere  Folge  der  Altersstellung  des  Mnenianer  Kalks 
ist,  dass  die  ihn  überlagernden  Glieder  des  böhmischen  Devon, 
Barrande’s  Glieder  6r2,  G3  und  W,  jünger  sein  müssen  als  das 
älteste  Mitteldevon.  Petrographische  und  palaeontologische  Gründe 
weisen  auf  die  Zugehörigkeit  dieser  ganzen  Schichtengruppe  zum 
Mitteldevon  hin. 

8.  Wie  schon  Frech  nachgewiesen,  sprechen  die  Goniatiten 
des  Knollenkalks  G 3 für  ein  den  oberen  Wissenbacher  Schiefern 


284  E.  Kaysek  und  E.  Holzapfel,  Heber  die  stratigraphiscben  etc. 


nahestehendes  Alter.  Gleich  ihnen  und  dem  äquivalenten  Günte- 
roder Kalk  dürfte  G3  etwa  den  Calceola- Schichten  gleichzusetzen 
sein,  denen  als  ein  tieferes  Glied  auch  die  Tentaculitenschiefer  G 2 
angehören.  H endlich  würde  den  Stringocephalenschichten  zu 
parallelisiren  sein,  und  zwar  die  unteren  reineren  Schiefer  H 1 dem 
unteren,  die  höheren,  mehr  grauwackenartigen  Schiefer  H2  dem 
oberen  Theile  dieser  Schichtenfolge. 

Die  gegenseitigen  Beziehungen  des  rheinischen  und  böhmischen 
Devon  würden  sich  demnach  folgendermaassen  veranschaulichen 
lassen : 


Eifel 

Hessen-Nassau 

Böhmen 

Obere 

Stringocephalen-  Schichten 

Massen-Kalk 

H 2 

Untere 

Stringocephalen-Schichten 

Odershäuser  Kalk, 
Kalk  von  Haina 

H i 

Cafceo/a-Schichten 

Günteroder  Kalk 

G$ 

G2 

Cultrijugatus-  Schichten 

Ballersbacher  Kalk 
Greifensteiner  Kalk 

Mnenianer  Kalk;  G1  (?) 

Unterdevon 

Konjepruser  Kalk  und  Fl 

Abhandlungen 

von 

ausserhalb  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 
stehenden  Personen. 


Jahrbuch  1893. 


CI] 


Die  Braunkohlen -Hölzer  in  der  Mark 
Brandenburg. 

Yon  Herrn  0.  von  Gellhorn  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  I). 


Während  der  langjährigen  Thätigkeit  als  Königl.  Bergbeamter 
in  der  Mark  hatte  ich  Gelegenheit,  manches  für  die  Kenntniss 
der  dortigen  Braunkohlen-Ablagerungen  Interessante  zu  beobachten 
und  zu  sammeln.  Dazu  gehört  namentlich  das  Vorhandensein  von 
vorzüglichen  Ligniten,  in  deren  Begleitung  sich  Blätter  und  Früchte 
fanden.  Da  aber  diese  Funde  nur  auf  Coniferen  hinwiesen,  er- 
schien es  interessant: 

1.  nachzuforschen,  ob  nicht  auch  Laubhölzer  an  der  Bildung 
der  märkischen  Braunkohle  Theil  genommen  hätten,  was  ja  nahe 
lag,  da  das  Tertiär  der  Ober-  und  Niederlausitz,  so  wie  von 
Schlesien  im  Allgemeinen  nur  Angiospermen  aufweist.  Aber  es 
erschien  dann: 

2.  von  Interesse,  zu  ermitteln:  ob  Abietineen,  Cupressineen, 
oder  Taxineen,  oder  mehrere  derselben  das  Material  für  die  mär- 
kische Kohle  hergegeben  haben? 

Diese  Fragen  waren  nach  dem  ausgezeichneten  Materiale, 
was  mir  zur  Hand  war,  leicht  zu  beantworten. 

Mir  lagen  nämlich  vor:  Braunkohlen  mit  massenhaft  auf  die 
Spaltungsflächen  gestreuten  Nadeln,  so  dass  es  oft  den  Anschein 
hatte,  als  wären  manche  Braunkohlenstücke  nur  aus  solchen 

[1*] 


4 


0.  von  G-ellhobn,  Die  Braunkohlen -Hölzer 


Nadeln  gebildet.  Sie. fanden  sich  auf  den  consl.  Freienwalder 
Gruben  bei  Freienwalde  a/Oder  im  Kreise  Ober- Barnim,  ferner 
auf  Grube  Carl -Ferdinand  bei  Grunow  nördlich  von  Drossen, 
Kreis  West -Sternberg  und  auch  auf  Zeche  Präsident  bei  Schön- 
fliess  unweit  Fürstenberg  im  Kreise  Guben.  Mir  lagen  aber  auch 
Früchte  vor,  nämlich  Zapfen  und  viele  Zapfen-Schuppen  aus  den 
eben  genannten  Gruben  Präsident  bei  Schönfliess  und  Carl- 
Ferdinand  bei  Grunow.  Endlich  erhielt  ich  Braunkohlen- Hölzer 
mit  ausgezeichneter  Maserung  von  Grube  Phönix  bei  Zielenzig 
und  von  Grube  Yulcanus  bei  Tempel,  beide  im  Kreise  Ost-Stern- 
berg belegen;  aber  auch  von  der  Grube  Victor’s- Glück  bei  Riet- 
schütz  unweit  Schwiebus,  Kreis  Züllichau.  Dieses  Maserholz  liess 
schon  äusserlich  keinen  Zweifel  darüber,  dass  es  sich  dabei  nur 
um  Holz  von  Coniferen  handele. 

Aus  den  soeben  erwähnten  Belagstücken  könnte  man  beinahe 
allein  schon  die  erste  der  aufgestellten  beiden  Fragen  beantworten, 
nämlich  dahin:  dass  Laubhölzer  in  den  märkischen  Braunkohlen 
sich  nicht  vorfinden;  die  weiteren  Untersuchungen  bestätigten  dies 
aber  vollständig. 

Zur  mikroskopischen  Untersuchung  dienten  mir  Hölzer  aus 
den  Braunkohlengruben  in  den  Regierungs -Bezirken  Potsdam, 
Frankfurt  a/Oder  und  Stettin;  es  erstreckten  sich  diese  Unter- 
suchungen, also  über  den  grossen  Bezirk  zwischen  dem  Gross- 
herzogthum Mecklenburg  und  der  Provinz  Sachsen  einerseits  und 
der  Provinz  Posen  andererseits. 

Ueber  die  Verbreitung  und  Lagerung  der  Braunkohle  in  der 
Mark  ist  ja  bereits  Ausführliches  in  den  bekannten  Werken  und 
Mittheilungen  der  Herren  Plettner,  Girard,  Beyrich,  Giebel- 
hausen, Berendt  etc.  enthalten,  also  hier  nicht  erst  noch  genauer 
darauf  einzugehen.  Hervorheben  muss  ich  indess,  dass,  da  die 
märkische  Kohle  in  2 von  einander  petrographisch  verschiedenen 
Ablagerungen  auftritt,  ich  die  Untersuchungen  der  Lignite  aus 
diesen  beiden  Abtheilungen  — der  hangenden  und  liegenden 
Partie  Plettner’s  — auch  trennte.  Ueberall  standen  mir  ganze 
Blöcke  von  schön  erhaltenen  Braunkohlen -Hölzern  aus  dem  mär- 
kischen Tertiär  zur  Disposition  und  selbst  kleinere  Partien  holz- 


in  der  Mark  Brandenburg. 


5 


förmiger  Braunkohle  aus  einem  im  Wilhelm  - Schachtfelde  der 
Grube  consl.  Blitz  bei  Herzhorn  in’s  Liegende  gestossenen  Bohr- 
loche (cfr.  die  folgende  tabellarische  Zusammenstellung  sub  I,  No.  9) 
waren  schön  erhalten.  Alle  Hölzer  waren,  wie  recentes  Holz, 
schneidbar  und  Hessen  den  anatomischen  Bau  vorzüglich  erkennen; 
es  war  sonach  nicht  nothwendig,  diese  Hölzer  vor  der  mikros- 
kopischen Untersuchung  erst  besonders  zu  präpariren.  Ein  mit 
scharfem  Messer  äusserst  fein  geschnittenes  Blättchen,  mit  gutem 
Olivenöl  noch  etwas  durchscheinender  gemacht,  genügte,  um  die 
zur  Unterscheidung  dienenden  anatomischen  Merkmale  zu  er- 
kennen. 

Was  nun  die  mikroskopische  Untersuchung  selbst  betrifft,  so 
wählte  ich  dazu  Längsschnitte  parallel  den  Markstrahlen  (radiale 
Längsschnitte)  und  zwar  nur  solche,  weil  man  bei  diesen  die 
grösste  Zahl  der  zur  Bestimmung  dienenden  anatomischen  Merk- 
male zu  sehen  bekommt.  Die  Präparate  wurden  einer  275  maligen 
Yergrösserung  ausgesetzt.  Bei  dieser  Vergrösserung  erhielt  ich 
fast  ausschliesslich  das  Bild,  welches  auf  Taf.  I,  Fig.  6 wieder- 
gegeben ist.  Hier  sieht  man  die  einzelnen  Zellen  Z der  Jahres- 
ringe mit  getüpfelten  Wänden,  die  Tüpfel  t einreihig  aber  gehöft. 
Alsdann  erkennt  man  die  Markstrahlen  m mit  Tüpfeln  ohne  Hof, 
endlich  das  Holzparenchym  g mit  den  Parenchymzellen  h und  den 
Holzgummitropfen  p;  dies  Alles  entspricht  demnach  der  virgi- 
nischen  Sumpf-Cypresse,  Taxodium  disticlium.  Zur  Controlle  dar- 
über entnahm  ich  noch  aus  der  Hölzersammlung  der  Königl. 
Forst-Akademie  zu  Eberswalde1)  Proben  von  dem  recenten  Taxo- 
dium distichum  und  erhielt,  bei  ebenfalls  275  maliger  Yergrösse- 
rung jener,  genau  dasselbe  Bild  unter  dem  Mikroskope,  wie  von 
dem  fossilen  Holze,  (cfr.  Taf.  I,  Fig.  7).  Aber  der  Zweig  auf 
der  Braunkohle,  welcher  sich  auf  Taf.  I,  Fig.  1 abgebildet  findet, 
ist  nun  entschieden  auch  als  der  virginischen  Sumpf-Cypresse  an- 
gehörig anzusprechen,  denn  der  Zweig  ist  dünn  und  hat  zwei 
Reihen  Nadeln  welche,  bei  jungen  Zweigen,  wenig  merklich  alter- 


l)  Durch  die  Güte  des  damaligen  Lehrers  der  Botanik  an  der  bezeichneten 
Forst- Akademie  Herrn  Professor  Dr.  R.  Haktig  (jetzt  in  München). 


6 


0.  von  Gellhorn,  Die  Braunkohlen -Hölzer 


niren;  die  Nadeln  sind  lineallancettförmig,  sehr  kurz  gestielt,  am 
Grunde  und  oben  spitz,  einnervig  und  eng  bei  einander  stehend. 
Zum  Vergleiche  habe  ich  wiederum  von  dem  lebenden  Taxodium 
distichum  einen  Zweig  neben  dem  fossilen  abgebildet;  (Taf.  I, 
Fig.  2)  jener  stammt  aus  dem  forstbotanischen  Garten  der  Akademie 
zu  Eberswalde,  woselbst  die  Pflanze  gedeiht.  Früchte  sind  von 
dieser  Cypresse  bis  jetzt  in  der  märkischen  Braunkokle  nicht  ge- 
funden worden,  aber  Zapfen  von  Abietineen.  Sie  sind  abgebildet 
auf  Taf.  I in  den  Figuren  3 , 4 und  5 ; Professor  R.  Hartig 
in  München  bestimmte  sie  als : Picea  excelsay  gemeine  Fichte  und 
die  Kiefern  als  Pinus  uncinata , Pinus  Laricio  und  Pinus  silvestris 
(letztere,  weil  defect,  ist  nicht  mit  abgebildet)  und  schreibt  dazu: 
»Sehr  interessant  war  es  mir,  dass  die  Zapfen  unseren  noch  jetzt 
lebenden  Kiefern  und  Fichten  angehören«. 

Von  dem  weiter  vorn  bereits  erwähnten  Holze  mit  Maser- 
bildung habe  ich  auf  Taf.  I in  den  Figuren  8 und  9 auch  inter- 
essante Stücke  abbilden  lassen  *);  sie  gehören  ebenfalls  dem 
Taxodium  distichum  an. 

Spezielleres  über  die  Zahl  der  mikroskopischen  Untersuchungen, 
über  die  Namen  und  die  Lage  der  Gruben,  von  welchen  die 
Lignite  entnommen,  aus  welchen  Gewinnungspunkten,  aus  welchen 
Flötzen  die  Hölzer  stammen,  ob  die  Flötze  der  hangenden  (Form- 
sand-) oder  der  liegenden  (Quarzsand-)  Partie  angehören,  endlich 
aus  welchen  Pflanzen  diese  fossilen  Hölzer  bestehen,  das  ist  aus 
der  auf  S.  8 — 10  folgenden  Tabelle  zu  entnehmen. 

Als  Endresultat  der  nachstehenden  Zusammenstellung  ergiebt 
sich  nun  Folgendes:  es  wurden  die  Lignite  aus  19  Braunkohlen- 
gruben des  märkischen  Tertiärs  entnommen;  31  Flötze  der  Zechen 
gehörten  der  hangenden,  8 Flötze  der  liegenden  Partie  an  und 
unter  den  100  Präparaten,  welche  mikroskopisch  untersucht  worden 
waren,  befanden  sich  absolut  keine  Angiospermen,  vielmehr  nur 
Coniferen.  Letztere  bestanden  aber  tlieils  aus  Abietineen,  theils 
aus  Cupressineen,  von  denen  die  ersteren  8,  die  letzteren  92  pCt. 

0 Sämmtliche  Zeichnungen  sind  von  der  geschickten  Hand  des  Herrn 
Markscheiders  Seer  in  Frankfurt  a/O.  angefertigt,  mit  Ausnahme  derer,  welche 
den  inneren  Bau  der  Hölzer  veranschaulichen, 


in  der  Mark  Brandenburg. 


7 


in  Anspruch  nehmen;  bei  ersteren  handelte  es  sich  nur  um  die 
Gattungen  Pinus  und  Picea,  bei  letzteren  einzig  und  allein  um 
das  im  Miocän  so  reich  vertretene  Taxodium  distichum , das  ist  die 
Virginische  Sumpfcypresse.  Bekanntlich  gedeiht  dieser  Baum  in 
unserem  Klima  auch  noch  [im  Berliner  Thiergarten  und  botanischen 
Garten  stehen  sehr  alte,  starke  Bäume] ; er  bildet  aber  in  Virginien 
und  Mexiko  in  den  morastigen  Niederungen  des  Mississippi  ganze 
Wälder.  Nach  H.  R.  Göppert  (Monographie  der  fossilen  Coni- 
feren,  Leiden  1850)  findet  sich  dieser  prachtvolle  Baum  von  5200 
bis  7000  Fuss  (1632  bis  2200  Meter)  über  dem  Meere,  erreicht 
eine  Höhe  von  nahezu  40  Meter  bei  12  Meter  Umfang  und  ein 
Alter  bis  über  2000  Jahre.  Er  wird  in  seinem  gegenwärtigen 
Verbreitungs- Gebiete  allen  übrigen  Nadelhölzern  vorgezogen,  denn 
alle  Theile  desselben  liefern  ein  ätherisches  Oel  und  den  feinsten 
Terpentin  (cf.  Th.  Hartig,  Botanische  Zeitung  1848). 

Werfen  wir  nun  einen  Rückblick  auf  das  in  Vorstehendem 
Gesagte,  so  ist: 

1.  nachgewiesen,  dass  die  Braunkohlen  im  nördlichen  Theile 
der  Mark  Brandenburg  (d.  h.  im  Allgemeinen  nördlich  einer  Linie, 
welche  Wittenberge  mit  Berlin  und  Frankfurt  a/Oder  bis  zur 
Provinz  Posen  verbindet)  nur  aus  Nadelhölzern  gebildet  sind,  und 
zwar  zum  überwiegend  grössten  Theile  aus  Taxodium  distichum ; 
Laubhölzer  fehlen  gänzlich.  Es  harmonirt  diese  Ermittelung  mit 
den  Untersuchungen  von  Friedrich  Kobbe  über  die  fossilen 
Hölzer  der  Mecklenburger  Braunkohle  (im  Archiv  des  Vereins  der 
Freunde  der  Naturgeschichte  in  Mecklenburg  1887,  S.  89  etc.), 
denn  auch  diese  weisen  fast  ausschliesslich  nur  Nadelhölzer  auf, 
wenngleich  andere  Gattungen.  Hauptsächlich  handelt  es  sich  hier 
um  Cupressinen. 

2.  Ist  erwiesen,  dass  trotz  der  Verschiedenheit  der  hangen- 
den und  liegenden  Partie  in  petrographischer  Beziehung,  beide 
Schichten- Complexe  ein  und  dieselbe  Flora  zeigen. 

3.  Dürfte  auch  als  erwiesen  anzusehen  sein,  dass  das  Taxo- 
dium distichum  des  Miocän  mit  dem  noch  jetzt  lebenden  identisch 
ist.  Giebt  doch  selbst  Dr.  O.  Heer  in  seiner  »miocänen  bal- 
tischen Flora  1869«  bereits  zu,  dass  an  dem  Taxodium  distichum 


8 


0.  von  Gellhorn,  Die  Braunkohlen  - Hölzer  etc. 


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III.  Regierungsbezirk  Stettin. 


in  der  Mark  Brandenburg. 


11 


miocenicum  kaum  noch  einige  unterscheidende  Merkmale 
von  der  gegenwärtig  lebenden  Art  wahrzunehmen  sind; 
und  Dr.  F.  Unger  bestätigt  dies  1870  in  seiner  Geologie  der 
europäischen  Waldbäume  indem  er  (S.  86  und  87)  sagt:  »Vor 
allen  haben  sich  jedoch  in  der  Tertiärzeit  die  eigentlichen  Nadel- 
hölzer (Abietineen)  in  allen  ihren  Gruppen  auf  das  Lebhafteste  ent- 
wickelt und  wir  können  nicht  umhin,  den  Gehalt  des  gegenwärtigen 
Bestandes  dieser  Abtheilung  von  jener  der  Vorwelt  abzuleiten,  ja 
die  Aehnlichkeiten  vieler  Arten  sind  auf  solche  Weise  ausgeprägt, 
dass  manMühe  hat,  unterscheidende  Merkmale  zwischen 
beiden  aufzufinden.« 

4.  Ueber  das  geologische  Alter  der  märkischen  Braunkohle 
war  man  sogar  1885  und  1886  noch  nicht  recht  schlüssig  geworden, 
denn  selbst  Dr.  G.  Berendt  schwankte  in  seiner  Arbeit  ȟber 
das  Tertiär  im  Bereiche  der  Mark  Brandenburg«  noch  zwischen 
dem  obersten  Oligocän  oder  dem  Beginn  der  Miocänzeit.  Die 
Resultate,  welche  indess  »die  Soolbohrungen-  im  Weichbilde  der 
Stadt  Berlin«  lieferten,  bestimmten  den  Genannten  1890,  diese 
Schichten  direct  als  miocäne  zu  bezeichnen  und  Dr.  H.  Credner 
reiht  in  seinen  »Elementen  der  Geologie«  1891  auf  S.  688  die 
Braunkohlen-Formation  der  Mark  ebenfalls  dem  Miocän  ein.  Da 
aber  das  Taxodium  distichum  eine  Miocän  - Pflanze  ist  und  aus 
dieser  fast  ausschliesslich  die  märkische  Braunkohle  gebildet  wurde, 
so  dürfte  dies  ein  neuer  Beweis  für  das  miocäne  Alter  -dieser 
Kohle  sein. 

5.  Sodann  meine  ich,  dass,  da  die  virginische  Sumpf-Cypresse 
heute  noch  bei  uns  gedeiht,  das  Klima  im  norddeutschen  Tief- 
lande während  der  Bildung  der  märkischen  Braunkohlen  kein 
wärmeres  als  jetzt  gewesen  sein  dürfte.  Höchstens  kann  man  mit 
Dr.  Unger  behaupten,  dass  zur  Zeit,  als  die  virginische  Sumpf- 
Cypresse  bei  uns  noch  ganz  heimisch  war,  wir  uns  eines  Klimas 
von  12  bis  15  Grad  C.  erfreuten.  Endlich  aber  nehme  ich: 

6.  an,  dass  die  in  Rede  stehende  Pflanze  nicht  — wie  mehr- 
fach behauptet  wird  — herangeschwemmt,  sondern  an  Ort  und 
Stelle  gewachsen  ist.  »Das  norddeutsche  Tiefland,«  sagt  Dr. 
Q.  F.  Naumann  in  seinem  klassischem  Lehrbuche  der  Geognosie, 


12  0.  von  Gellhorn,  Die  Braunkohlen  - Hölzer  etc. 

(Bd.  III,  S.  188)  »mag  zur  Zeit  der  Braunkohlen -Formation  von 
vielen  grösseren  und  kleineren,  aber  seichten  Süsswasserseen  und 
von  ausgedehnten  Mooren  erfüllt  gewesen  sein,  in  deren  Umgebung 
eine  üppige  Vegetation  stattfand.«  Nun  — die  Beläge  dafür  sind 
vorhanden.  Giebelhausen  berichtet  bereits  (im  XIX.  Band  der 
Zeitschrift  für  das  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen)  im  Jahre  1871, 
dass  sich  in  den  Flötzen  der  Mark  öfter  Reste  von  Sumpfpflanzen 
vorfinden,  ich  selbst  habe  dergleichen  in  den  märkischen  Braun- 
kohlen-Gruben  vielfach  angetroffen,  besitze  auch  Stengel  von  Binsen 
in  meiner  Sammlung.  Aber  Giebelhausen  berichtet  in  seiner 
Arbeit  ȟber  die  Braunkohlen-Bildungen  der  Provinz  Branden- 
burg« etc.  über  aufr.echt  stehende  Stämme  mit  erhaltenen 
Wurzelstöckenin  mehreren  Braunkohlen-Gruben . Beispielsweise 
sagt  er  a.  a.  O.,  S.  35,  von  den  Senftenberg-Finsterwalder  Ablage- 
rungen: »Auffallend  ist  die  grosse  Menge  von  bituminösem  Holze, 
welches  in  den  oberen  Schichten  vielfach  eingelagert  ist;  nament- 
lich zeichnet  sich  hierdurch  die  Grube  Victoria  bei  Räschen  aus, 
wo  aufrechte  Wurzelstümpfe  von  bis  7 Fuss  Diameter,  deren 
Wurzeln  sich  oft  10  Fuss  weit  verfolgen  lassen,  dicht  gedrängt 
neben  einander  stehen  und  den  Abbau  sehr  erschweren.«  Bei 
dieser  Stellung  der  Stämme  mit  ihren  Wurzeln  darf  man  wohl 
nicht  mehr  an  Treibholz  denken,  man  darf  vielmehr  mit  Sicher- 
heit annehmen:  dass  in  den  Torfmooren  der  Mark  die  Coniferen, 
welche  das  Material  für  unsere  Braunkohlenflötze  hergaben,  auch 
gewachsen  sind.  Dr.  F.  Unger  in  seiner  Geologie  der  europäischen 
Waldbäume,  Graz  1869,  kommt  sogar  am  Schluss  zu  dem  Re- 
sultate: »Nicht  aus  Nordamerika  sind  also  Einwanderungen  von 
Pflanzen  in  unser  vorhistorisches  Europa  erfolgt,  sondern  dieselben 
haben  umgekehrt  von  hier  aus  wie  von  einem  Mittelpunkte  nach 
allen  Richtungen  und  so  auch  nach  der  Neuen  Welt  stattgefunden.« 


lieber  Pflanzen  ans  dem  norddeutschen 
Diluvium. 

Von  Herrn  F.  Kurtz  in  Cordoba. 


Herr  Dr.  E.  Läufer  übergab  mir  Anfang  1884  eine  Anzahl  von 
Blattabdrücken  und  anderen  Pflanzenresten,  die  er  im  October  1883 
bei  Honerdingen  (unweit  Walsrode  im  nordöstlichen  Hannover, 
zwischen  Verden  und  Lüneburg)  in  einem  unterdiluvialen  Süss- 
wasserkalk gefunden.  Dieser  Süsswasserkalk  liegt  daselbst  unter 
einer  Schicht  humosen  Sandes  von  ungefähr  3 Meter  Mächtigkeit, 
die  von  etwa  8 Meter  Diluvialsand  überlagert  wird.  Letzterer  zeigt 
ausgezeichnete  discordante  Schichtung,  die  durch  die  Einlagerung 
von  Grandbänkchen  noch  deutlicher  gemacht  wird.  Professor 
Hunaeus  in  Hannover  hielt  diese  Ablagerung  für  tertiär  x). 

Die  pflanzlichen  Reste  von  Honerdingen  bestehen  überwiegend 
aus  Blättern  oder  Blattresten,  die  fast  durchweg  sehr  gut  erhalten 
sind.  Mitunter  war  die  Blattsubstanz  so  intact  geblieben,  dass 
beim  Austrocknen  der  mit  den  Blattresten  bedeckten  Stücke  die 
Blätter  sich  in  toto  ablösten.  Aehnliche  Erhaltungsweise  zeigten 
die  Blätter  von  Oberohe  und  von  Belzig. 

Ausser  den  Pflanzen  von  Honerdingen  sah  ich  in  der  geolo- 
gischen Landesanstalt  noch  die  von  Belzig  und  von  Oberohe 

*)  Vergl.  E.  Läufer,  Mitteilungen  über  das  Kalkmergellager  von  Honer- 
dingen nahe  Walsrode,  in  der  Hannoverschen  Land-  und  forstwissenschaftlichen 
Zeitung,  Jahrg.  XXXVI,  1883,  No.  44,  S.  779-781. 


14 


F.  Kurtz,  Ueber  Pflanzen  ans  dem  norddeutschen  Diluvium. 


stammenden  pflanzlichen  Reste,  welche  Dr.  K.  Keelhack  ge- 
sammelt und  beschrieben  (einige  Anmerkungen  über  die  betreibende 
Abhandlung  finden  sich  am  Ende  dieser  Mittheilung),  sowie  einige 
andere  Materialien,  die  Dr.  Läufer  an  anderen  Stellen  derselben 
Gegend  (diluvialer  Süsswasserkalk  von  Neuenförde  bei  Gr.-Rinteln; 
Kieselguhr  bei  Hützel),  und  Dr.  Klockmann  bei  Lauenburg  an 
der  Elbe  gesammelt.  Alle  diese  Pflanzen  habe  ich  in  die  nach- 
folgende Liste  aufgenommen,  soweit  dieselben  genügend  sicher 
bestimmt  werden  konnten. 

V erzeichniss 

der  bei  Honerdingen  und  anderen  Orten  des  nordwest- 
deutschen Diluviums  gefundenen  Pflanzen. 

1.  Equisetum  palustre  L.  Honerdingen. 

Stücke  der  Hauptachsen,  an  denen  die  Knoten,  von  denen 
die  Zweige  ausgehen,  noch  vollkommen  sichtbar  sind. 

2.  Pinus  silvestris  L.  Honerdingen,  Neuenförde,  Hützel. 
Vom  ersten  Fundort  liegen  Zapfen  und  ein  Same  vor,  von 

Neuenförde  einzelne  Schuppen  und  von  Hützel  zwei  gut  erhaltene 
Samen. 

3.  Phragmites  communis  L.  Trin.  Honerdingen. 

Sehr  gut  erhaltene  Blattstücke,  die  durch  die  Gruppirung 
ihrer  Nerven  — je  3 dünnere  werden  in  2 dickere  eingeschlossen  — 
von  den  Blättern  von  Typha  sich  unterscheiden. 

4.  Ceratophyttum  demersum  L.  Honerdingen. 

Blattzweige,  die  der  Form  C.  platyacanthum  Cham,  am 

nächsten  stehen. 

5.  Populus  tremula  L.  Honerdingen,  Hützel. 

Nicht  sehr  gut  erhaltene  Blätter  und  Blattreste. 

6.  Betula  alba  L.  Lauenburg 1). 

Rindenstücke. 

')  Ueber  die  pflanzlichen  Reste  von  Lauenburg  hat  K.  Keilhack  eine  aus- 
führliche Mittheilung  veröffentlicht  (»Ueber  ein  interglaciales  Torflager  im  Dilu- 
vium von  Lauenburg  an  der  Elbe«.  Dieses  Jahrbuch  für  1884,  S.  211  — 238, 
Taf.  XI). 


F.  Kurtz,  Ueber  Pflanzen  aus  dem  norddeutschen  Diluvium.  15 

7.  Ainus  glutinosa  Gärtn.  Honerdingen. 

Sehr  gut  erhaltene,  typische  Blätter  und  Zapfen;  scheint  mit 
Quercus  Robur  L.  der  häufigste  Baum  gewesen  zu  sein. 

8.  Corylus  Avellana  L.  Honerdingen;  Nettendorfer  Berge. 

Blätter  (sehr  gross)  und  Nüsse. 

9.  Quercus  Robur  L.  var.  sessilißora  ( Sm.)  A.  u.  C.  Honer- 
dingen; Neuenförde. 

Blätter  und  eine  vielleicht  hierher  gehörige  Eichel  ohne  Napf. 
Sehr  zahlreiche  Reste. 

10.  Fagus  silvatia  L.  Honerdingen. 

Ein  gut  erhaltenes  Blatt  mit  etwas  welligem  Rande. 

11.  Juglans  regia  L.  Honerdingen. 

Blättchen. 

12.  Platanus  sp.  Honerdingen. 

Zwei  Blattstücke,  die  sehr  gut  mit  Platanus  orientalis  L.  über- 
einstimmen. Zu  vergleichen  sind  die  Formen,  welche  Göppert 
von  Schossnitz  beschrieben  hat. 

13.  Fraxinus  excelsior  L.  Honerdingen,  Hützel. 

Es  liegen  vor  der  obere  Theil  eines  Fiederblattes  und  eine 
Frucht,  beide  sehr  gut  erhalten. 

14.  Trapa  natans  L.  Lauenburg;  unterer  Diluvialsand  am 
Steilabhang  an  der  Elbe. 

15.  Acer  platanoides  L.  Honerdingen. 

Einen  Flügel  und  zwei  Samenfächer  rechne  ich  zu  dieser  Art; 
der  Flügel  unterscheidet  sich  von  dem  von  Acer  campestre  L.  durch 
die  nach  dem  Rande  zu  mehr  rechtwinklig  umgebogenen  Nerven. 

Zweifelhaft  blieben  mir,  was  die  Species  betrifft,  einige  Reste 
von  Neuenförde,  Hützel  und  Hösseringen,  die  jedoch  alle  zweifel- 
los zur  Gattung  Ainus  gehören. 

Zum  Schluss  möchte  ich  noch  einige  Bemerkungen  über  die 
Bestimmungen  der  Pflanzen  machen,  welche  in  der  Abhandlung 
von  Dr.  K.  Keilhack:  Ueber  präglaciale  Süsswasserbildungen 
im  Diluvium  Norddeutschlands.  Dieses  Jahrb.  für  1882,  S.  133 
bis  172)  aufgeführt  sind. 


16 


F.  Kurtz.  Ueber  Pflanzen  aus  dem  norddeutschen  Diluvium. 


S.  143.  Die  unter  c als  Weidenblätter  gedeuteten  Reste  ge- 
hören zu  Andromeda  polifolia  L. 

S.  164.  Das  unter  No.  7 als  zu  Populus  gehörend  aufgeführte 
Blatt  gehört  zu  Tilia. 

S.  165.  No.  9,  Vaccinium  Myrtillus  L.  ist  V.  uliginosum  L. 

S.  165.  No.  12,  Utricularia  Berendti  Keilhack  ist  zweifel- 
los eine  Form  von  U.  minor  L.,  deren  Axen  oft  stärker  als  Ross- 
haare sind. 

Cordoba,  Argentinien,  August  1893. 


Eine  neue  Nymphaeacee  aus  dem  unteren 
Miocän  von  Sieblos  in  der  Rliön. 

Von  Herrn  F.  Klirtz  in  Cordoba. 


Unter  den  fossilen  Pflanzen,  welche  Heer  im  3.  Theil  der 
Flora  tertiaria  Helvetiae  (p.  299  — 800)  von  Sieblos  in  der  Rhön 
aufzählt,  befindet  sich  auch  eine  Nymphaeacee,  die  Heer  Nelum- 
bium  Casparianum  genannt  und  1.  c.  kurz  diagnosticirt  hat.  Bei 
dem  Ordnen  der  Tertiärpflanzen  des  Berliner  paläontologi- 
schen  Museums  kam  mir  eine  andere,  ebenfalls  von  Sieblos 
stammende  Nymphaeacee  in  die  Hände,  die  von  dem  Nelumbium 
schon  durch  das  folium  non  peltatum  verschieden  ist.  Da  nur 
eine  Oberfläche  vorliegt,  ist  es  nicht  möglich  zu  entscheiden,  oh 
die  fossile  Art  zur  Gattung  Nymphaea  gehört  oder  nicht,  und  ist 
sie  deshalb  der  Gruppe  Nymphaeites  Sternbg.  e.  p.  (Schimper 
Pal.  veg.  III,  p.  92)  zuzuordnen. 

Nymphaeites  rhoenensis  m.  Folio  1 dm  lato,  orbiculato  (?  vel 
renato-orbiculato) , basi  profunde,  usque  ad  petiolum  fissa,  lobis 
basalibus  divergentibus,  acutiusculis,  margineque  paullo  undulatis; 
nervis  23  radiantibus,  lateralibus  semel  vel  bis  dichotome  divisis, 
nervo  medio  penninervi. 

Sieblos  in  der  Rhön  (palaeontologisches  Museum  in  Berlin). 

Von  den  lebenden  Arten,  die  ich  vergleichen  konnte,  steht 
Nuphar  pumilum  Sm.  der  fossilen  Pflanze  am  nächsten.  Die 

[2] 


Jahrbuch 


18 


F.  Kurtz,  Eine  neue  Nymphaeacee  ans  dem  unteren  Miocän  etc. 


Form  des  Blattes,  soweit  diese  sich  an  dem  fossilen  Fragment 
erkennen  lässt,  wie  auch  die  Zahl  und  Verzweigungsart  der  Nerven 


entspricht  recht  gut  den  bezüglichen  Verhältnissen  des  Nuphar 
pumilum  Sm.  (besonders  in  Exemplaren  vom  Mittensee  bei  Zürich 
und  an  dem  N.  Spennerianum  Gaudi  aus  dem  Retournemer  in 
den  Vogesen). 

Von  den  fossilen  Arten,  die  Schimper  im  III.  Band  seiner 
Paleontologie  vegetale  (p.  86 — 94)  aufführt,  ist  unter  denen,  von 
denen  mir  wenigstens  Abbildungen  zu  Gebote  standen  ( Nymphaea 
gypsorum  Sap.,  Gharpentieri  Heer,  calophylla  Sap.,  lignitica  Wess. 
et  Web.,  arctica  Heer,  Anaectomeria  Brongniartii  [Casp.]  Sap., 
Nymphaeites  thulensis  Heer  und  ferner  Nymphaea  Dumasii  Sap. 
Monde  des  Plantes  avant  FHomme  p.  270,  f.  720)  keine,  die  irgend- 
wie mit  der  Art  aus  der  Rhön  verwechselt  werden  könnte. 

Cordoba,  Argentinien,  August  1893. 


Der  Gebirgsbau  des  Einbeck-Markoldendorfer 
Beckens. 


Von  Herrn  Martin  Schmidt  in  Oldenburg. 
(Hierzu  Tafel  X.) 


In  der  Litteratur  über  den  norddeutschen  Lias  finden  wir 
häufig  als  »Liasmulde  von  Markoldendorf«  ein  an  fossilführenden 
Fundpunkten  reiches  Gebiet  angeführt,  in  dessen  Mitte,  am  Stein- 
berg bei  Markoldendorf,  vor  Jahrzehnten  in  den  Eisensteinen  des 
mittleren  Lias  Bergbau  umging. 

Die  genauere  Kenntniss  der  hier  von  der  unteren  Grenze  der 
Liasformation  bis  zu  den  Almaltheenthonen  vorhandenen  Schichten 
verdanken  wir  einer  Arbeit  Emerson’s1),  deren  Schwerpunkt  in 
der  sehr  sorgfältigen  Durchforschung  des  stratigraphischen  Auf- 
baues und  des  reichen  paläontologischen  Materiales  liegt.  Die 
räumliche  Verbreitung  der  Schichten  stellte  Emerson  in  einem 
auf  der  Grundlage  der  bekannten  PAPEN’schen  Karte  entworfenen 
Uebersichtskärtchen  dar,  das  vier  verschiedene  Horizonte  des 
unteren  und  zwei  des  mittleren  Lias  zur  Darstellung  bringt,  die 
weitverbreitete  Decke  von  Lehm  und  Schotter,  wie  dies  auf  frühe- 
ren Karten  gewöhnlich  geschehen  war,  jedoch  fortlässt. 

Auf  derselben  topographischen  Grundlage  beruht  H.  Römer’ s 2) 
Darstellung  dieser  Gegend  auf  Blatt  Einbeck  seiner  bekannten 

*)  Die  Liasmulde  von  Markoldendorf.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd. 
XXII,  1870,  S.  239  ff. 

2)  Vergl.  auch  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  III,  1851,  S.  478  ff. 

[2*] 


20 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbaü 


geologischen  Karte,  das  vor  etwa  50  Jahren  hergestellt  wurde  und 
für  die  geologische  Kenntniss  des  Gebietes  von  grösster  Bedeutung 
war1).  In  mehreren  Fällen,  wo  Römer  im  Gegensatz  zu  Emerson 
Lias  verzeichnet,  habe  ich  Römer’s  Angaben  richtiger  gefunden. 
Dazu  kommt,  dass  diese  von  Emerson  ausser  Acht  gelassenen 
Liaspartieen  nicht,  wie  man  nach  dem  Verlauf  der  von  ihm  ge- 
zogenen Grenzen  erwarten  sollte,  den  untersten  Lagen  der  For- 
mation angehören,  sondern  bis  zur  oberen  Grenze  des  Lias  a 
Quenstedt’s  hinaufreichen. 

Es  entspricht  nur  der  Ansicht,  die  man  damals  von  dem  Bau 
unserer  Gebirge  hatte,  dass  Emerson  die  von  ihm  beobachteten 
Aufschlüsse  in  einem  System  von  Curven  zu  vereinigen  sucht  und 
das  »Fehlen«  eines  Theiles  der  Schichten  am  Nordwestrande  der 
Mulde  durch  Transgressionen  erklärt.  Eine  Verwerfung  von  20 
bis  25  Meter  Sprunghöhe,  die  in  einem  jetzt  verschütteten  und 
demnächst  ganz  ausgefüllten  Steinbruch  am  Kleeberge  bei  Mar- 
koldendorf damals  aufgeschlossen  war,  zieht  er  in  grader  Linie 
von  SSO.  nach  NNW.  durch  die  ganze  Mulde  hindurch. 

Mittlerweile  haben  sich  die  Anschauungen  über  den  Bau  eines 
grossen  Theiles  von  Mittel-  und  Norddeutschland  im  Fundament 
verschoben.  War  es  doch  schon  dem  Scharfblick  Friedr.  Hoff- 
mann’s  nicht  entgangen,  dass  in  diesen  von  ihm  2)  nach  grossen 
Gesichtspunkten  im  Zusammenhang  dargestellten  Gegenden  die 
Schichten  bei  ihrer  Aufrichtung  zu  Gebirgszügen  vielfach  ihren 
Zusammenhang  eingebüsst  und  sich  an  den  Bruchflächen  um 
mächtige  Beträge  verschoben  hatten. 

Dass  diese  Mulde  nicht  eine  Mulde  im  gewöhnlichen  Sinne 
des  Wortes  sei,  hatte  Herr  Professor  von  Koenen  seit  Jahren 
erkannt  und  veranlasste  mich,  dieses  Gebiet  im  Sinne  der  von 

1)  Auch  die  Karte  (Maassstab  1 : 50000),  die  D.  Brauns  seiner  Beschreibung 
des  südöstlichen  Flügels  der  Hilsmulde  (Paläontographica  Bd.XIII,  1864,  S.  75  ff.) 
beifügt,  bringt  einen  Theil  der  »Liasmulde«  und  ihrer  nächsten  Umgebung  zur 
Darstellung,  ist  aber,  wenigstens  in  diesem  Theile,  so  ausserordentlich  unzuver- 
lässig gearbeitet,  dass  sie  die  Genauigkeit  der  halb  so  grossen  und  so  viel  älteren 
Darstellung  Römer’s  nicht  erreicht. 

2)  Uebersicht  der  geographischen  und  geognostischen  Verhältnisse  vom  nord- 
westlichen Deutschland.  Leipzig  1830. 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


21 


ihm  veröffentlichten  Arbeiten  *)  näher  zu  untersuchen.  Für  diese 
Anregung  zu  vorliegender  Arbeit  sowie  für  die  andauernde  Förde- 
rung und  Leitung,  die  er  mir  während  meiner  gesammten  Göttinger 
Studienzeit  angedeihen  liess,  versichere  ich  ihn  an  dieser  Stelle 
meiner  herzlichen  Dankbarkeit.  Zu  einer  Reihe  früherer,  ebenfalls 
auf  seine  Anregung  ausgeführter  Arbeiten  über  benachbarte  Ge- 
biete * 2)  steht  meine  Arbeit  zum  Theil  in  enger  Beziehung. 

Die  ausgedehnte  Decke  von  Lehni  und  Schotter,  die  geringe 
Gliederung  der  Oberfläche  und  die  für  das  Studium  des  Gebirgs- 
baues  oft  ungünstige  Beschaffenheit  der  spärlichen  Aufschlüsse 
erschweren  die  Feststellung  des  Alters  der  Schichten  und  somit 
auch  der  Lagerung  an  vielen  Stellen  der  Mulde  oder  richtiger 
gesagt  des  Beckens.  Die  Höhenzüge,  welche  dasselbe  umschliessen, 
bieten  dagegen  bessere  Aufschlüsse  und  verschiedenartigere  Ge- 
steine, so  dass  sie  die  Bauverhältnisse  des  Beckens,  vor  allem 
Störungen  und  Verwerfungen,  die  in  das  Innere  desselben  hinein- 
gehen, mit  grösserer  Sicherheit  erkennen  lassen.  Ich  habe  daher 
den  Bau  dieser  Höhenzüge  zunächst  untersucht. 

Das  Einbeck-Markoldendorfer  Becken  hat  die  Form  einer  von 
SO.  nach  NW.  in  die  Länge  gezogenen  Ellipse  und  ist  fast  ringsum 
von  mannichfaltig  zerschnittenen  Bergrücken  umrahmt.  Von  der 
Stennebergsmühle  3)  nördlich  Moringen  bis  zu  dem  Dorfe  Lauen- 
berg am  Solling  bildet  der  lückenlose,  bis  über  400  Meter  hohe 
Kamm  der  Ahlsburg  und  ihrer  Fortsetzung,  des  Eichenfast,  die 
Grenze.  Nach  NO.  wird  dieser  10  Kilometer  lange  Rücken  von 
einem  Längsthal  begleitet,  das  durch  flache  Wasserscheiden  in 

0 Yergl.  namentlich:  Dieses  Jahrbuch  für  1883 — 1886;  ferner:  Nachrichten 
von  der  König!  Gesellschaft  der  Wissenschaften  etc.  zu  Göttingen  1886,  No.  6; 
1889,  No.  4. 

a)  Graul  , Die  tertiären  Ablagerungen  des  Sollings.  Neues  Jahrbuch  für 
Mineralogie  etc.  1885,  Bd.  I.  Dubbers,  Der  obere  Jura  auf  dem  Nordostflügel 
der  Hilsmulde.  Gekr.  Preisschrift,  Göttingen  1888.  Wermbter,  Der  Gebirgs- 
bau  des  Leinethaies  zwischen  Greene  und  Banteln.  Neues  Jahrbuch  für  Minera- 
logie VII.  Beilageb.  1890.  Smith,  Die  Jurabildungen  des  Kahlberges  bei  Echte. 
Dieses  Jahrbuch  für  1891. 

3)  Da  die  beifolgende  Karte  nur  den  interessanteren  Nordwesttheil  des 
Beckens  darstellt,  verweise  ich  zur  Orientirung  auf  die  PArEiPsche  und  RöMEE’sche 
Karte. 


22 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


5 verschiedene  Becken  zergliedert  wird.  Jenseits  desselben  folgt 
in  ganzer  Länge  eine  zweite  Bergreihe  von  geringerer  Höhe.  Sie 
besteht  aus  dem  Iberberg,  der  Südlieth , dem  Edemisser  Hinter- 
berg, dem  Grubenhagen,  Wolfsberg  und  einem  »an  der  Lieth« 
genannten  Rücken.  An  diese  Reihe  schliesst  sich  nach  NO.  eine 
dritte  von  schmalen  Kämmen  an,  die  sich  im  SO.  wenig  abheben, 
nach  NW.  höher  ansteigen  und  selbständiger  hervortreten.  Alle 
drei  Glieder  der  ganzen  Berggruppe  endigen  an  einem  gegen 
1 Kilometer  breiten  Querthal,  das  von  Lauenberg  einen  Theil  der 
Gewässer  des  Solling  im  Diessehach  dem  Innern  des  Beckens 
zuführt.  Jenseits  dieser  Unterbrechung  ist  die  Umwallung  des 
Beckens  um  etwa  1 Kilometer  nach  SW.  verschoben  und  erscheint 
im  Uebrigen  als  Fortsetzung  des  ersten  Abschnittes.  Aber  diese 
bis  in  die  Nähe  von  Dassel  reichenden  Höhen,  die  nach  SW.  in 
unregelmässig  zerschnittenem  Steilhang  zu  dem  Thalgrunde  von 
Relliehausen  und  Hilwartshausen  abstürzen,  sind  fast  plateauartig 
abgeflacht,  und  ihrem  Nordostabhang  legt  sich  nur  ein  Kamm 
vor,  der  durch  schluchtenartige  Thälchen  ebenfalls  in  mehrere 
Stücke  zergliedert  wird. 

Die  Höhen  des  Süd  Westrandes  erreichen  ihr  Ende  an  dem 
bis  auf  150  Meter  Meereshöhe  eingeschnittenen  Thale,  durch  das 
die  Ihne  ebenfalls  einen  grossen  Theil  der  Sollinggewässer  dem 
Becken  zuführt. 

Der  westliche  Gebirgsrand  reicht  etwa  bis  an  den  Sattel, 
über  den  die  Chaussee  von  Lüthorst  nach  Wangelnstedt  und 
Stadtoldendorf  hinübergeht.  Er  bildet  nach  dieser  Seite  die  Wasser- 
scheide, wenn  auch  mehrfach  sattelförmige  Einsenkungen  ihn  in 
eine  Reihe  von  Kuppen  und  Rücken  zergliedern.  Das  südlichste 
dieser  Stücke,  der  Bierberg  bei  Dassel,  zeigt  mit  seiner  abge- 
flachten Kuppe  noch  Aehnlichkeit  mit  den  Höhen  des  Südwest- 
randes. Der  nordwestlich  anschliessende  Rothenberg  verläuft  da- 
gegen von  SW.  nach  NO.  Darauf  folgt  der  isolirte  Kopf  der 
Burg  Hunnesrück  und,  nordwestlich  von  diesem,  der  Hatop  (Hotop 
der  PAPEN’schen  Karte)  und  der  Rücken  des  Beizerberges,  der 
sich  von  Mackensen  nach  NNO.  erstreckt.  Er  hängt  äusserlich 
eng  zusammen  mit  dem  Mösenberg,  der  von  SO.  nach  NW.  ver- 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


23 


läuft  und  durch  eine  tiefere  Thaleinsenkung  zwischen  Lüthorst 
und  Emmerborn  von  dem  ihm  annähernd  parallelen  Abhang  des 
Hühnerberges  getrennt  ist.  Der  Nordostabhang  des  Hühnerberges 
senkt  sich  unregelmässig  gegliedert  zu  dem  Sattel  der  Lüthorst- 
Stadtoldendorfer  Chaussee. 

Der  Nordrand  und  Nordwestrand  des  Beckens  wird  zunächst 
bis  Portenhagen  und  Rengershausen  von  den  vielfach  durch  Thäler 
zerschnittenen  Vorhöhen  des  Eifas  gebildet,  die  hie  und  da  Süd- 
ost-Nordwest-Richtung  ihrer  Kämme  erkennen  lassen.  Dieselben 
senken  sich  allmählich  zu  der  Einsattelung,  über  die  die  Strasse 
von  Rengershausen  nach  Eimen  hinübergeht,  östlich  überragt  von 
einem  Steilhang,  der  sich  im  Bogen  bis  südöstlich  von  Rengers- 
hausen vorschiebt.  Von  hier  nach  W.  wird  das  Becken  nicht 
durch  Bergrücken,  sondern  durch  ein  Plateau  begrenzt,  dessen 
bald  steilerer,  bald  sanfterer  Abhang  sich  in  flacher  Vorbiegung 
nach  S.  bis  etwa  1500  Meter  nördlich  Einbeck  erstreckt  und  un- 
gefähr in  der  Mitte  von  dem  tiefen  Thale  des  krummen  Wassers 
durchbrochen  wird.  Nach  NO.  zu  hebt  sich  das  Plateau  allmäh- 
lich zu  grösserer  Höhe  und  erreicht  im  Fuchshöhlenberg  im  Ein- 
becker Stadtforst  323  Meter  Meereshöhe.  Hier  biegt  die  Um- 
wallung unseres  Beckens  nach  SO.  und  S.  um,  bis  zu  der  Stelle, 
wo  ein  schmaler  Kamm  zu  der  ebenfalls  plateauartig  nach  S.  vor- 
geschobenen Wölbung  des  Altendorfer  Berges  hinüberleitet. 

Auf  der  ganzen  Ostgrenze  des  Beckens  nähert  sich  der  Alten- 
dorfer Berg  allein  an  Höhe  den  übrigen  Raudhöhen  desselben. 
Durch  das  Ilmethal  wird  von  seinem  südlichen  Ende  der  niedrige 
Heldenberg  bei  Salzderhelden  geschieden.  Weiter  nach  S.  steht 
das  Becken  mit  der  Alluvialfläche  des  Leinethaies  fast  in  offener 
Verbindung.  Nur  scheinbar  bilden  die  isolirten  Kuppen  des  Sül- 
becker  Berges,  Sülberges  und  Hundeberges  einen  Abschluss  gegen 
dasselbe. 

Das  eigentliche  Becken  senkt  sich  von  den  Randhöhen  im 
Allgemeinen  allmählich  gegen  den  in  seiner  Längsaxe  verlaufenden 
Fluss  und  ist  nur  durch  die  Seitenbäche  der  Ilme  ein  wenig  zer- 
schnitten. Doch  finden  sich  auch  einige  niedrige  Bodenwellen, 
die  der  Längsrichtung  des  Beckens  folgen,  so  südlich  der  Ilme 


24 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


der  Aulsberg  bei  Wellersen  und  andere  noch  flachere  Erhebungen. 
Nördlich  der  Ilme  treten  sie  schärfer  hervor,  vor  allem  die  drei 
parallelen  Kanten  des  Steinberges,  Lahberges  und  schiefen  Berges 
zwischen  Markoldendorf  und  Amelsen,  ferner  der  Klapperberg 
und  Butterberg  bei  Hullersen,  durch  die  der  Lauf  der  Ilme  eine 
Strecke  weit  nach  OSO.  abgelenkt  wird. 

Viel  höher  erhebt  sich  die  zerstückelte  Hügelreihe,  die,  mit 
dem  Aulsberg  nördlich  Lüthorst  beginnend,  nach  OSO.  durch  das 
Becken  hindurchsetzt,  um  nördlich  Kohnsen  mit  dem  Nordrand 
desselben  wieder  zu  verschmelzen.  Sie  gliedert  eine  schmale, 
höhere  Fläche  ab,  auf  der  die  Dörfer  Portenhagen,  Rengershausen 
und  Avendshausen  liegen,  gestattet  den  Gewässern  derselben  aber 
durch  tiefe,  auf  Lüthorst,  Amelsen  und  Avendshausen  hinaus- 
führende Querthäler  freien  Austritt. 

Der  allmähliche  Abfall  der  Thalsohle  ergiebt  sich  aus  der 
Meereshöhe  der  Bahnhöfe  von  Dassel  (161  Meter),  Markoldendorf 
(131  Meter)  und  Einbeck  (112  Meter),  die  sämmtlich  nur  wenige 
Meter  über  dem  Spiegel  der  Ilme  erhaben  sind.  Beim  Austritt 
aus  dem  Becken  liegt  der  Spiegel  des  Flusses  bei  etwa  105  Meter. 


Die  Untersuchung  des  geologischen  Baues  ergab  Fol- 
gendes : 

Die  drei  Bergreihen  des  Südwestrandes  bis  zum  Lauenberger 
Querthal  gehören  einer  einzigen  nach  NO.  geneigten  Scholle  an, 
deren  festere  Gesteine  als  Kämme  oder  Bergreihen  stehen  blieben, 
während  auf  den  milderen  Schichten  durch  Erosion  Längsthäler 
entstanden. 

Der  südöstliche  und  höchste  der  drei  Rücken  besteht  aus 
mittlerem  Buntsandstein.  Unmittelbar  südlich  der  Stennebergs- 
mühle beginnend  erhebt  er  sich  in  seinem  mittleren  Theil,  der  auf 
eine  lange  Strecke  den  Namen  Ahlsburg  führt,  bis  über  400  Meter. 
Südwestlich  der  Oberförsterei  Grubenhagen  wendet  der  Kamm 
sich  für  etwa  400  Meter  nördlich,  um  dann  im  Eichenfast  in  die 
frühere  Nordwestrichtung  wieder  einzulenken.  Man  könnte  ver- 
muthen,  dass  diese  geringe  Unregelmässigkeit  seiner  Form  in 


des  Einbeck -Markoldendorf er  Beckens. 


25 


seinem  inneren  Bau  begründet  sei,  und  zwar  in  Querbrüchen,  die 
sich  sicher  nur  an  den  beiden  Enden  des  10  Kilometer  langen 
Zuges  nachweisen  lassen.  So  gliedert  sich  an  seinem  Südostende, 
wohl  unter  dem  Einfluss  der  die  Moringer  Gegend  durchziehenden 
Bruchlinien,  der  steile,  dem  Hauptkamm  nach  NO.  vorgelagerte 
Katenstein,  am  Nordwestende  der  ein  Stück  aus  dem  Streichen 
nach  N.  verschobene  Drögenberg  deutlich  von  der  langen,  gleich- 
mässigen  Firste  ab.  Der  steile  Südwestabhang  führt  zu  der  von 
Graul  geschilderten  Bruchzone  »Moringen-Fredelsloh«  hinab,  die 
den  ganzen  Südwestfuss  dieser  Berggruppe  begleitet.  An  dem 
etwa  mit  den  Schichten  einfallenden  Nordosthang  wölben  sich  in 
der  Mittelregion  die  »Uhlenstöcke«  nach  dem  breiten  Längsthaie, 
in  dem  die  Oberförsterei  Grubenhagen  liegt,  etwas  vor. 

Dieses  Längsthal,  das  in  seinem  Grunde  von  den  nur  hie 
und  da  sichtbaren  Thonen  des  Rüth  erfüllt  ist,  entwässert  seine 
Mittelpartie  durch  drei  tiefe  Ausschartungen  des  nächsten  nach 
NO.  vorgelagerten  Längskammes,  der  aus  Wellenkalk  besteht. 
Er  erreicht  und  übersteigt  noch  die  Höhe  von  300  Metern,  um  sich 
zuletzt  in  dem  langen  Rücken  »an  der  Lieth«  nach  dem  Lauen- 
berger Querthal  mehr  und  mehr  hinabzusenken. 

Die  dem  Innern  des  Beckens  zugewandte  dritte  Hügelreihe, 
die  von  den  wenig  mächtigen,  aber  um  so  widerstandsfähigeren 
Bänken  des  Trochitenkalkes  gebildet  wird,  erreicht  die  selbständige 
Bedeutung  der  beiden  ersten  nicht.  Am  Ende  des  Iberberges  bei 
Iber  ist  sie  durch  Qu  er -Verwerfungen  ganz  in  die  Verlänge- 
rung des  Wellenkalkes  verschoben.  Da  bei  der  geringen  Mäch- 
tigkeit des  Trochitenkalkes  schon  eine  unbedeutendere  Störung 
dem  Wirken  der  Erosion  eine  Bresche  liefert,  ist  er  neben  den 
drei  auch  den  Wellenkalk  durchbrechenden  Querthälern  noch  von 
einer  ganzen  Reihe  von  Schluchten  und  Einschnitten  in  zahlreiche 
kurze  Rücken  zergliedert. 

Das  Gelände  fällt  nach  NO.  von  dem  Troohitenwall  in  wenig 
zerschnittener  und  bald  flacher  werdender  Böschung  bis  zu  einer 
Reihe  von  Dörfern  ab,  die  ihn  in  etwa  600  Meter  Entfernung  und 
im  Mittel  150  Meter  Meereshöhe  begleitet.  Jenseits  derselben 
hebt  sich  von  Rothenkirchen  bis  Wellersen  mehr  und  mehr  eine 


26 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


ebenfalls  der.  Randbergen  parallele  Terrainwelle  heraus,  die  aus 
unterem  Lias  besteht.  Der  Abhang  zeigt  neben  Thonplatten  und 
Kohlenkeuper  nur  Spuren  der  mächtigen  Schichten  des  Gyps- 
keupers;  Rhät  fehlt,  wie  auch  Emerson  ausdrücklich  betont,  gänz- 
lich. Daher  ist  hier  die  innere  Ausfüllung  des  Beckens  an  einem 
langen,  streichenden  Bruch  um  mehr  als  400  Meter  gegen  die 
Randhöhen  abgesunken.  Die  Lage  dieser  Verwerfung  lässt  sich 
wegen  einer  Lehmdecke  nur  da  annähernd  genau  bestimmen,  wo 
die  beiderseitigen  Aufschlüsse  näher  zusammentreten.  Dass  mehr- 
fach am  Abhang  der  Triashöhen  secundäre,  ebenfalls  zum  Theil 
streichende  Störungen  Vorkommen,  kann  bei  der  Nähe  einer 
grösseren  Verwerfung  nicht  auffallen.  So  zeigt  ein  500  Meter 
südlich  Iber  im  Felde  betriebener  Trochitenkalkbruch  deutlich  auf- 
geschlossen, wie  die  Schichten  von  secundären  Störungen  zer- 
schnitten und  durch  Seitendruck  zusammengeschoben  sind. 

Das  Lauenberger  Querthal,  das  den  Rand  des  Beckens  auf 
etwa  1000  Meter  unterbricht,  kam  durch  Einbruch  in  Folge  von 
Querspalten  zu  Stande,  und  zwar  haben  die  eingestürzten  Schichten, 
wie  häufig,  eine  wenig  regelmässige  Lagerung.  So  folgt  unten 
am  Ende  des  Trochitenwalles  am  Abhange  über  der  Thalsohle 
eine  kleine,  von  Tufflagern  fast  verhüllte  Partie  von  Kohlenkeuper. 
Nach  NO.  macht  sie  sogleich  zähen  Thonen  mit  Amm.  angulatus 
Platz.  Die  Sprunghöhe  zwischen  dem  Keuper  des  Randes  und 
der  eingestürzten  Thalausfüllung  übersteigt  hier  500  Meter. 

Weiter  südlich  grenzt  durch  einen  Bruch  der  Buntsandstein 
des  Drögenberges  unmittelbar  an  eine  Muschelkalkscholle,  die 
seinen  nordwestlichen  Fuss  bildet.  Dieser  Bruch,  der  Veran- 
lassung zu  einem  Erdfall  gab  und  durch  eine  Quelle  bezeichnet 
ist,  zieht  erst  südlich,  weiterhin  südöstlich  in  der  Richtung  auf 
Fredelsloh  im  Thale  des  Hahnenbaches  hinauf  und  trennt  eine 
nach  Lauenberg  sich  keilförmig  verbreiternde,  tiefer  gesunkene 
Triasscholle  von  dem  Eichenfast  und  Drögenberg  ab. 

Auch  an  dem  jenseitigen  Hange,  wo  eine  Lehmdecke  das 
Erkennen  des  Gfebirgsbaues  erschwert,  deutet  wenigstens  ein  Vor- 
kommen von  Gypskeuper  dicht  neben  älteren  Schichten  der  Trias 
auf  das  Vorhandensein  ähnlicher  Störungen  hin,  so  dass  auch  im 
tektonischen  Sinne  das  Querthal  reichlich  1000  Meter  Breite  hat. 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


27 


Der  Lauenberger  Quereinbruch  steht  zweifellos  mit  den  von 
Graul  *)  beschriebenen , für  den  Bau  des  Solling  bestimmenden 
Brüchen  und  Graben  Versenkungen  in  directem  Zusammenhang. 
Graul  fand  östlich  vom  Forsthaus  Seelzerthurm  »Keuper,  Trochiten- 
kalk  und  Buntsandstein  durch  einander  gewürfelt«  und  führt  dies 
Verhalten,  ebenso  wie  das  »wirre  Durcheinander  von  Gebirgsarten« 
zwischen  Fredelsloh  und  Lauenberg  auf  die  »sich  hier  vollziehende 
Kreuzung  der  Spalten  Moringen -Fredelsloh  und  Lüthorst -Mark- 
oldendorf-Wellersen« zurück.  Ich  möchte  daneben,  wenigstens 
für  diesen  Abhang  des  Solling,  auf  die  langen  und  tiefen  Thäler 
aufmerksam  machen,  die  etwa  in  nordöstlicher  Richtung  aus  dem 
Gebirge  herausstreichen  und  wahrscheinlich  durch  Brüche  ent- 
standen sind.  Mögen  diese  auch  secundärer  Natur  sein,  so  stehen 
gerade  sie  doch  mit  dem  Bau  des  Vorlandes  des  Gebirges,  also 
unseres  Beckens,  in  engem  Zusammenhang.  Wir  werden  denselben 
in  der  Nähe  von  Dassel  noch  mehrfach  feststellen  können.  Aber 
auch  das  Lauenberger  Querthal  scheint  mir  gerade  mit  einem  der- 
artigen, etwa  von  S.  auf  Lauenberg  zu  streichenden  Bruch  zu- 
sammen zu  hängen.  In  ihm  stecken  von  Lauenberg  nach  S.  zu 
mehrfach  zwischen  Buntsandstein  Spuren  von  Muschelkalk  einge- 
klemmt; weiterhin  liegt  an  der  »Platte«,  etwa  3 Kilometer  süd- 
lich Lauenberg,  das  dort  gefundene  Tertiär  wohl  zwischen  diese 
Bruchränder  eingesunken.  Mit  Graul’ s Spalten  »Moringen-Fre- 
delsloh« und  »Schlarpe -Grimmerfeld«  lässt  es  sich  wenigstens 
schwer  in  Verbindung  bringen. 

Im  Gegensatz  zu  der  oben  besprochenen,  nach  SW.  durch  be- 
deutende Absinkungen  scharf  begrenzten  Berggruppe  des  Südwest- 
randes stehen  die  jenseits  des  Lauenberger  Querthaies  sich  er- 
hebenden Muschelkalkberge  bis  in  die  Gegend  von  Dassel  mit 
dem  Solling  augenscheinlich  in  ungestörtem  Zusammenhang.  Das 
Streichen  und  Einfallen  der  Schichten  entspricht  hier  wenigstens 
ganz  der  flachen  Neigung  der  Buntsandsteinplatten  südlich  und 
südwestlich  der  Thalsenkung  von  Hilwartshausen.  Der  südwest- 
liche, unregelmässig  ausgeschnittene  Steilrand  der  Gruppe  besteht 
aus  Wellenkalk  und  überragt  die  im  N.  vorgelagerten  Trochiten- 


x)  a.  a.  0.  bes.  S.  9 — 13. 


28 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


wälle  nur  wenig.  Er  beginnt  mit  dem  Grubenberg  nordwestlich 
Lauenberg,  der  mit  seinem  westlichen,  bewaldeten  Kopf  bis  an 
den  Fahrweg  von  Hilwartshausen  nach  Hoppensen  heranreicht. 
Von  dieser  Stelle  zieht  der  Scharfenberg  mit  steilem  Südabfall 
mehr  als  2 Kilometer  gerade  nach  W.  Um  seinen  scharf  ge- 
schnittenen Westvorsprung,  dem  gegenüber  den  unregelmässig 
gewölbten,  reichlich  Gyps  führenden  Röthmassen  noch  die  verein- 
zelte Wellenkalkscholle  des  Burgberges  aufgesetzt  ist,  gelangen 
wir  in  ein  auf  dem  Röth  nach  N.  hinabsinkendes  Thal,  das  den 
letzten  Theil  des  nun  fast  nördlich  gerichteten  Wellenkalkabfalls 
bis  zur  llme  begleitet,  oben  zwischen  ihn  und  die  Nordflanke  des 
Scharfenberges  tief  hineingreift. 

Hier  am  Nordhange  des  Scharfenberges  findet  sich,  wie  lange 
bekannt,  fossilführender  oberoligocäner  Sand,  der  zusammen  mit 
geringen  Gypskeuperresten  in  ein  kesselförmiges,  fast  kreisrundes 
Bruchbecken  des  Wellenkalkes  eingestürzt  ist.  Graul’ s Spalte 
Schlarpe-Grimmerfeld , die  etwa  auf  Relliehausen  zu  aus  dem 
Solling  heraustritt,  hat  wohl  mit  diesem  erdfallartigen  Einbruch 
nichts  zu  thun.  Ich  sehe  vielmehr  in  ihm  und  einem  ähnlichen, 
an  der  Steilkante  des  Wellenkalkes  etwa  800  Meter  weiter  nörd- 
lich vorhandenen  Tertiäreinbruch,  der  sich,  wie  der  erstere,  auf 
H.  Römer’s  Karte  verzeichnet  findet,  nur  Begleiterscheinungen  zu 
nebensächlichen  Brüchen,  die  in  dieser  ganzen  Berggruppe  allent- 
halben durch  Unregelmässigkeiten  im  Streichen  und  Fallen  ihr 
Vorhandensein  verrathen.  An  ihren  beiden  Enden  sind  sie,  wie 
die  Karte  erkennen  lässt,  besonders  deutlich. 

Auch  die  tiefe  Thalspalte,  die  den  Bierberg  nordöstlich  Dassel 
von  der  eben  besprochenen  Berggruppe  trennt  und  der  llme  den 
Eintritt  in  das  Becken  gestattet,  scheint  sich  auf  einem  Querbruch 
ausgebildet  zu  haben.  Seine  tektonische  Bedeutung  tritt  zurück, 
denn  der  Bierberg  gliedert  sich  seinem  flachen  Einfallen  und  der 
Richtung  seines  Streichens  nach  ganz  jenen  Bergen  in  seinem  Süd- 
osten an;  auch  habe  ich  in  dem  schmalen  Thalgrunde  der  llme 
eingestürzte  jüngere  Schichten  nicht  gefunden.  Dass  der  südlich 
der  llme  noch  vorwiegende  Wellenkalk  am  Bierberg  zurücktritt, 
bewirken  die  oben  erwähnten , vom  Solling  herankommenden 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


29 


Störungen,  die  hier  über  Dassel  in  der  Richtung  auf  Lüthorst  in 
das  Becken  hineingehen. 

Dass  auch  diese  ganze  Berggruppe  vom  Lauenberger  Querthal 
an  in  ihrem  Nordostabhange  eine  grössere  Störung  verbirgt,  an 
der  die  innere  Ausfüllung  des  Beckens  zur  Tiefe  gesunken  ist, 
verräth  die  nahe  Nachbarschaft  eines  Rhätkeupervorkommeus  neben 
dem  Kohlenkeuper  und  untersten  Gypskeuper  des  Abhanges, 
etwa  500  Meter  südlich  von  Krimmensen.  Die  Sprunghöhe  der 
Verwerfung  beträgt  auch  hier  gegen  400  Meter. 

Vom  Nordwestabhange  des  Bierberges  an  besitzt"  der  Rand 
unseres  Beckens  einen  verwickelteren  Bau.  So  zeigt  der  Haupt- 
rücken des  Westrandes,  wenn  er  auch  äusserlich  einen  ziemlich 
einheitlichen  Wall  bildet,  doch  in  seinem  Innern  durch  die  ver- 
einigte Wirkung  zweier  verschiedener  Störungsrichtungen  ziemlich 
verwickelte  Verhältnisse.  Die  eine  Bruchrichtung,  etwa  N.  25  °0. 
streichend,  tritt  vor  allem  im  S.  deutlich  hervor.  Es  sind  die 
Brüche,  die  mir  mit  den  oben  erwähnten  Sollingthälern  zusammen- 
zuhängen scheinen.  Sie  bedingen  nördlich  vom  Bierberg  zwei 
keilförmige,  in  der  Richtung  auf  Erichsburg  und  Hunnesrück  sich 
erweiternde  Einbrüche  von  Gypskeuper,  zwischen  denen  horstartig 
die  oben  horizontal  liegende,  auf  beiden  Seiten  zu  den  Bruch- 
linien abfallende  Muschelkalkscholle  des  Rotenberges  stehen  ge- 
blieben ist.  Der  westliche  Grenzbruch  des  bis  etwa  300  Meter 
breiten  nördlichen  Einbruchs  folgt  vom  obersten  der  oberhalb 
Hunnesrück  gelegenen  Teiche  an  dem  Waldrande  und  dem  Beginn 
des  steileren  Aufstieges  auf  mehr  als  2 Kilometer  Länge.  Einige 
hundert  Meter  weiter  östlich  stehen  jenseits  eines  zweiten,  parallelen 
Bruches  Thone  des  unteren  Lias , sodass  die  Absinkung  des 
Innern  hier  in  zwei  Staffeln  erfolgt  ist. 

Die  massive,  etwa  4 Kilometer  lange  Mittelpartie  des  West- 
randes besteht  im  S.  aus  Wellenkalk  und  trägt  auf  ihrem  süd- 
lichsten Vorsprung  die  Trümmer  der  Burg  Hunnesrück.  Dann 
steigt  sie  steil  zu  der  Kuppe  des  Hatop  hinauf,  um  sich  von  hier 
ganz  allmählich  nach  NNO.  zu  senken.  Weiterhin,  im  Beizer 
Berg,  bildet  eine  Platte  von  Trochitenkalk  die  Höhe,  von  der 
sich  die  Schichten,  vielleicht  an  streichenden  Nebenbrüchen,  nach 


30 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


beiden  Seiten  zu  den  im  Abhang  verlaufenden  grösseren  Brüchen 
hinabsenken.  Denn  auch  der  nordwestliche  Abhang  wird  in  der 
Nähe  von  Denkiehausen  von  einem  Gypskeupereinbruch  begleitet. 

Da,  wo  im  N.  der  Trochitenkalk  des  Beizer  Berges  wie  ge- 
wöhnlich mit  einem  kurzen  Steilhang  endigt,  ändert  sich  der  Bau 
dieser  Berggruppe  plötzlich;  denn  in  dem  Thälclien,  das  etwa 
1200  Meter  südwestlich  Lüthorst  sich  hinaufzieht  und  als  leichte 
Einsenkung  über  die  Höhe  hinweggeht,  liegt  ein  Südost-Nordwest- 
bruch,  der  die  schmale,  südwestlich  einfallende  Wellen kalkscholle 
des  Möserfberges  von  dem  Nordende  des  Beizerberges  abschneidet. 
Ein  zweiter,  parallel  gerichteter  Bruch,  durch  eine  Quelle  und 
kleine  Erdfälle  angedeutet,  verbirgt  sich  im  Grunde  der  tieferen, 
schmalen,  von  Lüthorst  nordwestlich  nach  Linnenkamp  hinüber- 
führenden Senkung.  Er  begrenzt  südwestlich  die  etwas  zerrüttete 
Wellen  kalkscholle  des  Hühnerberges,  der  Glocke  und  des  Heimken- 
berges.  Nach  SO.  wenden  diese  Hügel  ihren  rechtwinklig  aus- 
geschnittenen Steilhang  gegen  den  mit  Röth  erfüllten,  sanft  an- 
steigenden Thalgrund,  aus  dem  über  einen  breiten  Sattel  die 
Strasse  von  Lüthorst  nach  Stadtoldendorf  hinübergeht.  Auch  hier 
stören  Brüche  den  Zusammenhang  des  Gebirgsrandes,  denn 
zwischen  die  von  Gypsstöcken  durchsetzten  Röthmassen  dieses 
Sattels  sind  an  mehreren  Stellen  Trochitenkalkschollen  von  ver- 
schiedener Grösse  eingesunken. 

Das  Innere  des  Beckens  ist  in  dieser  Gegend  besonders  tief 
gegen  den  Rand  abgesunken,  denn  am  Westausgange  von  Lüt- 
horst ist  der  Wellenkalk  nur  etwa  150  Meter  von  einer  Stelle 
entfernt,  wo  früher  einmal  Fossilien  der  Amaltheenschichten  ge- 
funden sind1),  und  die  Sprunghöhe  der  hier  vorhandenen  Ver- 
werfung beträgt  800  Meter. 

Auf  dem  Röthsattel  nordwestlich  Lüthorst  befinden  wir  uns 
am  Abhange  des  Eifas.  Das  Südostnordweststreichen,  das  schon 
in  dem  eben  beschriebenen  Theile  des  Westrandes  bemerkbar 
ist,  herrscht  hier  vor.  Die  Schichten  des  Eifas  liegen  im  All- 
gemeinen sattelförmig,  aber  während  der  hohe  Nordostflügel  dieses 


0 Zweifellos  meint  Emerson  diese  Stelle  a.  a.  0.  S.  36, 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


31 


Sattels,  der  für  uns  nicht  mehr  in  Betracht  kommt,  sich  als  ein 
einheitlicher  Kamm  bis  an  die  Einsenkung  zwischen  Eimen  und 
Rengershausen  verfolgen  lässt,  zeigt  der  auf  unser  Becken  zu  ge- 
richtete Südwestflügel  complicirteren  Bau.  Im  Allgemeinen  herrscht 
SW. -Fallen,  aber  mehrere  von  der  mittleren  Sattelspalte  nach  SO. 
spitzwinklig  sich  abzweigende  Brüche  theilen  diesen  Flügel  in  lange 
Stücke,  die,  sämmtlich  vom  Bausandstein  des  mittleren  Buntsand- 
stein gekrönt,  nach  der  Thalsohle  von  Portenhagen  und  Rengers- 
hausen  zu  auslaufen.  Dazu  kommen  Querbrüche,  die  nördlich  von 
Lüthorst  in  die  hinteren,  höheren  Kämme  eine  tiefe  Bresche  legen. 
Da,  wo  sie  mit  der  mittleren  Sattelspalte  Zusammentreffen,  liegt 
in  einem  sumpfigen  Grunde  »am  Gehren«  das  bekannte  Ltithorster 
Tertiärvorkommen  versenkt,  dessen  Sande  Arten  des  norddeut- 
schen Oberoligocäns  enthalten. 

Zwischen  den  Bergen  des  Eifas  und  Lüthorst  beginnt,  wie 
oben  erwähnt,  die  zerstückelte  Hügelreihe,  die  bis  in  die  Nähe  von 
Kohnsen  die  höher  liegende  Einsenkung  von  Portenhagen,  Rengers- 
hausen  und  Avendshausen  von  der  Hauptfläche  des  Beckens  ab- 
scheidet. Ihr  ausserordentlich  verwickelter  Bau  steht  zu  den 
weniger  gestörten  Zügen  des  südwestlichen  und  auch  des  nord- 
östlichen Randes  in  einem  auffallenden  Gegensatz.  Bezeichnend 
ist  für  ihn  vor  allem  die  Häufung  streichender  Brüche,  die  schmale 
Muschelkalkrücken  von  vorwiegend  südwestlichem  Einfallen  in 
mehrfacher  Wiederholung  liintereinandersetzen.  Quereinbrüche 
machen  den  Bau  der  Hügelreihe  noch  unregelmässiger.  . Ueberall 
lässt  sich  auch  hier  ein  Hauptbruch  bezeichnen,  an  dem  der  flach 
lagernde  Lias  und  Rhätkeuper  des  inneren  Beckens  um  ähnliche 
Beträge,  wie  im  S.  und  W.,  gegen  die  Randhöhen  zur  Tiefe  ge- 
sunken ist. 

Schon  der  Buntsandstein  des  Aulsberges,  der  nach  Streichen 
und  Fallen  wie  eine  Vorhöhe  des  Eifas  erscheint,  stösst  an  seinem 
Ostabhang  an  Keuper,  der,  von  Querbrüchen  zerschnitten,  mit 
oberem  Muschelkalk  (Steinberg)  abwechselt.  Nordöstlich  stösst 
an  diesen  Complex  eine  schmale  und  niedrige  Wellenkalkscholle 
mit  etwas  Röth,  die  das  Streichen  und  Fallen  der  nahen  Eifas- 
höhen hat,  aber  vom  nächsten  Buntsandsteinrücken  durch  einen 


32  Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 

streichenden,  von  mehreren  bedeutenden  Erdfällen  begleiteten 
Bruch  getrennt  ist. 

Südwestlich  von  der  von  Lüthorst  nach  Portenhagen  ziehen- 
den Senkung  wölbt  sich  von  0.  nach  W.  ein  zweiter  Rücken, 
der  Hainberg,  der  den  Erhebungen  nördlich  Lüthorst  an  regel- 
losem Bau  nichts  nachgiebt.  An  seiner  Nordseite  ist  Gypskeuper 
und  Rhät  zwischen  ältere  Gesteine  eingesunken.  Am  Südabhange 
legt  sich  an  einem  N.  80°  W.  streichenden  Bruch  Gypskeuper  und 
vor  allem  eine  breite  Rhätscholle,  die  ich  der  gesunkenen  Innen- 
fläche des  Beckens  zurechne,  vor  Kohlenkeuper  und  oberen 
Muschelkalk  des  Beckenrandes.  Die  auf  das  Dorf  Portenhagen 
sich  vorschiebende  Ecke  des  Hügels  ist  besonders  stark  zer- 
schnitten und  zeigt  mehrere  grössere  Erdfälle. 

In  dem  ziemlich  engen,  von  Portenhagen  auf  Amelsen  hin- 
ausführenden Thale  wendet  sich,  nur  400  Meter  südlich  vom 
Dorfe,  der  Thalbach  in  scharfem  Knie  um  die  steil  aufsteigende 
Wellenkalkrippe  des  Gropenberges,  mit  dem  das  dritte  Glied  der 
Reihe  beginnt.  Streichende  Störungen  bestimmen  dann  die  Kamm- 
richtung des  Borberges,  des  den  Gropenberg  fortsetzenden  Birken- 
berges und  mehrerer  niederer,  demselben  nach  Amelsen  zu  vor- 
gelagerter Rücken.  Da,  wo  am  Südabhange  dieser  Hügel  die 
gleiclunässig  flache  Böschung  beginnt,  ist,  wie  am  Hainberge  bei 
Lüthorst,  dem  zerstückelten  Rande  an  einem  Hauptbruch  der 
Rhätkeuper  des  Beckeninneren  in  breiter  Platte  vorgelagert.  Quer- 
brüche greifen  vor  allem  in  der  Umgebung  des  von  Amelsen 
nach  Rengershausen  hinüberführenden  Weges  von  N.  und  S.  tiefer 
in  den  Gebirgsbau  ein.  Weiterhin  nach  O.  herrschen  wieder  die 
streichenden  Brüche,  die  z.  B.  die  Kammrichtung  des  Hülseberges 
nordöstlich  Amelsen  bestimmen.  Nur  in  seiner  Osthälfte,  in  der 
Nachbarschaft  eines  grösseren,  auf  Avendshausen  zu  gerichteten 
Quereinbruches,  zeigen  sich  Brüche  und  Absinkungen  anderer, 
verwickelterer  Art. 

In  dem  breiten  Avendshäuser  Querthal  habe  ich  unter  dem 
weitverbreiteten  Lehm  eingestürzte  jüngere  Triasschichten  nicht 
zu  Tage  treten  sehen.  Aber  an  der  im  Thalgrunde  heraufführen- 
den Chaussee  liegt  ein  mächtiger  Quarzitblock  als  Rest  einer 


des  Einbeck-Markoldendorfer  Beckens. 


33 


Tertiärausfüllung,  die  sich  möglicherweise  unter  dem  Lehm  weiter 
ausdehnt. 

In  der  Gegend  nordöstlich  Rengershausen  kommt  mit  dem 
Auslaufen  der  letzten  Buntsandsteinhöhen  des  Eifas  der  diesen  im 

N.  begleitende  Wellenkalk  nach  S.  herüber  und  nimmt  an  der 
Begrenzung  des  Beckens  Theil.  Er  schliesst  in  steiler  Kante 
nach  O.  die  Eöthfläche  von  Rengershausen  ab,  springt  dann  in 
scharfem  Winkel  auf  Avendshausen  zurück  und  verschwindet  nach 

O.  allmählich  bis  auf  Spuren  unter  dem  Lehm  des  Abhanges. 
Der  darüber  stehende  Trochitenwall,  der  auf  eine  längere  Strecke 
mit  der  Landesgrenze  zusammenfällt,  schwenkt  allmählich  zu  ost- 
südöstlichem Streichen  um  und  reicht,  mehrfach  durch  Quer- 
störungen ausgeschartet,  fast  bis  an  den  von  Einbeck  nach  Barts- 
hausen hinaufführenden  Fahrweg. 

Nordöstlich  Vardeilsen  lehnt  sich  an  dieses  Glied  des  Nord- 
ostrandes des  Beckens  auf  Kilometerlänge  der  letzte  Hügel  der 
inneren  Reihe  an,  der  die  beiden  Gehölze  »Buchholz«  und  »Stein- 
bühl« trägt.  Auch  in  ihm  herrscht  ostwestliches,  allmählich  nach 
OSO.  umbiegendes  Streichen,  so  in  dem  höchsten,  aus  Wellen- 
kalk bestehenden  Rücken  mit  mehreren  nach  SSW.  vorgelagerten 
Trochitenwällen,  die  zum  Theil  durch  complicirte  Störungen  ab- 
getrennt und  von  kleinen,  eingestürzten  Gypskeuperpartien  um- 
geben sind.  Südlich  schliesst  sich  die  flachgeneigte,  von  Emerson 
als  Fundstätte  einiger  Fossilien  angeführte  Kohlenkeuperscholle 
an,  die  sich  gegen  die  eben  erwähnten  Randhöhen  nur  wenig  ge- 
senkt hat;  weiterhin  in  dem  Thalgrunde  von  Kohnsen  steht  hinter 
einem  zweiten  Bruch  Lias,  um  wohl  500  Meter  gegen  jenen 
Keuper  gesunken. 

Der  letzte  Theil  der  Nordbegrenzung  des  Beckens  hat  Plateau- 
charakter. So  zieht  vom  Bartshäuser  Thurm  ein  breit  gewölbter 
Rücken  von  flach  geneigtem  oberen  Muschelkalk  nach  O.  bis  an 
den  Einschnitt  des  »krummen  Wassers« , doch  ist  sein  Südwest- 
abhang noch  von  ähnlichen  Störungen  durchzogen,  wie  sie  in  der 
inneren  Hügelreihe  auftreten.  Dass  diese  Brüche  auch  in  die 
Plateaufläche  selbst  hineingehen,  zeigen  auf  ihr  vorhandene  Erd- 

[3] 


Jahrbuch 


34 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbai 


fälle.  Yermuthlich  gab  auch  eine  Störung  die  Veranlassung  zur 
Entstehung  der  Schlucht  des  krummen  Wassers. 

Das  Plateau  des  Riesenberges  ist  die  unmittelbare  Fort- 
setzung des  zuletzt  erwähnten  Rückens.  Ebenfalls  hie  und  da  Erd- 
fälle zeigend  steigt  es  allmählich  bis  zum  Fuchshöhlenberg  nach 
ONO.  an.  Vielleicht  verläuft  an  seinem  Südrande  eine  unbedeutende 
streichende  Störung. 

In  der  Nordostecke  des  Beckens,  »bei  den  Teichen«,  ver- 
schmälert sich  der  nach  S.  umbiegende  Rücken  des  Plateaus. 
Mehrfacher  plötzlicher  Wechsel  im  Einfallen  der  Schichten  deutet 
auf  Brüche,  die  nach  dem  Einsturzbecken  von  Kreiensen  und 
Greene  hinüberweisen. 

Der  wieder  mehr  plateauartige  Wellenkalk  des  Altendorfer 
Berges,  der  sich  von  jener  Ecke  nach  S.  bis  an  die  Urne  vor- 
schiebt, gehört  schon  dem  Ostrande  an.  Jenseits  der  Ilme  be- 
stehen auch  die  niedrigen  Hügel  des  grossen  und  kleinen  Helden- 
berges noch  aus  flach  nach  W.  einfallendem  Wellenkalk.  Im 
Thal  der  Ilme  zwischen  ihnen  und  dem  Altendorfer  Berg  ver- 
laufen indessen  Störungen,  die  schon  am  Südwestabhange  des 
Altendorfer  Berges  steileres  Einfallen  und  andere  Unregelmässig- 
keiten der  Lagerung  erzeugen. 

Unter  der  Stadt  Einbeck  ist  Lias,  der  an  ihrem  südwestlichen 
Ausgang  an  der  Brauerei  noch  ansteht,  bisher  nicht  nachgewiesen. 
Es  fehlt  überhaupt  an  Aufschlüssen,  aus  denen  sich  die  Lage  der 
Randbrüche  des  Beckens  in  dieser  Gegend  genauer  bestimmen 
liesse.  Nur  südlich  von  dem  die  Ruine  tragenden  Südende  des 
Heldenberges  treten  dem  Wellenkalk  desselben  jüngere  Schichten 
so  nahe , dass  letztere  dort  durch  Brüche  abgeschnitten  sein 
müssen.  Daher  steht  der  übrige  Theil  des  Ostrandes,  wenn 
man  hier  von  einem  solchen  noch  reden  darf,  die  niedrigen,  ver- 
einzelten Kuppen  des  Sülbecker  Berges,  Sülberges  und  Hunde- 
berges, zu  der  inneren  Ausfüllung  des  Beckens  in  viel  engerer 
Beziehung,  als  zu  den  Randhöhen,  während  sie  andererseits 
auch  noch  zum  Leinethal-Einbruch  gehören. 

Den  Kern  der  inneren  Ausfüllung  bildet  das  von  Emerson 
so  eingehend  beschriebene  Liasvorkommen  von  Markoldendor 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


35 


Die  beste  Orientirung  über  seinen  Ban  gewähren,  wie  Emerson 
besonders  hervorhebt,  die  beiden,  an  der  unteren  Grenze  der 
Schichten  des  Amm.  bifer  und  in  deren  Mitte  vorhandenen  Sand- 
steinzonen, die  zwischen  Markoldendorf,  Amelsen  und  Vardeilsen 
als  zwei  auffällige  Kanten  der  flach  nach  S.  einfallenden  Schichten 
hervorragen.  Ich  habe  sie  aus  diesem  Grunde  auf  der  Karte  mit 
besonderen  Farben  bezeichnet,  trotzdem  ich  paläontologische  Hori- 
zonte im  unteren  Lias  nicht  unterschieden  habe. 

Die  untere  der  beiden  Zonen  ist  durch  Verwitterung  eines 
stellenweise  noch  erhaltenen,  blaugrauen  Kalksandsteines  ent- 
standen. Sie  bildet  den  First  des  Schiefen  Berges  und  ver- 
schwindet 800  Meter  südwestlich  Amelsen  im  Wiesengrunde. 
Jenseits  des  Weges  von  Deitersen  nach  Amelsen  ist  ihr  Vor- 
handensein im  Felde  wieder  an  einzelnen  Gesteinsstücken  zu  er- 
kennen1); weiter  nordwestlich,  etwa  1000  Meter  nordöstlich 
Deitersen,  tritt  sie  in  der  flachen  Kuppe  des  Käenberges,  an  dem 
ich  einen  Theil  der  am  Schiefen  Berge  reicher  vertretenen  Fossilien 
dieser  Zone  wiederfand,  noch  einmal  deutlicher  zu  Tage.  Der 
Zusammenhang  dieser  beiden  kleineren  Partieen  untereinander  und 
mit  dem  Kamm  des  Schiefen  Berges  ist  nicht  ungestört.  Nach 
O.  lässt  sich  die  Kante  dieser  Schichten  vom  Schiefen  Berge,  wie 
auch  Emerson  angiebt,  bis  in  die  Nähe  von  Kohnsen  ohne  äussere 
Anzeichen  eines  Querbruches  verfolgen. 

Die  obere  der  beiden  Sandsteinzonen  bildet  den  langen  Kücken 
des  Laliberges2)  und,  in  seiner  Verlängerung,  des  Klapperberges 
südwestlich  Kohnsen.  Dieser  Kamm  ist  an  mehreren  Stellen, 
z.  B.  an  der  Juliusmühle,  unterbrochen  und  sogar  etwas  ver- 
schoben. Dieser  Schicht  rechne  ich  auch  das  von  Emerson  mit 
Vorbehalt  als  Kohlenkeuper  angesprochene  Liasvorkommen  zu, 
das  am  Ufer  des  Ilmekanales  sich  bis  nahe  an  Einbeck  heran- 
schiebt. 


0 Emerson  führt  an  dieser  Stelle  Augulatenschichten  an,  von  deren  einem, 
aus  Kalksandstein  bestehenden  Horizont  das  Gestein  allerdings  kaum  zu  unter- 
scheiden ist. 

2)  Lohberg  bei  Emerson. 


[3*] 


36 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


Nach  allem,  was  sich  von  der  Lagerung  erkennen  lässt, 
bildet  der  Lias  von  Markoldendorf,  Juliusmühle  und  Kohnsen  bis 
an  den  Grenzbruch  des  Inneren  nördlich  Amelsen  eine  nahezu 
ungestörte,  einheitliche  Scholle  mit  flacher  Neigung  nach  S. 

Im  NW.  werden  die  Verhältnisse  verwickelter.  Schon  den 
Westabhang  des  Steinberges  bei  Markoldendorf  treffen  mehrere 
Brüche,  wie  z.  B.  die  von  Emerson  geschilderte  Verwerfung  am 
Kleeberge.  Weiter  nach  NNW.  erreichen  sie  bedeutendere  Sprung- 
höhe und  legen  den  Liassandstein  des  Käenberges  neben  Rhät- 
keuper.  Nach  SW.  von  dieser  Stelle  ist  dann  unterer  Keuper 
und  oberster  Muschelkalk  wie  eine  Insel  stehen  geblieben  und 
erscheint  gegen  den  Rhätkeuper  im  NO.  und  SO.  durch  Ver- 
werfungen begrenzt.  Nach  W.  ist  zwischen  diese  ältere  Scholle 
und  den  Gypskeuper  unter  dem  Waldrande  der  westlichen  Grenz- 
höhen zwischen  Lüthorst  und  Erichsburg  der  Lias  eingesunken. 
Letzterer  ist  augenscheinlich  stark  zerrüttet  und  zertrümmert, 
denn  während  Emerson  vom  Westausgange  des  Dorfes  (vergl. 
oben  S.  30.)  Amaltheenthone  beschreibt,  hat  ein  Brunnen  auf  dem 
RoHMEYER’schen  Grundstück  vor  einigen  Jahren  Amm.  angulatus , 
ein  zweiter  am  nahe  benachbarten  Pfarrhause  wieder  Thone  des 
mittleren  Lias  angetroffen. 

Die  Lagerung  der  eingestürzten  Schichten  des  Innern  südlich 
der  Ilme  ist  viel  schwerer  zu  bestimmen,  da  die  Sandsteinzonen 
des  Lias  an  keiner  Stelle  zu  Tage  treten  und  überhaupt  die 
Aufschlüsse  sehr  dürftig  sind.  Es  scheint,  als  ob  südlich  von 
einem  von  Markoldendorf  nach  OSO.  etwa  auf  den  Pinkler  zu 
streichenden  Längsbruch  eine  flach  gegen  NNO.  eiufallende  Lias- 
scholle liegt,  die  allerdings  unter  dem  Lehm  fast  nur  in  der 
langen  Welle  des  Aulsberges  zu  Tage  tritt  und  an  dem  steilen 
Nordwestabhang  desselben  ihr  Ende  erreicht.  Bis  zu  dieser  Stelle 
liegt  also  der  Lias  in  einer  gegen  die  Randhöhen  tief  einge- 
sunkenen, flachen  Synklinale.  Es  liegt  nahe,  den  Westabfall  des 
Aulsberges  mit  dem  östlichen  Grenzbruch  des  Lauenberger  Quer- 
thales  in  Verbindung  zu  bringen.  Eine  andere  Verlängerung  der 
diese  Versenkung  erzeugenden  Brüche  in  das  Innere  des  Beckens 
hinein  habe  ich  aus  den  vorhandenen  Aufschlüssen  nicht  nach- 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


37 


weisen  können.  Der  am  Ufer  der  Urne  von  Markoldendorf  bis 
südlich  Ellensen  anstehende  Lias,  der  ganz  oder  doch  zum  Theil 
den  Schichten  des  Amm.  planicosta  angehört,  hängt  mit  dem  Auls- 
berge nicht  zusammen;  er  scheint  sich  der  Form  der  Oberfläche 
nach  von  WSW.  nach  ONO.  zu  erstrecken. 

Der  östliche  Theil  der  inneren  Ausfüllung  des  Beckens,  zu 
dem  wir  auch  die  drei  oben  erwähnten  Flügel  zwischen  Salzder- 
helden  und  Iber  zählen  können,  besteht  aus  mehrfach  und  un- 
regelmässig mit  Lias  abwechselndem  Keuper.  Eine  gewisse  Gleich- 
förmigkeit des  Baues  zeigen  nur  die  drei  erwähnten  Hügel,  deren 
Kuppen  aus  nach  WSW.  einfallendem  Rhätkeuper  bestehen.  Sie 
zeigen  dadurch  mit  dem  Bau  der  Muschelkalkplatten  der  Helden- 
berge und  des  Altendorfer  Berges  eine  gewisse  Analogie,  wenn 
sie  auch  gegen  jene  in  ein  wohl  600  Meter  tieferes  Niveau  ge- 
sunken sind.  Sie  hängen  indessen  untereinander  nicht  zusammen, 
vielmehr  zieht  sich  zwischen  dem  Sülbecker  Berg  uüd  Sülberg 
der  Lias  von  Odagsen  her  in  einer  breiten , keilförmigen  Masse 
bis  zu  den  westlichsten  Häusern  von  Sülbeck  hinab. 

Aus  der  Schilderung  der  einzelnen  tektonischen  Züge  der 
Landschaft  geht  hervor,  dass  das  System  von  Südostnordwest- 
brüchen, das  im  Aufbau  des  mesozoischen,  nordwestdeutschen  Ge- 
birgslandes  so  sehr  hervortritt,  auch  hier  eine  besondere  Bedeutung 
hat.  Ungefähr  südostnordwestlich  streichen  die  synklinal  zu  ein- 
ander geneigten  Schichten  der  südwestlichen  und  nordöstlichen 
Randhöhen.  Zu  den  letzteren  haben  wir  auch  die  mit  dem  Auls- 
berge bei  Lüthorst  beginnende,  nach  OSO.  laufende  innere  Hügel- 
reihe zu  rechnen,  da  an  ihrem  Südabhang  der  Grenzbruch  der 
eingesunkenen  Innenmassen  verläuft.  Auch  in  ihnen  treten  in 
ähnlicher  Richtung  streichende  Brüche  besonders  hervor.  Endlich 
äussern  sie  sich  in  einem  grossen  Theile  des  eingesunkenen  Innern 
und  des  Westrandes. 

Eine  zweite,  im  Allgemeinen  von  SSW.  nach  NNO.  streichende 
Störungsrichtung  herrscht  in  dem  übrigen  Theile  des  Westrandes 
vor,  auch  gehört  ihr  das  Lauenberger  Querthal  an.  Dass  sie 
wahrscheinlich  zu  dem  Bau  des  nordöstlichen  Sollingabhanges  Be- 


38 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


ziehung  hat,  sahen  wir  ebenfalls.  Vielleicht  gehört  sie  dem  System 
der  jüngeren  Südnordbrüche  und  Grabenversenkungen  des  nord- 
westdeutschen Gebirgslandes  an. 

In  diesem  Netz  von  Brüchen,  das  durch  viele  mehr  oder 
minder  unregelmässig  verlaufende  secundäre  Störungen  ziemlich 
engmaschig  wird,  haben  diejenigen  eine  besondere  und  für  die 
Physiognomie  des  Ganzen  maassgebende  Bedeutung  erhalten,  auf 
denen  die  Innenmasse  um  Hunderte  von  Metern  gegen  die  stehen- 
gebliebenen Ränder  zur  Tiefe  gesunken  ist.  Ihre  Lage  im  Einzel- 
nen ist  oben  genügend  erörtert.  Ein  Zusammenhang  des  einge- 
brochenen Innern  mit  den  vielfachen  Versenkungen  der  benach- 
barten Gebiete  besteht  nur  in  der  breiten  Oeffnung  gegen  das 
Leinethal  zwischen  Salzderhelden  und  Iber  und  allenfalls  im 
Lauenberger  Querthal. 

Die  Herstellung  der  geologischen  Kartenskizze  wurde  dadurch 
sehr  erschwert,  dass  sich  die  PAPEN’sche  Karte  als  zu  klein  und 
vielfach  ganz  veraltet  erwies,  und  ich  sah  mich  genöthigt,  für 
die  geologische  Detailaufnahme  von  dem  darzustellenden  Gebiet 
zunächst  eine  topographische  Karte  herzustellen.  Ich  habe  diesen 
Zweck  durch  an  Ort  und  Stelle  im  Maassstab  1 : 12  500  aufge- 
nommene Croquis  zu  erreichen  gesucht,  die  ich  dann  mit  Be- 
nutzung der  PAPEN’schen  Karte,  der  Forstkarten  und  vor  allem 
der  mir  freundlichst  zur  Verfügung  gestellten  Rainkarten  des 
Kreises  Einbeck  zu  einem  Gesammtbilde  im  Maassstabe  1 : 50000 
verarbeitet  habe. 

Die  auf  dieser  Grundlage  entworfene  geologische  Darstellung 
verfolgt  vor  allem  den  Zweck,  die  tektonischen  Verhältnisse  möglichst 
hervorzuheben.  Daher  wählte  ich  eine  einfachere  Farbenskala,  als 
sie  für  Darstellungen  in  diesem  Maassstabe  sonst  üblich  ist.  Vor 
allem  verzichtete  ich,  abgesehen  von  der  Abscheidung  der  alluvialen 
Thalböden,  auf  eine  Sonderung  der  verschiedenen  jüngeren  Deck- 
gebilde, des  Diluviallehms,  der  Schotterdecken,  Deltabildungen, 
Kalktufflager  etc.1).  Die  Abgrenzung  der  im  Innern  zu  Tage 


*)  Ich  fasse  dieselben  nach  älteren  Vorbildern  als  »Diluvium«  zusammen. 


des  Einbeck  -Markoldendorfer  Beckens. 


39 


tretenden  Flächen  von  Lias  und  Keuper  bedarf  noch  einer  ein- 
gehenderen Durcharbeitung,  als  sie  mir  möglich  gewesen  ist.  Eine 
Kartirüng  der  auf  die  Blätter  Einbeck  und  Moringen  der  Landes- 
aufnahme übergreifenden  Theile  des  Beckens  habe  ich  unterlassen, 
da  dieselbe  im  Aufträge  der  Königl.  Geologischen  Landesanstalt 
durch  Herrn  Professor  v.  Koenen  nahezu  vollendet  ist  und  dem- 
nächst veröffentlicht  werden  wird. 


S tratigr  aphisch-palaeontologi scher  Theil. 

In  dem  von  mir  untersuchten  Gebiet  finden  sich  folgende 
Schichten:  mittlerer  Buntsandstein,  Röth,  der  ganze  Muschelkalk 
und  Keuper,  der  untere  und  ein  Theil  des  mittleren  Lias,  ferner 
einige  unbedeutende  Tertiärpartien,  endlich  diluviale  und  alluviale 
Bildungen. 

Aus  mittlerem  Buntsandstein  besteht  der  Eifas  mit  seinen 
südwestlichen  Vorhöhen,  der  Aulsberg  bei  Lüthorst  und  die  Ahls- 
burg mit  dem  Eichenfast.  Im  Wesentlichen  erscheint  nur  seine 
oberste  Abtheilung,  die  sogenannte  Bausandsteinzone,  auf  dem 
Kartenblatte  und  wird  am  Aulsberg  bei  Lüthorst,  an  den  Vor- 
höhen des  Eifas  bei  Portenhagen  und  Rengershausen  und  am 
Südostende  der  Ahlsburg  in  einigen  Steinbrüchen  ausgebeutet. 
Am  Aulsberge  bei  Lüthorst  sind  auch  zeitweise  eisenreiche  Schichten 
als  Eisenstein  gewonnen  worden1). 

Der  Röth  unterscheidet  sich  nicht  wesentlich  von  der  sonst 
in  diesen  Gegenden  bekannten  Entwicklung.  An  der  Eisenhütte 
bei  Dassel  findet  sich  darin  Gyps,  der  weiter  nach  NW.  mächtiger 
wird.  Er  scheint  mit  den  bedeutenden  Röthgypslagern  bei  Stadt- 
oldendorf ursprünglich  in  Zusammenhang  gestanden  zu  haben, 
wenn  er  auch  augenscheinlich  die  Mächtigkeit  derselben  auf 
unserem  Blatte  nicht  erreicht.  Ausgebeutet  wurde  er  zeitweilig 
an  der  Dasseler  Eisenhütte  und  etwa  2400  Meter  nordwestlich 
Lüthorst. 


*)  Römer  a.  a.  0.  S.  486. 


40 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


Ebenso  stimmt  der  untere  und  mittlere  Muschelkalk  im 
wesentlichen  in  Mächtigkeit  und  Gesteinscharakter  mit  der  sonst 
in  diesen  Gegenden  beobachteten  Ausbildungsweise  überein.  Die 
Eintragung  der  festeren  Bänke  (Oolith-,  Werkstein-  und  Schaum- 
kalkbänke) und  die  sonstige  Gliederung  des  Wellenkalkes  kann 
nur  bei  einer  Aufnahme  in  grösserem  Maassstabe  ausgeführt 
werden.  Die  Schaumkalkbänke  werden  hier  und  da,  z.  B.  an  der 
Lieth  ostsüdöstlich  Wellersen,  in  unbedeutenden  Steinbrüchen  zur 
Wegebesserung  herausgebrochen. 

Ein  viel  bedeutenderer  Steinbruchbetrieb  herrscht  allgemein 
in  den  festen  Bänken  des  Trochitenkalkes.  Am  Steinbühl,  etwa 
1200  Meter  nordwestlich  Vardeilsen,  sind  einige  Lagen  desselben 
ausgezeichnet  oolithisch  entwickelt.  Am  Bierberge  bei  Dassel, 
wo  er  in  einem  besonders  ausgedehnten  Steinbruch  gewonnen 
wird,  ist  er  nahe  seiner  oberen  Grenze  reich  an  Monotis  Albertii 
und  an  anderen  Stellen  an  einer  kleinen,  hinten  stark  verlängerten 
Leda.  Die  sehr  dürftig  aufgeschlossenen  Ceratiten-Schichten  oder 
Thonplatten  lassen  keinerlei  Abweichungen  von  der  sonstigen  Ent- 
wickelung westlich  vom  Harz  erkennen. 

Die  Schichten  des  Kohlenkeupers  sind  am  inneren  Abhange 
des  südwestlichen  Höhenkranzes  sehr  ungünstig  aufgeschlossen, 
erheblich  besser  sind  sie  an  einigen  Stellen  der  nordöstlichen  Seite 
des  Beckens  zu  beobachten.  So  beschreibt  Emerson1)  von  dem 
flachen  Hügel,  der  sich  nordöstlich  Vardeilsen  erhebt  und  bis 
Kohnsen  hinzieht,  graue  Sandsteinplatten  mit  Estheria  minuta 
Goldf.,  andere  an  derselben  Stelle  mit  Myophoria  transversa  und 
Myacites  sp.  (wohl  eine  Anoplophora).  Ein  dem  letzteren  ganz 
ähnliches  Gestein  mit  denselben  Fossilien  fand  ich  dann  allent- 
halben im  Acker  einer  flachen  Bodenwelle  zwischen  Deitersen 
und  Lüthorst. 

Der  Gypskeuper  zeigt  gegenüber  der  jetzt  bekannten  grossen 
Mächtigkeit  seiner  Schichten  in  diesen  Gegenden2)  eine  auffallend 
geringe  Verbreitung.  In  den  meisten  Fällen  erscheint  er  zwischen 

*)  a.  a.  0.  S.  8. 

2)  vergl.  A.  Tornquist,  der  Gypskeuper  in  der  Umgebung  von  Göttingen. 
Göttingen  1892. 


des  Einbeck  - Markoldendorfer  Beckens. 


41 


ältere  Gesteine  eingeklemmt  und  eingesunken,  so  vor  allem  in 
den  beiden  Grabenversenkungen  zu  beiden  Seiten  des  Rotenberges 
nordöstlich  Dassel.  Hier  finden  sich  am  Wege  von  Dassel  nach 
Erichsburg  etwas  jenseits  der  Höhe  im  Acker  mürbe  Sandstein- 
stücke, die  dem  Schilfsandstein  anzugehören  scheinen.  Auf  ihrer 
unregelmässig  knorrigen  Schichtungsfläche  liegen  Ueberzüge  von 
Rotheisenstein,  die  vielleicht  mit  knolligen , von  Herrn  Professor 
v.  Koenen  im  Schilfsandstein  in  der  Nähe  von  Sülbeck  gefundenen 
Rotheisenerzstücken  zu  vergleichen  sind. 

Der  Rhätkeuper  fehlt  auf  der  Süd  Westseite  und  Westseite 
des  Beckens  bis  auf  die  kleine  Scholle  südlich  Krimmensen  an- 
scheinend ganz,  zeigt  aber  in  dem  Gebiet  zwischen  Lüthorst  und 
Vardeilsen  eine  Reihe  besonders  günstiger  Aufschlüsse.  Bekannt 
ist  durch  Pflüoker’s  Beschreibung1)  das  jetzt  leider  in  seinem 
grössten  Theile  verschüttete  Profil  nordöstlich  von  Deitersen,  das 
damals  vor  allem  die  beiden  Grenzzonen  der  Formation  gut  auf- 
geschlossen zeigte.  An  einem  zweiten  Aufschlüsse  am  Bachufer 
nordwestlich  Amelsen  sammelte  Emerson  2)  besonders  häufig  und 
wohlerhalten  verschiedene  Fossilien  der  Taeniodon- Schichten.  Neben 
diesen  beiden  Aufschlüssen  ist  noch  eine  Stelle  am  Südabhange 
des  Hainberges  bei  Lüthorst  zu  erwähnen,  wo  an  einem  vom 
Dorfe  herauf  kommenden  Wege,  etwa  400  Meter  östlich  vom 
Bache,  die  unteren  Grenzschichten  des  Rhätkeupers  mit  mehreren 
Bonebedlagern  anstehen.  Die  Kuppen  der  isolirten  Rhäthügel 
zwischen  Salzderhelden  und  Iber  bestehen  aus  einem  gelblichen 
bis  lebhaft  rostfarbenen,  mässig  festen  Sandstein,  dessen  mächtigere 
Bänke  gewonnen  werden.  In  ihm  habe  ich  vereinzelte  Pflanzen- 
reste ( Clathropteris  etc.)  gefunden. 

Die  Schichten  des  Lias  haben  durch  Emerson  eine  ebenso 
gründliche  als  klare  Darstellung  ihrer  stratigraphischen  und  palä- 
ontologischen  Verhältnisse  gefunden,  sodass  ich  für  sie  im  All- 
gemeinen nur  auf  diese  Arbeit  verweisen  kann.  Ich  verdanke  es 
fast  nur  einigen  neueren  Aufschlüssen,  dass  ich  zu  seinen  auf 


x)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  XX  u.  bes.  Bd.  XXI,  S.  239. 

2)  a.  a.  0.  S.  8. 


42 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


ein  reiches  Material  gestützten  Angaben  einige  Zusätze  machen 
kann. 

Psilonoten-Schichten.  Am  Abhange  der  Liasplatte  nörd- 
lich Amelsen  zu  dem  von  NW.  dem  Dorfe  zufliessenden  Bache 
sind  gegenwärtig  etwa  300  Meter  von  der  Chaussee  die  untersten 
Schichten  des  Lias  durch  einen  schräg  nach  den  Flachsröthen  hinab- 
gezogenen Graben  in  etwas  anderer  Entwickelung  aufgeschlossen, 
als  sie  von  Emerson1)  an  dem  heute  fast  völlig  verschütteten 
Profil  bei  Deitersen  beobachtet  wurden. 

Hier  stehen  über  kaum  1 Meter  mächtig  aufgeschlossenen 
Schieferthonen,  in  denen  ich  keine  Fossilien  fand,  mehrere  Lagen 
nur  wenige  Millimeter  starker,  poröser,  oft  flach  wellig  gebogener 
Platten  von  rothbrauner  Farbe,  die,  ein  echter  »rotten  stone«,  durch 
Auslaugung  eines  festen,  eisenreichen,  sandigen  Kalkes  entstanden 
sind.  Stellenweise  ist  ihre  Schichtfläche  bedeckt  mit  winzigen, 
nicht  näher  bestimmbaren  Fossilresten;  an  anderen  Stellen  finden 
sich  scharfe  Abdrücke  von  Aegoceras  Johnstoni  Sow.  und  einem 
anderen  Ammoniten,  welcher  der  äusseren  Form  und  Sculptur 
nach  mit  A.  laqueus  Quenst.  übereinstimmt.  Meines  Wissens  ist 
die  Art  im  norddeutschen  Lias  noch  nicht  gefunden  und  wird 
auch  für  Süddeutschland  nur  als  Seltenheit  erwähnt. 

Ueber  diesen  Platten  stehen  etwa  2 Meter  fahlgraue,  sandige, 
sehr  mürbe  Schiefer,  in  denen  Aeg.  Johnstoni  in  allen  Grössen 
allenthalben  sehr  häufig  ist.  Ausserdem  habe  ich  durch  vor- 
sichtiges Spalten  der  bröckeligen  Schichten  noch  folgende,  meist 
für  ihre  Art  auffallend  kleine  Fossilien  gefunden: 

Pleurotomaria  psilonoti  Quenst. 

Cardita  (f ) Heberti  Terq. 

Leda  Rene vieri  Opp. 

Astarte  psilonoti  Quenst. 

Nucula  navis  Piette. 

Pecten  Hehli  d’Orb. 

Pecten  textorius  v.  Schloth. 

Gidaris , Asseln  und  Stacheln. 

Isocar dia?  sp. 

*)  a.  a.  0.  S.  14. 


des  Einbeck -Markoldendorfer  Beckens. 


43 


Ueber  diesen  Schiefern  folgt  eine  sehr  eisenreiche,  erdige, 
kaum  10  Oentimeter  mächtige  Thonschicht,  die  ganz  von  knolligen 
Concretionen  eines  dunklen,  eisenreichen  und  bituminösen  Kalk- 
steines erfüllt  ist.  In  diesen  Knollen  und  frei  in  dem  Thon  finden 
sich  wenige  Arten,  aber  in  zum  Theil  ausgezeichneter  Einhaltung 
und  überraschender  Häufigkeit.  So  fand  ich  in  dem  noch  nicht 
2 Meter  langen  Aufschluss  der  dünnen  Schicht  nicht  weniger  als 
sechs  zum  Theil  vollständige  und  bis  18  Centimeter  grosse 
Exemplare  eines  Nautilus , der  d’Orbigny’s  Abbildung  des  N.  inter- 
medius  Sow.  nahe  steht;  nur  laufen  die  bei  d’Orbigny  im  Bogen 
über  die  Seiten  hingehenden  Anwachsstreifen  hier  auf  dem  Haupt- 
theil  der  Seiten  gerade  und  radial.  Das  grösste  und  besterhaltene 
Exemplar  zeigt  auch,  verglichen  mit  r’Orbigny’s  Abbildung,  eine 
erheblich  breitere  Mündung,  schärfere  Kanten  an  dem  ganz  ab- 
geflachten Rücken  und  auf  den  ebenfalls  abgeplatteten  Seiten 
sogar  eine  flache  Einsenkung  bei  etwa  zwei  Fünfteln  der  Ent- 
fernung von  der  Rückenkante  zum  Nabel.  Die  flachen  Spiral- 
rippen, die  meist  ebenso  breit  sind,  wie  die  Furchen  zwischen 
ihnen,  verschwinden  auf  den  Seiten  völlig.  Alle  diese  Eigen- 
tümlichkeiten dieses  eines  Exemplares  scheinen  mir  mit  seinen 
grösseren  Dimensionen  zusammenzuhängen. 

Häufig  sind  ferner  Ammoniten,  die  Aegoc.  Johnstoni  nahe 
stehen,  aber  von  der  tiefer  vorkommenden  typischen  Form  des- 
selben durch  schnelleres  Anwachsen  des  bis  auf  den  seichten  Ein- 
druck der  vorhergehenden  Windung  kreisrunden  Querschnitts  ab- 
weichen. Ein  grösseres  Bruchstück  einer  anderen  Art  mit  ganz 
kurzen,  nur  um  den  nicht  sehr  weiten  Nabel  deutlichen  Rippen 
und  eiförmigem  Querschnitt  der  sonst  platten  Windungen  ähnelt 
einer  von  Dumortier1)  aus  den  Psilonotenschichten  von  Yizenac 
beschriebenen  und  abgebildeten,  aber  nicht  benannten  Form. 
Aegoc . angulatum  v.  Schloth.  ist  ferner  nicht  selten.  Daneben 
kam  ein  Stück  von  Aeg.  catenatum  Sow.  vor,  das  d’Orbigny’s 
Abbildung  auch  an  Grösse  ziemlich  entspricht.  Dann  fand  ich 


b Etudes  paleontologiques  sur  les  Dep.  Jur.  du  Bassin  du  Rhone,  I,  pag.  28, 
Taf.  III,  Fig.  1,  2. 


44 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


ein  vollständiges,  . zum  Theil  mit  der  Schale  erhaltenes  Exemplar 
des  von  Wahner1)  aus  den  Schichten  des  Aeg.  megastoma  von 
Schreinbach  beschriebenen  Aeg.  Rahana  von  etwa  8 Centimeter 
Durchmesser.  Ein  Bruchstück  einer  grossen  Form,  die  ohne 
Wohnkammer  26  Centimeter  maass,  steht  den  allgemeinen  Ver- 
hältnissen nach  der  vorigen  nahe.  Während  die  äusserste  Windung 
glatt  ist,  zeigt  ein  inneres,  einer  Scheibengrösse  von  14  Centi- 
metern  entsprechendes  Stück  flache  Rippen,  nach  deren  Verlauf 
ich  die  Form  dem  Aeg.  Rahana  als  späteres  Altersstadium  zurechnen 
möchte.  Allerdings  hängen  die  Loben,  von  denen  der  zweite 
Laterallobus  sich  vom  Nahtlobus  kaum  abtrennen  lässt,  an  der 
Naht  noch  erheblich  weiter  herab,  als  Wähner  für  Aeg.  Rahana 
angiebt,  sodass  ich  das  Stück  doch  nur  mit  einigem  Vorbehalt  zu 
dieser  Art  stellen  kann. 

Ueber  dieser  bemerkenswerthen  Schicht  sind  noch  etwa  einen 
Meter  mächtige  Schieferthone  aufgeschlossen,  in  denen  ich  keine 
Fossilien  gefunden  habe.  Der  ganze  Aufschluss  lässt  weder  die 
untere,  noch  die  obere  Grenze  der  Psilonotenzone,  die  Emerson 
beide  bei  Deitersen  beobachtete,  genügend  erkennen. 

Angulaten-Schichten.  Bei  Wellersen  fand  ich  in  der  an 
Aegoc.  angulatum  reichsten  Thonschicht,  aus  der  Emerson  nur 
diesen  Ammoniten  erwähnt,  frei  und  zum  Theil  trefflich  erhalten, 
wenn  auch  nicht  häufig,  die  folgenden  Formen: 

Ostrea  sublamellosa  Dunk. 

Lucina  f sp. 

Pleuromya  subrugosa  Dunk. 

Pentacrinus  angulatus  Opp. 

Gryphaea  arcuata  Dam. 

Pleuromya  crassa  Ag. 

Cardinia  Listen  Sow. 

Aeg.  angulatum  kommt  auch  in  einer  Ziegeleithongrube  nord- 
westlich Vardeilsen  in  kleinen  Exemplaren  vor.  Dann  befindet 

*)  Dr.  F.  Wähner,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  tieferen  Zonen  des  unteren 
Lias  in  den  nordöstlichen  Alpen.  (Beitr.  z.  Paläont.  Oestr.-Ung.  etc.  III,  S.  105, 
Taf.  XXI,  Fig.  1-4.) 


des  Einbeck- Markoldendorfer  Beckens. 


45 


sich  im  Göttinger  Museum  dieselbe  Art  aus  schwärzlichen  Schiefer- 
thonen,  die  einem  Brunnen  auf  dem  RoHMEYER’schen  Grundstück 
in  Lüthorst  entstammen. 

Arieten-Schichten.  Im  Göttinger  Museum  liegen  einige 
Exemplare  von  Ariet.  rotiformis  und  A.  Sinemuriensis  mit  »Lüt- 
horst« bezeichnet,  deren  sandig-kalkiges,  gelbliches  Gestein  ent- 
fernt an  das  bekannte  Vorkommen  von  Ohrsleben  erinnert.  Im 
Markoldendorfer  Becken  ist  jetzt  kein  Gestein  in  diesem  Horizont 
aufgeschlossen,  aus  dem  sie  stammen  könnten.  Vielleicht  sind  die 
Aufschlüsse  durch  die  Verkoppelungen  verschüttet. 

Am  Aulsberge  bei  Wellersen  fand  ich  am  Fusse  des  eine  be- 
trächtliche Schichtenmächtigkeit  erschliessenden  Abhanges  ein 
Bruchstück  eines  etwa  9 Centimeter  grossen  Arieten , das , soweit 
seine  ziemlich  mangelhafte  Erhaltung  erkennen  lässt,  Ariet.  roti- 
formis Sow.  angehört.  Danach  wäre  es  möglich,  dass  ein  Theil 
der  mächtigen,  fast  versteinerungsleeren  Thone  unter  dem  dort 
auftretenden  Geodenlager  mit  A.  geometricus  1 ) dem  Niveau  der 
von  Emerson  in  dem  Gebiet  nicht  beobachteten  typischen  Arieten 
zuzurechnen  ist.  Mit  dem  Ammoniten  fand  ich  ein  halbwüchsiges 
Exemplar  von  Unicardium  cardioides  Phill.  Eine  Lage  mit 
Gryphaea  arcuata , die  hier  nach  Emerson  etwa  8 Meter  unter  den 
Geoden  mit  A.  geometricus  steht,  ist  stellenweise  reich  an  fein 
längsgerippten  Cidaritenstacheln.  In  den  Geoden  selbst  fand  ich 
neben  A.  geometricus  auch  Protocardia  Philippiana  Dunk.  sp. 

Schichten  des  Aegoc.  planicosta  Sow.  Dass  die  von 
Emerson  aus  diesem  Horizont  angeführten  Ammoniten,  Aegoc. 
ziphus  Hehl  und  A . tamariscinus  U.  Schloenb.  , in  der  von 
Brauns *  2)  angenommenen  und  durch  Quenstedt’s  Abbildung 
des  »Riesenziphus«  3)  bestätigten  Weise  mit  einer  von  A.  plani- 
costa  nicht  zu  scheidenden  Jugendform  zu  einer  und  derselben 
Art  zu  zählen  sind,  halte  ich  für  wahrscheinlich.  Ich  glaube  so- 
gar, dass  alle  bei  Markoldendorf  in  diesem  Horizont  gefundenen 


9 Emerson,  a.  a.  0.  S.  19. 

*)  Untere  Jura,  S.  199  ff. 

3)  Ammoniten  des  Schwab.  Jura,  Taf.  21,  16. 


46 


Martin  Schmidt,  Der  Gebirgsbau 


Exemplare  des  A.  planicosta  dieser  Formenreihe  angehören.  Ich 
möchte  dieselbe  mit  der  von  Wright  *)  für  England  wohl  etwas 
summarisch  aufgestellten  analogen  Reihe  des  A.  planiscosta-ziphus 
-Dudressieri  (von  d’Orbigny  für  eine  Form  des  oberen  Lias  auf- 
gestellt!) und  einer  an  A.  tamariscinus  erinnernden  Altersform 
nicht  gleichsetzen,  da  auf  allen  Stufen  der  Entwickelung  sich 
Unterschiede  finden.  Dagegen  ist  die  Uebereinstimmung  mit  dem 
von  Dumortier *  2)  aus  den  Grenzschichten  des  unteren  und  mittle- 
ren Lias  von  Nolay  beschriebenen  A.  trimodus  eine  sehr  grosse; 
wohlerhaltene  Belegstücke  für  alle  Altersstadien  und  die  Ueber- 
gänge  zwischen  ihnen  sind  vom  schiefen  Berge  bei  Amelsen  und 
anderen  Fundpunkten  Norddeutschlands  im  Göttinger  Museum 
vorhanden.  Ueber  die  wahren  systematischen  Beziehungen  der 
ganzen  Gruppe  kann  nur  eine  umfassende  Kritik  aller  als  A.  pla- 
nicosta Sow.  angeführten  Formen  und  ihrer  späteren,  von  den  be- 
treffenden Fundorten  etwa  vorhandenen  Altersstadien  Klarheit 
bringen.  Im  Uebrigen  habe  ich  zu  Emerson’s  Verzeichniss  der 
Fossilien  dieser  Schichten  folgende  Formen  hinzuzufügen: 

Ostrea  irregularis  Münst.  und  Goldf. 

Pecten  priscus  v.  Schloth. 

Lima  gigantea  Sow. 

Modiola  scalprum  Sow. 

Pinna  Moorei  Oppel. 

Protocardia  cingulata  Goldf.  3) 

Pholadomya  fortunata  Dumort. 

Pleuromga  sp. 

Mittlerer  Lias.  Die  Aufschlüsse  im  mittleren  Lias  des 
Steinberges  bei  Markoldendorf  haben  sich  seit  Emerson’s  Zeit 


x)  Monograph  on  the  Lias  Ammonites  etc.,  S.  337  (Pal.  Soc.  1882). 

2)  a.  a.  0.  S.  86,  Taf.  15  und  16. 

3)  Das  vorliegende  Material  gestattet  nicht  zu  entscheiden,  ob  wir  hier  mit 
echten  Cardien,  die  sonst  im  Lias  fehlen,  zu  thun  haben.  In  diesem  Falle  können 
dieselben  weder  den  Namen:  multicostatum  Philo,  noch  cingulatum  Goldf.  be- 
halten, da  diese  beiden  Namen  von  Brocchi  und  Goldfuss  für  echte  Cardium- 
Arten  des  Tertiär  vergeben  sind. 


des  Einbeck- Markold endorfer  Beckens. 


47 


ausserordentlich  verschlechtert,  vor  allem  da  die  alten  Eisenstein- 
gruben mehr  und  mehr  verfielen  und  verschüttet  wurden.  Ich 
habe  daher  zu  seinen  Angaben  über  die  Schichten  der  Terebr. 
subovoides , des  Amm.  brevispina  und  des  Amm.  centaurus  nichts 
hinzuzufügen. 

Amaltheenthon  habe  ich  am  Westausgange  von  Lüthorst,  wo 
Emerson  Amm.  spinatus  und  einige  andere  Fossilien  der  Zone 
sammelte,  zur  Zeit  nicht  mehr  anstehend  gefunden.  Dagegen 
konnte  ich  in  schwarzgrauen  Thonen,  die  aus  einem  am  Pfarr- 
hause  gegrabenen  Brunnen  ausgeworfen  waren,  eine  Reihe  von 
Fossilien  dieser  Schichten  sammeln.  Freilich  sind  sie  in  der 
Regel  stark  verdrückt  und  gestatten  nicht  immer  eine  völlig  zwei- 
fellose Bestimmung,  selbst  der  generellen  Merkmale.  Es  fanden 
sich: 

Amaltheus  spinatus  Brug. 

» nitescens  Young  und  Bird  sp. 

Pecten  Philenor  d’Orb. 

Plicatula  spinosa  Sow. 

Avicula  inaequivalvis  Sow. 

» papyna  Quenst. 

Protocardia  cingulata  Golde. 

Isocardia?  bombax  Quenst. 

Posidonia  sp.  indet. 

Nucula  cordata  Goldf. 

Leda  complanata  Goldf.  sp. 

» subovalis  Goldf.  sp. 

» acuminata  Goldf.  sp. 

Lucina  problematica  Terq. 

» pumila  Goldf.  sp. 

Lucina  ? 

Astarte  cf.  fontis  Dumort. 

Phasianella  cf.  Jason  d’Orb. 

Ophiura  ? 

Von  den  im  Text  erwähnten  Tertiärpartieen  ist  das  Vor- 
kommen von  oberoligocänem  Sand  am  Gehren  im  Eifas  nördlich  Liit- 


48 


Martin  Schmidt,  Der  Grebirgsbau  etc. 


hörst  zur  Zeit  sehr  schlecht  aufgeschlossen.  Diesem  Niveau  gehören 
auch,  wie  sich  aus  einigen  schlecht  erhaltenen  Molluskenresten 
eben  erkennen  liess,  die  theils  zu  rauhen  Blöcken  verkitteten, 
theils  losen  Sande  in  dem  Einbruch  am  Scharfenberge  an.  End- 
lich erwähne  ich  hier  noch  einmal  den  schon  erwähnten  Quarzit- 
block, der  am  Wege  zwischen  Vardeilsen  und  Avendshausen  aus 
dem  Lehm  des  Thalgrundes  hervorsieht. 


Insektenfrass  in  der  Braunkohle  der  Mark 
Brandenburg. 

Von  Herrn  0.  von  Gellhoril  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XI.) 


Aufmerksam  gemacht  durch  die  Arbeit  des  Herrn  H.  J.  Kolbe 
über  »Insektenbohrgänge  in  fossilen  Hölzern«  in  der  Zeitschrift 
der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  (Band  XL,  Heft  1,  Seite 
131  ff.)  gebe  ich  in  Nachstehendem  eine  kleine  Mittheilung  über 
Insektenfrass  in  der  Braunkohle  der  Mark  Brandenburg,  welchen 
ich  auf  einigen  Bergwerken  daselbst  beobachten  konnte.  Und, 
da  dergleichen  Frassstücke  nicht  gerade  häufig  sind,  erscheint  eine 
Besprechung  solcher  nicht  ohne  Interesse. 

Es  kommt  dabei  zunächst  in  Betracht  die 


Grube  consl.  Freienwalde  bei  Freienwalde  a/Oder, 
in  deren  westlicher  Abtheilung  bei  Falkenberg  i/M.  zwei  Braun- 
kohlenflötze  in  Bau  genommen  sind.  Hier  kennt  man  unter  einer 
Decke  von  Formsand: 

1,50  Meter  Braunkohle  (1.  Flötz),  dann 


Hangende 

Partie 


Liegende 

Partie 


12,00  » dunklen  Formsand, 

4.50  » Kohlenletten,  darunter: 

2.50  » weissen  Quarzsand, 

5.50  » Braunkohle  (2.  Flötz), 

8.50  » Quarzsand  mit  Braunkohlen-Partikeln, 

1,25  » hellfarbigen  Letten, 

9.50  » Quarzsand  mit  Glimmer,  darunter  endlich 

3.50  » grünlichen,  glimmerhaltigen  Quarzsand. 

[4] 


Jahrbuch  1893. 


50 


0.  von  Gellhorn,  Insektenfrass  in  der  Braunkohle 


Die  oberen  Gebirgsschichten  bis  herunter  zum  4,5  Meter 
mächtigen  Kohlenletten  gehören  der  hangenden  Partie  Plettner’s 
an,  die  darunter  folgenden  Schichten  der  liegenden  Partie,  welche 
sämmtlich  dem  Miocän  zuzuzählen  sind.  Das  durch  Insektenfrass 
zerstörte  Braunkohlenholz  zeigte  sich  in  dem  unmittelbar  über  dem 
5,5  Meter  mächtigen  2.  Braunkohlenflötz  liegenden  weissen  Quarz- 
sande und  zwar  in  diesen  ganz  irregulär  eingestreut.  Die  ziem- 
lich zahlreichen  einzelnen  Braunkohlenstücke  sind  ganz  scharf- 
kantig, mithin  wohl  als  Bruchstücke  des  in  der  Nähe  zerfallenen 
fossilen  Holzes  anzusprechen;  sie  zeigen  keine  Spur  von  Ab- 
rundung der  Ecken  und  Kanten,  welche  etwa  auf  einen  Trans- 
port der  Hölzer,  auf  ein  Heranschwemmen  derselben  schliessen 
liess.  Es  ist  deshalb  ausgeschlossen,  diese  Bruchstücke  als  Ge- 
schiebe anzusehen.  Die  Braunkohle  zeigt  ganz  deutlich  die 
Holzstructur  und  ist  sehr  leicht  spaltbar;  sie  gehört  einem  Nadel- 
holze  an,  nämlich  der  virginischen  Sumpfcypresse,  Tosodium  disti- 
chum.  Wie  Fig.  1 in  der  zugehörigen  Tafel  XI  in  natürlicher 
Grösse  veranschaulicht,  haben  die  Bohrgänge  eine  ovale  Form, 
sind  3 bis  4 Millimeter  weit  und  durchschneiden  die  Holzfasern  in 
schräger,  aber  gerader  Richtung;  die  Puppenkammern  haben  die 
Form  und  Grösse  der.  Bohrgänge.  An  dem  Zerstörungswerke  des 
Holzes  müssen  sich  wohl  viele  Thiere  gleichzeitig  betheiligt  haben. 
Von  der  Königl.  Forst-Akademie  zu  Eberswalde  sind  die  Bohr- 
gänge einerseits  als  von  der  Schiffsbohrmuschel  Teredo  navalis 
herrührend  angesprochen  worden,  andererseits  hielt  man  sie  für 
Arao&mw-Frass.  Ersteres  dürfte  nicht  zutreffend  sein,  denn  F.  A. 
QüENSTEDT  beschreibt  die  Gänge  von  Teredo  navalis  in  seinem 
Handbuche  der  Petrefaktenkunde  (Tübingen  1885,  S.  856  u.  857) 
wie  folgt;  er  sagt:  Der  schädliche  Bohrwurm  füllt  die  gemachten 
Gänge  mit  Kalk  aus;  die  Gänge  sind  lange  wurmförmig  ge- 
krümmte Röhren,  die  sich  am  hinteren  offenen  Ende  verjüngen, 
am  vorderen  dicketen  aber  halbkugelig  schliessen,  endlich  durch- 
bohrt diese  Muschel  das  Holz  so,  dass  Röhre  an  Röhre  liegt. 
Dies  Alles  trifft,  wie  die  Abbildung  zeigt,  hier  nicht  zu.  Auch 
lebt  die  Bohrmuschel  im  offenen  Meere;  es  wäre  demnach  uner- 
findlich, wie  sie  in  die  terrestre  Braunkohlenbildung  gekommen 


der  Mark  Brandenburg. 


51 


Wäre.  Man  müsste  dann  einen  Transport  der  Hölzer  annehmen, 
was  — wie  weiter  vorn  gesagt  — die  Beschaffenheit,  die  Form 
der  Brannkohlen-Bruchstücke  nicht  zulässt.  Es  ist  ja  aber  auch 
bereits  erwiesen,  dass  unsere  märkischen  Braunkohlen-Hölzer  an 
Ort  und  Stelle  gewachsen  sind,  da  aufrecht  stehende  Stämme 
mit  weit  verzweigten  starken  Wurzelstöcken,  dicht  gedrängt  bei 
einander  stehend,  in  mehreren  Gruben  angetroffen  worden  sind. 
(Vgl.  Giebelhausen,  über  die  Braunkohlen-Bildungen  der  Provinz 
Brandenburg  im  19.  Bande  der  Zeitschrift  für  das  Berg-,  Hütten- 
nnd  Salinenwesen).  Die  Beschaffenheit  der  Bohrgänge  in  diesem 
Nadelholze  weist  vielmehr  eher  auf  Anobium- Frass  hin.  Der 
kleine  walzenförmige  Nagekäfer  passt  sehr  wohl  in  die  Bohrgänge 
hinein,  lebt  nur  im  Nadelholze,  mit  welchem  wir  es  ja  hier  zu 
thun  haben,  durchnagt  das  Holz  in  allen  möglichen  Richtungen 
und  verwandelt  es  oft  vollständig  in  zusammenhanglose  kleine 
Brocken,  was  die  vorliegenden  Belagstücke  ebenfalls  bestätigen. 
Nach  Professor  B.  Altum  (Forstzoologie,  Berlin  1874,  Theil  III, 
Insekten)  ist  Anobium  nigrinum  die  einzige  Art,  welche  sich  bis 
jetzt  als  forstschädlich  erwiesen  hat;  man  könnte  sonach  annehmen, 
dass  man  es  hier  auch  mit  dieser  Species  zu  thun  hätte.  Be- 
stimmte Anhaltepunkte  fehlen  indess,  da  weder  die  Larve,  noch 
das  vollkommene  Insekt  sich  bis  jetzt  in  dem  qu.  Braunkohlen- 
Holze  vorgefunden  hat. 

Ein  zweiter  Punkt,  woselbst  sich  Braunkohle  mit  Insekten- 
frass  zeigte,  ist  die  Grube  consl.  Phönix  bei  Zielenzig. 
Auf  diesem  Bergwerk  findet  sich  unter  etwa  10  Meter  Diluvium: 
5,4  Meter  Formsand,  darunter 
5,0  » schwarzer  Thon,  dann 

4,7  » Braunkohle  (1.  Flötz),  endlich  nach  einem  nur 

0,3  » starken  Formsand-Mittel  das 

2,3  bis  3 Meter  mächtige  2.  Braunkohlenflötz, 
alles  Gebirgsmassen,  welche  dem  Miocän  angehören.  Das  von 
dem  Insekt  durchfurchte  Holz  stammt  hier  direct  aus  dem  zweiten, 
2,3  bis  3 Meter  starken  Braunkohlenflötz.  Die  Kohle  ist  von 
schwarzbrauner  Farbe,  zeigt  ganz  deutliche  Holzstructur  und  lässt 
sich  deshalb  sehr  leicht  spalten.  Auch  hier  haben  wir  es  mit 

[4*] 


52 


0.  von  Gellhorn,  Insnktenfrass  in  der  Braunkohle 


einem  Nadelholze  zu  tliun.  In  Fig.  2,  Taf.  XI,  ist  die  Form 
der  Bohrgänge  und  der  Puppenkammern  in  natürlicher  Grösse 
wiedergegeben.  Die  Gänge  gehen  hier  parallel  deu  Holzfasern, 
haben  eine  ovale  Form  und  eine  Weite  von  5 bis  6 Millimetern. 
Von  diesen  Gängen  zweigen  sich  die  Puppenkammern  in  etwas 
schräger  Richtung  gegen  die  Holzfasern  ab;  die  Kammern  zeigen, 
bei  einer  Länge  von  1%  bis  2 Centimetern,  dieselbe  Form  und 
Weite  wie  die  Gänge.  Reste  von  den  Thieren  selbst  haben  sich 
nicht  gefunden.  Nach  Ansicht  der  König!  Forst-Akademie  in 
Eberswalde  sind  diese  Gänge  anscheinend  von  der  Larve  einer 
Holzwespe  Sir  ex,  vielleicht  auch  von  der  Larve  eines  Bockkäfers, 
Callidium,  gemacht  worden.  Für  beide  Annahmen  ist  im  Allge- 
meinen Nadelholz  Voraussetzung,  was  allerdings  hier  wiederum 
zutrifft.  Indess  haben  die  Bohrgänge,  welche  in  Dr.  B.  Altum’s 
Forstzoologie  III,  S.  296,  299  und  301  von  Callidium  abgebildet 
sind,  eine  ganz  andere  Form,  als  die  Gänge  in  dem  vorliegenden 
Frass-Exemplare;  es  dürfte  sich  demnach  eher  um  eine  Holzwespe 
handeln , doch  fehlen  auch  dazu  bestimmte  Anhaltspunkte.  Ich 
komme  deshalb  alsbald  auf  den  3.  Fundpunkt,  nämlich  auflnsekten- 
frass  von  Grube  Vulcanus  bei  Tempel,  Kreis  Ost-Stern- 
berg,  zu  sprechen. 

Aufgeschlossen  und  in  20  Meter  Tiefe  gebaut  wurde  hier  ein 
4 bis  5 Meter  starkes  Braunkohlenflötz,  über  welchem  grauer 
Letten  und  Formsand  liegt,  während  das  Liegende  aus  grauem 
bis  braunem  Quarzsande  besteht.  Es  handelt  sich  also  auch  hier 
wiederum  um  Schichten  des  märkischen  Miocän.  Das  vorliegende 
Braunkohlen-Holz  von  hellbrauner  Farbe  zeigt  ebenfalls  ganz  deut- 
liche Holzstructur , sodass  es  sich  leicht  spalten  lässt  und  gehört 
gleichfalls  einem  Nadelholze  an.  Die  Bohrgänge  in  Fig.  3, 
Taf.  XI,  in  natürlicher  Grösse  abgebildet,  haben  eine  runde 
Form,  eine  Weite  von  10  bis  13  Millimeter,  gehen  in  schwachen 
Windungen  parallel  den  Holzfasern  und  laufen  in  geringer  Ent- 
fernung neben  einander.  Dicht  neben  den  Gängen  und  die  Holz- 
faser quer  durchschneidend,  befinden  sich  die  rundlichen  Puppen- 
kammern von  derselben  Weite  wie  die  Bohrgänge.  Die  König! 
Forstakademie  in  Eberswalde  meint,  dass  dieser  Insektenfrass 


der  Mark  Brandenburg, 


53 


wahrscheinlich  von  einer  Holzwespe  Sirex  herrühre.  Dies  zu  ver- 
folgen fehlen  leider  in  dem  mehrfach  citirten  Werke  von  Herrn 
Altum  Abbildungen  von  Frassgängen  dieses  Insekts,  sodass  man 
sich  nur  auf  die  Charakteristik  der  Wespe,  welche  1.  c.  S.  278  ff. 
gegeben  ist,  stützen  kann.  Daselbst  heisst  es  unter  Anderem: 
»Der  Querschnitt  des  unregelmässig  gewundenen  Holzfrassganges 
ist  kreisrund,  ebenso  auch  der  später  von  der  Wespe  genagte 
letzte  Theil  des  Ganges  und  des  Flugloches.  Zugleich  öffnet  es 
sich  senkrecht  auf  die  Tangente  des  Stammes.  Die  junge  Larve 
nährt  sich,  in  geschlängeltem  Gange  vorrückeud,  von  den  weichen 
Splintschichten,  geht  aber  schon  nach  der  ersten  Ueberwinterung 
tiefer  ms  Holz  hinein.«  Die  Holzwespen  sind  grosse,  kräftige, 
schlanke  Wespen,  von  denen  Sirex  gigas , die  Riesenholzwespe 
und  Sirex  juvencus , die  Kiefernholzwespe,  in  Nadelhölzern  Vor- 
kommen; es  könnte  sich  sonach  im  vorliegenden  Falle  nur  um 
eine  von  den  beiden  Arten  handeln,  da  die  anderen  Arten  auf 
Laubhölzer  angewiesen  sind,  mit  denen  wir  es  hier  nicht  zu  thun 
haben.  Reste  von  den  Thieren  selbst  fehlen  ebenfalls. 

Ich  schliesse  nun  diese  kurze  Mittheilung  mit  dem  Bemerken, 
dass  ich  dabei  nur  einzig  und  allein  die  Absicht  hatte,  die  Objekte 
aus  dem  Kasten  heraus  und  ans  Tageslicht  zu  ziehen,  da  sie  ja 
zu  ferneren  Besprechungen  viel  Raum  lassen.  Vielleicht  inter- 
essiren  sich  die  Herren  Coleopterologen  weiter  für  die  Sache. 


Gletscherschrammen  am  Rummelsberg, 
Kreis  Strehlen. 

Von  Herrn  E.  Althans  in  Breslau. 


Die  Einwirkung  der  ältesten  Eisdecke  auf  feste  Gesteins- 
schichten in  Schlesien  zeigt  sich  besonders  deutlich  in  der  Um- 
gebung des  als  Dreieckspunkt  1.  Ordnung  im  Regierungsbezirk 
Breslau  bekannten  Rummelsbergs.